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Textarchiv
Geschrieben von: Gerold   
Sonntag, 20. Juli 2008 um 10:07

 

 

 

Ein Marxist-Leninist namens Ernesto Guevara

 

Libertäre & antimilitaristische Blicke hinter den Mythos / Zur Geschichte des Anarchismus auf Cuba & im Exil (Teil 3)

 

Zu den vielen Facetten des Mythos, der um Ernesto "Che" Guevara (1928-67) entstanden ist, gehört die These, er gehöre in irgendeiner Weise zur libertären Bewegung.

 

Schon der anarchistische Guevara-Kritiker Augustin Souchy berichtet in seinen Memoiren von anarchistischen Kongressen mit Sympathien für Guevara. (1) In jüngster Zeit erschien die deutsche Übersetzung der bedeutenden Guevara-Biographie von Paco Ignacio Taibo II in einem libertären Verlag, schließlich wird ihm mit seinem Ausspruch "Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!" eine bakunistische Tradition unterstellt. (2)

 

Dabei gibt es im wirklichen Leben des Ernesto Guevara keinen Anhaltspunkt für eine libertäre Überzeugung; Taibo hätte sie in seiner umfangreichen, die neueste Guevara-Forschung berücksichtigenden Biographie sicher erwähnt. Dem jungen Guevara ist das auch nicht vorzuwerfen, es fehlte ihm eher an libertären Anknüpfungspunkten. Er stammte aus einem Elternhaus der Oberschicht Argentiniens, der Vater, Bauingenieur, war diffus sozialistisch, die Mutter antiimperialistisch und von der Frauenbewegung beeinflusst.

 

Die Familie kannte zwar die Geschichte der spanischen Volksfront von 1936, doch wenn Ernesto Guevara in seinen jugendlichen Wanderjahren in Lateinamerika, die ihn als angehenden Arzt über Bolivien und Guatemala nach Mexico führten, nur KommunistInnen und keine AnarchistInnen traf, ist das nicht untypisch für die fünfziger Jahre. Der klassische Anarchosyndikalismus Südamerikas hatte seine Blütezeit hinter sich. Es wäre Zufall gewesen, wenn Guevara libertäre AktivistInnen getroffen oder entsprechende Literatur gelesen hätte. Als er zusammen mit den Cubanern um Fidel Castro Ende 1956 von Mexico-City nach Cuba aufbrach, las er gerade Lenins "Staat und Revolution" sowie den ersten Band von Marx' "Das Kapital", der ihm in die cubanischen Berge nachgesandt werden musste. Zwar ließ er später bei Diskussionen über die Agrarreform vereinzelt sympathisierende Bemerkungen über den Zapatismus fallen, vom Anarchismus aber sprach er zeitlebens wie jeder orthodoxe Marxist-Leninist: So waren für ihn unterschiedlich hohe Löhne im Kapitalismus "Lohnanarchie". (3) 1964, nach dem Bruch zwischen der UdSSR und China, äußerte er Sympathien für China und revidierte seine - zunächst stalinistisch beeinflusste - Ablehnung Trotzkis. Über diese Lebensphase Guevaras bemerkt Biograph Taibo:

 

"Er spürt, dass man zu den angeblichen Häresien des Marxismus zurückkehren und sie vorurteilslos untersuchen muss, aber Che hatte keinen anderen Kontakt zum Trotzkismus, Anarchosyndikalismus, Rätekommunismus oder irgendeiner anderen Strömung der europäischen revolutionären Linken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als den, den er durch die Darstellungen der siegreichen sowjetischen stalinistischen Bürokratie erhalten hatte." (4)

 

Als kleiner Junge verspürte Guevara nach Angaben von Taibo Sympathien für Mahatma Gandhi. Doch das blieb ohne Bedeutung. Als er im Juli 1959 bei einer Indienreise als erster Botschafter der cubanischen "Revolution" einen Kranz an der Verbrennungsstätte Gandhis niederlegte, dokumentierte er seine fehlende Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis der gewaltfreien Revolution, als er meinte: "Der passive Widerstand macht in Lateinamerika keinen Sinn, bei uns muss er aktiv sein." (5)

 

 

Betrogener Idealismus oder: Was ist revolutionär?

 

Ernesto Guevara versuchte subjektiv, sein Leben lang einem Ideal des von materiellen Anreizen unkorrumpierbaren Humanismus einer egalitären Gesellschaft treu zu bleiben. Dass er 1965 seine gesicherte Stellung als cubanischer Industrieminister wieder aufgab, um erneut als Guerillero unter extremen Bedingungen (und mit dem zusätzlichen Handicap seines chronischen Asthma-Leidens) sein Leben zu riskieren, brüskierte all diejenigen, die auf ihren Regierungsposten klebten und die Ideale der cubanischen "Revolution" Stück für Stück durch die Anhäufung individueller materialistischer Bequemlichkeiten ersetzten. Sie betrogen dadurch den humanistischen und egalitären Anspruch der "Revolution".

 

Doch obwohl Guevara seinem Idealismus treu bleiben wollte, musste auch er selbst diesen Anspruch verraten. Warum? Weil er seinen Idealismus einer Kampfform unterordnete, deren allgemeine Struktur und Notwendigkeiten immer wieder das Gegenteil dessen erforderten, was humanistische und egalitäre Ideale beinhalten. In seinem bolivianischen Tagebuch schrieb Guevara über den bewaffneten Kampf:

 

"Diese Art Kampf gibt uns die Möglichkeit, zu Revolutionären zu werden, der höchsten Stufe der menschlichen Spezies, aber sie erlaubt uns auch, uns als Menschen zu bewähren." (6)

 

Doch dieser "Revolutionär", die "höchste Stufe der menschlichen Spezies", musste bereits in der ersten Phase des cubanischen Guerillakampfes, der in den Jahren 1957/58 stattfand, von sich und anderen verlangen, Deserteure umzubringen. So berichtet ein Mitkämpfer über die Exekution des "Verräters" Eutimio Guerra, der der feindlichen Armee des cubanischen Diktators Batista Hinweise auf den Aufenthalt der Guerilla gegeben hat: "Plötzlich zog Che einen 22er Colt und jagte ihm, paff, eine Kugel in den Kopf." (7) In der ersten, entbehrungsreichen Zeit in der Sierra Maestra gab es viele Desertionen aus den Reihen der Guerilla. Als Guevara Kommandant geworden war, verfolgte er eine widersprüchliche Strategie: Manchmal ließ er Deserteure ziehen, um sich von untauglichen Kämpfern zu befreien. Wenn er aber das Gefühl hatte, Strafen für Vergehen aussprechen zu müssen, richtete er Deserteure hin, auch während der Phasen, in denen keine Kämpfe stattfanden:

 

"Während die Kolonne sich Richtung Osten bewegt, um in die unzugänglichsten Gebiete der Sierra Maestra vorzudringen, kommt es zu einer Desertion. Als einer der Männer, die ausgeschickt worden sind, um den Deserteur zu verhaften, mit ihm fliehen will, fügt ihm ein Kamerad eine tödliche Schussverletzung zu, nachdem dieser seine Aufforderung zum Stehenbleiben nicht nachgekommen ist." Dazu Guevara in seinem cubanischen Tagebuch: "Ich versammelte die ganze Truppe an einem Hügel nahe dem Schauplatz des makabren Ereignisses und erklärte unseren Guerilleros, was sie nun zu sehen bekämen und was dies zu bedeuten hätte. Ich erklärte ihnen, warum die Desertion mit dem Tode bestraft wurde, den Grund der Bestrafung all jener, die die Revolution verraten. Wir zogen im Gänsemarsch und in vollkommenem Schweigen - viele waren angesichts des ersten Bildes vom Tod noch bestürzt - an der Leiche jenes Mannes vorbei, der seinen Platz verlassen hatte und dabei vielleicht eher durch irgendwelche persönliche Sympathien zum Deserteur geworden war als durch Untreue zur Revolution." (8)

 

Ebenfalls Produkt typischer militärischer Notwendigkeiten war die Entstehung von folterähnlichen Verfahren. So übernahm die Guerilla im befreiten Gebiet eine eigene Rechtssprechung, hatte aber keine Gefängnisse zur Verfügung und konnte keine Gefangenen über längere Zeit versorgen. Wenn gegnerische Soldaten gefangen genommen wurden, stellte deren baldige Freilassung nicht nur eine zusätzliche Demütigung der Armee dar und trug zur Zersetzung des Kampfgeistes in deren Reihen bei, sondern sie war vor allem eine organisatorische Erleichterung. Doch was tun mit Verrätern, verantwortlichen Offizieren, gewöhnlichen Verbrechern? Eine Lösung hieß Scheinhinrichtung. So wurde die Bande von Chino Chang geschnappt, die in der Sierra Maestra mafiaartig ihr Unwesen getrieben und dabei Verbrechen begangen hat.

 

Taibo: "Gemeinsam mit Chino wird ein Bauer, der eine Jugendliche vergewaltigt hatte, in einem Schnellverfahren hingerichtet. Zwei Mitglieder der Bande werden freigesprochen und drei andere einer Scheinfüsilierung unterworfen." Guevara im Tagebuch zu den Scheinhinrichtungen: "Dieses erstmals in der Sierra angewandte System mag vielleicht etwas barbarisch erscheinen, es war indes keine andere Form der Bestrafung für diese drei Männer möglich, die eine Reihe von ziemlich schweren Delikten auf dem Kerbholz hatten. (...) Die drei traten danach der Rebellenarmee bei, und zwei von ihnen haben sich meinen Informationen zufolge glänzend in der gesamten Aufstandsphase geschlagen." (9) Die Methode der Scheinhinrichtung gehört zum repressiven Instrumentarium jeder imperialistischen Armee. Doch unabhängig davon, ob sie von imperialistischen Söldnerarmeen oder von Guerillas begangen wird, eine Scheinhinrichtung ist Folter!

 

Ein weiteres Merkmal jedes militärischen Kampfes, das inzwischen zu einem Aspekt der Arbeit von antimilitaristischen und Menschenrechts-Initiativen geworden ist, trat ebenfalls im cubanischen Guerillakampf zutage. Weil die Guerilla sich in der Anfangsphase bei Armeeoffensiven ins Gebirge zurückziehen musste, wurden die engen Wege auf die Gipfel für Soldaten unzugänglich gemacht.

 

Castro und Guevara verwendeten dazu Landminen. Castro empfahl Guevara Tellerminen und beschrieb ihm in einem Brief die Wirkung: "Gestern hängte ich eine Metallgranate an einen zwei Meter hohen Ast und brachte sie zur Explosion. Sie schleuderte tödliche Splitter in alle Richtungen." (10)

 

Jeder Guerillakampf sieht sich zu Beginn mit der militärischen Übermacht des Gegners konfrontiert. Obwohl die cubanische Guerilla recht bald einen Flugplatz im befreiten Gebiet hatte, auf dem Flugzeuge mit Waffennachschub aus den Unterstützungsbasen in den USA und Venezuela landeten, war sie unzureichend bewaffnet und nie ausreichend mit Nachschub versorgt. Guevara entwickelte aus dieser Notsituation seine Theorie vom schnellen Bewegungskrieg, wonach sich die Guerilla durch Angriffe auf Armeekasernen im Verlauf des Kampfes beim besiegten Gegner mit Waffen versorgt. In Wirklichkeit war damit die Forderung an viele Kämpfer verbunden, selbst schlecht ausgerüstet oder gar unbewaffnet mitten im Kugelhagel zu versuchen, den Gegner zu entwaffnen. Eine Einsatzgruppe in vorderster Front, die hauptsächlich aus Jugendlichen bestand, hatte sogar offiziell den vielsagenden Namen "Selbstmordtrupp". Guevara erzählte folgendes Erlebnis mit einem seiner Kämpfer, der im Ort Remedios sein Gewehr verloren hatte:

 

"Ich gab ihm eine meiner üblichen trockenen Antworten: Erobere dir ein anderes Gewehr, indem du dich unbewaffnet an die vorderste Gefechtslinie begibst (...), wenn du dazu in der Lage bist. Als ich später in Santa Clara die Verletzten im Feldlazarett aufmunterte, berührte mich ein im Sterben Liegender an der Hand und sagte: 'Erinnern Sie sich noch an mich, Kommandant? Sie haben mich in Remedios aufgefordert, mir eine Waffe zu erobern (...) und ich habe es getan.' (...) Er sollte wenige Minuten später sterben und blickte mich zufrieden an, da er seinen Mut bewiesen hatte." (11)

 

Unmittelbar nach dem militärischen Sieg der cubanischen Guerilla, nach dem Ende der Kampfhandlungen und ohne die Gefahr eines unmittelbaren Gegen-Putsches, wurden vom 1. bis zum 20. Januar 1959 rund 200 befehlshabende Militärs und Soldaten des Batista-Regimes hingerichtet. Guevara gehörte den Schnellgerichten nicht an, überprüfte aber als Garnisonskommandant die Berufungen gegen die Todesurteile. Taibo: "Er dürfte keine Zweifel an den Urteilen gehegt haben; er hielt sie für gerecht. In den letzten Jahren hatte er sich in ähnlichen Situationen eine gewaltige Härte angeeignet." (12)

 

Hat sich Guevara durch diese "Härte" als "Mensch" bewährt, als "Revolutionär", als "höchste Stufe der menschlichen Spezies", wie er meinte? Oder haben nicht vielmehr die ehernen Gesetze des bewaffneten Kampfes seine Verhaltensweisen inhuman gemacht, eine konterrevolutionäre Kaltblütigkeit und disziplinarische Versessenheit (gegen sich persönlich und, als Forderung nach militärischer Disziplin, gegen andere) an die Oberfläche gebracht, die seinen Idealismus umso autoritärer und gefährlicher erscheinen lassen? Die Anwendung revolutionärer Gewalt, das zeigte schon Lenin in Russland, kann, wenn außerordentlich günstige Bedingungen zusammenkommen, durchaus militärisch erfolgreich sein. Sie ist allerdings auch für einen Großteil derjenigen Gewalt- und Herrschaftsstrukturen verantwortlich, die sowohl während des Kampfes, als auch nach Etablierung der verstaatlichten Befreiungsarmee im neuen Staat auftreten.

 

 

Lösung der Weltprobleme "hinter dem Eisernen Vorhang"?

 

Entsprechend militärisch sozialisiert, überraschen dann Stellungnahmen Guevaras auch nicht mehr, die ihn als vehementen Befürworter militärischer Macht zeigen, wenn diese nur auf der angeblich richtigen Seite steht. So meinte Guevara noch während des cubanischen Guerillakampfes, am 14. Dezember 1957, innerhalb einer ideologischen Auseinandersetzung mit Ramos Latour von der "Nationalen Leitung der Ebene" (dem städtischen Unterstützungsnetzwerk) um die Dominanz in der "Bewegung des 26. Juli" (der offizielle Name von Castros Organisation):

 

"Meiner ideologischen Schulung zufolge gehöre ich zu denen, die glauben, dass die Lösung der Weltprobleme sich hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang befindet." (13)

 

Pikant, dass Guevara dieses Bekenntnis nur ein Jahr, nachdem sowjetische Panzer die Revolte in Ungarn zermalmt haben, äußerte.

 

Ramos Latour antwortete ihm am 18.12.1957: "Die Beseitigung unserer Übel geschieht nicht dadurch, dass wir uns von der schädlichen Yankeeherrschaft durch die nicht weniger schädliche sowjetische Herrschaft befreien." (14) Angesichts dieser Antwort innerhalb der eigenen Organisation kann argumentiert werden, dass Guevara zu dieser Zeit den stalinistischen Flügel der Befreiungsbewegung repräsentierte. Ramos Latour starb kurze Zeit später im Kampf.

 

Zusammen mit Raúl Castro sorgte Guevara zu Beginn der castristischen Herrschaft in Cuba dafür, dass die Kommunistische Partei Cubas (früher PCC, jetzt PSP: Sozialistische Volkspartei) Stück für Stück Machtpositionen gewinnen konnte. Im Jahre 1960 nahm Guevara in Moskau an den Feiern zum Jahrestag der Oktoberrevolution teil: "Er wird zum Präsidium geleitet, was eine hohe Auszeichnung ist, die normalerweise den Staatsoberhäuptern und den hochrangigen Bürokraten des Ostblocks vorbehalten ist." (15)

 

Er besuchte China und Nordkorea. Guevara zum Nordkorea des stalinistischen Diktators Kim Il Sung: "vielleicht das Land, das uns am stärksten beeindruckt hat." (16)

 

Biograph Taibo fragt: "Was bedeutete die UdSSR für Che? Ein paar Romane über den antifaschistischen Krieg und die Oktoberrevolution, die Erbin der sozialistischen Mythologie, die Heimat Lenins, die Wiege des marxistischen Humanismus, die Heimat des Egalitarismus, die Alternative zum wohlbekannten US-Imperialismus in einer bipolaren Welt. Weder die Moskauer Prozesse noch der polizeiliche Autoritarismus, noch die Verfolgung der Dissidenten, noch der bürokratische Anti-Egalitarismus, noch die schlecht geplante Wirtschaft, noch der Fassaden- und Pappmachékommunismus der Russen gehört zu Ches politischer Kultur im Jahre 1960."

 

Guevara war nach Taibo "zweifellos einer der stärksten Befürworter der Annäherung an die Sowjetrussen innerhalb der kubanischen Regierung." (17)

 

Am 30.5.1962 entschied ein Geheimtreffen von Fidel Castro, Raúl Castro, Ernesto Guevara und dem damaligen cubanischen Präsidenten Dorticós darüber, den Vorschlag von Chruschtschow anzunehmen, auf Cuba Atomraketen zu stationieren.

 

Später waren Guevara und Castro allerdings darüber enttäuscht, dass Chruschtschow die Atomwaffen in den Verhandlungen nach der Drohung Kennedys wieder abziehen ließ, ohne die Cubaner zu fragen. Dabei hatte der russische KP-Chef mit Kennedy die Garantie ausgehandelt, von Seiten der USA zukünftig auf eine Militärintervention in Cuba zu verzichten. (18)

 

Nach der italienischen kommunistischen Journalistin Rossanna Rosanda hat Guevara den Begriff des "Kommunismus ohne Partei" geprägt. Das ist sicher falsch, denn nach Taibo finden sich, abgesehen von vereinzelten Kritiken am Bürokratismus der cubanischen Kommunistischen Partei und Vorhaltungen an deren Adresse, sich zu wenig am Guerillakampf 1957/58 beteiligt zu haben, eindeutige Stellungnahmen:

 

"Am 20. Mai '63 hält Che eine sehr schwache Rede zum Jahrestag der Zeitung 'Hoy' (der Parteizeitung der PCC bzw. PSP, d.A.), mit einer sehr schematischen Sichtweise des Marxismus, voll von Gemeinplätzen und Lob an den alten Kadern der PSP. In seinem ebenfalls in jenen Tagen verfassten Vorwort zu 'Die marxistisch-leninistische Partei', einer Sammlung von theoretischen Texten der Partei vermischt mit Reden von Fidel, wiederholt er diese Vorstellungen. Massari, einer seiner Biographen, beschwert sich über die 'Lobreden von Guevara auf das theoretische Elend dieses Buches'." (19)

 

Nach dem militärischen Sieg 1959 war Guevara gleichzeitig Direktor der cubanischen Nationalbank, Leiter der Industrialisierung und Chef der Kulturausbildung der Armee. Obwohl er keine Ahnung vom Finanzwesen hatte und auch von Industrialisierung nichts verstand, hatte er in dieser Zeit nichts Besseres zu tun, als wöchentlich militärische Artikel abzufassen, Titel u.a.: "Der Nutzen der Maschinengewehre im Defensivgefecht", "Die Feuerdisziplin im Gefecht", "Verteidigung gegen Panzer", "Die Taschenartillerie"! (20)

 

Als Industrieminister übertrug er Taktiken der Guerillakriegsführung auf die Industrieorganisation. Er beklagte das Fehlen mittlerer Führungskader für die Leitung der Betriebe. Da überzeugte Kader nach seiner Überzeugung nur im militärischen Kampf geschmiedet werden, bedauerte er die Kürze des cubanischen Guerillakrieges, etwa im Gegensatz zu China, wo ein dreißigjähriger Krieg genug mittlere Kader hervorgebracht habe. Guevaras These aus seiner Kriegserfahrung lautete: "Das Bewusstsein der Arbeiter erhebt sich in Krisenmomenten über die Probleme." (21) Also je mehr Spannung, je mehr Bedrohung, je mehr Krieg, desto mehr "revolutionärer" Enthusiasmus unter den ArbeiterInnen, desto größer das Bewusstsein der leitenden Kader.

 

Aufgrund der geringen Anzahl mittlerer Führungskader befürwortete Guevara die totale Zentralisierung der Industrie. An den russischen kollektiven Staatsbetrieben kritisierte er kurioserweise eine von ihm so gesehene "Selbstverwaltung" mit materiellen Anreizen für Produktionssteigerungen einzelner Kollektive, die nur wieder zu Ungleichheit und zum Kapitalismus führe (seine einzige ideologische Kritik an der Sowjetunion). Die Anreize müssten dagegen rein ideell sein. Auf dieser Basis rief er zu freiwilligen Arbeitseinsätzen auf (zunächst zusätzliche Stunden zur Tagesarbeit, dann freiwillige Arbeit am Sonntag, so genannte "Rote Sonntage", alles unbezahlt), um die Produktivität zu steigern, die aufgrund von zunehmendem Absentismus der ArbeiterInnen und der Landflucht der ZuckerrohrarbeiterInnen sank. M.E. wäre der Gedanke dann richtig, wenn die Betriebe und Produktionsflächen auf dem Lande in Cuba wirklich den Menschen gehören würden und sie selbst in freier Diskussion über ihre Produktion bestimmen dürften. Dann könnte sich ein revolutionärer und egalitärer Idealismus auch in freiwilliger und selbstbestimmter Mehrarbeit ausdrücken. Durch die von Guevara unterstützte Unterdrückung unabhängiger Gewerkschaften ist das allerdings verunmöglicht worden. Zudem würde die Mehrarbeit wohl kaum das Ausmaß der von Guevara praktizierten, oft weit über zehn Stunden hinausgehenden Arbeitszeit pro Tag und ohne Wochenende erreichen, einem ideellen Fetisch, den er aus seinem Guerilla-Dasein (wo beständige Angriffe tagelang kaum Schlaf zuließen) auf das zivile Alltagsleben übertrug und wie selbstverständlich auch von anderen verlangte.

 

Weil aber die Betriebe vollständig zentralisiert und verstaatlicht waren, verkamen die freiwilligen Arbeitseinsätze zur Propaganda und übten auf die Menschen ganz profan Arbeitsdruck von oben aus. Guevara veranstaltete absurde Einsätze mit Stachanowartigen Arbeitswettkämpfen. So "stellte er sich einem Wettstreit mit einem ausgezeichneten Arbeiter der Zuckerplantage Bresil, Ibrahim Ventura, und schlägt ihn. Am folgenden Tag verliert Che in einem anderen Wettbewerb gegen den Arbeiter Roberto González." (22)

 

Als die freiwilligen Arbeitseinsätze nicht fruchteten und der Enthusiasmus ohne Krieg sich nicht dauerhaft einstellte, wenn die Betriebe dem Staate gehörten, führte Guevara die Zwangsarbeit zur Bestrafung ein. "Im Industrieministerium wurde folgendermaßen vorgegangen: Bei Fällen von Disziplinlosigkeit, bei Verstößen gegen die Moral oder Versagen bei der Arbeit bestimmt das Ministerium das Strafmaß von ein paar Wochen oder Monaten Aufenthalt in Guanahaciabibes." (23)

 

Guanahaciabibes war ein unzugängliches Arbeitslager auf der Halbinsel Corrientes, bewacht von rund einhundert Bewaffneten. Konservative Historiker haben das Lager schnell und ohne Umschweife als "Konzentrationslager" bezeichnet, wogegen Taibo berechtigten Einspruch erhebt. Doch es war eindeutig Zwangsarbeit, die hier verrichten musste, wer im normalen Arbeitsalltag nicht spurte. Die cubanischen AnarchistInnen im Exil verurteilen die damals von Guevara angewandte Strategie der Arbeitseinsätze und der Zwangsarbeit als Bestrafung als "eine der schlimmsten Formen des Missbrauchs von Arbeit seit den dunkelsten Tagen des spanischen Kolonialismus." (24)

 

 

Der militaristische Idealismus im letzten Gefecht

 

Gemäß der von Guevara konzipierten Fokus-Theorie, nach welcher in den so genannten unterentwickelten Ländern mehrere Brennpunkte des bewaffneten Kampfes gegen den Imperialismus geschaffen werden sollten ("zwei, drei, viele Vietnams"), exportierte Cuba von Beginn der Castro-Herrschaft an sein "Revolutionsmodell". In Wahrheit war dies ein Export von Waffen und Soldaten. Bereits 1961 wurde eine Schiffsladung voll Waffen an die algerische Befreiungsorganisation FLN gesandt. Für Castro war der bewaffnete Internationalismus eine Notwendigkeit für den eigenen Machterhalt, denn nur durch weitere Machtergreifungen marxistisch-leninistischer Organisationen in anderen Ländern schien sich auch seine Herrschaft langfristig festigen zu können und entging der Gefahr der Isolation. Bei Guevara spielte der militaristische Idealismus eine größere Rolle. Obwohl dem maroden Batista-Regime in seinen letzten Monaten sogar die eigene nationale Bourgeoisie den Rücken kehrte, obwohl dessen Soldaten eine geringe "Kampfmoral" offenbarten und bei vielen Kämpfen sogleich massenhaft desertierten, glaubte Guevara, den einmal erfolgreichen Guerillakampf unabhängig von diesen günstigen cubanischen Bedingungen wiederholen zu können. Er entwarf vom Industrieministerium aus eine kontinentale Aufstandsstrategie für die Andenländer Peru, Bolivien, Argentinien, die bereits in ihren Anfängen scheiterte, aber später wiederum als ideologische Legitimation seiner Guerillapraxis in Bolivien 1966/67 diente.

 

Im Jahr 1965 intervenierte Guevara zusammen mit einem cubanischen Guerillakontingent in die komplizierte Aufstandssituation im afrikanischen Kongo, wo er Laurent Kabila, den Nachfolger der ermordeten antikolonialen Symbolfigur Lumumba, unterstützen und einen revolutionären Flächenbrand gegen den Imperialismus in Afrika auslösen wollte. Ohne wirkliche Ahnung von den gesellschaftlichen Zusammenhängen in Afrika wollte er sein Modell des bewaffneten Kampfes aus Cuba übertragen. Einige Monate kämpften ruandische, kongolesische und cubanische Truppen nebeneinander. Die Afrikaner bevorzugten den lang andauernden, verlustarmen Stellungskrieg, Guevara wollte sie vom schnellen Bewegungskrieg überzeugen. Er reagierte ständig gereizt auf angebliche Disziplinlosigkeiten der kongolesischen Kämpfer, die er abwechselnd des "Infantilismus" bezichtigte oder schlicht als "Idioten" bezeichnete, wodurch er als weißer Truppenkommandant eine in großen Teilen rassistische Haltung einnahm. (25) Mitkämpfer Fernández Mell erinnert sich später an einen Streit mit Guevara: "Wir sagten ihm, dass in Kuba ein ganzes Volk gegen Batista gewesen war, und hier gäbe es weder ein Volk, noch sei es gegen irgendetwas." (26) Victor Dreke, zweiter Chef der cubanischen Kongo-Expedition, ebenfalls Jahre später: "Wir Kubaner durchbrachen das Gleichgewicht eines bewaffneten Friedens, den die Kongolesen erreicht hatten. Sie waren bewaffnet, aber zu Hause bei Frau und Kindern. Sie kämpften nicht." (27)

 

 

Der Mythos

 

Der letzte Versuch in Bolivien 1966/67, mit einer kleinen Gruppe bewaffneter Kämpfer eine ganze Gesellschaft aufzurollen (in Cuba, im Kongo und in Bolivien fing Guevara den bewaffneten Kampf immer mit gut ausgebildeten Einheiten, zahlenmäßig unter 100 Guerilleros, an - Vorbild für die spätere Stadtguerilla bis hin zur RAF und ihrer These, den Erfolg der Guerilla könne nur die Praxis erweisen), endete mit der Ermordung Guevaras nach monatelanger Einkreisung durch die bolivianische Armee in einsamem, menschenleerem Gebirgsland. Die Mythologisierung hat bereits zu Guevaras Lebzeiten eingesetzt, entfaltete ihre Eigendynamik aber erst nach seinem Tod. Der Mythos des libertär Angehauchten ist dabei nur eine Facette der Gesamtmythologie.

 

Castro hatte natürlich ein Interesse am Mythos als Legitimationsgrundlage für sein Regime. Auch Guevara selbst hat bereits an seiner eigenen Mythologisierung gearbeitet, davon zeugen besonders die vielen Fotos, die er bewusst von sich in den Guerillalagern machen ließ. Auf gute Fotos von ihm selbst legte er noch in verzweifelter strategischer Lage großen Wert. Sie sollten wohl der Propaganda für einen marxistisch-leninistischen Internationalismus nach seinem Tod dienen. Doch das entscheidende Foto schoss nicht er, sondern das bolivianische Militär, bei der Aufbahrung seines Leichnams nach der Ermordung. Paradoxerweise wirkte der Versuch, die Identität des Gemordeten zu beweisen und das Verbrechen durch fotogene Zurschaustellung zu vertuschen, geradezu als Auslöser christlicher Phantasien: Ein zeitgenössischer Christus wird aufgebahrt, das Grab ist leer. Die religiöse Dimension dieses modernen Mythos darf nicht unterschätzt werden. Schon das klassische Guevara-Posterfoto (Kopf mit Baskenmütze) hat eine Christus-Ähnlichkeit. Erweitert können auch die Schriften aus den Gebirgsregionen der Guerilla im Nachhinein wie Sendschriften des Propheten interpretiert werden, der antiimperialistische Internationalismus Guevaras als Aufforderung an die Jünger, auszuschwärmen in alle Welt. Dieser Mythos konnte eine enorme symbolische Macht entfalten, die zudem in Lateinamerika eine andere Resonanz erhielt als in Europa; Taibo spricht hier von der "furchtbaren christlichen Tradition" Lateinamerikas. (28) Träger der Mythologisierung waren vielerorts Intellektuelle und KünstlerInnen, für Deutschland muss hier an erster Stelle Wolf Biermann genannt werden, der noch als überzeugter Kommunist in seinem Lied "Commandante Che Guevara" sang:

 

"Jesus Christus mit der Knarre

So führt Dein Bild uns zur Attacke." (29)

 

Selbst Taibo kann am Ende seiner Biographie nicht mehr an sich halten und verfällt dem allgemeinen Delirium: "Im Zeitalter des Schiffbruchs ist er unser weltlicher Heiliger." (30)

 

Doch die religiöse Dimension des Mythos sowie die nachfolgende Pop-Ikonisierung, welche den Mythos kapitalistisch für alle möglichen Gruppen und für eine ganze Industrie verwertbar machte und ihn dabei vollends vom sozialen Kontext trennte, verschleierten nur eine bleibende historische Tatsache: Ernesto Guevara war nur ein Marxist-Leninist ("mit Knarre").

 

Carpet Crawler

 

Aus: "Graswurzelrevolution" Nr. 289 (Mai 2004)

 

Anmerkungen:

Teil 1 dieser Artikelserie erschien in GWR 285/Jan. 2004, S. 14f., Teil 2 in GWR 286/Feb. 2004, S. 13. Berichtigung zu Teil 2, S. 13, dritte Spalte: Camilo Cienfuegos starb nicht, wie angegeben, im Kampf gegen Batista, sondern kurz danach bei einem Flugzeugabsturz. Der vierte Teil dieser Serie über Castro an der Macht folgt in einer der nächsten Ausgaben.

 

(1) siehe Teil 2 dieser Serie in GWR 286, S. 13.

(2) Auf deren neuere Forschungsergebnisse sich dieser Artikel hauptsächlich stützt: Paco Ignacio Taibo II: Che. Die Biographie des Ernesto Guevara. Edition Nautilus, Hamburg 1997. Ich habe Taibos Guevara-Biographie direkt nach der Geschichte des cubanischen Anarchismus von Frank Fernández: Cuban Anarchism. The History of a Movement. See Sharp Press, Tucson/Arizona 2001, gelesen. Beim direkten Vergleich wurde meine bisherige Hochachtung vor Taibos Arbeiten über Lateinamerika relativiert. Problematisch finde ich, dass Taibo die Unterdrückung der cubanischen AnarchistInnen durch Castro/Guevara nicht mit einem Wort erwähnt. Zum bakunistischen Spruch Guevaras vgl. Bildunterschrift in Taibo, Bild gegenüber S. 353.

(3) Taibo, Guevaras Ausdruck referiert nach einer Rede, 4.5.1962, S. 367.

(4) Taibo, S. 409.

(5) Guevara, zit. nach Taibo, S. 297.

(6) Guevara, Bolivianisches Tagebuch, zit. nach Taibo, S. 566.

(7) Universo, zit. nach Taibo, S. 132.

(8) zunächst Taibo, dann Guevara, zit. nach Taibo, S. 148.

(9) zit. nach Taibo, S. 158f.

(10) Fidel Castro an Guevara, 19. Mai 1958

(11) Guevara, zit. nach Taibo, S. 171.

(12) Taibo, S. 283.

(13) Guevara, zit. nach Taibo, S. 171.

(14) Ramos Latour, zit. nach Taibo, S. 171.

(15) Taibo, S. 326. 

(16) Guevara, zit. nach Taibo, S. 328.

(17) Taibo, S. 311f.

(18) Taibo, S. 368 und 373ff. 

(19) Taibo, S. 365 und 384.

(20) Taibo, S. 314.

(21) Taibo, S. 377.

(22) Taibo, S. 381.

(23) Taibo, S. 397.

(24) Frank Fernández: Cuban Anarchism. The History of a Movement. See Sharp Press, Tucson/Arizona 2001, S. 116.

(25) Guevara, zit. nach Taibo, S. 465 und 471.

(26) Fernández Mell, zit. nach Taibo, S. 470.

(27) Victor Dreke, zit. nach Taibo, S. 453. Der Laurent Kabila, der 1997 in Kinshasa nach 30-jährigem Guerillakrieg an die Macht kam, ist Guevara natürlich nicht vorzuwerfen. Aber vom Hoffnungsfunken eines "Fokus" (Guevara) war bei Kabila an der Macht nichts mehr zu spüren. Den mit ihm verbündeten ruandischen Truppen wurden beim Vorrücken auf Kinshasa 1997 willkürliche Rache-Massaker unter den Hutu-Flüchtlingen aus Ruanda zum Vorwurf gemacht (als Vergeltung für den Genozid 1994), und Kabila selbst begründete auch nur eine militärisch-diktatorische Dynastie, die heute von seinem Sohn fortgesetzt wird. Kabilas militärischer Sieg war Ausgangspunkt eines neuen Bürgerkrieges, der seit 1998 rund 3 Millionen Menschenleben kostete und zu neuen Massakern in der rohstoffreichen Region Bunia führte, in der europäische Mächte nach wie vor ihren Einfluss sichern, vgl. dazu aktuell Bernd Drücke: Coltan, Gold und Diamanten. Der Kongo-Krieg und die Interessen der EU, in: GWR 281, Sommer 2003, S. 1f.

(28) Taibo, S. 592.

(29) vgl. Songtext Wolf Biermann: Commandante Che Guevara. Dort heißt es zudem: "Und bist kein Bonze geworden, kein hohes Tier, das nach Geld schielt, und vom Schreibtisch aus den Held spielt." Ganz im Gegensatz zu Biermann. Aber hier setzt nun Biermanns jüngster Wahlspruch ein: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu!"

(30) Taibo, S. 609.

 

Originaltext: http://www.graswurzel.net/289/che.shtml

 

 

Die kommunistische Partei und die Syndikalisten

 

In der letzten Zeit wurde unter den Berliner Funktionären der K.P.D. ein mit Maschinenschrift vervielfältigter Zettel verbreitet, der zur systematischen Bekämpfung des Syndikalismus den Agitatoren der K.P.D. folgende Thesen übermittelte:

 

‚Kommunismus und Syndikalismus

 

Die Kommunisten und Syndikalisten sind beide Gegner des Privateigentums an den Produktionsmitteln und des Klassenstaates. Gleichwohl aber sind ihre Ziele und ihre Taktik derart verschieden, dass niemand Kommunist und Syndikalist zugleich sein kann.

 

Die Kommunisten führen durch ihre Partei den Kampf um die politische Macht. Sie wollen, dass das Proletariat die politische Gewalt dem Bürgertum entreißt und selbst in die Hand nimmt. Die Syndikalisten lehnen es ab, einen Kampf um die politische Macht zu führen. Politik zu treiben erscheint ihnen überflüssig und zwecklos, ja sogar schädlich.

 

Die Kommunisten wollen die Überleitung der Produktionsmittel aus der Hand der Kapitalisten in die der Allgemeinheit durch die Betriebs- und Arbeiterräte. Die Syndikalisten lehnen dieses Rätesystem ab; genau wie die sogenannten „freien Gewerkschaften“ halten sie an überlieferten Anschauungen fest und wollen ihre syndikalistischen Gewerkschaften zu den künftigen Trägern der Produktion machen.

 

Die Kommunisten erstreben, dass die Allgemeinheit künftig die Warenerzeugung und Warenverteilung nach den von ihr selbst festzustellenden Bedürfnissen regelt. Die Syndikalisten lehnen es ab, eine zentrale Regelung der Produktion anzuerkennen, sie wollen ihre nur föderativ verbundenen Gewerkschaften zu örtlichen Produktionsgesellschaften umgestalten, diese sollen dann den Warenaustausch unter sich vornehmen.

 

Die Kommunisten gewöhnen das Proletariat daran, sein ureigenstes Machtmittel, den Massenstreik einheitlich und planmäßig, also mit um so gewaltigeren Wirkungen zu gebrauchen. Die Syndikalisten lehnen einen solchen planmäßigen Massenstreik ab, sie legen es vielmehr jeder ihrer Gruppen nahe, jederzeit nach eigenem Gutdünken ohne Rücksicht auf die jeweiligen Verhältnisse in anderen Orten, Streiks zu inszenieren.

 

Also: Die Kommunisten erstreben eine planmäßige sozialistische Bedarfswirtschaft; die Syndikalisten zielen auf kleinbürgerliche Produktionsgenossenschaften hin. Die Kommunisten erziehen das Proletariat zum gemeinsamen, einheitlichen Kampfe, die Syndikalisten verzetteln und verschleudern die Kraft der Arbeiterschaft und schaffen dadurch dem Bürgertum und den Noskegarden die Möglichkeit, jeden einzelnen Streik niederzuschlagen.

 

Daher weg mit dem kräftezersplitternden Syndikalismus. Es lebe der die Kräfte des Proletariats zusammenfassende Kommunismus !’

 

 

Hier unsere Antwort:

 

Die K.P.D. und die Syndikalisten sind theoretische Gegner des Privateigentums an den Produktionsmitteln und des Klassenstaates. Die Syndikalisten sind freiheitliche Kommunisten, die Partei- Kommunisten sind Staatskommunisten. Die Ziele sind verschieden, die Tatktik der Partei-Kommunisten ist im wesentlichen den Syndikalisten gestohlen. Die Partei-Kommunisten haben keine eigenen wirtschaftlichen Kampfmittel, die politischen haben sie der bürgerlichen Revolutionsepoche entnommen. Die K.P.D. ist keine Klassenorganisation, sondern eine Organisation von Gesinnungsverwandten. Der Syndikalismus ist die Klassenorganisation des Proletariats.

 

Die Partei-Kommunisten führen den Kampf um die politische Macht. Sie wollen, dass die Kommunisten die politische Gewalt dem Bürgertum entreißen und selbst in die Hand nehmen.

 

Die Syndikalisten führen den Kampf um die Beseitigung jeder politischen Macht, um die Eroberung der wirtschaftlichen Macht. Jeder wirtschaftliche Kampf ist gleichzeitig ein politischer Kampf.

 

Der politische Kmapf der Partei-Kommunisten wird geführt mit bürgerlichen Kampfmitteln und hat bürgerliche Ziele: Durch Eroberung der Waffengewalt und der Gesetzgebungsmaschinerie kann nicht der Sozialismus, sondern nur der Staatskapitalismus geboren werden

 

Die Partei-Kommunisten predigten ursprünglich nur den einen Grundsatz: Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten! Die Gewerkschaften erklärten sie für überflüssig in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Dabei blieben aber die bekannten Agitatoren der K.P.D. Angestellte der Zentralverbände. Später predigte die K.P.D. die Eroberung der Zentralverbände durch Besetzung der Angestelltenfunktionen. Gleichzeitig ging sie zur Gründung von Betriebsorganisationen über. Und in Rheinland-Westfalen versucht sie durch selbstherrlich-diktatorische Maßnahmen die syndikalistischen Organisationen in ihrem Aufstieg zu hemmen, indem sie plötzlich – aber nur für die Bergarbeiter - als Ziel ausspricht: Eroberung der Bergwerke durch die Bergarbeiter-Union und durch diese Einführung der sozialistischen Produktionsweise.

 

Die Syndikalisten sind Vertreter der Idee, dass die Gewerkschaften die Keimzelle der sozialistischen Gesellschaftsordnung werden müssen. Diese Idee ist geschichtlich begründet. Nie hat ein höherer Stand der Kultur und des allgemeinen Wohlstandes geherrscht als zur Zeit der Gilden und Markgenossenschaften. Erst das Emporkommen des Staates hat diese Blütezeit europäischer Kultur vernichtet.

 

Die Syndikalisten sind Anhänger des reinen Rätegedankens, eines Rätesystems, aufgebaut auf sozialrevolutionären Gewerkschaften. Sie sind Feinde eines Rätesystems, das in parteipolitischen Zänkereien ihre besten Kräfte verzettelt, das durch Unfähigkeit und Unduldsamkeit jede schöpferische Initiative der Gewerkschaften, Genossenschaften und Bünde unmöglich macht, das alles auch das Geistesleben, nach einer Parteischablone zentralisieren und diktieren will.

 

Die Syndikalisten sind die alleinigen und konsequenten Feinde der Zentralverbände mit ihrer Tarifvertragspolitik, ihren Arbeitsgemeinschaften und ihrem Gewerkschaftsbund mit den von der Volkspartei und der Kirche gestützten Vereinen. Die Partei-Kommunisten dagegen sind in der Mehrheit noch immer Mitglieder dieser reaktionären, den Sozialismus verhindernden, die Ausbeutung und die Beherrschung der arbeitenden Massen stützenden Gewerkschaftsrichtung.

 

Die Partei-Kommunisten erstreben die Regierungsgewalt, um durch Dekrete die Warenerzeugung und Warenverteilung zu regeln.

 

Die Syndikalisten wissen, dass keine Regierung die intimsten Verhältnisse in einer Industrie so gut kennen kann, als die darin beschäftigten Kopf- und Handarbeiter. Die Gewerkschaftsbüros werden sich also am Tage nach der sozialen Revolution in statistische Büros verwandeln. Die Arbeiterräte werden die Bedürfnisse der Gemeinden und der Allgemeinheit berechnen, die Bestände der in den verschiedenen Industrien vorhandenen Rohstoffe aufnehmen, um so zu einer geregelten Bedarfswirtschaft überzugehen. Da die Gewerkschaften nicht nur örtlich begrenzt, sondern über da ganze Land föderiert sind, da sie örtlich im Kartell allgemein, über das Land in Industrieföderationen, alle Industrieföderationen des Landes wieder zu einem allgemeinen Gewerkschaftsbündnis zusammengeschlossen sind, so ergibt sich schon aus diesem Aufbau die beste Regelung einer wahrhaft sozialistischen Produktions- und Verteilungsweise.

 

Die Partei-Kommunisten haben durch Aufrufe zu rein örtlich begrenzten Massen- und „General“streiks die Kräfte des Proletariats stark in Anspruch genommen. Von einer einheitlichen und planmäßigen Anwendung des Massenstreiks kann in Deutschland noch nicht gesprochen werden, da so wenig die Partei-Kommunisten als auch die Syndikalisten in allen Orten Deutschlands die Massen gewonnen haben.

 

Die Syndikalisten sind seit langen Jahren die Propagandisten der Idee des sozialen Generalstreiks, den die „Kommunisten“ noch vor wenigen Jahren nach „wissenschaftlicher“ Methode als Generalblödsinn bezeichneten. Die Syndikalisten lassen allen ihren Ortsgruppen vollständiges Selbstbestimmungsrecht über Eintritt und Beendigung von Streiks. Sie sind der Ansicht, dass umfassende Massenstreiks sich nicht von einer Zentrale aus diktieren lassen, sondern aus den wirtschaftlichen, politischen und psychologischen Verhältnissen und aus dem Willen der Massen selbst herauswachsen müssen.

 

 

Also: 

 

Die Partei-Kommunisten erstreben den Staatssozialismus, die Syndikalisten arbeiten seit langen Jahren an der Überwindung des Kapitalismus und des Staates und wurden dabei von den „Kommunisten“, den ehemaligen Sozialdemokraten, nicht nur nicht unterstützt, sondern stark bekämpft.

 

Die Partei-Kommunisten drängen die Massen mit Kraftausdrücken und starken Gesten zu unüberlegten Handlungen, zu deren Folgen sie zu feige sind, sich zu bekennen. Sie haben wiederholt bewusst gelogen, indem sie ihre Handlungen den Syndikalisten in die Schuhe schoben. Sie haben es an der geistigen Durchbildung der ihnen angeschlossenen Arbeiter völlig fehlen lassen.

 

Die Syndikalisten arbeiten systematisch an der Erkenntnis und an der Willensbildung der ihnen angeschlossnen Arbeiter. Sie verwerfen jede Art Militarismus, jeden Mord. Die Syndikalisten sind die Propagandisten ethischer Kampfmittel: Streiks, passive Restístenz.

 

Die Partei-Kommunisten lügen, wenn sie sagen, dass die Syndikalisten dem Bürgertum und den Noskegarden die Möglichkeit geben, die örtlichen Streiks niederzuschlagen. Die „Parteigenossen“ der K.P.D., ihre Gewerkschaftsbeamten sind die Organisatoren der Noskegarden und der Bürgerwehren. Auf Befehl der Gewerkschaftsbeamten sind allerorts die streikenden Arbeiter von den Freiwilligentruppen niedergeschlagen, in „Schutz“haft gesteckt und zu schweren Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt worden. Noske, Severing, Hoersing, Winnig sind geschworene Marxisten, Gesinnungsgenossen der Partei-Kommunisten. Die drei sozialdemokratischen Parteien waren die Organisatoren und Leiter aller bisherigen örtlichen Streiks.

 

Darum: Weg mit allen politischen Parteien, die das Proletariat zersplittern und seine Kräfte nutzlos verschwenden! Es lebe die Klassen- und Einheitsorganisation aller produktiv tätigen Kopf- und Handarbeiter: Der Syndikalismus !“

 

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 30, 05.Juli1919

 

 

 

 

Was ist der Marx (noch) "wert"?

 

Was Libertäre vom "libertären Marx" halten

 

In den GWR-Ausgaben 237, 239 und 240 wurde über Marx, Proudhon, Geld und Mehrwert kontrovers diskutiert. Eine der aufgeworfenen Fragen war, ob es einen libertären Marx gibt. Der folgende Beitrag setzt die Diskussion fort und erinnert an die Antworten, die zeitgenössische und nachfolgende anarchistische ProtagonistInnen auf diese Frage gaben. Aktuell ist diese historische Diskussion schon deshalb, weil sich nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus der Marxismus wieder als systemoppositionell, zuweilen sogar rechthaberisch (DDR-Nostalgie, Sowjetunion war doch besser als heute usw.) geriert und damit in die systemkritische Konkurrenz zum Anarchismus tritt. Aus Platzgründen mußten wir den Beitrag geringfügig kürzen. (Red. HD)

 

Das Kapital ist die größte Leistung von Marx, davor hatte auch Bakunin großen Res(t)pekt. Bakunin übersetzte dieses Werk selber ins Russische. Johann Most gab eine volksverständliche Zusammenfassung heraus, welche von Marx redigiert wurde. Es liegt mir also fern, AnarchistInnen gegen Marx ins Feld zu führen. Interessanter ist es, Marx gegen den libertär-verklärten Marx anzuführen, denn welchen Sinn macht es, Marx als libertär zu verklären? In GWR 239, S. 15, Fußnote 4 wird sich bezogen auf "die für den Verkauf gesellschaftlich, durchschnittlich notwendige Arbeitszeit." Doch: "Marx verneint dies (...) im zweiten Band des Kapitals." Richtigerweise wird zum Schluß gefragt: "Warum sollten hier also andere Maßstäbe angesetzt werden wie beim Transport." Die eigentliche Frage lautet: Warum erkannte dies Marx nicht? Fehler sind menschlich, ja sogar nützlich, denn wir können aus ihnen lernen. Marx hat aber ebenso große geistige Fehlleistungen abgeliefert. Seine Entwicklung über die Jahrzehnte hinweg ist voller Widersprüche. Dies beschreibt Daniel Guérin in Anarchismus und Marxismus - einer Schrift, die für die Auseinandersetzung während der StudentInnenbewegung wichtig war - sehr prägnant:

 

"Der junge Marx, Humanist und Schüler des Philosophen Feuerbach, entwickelt sich anschließend zu einem rigiden wissenschaftlichen Determinismus. Der Marx der 'Neuen Rheinischen Zeitung', der nur Demokrat genannt werden wollte, und der die Verbindung mit der fortschrittlichen deutschen Bourgeoisie suchte, ähnelt in nichts dem Marx von 1850, Kommunist und sogar Blanquist, Besinger der permanenten Revolution, der unabhängigen, politischen kommunistischen Aktion und der Diktatur des Proletariats. Welch ein Unterschied auch zwischen den Abschnitten im Kommunistischen Manifest 1848, die forderten, daß der Staat die Gewalt über die gesamte Ökonomie erlange und den späteren Erklärungen, in denen der Staat durch die "assoziierten Produzenten" ersetzt wird. Der Marx der folgenden Jahre, der die internationale Revolution auf wesentlich später verschob und sich in die Bibliothek des Britischen Museums einschloß, um sich umfassenden wissenschaftlichen Studien zu widmen, ist noch einmal völlig anders als der aufständische Marx von 1850, der an eine allgemeine, unmittelbar bevorstehende Erhebung glaubte. Der Marx von 1864-69, der zunächst hinter den Kulissen die Rolle des heimlichen und machtuninteressierten Beraters der in der I. Internationale zusammengeschlossenen Arbeiter gespielt hatte, wird ab 1870 plötzlich ein sehr autoritärer Marx, der von London aus den Generalrat der Internationalen dirigiert. Der Marx, der Anfang 1871 vor einer Erhebung in Paris heftig warnt, ist nicht derselbe wie der, der nachher in seiner berühmten Adresse unter dem Titel Bürgerkrieg in Frankreich die Commune von Paris in den Himmel hinein lobt, von der er - nebenbei bemerkt - einige Züge idealisiert. Schließlich ist der Marx, der in der gleichen Schrift versichert, die Commune habe den Verdienst, den Staatsapparat zerschlagen und durch die kommunale Macht ersetzt zu haben, keineswegs der selbe Marx wie der, der in seinem Brief über das Gothaer Programm unbedingt beweisen will, daß der Staat nach der proletarischen Revolution noch für eine relativ lange Zeit überleben müsse. Wir könnten all diese Widersprüche und diesen Zickzackkurs durch die Jahre hindurch verfolgen. Es kann nunmehr wohl keine Frage mehr sein, daß der ursprüngliche Marxismus, derjenige von Marx und Engels, kein einheitlicher Block ist. Wir müssen ihn einer kritischen Prüfung unterziehen und können nur Teile von ihm übernehmen, die zu unserem libertären Kommunismus in keinem Widerspruch stehen."

 

Wir können eben nur Bruchteile übernehmen. Die ökonomische Kritik des Kapitalismus von Marx ist umfassend und wissenschaftlich. Aber ebenso stehen viele seiner Geisteshaltungen im krassen Widerspruch zu den anarchistischen.

 

 

Auf dem Misthaufen der Geschichte

 

Erich Mühsam schrieb in Bismarxismus: "Der Marxismus - Landauer weist in seinem herrlichen Aufruf zum Sozialismus nachdrücklich darauf hin - beschäftigt sich in allen seinen theoretischen Schriften nirgendwo mit dem Sozialismus, er erschöpft sich in der Analyse und Kritik des Kapitalismus. Indem er aber ausgeht von der Hegelschen Lehre der Vernünftigkeit alles Seienden und die unausweichliche Notwendigkeit der kapitalistischen Periode behauptet, ja, ihre Fortentwicklung bis zum Kulminationspunkt in die Zukunft hinein zur Grundlage seiner Revolutionslehre macht, bejaht er zunächst alle Voraussetzungen des Kapitalismus, und so bejaht er den Staat, den Zentralismus, das Autoritätsprinzip, alles, worauf der Kapitalismus ruht. Das Proletariat kann nicht zu Freiheit und Sozialismus kommen, ehe es nicht in seinem eigenen Befreiungskampf die Lehren verwirft, die die Stützen jedes Staatsglaubens sind: Autorität und Disziplin, Zentralismus und Bürokratismus, Positivismus und Fatalismus. Die Wissenschaft, sagt Bakunin, hat das Leben zu erhellen, nicht zu regieren. Führerin im Kampf sei dem revolutionären Proletariat nicht die anfechtbare Wissenschaft des Marxismus, der nichts anderes ist als Bismarxismus, sondern der unanfechtbare religiöse Glaube an sein Recht und seine Kraft, der Haß gegen die Ausbeutung und der Wille zur Freiheit!"

 

Hier wird Bakunin nicht gegen, sondern eigentlich für Marx erklärlich. Marx und Engels, die beiden eitlen Gockel, haben schon vorzeitig, auf dem "Misthaufen der Geschichte", ihre Endlagerungsgrube gescharrt. Zu den Verbiegungen von Marx hielt Johann Most in Marxereien und Eseleien fest: "Nichts wäre aber ein größerer Irrtum, als die etwaige Annahme, daß die Ära der Irrtümer heutzutage abgeschlossen sei. Wir sagen nicht zuviel, wenn wir behaupten, daß neun Zehntel aller jetzt lebenden 'Kultur'(?)-Menschen von einer Eselei in die andere fallen, ohne auch nur zu ahnen, wie sehr sie bis über die beiden Ohren in Irrtümern befangen sind. Man könnte über dieses Thema eine Bibliothek von hundert anderthalbfüßigen Folianten schreiben, und man würde trotzdem nicht erschöpfen, so ungeheuerlich verrückt ist die durchschnittliche Denkweise der meisten sogenannten Marxisten. Wo man hinblickt, stößt man auf verkehrte Auffassungen, demgemäß auch auf blödsinnige Schlußfolgerungen, kurzum, auf total unlogische Kreuz- und Quersprünge verhunzter Gehirne." Wozu ebenso zu rechnen ist, Marx zum obersten Libertären zu verklären!

 

 

Stereotypen Marx'scher Anarchismuskritik

 

Der in GWR 239 zitierte Satz: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" sollte als erstes mal auf Marx selber bezogen werden. Marx' Fähigkeit und Leistung war das Verfassen des Kapital. Und was war das Bedürfnis von Marx? Stirner verbal auszuschalten und vernichten zu wollen. Max Stirners philosophische Fähigkeit drückte sich im Werk "Der Einzige und sein Eigentum" aus. Wir heutigen AnarchistInnen sollten jede/n nach seinen/ihren Fähigkeiten beurteilen und auch beschränken. Es geht nicht um Personen, sondern um Positionen!

 

Wie verstand Marx Stirner? Gar nicht! Stirner ist äußerst schwierig zu verstehen, durch seine eigene Terminologie. Engels hatte Kontakt zu Stirners "Freien" in Berlin und war anfänglich nicht unbeeindruckt. Nachdem er aber endgültig zum Sprachrohr von Marx mutierte, änderte sich dies schlagartig. In der "Deutschen Ideologie" - der Schrift gegen Stirner - wurde erstmalig das Grund-Strickmuster marxistischer Anarchismuskritik entwickelt. In einer der Sekundärliteraturen zu Stirner, A.M. Bonanno's Max Stirner und der Anarchismus, ist dies folgendermaßen beschrieben:

 

"Und mit welchen Mitteln droschen sie (Marx/Engels, d.A.) auf ihn (Stirner, d.A.) ein! Kein noch so mieses Register der Denunzierung, der Verfälschung, des Lächerlich-Machens und in den Dreck-Ziehens, das die beiden erhabenen Begründer des 'wissenschaftlichen Sozialismus' nicht gezogen hätten, um auf über 300 Druckseiten eine Handvoll Totschlagargumente zu variieren: 'Sankt Max (Stirner, d.A.)', der hohlste und dürftigste Schädel unter den Philosophen, habe das zweifelhafte 'Verdienst, der Ausdruck der deutschen Kleinbürger von heute zu sein, die danach trachten, Bourgeoisie zu werden.' Es fehle ihm gänzlich an wissenschaftlichem Durchblick und proletarischem Klassenbewußtsein, demzufolge weigere er sich doch tatsächlich, sich um 'den praktischen Zusammenhang' der bestehenden Mächte und Verhältnisse 'zu bekümmern, ihn kennenzulernen und nach ihm zu richten (!).' Mit bloßen 'Fieberphantasien' im Kopf müsse Stirners subjektiver Voluntarismus zwangsläufig in Don-Quichotterien enden und überhaupt beweise das Konzept, die ganze Gesellschaft in freiwillige Gruppen aufzulösen, 'nur seinen eingerosteten Konservatismus' (hahahaha, d.A.). In der Tat sind das bereits so gut wie alle Stereotypen, die bis heue von marxistischer Seite gebetsmühlenhaft gegen den Anarchismus ins Feld geführt werden. Der schriftstellerische Aufwand, den Marx und Engels dabei betrieben, läßt sich - zumal bei Stirner - durch rein 'politische' Rivalitäten bzw. Machtkämpfe allein freilich nicht erklären. Die destruktive Inbrunst, mit der sie hier zu Werke gingen, und der zwischen derben Späßen und originellen Redewendungen z.T. unverblümt auflodernde Haß deuten eher auf notdürftig kaschierte Hilflosigkeit hin. In dem von Marx und Engels ausgearbeiteten 'historischen Materialismus' war kein Platz für die anarchistischen Provokationen Stirners: dessen beharrliches Eintreten für individuelle Autonomie und Selbstbefreiung, seine grundsätzliche Staatsfeindlichkeit und Ideologiekritik lagen quer zu ihren Thesen vom Primat der Ökonomie und des Produktivkraftfortschritts für die gesellschaftliche Entwicklung, von der 'historischen Mission des Proletariats' und der Notwendigkeit zur Eroberung der politischen Macht im Staate. Auf diesem Boden ließ Stirner sich nicht einfach 'widerlegen' oder überbieten. Um ihr gerade mit großen geistigen Anstrengungen aufgerichtetes Ideengebäude nicht sofort wieder einstürzen zu sehen, blieb Marx und Engels daher keine andere Wahl, als Stirner mit allen Mitteln auszuschalten. Gefangen im eigenen Alleingültigkeitsanspruch mußten sie ihn mit ihrer 'Kritik' förmlich vernichten. Die Begründung marxistischer Anarchismuskritik in der 'Auseinandersetzung' mit Stirner entpuppt sich daher zu nicht geringem Teil als Abwehrreaktion gegenüber einer als existentiell erfahrenen Verunsicherung. Daß sich dasselbe Reaktionsmuster später vom rein literarischen Gebiet auch in den praktischen Bereich verlängern und zu einer wesentlichen Antriebskraft marxistischer Machtpolitik werden sollte, ist bekannt. Die Intrigen gegen Bakunin und seine Freunde im Rahmen der I. Internationale waren ebenso wie der bolschewistisch-stalinistische Vernichtungskrieg gegen die anarchistischen Bewegungen in der russischen und der spanischen Revolution die konsequente Fortführung des an Stirner prototypisch vollzogenen Eliminierungsrituals: individuelle Autonomie als das bei Strafe des eigenen Untergangs auszuschaltende 'Fremde' - Terror gegen Linksopposition als das zur materiellen Gewalt gewordene Ringen der autoritären Psyche um Integrität!"

 

Marx ist nicht erst verbogen worden vom Arbeiterbewegungsmarxismus (GWR 239), er legte die Grundlagen selber. Und das erwähnte Primat der Ökonomie ist der Dreh- und Angelpunkt des Marx'schen Weltbildes. Ebensowenig wie sich das Universum um die Erde dreht (wie es uns die Kirche einreden wollte), dreht sich das Leben um die Ökonomie (wie es uns die Kapita-Listigen und die Staatskapita-Listigen einreden wollen). Ein gewisser Dr. H. Oberdörffer verfaßte die völlig krasse Schrift mit dem Titel "Diktatur der Arbeit, nicht des Proletariats" (nur wer arbeitet, darf fressen), womit dieser Gedanke endgültig auf die Spitze getrieben wurde und nicht mehr steigerungsfähig ist. Hier möchte ich nur G. Bataille's "Die Aufhebung der Ökonomie", 1985, empfehlen, zumindest als Ansatzpunkt (1). Auf der anderen Seite war Marx aber auch nicht konsequent: zwar behauptete er das Primat der Ökonomie, aber Frauenarbeit, Hausarbeit, Erziehungsarbeit wurden keineswegs als solche anerkannt, nur als Reproduktionsarbeit für den Mann, was die feministische Marx-Kritik etwa von Christel Neusüß in "Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung" aufgezeigt hat.

 

 

Marx gegen den freiheitlichen Sozialismus

 

Beim anarchistischen Geschichtsforscher Max Nettlau finden wir folgende Beschreibung des Verhältnisses von Marx zum freiheitlichen Sozialismus und seiner VertreterInnen: "Nur ein Mann, in welchem die Autorität eine ihrer buntesten und giftigsten Blüten produzierte, fühlte inmitten dieses philosophisch-politisch-ökonomischen Zuges zur Freiheit hin den herostrategischen Trieb, die Freiheit mit all seinen reichen geistigen Mitteln zu bekämpfen, Karl Marx, der vom Ehrgeiz besessen war, Proudhon zu vernichten, wie er Stirner zu vernichten unternahm und Feuerbachs Licht auslöschen wollte, wie er jeden der kleineren Helfer der Freiheit, die Brüder Bauer und Karl Grün zu zertreten suchte, wie er sich Heß zum unwilligen Sklaven machte und F. Engels veranlaßte, seine etwas freiere Züge zeigende Vergangenheit mit dem dichtesten Schleier zu bedecken und seine anerkannte geistige Existenz erst vom Zusammentreffen mit Marx ab zu datieren, wie er endlich einen lebenslänglichen Kampf mit Bakunin führte und auch Proudhon 1865 auf den Grabhügel schmähende Worte nachschleuderte. Ebenso ausdauernd verfolgte Marx die bisher, wie wir sahen, im Sozialismus sehr starken Freiwilligkeitsströmungen, das Heraustreten aus der heutigen Gesellschaft, wie es Fourier, Owen, Thompson, alle Assoziationisten Frankreichs, Englands und Amerikas beseelte und stempelte sie zur Utopie, seiner Wissenschaft gegenüber. Die kämpfende autoritäre Revolution, für die Blanqui sein Leben im Kerker zubrachte, interessierte ihn aber praktisch ebensowenig, und er wußte nur eine Abart der Demokratie zu bilden, woraus dann die Sozialdemokratie entstand und, da sie die geringsten Anforderungen an die sozialistische Energie und Intelligenz des einzelnen stellte, den größten Umfang gewann. Was hatte der Sozialismus getan, daß er sich seiner freiheitlichen Entwicklung mit so tödlicher Feindschaft in den Weg stellte? Ich habe nur diese psychologische, im Charakter von Marx begründete Hypothese, daß es ihn ärgerte, als er sich 1842 dem Sozialismus zuwendete, Proudhon an erster Stelle zu sehen und daß er so der intensivste Antagonist jeder freiheitlichen Richtung im Sozialismus wurde." (aus: Max Nettlau, Geschichte der Anarchie, Bd. 1: Der Vorfrühling der Anarchie, Bibl. Thèleme, 1993, Neuauflage)

 

Oscar Wilde schrieb einmal: "Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Mißerfolges." Das läßt sich in diesem Falle besonders gut auf Marx beziehen. Was die psychologische Komponente bei Marx betrifft, empfiehlt es sich, mal das Buch von Volker Elis Pilgrim, Adieu Marx, zu lesen. Auch wenn man/frau nicht jeder Schlußfolgerung Pilgrims folgen mag, so bietet es doch umfangreiches Material, um Marx analysieren zu können.

 

 

Marxismus führt zur Errichtung großer Nationalstaaten

 

Max Nettlau strich folgende Stelle bei Bakunin mit folgenden Worten hervor: "Im übrigen führt diese Stelle glänzend den Nachweis, daß staatlicher Sozialismus und Internationalismus sich stets ausschließen und nur Anarchie und Internationalismus vereinbar und tatsächlich untrennbar sind." In einem Brief "An die spanischen Brüder der Allianz" (Frühjahr 1872, Locarno) berichtete Bakunin über den Bruch zwischen autoritärem Staatssozialismus des Herrn Marx und den AnarchistInnen: "Daher gibt es die beiden entgegengesetzten Systeme: das anarchische System von Proudhon, das wir erweitert, entwickelt und von all seinem metaphysischen, idealistischen, doktrinären Ansatz befreit haben, indem wir klipp und klar die Materie in der Wissenschaft und die soziale Ökonomie in der Geschichte als Grundlage aller weiteren Entwicklungen annahmen. Und das System des Chefs der deutschen Schule der autoritären Kommunisten. Folgendes sind die Grundlagen dieses Systems: Wie wir selbst wollen die autoritären Kommunisten die Abschaffung des Privateigentums. Sie unterscheiden sich von uns hauptsächlich dadurch, daß sie Expropriation aller durch den Staat wollen, wir dagegen wollen dieselbe durch die Abschaffung des Staates und des natürlich vom Staate garantierten juridischen Rechts. Deshalb proklamierten wir auf dem Basler Kongreß (1869) die Abschaffung des Erbrechts, während jene sich dort derselben widersetzten, indem sie sagten, diese Abschaffung werde unnötig, sobald der Staat der einzige Besitzer werde. - Der Staat, sagen sie, muß der einzige Grundbesitzer und zugleich der einzige Bankier sein. Die Staatsbank, die heute bestehenden Privatbanken ersetzend, darf allein die nationale Arbeit mit Geld versehen, so daß tatsächlich alle Arbeiter, Land- und Industriearbeiter, Lohnarbeiter des Staates werden. (...) Wir haben dieses System aus zwei Ursachen zurückgewiesen: zuerst weil es, statt die Staatsmacht zu vermindern, sie durch Konzentration aller Macht in den Händen des Staates vermehrt. Sie sagen zwar, ihr Staat werde der Volksstaat sein, regiert von Versammlungen und Beamten, die direkt vom Volk gewählt und der Volkskontrolle unterworfen sind. Das ist das parlamentarische, das Repräsentativsystem, das des allgemeinen Stimmrechts, korrigiert durch das Referendum und die direkte Volksabstimmung über alle Gesetze. Wir wissen aber, was von der Aufrichtigkeit dieser Vertretungen zu halten ist. Klar ist, daß das System von Marx wie das von Mazzini (italien. Befreiungsnationalist, d.A.) zur Errichtung einer sehr starken sogenannten Volksmacht führt, das heißt zur Herrschaft einer intelligenten Minderheit, die allein fähig ist, die bei einer Zentralisation unvermeidlich sich ergebenden verwickelten Fragen zu erfassen, und folglich zur Knechtschaft der Massen und ihrer Ausbeutung durch diese intelligente Minderheit. Das ist das System der 'revolutionären Autoritäten', der aufgezwungen und von oben geleiteten Freiheit - das heißt, es ist eine schreiende Lüge. Unser zweiter Grund, dieses System zurückzuweisen, ist, daß es direkt zur Errichtung neuer großer Nationalstaaten führt, die getrennt und notwendigerweise rivalisierend und gegeneinander feindlich sind, zur Negation der Internationalität, der Menschlichkeit. Denn falls sie nicht die Prätention haben, einen einzigen universellen Staat zu gründen - ein absurdes und von der Geschichte verurteiltes Unterfangen -, müssen sie notwendigerweise nationale Staaten gründen oder, was noch wahrscheinlicher ist, große Staaten, in denen eine Rasse, die mächtigste und intelligenteste, andere Rassen knechten, unterdrücken und ausbeuten würde, so daß die Marxianer, ohne es sich zu gestehen, unvermeidlich zum Pangermanismus gelangen."

 

Die Weitsicht Bakunins erklärt sich nicht etwa aus irgendwelchen "göttlichen oder metaphysischen Quellen", sondern aus seiner Fähigkeit, der Logik zu folgen, auf der Basis des wissenschaftlichen Rationalismus. Zum einen zeigte schon das "freie" Amerika, daß eine "Rasse", die weiße, alle anderen unterdrückte und gezielt ausrottete. Zum anderen wies schon Marx in seinen Schriften ein menschenverachtendes Bild auf, wenn man/frau liest, wie er über andere Lebensformen urteilte. Es waren nicht erst die ArbeiterbewegungsmarxistInnen, die diese Tendenzen einbrachten. Wie wenig dieser Marxismus den Versuchungen des Nationalen gewachsen war, zeigte sich besonders deutlich in der Zeit zwischen 1918-33. Otto-Ernst Schüddekopf hat dies in seinem Buch Nationalbolschewismus in Deutschland zusammengetragen und erläutert, wie stark diese nationalistische Bewegung innerhalb der staatssozialistischen wirkte. Dann kam die nationalsozialistische Schreckensherrschaft.

 

In dem Restteil des zerstörten Reiches, wo das staatssozialistische Experiment in einem Gartenzwergsozialismus verendete, kam es nur noch kurze Zeit ('Wir sind das Volk') zu reformerischen Ideen, den Staatssozialismus weiterzuentwickeln. Nachdem dann die nationalbolschewistischen Erben die nationalistische Parole: "Wir sind ein Volk" herausgab, war dies das Grablicht des deutschen, demokratischen und republikanischen Staatssozialismus. Die Nationale Volksarmee wurde geschluckt und war ein weiterer Schritt in den heutigen rotgrünen Militarismus. Und als sich der Superstaat UdSSR, nach staatssozialistischer Entwicklungstheorie endlich und endgültig auflöste, zerfiel es zu dem, was es in Wirklichkeit immer geblieben ist: Rußland wurde wieder orthodox- nationalbolschewistisch und die abbrechenden Staaten sind dies ebenfalls oder fundamentalistisch-religiös.

 

Was hat Marx uns für die Zeit nach der Revolution zu bieten? C. Northcote Parkinson, der für seine ätzende Satire auf des selbstzweckhafte Wuchern von Verwaltung und Bürokratie berüchtigt ist, schrieb in Goodbye Karl Marx, S.53f.: "Wenn der Kapitalismus, wie Marx behauptet hat, aus Gründen seiner inneren Widersprüche und Spannungen zum Scheitern verurteilt ist und das Proletariat ein kommunistisches Utopia errichten wird, so dürfen wir wohl fragen, was dann geschehen soll. Wieso soll es nicht möglich sein, daß auch der Kommunismus scheitert und geradewegs in eine Diktatur mündet? Was soll an einem kommunistischen Regime so dauerhaft sein, daß es nicht einen Niedergang erlebt wie andere Herrschaftsformen auch? Die Entwicklung der Gesellschaft kommt doch nicht zum Stillstand. Und selbst wenn - wie können wir wissen, an welchem Punkt oder in welchem Stadium? Warum sollte der Staat verwelken? Müssen wir nicht vielmehr vermuten, daß die Verstaatlichung der Industrie für jede Regierung nur eine immer größere Verlockung bedeuten muß, ihre Macht und ihren Einfluß noch weiter auszudehnen? Und selbst wenn wir unterstellen, daß die von Marx propagierte Revolution die wirklich letzte große Auseinandersetzung der menschlichen Gesellschaft sei - gerade dann dürfen wir doch erwarten, etwas mehr über jenes Utopia sozialer Glückseligkeit und Harmonie zu erfahren, in dem die von Unterdrückung und Ausbeutung befreiten Menschen dann nach Marxens Verheißung leben sollen. In Wahrheit aber hören die politischen Vorstellungen, die Karl Marx entwickelte, genau an dem Laternenpfahl auf, an dem der letzte Kapitalist aufgeknüpft wird. Der kommunistische Erzvater verlor das Interesse an diesem speziellen Thema just an dem Punkt, wo wir von fieberhafter Spannung erfüllt sein müssen, um nun die Details zu erfahren. Wenn wir nach Marx eines sozialen Paradieses teilhaftig werden sollen, so ist leider festzustellen, daß er uns die Herrlichkeiten dieses Zustandes nicht geschildert hat. Er erlaubt uns nicht den kleinsten Blick durchs Schlüsselloch. Als Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker war Marx ein intellektueller Gigant - wie zeitbedingt seine Thesen auch immer gewesen sein mögen. Als Sozialpolitiker, wenn dieser Ausdruck hier erlaubt ist, war er ein Einfaltspinsel."

 

Marx war, ist und wird immer ein Autoritärer sein. Der Anarchismus braucht keine Ikonen oder andere Götzen. Wir brauchen keine Denkmäler, wir denken selber. Und wenn wir AnarchistInnen es diesmal nicht schaffen - nach dem Zusammenbruch des Staatskapitalismus und der nun erfolgten rotzgrünen APOcalypse - die treibende Kraft der Opposition (Widerstand) zu werden, wann dann? Dann gnade uns der Gott, welcher uns nach seinem Eber-Bilde erschAffen haben soll. Die Fortsetzung der permanenten R&Evolution ist dringender denn je. Für die kommende anarchistische Revolution lautet der Ruf nach Freiheit: "Wir sind die Menschheit", und nicht "Wir sind eine Menschheit", dies ist die Parole der kapitalistischen Globalisierung.

 

Thom@s Bruns

 

 

Aus: "Graswurzelrevolution" Nr. 244 (Dezember 1999)

 

Anmerkungen

(1) Der Hinweis in GWR 239, daß auch die Nazis den Begriff der "Zinsknechtschaft" abgekupfert haben, übrigens von dem Freund von Silvio Gesell und Physiokraten Georg Blumenthal in "Die Befreiung von der Geld- und Zins- Herrschaft" von 1905 (nicht wie in GWR 240: G. Feder, Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes, 1919; dies nur um hervorzuheben, daß dies schon vor und nicht nach dem 1. Weltkrieg entwickelt wurde), unterstreicht doch nur die nationalsozia-Listige Strategie. Dies führte nach dem 2. Weltkrieg dazu, daß einige AnarchosyndikalistInnen Gesell undifferenziert als Nazi bezeichneten. Es gab auch die Überlegung, die Steuern abzuschaffen, allerdings nur, um der Linken das Mittel des Steuerboykotts aus der Hand zu schlagen (G. Feder/Dr. A. Buckeley, Der kommende Steuerstreik. Seine Gefahr, seine Unvermeidlichkeit, seine Wirkung, 1921). Die deutsche Pazifistin und Mitbegründerin der 'Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit', Costanze Hallgarten, verstieg sich in ihrer Autobiographie "Als Pazifistin in Deutschland", 1956, in die Aussage: "Hitler als gelehriger Schüler: Bei Frau Hanfstaengl wird Hitler zum Vegetarier und Antialkoholiker erzogen, ... mit dem ihm eigenen flair für die Kultur des Kavaliers." (S. 65) (Naja, nicht trinken löst auch keine Probleme) Hitler war auch Veget-Arier, es gab ca. 1920 einen sogenannten "Vegetarischen Frauenbuch- Verlag", der den Vegetarismus predigte, natürlich nur zur "Reinerhaltung der Rasse" und zur Ausrottung der fleischessenden "kannibalischen Barbarenvölker" mobilisierte. Dies soll selbstverständlich nicht gegen die gesunde vegetarische Ernährung sprechen, ich selber ernähre mich fast ausschließlich so. Mann/frau kann alles verbiegen!

 

 

 

 

Sind Anarchismus und Kommunismus wirklich dasselbe ?

 

Die Antworten des Anarcho-Syndikalisten Rudolf Rocker in seinem Hauptwerk "Nationalismus und Kultur" auf diese Frage findest du hier.

 

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Anarchismus und Kommunismus? Diese Frage zu beantworten verlangt einen historischen Blick auf die Ideengeschichtliche Entstehung und die weitere Entwicklung in ihren praktischen Auswirkungen, den Rudolf Rocker als einer der führenden Theoretiker des Anarcho-Syndikalismus in seinem Hauptwerk "Nationalismus und Kultur" gründlich schweifen lässt. Dabei wird auch deutlich, dass Faschismus und Kommunismus sehr viel mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als sie voneinander unterscheiden - dass sie „auf dem selben Holze gewachsen sind". Was den Anarchismus schließlich von diesen Zwillingsbrüdern unterscheidet, macht Rocker ebenso deutlich. Ausgehend von den nun folgenden Ansichten Rockers ist es keineswegs egal, ob sich jemand als Anarchisten oder Kommunisten bezeichnet. Anarchismus und Kommunismus sind grundverschieden - zumindest nach den Worten Rudolf Rockers...

 

Nochmals möchte ich damit die kritische Lektüre von „Nationalismus und Kultur" herzlichst empfehlen, zumal ich hier nur einen winzig kleinen Ausschnitt präsentieren kann.

 

 

Hegel, Vater des Marxismus

 

Die Hegelsche Dialektik kritisiert Rocker dahingehend, dass sie in „keinerlei Beziehung zu den wirklichen Erscheinungen des Lebens" stehen würde und der „Vorstellung eines organischen Werdens" widerspräche, darauf spekuliere, „dass eine Art sich in ihr Gegenteil verwandeln könnte" und Völkern „bestimmte Eigenschaften und Charakterzüge" andichte. Damit habe er „den kollektiven Werturteilen einer verstiegenen Völkerpsychologie erst den Weg geebnet und jenen Ungeist heraufbeschworen, der das Denken lähmt und aus seinen natürlichen Bahnen drängt". Hegel wurde laut Rocker damit „zum Schöpfer jener blinden Schicksalstheorie", welche von ‘historischen Notwendigkeiten’ und der ‘Zwangsläufigkeit des historischen Geschehens’ spräche, dem Grundbestandteil der marxistischen Lehre. Rocker appelliert dagegen an die Veränderbarkeit der Umstände ausgehend vom menschlichen Willen: „Und doch zeigt uns das Leben jede Stunde, dass all diese ‘historischen Notwendigkeiten’ nur so lange Bestand haben, wie die Menschen sich damit abfinden und ihnen keinen Widerstand entgegensetzen. In der Geschichte gibt es überhaupt keine Zwangsläufigkeiten, sondern nur Zustände, die man duldet und die in Nichts versinken, sobald die Menschen ihre Ursachen durchschauen und sich dagegen auflehnen." Hegel redete stattdessen dem Staate das Wort und hat dabei die „Staatsgesinnung zu einem religiösen Prinzip erhoben", da auch er erkannte, dass jede Autorität in der Religion wurzelt. Staat und Religion sollten daher verschmolzen werden. Wie schon für Fichte, so fungierte auch für Hegel, dem „Staatsphilosoph(en) der preußischen Regierung und „Hohepriester der Autorität", der preußische Staat mit „Kasernendrill und Bürokratenstumpfsinn" als Vorbild. Hegel hatte viele Bewunderer in jedem politischen Lager, wobei das autoritäre Prinzip konservative und Marxisten („Junghegelianer") vereint. Sich mit den Dingen abzufinden, weil man glaubt, sie nicht ändern zu können, nennt Rocker „Fatalismus". Dieser ist die Vorbedingung für jede Reaktion als „Stillstand nach einem Prinzip". In diesem Sinne bezeichnet Rocker Hegel als „Reaktionär vom Scheitel bis zur Sohle".

 

 

Über die Unzulänglichkeit der marxistischen Geschichtsauffassung

 

Gleich im ersten Kapitel in „Nationalismus und Kultur" („Unzulänglichkeit aller Geschichtsauffassungen") widmet Rocker sich der Betrachtung des historischen Materialismus als Erklärungsmuster aller historischen Begebenheiten. Allein und zwangsläufig aus den wirtschaftlichen Verhältnissen könnte „alles politische und soziale Geschehen" nicht erklärt werden. Bei der Entwicklung menschlicher Gesellschaftsformen müsse vielmehr ebenso der „Wille zur Macht" berücksichtigt werden. Es handele sich immer um die Wechselwirkungen verschiedener Ursachen. Ein weiterer Fehler dieser marxistischen Geschichtsauffassung liege in der Gleichsetzung der Ursachen gesellschaftlicher Gegebenheiten mit dem mechanischen Geschehen in der Natur, da es sich bei ersterem „stets um eine Kausalität menschlicher Zielsetzungen", bei letzterem aber „um eine Kausalität physischer Notwendigkeiten" handele. Zwecksetzungen sind Sache des Glaubens und finden daher in Religionsvorstellungen, ethischen Begriffen, Sitten, Gewohnheiten, Überlieferungen, Rechtsanschauungen, politischen Gestaltungen, Eigentumsverhältnissen, Produktionsformen, u.a. Ihren Niederschlag. Jede Zwecksetzung ist eine Sache der Wahrscheinlichkeit, woraus sich keine Wissenschaft machen lässt, wie aus dem physischen Geschehen in der Natur. Menschliche Motive und Zielsetzungen seien keiner Berechnung zugänglich. Daher verleite die Gleichsetzung von Natur und Gesellschaft zu Trugschlüssen.

 

Jede Geschichtsauffassung sei nur eine Sache des Glaubens, welche auf Wahrscheinlichkeiten fuße, da Geschichte „nichts anderes als das große Gebiet menschlicher Zielsetzungen" sei. Der Mensch sei „nur den Gesetzen seines physischen Seins bedingungslos unterworfen". Die Gestaltung seines gesellschaftlichen Lebens dagegen ist ausschließlich das Ergebnis seines Wollens und Handelns.

 

Indirekt wirft er den Marxisten vor, durch ihren Glauben an die Zwangsläufigkeit allen Geschehens, der Vergangenheit die Zukunft zu opfern und damit die Verhältnisse lediglich zu deuten, sie aber nicht zu verändern. Ihnen stellt er die Annahme gegenüber, „dass alles gesellschaftliche Sein nur einen bedingten Daseinswert besitzt und durch Menschenhand und Menschengeist geändert werden kann".

 

Zur Untermauerung seiner Thesen führt er im Folgenden aus der Weltgeschichte Beispiele für den Willen zur Macht als Triebfeder menschlichen Handelns heran, welches ökonomisch motiviertem Handeln voransteht oder gar entgegenläuft, wie z.B. die Kriegszüge Alexanders d. Großen, die Geschichte der Kreuzzüge, den Dreißigjährigen Krieg und den 1. Weltkrieg. Die Soldaten zogen in den allermeisten Fällen weniger aus wirtschaftlichen Erwägungen in die Kriege, sondern aus verschiedenen Glaubensansätzen heraus, darunter im 1. Weltkrieg viele Sozialdemokraten, in deren historisch-materialistischen Geschichtsauffassungen metaphysischen Beweggründe keinen Platz fanden. Umso anfälliger waren sie dann für die Parolen für "Kaiser und Vaterland". Der Glaube an ihre politischen Führer in den sozialistischen Gewerkschaften und Parteien ließ ihre Anhängerschaft zu einer willenlosen und dirigierbaren Masse werden.

 

So boten dogmatisch-materialistische Geschichtsauffassungen, (welche die Menschen nicht als handelnde Individuen begriffen, sondern lediglich als Masse) auch den Nährboden für das Versagen marxistisch-sozialistischer Parteien und Gewerkschaften vor dem aufkommenden Faschismus in Europa, beispielsweise in Deutschland, Italien oder Spanien, wo Sozialistenführer oder solche Parteien keinen Widerstand leisteten, kollaborierten oder gänzlich zu Faschisten konvertierten und mit ihnen ein großer Teil ihrer Anhängerschaft. Die Maßnahme, lediglich die Produktionsmittel von der Privatwirtschaft in die Hände des Staates zu übertragen, führe lediglich zu einer Diktatur durch den Staat mittels einer mächtigen Bürokratie, ändere jedoch grundsätzlich nicht die Situation der ArbeiterInnenschaft „als Betriebsstoff der Wirtschaft". Ein Staatskapitalismus, wie in der UDSSR wäre ebenso das „Ende aller wahrhaft geistigen Kultur" und stellte nur eine „staatskapitalistische Versklavung der Völker" dar. Ein Sozialismus in „Allianz mit dem politischen Absolutismus" würde „zu größten Versklavung aller Zeiten führen". Und prophetisch für die Herausbildung des Ostblocks nach 1945 erklärte Rocker am Schluss des Kapitels: „Es ist diese Gefahr, die uns heute am meisten bedroht und von deren Erfolg oder Misserfolg die nächste Zukunft der Menschheit abhängen wird."

 

 

Die internationale ArbeiterInnenbewegung zwischen Anarchismus und Kommunismus

 

In der internationalen sozialistischen Bewegung hat es nach Rocker zwei Hauptströmungen gegeben:

 

Eine orientierte sich an den Ideen Proudhons, Bakunins und speiste sich aus dem Liberalismus. Sie versuchte, „ihre sozialistischen Bestrebungen auf eine wirklich freiheitliche Grundlage zu stellen" und brauche „ebenso wenig Gesetze wie Gesetzgeber", wie Proudhon es ausdrückte. Ihr Ziel war die „Abschaffung der Wirtschaftsmonopole mit der Ausschaltung alles Regierungswesens aus dem Leben der Gesellschaft" für ein „Gemeinwesen von freien und gleichen Menschen", in welchem „nur das freie Übereinkommen das einzige moralische Band aller gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen untereinander sein" kann. Jeglicher Zentralismus wurde abgelehnt. Und an die Stelle des Staates wurde die Autonomie der Gemeinden gesetzt, welche nach Proudhon auf Grund freier Verträge föderalistisch miteinander verbunden sein sollen.

 

Die andere (zu einem großen und bestimmenden Teil im deutschen Reich) fand ihre geistigen Wegbereiter in Hegel und Rousseau und trat für Demokratie und einen in ihrer politischen Macht befindlichen modernen Nationalstaat mit Gesetzgebung und Militär ganz im Sinne jakobinischer Herrschaft ein.

 

Marx hat nach Rocker nie etwas anderes getan, als die Welt und die Geschichte zu interpretieren. Unterstützung fand dieser autoritäre Sozialismus auch in den Gedanken Ferdinand Lassalles, ebenfalls einem „Verehrer der Staatsidee". Die deutsche Arbeiterbewegung vertraute ihren Führern in hohem Maße und gliederte sich somit bereitwillig in das bürgerliche System, bestehend aus Parlamentarismus, Staat und Parteien ein. Dies „lockte eine Menge bürgerlicher Elemente und karrierelüsterner Intellektueller ins Lager der sozialistischen Parteien". So konnte es nach Rocker schließlich „nicht ausbleiben, dass die modernen Arbeiterparteien sich allmählich in das nationale Staatsgefüge als notwendiger Bestandteil eingliederten und sehr viel dazu beitrugen, dem Staate das innere Gleichgewicht wiederzugeben, das er bereits eingebüßt hatte". Der marxistischen Lehre, das für den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ein Übergang vonnöten sei, die Diktatur des Proletariats, erteilt Rocker eine klare Absage mit dem Hinweis, das die Geschichte solche Übergänge gar nicht kenne. Das dabei nur die Freiheit auf der Strecke bleibt, zeigt Rocker anhand des Lenin-Zitates: ‘Freiheit (ist) ein bürgerliches Vorurteil’. Der demokratische Sozialismus habe im Gegensatz zum freien Sozialismus den bereits schwindenden Glauben an den Staat wieder neu gefestigt und habe sich somit folgerichtig zum Staatskapitalismus entwickelt, wie es die Erfahrungen in Russland deutlich gezeigt haben. Der freiheitliche Sozialismus müsse dagegen den „Willen zur Macht" aus der Gesellschaft ausschalten. Freiheit für einzelne gäbe es nicht ohne Gerechtigkeit für alle. Die Anarchie ist schließlich, wie Rocker ausführlich darstellt, „die Synthese von Liberalismus und Sozialismus".

 

An diesen Gegensätzen entzündeten sich auch die Konflikte innerhalb der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) um die Personen Karl Marx und Michael Bakunin. Zunächst „entwickelte sich im Schoße der Internationale der Gedanke einer allseitigen Verwaltung der gesellschaftlichen Produktion und des allgemeinen Verbrauchs durch die Produzenten selbst und zwar in der Form freier, auf der Basis des Föderalismus verbundener Wirtschaftsgruppen, denen in derselben Zeit auch die politische Verwaltung der Gemeinden obliegen sollte." Auf diese Weise sollte „die Kaste der... Partei- und Berufspolitiker durch Sachverständige ohne Vorrechte" ersetzt werden und „die Machtpolitik des Staates durch eine friedliche Wirtschaftsordnung" verdrängt werden, welche „in der Gleichheit der Belange und in der gegenseitigen Solidarität in Freiheit verbundener Menschen ihre Grundlage" finden sollte. Doch unter Führung von Karl Marx kollidierten diese freiheitlichen Vorstellungen schon sehr bald mit dessen Vorstellungen von Staat und Zentralismus. An Marxens Machtpolitik auch innerhalb der IAA zerbrach diese dann 1872. Die Marxistische Strömung gewann auch aufgrund des von Deutschland gegen Frankreich gewonnen Krieges von 1870/ 71 an Einfluss in Europa - Rocker spricht gar von einem „Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung". Zunehmend verdrängen Arbeiterparteien die freien Arbeitergruppen. Marxens einstiges Zitat von den Philosophen, welche die Welt nur verschieden interpretiert haben, wogegen es aber darauf ankäme, dieselbe zu verändern, wurde somit von seiner eigenen Ideenströmung ins Gegenteil verkehrt.

 

Die Unterscheidung zwischen autoritärem und freiheitlichem Sozialismus ist für Rocker ein Widerspruch in sich, wenn er betont: „Der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein!"

 

 

Gipfel der Staatlichkeit: Diktaturen

 

Faschismus und Kommunismus sind laut Rocker „nicht als Gegensätze zweier verschiedener Auffassungen vom Wesen der Gesellschaft zu bewerten, sie sind lediglich zwei verschiedene Formen derselben Bestrebungen, die nach demselben Ziele hinwirken (...) Jeder Diktator kann nicht eher Ruhe finden, bis er sich von allen unbequemen Mitbewerbern befreit hat. Dieselbe innere Logik, die Robespierre dazu zwang, seine Freunde von gestern dem Henker auszuliefern, dieselbe Logik, die Hitler dazu bewegte, in der Blutnacht des 30. Juni 1934 seine intimsten Kameraden aus dem Wege zu räumen, dieselbe Logik brachte heute Stalin dazu, sich der sogenannten Trotzkisten zu entledigen, weil er Furcht hatte, dass sie seiner Macht gefährlich werden könnten. Für jeden Diktator ist der tote Gegner der beste Gegner." Das gilt auch für den Massenmörder Trotzki.

 

Fatal sei daher die Annahme, „dass die Welt letzten Endes nur zwischen Kommunismus und Faschismus zu wählen habe, da jeder andere Ausweg ungangbar sei. Eine solche Auffassung der Dinge beweist nur, das man sich über das eigentliche Wesen des Faschismus und des Kommunismus überhaupt nicht klar geworden ist und noch nicht begriffen hat, dass beide auf dem selben Holze gewachsen sind."

 

Und Rocker führt weiter aus: „Dass die ursprünglichen Motive der bolschewistischen Diktatur in Russland von denen der faschistischen Diktaturen in Italien und Deutschland verschieden waren, sei unbestritten. Aber einmal ins Leben getreten, führte die Diktatur in Russland so wie in den faschistischen Staaten zu denselben unmittelbaren Ergebnissen, die in einer progressiv immer deutlicher zu Tage tretenden Ähnlichkeit beider Systeme ihren Ausdruck finden. Tatsache ist, dass die ganze innere Entwicklung des Bolschewismus in Russland und die gesellschaftliche Gestaltung in den faschistischen Ländern heute eine Stufe erreicht haben, die, soweit die inneren Richtlinien in Betracht kommen, überhaupt keinen Gegensatz mehr zwischen beiden Systemen erkennen lassen. Es handelt sich heute bloß noch um Unterschiede sekundärer Natur, die sich auch zwischen dem Faschismus in Deutschland und Italien feststellen lassen und die in den besonderen Verhältnissen der Länder ihre Erklärung finden.(...) Sogar die ursprüngliche internationale Tendenz der bolschewistischen Bewegung, die einst als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen dem russischen Staatskommunismus und den extrem nationalistischen Bestrebungen des Faschismus betrachtet werden konnte, ist unter Stalins Regime restlos verschwunden, um einer streng nationalistischen Erziehung der russischen Jugend den Platz zu räumen (...) Die Verstaatlichung des gesamten Kreditwesens in Italien, die stufenweise Unterordnung des ganzen Außenhandels unter die Kontrolle des Staates, die von Mussolini bereits angesagte Verstaatlichung der Schwerindustrie und vieles andere zeigen immer deutlicher die Tendenz einer staatskapitalistischen Entwicklung (...) Daß Faschismus und Kommunismus überhaupt als Gegensätze aufgefasst werden konnten, findet seine Erklärung hauptsächlich in der jämmerlichen Haltung der sogenannten demokratischen Staaten, die in ihrem Abwehrkampfe gegen die Flut des Faschismus sich mehr und mehr dessen Methoden aneignen und dadurch unvermeidlich immer tiefer in das Fahrwasser faschistischer Tendenzen geraten. Es wiederholen sich hier dieselben Vorgänge, die Hitler in Deutschland zum Siege verholfen haben. In ihrem Bestreben, dem ‚größeren Übel’ durch das kleinere Einhalt zu gebieten, haben die republikanischen Parteien in Deutschland die konstitutionellen Rechte und Freiheiten immer mehr eingedämmt, bis von dem sogenannten Verfassungsstaate zuletzt kaum noch etwas übrig blieb. Tatsache ist, dass die Regierung Brüning zuletzt bloß noch mit Dekreten unter Ausschaltung der gesetzgebenden Körperschaften regierte. Dadurch verwischten sich die Gegensätze zwischen Demokratie und Faschismus immer mehr, bis endlich Hitler der lachende Erbe der deutschen Republik geworden ist."

 

Originaltext: www.fau-bremen.de.vu

 

 

 

 

Die rote Gewerkschaftsinternationale gegen die Syndikalisten

 

Das doppelte Spiel, das die Rote Gewerkschafts- Internationale und ihre Agenten im Auslande spielen, ist charakteristisch. Einerseits spricht man von den revolutionären Syndikalisten wie von Waffenbrüdern, mit denen man sich zu einer gemeinsamen Arbeit verständigen kann, andererseits stellt man sie als Feinde des Proletariats dar, als Gegenrevolutionäre, die man entfernen muß.

 

In der einen Hand den Ölzweig, in der andern das blutige Schwert... In vielen Ländern ist die Bewegung der revolutionären Syndikalisten stark genug, um die dort befindlichen kommunistischen Parteien zu beunruhigen. Man hätte glauben können, daß die Einheitsfront aller Linksorientierten auf der einen Seite, die deutliche Erklärung der Roten Gewerkschafts- Internationale (daß die Syndikalisten ihren brüderlichen Platz in der RGI haben, daß sie ihren Standpunkt verfechten können, und daß deshalb die Bildung einer syndikalistischen Internationale ein Verbrechen gegen die Einigkeit des Proletariats sei...) man hätte glauben können, daß alle diese Zeichen der Freundschaft und Toleranz einen gemeinsamen Kampf beider Tendenzen, der zentralistischen und der föderalistischen, bedeutete, ohne die Notwendigkeit, sich gleichzeitig die Hälse abzuschneiden.

 

Sehen wir zu, wie in der Praxis die RGI diese Toleranz verwirklicht. In Nr. 12 der "Roten Gewerkschafts- Internationale" vom 15. Januar 1922 findet man einen Artikel über die Arbeiterbewegung in Mexiko in welchem der Autor von dem Einfluß der Anarcho- Syndikalisten in der allgemeinen Konföderation (CGT) spricht. Er ist mit den freundschaftlichen Erklärungen der RGI nicht zufrieden und folgert: "Ich bin überzeugt, daß bei rühriger Agitation und Propaganda der mexikanischen Kommunisten die heutigen Führer der CGT (das sind die Anarcho- Syndikalisten) beseitigt werden können und die Allgemeine Arbeits- Konföderation Mexikos ihren vollen und aufrichtigen Anschluß an die Rote Gewerkschafts- Internationele erklären wird." Man lockt also die revolutionären Syndikalisten nach Moskau, um sie alsdann aus der revolutionären Bewegung Mexikos zu entfernen.

 

Und erst die Beschimpfungen der Industrial Workers of the World (IWW) Amerikas! Wie hat man sie nicht vorher gelobt und mit Artigkeiten überschüttet; sie wurde als die einzige revolutionäre Organisation der Vereinigten Staaten hingestellt, gleichzeitig aber versuchte man, auch in ihr die Zellentaktik zu entfalten. Da jedoch der Delegierte Georg Williams auf dem Kongreß in Moskau nicht nach seiner Pfeife tanzte, begann das Exekutivkommitee der RGI einen Verleumdungsfeldzug gegen den Delegierten und die gesamte Organisation.

 

In dem Berichte über den Kongreß der deutschen Syndikalisten zu Düsseldorf im Oktober 1921, der in der "Roten Gewerkschafts- Internationale" vom 15. November 1921 erschien, spricht man von einem "Amerikaner, der sich zufällig auf einer Durchreise in Deutschland befand und die brüderlichen Grüße der IWW überbrachte, sowie die Schaffung einer syndikalistischen Internationale vorschlug!" Dieser "Amerikaner auf der Durchreise" war aber kein anderer, als unser Kamerad Williams, der als Beauftragter der IWW sprach... In der Zeitschrift "Der Klassenkampf" (La Lutte de Classes), ein Organ, das in Paris von einem kommunistischen Quartett herausgegeben wird, erschien ein Artikel eines dieser Verleumder des Syndikalismus im allgemeinen und des russischen Syndikalismus im besonderen ohne einen Kommentar. Nach diesem Artikel ist die IWW nicht mehr eine syndikalistische Organisation, sondern "eine Sekte von antipolitischen Propagandisten, die alles verwirft, was gegen ihre Religion verstößt". (Der Verfasser sagt dies kalten Blutes, obzwar er als Bewunderer des bolschewistischen Systems weiß, daß die Bolschewisten alles verworfen haben, was gegen ihre Religion verstieß) Der Verfasser Wm.Z. Foster kommt dann zu folgenden Ergebnissen: "Die Anhänger der Roten Gewerkschafts- Internationale finden in den alten Gewerkschaften (er spricht sicherlich von der Gomperschen American Federation of Labor) nicht nur Duldung in größtem Ausmaße, sondern auch eine gewisse Gastfreundschaft."

 

Man ist also fast bei Umarmungen angelangt: die Rote Gewerkschafts- Internationale mit der "American Federation of Labor". Tschitscherin und der König von Italien ist nicht weniger komisch, als Losowsky, der Generalsekretär der RGI, und Gompers, der Präsident der AFL. Der Verfasser beschließt seine Arbeit mit einem Lobgesang auf Gompers: "Die Hoffnung der revolutionären Arbeiterschaft liegt zukünftig in den Massenorganisationen, den alten Gewerkschaften, der organisierten Arbeiterbewegung Amerikas." Der "Klassenkampf" besitzt noch die Stirn, dieses Geschreibsel mit dem Titel zu versehen: "Wo die IWW Gompers überschreiten und sich mit Amsterdam wieder vereinen."

 

H. Brandler, einer der Hohenpriester der Roten Gewerkschafts- Internationale, ist noch weitgehender. Er spricht bereits in einem Artikel der "Internationale", Heft Nr. 20), von Syndikalisten, die bewußt oder unbewußt (für seine Zweifel sind wir ihm sehr verbunden) Werkzeuge der Gegenrevolution der Welt sind. Er schlägt ihnen vor, selbst eine Internationale zu bilden. "Sollen die Syndikalisten uns zeigen," sagt er, "daß sie mit ihren Kampfesmethoden, die sie für revolutionär halten ... wenigstens imstande sind, die Offensive des Kapitalismus niederzuschlagen. Dann werden wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen, und wir können uns auch unterstützen, falls es sich als notwendig erweist, auch wenn wir in verschiedenen Organisationen sind."...

 

Brandler fürchtet ich jedoch vor seinem eigenen Vorschlag und warnt schon davor, indem er dies als unrealisierbar hinstellt. Infolgedessen wird die Gründung einer solchen syndikalistischen Organisation für Brandler eine gegenrevolutionäre Handlung, ohne daß er erst den Beweis für ihre Unfähigkeit abwartet. Die Schlußfolgerungen sind also für ihn sehr einfach und charakteristisch: "Die Stellung, die gegen die Syndikalisten der verschiedenen Länder einzunehmen ist, muß auf dem 4. Kongreß der Kommunistischen Internationale geprüft werden. Die Rote Gewerkschafts- Internationale muß sich auch auf ihrem 2. Kongreß mit dieser Frage beschäftigen. Die kommunistischen Parteien Frankreichs, Italiens, Spaniens müssen nun den Kampf, der von den Anarchisten und Syndikalisten gegen den Kommunismus geführt wird, aufnehmen. Das wird die beste Vorbereitung und Klarstellung dieser Frage für die beiden Kongresse sein."

 

Eine nachträgliche Kriegserklärung! Wir werden uns danach zu richten wissen.

 

Ist es noch notwendig, von dem Kampfe der Kommunisten gegen die russischen Syndikalisten zu reden? Wenn man hofft, in Mexiko die Anarcho- Syndikalisten los zu werden, dann ist die Sache in Rußland viel einfacher. Man kennt schon in der ganzen Welt die Leidensgeschichte der Einkerkerungen, der Todesvollstreckungen und Ausweisungen der Anarchisten und Syndikalisten Rußlands. Die RGI läßt davon kein Sterbenswörtlein hören, es scheint, als ob dies sie nichts angeht. Es ist wahr, daß sie herzzerreißende Aufrufe erläßt an das Proletariat gegen die Missetaten dieser oder jener Regierung, die die Revolutionäre, Kommunisten, Syndikalisten einkerkert, gegen die Regierungen, die politische Flüchtlinge ausliefern; den Balken im eigenen Auge will sie aber nicht bemerken. Noch niemals hat die RGI protestiert gegen die furchtbarsten Verfolgungen, deren Opfer die Anarchisten, Syndikalisten und andere Revolutionäre in Rußland sind.

 

Wir wollen es jedoch zugeben, die Rote Gewerkschafts- Internationale hat an diesen Dingen Interesse. In Rußland erschien aus der Feder eines gewissen Jakovleff ein Büchlein über die russischen Anarchisten. Dies Buch ist derart voll von Lügen und Entstellungen, daß man nach seiner ehrlichen Durchsicht nur einen einzigen wahren Ausdruck finden kann: "Unwissender Jakovleff, du hast gelogen." Indessen, die RGI findet auch Gelegenheit, sich für das Schicksal der Anarchisten und Syndikalisten zu interessieren, und läßt sie in seiner Zeitschrift Revue passieren. Diese Frage reizt den Redakteur der "Roten Gewerkschafts- Internationale" derart, daß er zwei Übersetzungen dieser Schrift ins Deutsche anordnete, die eine in der Nr. 10 des 15. Dezember und eine andere in Nr. 11 des 31. Dezember 1921. In diesen Ausgaben werden nur einige Abschnitte des Buches veröffentlicht. Der Verfasser will darstellen, daß es zwischen den Anarcho- Syndikalisten und den Machnowisten keinen Unterschied gibt, weil der Redakteur der Anarcho- Syndikalisten der Petrograder Zeitung "Golos Truda" dieselbe Person war, die 1919 Präsident des revolutionären Kriegsrates Machnos gewesen ist, nämlich Wollin. (es fehlt ein Textteil) nur einer dieser drei gewesen ist, die beiden anderen noch bis auf den heutigen Tag Mitglieder der Organisation "Golos Truda" sind. Wie uns bekannt ist, war auch Wollin nie Präsident des revolutionären Kriegsrates Machnos.

 

Kann man etwa sagen, daß die kommunistische Partei eine Bande von Expropriateuren ist, weil sie in ihren Reihen Kibaltschisch - Victor Serge - Le Retif als einen ihrer internationalen Agenten hat, ein früheres Mitglied der famosen Gruppe "L' Anarchie" ?

 

Die Rote Gewerkschafts- Internationale hätte ein wenig mehr Zartgefühl und Ehrlichkeit nötig. Wenn sie nicht den Mut aufbringt, gegen die Verfolgungen der Anarchisten und Syndikalisten in Rußland durch die kommunistische Partei Rußlands zu protestieren, dann soll die RGI sich wenigstens in einen Winkel zurückziehen und nicht Lügen verbreiten.

 

Der Kampf, den die kommunistische Partei Rußlands und die Zentrale der russischen Gewerkschaften gegen den Syndikalismus und die Syndikalisten führen, ist bereits auf das internationale Gebiet übergegangen. Die Toleranzerklärungen und Freundschaftsbekundigungen sind Schlingen, in die die RGI, d.h. Moskau, die Naiven zu locken versucht.

 

Aus: „Der Syndikalist", 4. Jg. (1922), Nr. 31, ohne Verfassernamen

 

 

 

 

Kommunisten - Fascisten (1923)

 

"Die nationale Frage ist zur Frage der Revolution geworden." (Paul Frölich in der ,Roten Fahne', den 3. August 1923)

 

Die Kommunistische Partei Deutschlands hat sich in letzter Zeit in gerader Richtung zum Fascismus hin bewegt. Schrittmacherin bei diesem Marsche in das Lager des Nationalismus ist auch diesmal wieder die Kommunistische Internationale. Der zweifelhafte Ruhm, das Signal zum Aufmarsch gegeben zu haben, kommt dem Diplomaten der russischen Bolschewikiregierung, Radek, zu. Die Bestrebungen in der Kommunistischen Partei, sich mit den nationalistischen Elementen Deutschlands zu verbinden, um mit ihnen gemeinsam den äußeren Feind aus dem Lande zu treiben und den Vertrag von Versailles zu zerbrechen, sind nicht neu. Bei Beginn der deutschen Revolution waren Laufenberg und Welfheim in Hamburg die Verteidiger dieses Gedankens, die später aus der Kommunistischen Partei Deutschlands auf Geheiß der Kommunistischen Internationale und hauptsächlich auf einen Druck Radeks hin, ausgeschlossen wurden. Die Kommunistische Internationale fand sich damals durch die revolutionäre Situation in Mitteleuropa noch in die Notwendigkeit versetzt, offen wenigstens Stellung gegen rein nationalistische Bestrebungen zu nehmen, denn sonst hätte sie einen Abfall ihrer Anhängerschaft fürchten müssen. Die nationale Staatsidee war aber schon damals ein wesentlicher Bestandteil der Kommunistischen Internationalen und so konnte man auch damit rechnen, dass ihre Politik früher oder später in die Kanäle des Nationalismus führen würde. Das ist jetzt eingetroffen. Wir wundern uns darüber keineswegs, und doch empfinden wir einen Ekel darüber, dass gerade Radek jetzt der eifrigste Verteidiger des Bolschewiki-Fascismus ist, Radek, der am stärksten auf die Entfernung seiner Vorgänger Laufenberg und Wolfheim drängte.

 

Die Kommunistische Partei Deutschlands hat einen Fascistenfimmel bekommen. Dieser Fimmel begann mit einer Rede, die Radek über den völkischen Banditen Schlageter gehalten hat, in welcher er diesen den ,tapferen Soldaten der Konterrevolution' nannte und ihn lobte. Es folgte die Veröffentlichung einer kommunistischen Schlageterschrift, in der unter anderem der kommunistische Abgeordnete Frölich einen Aufsatz schrieb. Es kam zur Stellungnahme der Völkischen selbst zu dieser Sache, und schließlich kam man zu einer Fühlungnahme zwischen Deutsch-Völkischen oder Fascisten und Kommunisten. Nach einem Artikel von Radek über den Fascismus und die deutsche Sozialdemokratie folgte ein weiterer Artikel von Radek in der ,Roten Fahne' Nr. 176 über die Aufgaben der Kommunistischen Partei Deutschlands, und in derselben Nummer veröffentlicht die ,Rote Fahne' einen Artikel von dem Erzreaktionär Graf E. Reventlow über ,ein Stück Wegs'. Hier wird schon offen davon gesprochen, dass Kommunisten und Deutsch-Völkische ein Stück Wegs zusammengehen können. Diese Idee wird von beiden Seiten gehätschelt, so dass es nicht allzu lange dauern wird, und die heilige Allianz zwischen dem Rechts- und Linksbolschewismus ist perfekt. Dabei ist zu beachten, dass die Annäherungen nicht von den Fascisten ausgehen, sondern ausschließlich von der Kommunistischen Partei. Graf Reventlow bemerkt daher auch in seinem Artikel in der ,Roten Fahne': ,Auf die Frage, ob meiner Ansicht nach der Kommunismus die nationalen Interessen Deutschlands gefährde, antwortete ich: dass dies in der Tat bisher der Fall ist. Auch war seine Stellungnahme - bis zu Radeks Schlageter-Rede durchweg ausgesprochen vehement antideutsch, antinational. Der Kommunismus kann sich nicht wundern, wenn seine neuerliche Haltung zunächst starker Skepsis begegnet.'

 

Es wird von dem Fascistenführer richtig bemerkt, dass von nun an eine andere Politik der Kommunisten einsetzt. In welcher Richtung diese Politik sich bewegt und wie die Zusammenarbeit gedacht ist, geht ebenfalls aus den Reventlowschen Ausführungen hervor. Er sagt: ,In dem Artikel des ,Reichswart ' hatte ich rückschauend bedauert, dass 1920 eine Kooperation deutscher und sowjetrussischer Truppen gegen Polen nicht erfolgt sei, und dass ich mich vergebens für eine solche eingesetzt hatte. Herr Frölich fragt: ,Glauben sie, dass diese Gelegenheit für immer vorbei ist ?' Nein, das glaube ich nicht unbedingt. Sie kann vielleicht in dieser oder jener Form wiederkommen. Ich sehe allerdings nicht, auf welche Weise Sowjetrussland für die Befreiung Deutschlands aus der französischen Gewalt in absehbarer Zeit wirksame Hilfe leisten könnte, auch wenn es wollte.'

 

Man spielt aber mit dem Gedanken, dass die Truppen der Roten Armee sich mit den deutsch-völkischen Elementen, mit den Ludendorff und Hindenburg, mit Hitler und Ehrhard verbinden, um in gegebener Stunde den Kampf gegen Frankreich aufzunehmen. In diesem Sinne sprach auch Cachin, einer der Führer der Kommunistischen Partei Frankreichs in der französischen Kammer zu Beginn der Ruhrbesetzung: ,Die Rote Armee', sagte er, wird die Wacht am Rhein bilden.' Und um dieselbe Zeit machte Bucharin seine charakteristischen Ausführungen, dass Sowjetrußland in die Lage kommen könnte, mit einem kapitalistischen Staate militärische Bündnisse einzugehen, um gegen einen anderen kapitalistischen Staat Krieg zu führen.

 

Wenn alle diese Ausführungen zusammengenommen werden, so muß ein Blinder sehen, wohin der Kurs führt. Das bolschewistische Russland und das kapitalistische Deutschland sollen sich verbünden, um einen Krieg gegen Frankreich zu führen. Vom Standpunkt des Nationalismus und der Staatspolitik wäre dagegen nichts einzuwenden, wenn wir uns aber fragen, was haben die Arbeiter damit zu tun ?, dann werden wir nur die eindeutige Antwort geben können: gar nichts !

 

Die Völkischen und die Kommunistische Partei gehen hier ein ,Stück Weg', wie Radek und Frölich sagen, zusammen. Diese Politik ist aber im höchsten Grade reaktionär. Die Arbeiter werden zu Werkzeugen einer Staatspolitik benutzt, wie von der wilhelminischen oder der Zarenregierung. Die Soldaten der Roten Armee sind zum Militärdienst gezwungen, und die Arbeiter Deutschlands sollen ebenfalls, nach russischen Muster, wieder in das Joch der allgemeinen Wehrpflicht, mit anderen Worten in den Militarismus hineingezwungen werden. Nette Aussichten !

 

Durch die Politik der Kommunistischen Partei eröffnen sich für das deutsche Proletariat furchtbare Perspektiven. Der Krieg, den Millionen Proletarier mit ihrem Leben büßen mussten, der Ströme Blutes kostete, der halb Europa in Hungersnot und ins Verderben stürzte, der Krieg, den das gesamte Proletariat aus tiefstem Herzen verflucht, soll wieder aufleben. Und gerade die Kommunistische Partei, die geboren ist in einer Zeit, als das Proletariat durch sie nach Beendigung des Weltkrieges die Herbeiführung eines Gesellschaftszustandes erhoffte, in dem es keine Kriege mehr geben würde, gerade diese Partei musste es sein, die sich mit den früheren Kriegshetzern verbündet, um einen neuen Krieg herbeizuführen. Das ist das Niederdrückendste für das deutsche Proletariat !

 

Der Fascismus ist der ärgste Feind der proletarischen Arbeiterbewegung. Der Fascismus, der in Deutschland unter dem Namen der deutsch-völkischen Bewegung auftritt, soll von allen revolutionären Arbeiterorganisationen bekämpft werden. Die kommunistische Partei selbst gibt vor, den Fascismus zu bekämpfen, und sie wollte zu diesem Zwecke sogar eine Einheitsfront des revolutionären Proletariats bilden. Wie kann aber die Kommunistische Partei den Fascismus bekämpfen, wenn sie mit ihm ein ,Stück Weg' geht und gemeinsam mit ihm den ,äußeren Feind' schlagen will. In nicht ferner Zukunft werden wir eine Einheitsfront der Deutsch-Völkischen und der Kommunisten haben und das revolutionäre Proletariat wird gezwungen sein, gegen beide anzukämpfen. Die Reaktion heißt in Italien Fascismus, in Russland Bolschewismus und in Deutschland wird sie dargestellt durch die Deutsch-Völkischen und die Kommunisten zugleich. Zu bedauern sind dabei nur die Arbeiter, die guten Glaubens in der kommunistischen Partei sind, und durch sie die Befreiung vom Joche des Kapitalismus erhoffen.

 

Die Aufgabe der syndikalistischen Genossen ist es, die Klassengenossen der kommunistischen Partei aufzuklären über den wahren Charakter dieser Partei, ihnen vor Augen zu halten, dass die Partei die Geschäfte der Gegenrevolution besorgt und die Arbeiter zu einem noch größeren Elend führen wird, als die Sozialdemokratie es getan hat. Wenn man in Zukunft von Arbeiterverrätern spricht, dann darf man nicht vergessen, dass die kommunistische Partei den größten Verrat an dem revolutionären Proletariat verübt hat, und sie deshalb zu den gefährlichsten Verrätern gehören.

 

Die kommunistische Partei ist heute national eingestellt. Das geht am deutlichsten aus den Worten Frölichs hervor: ,Die nationale Frage ist zur Frage der Revolution geworden.' Dieser Satz bedeutet nichts anderes, als dass die Befreiung der Nation durch eine Revolution erfolgen soll. Die Revolution soll also als Mittel zum Nationalismus betrachtet werden. Dasselbe wollen auch die Völkischen. Auch sie verwerfen den Parlamentarismus und die gesetzlichen Mittel und wollen ihr Ziel durch den Kampf bewaffneter Scharen gegen die bestehenden Staatsautoritäten erreichen, wie es Mussolini in Italien tat. Hierin sind sich Kommunisten und Fascisten einig.

 

Beide verstehen unter Revolution nichts anderes, als den gewaltsamen Sturz der bestehenden Autoritäten, damit sie die Autorität ihrer eigenen Parteien an deren Stelle setzen, die aber noch autokratischer das Staatszepter führen werden. Diese Art ,Revolution' hat aber nicht das geringste gemein mit der Auffassung von der sozialen Revolution, wie sie von dem Proletariat seit den letzten 60 Jahren erstrebt wurde. Die soziale Revolution hat nichts zu tun mit der nationalen Frage. Die Kommunisten aber wollen nicht die soziale Revolution, sondern einfach die politische. Mit anderen Worten eine Revolution, die ihrer Partei die Macht sichern soll. Wenn durch eine Revolution die nationale Frage gelöst werden soll, dann ist diese Revolution nicht die Revolution des revolutionären Proletariats.

 

Die Wege scheiden sich: Auf der einen Seite stehen Völkische und Kommunisten, die durch die Revolution die nationale Frage lösen, das heißt den Vertrag zu Versailles zerreißen wollen, um Deutschland wieder zu einer starken Großmacht zu machen. Auf der anderen Seite stehen die revolutionären Syndikalisten und Anarchisten, die jede Regierung und Autorität beseitigen, das Privateigentum und die Lohnknechtschaft abschaffen wollen, um die soziale Gleichheit einzuführen. Die ersteren wollen, nachdem sie die heutigen Autoritäten gestürzt haben, den Krieg gegen Frankreich führen, die letzteren wollen jede Nationalgrenze aufheben. Sollte Frankreich dann durch seine Truppen ganz Deutschland besetzen, so wird das der Anfang zum Ende des französischen Militarismus sein, wie auch der deutsche Militarismus gerade durch seine unersättliche Gier nach Beherrschung der ganzen Welt seinen Sturz vorbereitete, und wie auch vor mehr als 100 Jahren Napoleon aus denselben Ursachen zu Fall kam. Die einen wollen die Wiederaufrichtung des Militarismus in neuer Form, die anderen kämpfen für die Beseitigung jedes Militarismus. Kurz, auf der einen Seite steht die Reaktion, die trügerischerweise unter dem Namen Revolution auftritt und die Arbeiterschaft betören will, auf der andern Seite steht die soziale Revolution. Mögen die Arbeiter wählen !"

 

 

Aus: "Der Syndikalist", Nr. 32/ 1923

 

 

Augustin Souchy - Zentralismus und Sozialismus

 

Die revolutionären Wogen, die das Meer der Völker der Erde im Grunde durchwühlen, haben durch den Schiffbruch des Krieges Probleme an die Oberfläche des gesellschaftlichen Lebens gebracht, die früher nur in der Ideenwelt des Sozialismus ein theoretisches Dasein führten. Die Völker Ost- und Mitteleuropas sind politisch gereift, die Träume Einzelner, die Theorien großer Denker sind zum Gegenstand der Betrachtung breiter Volksschichten geworden. Man ist sich bewußt geworden, dass man ein lebender Teil eines Volksganzen ist, dessen Aufgaben nicht in der Selbstbefriedigung eines abstrakten Staates liegen, sondern in der wirksamen Beteiligung jedes Einzelnen an den Angelegenheiten des öffentlichen Lebens, die nur dann zu einem befriedigenden Austrag gebracht werden können, wenn das Gedeihen jedes Einzelnen in aller Terminologie gesprochen, aller Klassen, nicht im Widerspruch mit den größeren Organisationen, mit den völkischen Einheiten sich befindet.

 

Hier sind wir aber schon an der Wurzel des sozialen Übels. Alle Riesenorganisationen des sozialen Lebens, die es sich zur Aufgabe machen, Menschen mit ökonomischen Interessengegensätzen in einer Einheit zusammenzufassen, müssen notwendig großen Teilen einen Zwang auferlegen, der immer Anlaß zu Auflehnungen zur Folge haben wird und den sozialen Frieden, das gedeihliche Entfalten der kleinen Einheitsgruppen in Land und Stadt aufs empfindlichste stören muß.

 

An diesem Zwange ist das Riesenreich der Römer, sind in unserer Zeit die Riesenstaaten Rußland, Deutschland und Österreich zugrunde gegangen und alle Staatsgebilde oder sonstigen Organisationen, die auf diesem Prinzip gebaut sind, sind unweigerlich dem Tode verfallen. In solchen Organisationen ist das Prinzip der Auflösung im Keime enthalten. Das beste Schulbeispiel hierfür bieten die deutschen Gewerkschaften, deren Auflösungsprozeß mehr und mehr um sich greift. Diese geschichtliche Wahrheit ist unumstößlich. Die hieraus zu ziehenden Schlußfolgerungen sind, daß nur solche Organisationen sich vor dem Zersetzungs- und Auflösungsprozeß bewahren können, die diesen geschichtlichen Tatsachen Rechnung tragen.

 

Von nicht geringem Interesse ist es daher, daß Parteirichtungen, die gegen die alten Mächte ankämpfen, ja einen Vernichtungskampf auf Leben und Tod mit ihnen aufgenommen haben, über diese Tatsachen entweder bewußt oder unbewußt sich vollständig hinwegsetzen, indem sie auf die alte Weise einen neuen zentralistischen Zwangsstaat an die Stelle des zerfallenden alten setzen wollen. Leute dieser Art sind die Kommunisten, die jetzt allerorten zur Bildung der kommunistischen Partei schreiten.

 

Anläßlich des Umstandes, daß diese Revolutionäre von heute sich es noch herausnehmen, teils aus Unwissenheit, teils aus Ultramodernismus, die Prinzipien des Anarchismus und Syndikalismus in plumper Weise bei den noch unwissenden Massen in Mißkredit zu bringen, ist es hier am Platze, ihre eigenen theoretische Salbe, die einer Zeit der brühwarmen Köpfe und eiskalten Herzen ihre Wiedergeburt der schwarzen Küche verdankt, in der adeptische Hegelianer sich dialektischer Kochkünste befleißigten, einer Analyse zu unterziehen. Die kommunistischen Wirrköpfe, die nach den berüchtigten Rezepten Dolch, Revolver, Dynamit arbeiten, dünken sich wunder wie radikal, wenn sie dazu noch die direkte Aktion auf wirtschaftlichem Gebiet in ihren verschiedenen Äußerungen, wie Streiks, Generalstreik, Sabotage, passive Resistenz rechnen.

 

Hier muß zunächst einmal darauf hingewiesen werden, daß gerade diese letzten Kampfmittel seit Jahrzehnten von den Anarchisten und Syndikalisten propagiert worden sind, aber da sie nicht von der autorisierten Zentralparteileitung als Parole herausgegeben wurden, sondern von den abseits stehenden Gruppen oder vereinzelt stehenden Personen, hat man diese Mittel als Generalunsinn verschrieen. Ist schon die Nichtbeachtung dieses Umstandes seitens der Kommunisten eine Unverfrorenheit, so ist vollends die Bekämpfung dieser Bahnbrecher der proletarischen Kampfmittel eine Unverschämtheit, die abgebrühten Politikern und politischen Plagiatoren alle Ehre mache würde. Rechnet man dazu noch die sich immer breiter machende Behauptung der Kommunisten, alleinige Retter des Proletariats zu sein, so ist der vollendete Typus eines Demagogen fertig.

 

Die verschiedensten Schriften russischer und deutscher Herkunft über Bolschewismus und Kommunismus gipfeln in einer Verherrlichung der Diktatur des Proletariats. Was ist die Diktatur des Proletariats? Die für die Kommunisten günstigste Definition über die Diktatur des Proletariats gibt ein Nichtkommunist, Professor Eltzbacher, in seiner Broschüre über den Bolschewismus. Nach seiner Definition ist die Diktatur des Proletariats nichts anderes als Diktatur aller arbeitenden Kräfte des Volkes.

 

In Anbetracht des Umstandes, daß bisher die Nichtarbeitenden über die Arbeitenden geherrscht und sie ausgesogen haben, ist die Diktatur des Proletariats gegen die bisherige Diktatur der Bourgeoisie gehalten, freilich ein Fortschritt. Andererseits meinen doch aber die Kommunisten, daß alle Nichtarbeitenden zur produktiven Arbeit gezwungen werden sollen. Es gibt dann also keine Nichtarbeitenden mehr. In der Tat müßte sich eine solche Diktatur des Proletariats bald als die Herrschaft eines Klüngels über genasführte, verführte und naive Proletarier entpuppen. Der Anschauungsunterricht, den Rußland und Ungarn uns unfreiwillig geben, dürfte die Wahrheit der anarchistischen Behauptung bald bestätigen, daß jede Diktatur, auch die des Proletariats, keine Aufhebung der Herrschaft, sondern nur eine Ablösung derselben durch eine andere Form und Clique ist. Denn wenn die Arbeitenden herrschen, dann hat die Herrschaft doch nur einen Sinn, wenn über andere geherrscht wird; wenn aber diese andern wieder die Arbeitenden sind, dann wird doch wieder das Proletariat beherrscht. Eine Herrschaft über sich selbst ist und kann aber niemals eine politische Organisationsform sein.

 

Die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats für den Sozialismus von der die kommunistischen Publikationen so voll sind, ist nicht nur nicht einzusehen, sondern direkt schädlich und hinderlich für eine wirkliche Befreiung. Es ließe sich sehr wohl ein Weg denken, auf welchem man ohne die Diktatur des Proletariats zum Sozialismus kommen kann. Dieser Weg läßt allerdings keinen Raum für politische Streber, für Demagogen, Geschäftemacher und Volksbeglücker zweifelhafter Art; läßt keinen Raum für solche, die „in Revolution machen“ und denen es nach Macht gelüstet.

 

Auf den Einwand der Kommunisten, daß zur Bekämpfung der politischen Macht des Staates das Proletariat sich ebenfalls zentralisieren muß, um den zentralisierten Kapitalismus mit Erfolg bekämpfen zu können, ist zu antworten, daß durch Paralisierung des Zentralismus der Staat ebenso wirkungsvoll bekämpft werden kann, ohne daß man dabei Gefahr läuft, durch Errichtung einer neuen Zentralgewalt den Zwang und die damit verbundene Knechtschaft zu konsolidieren.

 

 

Der Zentralismus als Organisationsform der Herrschaft

 

Die Formen, welche die Menschen zu ihrer Vereinigung wählten, müssen dem Zwecke entsprechen, den sie mit dieser Organisation im Auge haben. Der Despot, dessen Absicht ist, das Volk zu beherrschen, betrachtet sich als Zentrum, um welches sich alles drehen muß, gleichsam wie man in der vorkopernikanischen Zeit glaubte, daß alle Sterne sich um die Erde drehen. In Deutschland und England, sowie allen anderen Ländern saßen die Bauern in ihren Maisgenossenschaften und Clänen als Freie. Da gab es keine Zentralisation. Und doch gab es eine Gesellschaft, die Menschen lebten in Gemeinsamkeit.

 

Und als in England zur Zeit der Königin Elisabeth und in Deutschland etwas früher die städtische Großbürgerschaft in Gemeinsamkeit mit dem Feudaladel die Bauern von ihrem Lande gewaltsam vertrieben und sie ihres Bodens beraubten, und als dann später einzelne Heerführer mehrere Städte mit den umliegenden Ortschaften unterjochten, bildete sich am Hofe dieser Fürsten der Zentralismus aus, auf dem sich dann die großen Zentralgebilde unserer heutigen zentralistischen Staaten aufbauten.

 

Das Organisationsprinzip des Zentralismus machte sich nur für die einzelnen Herrscher notwendig, die vom einem Orte aus größere Länder zu gleicher Zeit beherrschen wollten, um Zinsen aus denselben zu pressen. Dazu waren sie gezwungen, Minister an ihre Höfe zu berufen und Statthalter in die einzelnen Provinzen zu senden. Nun muß man aber stets daran festhalten, daß dies nicht zum Leben der unterjochten Völker notwendig war, sondern daß diese zentrale Regierung lediglich von dem Herrscher, der die Macht erobert, zum Zwecke der Erhebung von Abgaben und später zur Beeinflussung der Volksmeinung zugunsten des Fürsten geschaffen war. Durch diese Beeinflussung war es dann möglich, daß man die Botmäßigkeit des Volkes erreichte, ohne brutale, rohe Gewalt anzuwenden. Zur Entwicklung der Kultur waren diese großen Zentralstaaten nicht nur nicht notwendig, sondern nachweislich schädlich. Denn überall, wo die ihre Hand ausstreckten, da töteten sie das Leben, welches das Volk selbständig hervorgebracht hatte. Sie zerstörten es, weil sie fürchteten, daß das Volk zu selbständig werden könnte und zur Einsicht gelange, daß es sein Leben ohne den Staat viel besser führen kann als mit ihm.

 

Durch diese systematische Beeinflussung des Volkes und durch die Jahrhunderte lange Unterdrückung seitens des Zentralstaates, hat man die Völker Europas so sehr an den Zentralismus gewöhnt, daß die selbst glauben, ohne ihn kein gedeihliches und kulturelles Leben führen zu können. Ja, sogar Männer der Wissenschaft und Sozialisten, also Leute, die eine freiere und gerechtere Gesellschaft anstreben, sind dieser Beeinflussung zum Opfer gefallen. Und zu diesen gehört auch Karl Marx und die ganze Bewegung, die seinen Lehren folgte.

 

Es ist aber nicht anzunehmen, daß ein Mann wie Marx, der doch sonst so viel Gelehrsamkeit an den Tag legte, einer so durchsichtigen und fadenscheinigen Verfälschung zum Opfer fiel. Man findet aber auch bei Karl Marx und Friedrich Engels Stellen, wo sie den Staat als Klassenherrschaft bezeichnen und der Meinung sind, daß eine klassenlose Gesellschaft ohne Staat leben wird.

 

Wenn man aber den Staat verwirft, dann muß man auch den Zentralismus verwerfen. Denn ohne Zentralismus kann kein Staat leben. Ohne Zentralismus muß der Staat zerfallen. Wenn der Staat eine bestimmte Rechtsordnung in einem begrenzten Gebiete ist, dann kann diese Rechtsordnung nur dann ausgeübt werden, wenn sie durch eine zentrale Körperschaft, die über eine genügende Waffenmacht verfügt, aufrecht erhalten wird. Verliert aber diese zentrale Körperschaft ihre Macht, dann zerfällt sie selbst und dadurch also auch der Staat.

 

Dies schon gibt uns Gelegenheit, darauf hinzuweisen, auf welche andere Weise dem Sozialismus die Wege geebnet werden können, als durch die Diktatur. Denn eine Diktatur, mag sie nun die des Proletariats oder die der Kapitalisten oder einer anderen Klasse sein, kann sich eben nur durch eine zentrale Körperschaft, die über genügend starke bewaffnete Macht verfügt, erhalten. Wendet aber das Volk alle seine Kräfte darauf an, diese bewaffnete Macht zu zerstören, dann kommt das Proletariat seinem Ideale ohne Umwege nahe, die Herrschaft, die es zur Knechtschaft verdammt, zu beseitigen und die Macht der herrschenden Klassen zu brechen. Es ist nicht nur schädlich, den Teufel durch den Beelzebub auszutreiben, d.h. die Diktatur des Bürgertums durch die Diktatur des Proletariats zu ersetzen, sondern es ist auch logisch unrichtig und führt deshalb in der Praxis nicht zu dem Ziele, das man anstrebt: die Menschen zu befreien. Wenn man dies wirklich will, dann darf man jedenfalls nicht den merkwürdigen Standpunkt einnehmen, die Freiheit durch Errichtung einer neuen Herrschaft herbeizuführen.

 

Die Lehre von Karl Marx, durch die Diktatur des Proletariats in eine freie Gesellschaft zu gelangen, ist also logisch sehr durchsichtig; ob sie aber in der Praxis zum Ziele führt, ist keinesfalls so evident, wie unsere heutigen Bolschewiki in Rußland und die Kommunisten in Deutschland es darstellen. Es liegt mir ferne, über die russische Sowjet- Republik den Stab zu brechen, insbesondere zu einer Zeit, wo die Reaktion der Kapitalisten aller Länder ihr so stark zusetzt, daß ihr Bestand sehr gefährdet ist, dies kann mich aber doch nicht abhalten, der Meinung Ausdruck zu geben, daß durch die Aufhebung der Diktatur, durch Entziehung und Vernichtung der militärischen Gewalt, durch die Entwaffnung der Bürgerklasse mittels Streik, Sabotage usw. und nicht durch die Einsetzung einer neuen Diktatur der Freiheit viel größere Dienste geleistet werden, als durch die Diktatur, welche doch eigentlich nur bedeutet, der Gewalt Bärendienste zu leisten.

 

Immerhin soll zugegeben werden, daß die Diktatur des Proletariats der des Bürgertums oder einer anderen vorgezogen werden mag, schon allein deshalb, weil der Grund und Boden sowie die Produktionsmittel der Nutznießung einzelner entzogen werden, wenn nicht, wie teils in Ungarn, die Gewählten des Proletariats selbst der Korruption anheimfallen und die erlangte Macht dazu benutzen, sich persönlich zu bereichern.

 

Der Despotismus, sowie der kapitalistische Staat sind zentralistisch organisiert. Die zentralistische Organisationsform ist also charakteristisch für die Herrschaft. Daß in einer zentralistischen Organisation kein Platz für die Freiheit ist, leuchtet sofort ein, wenn man sich klar macht, daß nur durch Disziplin eine solche Zwangsverbindung aufrechterhalten werden kann. Größere Massen Menschen sind niemals ein und derselben Meinung. Will man aber diese Menschen ihrem Willen entgegen zusammenhalten, dann kann dies nie auf freiwilliger Grundlage, sondern nur durch den Zwang geschehen. Die Menschen müssen in die Organisation hineingezwungen werden, meist gegen ihren Willen und gegen ihr Interesse. Das Band, das dann eine solche Organisation zusammenhält, ist die Disziplin. Disziplin bedeutet Zwangsunterordnung, und bedeutet nicht, wie man von sozialdemokratischer Seite weismachen will, freiwillige Unterordnung.

 

Zentralismus ist untrennbar mit Disziplin verbunden. Disziplin aber war die große Stütze des Militarismus, ohne welche er nicht nur schon viel früher eines jämmerlichen Todes draufgegangen wäre, sondern ohne welche er gar nicht hätte entstehen könne. Die Hauptstärke der römischen Legionen, der napoleonischen Heere, der Armeen Wilhelms, kurz jeder freiheitsfeindlichen Macht lag immer und wird immer liegen in der Disziplin. Als die Disziplin in den Schützengräben sich lockerte, da lockerte sich auch gleichzeitig die Macht des deutschen Militarismus und begann zu sinken.

 

Muß es da einen nicht höchlichst verwundern, wenn diese Bollwerke der Knechtschaft, der Zentralismus und die Disziplin jetzt wieder als Grundlage für die Organisation zur Freiheit dienen sollen? Man ist wirklich sehr geneigt anzunehmen, daß Menschen, die sich auf diesen Standpunkt stellen, keine ehrlichen Jünger der Freiheit, sondern höchst zweifelhafte Glücksritter der Revolution oder bedauernswerte Opfer sklavischer Erziehung sind, denen es noch nicht gelungen, sich aus dem Sumpfe herrischen Gedankenganges zu retten.

 

Aus: „Der freie Arbeiter“, 12. Jg. (1919), Nr. 13

 

 

Max Nettlau - Autoritärer und freiheitlicher Sozialismus

 

1830, das Jahr der Juli-Revolution,war das erste Jahr der sich befreienden Menschheit. Was das spätere achtzehnte Jahrhundert geistig angestrebt und der erste einmütige Impuls der französischen Revolution von 1789 zu verwirklichen versucht hatte, der Sturz der alten Welt des Zwanges und unentwirrbarer Bindungen, hatten vierzig Jahre der Diktaturen - in logischer Folge die revolutionäre, die militärische und die feudal-klerikale absolutistisch-fascistische der Restaurationsperiode - gestört und aufgehalten und nun schmolz es in der Julisonne dahin, durch kurzen Kampf weggefegt, und von dieser Zeit ab stand wirklich fast überall freieren Entwicklungen die Bahn offen; das moderne Leben beginnt erst um jene Zeit. Erst von da ab konnte die Wissenschaft sich wirklich frei entfalten und in ihrer angewendeten Form, als Technik, die Erde erschließen. Erst damals wurde durch Eisenbahn und Dampfschiff der Weltverkehr möglich, und der Industrialismus, die Maschinenproduktion, nahm ungeheure Größe an. Bis dahin hatten die Menschen in engen lokalen Verhältnissen vegetiert, von uralten Gesetzen und Gebräuchen in ihrem Leben geregelt und des weiteren Denkens über allgemeinere Angelegenheiten durch die Verfügungen angestammter Obrigkeiten enthoben. Nicht neue Herrschaft, demokratische, selbst republikanische Diktatur, wollte der erwachende Menschengeist 1789 an die Stelle dieser allgemeinen Unmündigkeit setzen, sondern ein das Minimum staatlicher Einmischung in das Privatleben darstellendes System, das die freie Entwicklung garantieren und schützen sollte und dem entsprach, was 1830 durchgesetzt wurde, zum erstenmal, so unvollkommen uns das Julikönigtum Louis Philipps natürlich erscheinen muß. Es war doch damals, 1830, zum erstenmal eine Regierung von der Gesellschaft eingesetzt worden, statt daß, wie bis dahin, die Gesellschaft jede Regierung widerstandslos über sich ergehen lassen mußte. Ohne mir Illusionen zu machen, kann ich nur die freiheitliche Initiative von 1830 begrüßen; 1848 ist nur eine Auswirkung von ihr und wir leben noch immer von den letzten Reflexen der Strahlen der Julisonne von 1830.

 

Auch das Jahr 1930 brachte schon eine kleine Freude, das Entschwinden des spanischen Diktators, der wie die französischen Bourbons von 1830, auf die für solche Fälle wirksamste, und, ich möchte sagen, eleganteste Weise beseitigt wurde - durch allgemeine Abkehr der gesellschaftlichen Kräfte von ihm, durch eine tödliche Isolierung, wie sie Napoleon I. im Jahre 1815, nach Waterloo, Napoleon III. im September 1870, nach Sedan, und den Zarismus im Oktober 1905 und März 1917, und die deutsche und österreichisch-ungarische Regierung im Oktober-November 1918 traf.

 

Ein derartiger Fall ist der tiefste und wirksamste, und möge die Diktaturdämmerung bald weite Kreise ziehen. In diesem Zusammenhang darf man wohl einmal die Frage stellen, wie sich eigentlich die beiden im Sozialismus nach ihrer Auffassung "herrschenden" Richtungen, die Sozialdemokratie und der "Kommunismus", die Zukunft vorstellen, ob sie nun wirklich meinen an die Stelle der "angestammten Herrscher" getreten zu sein und fortab das Geschick der Erde zu lenken?

 

Da gibt es nun Millionenparteien von Wählern, Riesengewerkschaften und eine je nach den Möglichkeiten des Vorwärtskommens von Parteien unterhaltene Bürokratie, die sich sehr gern in den heutigen Staat als regierendes Beamtentum eingliedert und die auch nach einem Staatsstreich ein ganzes Land, wie das ungeheure Rußland, zu regieren und verwalten übernimmt, mit einem Wort, eine sich als geborener Machtapparat gebärdende Kaste, die an die Stelle der uralten staatlichen Bürokratie zu gelangen strebt. Daneben stehen eine diese Interessen offiziös vertretende ungeheure Presse und natürlich auch mindestens zwei "Parteiwissenschaften", die sozialdemokratische und die kommunistische, und der Kampf dieser beiden Pressen und "Wissenschaften" wird auch mit anderen Mitteln fortgeführt, wo eine der beiden Parteien über den Regierungsapparat, über Militär und Polizei verfügt wie die eine in Rußland, die andere manchmal in anderen Ländern. Gemeinsam aber ist beiden, daß sie sich als das letzte Wort, als die Erben und als die Blüte und Frucht des ganzen Sozialismus gebärden, gewissermaßen als der Übersozialismus, für den, im Sinne von Nietzsche, aller bisherige und übrige Sozialismus nur der eine solche Blüte vorbereitende Dünger war und ist. Sie betrachten daher, von historischen Verbeugungen vor einigen Sozialisten, die längs tot und begraben sind, abgesehen, alle Sozialisten außerhalb ihrer Partei mit höchster Verachtung und diese Ignorierung oder kleinliche Bekämpfung wird zur bösartigsten Verfolgung, endet in geistiger Unterdrückung durch Verbote und physischer Vernichtung durch Kerker, Sibirien und Tod lebenden Sozialisten anderer Richtungen gegenüber, sobald die Partei über den Polizeiapparat verfügt.

 

Diese schamlose Diktatur im Sozialismus ist ein Verbrechen am Sozialismus und an der ganzen Menschheit, deren Traum und Hoffnung zu allen Zeiten nicht Zwang, Ungleichheit und gegenseitige Feindseligkeit, sondern Freiheit, Gleichheit und Solidarität oder mindestens friedliches Zusammenleben waren und sind. Von den Nutznießern von Zwang und Monopol und ihren abgestumpften direkten Werkzeugen abgesehen, sind wirklich freie Entwicklung, gleiche Chancen für jeden und ein freundliches Lebensmilieu die natürlichen Wünsche und Bedürfnisse eines Jeden, und der Kampf ums Dasein, das Streben vorwärtszukommen, das Mißtrauen gegen jeden unbekannten Nebenmenschen sind aufgezwungen, meist bitter empfundene, äußere Notwendigkeiten, denen gegenüber doch jeder in irgendeinem kleinen Kreise oder selbst nur im Hoffnungstraum sich ein eigenes freies und freundliches Ideal zu schaffen sucht. Das alles streift die freche und unfähige Diktatur roh beiseite, greift in alle menschlichen Verhältnisse ein, zerstört das natürlich Entwickelte mit der ihr eigenen Ungeschicklichkeit und Unfähigkeit und nennt das Sozialismus. Soll denn das so bleiben?

 

Als um 1830 die moderne Zeit mit dem alten Zwang ernstlich zu brechen begann, war es unvermeidlich, daß die freigewordenen Kräfte zunächst in der Richtung der Freiheit vorwärts drängten. Der Sozialismus war bereits zur Stelle, das soziale Unrecht war bekannt, und sozialistische Rekonstruktionsvorschläge im größten Umfang - Godwin, Saint-Simon, Robert Owen, Fourier u.a. - standen vor der denkenden Menschheit und fanden wahrscheinlich relativ größere Beachtung als irgendwelche späteren Pläne seit damals.

 

Es war aber psychologisch unmöglich, daß sie eine Verwirklichung erfahren konnten, weil die vom alten System und dann von den Diktaturen befreite Menschheit von 1830 wirklich vor allem der Freiheit zueilte und sich nicht gleich wieder in die Bindungen allgemeiner Systeme begeben wollte. Diesen natürlichen Instinkt hat sie noch heute und wird sich nie einen autoritären Sozialismus aufzwingen lassen und ebensowenig selbst einen freiheitlichen Sozialismus, wenn dies mit autoritären Mitteln geschehen sollte. An die Freiheit nach der Diktatur glaubt sie nun einmal nicht, und einmal bestehende Freiheit - das bescheidene Maß von persönlicher und privater Freiheit, das wir seit ungefähr 1830 besitzen, und das früher nicht bestand - will sie nicht mehr aufgeben. Daher hatte und hat von allem Sozialismus nur der freiheitliche, der anarchistische, eine wirkliche Aussicht auf Verwirklichung, sobald sein Wesen bekannt und erkannt ist, sobald er selbst von allen autoritären Schlacken gereinigt ist, und sobald er die Wege gefunden haben wird, auf eine Weise ins Leben zu treten, die auch den Schein der Diktatur vermeidet. Letzteres ist eine Frage für sich; hier sei nur darauf hingewiesen, daß nur ein Sozialismus lebensfähig ist, der das Herz der Menschheit erobert hat, dem man gern und freudig Opfer bringt und nie und nimmer ein aufgezwungener. Wir leben seit hundert Jahren in einer, wenn auch noch so schlechten, doch von einer Unmasse von Zwang befreiten Gesellschaft und wollen diese Errungenschaft nicht preisgeben. Verzweiflung kann zur Geringschätzung der neben der wirtschaftlichen Ungleichheit anscheinend wertlosen persönlichen Freiheit führen, aber Verzweiflung ist kein allgemeines, kein dauerndes, kein produktives Gefühl, und man kann auf Nervenzusammenbrüchen nicht die Zukunft aufbauen. Man wird also den Sozialismus mit allen Freiheitsgarantien umgeben müssen, um ihn der Menschheit, die das Jahrhundert relativer persönlicher Freiheit, 1830-1930, gekostet hat, je annehmbar zu machen, und dies ist eine schöne und große, kaum begonnene Aufgabe, der unsere besten Kräfte gehören sollten.

 

Auf die Gebundenheit vieler Jahrhunderte, ohne Freiheit und mit auf Entbehrung und Resignation, sozialem Gehorsam, dem Seitenstück des politischen und persönlichen Gehorsams, gegründeten relativ stabilen sozialen Verhältnissen waren die Erschließung der Erde durch die Technik, die menschliche Bewegungsfreiheit und der Bruch mit der starren Vergangenheit gefolgt und, wie gesagt, der Sozialismus mußte zunächst zurückstehen und die Arbeiter, durch den aufschießenden Maschinismus furchtbar bedrängt, mußten sich selbst helfen, was sie im Anschluß an ihre Verteidigungsbewegungen früherer Zeiten durch Zusammenschluß und Widerstandsaktionen getan haben - von den ältesten Trade Unions bis zu den großen Gewerkschaften, die allmählich ihre Wirkung verloren und zum Syndikalismus, der die intensive Abwehr wieder belebte und neue Hoffnungen gab. Die Sozialdemokratie hatte dieser Selbstorganisation der Arbeiter nichts Wesentliches hinzuzufügen; was in den Parlamenten gesetzlich festgelegt wird, ist die Bestätigung vorhandener Kräfteverhältnisse, etwas Nachträgliches also, das ebensogut auf irgendeine andere nicht parlamentarische Weise gesichert werden konnte. Daraus darf die Sozialdemokratie also keinen Anspruch auf Führung der Arbeiter und auf Führung im Sozialismus herleiten. Indem sie aber hier falschen Schein erregte, wurde sie zu einer Vermittlungskaste, wie in allen Zeiten die Priesterkasten es waren und sind, und sie war zur Aufrechterhaltung, Vergrößerung und Vergröberung von Fiktionen genötigt, wie die Priester, um ihre Unentbehrlichkeit als Kaste, die längst Selbstzweck wurde, zu sichern. Dies führte sie zu dem anscheinend stabilsten, dem Staat und seinem Beamtenkörper, zurück, dem sie sich anähnlichen, eingliedern und den sie, wie in Rußland, ganz darzustellen suchen. ,Das ist einfach Parasitismus, die Einschiebung einer unnützen Zwischenstufe, die graduell oder durch Staatsstreich Herr über das Ganze werden will. So wie die wirklichen Produzenten den kapitalistischen Parasitismus ausschalten wollen, werden sie auch den administrativen Parasitismus beseitigen, ob er sich schlicht und klar ein jeder Regierung zur Verfügung stehendes Beamtentum oder ob er sich sozialdemokratischer oder kommunistischer Parteidiktaturapparat nennt.

 

Man darf sich wirklich nicht wundern, wenn die Mitwelt diesen "Sozialismus" ablehnt und, da trotz allen Erfahrungen der wirkliche Sozialismus noch immer nicht entschieden genug gegen dieses Gaukelspiel protestiert, überhaupt zu der Meinung zu gelangen beginnt, der Sozialismus sei ein gänzlicher Fehlschlag und werde vielleicht bald gänzlich aus dem Bewußtsein der moderneren Teile der Menschheit verschwinden. Wer die Verhältnisse nicht näher kennt, muß sich tatsächlich fragen, wie zwischen dem Idealismus und der Menschengüte, den Opfern und Entbehrungen der älteren Sozialisten, die von ihren Zeitgenossen oft verhöhnt und verfolgt, aber im Grunde doch stets sehr geachtet wurden, und den Grausamkeiten und dem Despotismus der heutigen russischen Machthaber und den besser nicht charakterisierten Leistungen heutiger Sozialdemokraten, die jeder aus der Nähe sehen kann, wie zwischen beiden diese ungeheure Kluft entstehen konnte; eine "Entwicklung" ist das nicht, es ist die furchtbarste Entartung, und das kann nicht laut und oft genug gesagt werden. Gerade jetzt, wo der Kapitalismus längst die freiheitlichen Kräfte, die vor hundert Jahren sein Aufblühen erst recht ermöglichten, als überflüssig betrachtet und neue Arten allgemeiner Gebundenheit, wirtschaftlicher Verknechtung, ins Leben ruft, gerade jetzt wäre ein lebendiger, zeitgemäßer Sozialismus am richtigen Platz - und es ist für die Allgemeinheit nur Sozialdemokratie und Kommunismus vorhanden, von denen erstere von den Kapitalisten längst als zähmbares Haustier betrachtet wird, während sie dem letzteren den Fascismus entgegenzustellen bereit sind.

 

Früher waren in den erwähnten Bewegungen noch tüchtige, wirkliche Sozialisten vorhanden, die von Zeit zu Zeit die Geduld verloren und sich dem Sumpf entrissen, so seit 1879 die Sozialrevolutionäre, seit 1890 die Unabhängigen, wieder 10, 12 Jahre später die Lokalisten und Syndikalisten. Diese Quelle scheint zu versiegen; die während des Krieges ausgeschiedenen Unabhängigen entwickelten sich wieder zur Partei zurück und während aus allen früheren Sezessionen viele Anarchisten und AnarchoSyndikalisten hervorgingen, produzieren die späteren Sezessionen nur diktaturwidrige Kommunisten, von denen sich dann wieder Diktaturen in partibus, oppositionelle Kommunisten ohne eigene Diktatur absondern, die schon dem Messer ohne Klinge, an dem der Griff fehlt, zu ähneln beginnen. Diese Erscheinungen zeigen das Absterben von Geist und Temperament in der Sozialdemokratie, und wie könnte es anders sein?

 

Trotzdem sollte man noch eine Probe machen. Es wird wohlin jedem größeren Land 10 000 freiheitliche Sozialisten geben, von denen jeder eine Anzahl nicht gänzlich fanatisierter und jeder Einsicht verschlossener Angehöriger der erwähnten Partei kennen dürfte. Wenn diese, nicht die Führer, mit Beiseitelassen aller aktuellen Streitfragen, einmal im zwanglosen Privatverkehr gefragt würden, ob sie wirklich sich nicht bewußt sind, in welchem Grade ihre beiden großen Parteien seit Jahren mit dem Sozialismus Schindluder treiben, ob wirklich der Sozialismus für sie nun ebenso abgeschlossen ist wie etwa für Gläubige eine Religion, deren Weiterführung und Einzelfragen sie getrost den Theologen überlassen? Ist ihnen all das recht oder gleichgültig, nun, dann ist wirklich nichts zu machen, dann sind sie eine sich aus der Menschheit absondernde Abart nach Art religiöser Schwärmer, Fanatiker und anderer Monomanen, sie sind unproduktiv wie all diese Exzentriker, und die Menschheit geht ihren Weg ohne sie weiter.

 

Vielleicht sehen doch manche ein, in welche Lage sie sich gebracht haben, und auch wenn sie persönlich an ihren Ansichten festhalten, wäre dann das mindeste, was sie tun könnten, dies, dafür zu sorgen, dass ihre Richtungen wenigstens die nichtswürdige Bekämpfung der ihnen nicht genehmen Richtungen des Sozialismus einstellen. Sie könnten bedenken, daß trotz allem, was geschieht, noch immer sehr zahlreiche freiheitliche Sozialisten die traurigen Taten des Kommunismus und der Sozialdemokratie milde beurteilen, nach Entschuldigungsgründen suchen und dem gemeinsamen Feind gegenüber Solidarität empfinden und daß diese Zurückhaltung ihnen der allgemeinen öffentlichen Meinung gegenüber nur genutzt hat. Wenn solche Nachsicht sie aber im Gefühl ihrer Alleinherrschaft bestärkt, ist sie wirklich an sie verschwendet. Denn jedem von uns muß die gesamte Zukunft des Sozialismus höher stehen also solche sehr prekären, zeitweiligen Erfolge, und um die ganze Zukunft handelt es sich hier: wir können nicht wünschen, daß hundert Jahre allseitiger sozialistischer Arbeit zum zeitweiligen Sieg einiger Usurpatoren und dann einer in Fascismus endenden allgemeinen Katastrophe führen, wie schon in Rußland ein Jahrhundert hingebender Revolutionsarbeit aller fortschrittlichen gesellschaftlichen Kräfte zur Usurpation der Früchte durch den Novemberstaatsstreich durch eine einzige Richtung oder Gruppe von Personen geführt hat. Das war eine gelungene Kopie des Überfalls von Napoleon Bonaparte auf die französische Revolution und ihr Werk, und es wurde von Mussolini im November 1922 abermals kopiert; wenn aber der Bonapartismus und der Fascismus Episoden sind, die mit solchen Streichen beginnen (1799, 1851, 1922) und mit Katastrophen enden (1815, 1870) oder enden werden, und wenn auch das Schicksal des russischen Sozialismus für lange hinaus gründlich verpfuscht ist, so muß doch endlich und mit aller Kraft der Sozialismus davor bewahrt werden, in solchen Ruin mit hineingerissen zu werden.

 

Darum meine ich, daß die Zeit des autoritären Sozialismus, der in die Vergangenheit, zur Staatsknechtschaft, zurückführt, vorüber ist, wenn auch die Katastrophen, die sein Ende bedeuten werden, noch vor uns liegen. Wir müssen endlich verstehen, ihm einen großzügigen, das moderne Freiheitsbedürfnis zufriedenstellenden, vielartigen und lebendigen Sozialismus gegenüberzustellen, nicht als System, sondern als die wahrscheinlichste Richtung der Entwicklung, sobald die autoritären und monopolistischen Hindernisse aus dem Weg geräumt sind, was um so leichter sein wird, je allgemeiner der wertlose und schädigende Charakter dieser Hindernisse empfunden werden wird. Dann wird die Menschheit diesen Hindernissen, dem Staatsapparat und den Kapitalisten, dem bolschewistischen und dem sozialdemokratischen Regierungs- und Parteiapparat und allem Gaukler- und Parasitentum den Rücken kehren wie 1830 den Bourbonen in Frankreich und am 28. Januar 1930 dem spanischen Diktator, und die Zeit der Freiheit und des Sozialismus kann unter günstigen Verhältnissen beginnen.

 

Daß Freiheit, die Sehnsucht und in gewissem, leider beklagenswert geringem Grade der Inhalt des neunzehnten Jahrhunderts in ihren Anfängen vor hundert Jahren getrennt waren, ist, wie ich angedeutet habe, damals unvermeidlich gewesen, ist aber der stärkste Grund dafür, daß sie endlich vereinigt werden. Denn die kapitalistische "Freiheit" allein hat sich zur verschärften Autorität (Fascismus) zurückentwickelt, um ihre sozialen Privilegien um jeden Preis zu schützen, und die sozialistische "Solidarität" längst durch ehrgeizige Rechthaberei untergraben, hat zur antisozialistischen diktatorischen Usurpation geführt, zur Verleugnung und Schändung des großen Ideals der Solidarität. Beide Entwicklungen sind zu Entartungen und Rückbildungen geworden und bergen die Tragödie furchtbarer Endkatastrophen in sich. Nach diesen Erfahrungen von 100 Jahren sind gewiß die lebenstüchtigen Teile der Menschheit endlich in größerem Umfang fähig, die sorgfältigsten, uneigennützigsten Verbindungen von Freiheit und Solidarität zu prüfen und zu würdigen, die ihr die verschiedenen Richtungen des freiheitlichen Sozialismus vorlegen würden. Auf solche Weise nur kann dem großen antisozialistischen Rückschlag begegnet werden, den das totale Versagen des autoritären Sozialismus mit sich bringt. Diese Arbeit, der ja überall viel stille, wenig sichtbare Tätigkeit vorarbeitet, sollte wohl endlich in klar ausgesprochener kollektiver Weise auf eine feste Grundlage gestellt werden, damit wir alle wissen, in welcher Weise unsere Kräfte am besten verwendet werden können.

 

 

Originaltext: Max Nettlau: Autoritärer und Freiheitlicher Sozialismus, aus: „Die Internationale“, herausgegeben von der FAUD, April 1930. Nachdruck in: Max Nettlau: Gesammelte Aufsätze, Band 1. Verlag die Freie Gesellschaft 1980

 

 

Errico Malatesta - Bolschewismus und Anarchismus (1923)

 

Zum Buch Luigi Fabbris: „Diktatur und Revolution“ (Vorwort zur spanischen Ausgabe)  (Libero Accordo, 7. November 1923)

 

 

Das Buch Luigi Fabbris zur russischen Revolution behält auch jetzt noch, ungefähr zwei Jahre nach seinem Erscheinen, seine ganze Aktualität und bleibt die vollständigste und wesentlichste Arbeit, die ich zu diesem Thema kenne. Die späteren Ereignisse in Rußland haben den Wert dieser Analyse sogar noch bekräftigt und die Schlüsse, die Fabbri aus den damals bekannten Tatsachen und den allgemeinen anarchistischen Grundsätzen zog, wurden durch die Erfahrung ausdrücklich bestätigt.

 

Gegenstand des Buches ist jener alte, ewige Konflikt zwischen Autorität und Freiheit, der die ganze vergangene Geschiebe geprägt hat, der die Welt der Gegenwart mehr als zuvor kennzeichnet und von dessen Wechselfällen das Schicksal der gegenwärtigen und der kommenden Revolutionen abhängen wird.

 

Die russische Revolution lief mit dem Rhythmus aller bereits vergangenen Revolutionen ab. Nach einer aufsteigenden, größere Gerechtigkeit und größere Freiheit anstrebenden Periode, die solange dauerte, wie das Volk die bestehende Macht angriff und zerschlug, erfolgte, sobald es einer neuen Regierung gelungen war, sich zu konsolidieren, die Periode der Reaktion. Die Tätigkeit der neuen Regierung - bisweilen langsam und schrittweise, bisweilen rasch und gewaltsam vorgehend - war darauf ausgerichtet, die Errungenschaften der Revolution so weit wie möglich zu zerstören und eine Ordnung zu errichten, die die Fortdauer der neuen regierenden Klasse an der Macht garantieren und die Interessen sowohl der neuen als auch der alten Privilegierten schützen sollte, denen es gelungen war, den Sturm zu überstehen.

 

Dank außergewöhnlicher Bedingungen konnte das Volk in Rußland das Zarenregime zerschlagen, baute es aus freier und spontaner Initiative seine Sowjets auf (lokale Arbeiter- und Bauernkomitees, direkte Vertreter des arbeitenden Volkes und der unmittelbaren Kontrolle der Betroffenen unterstellt), enteignete es die Industriellen und Großgrundbesitzer und begann, auf der Grundlage von Gleichheit, Freiheit und - wenn auch relativer - Gerechtigkeit das neue gesellschaftliche Leben zu organisieren.

 

So schritt die Revolution voran und schickte sich unter Vollbringung der gewaltigsten sozialen Erfahrung der Geschichte an, der Welt das Beispiel eines großen Volkes zu geben, das aus eigener Kraft und unter Aufbietung all seiner Fähigkeiten seine Befreiung verwirklicht und sein Leben entsprechend seinen Bedürfnissen, seinen Neigungen und seinem Willen organisiert, ohne den Druck einer äußeren Gewalt, die es hemmt und zwingt, den Interessen einer privilegierten Kaste dienstbar zu sein.

 

Unglücklicherweise gab es jedoch unter denen, die am meisten dazu beigetragen hatten, dem alten Regime den entscheidenden Schlag zu versetzen, doktrinäre Fanatiker, voll verbissener Autorität, da sie fest davon überzeugt waren, im Besitz der „Wahrheit“ zu sein und die Aufgabe zu haben, das Volk zu retten, das sich ihrer Meinung nach nur auf den von ihnen angegebenen Wegen retten konnte. Sie profitierten von dem Ansehen, das ihnen ihre Beteiligung an der Revolution verlieh und insbesondere von der Stärke, die ihnen ihre eigene Organisation vermittelte, und so gelang es ihnen, die Macht zu erobern und die anderen zur Ohnmacht zu verurteilen, darunter besonders die Anarchisten, die nach Kräften zur Revolution beigetragen hatten, sich jedoch ihrer Machtergreifung nicht wirksam widersetzen konnten, weil ihre Reihen aufgelöst waren, es keine vorherigen Verständigungen gegeben hatte, sie nahezu ohne jede Organisation waren.

 

Von diesem Zeitpunkt ab war die Revolution zum Tode verurteilt.

 

Die neue Macht wollte - wie es in der Natur aller Regierungen liegt - in ihren Händen das gesamte Leben des Landes konzentrieren und jede Initiative, jede Bewegung unterdrücken, die innerhalb des Volkes entstehen sollte. Sie schuf zu ihrer Verteidigung zunächst ein Korps von Leibwächtern und dann eine reguläre Armee und eine mächtige Polizei, die an Grausamkeit und freiheitstötendem Wahn noch die des zaristischen Regimes übertraf. Sie ließ eine unüberschaubare Bürokratie entstehen, verwandelte die Sowjets in bloße Werkzeuge der Zentralmacht oder löste sie mit der Gewalt der Bajonette auf. Sie unterdrückte mit - oft blutiger - Gewalt jeden Widerstand; sie versuchte, den widerstrebenden Bauern und Arbeitern ihr soziales Programm aufzuzwingen und entmutigte und lahmte so die Produktion. Zwar verteidigte sie das russische Territorium mit Erfolg gegen die Angriffe der europäischen Reaktion, doch gelang es ihr damit nicht, die Revolution zu retten, denn sie hatte sie selbst abgewürgt obwohl sie versuchte, ihren formalen Schein zu wahren. Und jetzt bemüht sie sich um die Anerkennung der bürgerlichen Regierungen, versucht sie mit ihnen freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen, das kapitalistische System wiederherzustellen, kurz, die Revolution endgültig zu begraben So wurden alle Hoffnungen verraten, die die russische Revolution beim Proletariat der ganzen Welt hervorgerufen hatte. Sicher wird Rußland nicht zum vorherigen Zustand zurückkehren, denn eine große Revolution geht nicht vorüber, ohne tiefgehende Spuren zu hinterlassen, ohne den Geist des Volkes wachzurütteln und ihn zu erheben und ohne neue Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen Doch werden die erreichten Ergebnisse weit hinter dem zurückbleiben was hätte sein können und was man erhofft hatte, und in keinerlei Verhältnis zu den erlittenen Leiden und den Mengen vergossenen Blutes stehen.

 

Wir wollen hier die Suche nach den Verantwortlichen nicht zu sehr vertiefen. Sicher trifft große Schuld an der Niederlage die autoritäre Richtung, die man der Revolution gab; große Schuld trifft auch die eigenartige Psychologie der regierenden Bolschewisten, die sich zwar irrten und ihre Irrtümer erkannten und zugaben, aber dennoch von ihrer Unfehlbarkeit überzeugt blieben und nach wie vor mit Gewalt ihren wankelmütigen und widersprüchlichen Willen durchsetzen wollten. Genauso oder noch mehr trifft es jedoch zu, daß sich diese Menschen mit noch nie dagewesenen Schwierigkeiten konfrontiert sahen und daß vielleicht vieles von dem, was uns Irrtum und böser Wille zu sein scheint, unausweichliche Folge der Notwendigkeit war.

 

Und daher werden wir uns gerne eines Urteils enthalten und es der objektiven und unparteiischen Geschichte überlassen, später ihr Urteil darüber zu sprechen - sofern es eine objektive und unparteiische Geschichte überhaupt gibt Doch gibt es in Europa eine ganze Partei, die vom russischen Mythos geblendet ist und den bevorstehenden Revolutionen gerade die bolschewistischen Methoden aufzwingen will, die die russische Revolution abgewürgt haben Daher ist es dringend notwendig, die Massen im allgemeinen und die Revolutionäre im besonderen vor der Gefahr diktatorischer Bestrebungen der Parteien mit bolschewistischen Tendenzen zu warnen. Und Fabbri hat der Sache einen außerordentlich großen Dienst erwiesen, indem er deutlich den Widerspruch zwischen Diktatur und Revolution aufgezeigt hat.

 

Das hauptsächliche Argument, dessen sich die Verteidiger der Diktatur bedienen die man weiterhin Diktatur des Proletariats nennt, in Wirklichkeit jedoch - darin stimmen nunmehr alle überein - Diktatur der Führer einer Partei über die ganze Bevölkerung ist, dieses hauptsächliche Argument ist die Notwendigkeit, die Revolution gegen die inneren Versuche bürgerlicher Restauration und gegen die etwaigen Angriffe der ausländischen Mächte zu schützen.

 

Es besteht kein Zweifel daran, daß man sich verteidigen muß, doch von dem System der Verteidigung hängt zum großen Teil das Schicksal der Revolution ab. Müßte man nämlich, um zu leben, auf die Gründe und Ziele des Lebens verzichten, müßte man zur Verteidigung der Revolution auf die Errungenschaften verzichten, die erstes Ziel der Revolution sind, dann wäre es besser, ehrlich zu unterliegen und das Recht der Zukunft zu retten, anstatt durch den Verrat an der eigenen Sache zu siegen.

 

Die innere Verteidigung muß gesichert werden, indem man radikal alle bürgerlichen Institutionen zerstört und jede Rückkehr zur Vergangenheit unmöglich macht.

 

Es ist vergebens, das Proletariat gegen die Bourgeoisie zu verteidigen, indem man letztere zu politischer Machtlosigkeit verurteilt. Solange es Leute gibt, die besitzen und Leute, die nichts besitzen, werden sich die Besitzenden stets über die Gesetze lustig machen, ja sie werden es sein, die wieder an die Macht gelangen und die Gesetze machen werden, wenn das erste Feuer des Volkes erst einmal erloschen ist.

 

Polizeimaßnahmen sind nutzlos: sie können der Unterdrückung, niemals jedoch der Befreiung dienen.

 

Fruchtlos, noch schlimmer: tödlich ist der sogenannte revolutionäre Terror. Sicher ist der Haß, der gerechte Haß, den die Unterdrückten in ihrem Herzen nähren, äußerst groß, sicher sind die Schandtaten der Regierungen und der Herren mehr als zahlreich, sicher sind der Beispiele der Grausamkeit von oben viele, ist die Verachtung des Lebens und der menschlichen Leiden, die die herrschenden Klassen an den Tag legen, unendlich, so daß man sich nicht zu wundern braucht, wenn am Tage der Revolution die Rache des Volkes erbarmungslos und unvermeidlich ausbricht. Wir würden uns nicht darüber empören und auch nicht versuchen, sie einzudämmen, es sei denn durch Propaganda, denn dies mit anderen Mitteln tun wollen, hieße die Reaktion wachrütteln. Sicher ist jedoch unserer Meinung nach, daß der Terror für die Revolution eine Gefahr und nicht etwa eine Garantie für ihr Gelingen ist. Terror trifft im allgemeinen die am wenigsten Verantwortlichen; er ruft die schlimmsten Elemente auf den Plan, nämlich diejenigen, die unter dem alten Regime zu Schergen und Henkern geworden wären und nun glücklich sind, daß sie im Namen der Revolution ihren schlechten Trieben und finsteren Interessen freien Lauf lassen können.

 

Und das gilt auch dann, wenn es sich um den Terror des Volkes handelt, der direkt von den Massen gegen ihre Unterdrücker ausgeübt wird. Sollte nämlich der Terror dann von einem Zentrum organisiert und auf Befehl der Regierung mittels Polizei und sogenannten Revolutionsgerichten ausgeübt werden, dann wäre er das sicherste Mittel zur Zerstörung der Revolution und würde nicht so sehr gegen die Reaktionäre als gegen die Freiheitsliebenden ausgeübt werden, die sich den Befehlen der neuen Regierung widersetzen und die Interessen der neuen Privilegierten verletzen würden.

 

Für die Verteidigung, für den Sieg der Revolution wird Sorge getragen, indem alle an ihrem Gelingen beteiligt werden, die Freiheit aller geachtet wird und jedem nicht nur das Recht, sondern auch die Möglichkeit genommen wird, die Arbeit anderer auszubeuten. Es gilt nicht, die Bourgeoisie dem Proletariat zu unterwerfen, sondern Bourgeoisie und Proletariat abzuschaffen, indem jedem die Möglichkeit garantiert wird, zu arbeiten, wie er will und allen arbeitsfähigen Menschen unmöglich gemacht wird, zu leben, ohne zu arbeiten.

 

Eine soziale Revolution, die sich nach ihrem Sieg immer noch der Gefahr ausgesetzt sieht, von der enteigneten Klasse überwältigt zu werden, ist eine Revolution, die auf halbem Wege stehen geblieben ist: um sich den Sieg zu sichern, braucht sie nur ständig vorwärtszuschreiten, immer mehr ihrem Ziel entgegen.

 

Bleibt die Frage der Verteidigung gegen den äußeren Feind.

 

Eine Revolution, die nicht unter den Stiefelabsätzen eines fremden Soldaten enden will, kann sich nur mit Hilfe freiwilliger Milizen verteidigen, die versuchen, jeden Schritt, den die ausländischen Kräfte auf dem rebellierenden Territorium machen, in einen Hinterhalt zu locken, die versuchen, dem wider seinen Willen entsandten Soldaten jeden möglichen Vorteil zu bieten und die offiziellen Feinde, die freiwillig kommen, ohne Mitleid behandeln. Man muß die kriegerischen Handlungen so gut wie nur möglich organisieren, dabei jedoch zu vermeiden suchen, daß diejenigen, die sich im militärischen Kampf spezialisieren, in ihrer Eigenschaft als Militärangehörige irgendeinen Einfluß auf das zivile Leben der Bevölkerung ausüben können.

 

Wir leugnen nicht, daß vom technischen Standpunkt aus gesehen eine Armee umso mehr Siegeschancen hat, je autoritärer sie geführt wird und daß die Konzentration aller Befugnisse in den Händen eines Einzelnen - noch dazu, wenn dieser ein militärisches Genie wäre - großen Anteil am Erfolg haben würde. Doch ist die technische Frage nur von zweitrangiger Bedeutung und wenn wir, um keine Niederlage zu riskieren, uns der Gefahr aussetzen müßten, selbst die Revolution zum Stillstand zu bringen, dann würden wir der Sache einen sehr schlechten Dienst erweisen.

 

Das Beispiel Rußland möge allen dienen.

 

Läßt man der Hoffnung, besser geführt zu werden, Zügel anlegen, dann kann dies nur zur Sklaverei führen.

 

Alle Revolutionäre mögen das Buch Fabbris gründlich lesen. Dies ist notwendig, um gut vorbereitet zu sein und nicht in die gleichen Irrtümer wie die Russen zu verfallen.

 

 

Aus: Errico Malatesta - Gesammelte Schriften, Band 2; Karin Kramer Verlag Berlin, 1980

 

 

 

Erich Mühsam - Bismarxismus

 

Freiheit ist ein religiöser Begriff. Wer mit dem Ziele der Freiheit Revolutionär ist, ist ein religiöser Mensch, Revolutionär sein ohne religiös zu sein, heißt mit revolutionären Mitteln andere als freiheitliche Ziele anstreben. Anders gesagt: Revolutionäre Entschlossenheit kann aus einer seelischen Not stammen, aus dem Empfinden der Unerträglichkeit von Zwang, Gesetz und Entpersönlichung - dann ist sie religiös; sie kann auch stammen aus der nüchternen Errechnung von Zweckmäßigkeit, wenn sich unter ihren Faktoren die Revolution als unumgängliches Mittel erwiesen hat - dann ist sie positivistisch. Der Positivist, - das ist der kirchliche Mensch im Gegensatz zum religiösen, der Leugner der Wildheit, des Rausches und der Utopie: der Dogmatiker und Fatalist, dem die Freiheit eine Kleinbürger-Phantasie und der Kampf ums Dasein eine Bestimmungs-Mensur scheint.

 

Hier wird zu Revolutionären gesprochen, deren revolutionäres Ziel die Freiheit ist. Freiheit ist ein gesellschaftlicher Zustand, dessen Fundament die freiwillige Vereinbarung der Menschen zu gemeinsamer und einander ergänzender Arbeit und zur gegenseitigen  Verbürgung des Lebens und seiner Güter bildet. Der gesellschaftliche Zustand der Freiheit beruht auf der Freiheit der Persönlichkeit, die Freiheit des Einzelnen aber findet ihre Grenze an der Freiheit der Gesamtheit; denn wo nicht alle Menschen frei sind, kann keiner frei sein. Das Ringen um diese Freiheit, die unvereinbar ist mit irgend welcher Art Obrigkeit, gesetzlichem Zwang, angeordneter Disziplin oder staatlicher Gewalt, ist die religiöse Idee der Anarchie. Zu ihrer Verwirklichung bedarf es der revolutionären Umwälzung der Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen, will sagen der Schaffung der materiellen Basis, auf der allein Freiheit möglich ist: das ist ökonomische Gleichheit. Wir Anarchisten sind Sozialisten, Kollektivisten, Kommunisten, nicht weil wir in der gleichmäßigen Regelungen von Arbeitsleistung und Produktenverteilung die letzte Forderung menschlicher Glückseligkeit erfüllt sähen, sondern weil uns kein Kampf um geistige Werte, um Vertiefung und Differenzierung des Lebens möglich scheint, - und eben dieser Kampf ist der Sinn der Freiheit -, solange die Menschen unter ungleichen Bedingungen geboren werden und heranwachsen, solange geistiger Reichtum in materieller Armut ertrinken, geistige und seelische Armseligkeit im Glanze erkaufter Macht und Bildung als Reichtum strahlen kann.

 

Gleichheit hat mit dem, was heute Demokratie heißt, nicht das mindeste zu schaffen. Die Gleichheit der bürgerlichen Demokratie beschränkt sich auf die Anerkennung, daß jede zur Stimmabgabe zugelassene Person als eine Stimmeinheit zu zählen sei. Dabei ist die Mehrheit der Stimmen selbstverständlich immer der Klasse verbürgt, die durch ihre wirtschaftlichen Privilegien fast den gesamten Beeinflussungsapparat beherrscht; überdies sind aber die Institutionen, für die gewählt werden darf, ihrer Art nach nur geeignet, Bestehendes zu erhalten und zu verwalten. Mag die Mehrheit der Wähler immerhin mit revolutionären Absichten votieren, die Gewählten, welcher Programmrichtung sie auch angehören mögen, können in ihren Körperschaften niemals anders als konservativ handeln. Sozialismus und Freiheit ist auf dem Wege der Demokratie nicht zu erlangen; Demokratie aber im Sinne von Freiheit und Gleichheit ist nur auf dem Boden des restlos verwirklichten Sozialismus möglich. Diese eigentliche Demokratie, die die Herrschaft der Gesamtheit über sich selbst, das ist die Selbstbeherrschung jedes Einzelnen im Bewußtsein seiner gesellschaftlichen Mission, bedeutet, bedingt wirtschaftliche und rechtliche Gleichheit, die die Voraussetzung aller Freiheit ist.

 

Nirgends in der Welt steht der religiöse Drang nach Freiheit tiefer im Ansehen als bei den Deutschen. Der Positivismus, als philosophisches Prinzip von dem Franzosen Comte aufgerichtet, fand seinen realen Nährboden in dem Lande, das schon den Sieg des brutalen Rationalisten Martin Luther über den glühenden Weltstürmer Thomas Münzer erlebt hatte. Das ist die ganze Geschichte Deutschlands: immer und überall zertrampelt das Schema und die Formel den lebendigen Geist, die Schulweisheit den Impuls des Inneren Wissens, die Kirche die Religion. Der stärkste Geist der deutschen Geniezeit, Goethe, imponiert den Deutschen nicht durch seine apollinische Natur, sondern durch seine robuste Lebensauffassung, und sie verehren ihn, weil er seinen phänomenalen Verstand so gut bürgerlich zu kleiden wußte und weil er den Oberlehrern die bequeme Phrase des gesättigten Appetits geliefert hat, daß, wo Gleichheit sei, keine Freiheit bestehen könne. Von den innigsten Geistern jener Zeit, Hölderlin und Jean Paul, weiß der Deutsche wenig, und warum der Versuch der Romantiker, vor den Stiefeltritten des Preußenschneids in Mythologie und Mystizismus zu flüchten, in fade Sentimentalität umschlug, um endlich vom Literatentum der Börne und Laube im Positivismus begraben zu werden - darüber machen sich die Leute keine Gedanken. Das junge Deutschland - das war literarischer Positivismus, verschärft mit Hegelei.

 

Der Positivismus, die Philosophie der nüchternen Gegebenheiten, die letzten Endes Gelehrsamkeit mit Wirklichkeit verwechselt, und der Hegalinianismus, das uniforme Metternichtum des Geistes, dessen apodiktische Abstraktionen und dialektische Gaukeleien den Irrsinn produzieren, alles Wirkliche vernünftig zu finden, - diese beiden Denkfesseln mußten sich gleichzeitig um die Willensgelenke der Deutschen legen, um ihre beste Eigenschaft, den Kosmopolitimus, zu vernichten und an seiner Stelle im Geistigen, wie im Politischen den Zentralismus, das nationale Reglement, das "Staatsbewußtsein" wachsen zu lassen. Das Preußentum, das Luthertum - in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der Kapitalismus Deutschland zu industrialisieren begann, gebar es aus der Banalität der konkretesten und der Verschrobenheit der abstraktesten aller Philosophien die Theorie seiner Geistverlassenheit und der in kapitalistischen Formen entbrannte Klassenkampf in Deutschland sah die Gegner auf beiden Seiten den gleichen philosophischen Strick ergreifen, - nur faßten ihn beide am entgegengesetzten Ende an. Bismarck spaltete Deutschland und schuf das zentrale Reichsgebilde mit dem Preußenkönig als Kaiser an der Spitze, so den Boden bereitend für die hemmungslose Entfaltung des kapitalistischen Besitzmonopols; Karl Marx spaltete die Arbeiter-Internationale, warf Bakunin und alle Revolutionäre hinaus, die der Selbstverantwortlichkeit des Proletariats, seinem Freiheitswillen und seiner Entschlußkraft mehr zutrauten als den Rechenkünsten festbesoldeter Revolutions-Manager und machte aus der Religion des Sozialismus die Kirche der Sozialdemokratie. Bismarck arrangierte drei Kriege, um den Agrar-, Industrie-, und Börsenkapitalisten die nötige Ellenbogenfreiheit für die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft zu schaffen; Marx schrieb eine für die Zeit ihres Entstehens meisterhafte, aber sehr professorale Analyse des Kapitals, die er mit einer von Hegel entlehnten abstrakten Philosophie garnierte, wonach der Kapitalismus die naturnotwendige Konsequenz der sich am Faden der historischen Dialektik abspulenden Menschheits-Entwicklung sei und der historische Materialismus sein Aufschwellen bis zu der Überfülle bedinge, die ihn unter Nachhilfe der unausweichlichen proletarischen Revolution von selber platzen lassen werde. Bismarck praktizierte den Obrigkeitsstaat, dessen Machtfundament von der Kommandogewalt des Unteroffiziers über den Rekruten gestützt wurde; Marx kopierte in Partei und Gewerkschaft die Disziplin und den Drill, die Subordination und Schnauzerei des Kasernenstaates und übernahm dazu von der katholischen Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes und Avancement-Stufenfolge nach dem Grade ergebener Frömmigkeit. Bismarck endlich ordnete seinen Staat nach dem Prinzip des autoritärsten Zentralismus, wie es den Wünschen und den Interessen der ausbeutenden Bourgeoisie entsprach, und Marx proklamierte diese Organisationsform als die dem Proletariat nach der Machtergreifung ebenfalls gemäße des "Arbeiterstaates".

 

So wuchsen im neuen Deutschen Reich zwei feindliche Stämme aus derselben Wurzel, einer öden und phantasielosen Autoritätslehre; genährt von den gleichen Kräften, gedanken- und begeisterungsloser Disziplin und anspruchsvollem und gänzlich unfruchtbarem Bürokratismus; beide entschlossen, jede Konkurrenz mit allen Mitteln der Macht oder doch des Machtwillens niederzuschlagen: Bismarck den nationalen Kapitalismus anderer Länder, Marx die revolutionären Sozialisten, die weder von Marxens fatalistischer Theorie noch von Bismarcks allgemeinem Wahlrecht Gebrauch zu machen wünschten und keine Staaten zu erobern sondern alle zu zerstören trachteten, um statt ihrer die von keinen Staatsgrenzen getrennt arbeitenden Menschen nach eigenen Ratschlüssen produzieren und konsumieren zu lassen. Die peinlichste Ähnlichkeit der beiden Stämme, die in Deutschland als bismarcksche kapitalistische Staatsmacht und als marxsche doktrinäre Arbeiterbewegung zu den Sternen strebte, die ihnen nicht leuchteten, war der völlige Mangel an jeder schöpferischen Originalität, die völlige Abwesenheit aller religiösen Inbrunst, in Wesen und Ziel der völlige Verzicht auf jedwede Freiheit. Dieser Mangel, verbunden mit Anmaßung, Pedanterie, Bürokratendünkel, Paragraphenbesessenheiten und Schulmeisterei - das ist der deutsche Kujonengeist, dem die herrschende Klasse ihren stumpfsinnigen Aufstieg von gepflegter alter Kultur zur Geldmacht und einem komfortablen Stande auf dem internationalen Sklavenmarkt verdankt, und der die deutsche Arbeiterbewegung immer weiter vom Sozialismus weg auf den Weg der Resignation und zur inneren Fäulnis und Kampfunfähigkeit geführt hat. Es ist das, was ich, den ganzen Jammer unserer Zeit umfassend, Bismarxismus nenne.

 

Die Parallele von Bismarcks untheoretischer Praxis und Marxens unpraktischer Theorie hat schon vor 5 1/2 Jahrzehnten Michael Bakunin gezogen, der von oberflächlichen Beurteilern vielfach als Antisemit und Deutschlandfeind ausgegeben wird. Er war beides nicht und hat sich ausdrücklich dagegen verwahrt, für das Eine oder das Andere gehalten zu werden. Dennoch tobt er in seinen Polemiken immer wieder mit wütendem Haß gegen "die Deutschen" und "die Juden". Mögen unsere Hakenkreuz-Teutonen wissen, daß Bakunin beide Ausdrücke gebrauchte, um ein und dieselbe Eigenschaft damit zu bezeichnen, eben die, für die ich das Wort Bismarxismus vorschlage. Bakunin schimpfte auf die deutschen Juden und auf die jüdischen Deutschen und meinte den von dem Deutschen Bismarck und von dem Juden Marx in gleicher Feindschaft gegen Menschenwert und Freiheit geübten Geist der Despotie und der zentralistischen Autorität; unter diesem Gesichtspunkt identifizierte er die Begriffe Deutschtum und Judentum vollständig, selbstverständlich in vollem Bewußtsein dessen, daß er damit nur eine einzige Untugend charakterisiere, für die ihm eine bestimmte Art Deutsche und eine bestimmte Art Juden repräsentativ schienen.

 

Michael Bakunin ist nun über 50 Jahre tot. Die trostlosen Prophezeiungen, die er der proletarischen Revolution für den Fall hinterließ, daß die Bismärckerei Europa und die Marxerei die Arbeiterbewegung verseuche, sind in fürchterlichem Maße Wahrheit geworden. Aber schon neigen sich die Schatten des Untergangs über beide Infektionsgebiete. Wenn ich hier einmal das Wort von der "Todeskrise des Kapitalismus" übernommen habe, so irrt der Genosse, der mich darum angriff, wähnend auch ich hätte mich nun der fatalistischen Ideologie des Marxismus ergeben, die die Weltgeschichte nach ehernen Gesetzen und unabhängig vom aktiven Tatwillen der Menschen in "naturnotwendiger" Entwicklung dialektisch ihr Pensum erledigen sieht. Im Gegenteil: Ich stimme vollständig überein mit der Ansicht Gustav Landauers, daß jederzeit und überall die Beseitigung des Kapitalismus und die Aufrichtung des Sozialismus möglich ist, wenn die Menschen das Notwendige veranstalten, um die revolutionären Bedingungen dazu zu schaffen. Die "Todeskrise des Kapitalismus" ist für mich nicht eine Erscheinung der göttlichen Vorsehung, die uns berechtigen könnte, geruhsam zuzusehen, wie jetzt das bestehende Wirtschaftssystem automatisch zusammenkrachen und an seiner Stelle ebenso gottgewollt und unausbleiblich ein neues sozialistisches und in der Reihenfolge marxistisch errechneter "Phasen" aufblühen werde. Von dieser Krise nehme ich aber untrügliche Erscheinungen wahr, deren erste und verständlichste der Weltkrieg mit seinen für die kapitalistische Maschinerie unreparierbaren Folgen war; das Erkennen dieser Krise hat mit Fatalismus nichts zu tun, sondern verpflichtet zum Eingreifen, damit die krepierende Bestie nicht in der Agonie die Keime vernichtet, aus denen Revolution, Sozialismus und Freiheit erwachsen sollen. Das Verrecken des Kapitalismus in seiner bisherigen Form bedingt keineswegs das Entstehen des Sozialismus an seiner Stelle. Ein anderer, vielleicht besser organisierter Kapitalismus kann, wenn die revolutionären Sozialisten die Todeskrise nicht durch den Todesstoß beschleunigen, sehr wohl der Ausbeutung in veränderten Formen neue und noch erweiterte Möglichkeiten schaffen. Bleibt der Staat in irgend einer Gestalt am Leben, dann hat der Kapitalismus und mit ihm der Positivismus, das Kirchentum des Lebens, mit einem Wort der Bismarxismus freies Feld.

 

Die Todeskrankheit des Kapitalismus ist aber zugleich die Todeskrankheit des Marxismus. Heute steht ja, zumal in Deutschland, die Arbeiterbewegung fast ausnahmslos auf dem Boden dieser fatalistischen Lehre, und Sozialdemokraten und Unabhängige, rechts- und linksbolschewistische Kommunisten, KAPisten und Unionisten aller Schattierungen sieht man sich unter Aufwand haarsträubender Rabulistik gegenseitig die Bibel des garantiert wissenschaftlichen Sozialismus, die Marxdoktrin, auslegen. Am Bibelwort selbst zu rühren, die Heilswahrheit des gesamten Marxismus anzuzweifeln, das wagt keiner von ihnen allen, das ist unter Sozialisten ein solche Verbrechen, wie bei den Bismarck-Epigonen die Verneinung der Notwendigkeit des großpreußischen Deutschen Reiches. Und siehe: die Bejahung dieser Notwendigkeit geschieht nirgends so überzeugungsvoll wie bei den sozialdemokratischen und kommunistischen Marxisten. Jene 1918/19, diese 1923: Bismarxismus auf der ganzen Linie.

 

Ist das zu verwundern? Der Marxismus - Landauer weist in seinem herrlichen "Aufruf zum Sozialismus" nachdrücklich darauf hin - beschäftigt sich in allen seinen theoretischen Schriften nirgendwo mit dem Sozialismus, er erschöpft sich in der Analyse und Kritik des Kapitalismus. Indem er aber ausgeht von der Hegelschen Lehre der Vernünftigkeit alles Seienden und die unausweichliche Notwendigkeit der kapitalistischen Periode behauptet, ja, ihre Fortentwicklung bis zum Kulminationspunkt in die Zukunft hinein zur Grundlage seiner Revolutionslehre macht, bejaht er zunächst alle Voraussetzungen des Kapitalismus, und so bejaht er den Staat, den Zentralismus, das Autoritätsprinzip, alles, worauf der Kapitalismus ruht. Das Proletariat kann nicht zu Freiheit und Sozialismus kommen, ehe es nicht auch in der Idee vom Staat losgekommen ist. Es kann nicht vom Staat loskommen, ehe es nicht in seinem eigenen Befreiungskampf die Lehren verwirft, die die Stützen jedes Staatsglaubens sind: Autorität und Disziplin, Zentralismus und Bürokratismus, Positivismus und Fatalismus. Die Wissenschaft, sagt Bakunin, hat das Leben zu erhellen, nicht zu regieren. Führerin im Kampf sei dem revolutionären Proletariat nicht die anfechtbare Wissenschaft des Marxismus, der nichts anderes ist als Bismarxismus, sondern der unanfechtbare religiöse Glaube an sein Recht und seine Kraft, der Haß gegen die Ausbeutung und der Wille zur Freiheit!

 

 

Aus: FANAL, Jahrgang 1, Nummer 5, Februar 1927

 

 

 

Emma Goldman - Die Russische Revolution und das autoritäre Prinzip (1924)

 

I

 

Nichtbolschewistische Kritiker des russischen Mißerfolgs beschränken sich auf die Erklärung, die Revolution habe in Rußland nicht zum Erfolg führen können, weil die industrielle Entwicklung in diesem Lande nicht den notwendigen Höhepunkt erreicht hatte. Sie verweisen auf Marx, der lehrte, daß eine soziale Revolution nur in Ländern mit einem hochentwickelten industriellen System und den es begleitenden Antagonismen möglich sei. Sie behaupten daher, daß die Russische Revolution gar keine soziale Revolution habe sein können, sondern auf Grund historischer Bedingungen in konstitutionellen, demokratischen Bahnen habe verlaufen müssen. Erst ihre Ergänzung durch eine Entwicklung der Industrie könne das Land ökonomisch reif werden lassen für die grundlegende Veränderung.

 

Diese orthodox-marxistische Ansicht läßt einen bedeutsamen Faktor außer Betracht, einen Faktor, der vielleicht essentieller für Möglichkeit und Erfolg einer sozialen Revolution ist als selbst der industrielle. Das ist der psychologische Zustand, in dem sich die Massen zu einer gegebenen Zeit befinden. Warum kommt es z. B. in den USA, in Frankreich oder auch in Deutschland nicht zu einer sozialen Revolution? Diese Länder haben doch ohne Zweifel den Grad an Industrialisierung erreicht, der von Marx als Kulminationspunkt bezeichnet wurde. Die Wahrheit ist, daß industrielle Entwicklung und scharfe soziale Gegensätze allein keineswegs genügen, eine neue Gesellschaft entstehen zu lassen oder eine soziale Revolution hervorzurufen. Das notwendige soziale Bewußtsein, der erforderliche psychologische Zustand der Massen fehlt in den USA und in den anderen genannten Ländern. Daraus erklärt sich das Fehlen einer sozialen Revolution dort.

 

In dieser Hinsicht war Rußland anderen industrialisierteren und „zivilisierteren“ Ländern überlegen. Es ist wahr, daß Rußland industriell weniger entwickelt war als seine westlichen Nachbarn. Aber das Bewußtsein der russischen Massen, inspiriert und vertieft durch die Februar-Revolution, erweiterte sich mit derartiger Geschwindigkeit, daß die Volksmassen innerhalb weniger Monate auf so ultrarevolutionäre Slogans wie „Alle Macht den Räten“ und „Das Land den Bauern, die Fabriken den Arbeitern“ vorbereitet waren.

 

Man sollte die Bedeutung dieser Slogans nicht unterschätzen. Wenn sie auch in hohem Grade Ausdruck eines instinktiven und halbbewußten Volkswillens waren, so bedeuteten sie doch gleichzeitig die völlige soziale, ökonomische und industrielle Reorganisation Rußlands. Welches Land in Europa oder Amerika wäre bereit, solche revolutionären Schlachtrufe zum Leben zu erwecken? In Rußland aber, in den Monaten Juni und Juli des Jahres 1917, wurden diese Slogans populär, und die große Masse des industriellen und agrarischen Bevölkerungsteils des mehr als Einhundertfünfzig-Millionen-Volkes nahm sie begeistert auf und setzte sie in direkte Aktion um. Das war Beweis genug dafür, daß das russische Volk „reif“ war für die soziale Revolution.

 

Was das ökonomische „Vorbereitetsein“ im Marxschen Sinne anlangt, so darf nicht vergessen werden, daß Rußland vornehmlich ein Agrarland ist. Marxens Doktrin setzt die Industrialisierung der bäuerlichen Bevölkerung in hochentwickelten Gesellschaften voraus, als Schritt, der sie zur Revolution tauglich macht. Aber die Ereignisse von 1917 in Rußland bewiesen, daß die Revolution diesen Prozeß der Industrialisierung nicht abwartet und - was noch wichtiger ist - nicht dazu gebracht werden kann zu warten. Die russischen Bauern begannen, die Gutsherren zu expropriieren, und die Arbeiter nahmen die Fabriken in Besitz, ohne sich um das Marxsche Diktum zu kümmern. Diese Volksaktion leitete aufgrund der ihr eigenen Logik in Rußland die soziale Revolution ein und warf alle Marxschen Berechnungen über den Haufen. Die Psychologie des Slawen erwies sich stärker als sozial-demokratische Theorien.

 

Diese Psychologie enthält ein leidenschaftliches Verlangen nach Freiheit, dessen Quelle ein Jahrhundert revolutionärer Agitation unter allen Klassen der Gesellschaft war. Das russische Volk war glücklicherweise politisch unverbildet und unberührt geblieben von der Korruption und Konfusion, die sich durch „demokratische“ Freiheit und Selbstregierung im Proletariat anderer Länder ausgebreitet hatten. Der Russe blieb in dieser Hinsicht natürlich und einfach, mit Spitzfindigkeiten des politischen Spiels, mit parlamentarischen Tricks und legalen Notlösungen war er nicht vertraut. Andrerseits war aber sein primitiver Sinn für Recht und Gerechtigkeit stark und lebendig und frei von jener desintegrierenden Finesse des Halbgebildeten. Er wußte genau, was er wollte, und wartete nicht erst ab, daß „historische Unvermeidlichkeit“ es ihm brachte: er ging zur direkten Aktion über. Die Revolution war ihm ein Faktum des Lebens und nicht eine bloße Diskussionsgrundlage.

 

Deshalb fand die soziale Revolution in Rußland trotz der industriellen Rückständigkeit des Landes statt. Aber die Revolution, einmal gemacht, war nicht vollendet. Sie mußte fortschreiten und sich erweitern, mußte sich in ökonomischer und sozialer Rekonstruktion fortsetzen. Diese Phase der Revolution erforderte den höchsten Einsatz an individueller Initiative und kollektiver Anstrengung. Entwicklung und Erfolg der Revolution hingen ab vom Spiel der schöpferischen Kraft des Volkes auf breitester Basis, von der Zusammenarbeit des intellektuellen mit dem manuellen Proletariat. Gemeinwohl ist das Leitmotiv aller revolutionären Bemühungen, besonders in der konstruktiven Phase. Dieser Geist der Solidarität im Interesse eines gemeinsamen Ziels durchwogte Rußland in mächtigen Wellen in den ersten Tagen der Oktober/November-Revolution.

 

Diesem Enthusiasmus wohnten Kräfte inne, die, bei intelligenter Führung, unter ausschließlicher Berücksichtigung des Volkswohls, Berge hätte versetzen können. Es lag auf der Hand, wer eine solche wirkungsvolle Führung hätte übernehmen können: die Arbeiterorganisationen und die Kooperative, die Rußland wie mit einem Brückennetz überzogen, das Stadt und Land miteinander verband; die Sowjets, die als Antwort auf die Bedürfnisse des russischen Volkes entstanden waren und schließlich die Intelligentsia, zu deren Tradition seit einem Jahrhundert die heroische Hingabe an die Sache der Befreiung Rußlands gehörte.

 

Aber eine solche Entwicklung gehörte keineswegs ins Programm der Bolschewiki. Für einige Monate, im Anschluß an die Oktober-Ereignisse, duldeten sie die Manifestation der verschiedenen Kräfte des Volkes, duldeten, daß sich die Revolution in immer weiter werdende Kanäle ergoß. Aber sobald sich die Kommunistische Partei fest genug im Regierungssattel fühlte, begann sie den Spielraum der Aktivität des Volkes einzuengen. Alle folgenden Aktionen der Bolschewiki, ihre Politik mit all ihren Änderungen, ihre Kompromisse und Rückzüge, ihre Methoden der Unterdrückung und Verfolgung, ihr Terrorismus und die Ausrottung aller abweichenden politischen Ansichten - all das waren nur verschiedene Mittel zu einem Ziel: die Behauptung der Staatsmacht in den Händen der Kommunisten. In der Tat machten die Bolschewiki selbst in Rußland gar kein Hehl aus diesem Vorhaben. Die Kommunistische Partei, so behaupteten sie, sei die Avantgarde des Proletariats, und die Diktatur müsse infolgedessen in ihrer Hand ruhen. Aber die Bolschewiki hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht - ohne die Bauern, die weder durch die Tscheka, noch durch Massenerschießungen dazu gebracht werden konnten, das bolschewistische Regime zu unterstützen. Die Bauern waren der Fels, an dem die subtilsten Pläne und Vorhaben Lenins zerschellten. Aber Lenin, ein behender Akrobat, war geschickt genug, auch in den engsten Grenzen noch zu agieren. Die „Neue ökonomische Politik“ (NEP) wurde gerade rechtzeitig eingeführt, um die Katastrophe abzuwenden, die langsam aber sicher über das kommunistische Gebäude hereinzubrechen drohte.

 

 

II

 

Die „Neue ökonomische Politik“ kam für die meisten Kommunisten als Überraschung und Schock. Sie sahen in ihr eine Umkehrung all dessen, was ihre Partei proklamiert hatte - eine Umkehrung des Kommunismus selbst. Einige der ältesten Parteimitglieder, Männer, die sich unter dem Zarenregime Gefahr und Verfolgung ausgesetzt hatten, während Lenin und Trotzki im Ausland in Sicherheit lebten, verließen, verbittert und enttäuscht, aus Protest die Partei. Daraufhin begannen die Führer mit Ausschlußverfahren. Sie ordneten die Säuberung der Partei von allen „zweifelhaften“ Elementen an. Jeder, der einer unabhängigen Haltung verdächtig war, und alle, die die „Neue ökonomische Politik“ nicht als der revolutionären Weisheit letzter Schluß akzeptierten, wurden ausgestoßen. Unter ihnen waren Männer, die jahrelang voller Hingabe der Sache des Kommunismus gedient hatten. Einige von ihnen, bis ins Innerste getroffen durch das ungerechte und brutale Vorgehen und zutiefst erschüttert über den Zusammenbruch dessen, was ihnen als Höchstes gegolten hatte, begingen sogar Selbstmord.

 

Aber die ungehinderte Verkündigung des Leninschen neuen Evangeliums mußte gesichert werden, des Evangeliums von der Heiligkeit des Privateigentums und der Freiheit zu halsabschneiderischer Konkurrenz, das auf den Ruinen von vier Jahren der Revolution errichtet wurde.

 

Die kommunistische Entrüstung über die „Neue ökonomische Politik“ war jedoch lediglich ein Beweis für die geistige Verwirrung von Lenins Gegnern. Wer anders als ein geistig Verwirrter konnte den zahllosen akrobatischen Kunststücken Leninscher Politik beipflichten, um sich dann beim letzten Purzelbaum, beim logisch notwendigen Höhepunkt, zu entrüsten? Das Unglück dieser gläubigen Kommunisten war, daß sie an die „Jungfrauengeburt“ des kommunistischen Staates glaubten, der mit Hilfe der Revolution die Welt erlösen sollte. Aber die meisten der kommunistischen Führer gaben sich niemals einer solchen Täuschung hin. Am allerwenigsten Lenin selbst.

 

Während meines ersten Interviews gewann ich den Eindruck, daß er ein gewiefter Politiker war, der genau wußte, was er wollte, und der vor nichts zurückschrecken würde, um sein Ziel zu erreichen. Nachdem ich ihn bei mehreren Gelegenheiten hatte reden hören und seine Werke gelesen hatte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß die Revolution Lenin sehr wenig bedeutete und der Kommunismus ihm eine Angelegenheit ferner Zukunft war. Der zentralisierte politische Staat war Lenins Gott, dem alles andere geopfert werden mußte. Irgendjemand sagte, Lenin würde die Revolution opfern, um Rußland zu retten. Lenins Politik hat jedoch bewiesen, daß er bereit war, sowohl die Revolution als auch das Land zu opfern; oder zumindest einen Teil des Landes, um in dem Rest Rußlands seine politischen Pläne zu verwirklichen.

 

Lenin war der anpassungsfähigste aller Politiker der Geschichte. Er konnte zu gleicher Zeit ein Ultra-Revolutionär, ein Kompromißler und ein Konservativer sein. Als der Schrei „Alle Macht den Räten!“ wie eine gewaltige Welle Rußland durchwogte, schwamm Lenin mit dem Strom. Als die Bauern vom Land, die Arbeiter von den Fabriken Besitz ergriffen, stimmte Lenin diesen direkten Aktionen nicht nur zu, sondern ging sogar noch weiter. Er lancierte die berühmte Devise „Beraubt die Räuber!“, ein Schlachtruf, der Verwirrung in den Köpfen der Leute stiftete und dem revolutionären Idealismus unerhörten Schaden zufügte. Nie zuvor hatte irgendein wahrer Revolutionär die gesellschaftliche Enteignung als Übertragung des Reichtums von einer Gruppe von Individuen auf eine andere interpretiert. Doch genau das bedeutete Lenins Schlachtruf. Die blind wütenden und verantwortungslosen Überfälle, die Akkumulation des Reichtums der früheren Bourgeoisie in den Händen der neuen Rätebürokratie, die Schikane, der man jene aussetzte, deren einziges Verbrechen in ihrem ehemaligen gesellschaftlichen Status bestand, waren alle das Ergebnis von Lenins „Beraubt die Räuber“-Politik. Die gesamte folgende Geschichte der Revolution ist ein Kaleidoskop, das sich zusammensetzt aus Lenins Kompromissen und seinem Verrat an seinen eigenen Wahlsprüchen.

 

Bolschewistische Handlungen und Methoden seit den Oktobertagen mögen der „Neuen ökonomischen Politik“ zu widersprechen scheinen. In Wirklichkeit aber waren sie Glieder in der Kette, die die allmächtige zentralistische Regierung mit dem Staatskapitalismus als ihrem ökonomischen Ausdruck zusammenschmieden sollte. Lenin besaß Klarheit der Vision und einen eisernen Willen. Er wußte, wie er seine Genossen innerhalb und außerhalb Rußlands glauben machen konnte, daß seine Pläne wahrer Sozialismus und seine Methoden die Revolution waren. Kein Wunder, daß Lenin Verachtung für seine Anhänger empfand, die er nie zögerte ihnen ins Gesicht zu schleudern „Nur Narren können glauben, daß Kommunismus im Rußland von heute möglich ist“, antwortete Lenin den Gegnern der „Neuen Ökonomischen Politik“.

 

Lenin hatte in der Tat recht. Wahrer Kommunismus war in Rußland niemals ausprobiert worden, sofern man nicht 33 verschiedene Lohnstufen, verschiedene Lebensmittelrationen, Privilegien für einige und Gleichgültigkeit gegenüber den Massen als Kommunismus ansehen will.

 

In der frühen Phase der Revolution war es für die Kommunistische Partei relativ leicht, sich in den Besitz der Macht zu setzen. Alle revolutionären Elemente, im Banne der ultrarevolutionären Versprechungen der Bolschewiki, verhalfen ihnen zur Macht. Einmal im Besitz des Staates begannen die Kommunisten mit ihrer Eliminierung. Alle politischen Parteien und Gruppen, die sich weigerten, sich der neuen Diktatur zu unterwerfen, mußten gehen. Zuerst die Anarchisten und die frühen sozialistischen Revolutionäre, dann die Menschewiki und andere Gegner von rechts und zuguterletzt jeder, der es wagte, nach einer eigenen Meinung zu streben. Das Los aller unabhängigen Organisationen war ähnlich. Sie wurden entweder den Bedürfnissen des neuen Staates untergeordnet oder ganz zerstört, wie z. B. die Räte, die Gewerkschaften und die Kooperative - drei wichtige Faktoren für die Verwirklichung der Hoffnungen der Revolution. Die Räte waren zum erstenmal in der Revolution von 1905 aufgetreten. Sie spielten eine bedeutende Rolle während jener kurzen, aber wichtigen Periode. Obwohl die Revolution zerschlagen wurde, blieb die Idee der Räte in den Köpfen und Herzen der russischen Massen verwurzelt. Beim ersten Dämmern, das Rußland im Februar 1917 erhellte, lebten die Räte wieder auf und standen in kürzester Frist in Blüte. Das Volk sah in den Räten keineswegs eine Beschränkung des Geistes der Revolution. Ganz im Gegenteil: Die Revolution sollte ihren höchsten und freiesten praktischen Ausdruck durch die Räte finden. Das war der Grund für das spontane und rasche Sichausbreiten der Rätebewegung über ganz Rußland. Die Bolschewiki erkannten die Bedeutung des populären Trends und schlossen sich dem Schrei an. Aber als sie die Regierung unter ihre Kontrolle gebracht hatten, erkannten die Kommunisten, daß die Räte eine Bedrohung für die Souveränität des Staates darstellten. Sie konnten sie aber nicht willkürlich zerstören, ohne ihr eigenes Prestige als Förderer des Rätesystems zu Hause und im Ausland zu untergraben. Sie begannen, sie allmählich von der Macht abzuschneiden, um sie schließlich ihren eigenen Bedürfnissen unterzuordnen.

 

Die russischen Gewerkschaften waren einer Verstümmelung bei weitem zugänglicher. Zahlenmäßig und der revolutionären Struktur nach steckten sie noch in den Kinderschuhen. Indem man die Mitgliedschaft bei den Gewerkschaften obligatorisch machte, gewannen die russischen Arbeiterorganisationen an physischer Statur, blieben jedoch geistig im Kindheitsstadium stecken. Der kommunistische Staat wurde zur Amme der Gewerkschaften. Diese wiederum dienten als Speichellecker des Staates. „Eine Schule für den Kommunismus“ nannte Lenin sie in der berühmten Auseinandersetzung über die Funktionen der Gewerkschaften. Ja. Aber eine antiquierte Schule, in der der Geist des Kindes an Fesseln gelegt und zerstört wird. Nirgendwo auf der Welt zeigen sich die Gewerkschaften dem Willen und Diktat des Staates gegenüber so unterwürfig wie im bolschewistischen Rußland. Das Schicksal der Kooperative ist zu bekannt, um der Erläuterung zu bedürfen. Die Kooperative waren die wichtigsten Bindeglieder zwischen Stadt und Land. Sie waren von unschätzbarem Wert für die Revolution als ein beliebtes und erfolgreiches Medium für Tausch und Verteilung und für die Rekonstruktion Rußlands. Die Bolschewiki verwandelten sie in Zahnräder der Regierungsmaschine und zerstörten so ihre Nützlichkeit und Wirksamkeit.

 

 

III

 

Es dürfte jetzt klar sein, warum die Russische Revolution, da sie von der Kommunistischen Partei geführt wurde, mißlingen mußte. Die politische Macht der Partei, im Staate organisiert und zentralisiert, suchte sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu behaupten. Die zentralen Autoritäten versuchten die Aktivitäten des Volkes in Formen zu zwingen, die den Zwecken der Partei entsprachen. Deren alleiniges Ziel war es, den Staat zu stärken und alle ökonomischen politischen und sozialen Aktivitäten zu monopolisieren - ja sogar alle kulturellen Schöpfungen. Der Revolution ging es um etwas ganz anderes, und schon ihrem Charakter nach war sie die Negierung von Autorität und Zentralisation. Sie strebte es an, der Selbstdarstellung des Proletariats immer weitere Gebiete zu öffnen und die Entwicklungsstufen individueller und kollektiver Anstrengung zu potenzieren. Die Ziele und Tendenzen der Revolution waren denen der herrschenden Partei entgegengesetzt.

 

Dasselbe gilt für die Methoden von Revolution und Staat. Die Methoden der Revolution waren auch von revolutionärem Geist inspiriert: das heißt von der Befreiung von allen unterdrückenden und einschränkenden Mächten; kurz, von libertären Prinzipien. Die Methoden des Staates dagegen - des bolschewistischen Staates wie auch jeder anderen Regierung - basierten auf Zwang, der im Zuge der Entwicklung notwendigerweise in systematischer Gewaltanwendung, in Unterdrückung und Terrorismus endete. So kämpften also zwei einander entgegengesetzte Richtungen um die Vorherrschaft: der bolschewistische Staat und die Revolution. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Die beiden in Zielen und Methoden antagonistischen Richtungen konnten nicht harmonisch zusammenarbeiten: der Triumph des Staates bedeutete die Niederlage der Revolution.

 

Es wäre ein Irrtum anzunehmen, die Revolution sei ausschließlich am Charakter der Bolschewiki gescheitert. Ihr Fehlschlag war grundsätzlich das Resultat der Prinzipien und Methoden des Bolschewismus. Es waren der autoritäre Geist und die Prinzipien des Staates, die die freiheitlichen und befreienden Bestrebungen erstickten. Hätte irgendeine andere politische Partei die Regierung unter ihrer Kontrolle gehabt, das Ergebnis wäre im wesentlichen dasselbe gewesen. Es waren weniger die Bolschewiki selbst, die die Russische Revolution töteten, als vielmehr die bolschewistische Idee. Es war der Marxismus, wie modifiziert auch immer, kurz fanatische Regierungsgläubigkeit. Nur ein Wissen um die grundlegenden Gewalten, die die Revolution unter sich zermalmten, kann die wahre Lektion dieses weltbewegenden Ereignisses darstellen. Die Russische Revolution spiegelt im Kleinen den Kampf eines Jahrhunderts zwischen dem libertären und dem autoritären Prinzip wider. Denn was ist Fortschritt, wenn nicht eine allgemeinere Anerkennung der Prinzipien der Freiheit gegenüber denen des Zwangs? Die Russische Revolution war ein libertärer Schritt, der durch den bolschewistischen Staat rückgängig gemacht wurde, durch den vorläufigen Sieg der reaktionären Idee der Herrschaft.

 

Dieser Sieg hatte eine ganze Reihe von Ursachen ... 

 

Die Hauptursache ist jedoch nicht in der Rückständigkeit Rußlands zu suchen, wie so viele Kritiker behaupteten. Die Hauptursache war das kulturelle Niveau der Russen, das ihnen nicht nur gewisse Vorteile über ihre aufgeklärteren Nachbarn gab, sondern auch einige fatale Nachteile mit sich brachte. Die Russen waren „kulturell rückständig“ im Sinne eines Unverdorbenseins durch politische und parlamentarische Korruption. Die Kehrseite der Medaille aber waren Unerfahrenheit im politischen Spiel und ein naiver Glaube an die wunderbare Gewalt der Partei, die am lautesten schrie und die meisten Versprechungen machte. Dieser Glaube an die Macht der Regierung machte das russische Volk zum Sklaven der Kommunistischen Partei, noch bevor die große Masse erkannte, daß ihre Nacken unter das Joch gebeugt waren. In den Anfangstagen der Revolution war das libertäre Prinzip stark, das Bedürfnis nach freier Ausdrucksmöglichkeit alldurchdringend. Aber als die erste Woge der Begeisterung im prosaischen Alltagsleben verebbte, da war feste, gesicherte Überzeugung nötig, wenn die Flamme der Freiheit nicht verlöschen sollte. In der ganzen Weite Rußlands gab es nur eine Handvoll Männer, die das Feuer unterhalten konnten - die Anarchisten, deren Zahl gering war und deren Bemühungen, zur Zarenzeit absolut unterdrückt, keine Zeit gehabt hatten, Früchte zu tragen. Das russische Volk, das bis zu einem gewissen Grade instinktiv anarchistisch ist, war noch zu wenig vertraut mit den wahren Prinzipien und Methoden der Freiheit, um sie wirkungsvoll im Leben anzuwenden. Die meisten der russischen Anarchisten waren unglücklicherweise noch in begrenzte Gruppenaktivitäten und individualistische Bemühungen verstrickt, anstatt sich den bedeutungsvolleren sozialen und kollektiven Anstrengungen anzuschließen. Die Anarchisten, so wird der unvoreingenommene Historiker der Zukunft zugeben müssen, haben eine sehr wichtige Rolle in der Russischen Revolution gespielt - eine größere und erfolgreichere Rolle als ihre relativ kleine Anzahl hätte vermuten lassen. Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zwingen mich jedoch zuzugeben, daß ihre Arbeit von unendlich viel größerem praktischen Wert gewesen wäre, wären sie besser organisiert und darauf vorbereitet gewesen, die entfesselten Energien des Volkes in die Bahnen einer Reorganisation des Lebens auf der Basis der Freiheit zu lenken.

 

Aber das Versagen der Anarchisten in der Russischen Revolution - im eben angedeuteten Sinne - ist keineswegs ein Argument gegen das libertäre Prinzip. Die Russische Revolution hat im Gegenteil wider jeden Zweifel bewiesen, daß die Idee des Staates - der Staatssozialismus - in all ihren Manifestationen (ökonomisch, politisch, sozial, bildungsmäßig) auf völlig hoffnungslose Weise bankrott ist. Nie zuvor in der Geschichte haben sich Autorität, Staat, Regierung so ihrem Wesen nach statisch, reaktionär, ja konterrevolutionär in ihrer Wirkung erwiesen. Kurzum, sie sind geradezu die Antithese der Revolution.

 

Es bleibt so wahr, wie es in jedem Fortschritt gewesen ist, daß nur der Geist und die Methode der Freiheit den Menschen einen Schritt vorwärtsbringen können in seinem ewigen Kampf für ein besseres, verfeinerteres und freieres Leben. Angewandt auf die großen sozialen Umwälzungen, die man Revolutionen nennt, ist diese Tendenz ebenso mächtig wie im gewöhnlichen Prozeß der Entwicklung. Die autoritäre Methode hat die ganze Geschichte hindurch versagt, und nun war ihr in der Russischen Revolution dasselbe Los beschieden. Bis heute hat der menschliche Erfindungsgeist kein besseres Prinzip entdeckt als das der Freiheit, und der Mensch verlieh in der Tat seiner höchsten Weisheit Ausdruck, als er die Freiheit die Mutter und nicht die Tochter der Ordnung nannte. Allen politischen Doktrinen und Parteien zum Trotz kann keine Revolution von wirklichem und dauerndem Erfolg sein, wenn sie nicht jeder Tyrannei und Zentralisation ein nachdrückliches Veto entgegensetzt und entschieden dafür kämpft, die Revolution zu einer wirklichen Umwertung aller ökonomischen, sozialen und kulturellen Werte zu machen. Nicht die bloße Ersetzung einer Partei durch eine andere in der Kontrolle der Regierung, nicht die Verbrämung der Autokratie mit proletarischen Parolen, nicht die Diktatur einer neuen Klasse über eine alte, nicht politischer Szenenwechsel irgendwelcher Art, sondern allein die vollständige Umkehrung all dieser autoritären Prinzipien wird der Revolution dienen.

 

Auf ökonomischem Gebiet muß die Transformation in den Händen der Industriearbeiter liegen, die die Wahl haben zwischen einem Industriestaat und dem Anarcho-Syndikalismus. Entschieden sie sich für den Industriestaat, so wäre die konstruktive Entwicklung der neuen sozialen Struktur von dieser Seite aus ebenso bedroht wie von der des politischen Staates. Das Wachstum neuer sozialer Lebensformen würde verhindert. Aus diesem Grund genügt der Syndikalismus (oder Industrialismus) allein noch nicht, auch wenn seine Anhänger es behaupten. Nur wenn der Geist der Freiheit die ökonomischen Organisationen der Arbeiter durchdringt, können die vielfältigen schöpferischen Energien des Volkes sich manifestieren, nur dann kann die Revolution geschützt und verteidigt werden. Nur durch freie Initiative und Beteiligung der Massen an den Angelegenheiten der Revolution können die entsetzlichen Fehler vermieden werden, die in Rußland begangen wurden. Die Einwohner von Petrograd hätten zum Beispiel nicht unter der Kälte zu leiden gehabt, wenn die ökonomischen Arbeiterorganisationen der Stadt frei gewesen wären, die Initiative zugunsten des allgemeinen Besten zu ergreifen, denn nur hundert Werst von Petrograd entfernt gab es Brennmaterial. Die Bauern der Ukraine wären nicht an der Bestellung ihrer Felder gehindert worden, hätten sie Zugang zu den Werkzeugen gehabt, die in den Lagerhäusern Charkows und anderer industrieller Zentren gestapelt waren. Aber ihre Verteilung wurde von Moskau aus dirigiert. Dies sind charakteristische Beispiele für die zentralistische Regierungsweise der Bolschewiki, und sie sollten die Arbeiter Europas und Amerikas vor den zerstörerischen Auswirkungen des Etatismus warnen.

 

Nur die industrielle Macht der Massen, wie sie sich in ihren libertären Assoziationen - im Anarcho-Syndikalismus - manifestiert, ist in der Lage, das ökonomische Leben zu organisieren und die Produktion voranzutreiben. Die Kooperative hingegen, die mit den industriellen Körperschaften harmonisch zusammenarbeiten, dienen als Tausch- und Distributionsmedien zwischen Stadt und Land und binden gleichzeitig die industriellen und agrarischen Massen brüderlich aneinander. Ein gemeinsames Band gegenseitiger Dienst- und Hilfsleistungen wird geschaffen, das das stärkste Bollwerk der Revolution ist - viel stärker als Zwangsarbeit, Rote Armee oder Terrorismus. Es ist dies der einzige Weg, auf dem die Revolution als Hefe wirken kann, die die Entwicklung neuer sozialer Formen vorantreibt und die Massen zu größeren Leistungen anstachelt.

 

Aber libertäre industrielle Arbeiterassoziationen und Kooperative sind nicht die einzigen Medien im Zusammenspiel der vielfältigen Elemente des sozialen Lebens. Die kulturellen Kräfte sind zwar den ökonomischen eng verbunden, haben aber dennoch eigene Funktionen zu erfüllen. In Rußland wurde der kommunistische Staat zum alleinigen Schiedsrichter über alle Bedürfnisse der Gesellschaft. Das Ergebnis... waren vollkommene kulturelle Stagnation und Lähmung jedes schöpferischen Bemühens. Wenn ein solcher Zusammenbruch künftig vermieden werden soll, müssen die kulturellen Kräfte, wenngleich im ökonomischen Leben verwurzelt, doch unabhängig in ihrem Spielraum und frei in ihrem Ausdruck sein. Nicht Verbundenheit mit der herrschenden politischen Partei, sondern Hingabe an die Revolution, Wissen, Können und vor allem der schöpferische Impuls sollten Kriterien sein für die Befähigung zu kulturellem Schaffen. In Rußland wurde dies nahezu von Beginn der Oktoberrevolution an durch die gewaltsame Trennung von Intelligenz und Massen unmöglich gemacht. Es ist durchaus richtig, daß in diesem Fall der Ursprung der Schuld bei der Intelligenz selbst zu suchen ist, die sich in Rußland - wie in anderen Ländern auch - mit Zähigkeit an die Rockschöße der Bourgeoisie klammerte. Diese Gruppe, die nicht fähig war, die Bedeutung der revolutionären Ereignisse zu erfassen, bemühte sich, die Flut durch großangelegte Sabotage aufzuhalten. Aber es gab in Rußland auch noch eine andere Intelligenzschicht, eine mit einem Jahrhundert glorreicher revolutionärer Vergangenheit. Dieser Teil der Intelligenz blieb dem Volk treu, obwohl er die neue Diktatur nicht vorbehaltlos akzeptieren konnte. Es war ein fataler Irrtum der Bolschewiki, daß sie zwischen diesen beiden Gruppen der Intelligenz nicht zu unterscheiden vermochten. Sie begegneten Sabotageakten mit massenhaftem Terror gegen die Intelligenz als Klasse und begannen eine Haßkampagne gegen diese, die die Verfolgung der Bourgeoisie an Intensität noch übertraf. Auf diese Weise wurde ein Abgrund zwischen der Intelligenz und dem Proletariat geschaffen und eine Barriere gegen konstruktive Arbeit errichtet.

 

Lenin erkannte diesen verbrecherischen Fehler als erster. Er wies darauf hin, daß es ein gefährlicher Irrtum sei, die Arbeiter zu dem Glauben zu verführen, sie könnten Industrien aufbauen und kulturelle Arbeit verrichten ohne die Hilfe und Kooperation der Intelligentsia. Das Proletariat besaß weder Wissen noch Training für eine solche Aufgabe, und die Intelligentsia mußte daher wieder mit der Leitung des industriellen Lebens betraut werden. Aber die Einsicht in einen solchen Fehler rettete Lenin und seine Partei nicht davor, sofort einen neuen zu begehen. Die technische Intelligenz wurde zu Bedingungen zurückgerufen, die dem Antagonismus gegen das Regime auch noch ein Element der Desintegration hinzufügte. Während die Arbeiter weiter hungerten, erhielten Ingenieure, Experten und Techniker hohe Gehälter, besondere Privilegien und die besten Rationen. Sie wurden die gehätschelten Angestellten des Staates und die neuen Sklaventreiber der Massen. Diese, in denen jahrelang der trügerische Glaube genährt worden war, Muskelkraft allein genüge für eine erfolgreiche Revolution und nur physische Arbeit sei produktiv, und die durch eine Hetzkampagne dazu verleitet worden waren, in jedem Intellektuellen einen Konterrevolutionär und Spekulanten zu sehen, konnten nicht Frieden schließen mit denen, die zu hassen man sie gelehrt hatte.

 

Unglücklicherweise ist Rußland nicht das einzige Land, in dem diese Art proletarischer Haltung der Intelligenz gegenüber vorherrscht. Überall bedienen sich politische Demagogen der Unwissenheit der Massen, um sie zu lehren, Erziehung und Kultur seien bürgerliche Vorurteile, die Massen könnten ohne sie auskommen und seien allein befähigt, die Gesellschaft wieder aufzubauen. Die Russische Revolution hat klar bewiesen, daß Gehirn und Muskeln gleich unentbehrlich sind für ein Werk der sozialen Erneuerung. Intellektuelle und manuelle Arbeit sind einander im sozialen Körper ebenso nahe verbunden wie Hirn und Hand im menschlichen. Eines kann ohne das andere nicht funktionieren.

 

Es ist wahr, daß die meisten Intellektuellen sich als eine Sonderklasse betrachten, die den Arbeitern überlegen ist, aber überall sind die sozialen Bedingungen dabei, den hohen Sockel zu zerstören, auf den die Intelligentsia sich gestellt hat. Sie werden gezwungen einzusehen, daß auch sie Proletarier sind und daß sie sogar noch abhängiger vom ökonomischen Gebieter sind als die Handarbeiter. Während der physisch arbeitende Proletarier sein Werkzeug zusammenpacken und sich in der ganzen Welt nach einer neuen Stelle umsehen kann, um einer unerträglichen Situation zu entgehen, ist der geistig arbeitende Proletarier viel stärker in seinem besonderen sozialen Milieu verwurzelt und kann seine Beschäftigung und seine Lebensart nicht so leicht aufgeben und verändern. Es ist daher von höchster Bedeutung, die Arbeiter über die rapide Proletarisierung der Intellektuellen und das dadurch entstehende Band zwischen ihnen zu informieren. Wenn die westliche Welt von den Lehren der Russischen Revolution profitieren soll, so muß die Demagogie aufhören, mit der man den Massen schmeichelt und in ihnen einen blinden Antagonismus gegen die Intellektuellen nährt. Das bedeutet jedoch nicht, daß die Arbeiter völlig von den Intellektuellen abhängig werden sollen. Die Massen müssen im Gegenteil gleich jetzt damit beginnen, sich auf die große Aufgabe vorzubereiten, die die Revolution ihnen auferlegen wird. Sie sollten das theoretische und praktische Wissen erwerben, das notwendig ist, den komplizierten Mechanismus der industriellen und sozialen Struktur ihrer jeweiligen Länder in Gang zu halten und zu leiten. Aber auch im günstigsten Fall bedürfen die Arbeiter der Kooperation der technischen und kulturellen Intelligenz. Umgekehrt muß diese einsehen, daß ihre wahren Interessen mit denen der Massen identisch sind. Sobald diese beiden gesellschaftlichen Kräfte gelernt hätten, ein harmonisches Ganzes zu bilden, würden die traurigen Aspekte der Russischen Revolution zu einem großen Teil verschwinden. Niemand würde mehr erschossen, weil er „irgendwann einmal eine Erziehung genoß“. Der Wissenschaftler, der Ingenieur, der Spezialist, der Forscher, der Erzieher und der Künstler ebenso wie der Zimmermann, der Maschinist und der ganze Rest sind alle Teile der kollektiven Macht, die die Revolution in die großartige Architektur des neuen sozialen Gebäudes verwandeln soll. Nicht Zwietracht, sondern Eintracht; nicht Antagonismus, sondern Kameradschaft; nicht Erschießen, sondern Sympathie - das ist die Lehre, die Intelligenz und Arbeiter aus dem russischen Zusammenbruch zu ziehen hatten. Alle müssen den Wert gegenseitiger Hilfe und freiwilliger Zusammenarbeit schätzen lernen. Doch jedermann muß in seiner eigenen Sphäre unabhängig bleiben und aus einem Gefühl der Harmonie heraus der Gesellschaft sein Bestes geben. Nur so werden in Produktion, Erziehung und Kultur immer neue und reichere Formen ihren Ausdruck finden. Das ist für mich die allumfassende und essentielle Moral aus der Russischen Revolution.

 

 

IV

 

In den vorangegangenen Seiten habe ich zu zeigen versucht, warum die bolschewistischen Prinzipien, Methoden und Taktiken fehlschlugen, und daß die Anwendung ähnlicher Prinzipien und Methoden in anderen Ländern, selbst in den industriell höchstentwickelten, zu denselben Ergebnissen führen müsse. Ich habe ferner demonstriert, daß nicht nur der Bolschewismus versagte, sondern der Marxismus selbst. Das heißt die Staatsidee, das autoritäre Prinzip hat mit der Russischen Revolution den Bankrott erklärt. Wollte ich meine gesamte Argumentation in einem Satz zusammenfassen, so würde ich sagen: Die dem Staate innewohnende Tendenz ist es, alle gesellschaftlichen Aktivitäten zu konzentrieren, einzuengen und zu monopolisieren; in der Natur der Revolution hingegen liegt es, zu wachsen, sich auszuweiten und immer weitere Kreise zu ziehen. Mit anderen Worten, der Staat ist institutionell und statisch; die Revolution ist fließend und dynamisch. Diese beiden Tendenzen sind nicht miteinander in Einklang zu bringen und wirken zerstörerisch aufeinander. Die Staatsidee hat die Russische Revolution erwürgt, und sie muß in allen anderen Revolutionen dasselbe Resultat zeitigen, wenn die Idee der Freiheit nicht zur Vorherrschaft gelangt.

 

Aber ich gehe noch viel weiter. Es sind nicht nur Bolschewismus, Marxismus und Regierungsdenken, die der Revolution wie auch jedem wesentlichen menschlichen Fortschritt tödlich sind. Die Hauptursache der Niederlage der Russischen Revolution liegt viel tiefer. Sie ist in der sozialistischen Konzeption der Revolution selbst zu suchen.

 

Die dominierende Idee der sozialistischen Revolutionskonzeption, ja geradezu der Generalnenner, auf den sie sich bringen läßt, ist die Vorstellung, daß Revolution eine gewaltsame Veränderung der sozialen Bedingungen sei, durch welche eine gesellschaftliche Klasse, nämlich die der Arbeiter, die Herrschaft über eine andere Klasse, nämlich die der Kapitalisten, erlangt. Es ist die Konzeption einer rein physischen Veränderung, und als solche beinhaltet sie einen bloßen politischen Szenenwechsel und institutionelle Umorganisation. Bürgerliche Diktatur wird ersetzt durch die „Diktatur des Proletariats“ - oder durch die ihrer „Avantgarde“, der Kommunistischen Partei; Lenin nimmt den Sitz der Romanows ein, das kaiserliche Kabinett wird umgetauft in Rat der Volkskommissare, Trotzki wird zum Kriegsminister ernannt, und ein Arbeiter wird militärischer Generalgouverneur von Moskau. So sieht im wesentlichen die bolschewistische Konzeption der Revolution aus, wie sie in die Praxis übersetzt wurde. Und mit einigen geringfügigen Änderungen ist das auch die Revolutionsidee anderer sozialistischer Parteien.

 

Diese Konzeption ist auf fatale Weise von innen heraus falsch. Revolution ist in der Tat ein mit Gewalt verbundener Prozeß. Aber wenn er in einem bloßen Wechsel des Diktators, in einem Austausch der Namen und Personen enden sollte, so lohnte er die Mühe kaum. Umsonst wären dann all die Kämpfe und Opfer, der unerhörte Verlust an Menschenleben und kulturellen Werten, die zu jeder Revolution gehören. Selbst wenn eine solche Revolution zu größerem sozialen Reichtum führte, was in Rußland nicht der Fall war, selbst dann wäre sie den ungeheuren Preis, den sie kostete, nicht wert: Bloße materielle Verbesserung kann ohne blutige Revolution erreicht werden. Die wahren Ziele und Zwecke einer Revolution, wie ich sie verstehe, erschöpfen sich nicht in Beruhigungsmitteln und Reformen.

 

Meiner Meinung nach, die sich durch die russische Erfahrung tausendfach bestätigt und bestärkt sieht, liegt die große Mission der Revolution, der Sozialen Revolution, in einer fundamentalen Umwertung aller Werte. Einer Umwertung nicht nur der sozialen, sondern auch der menschlichen Werte. Die letzteren sind sogar die bedeutsameren, beruhen doch auf ihnen alle sozialen Werte. Unsere Institutionen und Verhältnisse stützen sich auf tiefverwurzelte Ideen. Diese Verhältnisse zu verändern, bei gleichzeitigem Bestehenlassen der ihnen zugrundeliegenden Ideen und Werke, käme einer oberflächlichen Transformation gleich, die weder von Dauer sein noch wirkliche Verbesserungen bringen kann. Es wäre ein Wechsel der Form, nicht der Substanz, wie das russische Beispiel es auf tragische Weise gezeigt hat.

 

Es ist zugleich das große Versagen und die große Tragödie der Russischen Revolution, daß sie unter der Führung der herrschenden Partei versuchte, nur die Institutionen und Verhältnisse zu verändern, ohne sich im geringsten um die menschlichen und sozialen Werte zu kümmern, die die Revolution involvierte. Ja schlimmer noch, in seiner wahnwitzigen Machtgier suchte der kommunistische Staat gerade jene Ideen und Konzeptionen noch zu stärken und zu verteidigen, deren Vernichtung Ziel der Revolution war. Er unterstützte und ermutigte die scheußlichsten antisozialen Eigenschaften und zerstörte systematisch die sowieso schon geschwächte Konzeption der neuen revolutionären Werte.

 

Der Sinn für Gerechtigkeit und Gleichheit, die Liebe zur Freiheit und menschlichen Brüderschaft - diese Grundvoraussetzungen einer wirklichen Erneuerung der Gesellschaft - wurden vom kommunistischen Staat in einer Weise unterdrückt, die ihrer Vernichtung gleichkam. Der instinktive menschliche Sinn für Recht und Billigkeit wurde als Sentimentalität gebrandmarkt; Menschenwürde und Freiheit wurden als bürgerlicher Mummenschanz entlarvt; die Heiligkeit des Lebens, die zentral ist für jede soziale Erneuerung, wurde als unrevolutionär, gar konterrevolutionär verdammt. Diese fürchterliche Perversion fundamentaler Werte trug den Keim der Zerstörung schon in sich. Die Konzeption, daß die Revolution lediglich ein Mittel sei, an die Macht zu gelangen, brachte es unvermeidlich mit sich, daß alle revolutionären Werte den Bedürfnissen des sozialistischen Staates untergeordnet, ja gar benutzt werden mußten, der Förderung der Sicherheit der frisch erworbenen Regierungsgewalt zu dienen. „Staatsräson“, maskiert als „Interesse von Volk und Revolution“, wurde zum einzigen Kriterium des Handelns, ja sogar des Fühlens. Gewalt, tragischerweise unvermeidlich in revolutionären Umwälzungsprozessen, wurde zum etablierten Brauch, zur Gewohnheit und wurde sogleich als die mächtigste und „idealste“ Institution inthronisiert. Kanonisierte nicht Sinowjew selbst Dzershinski, das Haupt der blutigen Tscheka, als den „Heiligen der Revolution“? Wurden nicht Uritzki, dem Begründer und sadistischen Boß der Petrograder Tscheka, die höchsten Auszeichnungen des Staats zuteil?

 

Diese Perversion der ethischen Werte kristallisierte sich bald in dem allmächtigen Motto der Kommunistischen Partei: DAS ZIEL RECHTFERTIGT DIE MITTEL. Die Inquisition und die Jesuiten hatten sich in der Vergangenheit dieselbe Devise zu eigen gemacht und ihr die gesamte Moral untergeordnet. Sie rächte sich an den Jesuiten nicht anders als an der Russischen Revolution. In ihrem Gefolge zogen Lüge, Täuschung, Heuchelei und Verrat und Mord vor aller Augen und im Geheimen. Es sollte für Studenten der Sozialpsychologie von größtem Interesse sein, daß zwei zeitlich so weit auseinanderliegende Bewegungen wie das Jesuitentum und der Bolschewismus, die in ihren Ideen so stark differieren, doch genau dieselben Resultate erzielten durch die Anwendung des Prinzips, daß das Ziel alle Mittel rechtfertige. Die historische Parallele, bis heute beinahe vollständig ignoriert, enthält eine sehr wichtige Lektion für alle kommenden Revolutionen und für die gesamte Zukunft der Menschheit.

 

Es gibt keinen größeren Irrtum als den Glauben, Ziele und Zwecke seien eine Sache, Methoden und Taktiken eine andere. Diese Konzeption bedeutet eine potentielle Bedrohung aller sozialen Erneuerung. Jede menschliche Erfahrung lehrt, daß Methoden und Mittel nicht vom Endziel zu trennen sind. Durch individuelle Gewöhnung und soziale Praxis werden die angewandten Mittel zum integrierenden Bestandteil des Endziels; sie beeinflussen und modifizieren es, und schon werden Ziele und Mittel identisch. Vom Tage meiner Ankunft in Rußland an fühlte ich es, zunächst vage, dann immer klarer und bewußter. Die großen und begeisternden Ziele der Revolution wurden so umwölkt und verdunkelt durch die Methoden der herrschenden politischen Macht, daß es schwer war, zwischen temporären Mitteln und letztem Ziel zu unterscheiden. Sowohl psychologisch als auch sozial gesehen müssen die Mittel die Ziele beeinflussen und verändern.

 

Die gesamte Geschichte der Menschheit ist ein fortgesetzter Beweis für den Satz, daß, wenn man sich in seinen Methoden ethischer Konzepte entledigt, man in die Abgründe äußerster Demoralisierung versinkt. Darin liegt die wahre Tragödie der bolschewistischen Philosophie, wie sie in der Russischen Revolution angewandt wurde. Möge diese Lektion nicht umsonst gewesen sein.

 

Keine Revolution kann jemals zu einem erfolgreichen Faktor der Emanzipation werden, wenn nicht die angewandten Mittel in Geist und Tendenz mit den zu erreichenden ZWECKEN identisch sind. Revolution ist die Negation des Bestehenden, ein gewaltsamer Protest gegen die Inhumanität des Menschen dem Menschen gegenüber, mit all den tausendundeinen Sklavereien, die diese Inhumanität impliziert. Sie ist der Zerstörer herrschender Werte, auf denen ein komplexes System der Ungerechtigkeit, Unterdrückung und des Unrechts errichtet worden ist mit Hilfe von Unwissenheit und Brutalität. Sie ist der Herold NEUER WERTE, der die Transformation der grundlegenden Beziehungen zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Gesellschaft ankündigt. Sie ist nicht ein bloßer Reformer, der ein paar soziale Übel übertüncht; nicht lediglich eine Veränderung der Formen und Institutionen; nicht nur ein Umverteiler sozialen Wohlstandes. Sie ist all dies, jedoch bei weitem mehr. Zuerst und vor allem ist sie der UMWERTER ALLER WERTE, der Träger neuer Werte. Sie ist der große LEHRER DER NEUEN ETHIK, der den Menschen mit einer neuen Konzeption des Lebens und seiner Manifestationen in den sozialen Beziehungen inspiriert. Sie ist der geistige und seelische Erneuerer.

 

Ihr erster ethischer Grundsatz ist die Identität der angewandten Mittel mit den verfolgten Zielen. Das Endziel aller revolutionären sozialen Veränderung ist die Heiligkeit des Lebens, die Würde des Menschen, das Recht des Individuums auf Freiheit und Glück. Wären dies nicht die wesentlichen Ziele einer Revolution, so entbehren gewaltsame soziale Veränderungen der Berechtigung. Denn äußerliche soziale Veränderungen waren und sind zu erreichen auf dem Wege normaler Evolution. Revolution hingegen bedeutet nicht bloße äußerliche, sondern grundlegende innere Veränderung. Dieser innere Wechsel von Vorstellungen und Ideen, der immer weitere Strata der Gesellschaft durchdringt, kulminiert schließlich in jener Art gewaltsamen Umsturzes, die man Revolution nennt. Soll dieser Höhepunkt den Prozeß der Umwertung der Werte entbehren, sich gegen ihn wenden, ihn verraten? Das ist es, was in Rußland geschah. Ganz im Gegenteil soll die Revolution den Prozeß, dessen verdichteter Ausdruck sie ist, beschleunigen und fördern; ihre vornehmste Mission ist es, ihn zu inspirieren, zu großen Höhen fortzureißen, ihm den weitesten Spielraum für sein Wirken zu verschaffen. Nur dann bleibt die Revolution sich selbst treu.

 

Auf die Praxis angewandt bedeutet das, daß die Periode der aktuellen Revolution, die sog. Übergangsphase, die Einleitung, das Vorspiel zu neuen sozialen Bedingungen sein muß. Sie ist die Schwelle zum NEUEN LEBEN, zur neuen WOHNUNG DES MENSCHEN UND DER MENSCHHEIT. Als solche muß sie mit dem Geist des neuen Lebens harmonieren, mit der Konstruktion des neuen Gebäudes.

 

Das Heute ist der Vater des Morgen. Die Gegenwart wirft ihre Schatten weit voraus in die Zukunft. Das ist ein Gesetz individuellen und sozialen Lebens. Eine Revolution, die sich ethischer Werte entkleidet, legt damit den Grundstein zu Ungerechtigkeit, Täuschung und Unterdrückung in der Gesellschaft der Zukunft. Die Mittel, die man beim Bau der Zukunft verwendet, werden zu ihrem Eckstein. Nehmt das tragische Schicksal Rußlands zum Zeugen. Die Methoden staatlicher Zentralisation haben individuelle Initiative und Anstrengung lahmgelegt; die Tyrannei der Diktatur hat das Volk in sklavischer Unterwürfigkeit geduckt und die Flamme der Freiheit beinahe vollständig zum Erlöschen gebracht; organisierter Terror hat die Massen verdorben und barbarisiert und jeden Hauch Idealismus erstickt; institutionalisierter Mord hat das menschliche Leben verbilligt, und jeder Sinn für die Würde des Menschen und den Wert des Lebens wurde eliminiert; Zwang auf Schritt und Tritt hat Mühe bitter gemacht, Arbeit zur Strafe und hat das ganze Dasein in ein System gegenseitigen Betrugs verwandelt, in dem die niedrigsten und brutalsten Instinkte des Menschen wieder zur Blüte gelangen. Ein trauriges Erbe, um ein neues Leben der Freiheit und Brüderlichkeit zu beginnen.

 

Es kann nicht genug betont werden, daß Revolution umsonst ist, wenn sie nicht von ihrem Endziel inspiriert ist. Revolutionäre Methoden müssen in Gleichklang sein mit revolutionären Zielen. Die Mittel, die man anwendet, um die Revolution zu fördern, müssen mit deren Zielen harmonisieren. Kurz, die ethischen Werte, die die Revolution in der neuen Gesellschaft etablieren möchte, müssen schon mit den revolutionären Aktivitäten der sog. Übergangsphase zum Tragen kommen. Diese kann als wahre und verläßliche Brücke zu einem besseren Leben nur dann dienen, wenn sie aus demselben Material gebaut ist wie das zu erreichende Leben. Revolution ist der Spiegel des kommenden Tages; sie ist das Kind, das der Mann von Morgen sein soll.

 

 

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

 

Nach: Emma Goldman: My further disillusionment in Russia. Garden City, 1924, pp. 144-178. Aus dem Amerikanischen von Ingeborg Brandies

 

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s

 

 

 

Rudolf Rocker - Wir und die Marxisten

 

Zum Thema Syndikalismus: Diesmal von Rudolf Rocker, einem der Mitbegründer der anarcho-syndikalistischen Theorie. Rocker (1873-1958) war Sekretär der Geschäftskommission der FAUD und somit Mitherausgeber und Dauerpublizist des FAUD-Organs „Der Syndikalist" und zudem Mitbegründer der 1922 wiederbelebten Internationalen Arbeiter Association" (IAA). Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Leitartikel „Wir und die ‘Marxisten’", erschienen im „Syndikalist" vom 15.02.1919

 

...Die Syndikalisten sind der Meinung, daß der Sozialismus, abgesehen von seiner Bedeutung als allgemeiner Kulturfaktor, in erster Linie eine wirtschaftliche Frage ist. Aus diesem Grunde sehen sie in der wirtschaftlichen Organisation der Arbeiterklasse das wichtigste Instrument zur sozialen Befreiung. Für den Syndikalismus ist die Gewerkschaft nicht eine einfache Körperschaft zur Verteidigung lokaler Fachinteressen, sondern eine von sozialistischem Geiste getragene revolutionäre Klassenorganisation, die durch die Ausübung einer praktischen und natürlichen Solidarität jedem wirtschaftlichen Kampfe einen sozialen Charakter zu geben sucht. Der Syndikalismus ist sich vollständig klar über die gewaltige Bedeutung der ökonomischen Verhältnisse in der geschichtlichen Entwicklung, aber lehnt es ab, in den Menschen lediglich willenlose Organe des jeweiligen Produktionsprozesses zu sehen und auf diese Art die ökonomische Entwicklung zur Grundlage eines pseudowissenschaftlichen Fatalismus zu machen, der ebenso lähmend auf das Handeln der Menschen einwirken muß, wie jeder religiöse Fatalismus. Aus diesem Grunde teilt der Syndikalismus auch nicht den unbegründeten Glauben, daß der Kapitalismus notwendigerweise zum Sozialismus führen muß, er geht vielmehr von dem Grundsatz aus, daß die Verwirklichung des Sozialismus in erster Linie von dem bewußten Willen und der revolutionären Tatkraft der Arbeitermassen abhängig ist. Der Syndikalismus ist auch weit davon entfernt, in der Teilung der Arbeit und der Zentralisation der Industrie die geschichtliche notwendige Vorbedingung zur Verwirklichung des Sozialismus zu erblicken, vielmehr sieht er in diesen Erscheinungen lediglich Vorbedingungen des kapitalistischen Ausbeutungssystems, die gerade im Interesse des Sozialismus mit aller Energie bekämpft werden müssen.

 

Indem der Syndikalismus im revolutionären Wollen der Menschen einen notwendigen und ausschlaggebenden Faktor jeder Entwicklung zum Sozialismus erblickt, versucht er mit allen Möglichkeiten, die Arbeiter zur revolutionären Tätigkeit zu erziehen und ihren täglichen Kämpfen und Handlungen den W i l l e n z u m S o z i a l i s m u s (Hervorhebung im Original, Anm. d. Tippers) aufzuprägen. Gerade aus diesem Grunde verwirft er die Organisation der Arbeiter zur politischen Partei und sieht in der sozialistischen Gewerkschaft den geeignetsten Sammelpunkt zur Entfaltung des revolutionären Massenkampfes. Für den Syndikalist ist die Gewerkschaft nicht eine Art Provisorium, das nur innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft seine Existenzberechtigung findet, sie ist ihm vielmehr die notwendige Grundlage zum Werdegang der sozialistischen Gesellschaft, die Zelle, aus der sich Sozialismus entwickeln soll.

 

Der Syndikalismus teilt nicht den alten Aberglauben in die Macht der Staatsdekrete, den der Marxismus als Erbschaft von der bürgerlichen Demokratie und Revolution übernommen hat. Die Sozialisierung läßt sich nur durchführen durch die Arbeiter der verschiedenen Produktionszweige, so daß jeder einzelne Zweig die Organisation und Verwaltung seines Betriebes übernimmt. Sogar der beste und weiseste ‘sozialistische Übergangsstaat’ wäre unmöglich imstande, auch nur annähernd die intimen Fachkenntnisse zu entwickeln, über die die Arbeiter der einzelnen Betriebe verfügen und die unumgänglich nötig sind, um das große Werk der sozialistischen Umbildung erfolgreich zu gestalten. Eine solche Art der Sozialisierung durch die direkte, revolutionäre Aktion der bewaffneten Massen in jeder Stadt, in jedem Dorf würde ohne Zweifel viel eher imstande sein, jeden Gegendruck der kapitalistischen Reaktion niederzuhalten, wie die Unterdrückung der feindlichen Presse und anderer Maßregeln einer sozialistischen Regierung, die nur allzu leicht sich in ein Werkzeug einer bestimmten machthungrigen Clique verwandeln könnte. Indem die revolutionären Gewerkschaften das Werk der Sozialisierung sofort praktisch in Angriff nehmen würden, wäre dem Kapitalismus so wie so der Giftzahn ausgebrochen, denn seine ganze Widerstandskraft ist doch lediglich das Resultat seiner ökonomischen Macht.

 

Daß die Syndikalisten sich damit begnügen würden, den Arbeitern einfach die Produktionsmittel, den Grund und Boden zu übergeben und damit ihre Aufgabe als erledigt ansehen würden, ist eine so tolle Behauptung, daß man nur darüber lächeln kann. Die Syndikalisten wollen ebenfalls die Produktionsmittel usw. in den Dienst der Allgemeinheit stellen, aber das ist nur möglich, wenn die Produktionsgruppen in den einzelnen Kommunen die Verwaltung und Verantwortlichkeit für die Maschinen, Werkzeuge usw. an Ort und Stelle übernehmen. Und da die Menschen einer sozialistischen Gesellschaft durch dieselben gemeinschaftlichen Interessen und sozialen Bedürfnisse vereinigt sind, so ist jede einseitige Betonung lokaler Sonderinteressen zum Schaden der Allgemeinheit schlechterdings ausgeschlossen, da jede Produktionsgruppe und Kommune mit allen übrigen föderativ verbunden ist. Ein tolles Draufloswirtschaften der einzelnen Genossenschaften ‘gleichgültig auf die vorhandenen Rohstoffe’ etc., wie der ‘Kommunist’ (Organ der KPD-Bremen, Anm. D. Tippers) befürchtet, wäre vielleicht in einer Gesellschaft von Irrsinnigen möglich, nie und nimmer aber in einer föderativen Gemeinschaft vernünftiger Menschen, die durch dieselben sozialen Interessen verbunden sind.

 

Daß aber auch die Syndikalisten vollständig begreifen, ‘daß die gesamte Produktion vorerst auf Bedarfswirtschaft eingestellt werden muß’ und deshalb die schulmeisterliche Belehrung des ‘Kommunist’ durchaus entbehren können, dafür folgendes Beispiel: Als vor ungefähr zwölf Jahren die ‘Voix du Peuple’, das offizielle Organ der französischen Arbeiterföderation an jedes einzelne Syndikat die Frage stellte, wie sich seine Mitglieder die sozialistische Reorganisation ihres Berufs nach einer siegreichen Revolution vorstellten, da waren es die Luxusarbeiter, die sofort erklärten, daß sie in diesem Falle anderen Berufen beitreten würden, da die Produktion in der ersten Zeit nur auf die Bedarfswirtschaft eingestellt werden müsse.

 

Aber die sonderbare Furcht unserer Marxisten den syndikalistischen Produktionsgruppen der Zukunft gegenüber, läßt sich einfach erklären durch ihre prinzipielle Abneigung gegen jeden Föderalismus. Wie jede große wirkliche Volksbewegung ist auch der Syndikalismus seinem Wesen nach föderalistisch, weil der Föderalismus eben die einzige Organisationsform ist, die den Individuellen und kollektiven Entwicklungsfähigkeiten Spielraum gibt, und so das gesellschaftliche Leben vor innerer Erstarrung und geistiger Stagnation behütet. Der Marxismus aber, der in seinem ganzen Wesen nur die bis auf die Spitze getriebene Zentralisationsidee des modernen Staates verkörpert, muß logischerweise dem Föderalismus feindlich gegenüberstehen, da ihm jeder wahrhaft freiheitliche Sinn abgeht. Die öde Beamtenhierarchie, die er überall in seinen politischen und gewerkschaftlichen Organisationen entwickelt hat, ist das unvermeidliche Produkt seiner zentralistischen und freiheitsfeindlichen Dogmatik.

 

Hie Sozialismus! - Hie Staatskapitalismus!

Hie Föderalismus! - Hie Zentralismus!

 

Das sind die Devisen, unter denen sich die nächsten Kämpfe der Zukunft abspielen werden.

 

R.R.

 

 

Literatur:

  • Rocker, Rudolf: Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten, Frankfurt 1974, Erschienen im Suhrkamp-Verlag

  • Rocker, Rudolf: Nationalismus und Kultur, Hamburg 1999, Erhältlich bei FAU-MAT oder Syndikat A

  • Döhring, H.: "Der Kampf der Kulturen gegen Macht und Staat in der Geschichte der Menschheit", Bremen 2002, erhältlich bei FAU-MAT

  • Wienand, Peter: Der „geborene" Rebell - Rudolf Rocker Leben und Werk, Berlin 1981, Erschienen im Karin Kramer-Verlag Berlin

 

 

 

Rudolf Rocker - Absolutistische Gedankengänge im Sozialismus

 

I.

 

Unser Bild über die tieferen Ursachen der heutigen Weltkatastrophe wäre nicht vollständig, wenn wir die Rolle übersehen würden, welche der zeitgenössische Sozialismus und die moderne Arbeiterbewegung in der Vorbereitung zu der gegenwärtigen Kulturtragödie gespielt haben. In dieser Hinsicht sind die geistigen Bestrebungen der sozialistischen Bewegung in Deutschland von besonderer Bedeutung, infolge ihres jahrzehntelangen Einflusses auf die sozialistischen Arbeiterparteien Europas und Amerikas.

 

Der moderne Sozialismus war im Grunde genommen nur eine natürliche Fortsetzung der großen liberalen Gedankenströmungen des 17. und 18. Jahrhunderts. Der Liberalismus hatte dem System des fürstlichen Absolutismus den ersten tödlichen Schlag versetzt und das gesellschaftliche Leben auf neue Bahnen gelenkt. Seine geistigen Träger, die in dem Höchstmaß der persönlichen Freiheit den Hebel jeder kulturellen Neugestaltung erkannten und die Betätigung des Staates auf die engsten Grenzen beschränken wollten, hatten damit der Menschheit ganz neue Ausblicke ihrer zukünftigen Entwicklung eröffnet, die unbedingt zu einer Überwindung aller machtpolitischen Bestrebungen und zu einer sachkundigen Verwaltung gesellschaftlicher Dinge hätte führen müssen, wenn ihre wirtschaftliche Einsicht mit ihrer politischen und sozialen Erkenntnis gleichen Schritt gehalten hätte. Das aber war leider nicht der Fall.

 

Unter dem stets wachsenden Einfluß einer sich in immer rascherem Tempo vollziehenden Monopolisierung aller natürlichen und durch gesellschaftliche Arbeit erzeugten Reichtümer entwickelte sich ein neues System wirtschaftlicher Hörigkeit, das sich auf alle ursprünglichen Bestrebungen des Liberalismus und die wirklichen Grundsätze einer politischen und sozialen Demokratie immer verhängnisvoller auswirkte und mit innerer Folgerichtigkeit zu jenem neuen Absolutismus führen mußte, der heute in dem Gebilde des totalen Staates einen so vollendeten und schmachvollen Ausdruck gefunden hat.

 

Die sozialistische Bewegung hätte dieser Entwicklung der Dinge einen Damm entgegensetzen können, wenn sie nicht selber in ihrer großen Mehrheit in den gefährlichen Strudel dieser Vorgänge mit hineingezogen worden wäre, deren zerstörende Folgen sich heute zu einer allgemeinen Kulturkatastrophe ausgewirkt haben. Sie hätte zum Testamentsvollstrecker der liberalen Gedankenentwicklung werden können, indem sie ihr durch die Bekämpfung der Wirtschaftsmonopole und ihr Bestreben, die gesellschaftliche Produktion den Bedürfnissen aller dienstbar zu machen, eine positive Grundlage gegeben hätte. Durch diese wirtschaftliche Ergänzung der politischen und sozialen Ideenströmungen des Liberalismus hätte sie sich zu einem machtvollen Bestandteil im Bewußtsein der Menschen verdichten und zum Träger einer neuen gesellschaftlichen Kultur im Leben der Völker werden können. Tatsächlich haben Männer wie Godwin, Owen, Thompson, Proudhon, Pi y Margati, Pisacane, Bakunin, Guillaume, De Pape, Reclus und später Kropotkin, Malatesta und andere den Sozialismus auch in diesem Sinne aufgefaßt. Allein die große Mehrheit der Sozialisten bekämpfte mit unglaublicher Verblendung die freiheitlichen Grundgedanken der liberalistischen Gesellschaftsauffassung und sah in dieser lediglich einen politischen Niederschlag des so genannten Manchestertums.

 

Auf diese Art wurde der Glaube an die Allmacht des Staates, welcher durch die liberalen Gedankenströmungen des 18. und 19. Jahrhunderts einen empfindlichen Schlag erlitten hatte, wieder neu aufgefrischt und planmäßig gestärkt. Es ist bezeichnend, daß die Vertreter des autoritären Sozialismus im Kampfe gegen den Liberalismus ihre Waffen häufig der Rüstkammer des Absolutismus entlehnt haben, ohne daß dieses den meisten von ihnen auch nur zum Bewußtsein gekommen wäre. Viele von ihnen, besonders die Vertreter der deutschen Schule, die später einen so überragenden Einfluß über die gesamte sozialistische Bewegung erlangte, waren bei Hegel und Fichte und anderen Vertretern der absoluten Staatsidee in die Schule gegangen. Andere wurden von den Überlieferungen des französischen Jakobinismus so mächtig beeinflußt, daß sie sich den Übergang zum Sozialismus nur in der Form der Diktatur vorstellen konnten, noch andere glaubten an eine soziale Theokratie oder an einen sozialistischen Napoleon, der der Welt das Heil bringen sollte.

 

Doch der schlimmste Wunderglaube war die Vorstellung von der "historischen Mission des Proletariats", das nach Marx mit zwangsläufiger Notwendigkeit zum "Totengräber der Bourgeoisie" werden mußte. Das Wort Klasse ist im besten Falle ein soziologischer Einteilungsbegriff, den man unter bestimmten Voraussetzungen gelten lassen kann, aber weder Marx noch irgend ein anderer war bisher imstande, eine feste Grenze für diesen Begriff anzugeben. Es geht mit den Klassen wie mit den Rassen; man weiß nie, wo die eine aufhört und die andere anfängt. Es gibt im sogenannten Proletariat ebensoviele soziale Abstufungen wie im Bürgertum und in jeder anderen Schicht des Volkes. Der schlimmste Irrtum aber ist es, eine Klasse mit bestimmten historischen Aufgaben auszustatten und sie zum Träger gewisser Ideenströmungen machen zu wollen. Wenn man beweisen könnte, daß Menschen, die unter bestimmten wirtschaftlichen Bedingungen geboren und aufgezogen werden, sich in ihrem Denken und Handeln von allen anderen Gesellschaftsgruppen wesentlich unterscheiden, so brauchten wir uns mit diesen Dingen überhaupt nicht zu beschäftigen, da man sich mit offensichtlichen Tatsachen einfach abfinden muß. Aber da liegt ja gerade der Hund begraben. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht bietet nicht die kleinste Gewähr für das Denken und Handeln der Menschen. Die Tatsache allein, daß fast alle großen Pioniere des sozialistischen Gedankens nicht aus dem Proletariat, sondern aus den sogenannten herrschenden Klassen hervorgegangen sind, sollte uns gerade in dieser Hinsicht zum Denken anregen. Man findet unter ihnen Aristokraten wie Saint Simon, Bakunin und Kropotkin, Offiziere der Armee wie Considerant, Bazard, Pisacane und Lawroff, Kaufleute wie Fourier, Fabrikanten wie Owen und Engels, Priester wie Meslier und Lammenais, Männer der Wissenschaft wie Wallace und Düring und Intellektuelle aller Schattierungen wie Blanc, Cabet, Godwin, Marx, Lassalle, Gatrido, Pi y Margall, Heß und hundert andere.

 

Die Anhänger der Lehre von der "historischen Mission des Proletariats" mögen sich damit trösten, daß der Faschismus nur eine Bewegung der Mittelklasse sei, das ändert nichts an der Tatsache, daß die fast 14 Millonen Wähler, die in Deutschland für Hitler gestimmt haben, zum größten Teil aus dem Proletariat hervorgegangen sind. Gerade in einem Lande wie Deutschland, wo die marxistische Lehre eine so weite Verbreitung gefunden hatte, ist dies von doppelter Bedeutung. Wenn die geistigen Vertreter des alten Absolutismus, die Hobbes, Machiavelli, Bossuet usw. dem Lager der geistigen Oberschicht angehörten, während die Träger des neuesten Absolutismus, die Mussolini, Stalin und Hitler aus den untersten Schichten ihren Aufstieg genommen haben, so zeigt gerade dieser Umstand am besten, daß weder revolutionäre noch reaktionäre Ideen an eine bestimmte Volksgruppe gebunden sind.

 

Die Anhänger des wirtschaftlichen Determinismus und der Lehre von der "historischen Mission des Proletariats" behaupten zwar, daß es sich in ihrem Falle um keine gewöhnliche Auflassung handelt, sondern um die innere Notwendigkeit eines Naturprozesses, der sich unabhängig von dem menschlichen Wollen vollzieht, aber das ist es gerade, was erst bewiesen werden müßte. Auch diese Auffassung ist nur eine Spekulation, ein Glaube wie jeder andere, bei dem der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Der Glaube an eine mechanische Abwicklung aller geschichtlichen Geschehnisse auf Grund eines zwangsläufigen Prozesses, der in der Natur der Dinge begründet ist, hat dem Sozialismus am meisten geschadet, denn er zerstörte alle ethischen Voraussetzungen, die gerade für den sozialistischen Gedanken am unentbehrlichsten sind. Der Absolutismus des Gedankens führt unter gewissen geschichtlichen Umständen stets zu einem Absolutismus der Tat. Darüber hat uns gerade die neueste Geschichte den besten Anschauungsunterricht gegeben.

 

 

II.

 

Unter den großen Vorkämpfern des sozialistischen Gedankens war Proudhon einer der wenigen, welcher die geschichtliche Bedeutung des Sozialismus am tiefsten erfaßt hatten. Sein geistiger Einfluß auf die sozialistische Bewegung der lateinischen Länder konnte bis heute nicht verdrängt werden und blieb ein lebendiger Quell für neue Anregungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Mit großem Scharfsinn erkannte er, daß das Werk der Französischen Revolution nur halb getan war; daß es die Aufgabe der "Revolution des 19. Jahrhunderts" sein müsse, dieses Werk fortzusetzen und zur Vollendung zu bringen, um die soziale Entwicklung Europas auf neue Wege zu führen. Denn darin erschöpft sich ja die große Bedeutung der Großen Revolution, daß sie der monarchistischen Bevormundung ein Ende setzte und den Völkern den Weg ebnete, ihr soziales Geschick in die eigenen Hände zu nehmen, nachdem sie jahrhundertelang dem fürstlichen Absolutismus als willenlose Herde dienen und sein Bestehen durch ihre Arbeit sichern mußten.

 

Hier war die von der Zeit gestellte Aufgabe von Proudhon besser erkannt worden, als von irgendeinem seiner Zeitgenossen. Die Große Revolution hatte zwar die Monarchie als politische und soziale Einrichtung beseitigt, doch war es ihr nicht gelungen, zusammen mit dieser auch den "monarchistischen Gedanken" zu beseitigen, wie Proudhon es nannte, der in der politischen Zentralisation des Jakobinertums und in der Ideologie des nationalen Einheitsstaates zu neuem Leben erwachte. Es ist dieses verhängnisvolle Erbteil, das uns aus einer entschwundenen Zeit verblieben ist und das heute im sogenannten "Führerprinzip" des totalen Staates wieder zum Ausdruck gelangte, das nur eine neue Umschreibung des alten monarchistischen Gedankens ist.

 

Proudhon hatte erkannt, daß der Absolutismus, dieses ewige Prinzip der Bevormundung für einen gottgewollten Zweck, der jedem menschlichen Einspruch verschlossen ist, den Menschen in ihren geistigen Bestrebungen nach höheren Formen ihres gesellschaftlichen Daseins am stärksten im Wege steht. Für ihn war der Sozialismus nicht bloß eine Frage der Wirtschaft, sondern eine kulturelle Frage, die alle Gebiete der menschlichen Betätigung umfaßte. Er wußte, daß man die autoritären Überlieferungen der Monarchie nicht bloß auf einem Gebiete beseitigen und auf allen anderen beibehalten durfte, wenn man die Sache der sozialen Befreiung nicht einem neuen Despotismus in die Hände spielen wollte. Für ihn waren wirtschaftliche Ausbeutung, politische Unterdrückung und geistige Gebundenheit nur verschiedene Erscheinungsformen derselben Ursache. Proudhon sah in der Monarchie das Symbol aller menschlichen Versklavung. Sie war für ihn nicht lediglich eine politische Einrichtung, sondern ein sozialer Zustand mit bestimmten unvermeidlichen geistigen und seelischen Auswirkungen, die sich auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens gleichermaßen bemerkbar machen. In diesem Sinne nannte er den Kapitalismus den "Monarchismus der Wirtschaft", welcher die Arbeit dem Kapital in gleicher Weise tributpflichtig macht wie die Gesellschaft dem Staat und dem Geist der Kirche.

 

"Der ökonomische Begriff des Kapitals", sagt Proudhon, "der politische Gedanke des Staates oder der Autorität und die theologische Auffassung der Kirche sind identische Vorstellungen, die sich wechselseitig ergänzen und ineinander aufgehen. Man kann daher die eine nicht bekämpfen und die anderen unangetastet beibehalten. Es ist dies eine Tatsache, über die sich heute alle Philosophen einig sind. Was das Kapital heute der Arbeit zufügt, das fügt der Staat der Freiheit und die Kirche dem Geiste zu. Diese Dreieinigkeit des Absolutismus ist in der Praxis ebenso verhängnisvoll wie in der Philosophie. Um das Volk wirksam zu unterdrücken, muß man seinen Leib, seinen Willen und seine Vernunft in Bande schlagen. Wenn der Sozialismus die Absicht hat, sich in dieser erschöpfenden, allseitige" und von jedem Mystizismus befreiten Gestalt zu offenbaren, so braucht er bloß die Bedeutung dieser Dreieinigkeit dem Volke zum Bewußtsein zu bringen."

 

Von dieser Erkenntnis ausgehend, sah Proudhon in der Entwicklung des modernen Großstaates und in dem stets wachsenden Einfluß des wirtschaftlichen Monopolismus die größte Gefahr für die Zukunft Europas, die er durch eine bewußte und auf Erfahrung begründete Vorbereitung für eine Föderation freier Gemeinwesen auf der Grundlage gleicher Wirtschaftsmöglichkeiten und gegenseitiger Verträge zu bannen versuchte. Er wußte genau, daß dieser neue Zustand der Dinge den Menschen nicht über Nacht kommen würde, sondern daß es sich zunächst darum handelte, die Menschen durch konstruktives Tun und Denken für eine bessere Erkenntnis empfänglich zu machen. Nur so war es möglich, ihren Bestrebungen eine gewisse Richtung zu geben, damit sie aus eigenem Antrieb der Gefahr entgegenwirken konnten, die sie bedrohte.

 

Jeder Versuch, die machtpolitischen Bestrebungen innerhalb des gesellschaftlichen Organismus auszuschalten und dem wirtschaftlichen Monopolismus engere Grenzen zu setzen, war für Proudhon ein wirklicher Schritt auf dem Wege der sozialen Befreiung. Alles, was diesem großen Ziele entgegenwirkte und bewußt oder unbewußt dazu beitrug, den geistigen, wirtschaftlichen oder politischen Monarchismus durch neue Machtansprüche zu stärken, mußte nur dazu beitragen, den Kreislauf der Blindheit zu verewigen und der gesellschaftlichen Reaktion den Weg zu ebnen, auch wenn dies unter dem anspruchsvollen Namen der Revolution geschah.

 

Die übergroße Mehrheit der heurigen Sozialisten hat sich überhaupt niemals Mühe gegeben, in die Gedankengänge Proudhons einzudringen, dessen Werke den meisten ebenso unbekannt sind wie einem Botokuden der pythagoreische Lehrsatz oder die Theorie von der Einheit des Weltalls. Was sie oberflächlich von ihm kennen, ist seine Lehre vom "freien Kredit" und sein Versuch zur Einrichtung einer "Volksbank", der durch das Eingreifen der französischen Regierung nie zur Ausführung gelangte. Und sogar diese Kenntnis wurde den meisten durch das Zerrbild vermittelt, welches marxistische Schreiber daraus gemacht haben und aus dem man allerdings den Eindruck gewinnen muß, als sei Proudhon nur ein gewöhnlicher Quacksalber gewesen, der nach der Art der Marktschreier sein ganzes Leben lang nichts besseres zu tun wußte, als der armen Menschheit sein Mittelchen gegen alle sozialen Gebrechen anzupreisen.

 

In der Wirklichkeit war Proudhon unter allen älteren Sozialisten gerade derjenige, der gegen den Glauben an ein Allheilmittel für alle gesellschaftlichen Schäden am nachdrücklichsten und entschiedendsten Front machte. Er wußte, daß die Aufgabe, die dem Sozialismus vorbehalten war, kein gordischer Knoten war, den man mit einem Schwertstreich lösen konnte. Gerade deshalb setzte er kein Vertrauen in sogenannte Universalmittel, durch welche so manche glaubten, eine allgemeine Umgestaltung aller sozialen Einrichtungen mit einem Schlage erreichen zu können. Seine scharfsinnige und überzeugende Kritik an allen sozialistischen Richtungen seiner Zeit, ist ein sprechender Beweis dafür.

 

Proudhon war der Mann ohne festgesetzte Ziele, denn er war sich vollkommen darüber klar, daß das eigentliche Wesen der Gesellschaft in dem ewigen Wandel ihrer Formen zu suchen ist und am besten gedeiht, je weniger künstliche Schranken ihm gesetzt werden und einen je stärkeren und bewußteren Anteil die Menschen an diesem Wandel nehmen. In diesem Sinne sagte er einmal, daß die Gesellschaft einem Uhrwerk gleiche, das seinen eigenen Pendelschlag in sich trage und keiner äußeren Hilfe bedarf, um in Bewegung zu bleiben. Die soziale Befreiung war für ihn ein Weg, kein Ziel, da er mit Ibsen der Meinung war: "Wer die Freiheit anders besitzt als das zu Erstrebende, der besitzt sie tot und geistlos, dem der Freiheitsbegriff hat ja gerade die Eigenschaft, sich während der Aneignung stetig zu erweitern. Wenn deshalb einer im Kampfe stehen bleibt und sagt: jetzt habe ich siel - so zeigt er eben dadurch, das er sie verloren hat." Von diesem Standpunkt sind auch die praktischen Versuche Proudhons zu bewerten. Sie entsprangen den Verhältnissen der Zeit und können nur aus dieser erklärt und verstanden werden. Wie bei jedem Denker, dessen Wirken bereits der Vergangenheit angehört, so gibt es auch bei Proudhon manches, das von der Zeit überholt wurde, ohne daß dadurch die schöpferische Bedeutung seines Lebenswerkes berührt wird. Es ist vielmehr geradezu erstaunlich, wie viel von diesem Werke lebendig geblieben ist und gerade durch die heutige Weltlage erneute Bedeutung erlangt hat.

 

Proudhon, der das Wesen des Staates besser erfaßt hatte als die meisten seiner sozialistischen Zeitgenossen, machte sich keinerlei Illusionen über die unvermeidlichen Folgen aller machtpolitischen Bestrebungen, einerlei, unter welcher Form sie in die Erscheinung traten und von welcher Seite sie angeregt wurden. Er war sich deshalb auch völlig klar über den eigentlichen Charakter aller politischen Parteien und fest davon überzeugt, daß von diesen keine schöpferische Arbeit für eine wirkliche soziale Umgestaltung ausgehen konnte. Deshalb warnte er die Sozialisten, sich im Fahrwasser machtpolitischer Bestrebungen zu verirren und versuchte, ihnen klarzumachen, daß, sobald der Sozialismus erst einer Regierung in die Hände falle, er seine Rolle ausgespielt und der Reaktion rettungslos verfallen sei.

 

"Alle Parteien, ohne Ausnahme," sagte er, "sind, indem sie die öffentliche Macht erstreben, nur besondere Formen des Absolutismus. Es wird keine Freiheit -' für die Bürger, keine Ordnung in der Gesellschaft, keine Einigkeit unter den Arbeitern geben, bevor nicht in unserem politischen Katechismus der Verzicht auf die Autorität an die Stelle aller Bevormundungsgelüste getreten ist."

 

Proudhon war unter allen älteren Sozialisten fast der einzige, der allen fertigen Systemen den Krieg erklärte, da er erkannt hatte, daß die Bedingungen des sozialen Lebens viel zu mannigfach und verschiedenartig sind, als daß man sie in eine bestimmte Form pressen könnte, ohne der Gesellschaft Gewalt anzutun und eine alte Form der Tyrannei durch eine neue zu ersetzen. Deshalb richteten sich seine Angriffe nicht bloß gegen die Träger der heutigen Gesellschaftsordnung, sondern auch gegen viele der sogenannten "Befreier", die mit den alten Machthabern nur die Plätze wechseln wollten und den Massen Schätze im Monde versprachen, um sie desto leichter für ihren persönlichen Ehrgeiz mißbrauchen zu können. Wie frei Proudhon in dieser Beziehung dachte, geht aus einem seiner Briefe an Karl Marx hervor, der die folgende bezeichnende Stelle enthält:

 

"Suchen wir gemeinschaftlich, wenn Sie wollen, die Gesetze der Gesellschaft zu ergründen, die Art ihrer Erscheinung festzuhalten und dem Wege zu folgen, den wir freilegen, indem wir uns dieser Arbeit unterziehen. Doch, bei Gott! denken wir unsererseits nicht daran, das Volk von neuem zu schulmeistern, nachdem wir a priori allen Dogmatismus zerstört haben, fallen wir nicht in den Widerspruch Ihres Landsmanns Martin Luther, der, nachdem er die Glaubenssätze der katholischen Theologie umgestoßen, sich mit verstärktem Eifer und großem Aufwand von Bannflüchen und Verdammungsurteilen daran machte, eine protestantische Theologie ins Leben zu rufen. Seit drei Jahrhunderten ist Deutschland damit beschäftigt, diese Neuübertünchung des alten Baues durch . Herrn Luther zu beseitigen. Stellen wir die Menschheit nicht durch neuen Wirrwarr und eine Verputzung der alten Grundlagen vor eine neue Aufgabe. Ich begrüße von ganzem Herzen Ihren Gedanken, alle Meinungen eines Tages zum Ausdruck zu bringen. Befleißigen wir uns dabei einer freundschaftlichen und ehrlichen Auseinandersetzung-, geben wir der Welt das Beispiel einer weisen und vorausblickende" Toleranz -, versuchen wir nicht, weil wir an der Spitze der Bewegung stehen, uns zu Führern einer neuen Unduldsamkeit zu machen. Geben wir uns nicht als Apostel einer neuen Religion, auch dann nicht, und wenn es die Religion der Logik und Vernunft wäre. Empfangt" und ermuntern wir jeden Protest-, geißeln wir jede Ausschließlichkeit, jeden Mystizismus. Betrachten wir niemals eine Frage für erschöpft, und wenn wir unseren letzten Beweisgrund verbraucht haben, laßt uns, wenn es nötig ist, mit Beredsamkeit und Ironie von neuem beginnen. Unter dieser Bedingung werde ich mich Ihrer Vereinigung mit Vergnügen anschließen. Wenn nicht, nicht."

 

Dieses Schreiben vom 17. Mai 1846 ist in zweifacher Beziehung wichtig. Es ist bezeichnend für die offene und freimütige Art Proudhons und seine tiefe Abneigung gegen jeden Dogmatismus und alles Sektenwesen und es ist bedeutungsvoll, weil es die unmittelbare Ursache für den inneren Bruch zwischen Marx und Proudhon gewesen ist. Proudhon war ein einsamer Denker, der nicht bloß von seinen demokratischen und sozialistischen Gegnern, sondern auch häufig von seinen späteren Anhängern mißverstanden wurde, die bestimmte praktische Vorschläge Proudhons, die aus den Verhältnissen der Zeit geboren wurden, mit seinem eigentlichen Lebenswerk verwechselten. Sein umfangreicher Briefwechsel (14 große Bände) enthält zahllose Erläuterungen seiner Gedankengänge, aus welchen dies deutlich hervorgeht und ist für ein gründliches Studium seiner Werke unentbehrlich. Proudhons Blick war zu tief auf die inneren Zusammenhänge der sozialen Erscheinungen gerichtet, als daß er den blinden Nachbetern der jakobinischen Überlieferung, die alles Heil von der Diktatur erwarteten, etwas hätte sagen können. Er war unter den älteren Sozialisten einer der wenigen, welche die politischen Ideengänge des Liberalismus weiter fortsetzten und, indem er ihnen eine wirtschaftliche Grundlage zu geben versuchte, sie folgerichtig zu Ende dachte.

 

Es ist bezeichnend, daß gerade die Vertreter der marxistischen Schule den angeblichen "Utopismus" Proudhons damit zu belegen versuchten, indem sie mit unverkennbarer Schadenfreude immer wieder darauf hinwiesen, daß die ungeheuerliche Erstarkung der zentralen Staatsgewalt und der stets wachsende Einfluß der modernen Wirtschaftsmonopole die geistige Rückständigkeit der Bestrebungen Proudhons klar erwiesen haben. Als wenn durch die Tatsache dieser Entwicklung an der Sache selbst auch nur das geringste geändert würde. Ebensogut könnte man heute behaupten, daß die Lehre von der sogenannten "historischen Mission des Proletariats" uns glücklich zum Faschismus und zur Herrschaft des Dritten Reiches verhelfen habe.

 

Proudhon hat die unvermeidlichen Folgen einer Entwicklung in jener Richtung klar vorausgesehen und kein Mittel unversucht gelassen, seinen Zeitgenossen die ganze Größe der Gefahr zum Bewußtsein zu bringen. Er hat mehr wie jeder andere sein ganzes Können darauf eingestellt, die Menschen auf neue Wege zu drängen, um der drohenden Katastrophe vorzubeugen. Daß man seine Warnung in den Wind geschlagen und sein Wort im Getöse politischer Parteileidenschaften wirkungslos verhallte, ist wahrlich nicht seine Schuld gewesen. Die ganze wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung, besonders nach dem deutsch-französischen Kriege 1870-71, aber zeigt uns mit erschreckender Deutlichkeit, wie sehr er mit seiner Beurteilung der allgemeinen Lage im Rechte gewesen ist. Gerade heute, wo wir mit vollen Segeln einer neuen Periode des politischen und sozialen Absolutismus zusteuern, wo der moderne Kollektivkapitalismus die letzten Reste wirtschaftlicher Unabhängigkeit mit brutaler Verachtung aller menschlichen Erwägungen zu Tode trampelt und der Schrei nach der Diktatur die ganze geistige Unmündigkeit der Zeit so deutlich zum Ausdruck bringt, gerade heute zeigt sich die volle geschichtliche Bedeutung von Proudhons Lebenswerk erst in ihrem vollen Umfang.

 

Vor allem zeigt es sich heute, daß die soziale Befreiung nicht bloß ein wirtschaftliches Problem ist. Auch die vollkommendste Gleichschaltung 1) der ökonomischen Kräfte bietet keine Sicherheit für die wirkliche und allseitige Befreiung der Menschen. Sie kann sich sogar unter Umständen zu einer weit größeren Versklavung auswirken als die, unter welcher wir bisher gelebt haben. Der blinde Glaube so vieler Sozialisten, daß mit der Verstaatlichung der Wirtschaft die soziale Frage gelöst werden könnte, beruht auf einer vollständigen Verkennung der Aufgabe, die dem Sozialismus gestellt ist. Die wirtschaftlichen Vorgänge in den sogenannten totalen Staaten und besonders der Anschauungsunterricht, den uns die "proletarische Diktatur" in Rußland gegeben hat, haben uns allzu deutlich gezeigt, daß die Verstaatlichung des ökonomischen Lebens Hand in Hand mit einer völligen Verleugnung aller persönlichen Rechte und Freiheiten geht, ja, gehen muß, da sie einer bürokratisch gegliederten Hierarchie zur Macht verhilft, deren Einfluß als herrschende Klasse dem werktätigen Volke nicht minder verderblich ist wie die Rolle der besitzenden Schichten in den kapitalistischen Staaten, ja diese in ihren geistigen, physischen und moralischen Auswirkungen noch bei weitem übertrifft. Die wirtschaftliche Gleichheit des Gefängnisses oder der Kaserne ist sicher kein geeignetes Vorbild für eine höhere soziale Kultur der Zukunft. Auch in dieser Beziehung bewährte sich Proudhon als Prophet, wenn er voraussagte, daß eine Vereinigung des Sozialismus mit dem Absolutismus zur größten Tyrannei aller Zeiten führen müsse.

 

 

III.

 

Es war nicht zuletzt dieser freiheitsfeindliche Zug im Lager des Sozialismus, welcher unbewußt und unbeabsichtigt dazu beitrug, der faschistischen Auffassung vom totalen Staate den Weg zu ebnen. Tatsache ist, daß die sogenannte "proletarische Diktatur" in Rußland das erste Ideengebilde eines totalen Staates ins Leben umsetzte, das später Mussolini und Hitler in vielen Hinsichten als Vorbild dienen mußte. Die Opposition im kommunistischen Lager, die Anhänger Trotzkys und andere Splittergruppen haben später sogar offen zugegeben, daß der Stalinismus der Wegbereiter der faschistischen Reaktion in Europa gewesen ist, sie haben dabei nur das Wesentliche vergessen, nämlich, daß Lenin und Trotzky die Wegbereiter Stalins gewesen sind. Es ist nicht die Person des Diktators, die hier entscheidend ist, es ist die Einrichtung der Diktatur als solche, aus welcher das Übel hervorgeht und die ihrem ganzen Wesen nach nie etwas anders sein kann, als der Wegbereiter einer neuen sozialen Reaktion, auch wenn der Sozialismus und die Befreiung des Proletariats ihr als Feigenblatt dienen muß, um ihren eigentlichen Charakter zu verbergen.

 

Es war zweifellos ein Verhängnis für die Entwicklung der sozialistischen Bewegung, daß sie bereits in ihrem Anfangsstadium unter den starken Einfluß der autoritären Ideenströmungen der Zeit geriet, die aus den jakobinischen Überlieferungen der Großen Revolution und aus der langen Periode der napoleonischen Kriege hervorgegangen waren. Es war dies vielleicht unvermeidlich, denn jede geschichtliche Epoche erzeugt aus sich selbst eine gewisse Art des Denkens, deren Einflüssen sich nur wenige entziehen können, da sie mit den gesellschaftlichen Umständen der Zeit zu stark verwachsen sind.

 

Als William Godwin 1793 seine "Political Justice" in die Welt schickte, standen die Völker noch vollständig unter dem Banne der großen Ereignisse in Frankreich und waren jeder neuen Auffassung auf dem Gebiete des politischen und sozialen Lebens leicht zugänglich. Das war auch die Ursache, weshalb die liberalen Gedankengänge von Richard Price, Joseph Priestley und besonders von Thomas Paine damals einen so belebenden Einfluß auf die geistig regsamen Teile des englischen Volkes ausübten, dessen Wirkungen sich sogar noch längere Zeit bemerkbar machten, als die Reaktion infolge des Krieges gegen die Französische Republik mächtig um sich griff und allen freiheitlichen Bestrebungen ein gewaltsames Ende zu machen versuchte. Die geistige Entwicklung befand sich damals noch in einer aufsteigenden Linie und hatte ihren inneren Schwung durch die großen Enttäuschungen der späteren Jahre noch nicht eingebüßt.

 

Doch die Verhältnisse hatten sich bedeutend geändert, als Saint-Simon, Fourier und Owen mit ihren Plänen für eine Umgestaltung des sozialen Lebens hervortraten. Bei Saint-Simon erhalten diese Pläne erst nach 1817 ihren eigentlichen sozialen Charakter, während Fourier bereits unter dem ersten Kaiserreich seine sozialistischen Gedankengänge in seinem Werke "Theorie des quatre mouvements" (1808) entwickelt hatte. Beide Männer aber fanden erst nach dem Sturze Napoleons eine nennenswerte Anhängerschaft, als sich der Schatten der Heiligen Allianz bereits über Europa gesenkt hatte. Um dieselbe Zeit trat auch Robert Owen mit seinen sozialen Reformplänen an die Öffentlichkeit. In den nächsten drei Jahrzehnten entstand sowohl diesseits als jenseits des Kanals eine ganze Flut neuer Gedanken, die sich mit den gesellschaftlichen Aufgaben der Zeit beschäftigten und diese durch eine gründliche Umgestaltung der wirtschaftlichen Zustände lösen zu können glaubten.

 

Doch alle diese Bestrebungen gaben sich erst kund, als Europa eine der schwersten und sturmbewegtesten Epochen seiner Geschichte kaum beendet hatte, deren geistige und materielle Nachwirkungen sich noch lange bemerkbar machten. Die Stürme der Großen Revolution, welche die Grundfesten der europäischen Gesellschaft im Tiefsten erschüttert hatten, waren verrauscht. Geblieben war nur der Krieg, der 1792 entfesselt wurde und mit kurzen Unterbrechungen die wichtigsten Länder des Kontinents dreiundzwanzig Jahre lang zum Schlachtfeld gemacht hatte. Nun war auch der Nimbus und die militärische Allmacht des Kaiserreiches verblichen, die sechs Millionen Menschenleben verschlungen und völlig erschöpfte Völker zurückgelassen hatte. In allen Ländern herrschte schreckliches Elend, Arbeitslosigkeit und eine vollständige Zerrüttung der Wirtschaft. Eine große Mutlosigkeit war über die Menschen gekommen und machte sie zu jedem weiteren Widerstand unfähig. Die glühende Begeisterung, die der Sturm auf die Bastille einst in allen Ländern ausgelöst hatte, war längst verflogen. Nun waren auch die letzten Hoffnungen, die man auf den Sturz Napoleons gesetzt hatte, durch den offenen Wortbruch der Fürsten kraftlos zusammengebrochen und hatten einer neuen Ergebung in das Unvermeidliche Platz gemacht. Die Menschen waren eben so erschöpft, daß sie vorläufig zu keinem neuen Aufschwung mehr fähig waren.

 

Es war eine Epoche physischer Erschlaffung und geistiger Demoralisation, die mit der Geschichte unserer Zeit vieles gemein hat und die wir, auf Grund unserer eigenen Erfahrungen, heute viel besser beurteilen können als aus allen Büchern der Geschichte. Wie in unserer Zeit die russische Revolution, die von der sozialistischen Arbeiterschaft der ganzen Welt mit so viel Begeisterung begrüßt wurde, unter der Diktatur der Bolschewik! zu einem geistlosen Despotismus ausartete, welcher der faschistischen Reaktion den Weg bereitete, so erstickte die Schreckensherrschaft der Jakobiner mit ihren sinnlosen Massenschlächtereien den mächtigen Widerhall, den die Revolution zuerst in ganz Europa gefunden hatte und machte den Weg für die Säbeldiktatur Napoleons frei, dessen politisches Erbe später die Heilige Allianz angetreten hat. Und wie die Weltkriege von 1914-18 und 1939-45 und ihre unvermeidlichen Begleiterscheinungen Europa vollständig erschöpften und sich zu einer wirtschaftlichen Dauerkrise von ungeheueren Ausmaßen verdichtete, so zerstörten die unseligen Kriege unter der Republik und später unter Napoleon das wirtschaftliche Gleichgewicht Europas so gründlich, daß lange Zeit nichts anderes mehr gedeihen konnte als Massenarmut und grenzenloses Elend. In beiden Fällen führte die Enttäuschung der Massen und die wirtschaftliche Unsicherheit zu einer internationalen Reaktion, die sich nicht bloß auf die Tätigkeit der Regierungen begrenzte, sondern in allen Zweigen des gesellschaftlichen Lebens ihren Niederschlag fand. Der Charakter dieser Reaktion war natürlich den Umständen der Zeit gemäß in beiden Perioden verschieden, aber ihre geistigen Auswirkungen führten zu denselben Ergebnissen.

 

Ohne den Krieg hätte die soziale Neugestaltung Frankreichs sehr wahrscheinlich eine andere Wendung genommen und die Diktatur einer Partei nicht aufkommen lassen. Tatsache ist, daß zunächst alle Parteien, mit der Ausnahme einer kleinen Minderheit, der Diktatur feindlich gegenüberstanden, da jede Richtung fürchtete, der anderen zum Opfer zu fallen, wenn der Zufall dieser die Macht in die Hände spielte. Der Krieg aber führte unvermeidlich zu einer Reihe von Maßnahmen, die der Diktatur den Weg bereiten halfen. Das Gefühl der Unsicherheit und das allgemeine Mißtrauen, das überall verborgene Feinde witterte, die bestrebt waren, die großen Errungenschaften der Revolution zu beseitigen und die alten Zustände wiederherzustellen, taten das übrige und erweckten im Volke den Glauben an die provisorische Notwendigkeit der Diktatur, um die Krise zu überwinden. Kommt es aber erst so weit, dann entscheidet nicht länger die geistige Überlegenheit, sondern die Brutalität der Mittel, persönliche List und Verschlagenheit und eine Gesinnung, die von moralischen Bedenken nicht beeinflußt wird. Gerade diese Eigenschaften aber gehen in der Regel Hand in Hand mit ideologischer Beschränktheit und Mittelmäßigkeit der Auffassung. Da für die Träger der Diktatur die brutale Gewalt das erste und letzte Wort der Selbstbehauptung ist, so geraten sie nie in Verlegenheit, ihr Tun gegen Erwägungen anderer Art verteidigen zu müssen. Das geflügelte Wort Cavours, daß "mit dem Belagerungszustand jeder Esel regieren könne", gilt für die Diktatur in noch höherem Maße, denn jede Diktatur ist ja nichts anderes als der Staat im dauernden Belagerungszustand.

 

Unter normalen Verhältnissen bestehen stets gewisse Möglichkeiten für neue Wege der Entwicklung, die sich immer ergeben, so lange die freie Erörterung über soziale Zustände nicht durch tyrannische Maßnahmen völlig unterbunden wird. Sogar die ausgesprochendsten Vertreter des politischen Konservatismus können sich unter solchen Bedingungen den moralischen Auswirkungen einer demokratischen Gesellschaftsauffassung nie völlig entziehen. Wie die Römische Kirche sich allmählich mit den verschiedenen Richtungen des Protestantismus abfinden mußte, so muß sich auch der politische und soziale Konservatismus mit bestimmten Ergebnissen des demokratischen Bewußtseins im Volke abfinden, die aus den Revolutionen gegen den fürstlichen Absolutismus hervorgegangen sind. Ein solches Abfinden mit historischen Tatsachen ist unter normalen Bedingungen unvermeidlich, da weder die Revolution noch die Reaktion imstande ist, den Gegner völlig aufzureiben. Um nach größeren Erschütterungen das soziale Gleichgewicht wiederherzustellen und ein gesellschaftliches Zusammenarbeiten überhaupt möglich zu machen, entwickeln sich allmählich gewisse Satzungen, in denen Altes und Neues unmerklich zusammenfließen, und die sich mit der Zeit zu einem bestimmten Rechtszustand verdichten, den man nicht jeden Augenblick willkürlich vergewaltigen kann, wenn man die Gesellschaft nicht fortgesetzt im offenen Kriegszustande halten will.

 

Der so geschaffene Rechtszustand wechselt in dem Grade, nach dem die eine oder die andere Richtung im öffentlichen Leben an Stärke gewinnt oder verliert, doch bleibt seine moralische Grundlage unerschüttert, so lange die allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht in sich selbst unhaltbar werden und auf eine revolutionäre Änderung des bestehenden Zustandes hindrängen. Sogar wenn der stärkere Teil Versuche macht, das bestehende Recht zu beugen und in seinem Sinne auszulegen, so geschieht dies in ruhigen Zeiten stets auf der Basis der vorhandenen Rechtsanschauungen, um größere Konflikte zu vermeiden, durch welche das gesellschaftliche Gleichgewicht in Gefahr geraten könnte. Sogar der verbissendste Tory wird sich unter normalen Verhältnissen nicht für die Wiedereinführung des fürstlichen Absolutismus einsetzen, sondern seine Bestrebungen dem allgemeinen Rechtszustande anpassen, um ihnen Geltung zu verschaffen. Er wird, wenn ihm die Gelegenheit dazu günstig erscheint, die Auswirkung bestimmter Rechte und Freiheiten zu begrenzen versuchen, aber er wird diese Rechte und Freiheiten selbst nie in Frage stellen, mit denen er sich notgedrungen abfinden muß, da sie einen wesentlichen Teil der bestehenden sozialen Ordnung bilden. Das ist auch die Ursache, weshalb auch Revolutionen nicht jeden Tag künstlich gemacht werden können, sondern ebenso wie Perioden einer sozialen Reaktion von den gegebenen Verhältnissen abhängig sind. Nur von diesem Standpunkt läßt sich der Einfluß der politischen Zeitströmungen auf die historische Entwicklung des Sozialismus richtig beurteilen.

 

 

IV.

 

Der Einfluß der verschiedenen politischen Strömungen auf die Entwicklung des sozialistischen Gedankens läßt sich in jedem Lande deutlich feststellen und hat dem Sozialismus bei jedem Volke einen besonderen Stempel aufgeprägt, der sich vornehmlich in der Stellung seiner Anhänger zu der Form des Staates bemerkbar macht. Es gibt, in der Tat, keine politische Auffassung, von der Theokratie bis zur Anarchie, die in der sozialistischen Bewegung nicht ihren Ausdruck gefunden hätte. Die großen Vorläufer des modernen Sozialismus hatten das eine gemeinsam, daß sie in der Ungleichheit der wirtschaftlichen Bedingungen die eigentliche Ursache aller gesellschaftlichen Übel erblickten und bestrebt waren, dies ihren Zeitgenossen zum Bewußtsein zu bringen. Saint-Simon und Fourier hatten die Stürme der Großen Revolution noch miterlebt und auch Owen hatte die unmittelbaren Auswirkungen jenes großen historischen Dramas auf die Neugestaltung Europas aus persönlicher Anschauung kennen gelernt. Die meisten ihrer Schüler waren aus der Zeit des ersten Kaiserreichs hervorgegangen. Sie hatten daher die unmittelbaren Nachwirkungen der Revolution, sowie den Bonapartismus und die gegenrevolutionären Bestrebungen der Restaurationsperiode noch durchgelebt und diese vielfach ganz anders beurteilt als spätere Geschlechter, welche jene Dinge bloß noch aus den Darstellungen der Geschichtsschreibung kannten. Denn die frischen Eindrücke, die wir aus dem unmittelbaren Geschehen empfangen, sind in der Regel sehr verschieden von den Vorstellungen, die uns durch die Perspektive der Zeit vermittelt werden.

 

Betrachtet man die Gedankengänge und das Wirken jener ersten Wortführer des Sozialismus im Zusammenhang mit der Epoche, in der sie lebten, so wird uns ihre Stellung in allen ihren starken und schwachen Seiten ohne weiteres verständlich, ohne daß wir zu dem ebenso willkürlichen wie nichtssagenden Einteilungsbegriff eines "utopischen" und eines "wissenschaftlichen Sozialismus" unsere Zuflucht nehmen müßten. Tatsache ist, daß Männer wie Saint Simon, Considerant, Blanc, Vidal und hauptsächlich Proudhon den Sozialismus keineswegs als eine Offenbarung des Himmels, sondern als natürliches Ergebnis der wirtschaftlichen Entwicklung beurteilt haben und dabei zu Schlüssen gelangten, über die auch die anspruchsvollsten Vertreter des sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus nicht hinausgekommen sind.

 

Mit der Ausnahme jener Richtungen, deren Bestrebungen unmittelbar den polirischen Überlieferungen des Jakobinertums, der kommunistischen Lehre Babeufs und seiner "Verschwörung der Gleichen" entsprungen sind, haben fast alle Schulen des älteren Sozialismus in Frankreich und England das eine gemeinsam, daß sie die Verwirklichung ihrer Ziele durch eine friedliche Umgestaltung der gesellschaftlichen Einrichtungen und die Erziehung der Massen zu erreichen hofften. Manche haben diesen Zug durch den persönlichen Mangel an revolutionärem Temperament, andere durch eine seltsame Verkennung der "sozialen Entwicklungsgesetze" zu erklären versucht. Beide Erklärungsversuche sind schon deshalb hinfällig, weil sie auf den Kern der Sache überhaupt nicht eingehen.

 

Eine ganze Reihe jener sogenannten "Utopisten" hat an den Verschwörungen der geheimen Gesellschaften gegen die Bourbonen einen hervorragenden Anteil genommen und dabei sogar eine führende Rolle gespielt. Dazu gehörten gerade diejenigen, die später als Vertreter der neuen Lehre am wenigsten von revolutionären Erhebungen erwarteten. Bazard, Leroux, Buchez, Cabet und manche anderen gehörten mit zu den tätigsten Mitgliedern der französischen Carbonaria. Einige von ihnen hatten bereits der geheimen Gesellschaft der "Wahrheitsfreunde" (amis de la verite) angehört. Buchez, der nach dem mißlungenen Aufstandsversuch von 1821 verhaftet und vor Gericht gestellt wurde, entging nur mit einer Stimme dem Tode. Erst seine persönliche Bekanntschaft mit Saint-Simon brachte ihn auf andere Bahnen. Saint-Simon selbst hatte in seinen jungen Jahren an dem Aufstand der nordamerikanischen Kolonien gegen England teilgenommen und unter Washington gekämpft. Man kann daher schwer behaupten, daß revolutionäre Neigungen jenen Männern ganz fremd geblieben sind. Daß sie nach der inneren Klärung, die osie durch den Sozialismus empfangen hatten, sich von Aufstandsversuchen keinen Erfolg mehr versprachen, lag sowohl in der neuen Richtung ihres Denkens als auch in den Verhältnissen der Zeit. Sie hatten erkannt, daß die Wurzeln des sozialen Übels zu tief lagen, als daß man ihnen durch einfache Gewaltmaßnahmen hätte beikommen können, umsoweniger, als man von den durch die langen Kriege und ihre Begleiterscheinungen erschöpften Massen gerade damals keine Unterstützung erwarten konnte.

 

So wurde die Erziehung den meisten der älteren Sozialisten zum wichtigsten Feld ihrer Betätigung. Die schmerzlichen Erfahrungen der Zeit hatten sie gelehrt, daß eine tiefere Umgestaltung des gesellschaftlichen Lebens unmöglich ist, so lange vor allem der denkende Teil des Volkes von den neuen Ideen nicht erfaßt und von der Größe der Aufgabe durchdrungen ist, die ihm gestellt wurde. Die letzten Worte Saint-Simons an seinen Lieblingsschüler Rodrigues: " Vergesse nie, mein Sohn, daß man von der inneren Begeisterung einer Idee erfüllt sein muß, um große Dinge zu vollbringen!" waren der tiefste Ausdruck dieser Erkenntnis. Denn die äußeren Lebensbedingungen sind nur der Nährboden, aus dem sich die Ideen der Menschen entwickeln, aber es sind die Ideen selbst, welche die Menschen für jede neue Gestaltung ihrer sozialen Existenz empfänglich machen und neue Bedingungen des Lebens schaffen.

 

Denn auch der Glaube an die Allmacht der Revolution ist im Grunde nur eine Selbsttäuschung, die schon viel Unheil angerichtet hat. Auch Revolutionen können immer nur Keime entwickeln, die bereits früher vorhanden waren und in das Bewußtsein der Menschen eingedrungen sind. Aber sie können diese Keime nicht selbst schaffen und aus dem Nichts eine neue Welt formen. Eine Revolution ist die Entfesselung der bereits im Schöße der alten Gesellschaft wirkenden neuen Kräfte, die nach einer Neugestaltung der sozialen Formen streben und die, wenn die Zeit dazu gekommen ist, die alten Bindungen sprengen, dem Kinde vergleichbar, das nach der vollendeten Schwangerschaft die alte Hülle sprengt, um sein eigenes Dasein zu beginnen. Bezeichnend für das Wesen der Revolution ist der Umstand, daß die Erneuerung der sozialen Lebensbedingungen nicht von oben ausgeht, sondern der unmittelbaren Betätigung breiter Schichten des Volkes entspringt, ohne die eine wirkliche Umgestaltung überhaupt nicht möglich wäre. In diesem Sinne ist die Revolution stets der Abschluß eines bestimmten Entwicklungsprozesses und zugleich die Einleitung zu einer Neugestaltung der Gesellschaft.

 

Aber diese Verjüngung des sozialen Lebens durch die Revolution ist nur denkbar, durch eine immer weiter um sich greifende Auswirkung neuer Ideen und Vorstellungen im Schöße des alten Gesellschaftskörpers und die mehr oder weniger entschiedene Art des Handelns ihrer Träger. Durch die immer schärfer hervortretende Bloßstellung der alten Lebensformen und die Entwicklung neuer moralischer und sozialer Wertbegriffe entsteht allmählich eine neue geistige Atmosphäre, deren beständige Ausbreitung das Ansehen der alten Gesellschaftseinrichtungen und ihrer Vertreter fortgesetzt untergräbt, bis es endlich ganz in die Brüche geht und zu keinem ernsten Widerstand mehr fähig ist. Der erste Anstoß zu einer kommenden Umwälzung geht stets von geistig regsamen Minderheiten aus, doch gelangt er nur dann zu der vollen Entfaltung seiner Kräfte, wenn breite Schichten des Volkes von der Notwendigkeit einer gründlichen Änderung der sozialen Lebensbedingungen erfaßt werden und zu einer Betätigung in dieser Richtung vorwärts drängen. Zunächst geschieht dies rein gefühlsmäßig, bis die unbestimmten Regungen sich bei großen Teilen des Volkes zu festen Vorstellungen verdichten und zur inneren Überzeugung werden.

 

Ohne diese geistige Entwicklung breiter Volksschichten ist eine Revolution überhaupt nicht denkbar. Sie ist die erste Vorbedingung jeder gesellschaftlichen Umwälzung, die das Volk zum Widerstand anregt und ihm das Bewußtsein seiner Menschenwürde näher bringt. Je tiefer die neuen Ideen in die Massen eindringen und das Denken der Menschen beeinflussen, desto stärker sind die Wirkungen, welche die Revolution hervorbringt, desto unvergänglicher die Spuren, die sie im Leben der Gesellschaft zurückläßt. Es ist daher grundfalsch, die Revolution lediglich als den gewaltsamen Umsturz alter Gesellschaftsformen zu beurteilen und auf die zerstörende Seite ihres Wirkens das Hauptgewicht zu legen. Die zerstörende Seite der Revolution ist nur eine ihrer Begleiterscheinungen, die fast gänzlich von dem Grad des Widerstandes des Gegners abhängt. Nicht in dem, was sie zerstört, sondern in dem Neuen, das sie hervorbringt und dem sie Geburtshilfe leisten mußte, gibt sich ihr inneres Wesen, kund. Es sind die schöpferischen Bestrebungen, die sie freilegt und von der Umklammerung der alten Gesellschaftsformen befreit, welche der Revolution ihre soziale und geschichtliche Bedeutung geben.

 

Eine Revolution ist daher viel mehr wie ein gewöhnlicher Straßenaufstand, dessen Ursachen durch allerhand Zufälligkeiten bestimmt werden kann, was bei einer wirklichen Revolution nie der Fall ist, da sie stets das letzte Glied eines langen Entwicklungsprozesses ist, den sie mit gewaltsamen Mitteln zu Ende bringt. Wo diese Vorbedingungen nicht vorhanden sind, dort kann eine Erhebung im besten Falle nur eine oberflächliche Veränderung der äußeren Machtverhältnisse bewirken und neuen Parteien zur Herrschaft verhelfen, weil das Volk zu einer tieferen Erkenntnis noch nicht reif ist und daher alles Heil von einer neuen Regierung erwartet wie der. Gläubige von der Vorsehung Gottes.

 

Die Gewalt selbst schafft nichts Neues. Sie kann im günstigsten Falle Altes und Überlebtes aus dem Wege räumen und die Pfade für eine neue Entwicklung freilegen, wenn jede andere Möglichkeit dazu verschlossen ist. Aber sie kann nicht Dinge hervorrufen, die erst allmählich im Hirne der Menschen heranreifen und gedeihen müssen, bevor sie praktisch in die Erscheinung treten können. In diesem Sinne ist die Gewalt in weit größerem Umfang ein typisches Merkmal der Reaktion in der Geschichte gewesen, die sich ihrer bediente, um jede schöpferische Betätigung zu unterbinden und das Denken der Menschen auf bestimmte Formen festzulegen, während die Revolution gerade das Gegenteil erstrebte und einzig dadurch allen tieferen sozialen Änderungen den Weg bahnte.

 

Der gewaltsame Bruch mit alten Formen, die innerlich bereits überlebt sind, ist oft das einzige Mittel, um neuen Formen zum Durchbruch zu verhelfen, aber er hat mit dem "Kultus der Gewalt" als solche nichts gemeinsam, der gerade von der Reaktion in jeder Art planmäßig betrieben wird. Das ist auch die Ursache, weshalb jede Revolution, sobald sie in einem neuen Gewaltsystem bestimmter Parteien ausmündet, ihren eigentlichen Charakter verliert und in die Gegenrevolution umschlägt. Wer dieses verkennt, mag noch so sehr auf seine revolutionäre Gesinnung pochen, er bleibt im Grunde seines Wesens doch nur ein revolutionärer Staatsstreichler, der bewußt oder unbewußt im Lager der Gegenrevolution steht. Max Nettlau hat dieser Auffassung einen tiefempfundenen Ausdruck gegeben: "Die babouvistisch-blanquistische Idee der gewaltsamen Übernahme der Staatsgewalt und der Diktatur wurde auch außerhalb dieser bewußt autoritären Kreise ohne nähere Prüfung übernommen; es entstand der Glaube an die Allmacht der Revolution. So sehr ich auch solche wünsche und diesen Glauben achte, so ist er doch autoritären Ursprungs, ist napoleonisch gedacht und übersieht - was für Autoritäre belanglos ist - die wirkliche Durchdringung des Einzelnen mit sozialem Geist, Gefühl und Verständnis. Daß diese sich automatisch bei verbesserter Lage einstellen, ist eine weitere etwas summarische Annahme, für welche die durch Schrecken hergestellte Nivellierung bei den bisherigen autoritären Revolutionen kein zwingender Beweis ist."

 

Die meisten der großen Pioniere des Sozialismus versprachen sich schon deshalb nichts von Verschwörungen und Aufstandsversuchen zur Förderung ihrer Sache, weil manche von ihnen die Fruchtlosigkeit solcher Versuche aus eigener Erfahrung kennen gelernt hatten und die anderen aus den unmittelbaren Ergebnissen der zeitgenössischen Geschichte ihre Lehre zogen. Sie verstanden, daß man Dinge nicht gewaltsam zur Reife bringen konnte, die erst im Anfangsstadium ihrer natürlichen Entwicklung begriffen waren und vorläufig nur bei einer kleinen Minderheit einen geistigen Niederschlag gefunden hatten. Diese Auffassung war bei ihnen umso verständlicher, da es sich in ihrem Falle ja nicht um einen gewöhnlichen Regierungswechsel handelte, sondern um eine Umgestaltung aller gesellschaftlichen Lebensbedingungen, die ohne die geistige Bereitwilligkeit breitet Volksmassen nicht zu erhoffen war. Es war weder persönliche Naivität noch Haltlosigkeit der Gesinnung, aus denen solche Erwägungen geboren wurden, sondern die völlige Ohnmacht des Einzelwesens in einer Zeit, die alle sozialen Bindungen verloren hatte und nur Kommandorufe und widerstandslose Unterwerfung kannte.

 

Aber gerade diesen autoritären Einflüssen der Zeit konnten sich auch die großen Bahnbrecher des Sozialismus nicht entziehen, wie sehr ihre Gedanken auch der Zeit vorangeeilt waren. Die liberalen Anschauungen, welche einst in der "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte" ihren Ausdruck gefunden hatten, waren in den Hintergrund getreten und hatten dem neuen Absolutismus Napoleons das Feld geräumt, der das Erbe der Revolution angetreten hatte. Die Völker hatten sich wieder in Herden verwandelt, deren Schicksal in den Händen neuer Herrenmenschen ruhte, die ihm Gestalt und Prägung gaben. Der Jakobinismus hatte den Glauben an die Allmacht des Staates wieder aufgefrischt, der durch die Revolution eine Zeit lang seinen Glanz verloren hatte. Napoleon aber hatte sich aus eigener Machtvollkommenheit zum "Mechaniker, der die Maschine erfindet" gemacht, wie Rousseau den Gesetzgeber zu nennen beliebte. Die ungeheueren militärischen und politischen Erfolge des korsischen Eroberers auf dem ganzen Kontinent entfesselten eine wahre Flut der Bewunderung, die auch nach seinem Sturze fortlebte. Der Wunderglaube an die "großen Heroen" der Geschichte, die nach eigenem Ermessen das Schicksal der Völker kneten wie der Bäcker den Teig knetet, feierte die größten Triumphe und trübte den Menschen den Blick für jedes organische Geschehen. Der Glaube an die Allmacht der Autorität wurde wieder zum Inhalt der Geschichte und fand seinen Niederschlag in den Schriften von Haller, Hegel, DeMaistre, Bonald und vielen anderen. Der Wahlspruch De Maistre's: "Ohne Papst keine staatliche Souveränität, ohne Souveränität keine Einheit ohne Einheit keine Autorität, ohne Autorität kein Glaubet" wurde zum Leitmotiv dieser neuen Reaktion, die sich über ganz Europa verbreitete.

 

Nur wenn man die Zeit in Betracht zieht, in weichet der Geist der Autorität seine höchsten Triumphe feierte und keine politische Gegenströmung vorhanden war, um das Gefühl völliger Abhängigkeit zu entkräften, läßt es sich erklären, wenn Saint-Simon 1813 seinen berühmten Brief an Napoleon richtete, um diesen zu einer Reorganisation der europäischen Gesellschaft anzuregen oder wenn Robert Owen sich in einem längeren Schreiben an Friedrich Gentz, den ebenso geistvollen als charakterlosen Soldschreiber der "Heiligen .Allianz" wendete, um diesem vorzuschlagen, dem Fürstenkongreß in Aachen (1818) seine Pläne zur Überwindung des sozialen Elends vorzulegen und wenn Fourier einen ähnlichen Schritt bei dem Justizminister Napoleons unternahm und später zehn Jahre lang auf den Mann wartete, der ihm eine Million Franken zur Verfügung stellen sollte, um ihm die Möglichkeit zu geben, einen praktischen Versuch zur Verwirklichung seiner Ideen in größerem Maßstabe vorzunehmen.

 

Im Jahre 1809 erschien in Paris ein zweibändiges Werk, "La philosophie du Ruvarebohni"[2], das zu den geistvollsten Erzeugnissen der sozialistischen Literatur jener Zeit gehörte. Das Werk enthielt eine ganze Reihe glänzender Betrachtungen über die Grundlagen einer sozialistischen Gesellschaft, auf die wir hier nicht eingehen können. Das Charakteristische an jenem Buche ist, daß seine Verfasser sich die Befreiung der Gesellschaft durch den großen Machthaber Poleano vorstellten, der an der Hand der wissenschaftlichen Untersuchungen der größten Gelehrten des Volkes der Icanarfs die große Wiedergeburt der Menschheit in die Wege leitet. Wie der römische Konsul Cincinnatus nach dem Kriege wieder zu seinem Pflug, so begibt sich auch der große Poleano endlich freiwillig seiner Macht, um als Gleicher zwischen seinen Mitbürgern zu leben und mit ihnen die Fruchte seines Werkes zu genießen, das er so glänzend zur Vollendung gebracht hatte. Poleano ist natürlich nur eine Umschreibung des Namens Napoleon und das Volk der Icanarfs eine solche der Franzosen (Francais).

 

Ohne Zweifel wurden die Verfasser dieses merkwürdigen Buches durch die mannigfachen Pläne Napoleons angeregt, durch welche dieser den Widerstand Englands zu brechen und die französische Industrie zur ersten der Welt zu machen hoffte. Seine zahllosen Besprechungen mit Männern der Wissenschaft, Technikern, Indu-strialisten und Vertretern der Hochfinanz, aber auch mit gewöhnlichen Glücksrittern, Charlatanen und Abenteurern aller Schattierungen, die darauf ausgingen, sich die Taschen zu füllen, hatten alle denselben Zweck im Auge. Unter diesen Umständen war es wohl verständlich, daß unsere beiden Philosophen sich in der Hoffnung wiegten, den Kaiser für ihre Pläne gewinnen zu können und den Absolutismus zum Ausgangspunkt des Sozialismus zu machen.

 

 

V.

 

Der Glaube, Napoleon für eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft gewinnen zu können, war übrigens keine Einzelerscheinung. Auch der Einwand, daß Männer wie Saint-Simon, Fourier und die beiden Verfasser des oben erwähnten Werkes an die Möglichkeit einer Hilfe durch Napoleon nur deshalb glaubten, weil sie dazu durch ihre innere Abneigung gegen alle revolutionären Versuche veranlaßt wurden, ist nicht stichhaltig, denn wir begegnen diesen Bestrebungen auch in jenen Kreisen, die den Überlieferungen des Jakobinismus treu geblieben und von einer revolutionären Diktatur die Verwirklichung ihrer sozialistischen Pläne erhofften. Auch Michel Buonarroti, der Genosse Babeufs, den Bakunin als den größten Verschwörer seines Jahrhunderts bezeichnet hatte, setzte auf Napoleon seine Hoffnung und glaubte ernstlich, daß dieser zum Werkzeug einer neuen Revolution berufen sei, um zu vollenden, was die erste Revolution unvollendet gelassen hatte.

 

Als Napoleon durch den Machtspruch der europäischen Großmächte nach Elba verbannt wurde, traten seine alten Bundesgenossen in der Armee mit den Resten der Jakobiner in geheimen Verbindungen zusammen, gegen die Regierung Louis XVIIL, die man Frankreich aufgezwungen hatte. Napoleon, der für die Logik der Tatsachen eia feines Verständnis besaß, fühlte sehr gut, daß er von dem französischen Bürgertum, das ihn beim Eindringen der alliierten Armeen kaltblütig fallen ließ, keine Hilfe erwarten durfte. Er war daher gezwungen, sich auf die untersten Volksklassen zu stützen und sie mit großen Versprechungen zu füttern, um sie in Bewegung zu setzen. Als er am 20. März 1815 in die Tuillerien zurückkehrte, besuchte er die Vorstädte und Fabriken, ließ sich von den Arbeitern Berichte über ihre wirtschaftliche Lage vorlegen und versprach ihnen, daß er den Rest seines Lebens bloß noch dem Frieden zu widmen entschlossen sei, um der Welt zu zeigen, daß er "Nicht bloß ein Kaiser der Soldaten, sondern auch ein solcher der Bauern und Proletarier" sei. Alte Demokraten und gewesene Gegner des Kaisers traten in die neue Regierung ein, damit das Volk erkenne, daß es ihm wirklich ernst sei mit dem versprochenen "Reiche des Friedens und der Demokratie". Die Zensur wurde abgeschafft, die polizeiliche Überwachung des Buchhandels aufgehoben. Sein langjähriger Gegner, Benjamin Constant, der jetzt zusammen mit Carnot in der neuen Regierung saß, wurde mit dem Entwurf einer neuen Verfassung betraut. Es war, in der Tat, eine "Zeit des Taumels", jene kurze Periode der "Hundert Tage", die bei Waterloo einen ebenso schnellen wie blutigen Abschluß finden sollte.

 

Bonapartisten und Jakobiner hatten schon seit der Rückkehr der Bourbonen ihre alte Fehde aufgegeben und sich für die Wiedererrichtung des Kaiserreiches eingesetzt. Die Politik schafft oft sonderbare Bettgenossen, aber solche Bündnisse stellen sich in der Regel nur dann ein, wenn ihnen eine gewisse Gleichartigkeit der Bestrebungen zugrunde liegt. Man hat allerhand Vermutungen darüber angestellt, wie sich die Zukunft Europas gestaltet hätte, wenn Napoleon die Gelegenheit gefunden, den sozialen Reformen, die er in Aussicht gestellt, tiefer nachzugehen. Doch ist es kaum anzunehmen, daß er seine Versprechungen gehalten hätte, auch wenn er seinen militärischen Gegnern nicht so rasch unterlegen wäre. Ein Mann mit seinen Charakteranlagen, der sich so gänzlich daran gewöhnt hatte, die Rolle der Vorsehung in Europa zu spielen und seinen Willen als höchstes Gesetz zu betrachten, war kaum imstande, andere Wege zu beschreiten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er sich wirklich mit dem Gedanken großer sozialer Änderungen getragen hat. Seine früheren Pläne, Europa in eine große wirtschaftliche Einheit unter der Hegemonie Frankreichs zu verschmelzen und manches andere sprechen sogar dafür. Aber eine solche Reform hatte immer nur seinem eigenen Wesen entsprochen: ein Termitenstaat auf der Grundlage einer Kasernenmoral, die alles Persönliche erstickt und dem gefühllosen Rhythmus einer Maschine unterwirft, die alle auf das gleiche Maß bringt.

 

Wenn Fourier und Saint-Simon glaubten, Napoleon für eine große soziale Reform gewinnen zu können, so geschah dies deshalb, weil er nach ihrer Meinung alle Möglichkeiten in sich verkörperte, die eine neue Entwicklung des sozialen Lebens fördern konnten. Doch hofften sie, daß ein ernsthafter Versuch in dieser Richtung die ganze politische und militärische Grundlage, auf der die Herrschaft des Kaisers fußte, mit der Zeit überflüssig machen und durch neue gesellschaftliche Einrichtungen ersetzen würde. Das war ein psychologischer Irrtum, der sich aber immerhin aus der politischen und sozialen Lage der Zeit erklären läßt.

 

Anders aber muß man die Stellung Buonarrotis und seiner späteren kommunistischen Anhänger in den geheimen Gesellschaften Frank' reich" beurteilen. Zwischen ihnen und Napoleon bestand eine innere Wesensverwandtschaft, über die sie sich allerdings nie Rechenschaft ablegten. Buonarroti, der einst dem inneren Kreise Robespierres angehörte, glaubte mit derselben Inbrunst an die Allmacht der Diktatur wie Napoleon, dem nichts unmöglich schien, so lange er eine Armee hinter sich hatte. Auch er rechnete mit Menschen wie mit Zahlen, und wenn Napoleon fest davon überzeugt war, durch Gewalt jeden Widerstand brechen zu können, so glaubten Buonarroti und seine Anhänger, daß man die Menschen mit dem revolutionären Terror zu ihrem Glücke zwingen müßte. Napoleon hatte eigentlich nur in größerem Maßstabe fortgesetzt, was Robespierres und seine Anhänger bereits zur Ausführung gebracht hatten, - die Zentralisation aller Zweige des gesellschaftlichen Lebens. Er war denn auch, im Grunde genommen, nicht der Erbe der Revolution, welche die "Memschenrechte" verkündet hatte, sondern nur der Erbe des Jakobinertums, das jene Redite zur Zwangsjacke gemacht und ihre Auslegung durch die Guillotine erläutert hatte.

 

Extreme berühren sich sehr häufig im politischen Leben, aber sie berühren sich nur dann, wenn gemeinsame Anziehungspunkte vorhanden sind, die unter gegebenen Verhältnissen nach derselben Richtung streben. Alle Reformen Napoleons waren der Atmosphäre der Kaserne entsprungen. Der Gleichheits-Kommunismus Barbeufs, Buonarrotis und der ganzen späteren babouvistischen Schule wurde von denselben Voraussetzungen getragen. Es ist die innere Verwandtschaft des Denkens und Fühlens, die solche Verbindungen zustande bringt. Das Bündnis der Jakobiner mit den Bonapartisten in der Zeit der Restauration, der Anschluß, den Lassalle bei Bismarck suchte und nur deshalb nicht finden konnte, weil er keine ebenbürtige Macht hinter sich hatte, die Allianz zwischen Stalin und Hitler, die zur unmittelbaren Ursache des letzten Weltkrieges wurde, sind nur in diesem Sinne zu verstehen. Es handelt sich in allen diesen Fällen um bestimmte Auswirkungen desselben absolutistischen Prinzips in verschiedenen Formen. Wer diesen inneren Zusammenhängen nicht tiefer nachgeht, dem hat die Geschichte überhaupt nichts zu offenbaren.

 

Die ganze babouvistische Schule des Sozialismus, die in Männern wie Barbes, Blanqui, Teste, Voyet d'Argenson, Bernard, Meillard, Nettre usw. ihre Vertreter fand und in den geheimen Bünden der "Gesellschaft der Familien", der "Gesellschaft der Jahreszeiten" und anderen ihre Wirksamkeit entfaltete, war durchaus autokratisch in ihren Bestrebungen. Nach einem geheimen Bericht, der 1840 von allen Sektionen der Gesellschaften angenommen wurde, sollte ein Direktorium von drei Personen den kommenden Aufstand organisieren und nach dem Siege als provisorische Regierung eingesetzt werden. Diese diktatorische Körperschaft sollte nicht vom Volke, sondern von den Verschworenen selbst gewählt werden. Die Regierung sollte die Leitung der Industrie, des Ackerbaus und der Verteilung der Produkte übernehmen. Um die Gleichheit der Gesinnung dem Staate gegenüber herzustellen, sollten die Kinder vom fünften Lebensjahre an den Eltern entzogen und in staatlichen Instituten erzogen werden. Das Vorbild eines totalen Staates wurde auf diese Weise also bereits von Sozialisten ausgearbeitet. Auch die Idee Lenins von den "professionellen Revolutionären" ist nur ein Abklatsch von Blanquis "revolutionärem Generalstab". Der "monarchistische Gedanke", dem Proudhon den Krieg erklärt hatte, saß viel tiefer, als die meisten ahnen mochten und hat, wie die letzten Zeitereignisse überall in der Welt deutlich zeigen, seine Wirkung noch lange nicht eingebüßt. Auch die sozialistischen Schulen von Etienne Cabet, Louis Blanc, Constantin Pecqueur und anderen sind vollständig mit absolutistischen Gedankengängen durchsetzt. Nur bei Fourier und seinen Anhängern findet man vielfach freiheitliche Ideen und bewußte föderalistische Bestrebungen. Auch der englische Sozialismus der älteren Schule und auch später ist von einem viel freiheitlicheren Geiste getragen, weil die großen liberalen Gedankenströmungen einen viel stärkeren Einfluß auf seine Träger ausübten, ebenso wie in Spanien, wo die föderalistischen Überlieferungen tief im Volke wurzelten und den anarchistischen Sozialismus zu einer Massenbewegung entwickelten. Dasselbe gilt auch für Italien, wo die Lehren Pisacanes und des freiheitlichen Sozialismus stets ein wirksames Gegengewicht gegen die autoritären Bestrebungen der Zeit bildeten.

 

Unter den Sozialisten der älteren Schule finden wir nicht bloß bei vielen eine ausgesprochene Feindseligkeit gegen alle liberalen Bestrebungen und ein ganz unverkennbares Kokettieren mit Auffassungen des politischen Absolutismus, sondern sogar theokratische Anwandlungen, die direkt aus dem Vorstellungskreise des römischen Katholizismus hervorgegangen sind. Das gilt besonders für die Saint- Simonisten und die Anhänger des sogenannten theosophischen Kommunismus. Zwischen der Lehre Saint-Simons und den sozialen Auffassungen der saint-simonistisdien Schule besteht ein Unterschied, der sich häufig überhaupt nicht mehr überbrücken läßt und nur noch als eine Entartung der ursprünglichen Ideen des Lehrers bezeichnet werden kann. Unter den großen Bahnbrechern des Sozialismus war Saint-Simon sicher einer der hervorragendsten Köpfe, der mit seinen Gedanken alle späteren sozialistischen Richtungen befruchtet hat, von den Marxisten bis zu den Anarchisten. Seine umfassenden Kenntnisse und seine außergewöhnliche historische Beobachtungsgabe haben ihm seinen Platz als einen der bedeutendsten Denker seiner Zeit angewiesen, den ihm niemand bestreiten kann. Man hat ihn eine Faust-Natur genannt und nicht mit Unrecht, denn er hat an manche verborgene Pforte geklopft und der ewige Hunger nach immer tieferer Erkenntnis bildet den ganzen Inhalt seines seltsamen Lebens, das in seiner ergreifenden Eigenart so reich an tragischer Größe ist.

 

Saint-Simon hat nie eine bestimmte Theorie über die Lösung der sozialen Frage aufgestellt, noch hat er sich je in abstrakten Vorstellungen verloren, wie die meisten seiner späteren Schüler. Seine überragende geistige Überlegenheit geht schon daraus hervor, daß er eine ganze Reihe der bedeutendsten Geister seiner Zeit in den Bann seiner Gedanken zu bringen verstand. Augustin Thierry, der große französische Historiker, der Mineraloge Le Play, Auguste Comte, der Begründer der "Philosophie des Positivismus", der Rechtstheoretiker Lerminier, der spätere Unterrichtsminister H. Carnot, Komponisten wie Leon Halevy und F. David, Ingenieure wie Barrault, Mony und Lesseps, der spätere Erbauer des Suezkanals, Nationalökonomen und Finanzmänner wie Michel Chevalier, Adolph Blanqui, O. Rodrigues, Emile Pereire, Männer, die in der späteren sozialistischen Bewegung eine hervorragende Rolle spielten, wie A. Bazard, P. Enfantin, P. Leroux, J. Reynaud, Ph. Buchez und viele andere, - sie alle sind aus der Schule Saint-Simons hervorgegangen oder wurden stark von seinen Anschauungen beeinflußt. Auch Heinrich Heine und die Romandichterin George Sand sind tief von seiner Lehre berührt worden. Nur ein ganz großer Geist konnte einen so starken und nachhaltigen Eindruck hervorrufen.

 

Die eigentliche Größe Saint-Simons besteht in seiner glänzenden Beurteilung der neuen wirtschafts-politischen Verhältnisse, die sich aus der französischen Revolution ergeben hatten und in seiner tiefgründigen Auffassung über die Bedeutung der modernen Industrie, die er mit Recht als einen der entscheidenden Faktoren für die wirtschaftliche und politische Entwicklung der europäischen Gesellschaft betrachtete. Dabei war für ihn die Industrie nicht bloß eine materielle, sondern auch eine -geistige Erscheinung, denn durch sie siegte der Geist über die Materie und schaffte in derselben Zeit eine ethische Wertung des Lebens, welche die alte Gesellschaft nicht kannte, die Wertschätzung der menschlichen Arbeit.

 

Saint-Simon war einer der ersten großen Sozialphilosophen, die zwischen der politischen Organisation des Staates und dem natürlichen Gebilde der Gesellschaft eine deutliche Grenze zogen und versuchte, die Einflußsphäre beider zu bestimmen. In seiner Schrift "Du systeme industriel" (1821) führte er den Ausbruch der Großen Revolution auf die staatliche Bevormundung und Regulierung der Industrie zurück und zog daraus den Schluß, daß das Schwergewicht aller menschlichen Betätigung nicht in den politischen Formen der Regierung, sondern in den wirtschaftlichen und allgemeinen Verhältnissen der Zeit gesucht werden müsse. Solange die Menschheit über die Phase ihrer Kindheit noch nicht hinausgekommen, war die Vormundschaft der Regierung eine natürliche Einrichtung, die in den Verhältnissen selbst begründet war, wie die Vormundschaft der Eltern über das Kind. Wie aber der erwachsene Mensch diese Vormundschaft nicht länger benötigt und mit der Reife seiner persönlichen Verantwortung sein Leben nach eigenen Bedürfnissen gestaltet, so wird auch die Menschheit als Ganzes die Vormundschaft der Regierung allmählich überwinden und auf eigenen Füßen stehen lernen. "Die Kunst, Menschen zu regieren, wird dann verschwinden, um einer neuen Kunst das Feld zu räumen, der Kunst, die Dinge zu verwalten".

 

Die Zeit der gesellschaftlichen Reife beginnt nach Saint-Simon mit der Entstehung der Industrie. Sie wird die Menschen nicht bloß vom Fluche der Armut, sondern auch von der Notwendigkeit des Regierens befreien. Seine Schüler aber haben aus dieser lichtvollen Auffassung des Meisters, die Proudhon so bereitwillig aufgenommen und weiter entwickelt hat, überhaupt nichts zu machen gewußt. Sie wurden nicht nur die Träger eines neuen Katholizismus, sondern auch die geistigen Vertreter einer neuen Hierarchie, die sie die "Saint-Simonistische Kirche" nannten. Was sie erstrebten, war eine gesellschaftliche Theokratie, in welcher die Vertreter der Kunst, der Wissenschaft und der Arbeit die innere Gliederung des Staates bilden sollten. Im Gegensatz zu den meisten anderen sozialistischen Richtungen waren die Saint-Simonisten Gegner der Republik, weil sie in der republikanischen Staatsform den Ausdruck einer inneren Zersplitterung erblickten. "Die Republik", sagte Rodrigues, "ist unmöglich! sie wird nie verwirklicht werden. Sogar ihr Name wird verschwinden und von der Assoziation verdrängt werden. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß der Saint-Simonismus republikanisch sei".

 

Wenn die Vertreter der liberalen Schule durch eine Trennung der Machtbefugnisse und besonders durch eine Scheidung der gesetzgebenden von der ausführenden Gewalt den Mißbrauch der öffentlichen Macht verhindern wollten, so erblickten die Saint-Simonisten in dieser Teilung eine Zersplitterung der gesellschaftlichen Kräfte, die zu einer Zersetzung des Gemeinwesens führen mußte. Was sie erstrebten, war eine Vereinigung aller politischen und sozialen Befugnisse in einer Person. "Das Staatsoberhaupt ist zugleich Gesetzgeber und Richter. Es bestimmt die Richtlinien der öffentlichen Ordnung und entscheidet über ihre Anwendung. Es ist das lebendige Gesetz, das Organ, von dem alles Lob und aller Tadel ausgeht".

 

Da nach der Auffassung der Saint-Simonisten das materielle Dasein des Menschen mit der Religion auf das tiefste verwachsen ist, so erhebt sich über allen Gliederungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens die neue Kirche als synthetische Zusammenfassung und organische Einheit. Deshalb ruht die ganze Leitung der Gesellschaft in der Hand des Priesters, denn die Kirche ist nicht länger eine Einrichtung der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft selbst. Die ganze Gesellschaftsordnung ist auf den drei großen Prinzipien "der Liebe, des Gedankens und der Kraft" aufgebaut, die in den drei Ständen der Künstler, Gelehrten und Werktätigen ihre Vertretung findet und die Hierarchie des sozialen Lebens bildet. In einer solchen Gemeinschaft ist kein Platz für persönliche Sonderinteressen, das Individuelle verschwindet überhaupt, um sich im Organismus der Gesellschaft aufzulösen. Der Priester ist der Vermittler aller gesellschaftlichen Beziehungen. Er entscheidet nicht nur über alle Angelegenheiten des geistigen Lebens, sondern weist auch jedem Gliede der Gemeinschaft seinen Platz an und sorgt für das gesellschaftliche Gleichgewicht durch eine gerechte Verteilung der allgemeinen Gütererzeugung und der Verteilung der Arbeitsprodukte.

 

Die "Allweltliche Arbeiter-Assoziation' der Saint-Simonisten trägt den Charakter einer sozialen Theokratie, an deren Spitze ein industrieller Papst steht, dessen Anweisungen jeder widerspruchslos Folge leistet, da sie für alle gleich verbindlich sind. Sie ist das Modell eines totalen Staates, der alle sozialen Lebensäußerungen im richtigen Geleise hält und dafür sorgt, daß jeder den Anteil von allem erhält, der ihm auf Grund seiner sozialen Stellung und seines Ranges zusteht. Die Vorstellung einer sozialen Kirche als lebendiges Symbol der menschlichen Verbrüderung, die jedem den Platz anweist, den er auszufüllen hat, um die Belange der Gemeinschaft zu fördern, war das politische Ideal der Saint-Simonisten, die sich hier bewußt oder unbewußt mit den starren Vertretern des absolutistischen Autoritätsprinzips begegnen. Auch ihre Organisation trug den theokratischen Charakter einer neuen Kirche. Sie wurde von einem "Heiligen Collegium" geleitet, an dessen Spitze Bazard und Enfantin als "Hohepriester" figurierten. Sie hatte Gemeinden, Bistümer und Bischofsitze in Paris, Toulouse, Angers, Lyon, Metz, Blois, Bordeaux, Nantes, Limoges, Tour, Dijon und einer Reihe anderer Städte und fand auch im Auslande, besonders in Belgien, wirksame Vertreter. Besonders nach dem Tode Bazards, als Enfantin das alleinige Haupt, der "Vater" der neuen Kirche wurde, nahm die gläubige Inbrunst seiner Anhänger oft einen Charakter an, der sich heute schwer begreifen läßt. So schrieb ihm Reynaud aus Korsika: "Der Kuß meines Vaters wird mir Kraft, sein Wort Beredsamkeit geben. Ich setze alles Vertrauen auf meinen Vater, denn ich weiß, daß er seine Kinder besser kennt, als sie sich selber kennen. Und doch, weshalb zittere ich, wenn ich seine Nähe fühle?" Und Barrault, einer der glänzensten Redner und Apostel der neuen Kirche, schrieb an Enfantin: "Vater, Du bist der Gesandte Gottes auf Erden und der König aller Völker! Jerusalem sah seinen Christus und kannte ihn nicht. Paris hat Dein Antlitz gesehen und Deine Stimme gehört. Frankreich aber kennt nur Deinen Namen."

 

Es ist wohl kein Zweifel, daß Enfantin diese schwüle Glaubensbrunst gefördert hat, um seinem Einfluß eine geistige Grundlage zu geben, an der die Vernunftsgründe des gesunden Menschenverstandes scheitern mußten. Vergleicht man damit das Gebaren der politischen Kirche des modernen Kommunismus, deren blinde Anhängerschaft jeder Zeit bereit ist, heute auf höhere Weisung hin, alles zu verschreien, was sie noch gestern gefeiert hat, so wird uns allerdings manches verständlich, was uns beim Studium jener entschwundenen Zeit oft so befremdlich erscheinen mußte. Der Stalinkult unserer Tage aber fußt auf der gleichen Vorstellungswelt.

 

 

VI.

 

Der Einfluß absolutistischer Gedankenströmungen auf die Entwicklung der sozialistischen Ideenwelt, bald in der Anfangsperiode ihrer Entfaltung, war sicher ein Verhängnis, auch wenn uns seine Ursachen aus den Verhältnissen der Zeit verständlich erscheinen. Doch in Frankreich gab es nicht bloß eine jakobinische und autoritäre Überlieferung, sondern die Große Revolution selbst hatte tiefe Spuren im Denken der Menschen zurückgelassen, die unvergänglich waren und stets neue Anknüpfungspunkte für neue Entwicklungsmöglichkeiten boten. Und wenn es auch unbestreitbar ist, daß gewisse Richtungen des französischen Sozialismus bei dem politischen und klerikalen Absolutismus Anleihen machten, so fanden diese Bestrebungen ein wirksames Gegengewicht in den geschichtsphilosophischen Betrachtungen Saint-Simons, in der föderalistischen Assoziationsidee des Fourierismus und seiner Lehre von der "attraktiven Arbeit" und besonders in dem überragenden Einfluß der anarchistischen Gesellschaftsphilosophie Proudhons.

 

Ganz anders aber lagen die Verhältnisse in Deutschland, wo jede revolutionäre Überlieferung fehlte, wo der Liberalismus stets ein kraftloses Ersatzprodukt seines englischen Vorbildes blieb und die Ideen der bürgerlichen Demokratie niemals Wurzeln im Volke geschlagen hatten. Deutschland blieb bis zum Ende des ersten Weltkrieges ein halb-absolutistischer Staat, und alle Wahlsiege der deutschen Sozialdemokratie konnten an dieser historischen Tatsache nichts ändern. Die ersten Ansätze der sozialistischen Bewegung in Deutschland wurden aus Frankreich eingeführt, aber da ihre ersten Vertreter fast ausnahmslos aus der Schule Hegels und Fichtes hervorgegangen waren, so erhielten ihre Anschauungen von Anfang an ein ganz besonderes Gepräge, das sie von allen sozialistischen Gedankenrichtungen in Westeuropa wesentlich unterscheidet. Hegel, der "Philosoph des preußischen Staates", wie man ihn mit Recht genannt hat, hatte den Staat zum "Gott auf Erden" gemacht und Fichte hatte in seiner Schrift, "Der geschlossene Handelsstaat", die Vorlage einer staatssozialistischen Gesellschaft entworfen, die jedem totalen Staatsgebilde als Vorbild dienen konnte. Wenn Friedrich Engels in seiner Schrift, "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft", erklärte "wir deutschen Sozialisten sind stolz darauf, daß wir abstammen nicht nur von Saint-Simon, Fourier uud Owen, sondern auch von Kant, Fichte und Hegel", so bestätigt er damit nur eine Tatsache. Ob diese Tatsache dem deutschen Sozialismus wirklich das geistige Übergewicht gegeben hat, das Engels ihr zuschreibt, ist freilich eine andere Frage.

 

Die Agitation Ferdinand Lassalles hatte der modernen deutschen Arbeiterbewegung den Weg gebahnt. Sein Einfluß auf die Bewegung blieb stets unverkennbar und erwachte besonders vor dem ersten Weltkriege und nach der November-Revolution von 1918 zu erneuter Stärke. Lassalle war zeit seines Lebens ein fanatischer Anhänger der Hegelschen Staatsidee. Seine Anhänger waren von der "befreienden Misston des Staates" so fest überzeugt, daß ihre Staatsgläubigkeit zuweilen geradezu groteske Formen annahm. Man ist im Auslande häufig der Ansicht, daß Deutschland das marxistischste Land der Welt gewesen sei und der barbarische Kampf der Machthaber des Dritten Reiches gegen den "Marxismus" hat viele in dieser Meinung gestärkt. In der Wirklichkeit liegen die Dinge ganz anders: die Zahl der wirklichen Marxisten war auch in Deutschland verhältnismäßig gering, denn die politische Stellung der deutschen Sozialdemokratie wurde viel mehr von Lassalle als von Marx und Engels beeinflußt. Von ihm erbten die deutschen Sozialisten ihre brünstige Staatsgläubigkeit und den größten Teil ihrer autoritären Bestrebungen. Von Marx übernahmen sie lediglich den ökonomischen Schicksalsglauben an die unüberwindliche Macht der wirtschaftlichen Verhältnisse und die Terminologie der Begriffe.

 

Lassalle war nicht bloß seinen Ideen nach sehr absolutistisch veranlagt, er war auch in seinem ganzen Wesen einer jener geborenen Autokraten, die von ihrer eigenen Unfehlbarkeit so mächtig durchdrungen sind, daß sie jeden Widerspruch geradezu als eine Sünde gegen den "heiligen Geist" empfinden. Er hat mit vollem Bewußtsein den Glauben an seine "historische Sendung" so tief in den Köpfen seiner kleinen Anhängerschaft verankert, daß sie mit schwärmerischer Begeisterung zu ihm aufblickten wie zu einem neuen Messias, der alles Heil in seinen Händen trägt. Von diesem Geiste beseelt, schrieb der "Neue Sozialdemokrat", das Organ der Lassalleschen Schule: " Weshalb aber sind wir so begeistert, so energisch, ja weshalb sind die Lassalleaner fast alle von einem glühenden Fanatismus beseelt? Weil die Lehre Lassalles eine unfehlbare ist, und weil die Lassalleaner, wenn sie dieselbe verkündigen, in dieser Hinsicht sich selbst für unfehlbar halten müssen. Die Lehre Lassalles ist die einzig wahre; sie ist unfehlbar und der Glaube daran versetzt Berge. Ohne festen Glauben an ihre Lehre hätten die ersten Christen nicht geblutet für dieselbe; ohne die Unfehlbarkeit jener Religion wäre sie gar nicht als Religion bekannt geworden. Und ohne den Lassalleschen Glauben wird nimmermehr der Sozialismus diejenigen Wurzeln unter den deutschen Arbeitern schlagen, welche einst den Baum der glückseligen Menschen tragen sollen."

 

Man vergleiche mit solchen Ergüssen einer brünstigen Glaubenswut die fortwährende Berufung auf die "Notwendigkeit des Fanatismus" in den Reden Hitlers, und man wird begreifen, daß beide aus demselben Holze gewachsen sind. Lassalle besaß alle Eigenschaften des Diktators, es fehlten ihm bloß die Umstände, aus denen die Diktatur hervorgeht. Seine ganze Organisation war auf die Diktatur zugeschnitten, trotz aller demokratischen Verbrämung. Er wurde von dem "Allgemeinen deutschen Arbeiter-Verein' für fünf Jahre als Präsident mit diktatorischen Vollmachten gewählt und entwickelte das sogenannte "Führerprinzip", das dann den Grundstein des "Dritten Reiches" bildete, mit erstaunlicher Folgerichtigkeit. So sagte er in seiner berühmten Ronsdorfer Rede im Mai 1864: "Auch ein anderes höchst merkwürdiges Element unseres Erfolges habe ich zu erwähnen. Es ist dieser geschlossene Geist strengster Einheit und Disziplin, welcher in unserem Vereine herrscht! Auch in dieser Hinsicht, und in dieser Hinsicht vor allem, steht unser Verein epochemachend und als eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte da! Dieser große Verein, sich erstreckend über fast alle deutschen Länder, regt sich und bewegt sich mit der geschlossenen Einheit eines Individuums! In den wenigsten Gemeinden bin ich persönlich bekannt oder jemals persönlich gewesen, und dennoch habe ich vom Rhein bis zur Nordsee und von der Elbe bis zur Donau noch niemals ein " Nein " gehört, und gleichwohl ist die Autorität, die Ihr mir anvertraut habt, eine durchaus auf Euerer fortgesetzten höchsten Freiwilligkeit beruhende! . . . Wohin ich gekommen bin, überall habe ich von den Arbeitern Worte gehört, die sich in dem Satz zusammenfassen: Wir müssen unserer aller Willen in einem einzigen Hammer zusammenschmieden und diesen Hammer in die Hände eines Mannes legen, zu dessen Intelligenz, Charakter und gutem Willen wir das nötige Zutrauen haben, damit er auf aufschlagen könne mit dem Hammer!"

 

Die liberale Staatsauffassung, welche dem Staat nur die Berechtigung zuerkannte, die Freiheit des Bürgers und des Landes gegen Angreifer von innen und von außen zu schützen, bezeichnete Lassalle als eine "Nachtwächter-Idee". Auch in diesem Sinne dachte er ganz als Hegelianer. " Wollte die Bourgeoisie konsequent ihr letztes Wort aussprechen", sagte er, "so müßte sie gestehen, daß nach diesem ihrem Gedanken, wenn es keine Räuber und Diebe gäbe, der Staat überhaupt ganz überflüssig sei". Von einem solchen Gedanken aber - und darin unterscheidet er sich von Marx - wollte Lassalle nichts wissen. Für ihn war und blieb der Staat "das sittliche Ganze" Hegels, "welches die Funktion hat, diese Entwicklung zur Freiheit, diese Entwicklung des Menschengeschlechtes zur Freiheit zu vollbringen".

 

Es war gerade diese historisch absolut falsche Auffassung, die ihn dazu führte, Anschluß bei Bismarck zu suchen. Das Liebäugeln Lassalles mit dem "sozialen Königtum", das, "auf den Knauf des Schwertes gestützt", die große Aufgabe erfüllen könnte, "wenn es entschlossen ist, wahrhaft große, nationale und volksgemäße Ziele zu verfolgen", war auch die Ursache, weshalb die Presse der Deutschen Fortschrittspartei gegen Lassalle und seine Anhänger den Vorwurf erhob, daß sie die Geschäfte Bismarcks besorgten. Für diese Beschuldigung gibt es allerdings keine materielle Begründung. Lassalles Stellung beruhte auf der Art seines Denkens. Er besorgte nicht die Geschäfte Bismarcks, aber er glaubte, Bismarck für seine eigenen Geschäfte benutzen zu können und gerade darin lag die gefährliche Seite seines gewagten Spieles, denn es war Bismarck, der sich auf "den Knauf des Schwertes stützen konnte", nicht Lassalle. Sein Biograph, Eduard Bernstein, hat Lassalles damalige Äußerungen als "die Sprache des Zäsarismus" bezeichnet und mit Recht, umso mehr, als er sich dazu verstieg, die bestehende preußische Verfassung als "eine den bürgerlichen Klassen vom Königtum gewährte Gunst" hinzustellen. In einem Lande wie Deutschland war ein solches Zugeständnis eines sogenannten "Demokraten" ein doppeltes Verhängnis.

 

Lassalle war ein hochbegabter Mensch, und, wie er einmal von sich selber sagte, mit "dem ganzen geistigen Rüstzeug seines Jahrhunderts" bewaffnet. Aber viele Äußerungen seiner Reden und Schriften, manche seiner Briefe an Sophie von Solutzef und die Gräfin Hatzfeld und manches andere deuten darauf hin, daß bei diesem außergewöhnlichen, von vielen deutschen Arbeitern wie ein Halbgott verehrtem Manne, der persönliche Ehrgeiz das eigentliche Motiv seines Handelns gewesen ist. Deshalb kann auch niemand sagen, wo er schließlich gelandet wäre, wenn die Kugel des ungarischen Aristokraten von Rakowitza seinem Leben nicht ein vorzeitiges Ziel gesetzt hätte. Dieser geradezu krankhafte Ehrgeiz tritt bei ihm bereits in frühester Jugend hervor. So schrieb er nach einer Vorstellung von Schillers "Fiesko", der er beigewohnt hatte, in sein Tagebuch die bezeichnenden Worte: "Ich weiß nicht, trotzdem ich jetzt revolutionär-demokratisch-republikanische Gesinnungen habe wie Einer, so fühle ich doch, daß ich an der Stelle des Grafen Lavagna ebenso gehandelt und mich nicht damit begnügt hätte, Genuas erster Bürger zu sein, sondern nach dem Diadem meine Hand ausgestreckt hätte. Daraus ergibt sich, wenn ich die Sache bei Lichte betrachte, daß ich bloß Egoist bin. Wäre ich als Prinz oder Fürst geboren, ich würde mit Leib und Leben Aristokrat sein. So aber, da ich bloß ein schlichter Bürgersohn bin, werde ich zu seiner Zeit Demokrat sein," Auch Idole haben ihre Schattenseiten, wenn man sie bei Licht betrachtet. Lassalle hatte davon eine ganze Menge.

 

 

***

 

Der Einfluß von Marx auf die deutsche Arbeiterbewegung war anders geartet. Marx war kein zündender Redner wie Lassalle, der unmittelbar auf seine Zuhörerschaft durch das lebendige Wort wirken konnte; seine Gedankengänge gingen vielfach über das Begriffsvermögen sogar intelligenterer Arbeiter hinaus und mußten diesen erst durch populäre Darstellungen aus zweiter Hand vermittelt werden. Dazu lebte er faßt die ganze Zeit seines Lebens im Auslande, während Lassalle in Deutschland wirkte und infolgedessen die unmittelbaren Notwendigkeiten seiner Propaganda besser zu beurteilen wußte. Außerdem aber gab es in den Lehren beider Männer eine ganze Reihe wesentlicher Verschiedenheiten, die besonders in ihrer Stellung zum Staat ihren Ausdruck fanden. Auch Marx ging von bestimmten absoluten Vorstellungen aus, indem er die Entwicklung des gesellschaftlichen Geschehens auf zwangsläufige Notwendigkeiten zurückführte, die in den Produktionsbedingungen der Zeit begründet sind.

 

"Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt", wie es in der berühmten Einleitung "Zur Kritik der politischen Ökonomie"[1] heißt. Marx war fest davon überzeugt, den Bewegungsgesetzen der bürgerlichen Gesellschaft auf die Spur gekommen zu sein. Er gab sich denn auch alle Mühe, die angeblichen Gesetze der sozialen Physik als "reine" und "absolute" Gesetze zu begründen, so wenn er im ersten Bande des "Kapital" die sogenannte Akkumulation des Kapitals als "absolutes und allgemeines Gesetz" bezeichnet, demzufolge "der Reichtum einer Nation ihrer Bevölkerung und ihr Elend ihrem Reichtum entspricht." - Als Schüler Hegels stellte er sich diesen Prozeß der Entwicklung als eine Trilogie des Geschehens vor, die sich mit eiserner Notwendigkeit aus den wirtschaftlichen Lebensbedingungen von selbst ergibt. So lesen wir im ersten Bande des "Kapital": "Die am der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigene Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation. Es ist die Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf der Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Aera: der Kooperation und des Gemeindebesitzes der Erde und durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel."

 

Diese mechanische und fatalistische Auffassung des geschichtlichen Geschehens, die hier als absolute Wahrheit vorgetragen wurde, hatte mit dem wachsenden Einfluß der deutschen Bewegung auf die sozialistischen Bestrebungen aller übrigen Länder eine lähmende Wirkung auf die Gestaltung des sozialistischen Gedankens ausgelöst, obgleich Marx mit der vorschreitenden Entwicklung des wirtschaftlichen Geschehens die Überwindung aller machtpolitischen Befugnisse des Staates erhoffte. Gerade in dieser Beziehung unterscheidet er sich wesentlich von Lassalle, der in seiner Auffassung vom Staate zeit seines Lebens Alt-Hegelianer geblieben ist. So heißt es bereits im "Kommunistischen Manifest": "Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf. - An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren. Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist".

 

Sogar in der haßerfüllten Schmähschrift, "L´ Alliance de la Democratie socialiste et l'Association internationale de Travailleurs", die Marx zusammen mit Engels und Lafargue gegen Bakunin und den freiheitlichen Flügel der Internationale verfaßt hatte, werden die Worte, die bereits in dem berüchtigten Privatzirkular des Generalrats "Les pretendues scissions dans l´Internationale" enthalten sind, noch einmal wiederholt: "Alle Sozialisten verstehen unter Anarchie dieses: ist einmal das Ziel der proletarischen Bewegung, die Abschaffung der Klassen erreicht, so verschwindet die Gewalt des Staates, welche dazu dient, die große produzierende Mehrheit unter dem Joche einer wenig zahlreichen ausbeutenden Minderheit zu erhalten, und die Regierungsfunktionen verwandeln sich in einfache Verwaltungsfunktionen."

 

Das politische Ziel, das Marx im Auge hatte, war also unzweifelhaft die Ausschaltung des Staates aus dem Leben der Gesellschaft. In dieser Hinsicht wurde er vollständig von den Ideengängen Proudhons beeinflußt. Nur in der Art, wie er dieses Ziel erreichen wollte, unterschied er sich grundsätzlich von Bakunin und den freiheitlich gesonnenen Föderationen der Internationale. Bakunin und seine Freunde vertraten den Standpunkt, daß eine soziale Umwälzung zusammen mit den Institutionen der wirtschaftlichen Ausbeutung auch den politischen Machtapparat des Staates abtragen müsse, um eine ungehinderte Entwicklung des neuen sozialen Lebens zu ermöglichen. Marx aber wollte den Staat in der Form der "proletarischen Diktatur1 als Mittel benutzen, um den Sozialismus praktisch durchzuführen und die Klassengegensätze innerhalb der Gesellschaft abzuschaffen. Erst nachdem die Klassen verschwunden, sollte ihnen der Machtapparat des Staates nachfolgen und der Verwaltung der Dinge Platz machen. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Meinungen und der Versuch von Marx und seinen Anhängern im Generalrat den Föderationen der Internationale eine zentralistische Organisationsform aufzuzwingen und sie auf eine bestimmte Politik festzulegen, war die eigentliche Ursache, die später zur Spaltung und inneren Zersetzung des großen Arbeiterbundes führte.

 

Wer in jenem Streite Recht hatte, ist heute durch die Geschichte entschieden worden. Das Experiment des Bolschewismus in Rußland hat klar bewiesen, daß man durch die Diktatur zwar zum Staatskapitalismus gelangen kann, aber nie zum Sozialismus. Auch eine Gesellschaft ohne Privateigentümer kann sich zur Sklaverei eines Volkes auswirken. Die Diktatur kann alte Klassen abschaffen, aber sie ist stets gezwungen zu einer regierenden Kaste ihrer eignen Parteigänger ihre Zuflucht zu nehmen und diesen Vorrechte zu gestatten, die das Volk nicht besitzt. Die Diktatur als "Befreiungsmittel" wird durch die Logik der Umstände stets zu einem Instrument der Unterdrückung und ersetzt jede alte Form der Sklaverei durch eine neue. Auch die sogenannte "Diktatur des Proletariats" ist in Wirklichkeit nur eine Diktatur über das Proletariat, sogar wenn sie bloß als ein Provisorium oder als Übergangsperiode gedacht ist. Denn "jede provisorische Regierung hat stets die Tendenz permanent zu werden", wie Proudhon mit tiefem Verständnis der Dinge voraussagte. Daß diese Erkenntnis mit soviel Blut und Tränen und getäuschten Hoffnungen erkauft werden mußte, ist sicher eine der tragischsten Seiten der Geschichte. Am 20. Juli 1870 schrieb Marx an Engels die für seine Person und Geistesrichtung so bezeichnenden Worte: "Die Franzosen brauchen Prügel. Siegen die Preußen, so die Zentralisation der state power, nützlich der Zentralisation der deutschen Arbeiterklasse. -Das deutsche Übergewicht wird ferner den Schwerpunkt der westeuropäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegen, und man hat bloß die Bewegung von 1866 bis jetzt in beiden Ländern zu vergleichen, um zu sehen, daß die deutsche Arbeiterklasse theoretisch und organisatorisch der französischen überlegen ist. Ihr Übergewicht auf dem Welttheater über die französische wäre zugleich das Übergewicht unserer Theorie über die Proudhons etc."

 

Marx hatte Recht. Der Sieg Deutschlands über Frankreich war in der Tat ein Wendepunkt in der Geschichte Europas und der internationalen sozialistischen Bewegung. Der freiheitliche Sozialismus Proudhons wurde durch die neugeschaffene Lage in den Hintergrund gedrängt und mußte den bis ins innerste Mark hinein autoritären Anschauungen von Marx und Lassalle das Feld räumen. Die lebendige, schöpferische und unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit des Sozialismus wurde für die nächsten fünfzig Jahre durch einen verknöcherten Dogmatismus verdrängt, der anspruchsvoll als neue Wissenschaft in die Schranken trat, in Wirklichkeit aber nur auf einem Gewebe theologischer Spitzfindigkeiten und fatalistischer Trugschlüsse beruhte, die jedem wahrhaft sozialistischen Gedanken das Grab schaufelten. In Deutschland selbst nahm dieser Überlegenheitsfimmel oft ganz groteske Formen an. Man fühlte sich als Wegweiser des "wissenschaftlichen Sozialismus" und als "Lehrer der internationalen Arbeiterbewegung". Dabei vergaß man im ganzen, daß das Deutschland Bismarcks ein halbdespotischer Militär- und Polizeistaat war, der erst noch zu erringen hatte, was die westeuropäischen Länder längst besaßen und wovon man im Lande des Parademarsches, der Polizeiwillkür und des Kadavergehorsams sogar nicht träumen durfte.

 

Daß eine Arbeiterschaft, die nicht die kleinsten revolutionären Überlieferungen hinter sich hatte und welche den sozialistischen Gedanken nur in der Form des Marxschen Wirtschaftsfatalismus und der blinden Staatsgläubigkeit Lassalles kennen lernte, zum Wegweiser der allgemeinen sozialistischen Bewegung werden konnte, war für den Sozialismus dasselbe Verhängnis wie die Politik Bismarcks, die Europa zum Schicksal wurde. Mein unvergeßlicher Freund, der Dichter Erich Mühsam, der von den Nazis im Lager Oranienburg ermordet wurde, hat für diese eigenartige Tendenz das Wort "Bismarxismus" geprägt, die beste und treffendste Bezeichnung, die man dafür finden konnte.

 

 

***

 

Der große politische Umschwung, der nach dem deutsch-französischen Kriege von 1870-71 in Europa eintrat, mußte sich in ähnlicher Weise auch auf den Sozialismus auswirken. An die Stelle der sozialistischen Ideengruppen und der wirtschaftlichen Kampf -Organisationen, in welchen die vorgeschrittenen Teile der ersten Internationale die Zellen der zukünftigen Gesellschaft und die natürlichen Organe zur Umgestaltung der Wirtschaft im Sinne des Sozialismus erblickten, traten die modernen Arbeiterparteien, die das Schwergewicht der Bewegung nicht länger auf die Eroberung des Grund und Bodens und der industriellen Betriebe, sondern auf die Eroberung der politischen Macht verlegten. So entwickelte sich im Laufe der Jahre eine ganz neue Ideologie. Der Sozialismus verlor immer mehr den Charakter eines neuen Kulturideals, das die Völker für die Ablösung der kapitalistischen Zivilisation geistig vorbereiten und praktisch befähigen sollte und deshalb vor den engen Grenzen des nationalen Staates nicht halt machte.

 

In den Köpfen der Führer dieser neuen Phase der Bewegung vermengten sich die Belange des nationalen Staates immer mehr mit den geistigen Belangen der Partei, bis sie zuletzt überhaupt nicht mehr imstande waren, eine bestimmte Grenze wahrzunehmen und sich daran gewöhnten, den Sozialismus durch die Brille der sogenannten "nationalen Interessen" zu sehen. So konnte es nicht ausbleiben, daß die moderne Arbeiterbewegung sich allmählich in das nationale Staatsgefüge eingliederte und bewußt oder unbewußt die Machtpolitik der Regierungen förderte. Es wäre falsch, diese seltsame Umstellung lediglich als einen Verrat der Führer zu beurteilen, wie man dies häufig getan hat. In Wirklichkeit handelte es sich hier um ein allmähliches Hineinwachsen in die Gedankenwelt der alten Gesellschaft, das durch die praktische Betätigung der heutigen Arbeiterparteien bedingt war und sich notwendigerweise auf die geistige Einstellung ihrer politischen Träger auswirken mußte. Dieselben Parteien, die einst ausgezogen waren, um unter der Flagge des Sozialismus die politische Macht zu erobern, sahen sich durch die eiserne Logik der Umstände mehr und mehr in eine Stellung gedrängt, in der sie Stück für Stück ihrer sozialistischen Grundsätze der nationalen Politik des Staates opfern mußten. Sie wollten durch eine nationale Politik den Sozialismus erobern, aber was sie zu Wege brachten, war, daß die nationale Politik ihren Sozialismus eroberte.

 

Man blickte wie hypnotisiert auf die großen Wahlerfolge der deutschen Sozialdemokratie und bewunderte die mächtige Parteimaschine, die sie aufgebaut hatte, aber man vergaß, daß trotz all dieser Erfolge an der deutschen Wirklichkeit auch kein Jota geändert wurde. Die eiserne Zentralisation der Partei und die Kasernendisziplin, die sie dem preußischen Staate abgelauscht hatte, erstickten jede lebendige Initiative. Die Organisation, die nur ein Mittel zum Zweck sein sollte, wurde Selbstzweck und tötete den Geist der ihr allein einen lebendigen Inhalt geben konnte. Daß dies keine Übertreibung ist, dafür nur ein Beispiel: Als nach dem Sturze Bismarcks der vom Kaiser ernannte neue Reichskanzler von Caprivi im Reichstag den Eifer der sozialdemokratischen Soldaten in der deutschen Armee offen anerkannte, antwortete ihm der angesehendste Führer der Partei, August Bebel: "Das wundert mich gar nicht und beweist nur, daß die Herren von der Rechten und von der Regierung von der Tüchtigkeit der Sozialdemokraten eine ganz falsche Anschauung haben. Ich glaube sogar, daß die Bereitwilligkeit, mit der gerade meine Parteigenossen sich der vorschriftsmäßigen Disziplin gefügt haben, ein Ausfluß der Disziplin ist, die ihnen das Leben beibringt. Die Sozialdemokratie ist also gewissermaßen eine Vorschule für den Militarismus".

 

Darf man sich bei einer solchen Einstellung noch wundern, wenn die deutsche Revolution von 1918 so schmählich versagte, und wenn der "Vorwärts" seinen geduldigen Lesern noch am Vorabend des 9. November zu Herzen führte, daß das deutsche Volk für die Republik noch nicht reif sei? Niemand macht der deutschen Sozialdemokratie den Vorwurf, daß sie nicht versucht hat, nachdem ihr nach dem Kriege die politische Macht, die sie so lang erstrebt hatte, wie eine reife Frucht in den Schoß gefallen war, eine sozialistische Gesellschaft in Deutschland einzuführen. Dazu war das deutsche Volk, nach der ganzen Erziehung, die es genossen hatte, wirklich nicht fähig. Eines aber hatte die erste rein sozialistische Regierung nach dem Kriege ja in ihrer Hand: sie konnte die unselige Macht des preußischen Junkertums in Deutschland brechen, indem sie Hand an den großen Grundbesitz legte, auf dem die politische Macht der Junker beruhte. Die bürgerlichen Revolutionäre der großen französischen Revolution, die von keinen sozialistischen Ideengängen geleitet wurden, hatten gut verstanden, daß sie Frankreich von der politischen Vorherrschaft der Aristokratie und der Geistlichkeit nur befreien konnten, wenn sie die adligen Grundbesitzer enteigneten und ihnen damit die eigentliche Macht ihres politischen Einflusses entzogen. Allein die deutschen Sozialisten dachten nicht an eine solche Maßnahme, durch die man allein die kleinen Bauern an die Republik fesseln konnte, die später ihre ärgsten Feinde wurden. Das Ergebnis war, daß später zwei preußische Junker, der Sohn Hindenburgs und Franz von Papen, Hitler die Macht in die Hände spielten. Man dachte sogar nicht daran, das Vermögen der deutschen Fürsten anzutasten. Während die halbverhungerten Massen immer tiefer im Elend versanken, zahlte die republikanische Regierung den gewesenen Fürsten fabelhafte Summen als "Entschädigungen" und diensteifrige Gerichte sorgten dafür, daß jenen Parasiten kein Pfennig verloren ging. Die Hohenzollern allein beanspruchten eine Entschädigung von zweihundert Millionen Goldmark. Die Ansprüche sämtlicher deutschen Fürsten übertrafen die Dawes-Anleihe um das Vierfache. Wären die Führer der deutschen Arbeiterbewegung mit dem Vermögen und den Vorrechten der Junker und Fürsten nur halb so gründlich umgesprungen wie die Nazis, als sie den Arbeitern ihre Kassen und ihr sonstiges Eigentum stahlen, das nach Millionen zählte, so wäre Deutschland die Schmach des Dritten Reiches und der Welt die blutigste Katastrophe aller Zeiten erspart geblieben. Die Kommunistische Partei Deutschlands aber lebte nur von den Fehlern und Unterlassungssünden der Sozialdemokratie, ohne selbst einen schöpferischen Gedanken zu entwickeln. Sie war nie etwas anderes als das willenlose Organ der russischen Außenpolitik und fügte sich ohne Wimperzucken jedem Diktat von Moskau. In diesem Sinne entfachte sie den Glauben an die Unvermeidlichkeit der Diktatur unter jenem Teil der sozialistischen Arbeiterschaft, der bereits jedes Vertrauen zu der Sozialdemokratie verloren hatte. Sie entwickelte besonders unter der Jugend einen beispiellosen Fanatismus, der sie für jede vernünftige Beurteilung der Lage blind und taub machte. Ihr geräuschvoller Protest gegen die reaktionären Maßnahmen der Regierung trugen von Anfang an den Stempel der Unaufrichtigkeit und Heuchelei auf sich, denn man kann sich nicht mit ehrlichem Herzen für die Verteidigung der Freiheit einsetzen, wenn man selbst die Diktatur, das heißt die Aufhebung jeglicher Freiheit, erstrebt. Jedes Ziel verkörpert sich in seinen Mitteln. Der Despotismus der Methode entspringt stets dem Despotismus des Gedankens. Die Diktatur, welche die deutschen Kommunisten seit Jahren erstrebten, kam denn auch, aber sie kam von der anderen Seite und brachte sie selbst mit unter die Räder.

 

Es ist kein Zweifel für jeden ehrlichen Beobachter der heutigen Lage und der Ursachen, die sie herbeigeführt haben, daß das Jonglieren mit absolutistischen Begriffen im sozialistischen Lager nicht bloß die Widerstandskraft der sozialistischen Bewegung in vielen Ländern und besonders in Deutschland gebrochen, sondern auch der faschistischen Reaktion geistig Vorschub geleistet hat und noch leistet: Denn der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein!

 

Fußnoten:

[1] Das häßliche Wort "Gleichschaltung", das dem Nazijargon entstammt, wurde bereits vor der Entstehung des Dritten Reiches von Gewerkschaftsführern und Sozialisten in Deutschland sehr häufig gebraucht. In solche* Modeworten spiegelt sich nur allzuoft die Art des Denkens ab.

[2] Die Verfasser, wie später festgestellt wurde, waren Nicolas Bugnet und Pierre-Ignace Jaunez-Sponville.

 

Erstausgabe: Verlag Freie Gesellschaft ,Darmstadt/Land 1950

 

 

 

Peter Kropotkin - An die westeuropäischen Arbeiter (Juni 1920)

 

Man fragte mich, ob ich den Arbeitern der westlichen Welt nicht eine Botschaft zu senden hätte? Sicherlich ist Vieles über die augenblicklichen Ereignisse in Rußland zu sagen und vieles aus ihnen zu lernen. Die Botschaft könnte eine sehr ausführliche sein, doch will ich nur einige hauptsächliche Punkte ausführen:

 

Vor allen Dingen sollten die Arbeiter der zivilisierten Länder und deren Freunde der anderen Gesellschaftsklassen auf ihre Regierungen dahinwirken, daß diese gänzlich von dem Gedanken eines bewaffneten Eingreifens in russische Angelegenheiten absehen, sei es ein Eingreifen offener oder verkappter Art, ein militärisches oder in der Form von Unterstützungen durch verschiedene Nationen.

 

Rußland durchlebt jetzt eine Revolution von der gleichen Wichtigkeit und Tragweite wie sie von 1639 bis 1648 die Britische Nation und Frankreich von 1789 bis 1794 durchgemacht haben; und jede dieser Nationen muß sich weigern, eine so beschämende Rolle wie Großbritannien, Preußen und Österreich zur Zeit der französischen Revolution zu spielen. Überdies muß berücksichtigt werden, daß die russische Revolution - indem sie versucht, eine Gesellschaft zu bilden, in der alle Produkte aus Arbeit, Technik und Wissenschaft dem Allgemeinwohl zugute kommen sollen -, nicht nur durch einen bloßen Zufall im Kampf der verschiedenen Parteien entstanden ist. Sie ist fast ein Jahrhundert lang, seit den Zeiten Robert Owens, Saint-Simons und Fouriers durch kommunistische und sozialistische Propaganda vorbereitet worden; und obgleich der Versuch, die neue Gesellschaftsform durch die Diktatur einzuführen, ganz offenbar ein Mißgriff ist, muß trotzdem anerkannt werden, daß die Revolution schon jetzt in das tägliche Leben neue Begriffe über die Arbeit, die wirkliche Stellung des Staats und die Pflichten jedes Bürgers eingeführt hat.

 

Überhaupt sollten nicht nur die Arbeiter, sondern alle fortschrittlichen Elemente der zivilisierten Nationen versuchen, die Unterstützung, die bisher den Gegnern der Revolution zuteil wurde, zu verhindern. Das heißt nicht etwa, als wäre nichts gegen die Methoden der bolschewistischen Regierung einzuwenden; weit davon entfernt! Aber jedes bewaffnete Eingreifen einer ausländischen Macht verursacht eine Verstärkung der diktatorischen Tendenzen der Regierenden und schwächt die Bestrebungen jener Russen, die unabhängig von der Regierung bereit sind, Rußland beim Wiederaufbau seines Lebens nach neuen Grundsätzen zu helfen. Die Übel, die natürlicherweise eine Parteidiktatur mit sich bringt, sind durch den Kriegszustand, in dem sich die Partei behaupten muß, vermehrt worden. Der Kriegszustand gibt den Vorwand ab sowohl für das Erstarken der diktatorischen Methoden der Partei, als auch für ihre Tendenz, alle Einzelheiten des Lebens in den Händen der Regierung zu zentralisieren, mit dem Erfolg, daß ungeheure Kräfte innerhalb der Nation zum Stillstand gebracht wurden. Die natürlichen Übel des staatlichen Kommunismus sind verzehnfacht durch die Entschuldigung, daß alles Unglück unseres Lebens der Intervention Fremder zu verdanken ist.

 

Außerdem will ich erwähnen, daß eine Fortsetzung der militärischen Intervention der Alliierten unbedingt in Rußland ein bitteres Gefühl gegen die westlichen Nationen hervorrufen wird, und daraus wird man eines Tages bei Konflikten Nutzen ziehen. Eine solche Bitterkeit ist schon jetzt im Entstehen. Kurzum, es ist höchste Zeit, daß die westeuropäischen Nationen in direkte Beziehungen zu Rußland treten. Und hierin habt ihr, ihr Arbeiter und ihr Fortschrittler aller Nationen, auch mitzureden.

 

Noch ein Wort über allgemeine Fragen. Eine Erneuerung der Beziehungen zwischen den europäischen und amerikanischen Nationen und Rußland bedeutet natürlich nicht eine Vorherrschaft der russischen Nation über jene Nationalitäten, die das ehemalige Zarenreich bildeten. Das imperialistische Rußland ist tot und wird nie wieder auferstehen. Die Zukunft der verschiedenen Provinzen, aus denen sich das Reich zusammensetzte, liegt in der Richtung auf eine große Föderation. Die natürlichen Territorien der verschiedenen Teile der Föderation sind denen unter uns genau bekannt, die mit der Geschichte Rußlands, seiner Ethnographie und seiner Wirtschaftslage vertraut sind. Und alle Versuche, die sich selbst verwaltenden Teile Rußlands - Litauen, Finland,  die baltischen Provinzen, die Ukraine, Georgien, Armenien, Sibirien usw. - unter eine Herrschaft zu bringen, werden sicherlich mißlingen. Die Zukunft des ehemaligen Russischen Reichs liegt im Bündnis von einander unabhängiger Gebiete. Es liegt daher im Interesse der Allgemeinheit, wenn die westlichen Nationen bereits im voraus das Recht der Selbstregierung jedes einzelnen Gebietes des ehemaligen Russischen Reichs anerkennen.

 

Meiner Ansicht nach wird die Entwicklung in dieser Richtung fortgehen. Ich sehe die Zeit nahen, wo jeder Teil dieser Föderation desgleichen eine Föderation freier Gemeinden und freier Städte sein wird. Und ich glaube doch, daß ein Teil des westlichen Europas bald dieser Entwicklung folgen wird. Was nun unsere gegenwärtige wirtschaftliche und politische Lage anbetrifft - die russische Revolution muß als eine Fortsetzung der beiden großen Revolutionen in England und Frankreich betrachtet werden - so versucht Rußland dort einen Schritt weiterzugehen, wo Frankreich stehen blieb, als es im Leben verwirklichen wollte, was es die wahre Gleichheit (egalite de fait) nannte, nämlich die wirtschaftliche Gleichheit.

 

Unglücklicherweise ist der Versuch, jenen Schritt zu unternehmen, in Rußland unter der streng zentralisierten Diktatur einer Partei - den sozialdemokratischen Maximalisten - unternommen worden; und der Versuch wurde auf dieselbe Weise wie die Verschwörung Babeufs unternommen, extrem zentralistisch und jakobinerhaft. Ich muß euch offen gestehen, daß meiner Meinung nach der Versuch, eine kommunistische Republik gemäß den Richtlinien eines streng zentralisierten Staatskommunismus, unter der eisernen Herrschaft der Diktatur einer Partei aufzubauen, dabei ist, in einem Fiasko zu enden. Aus den russischen Verhältnissen lernen wir, wie der Kommunismus nicht eingeführt werden sollte, obgleich die durch das alte Regime entkräftete Bevölkerung bei dem Experiment der neuen Regierung keinen aktiven Widerstand leistete.

 

Die Idee der Soviets, das heißt, der Arbeiter- und Bauernräte, wurde zuerst während der Revolution von 1905 ausgesprochen und sofort, als das Zarenregime zusammenbrach, durch die Revolution im Februar 1917 verwirklicht. Die Idee solcher Räte, die das politische und wirtschaftliche Leben des Landes kontrollieren, ist außerordentlich bedeutungsvoll. Um so mehr, da sie notwendig zu der Idee führt, daß diese Räte aus all denen gebildet sein müssen, die durch ihre persönliche Anstrengung einen realen Beitrag zu der Produktion des nationalen Reichtums leisten.

 

Doch so lange das Land von der Diktatur einer Partei beherrscht wird, verlieren die Arbeiter- und Bauernräte augenscheinlich ihre Bedeutung. Sie sind zu eben der passiven Rolle verdammt, welche einstmals die durch den König einberufenen Generalstände und Parlamente spielen mußten, die der Allmacht der königlichen Regierung opponieren durften. Ein Arbeiterrat hört auf, ein freier und wertvoller Ratgeber zu sein, sobald nicht Pressefreiheit im Lande herrscht, wie wir es seit fast zwei Jahren im Lande durchgemacht haben; als Vorwand hierfür dient der Kriegszustand. Mehr als das: Die Arbeiter- und Bauernräte verlieren all ihre Bedeutung, wenn den Wahlen nicht eine freie Wahlkampagne vorhergeht und wenn sie unter dem Druck der Parteidiktatur vor sich gehen.

 

Natürlich ist die übliche Entschuldigung, daß eine diktatorische Herrschaft als Kampfmittel gegen die alte Regierung unvermeidlich ist. Jedoch bedeutet solch eine Herrschaft einen Schritt zurück, sobald die Revolution zur Errichtung einer neuen Gesellschaft auf neuer wirtschaftlicher Basis fortschreitet; sie wird zum Todesurteil für diese neue Gesellschaft. Die Wege, die zur Überwältigung einer bereits geschwächten Regierung führen, sind aus der alten und neuen Geschichte wohl bekannt. Doch wenn ganz neue Lebensbedingungen geschaffen werden sollen, besonders neue Formen der Produktion und des Austausches, ohne einem Beispiel folgen zu können, - wenn alles gleich auf der Stelle geleistet werden muß, dann wird eine machtvolle zentralisierte Regierung, die es sich zur Aufgabe macht, jedem Einwohner mit jedem Lampenzylinder und jedem Streichholz zum Anzünden der Lampe zu versehen, sich absolut unfähig erweisen, dieses mittels ihrer Funktionäre, so zahlreich sie auch sein mögen, zu leisten, und sie wird schädlich. Sie entwickelt eine ungeheure Bürokratie, verglichen mit der das französische bürokratische System, welches die Intervention von 40 Funktionären benötigt, um einen vom Sturm auf der Nationalstraße gefällten Baum zu verkaufen, als Bagatelle erscheint. So etwas sehen wir jetzt in Rußland. Und das könnt und müßt ihr, ihr Arbeiter des Westens, unter allen Umständen vermeiden, wenn euch an dem Erfolg eines sozialen Ausbaues gelegen ist und die ihre eure Delegierten hierher gesandt habt, um zu sehen, wie die Revolution in Wirklichkeit ist.

 

Die ungeheure Aufbauarbeit, die eine soziale Revolution erfordert, kann durch eine zentrale Regierung nicht geleistet werden, selbst wenn ihr als Führer wertvollere Dinge zur Verfügung stehen als einige sozialistische und anarchistische Schriften. Sie erfordert das Wissen, die geistige Arbeit und die Zusammenarbeit einer Masse örtlicher und spezialisierter Kräfte, die allein mit der Mannigfaltigkeit der wirtschaftlichen Probleme in ihrem örtlichen Umkreis kämpfen können. Diese Zusammenarbeit hinwegzufegen und das Vertrauen auf den Genius der Parteidiktatoren zu befestigen, den unabhängigen Kern zu zerstreuen, wie er in den Gewerkschaften und in örtlichen Konsumgenossenschaften sich findet - indem man sie in bürokratische Organe der Partei verwandelt -, das ist das, was jetzt geschieht, doch das ist nicht der Weg, die Revolution weiterzuführen; das ist der Weg, ihre Verwirklichung unmöglich zu machen. Und daher betrachte ich es als meine Pflicht, euch vor diesen Grundsätzen für die Aktion ernstlich zu warnen.

 

Imperialistische Eroberer aller Nationalitäten mögen wünschen, daß die Bevölkerung des Ex-Zarenreiches Rußland so lange als möglich in elenden wirtschaftlichen Verhältnissen leben sollte, um dazu verdammt zu sein, das westliche und Mitteleuropa mit Rohstoffen zu versehen, während die Fabrikanten des Westens die Fertigware produzieren und all den Nutzen einstreichen, den die russische Bevölkerung für ihre Leistung erhalten müßte. Aber die Arbeiterklassen Europas und Amerikas sowie der intellektuelle Kern dieser Länder begreifen sicherlich, daß einzig die Gewalt Rußland in diesem unterdrückten Zustand erhalten könnte. Gleichzeitig zeigen die Sympathien, die man unserer Revolution von ganz Europa und Amerika her bezeugt, daß ihr glücklich wäret, Rußland als ein neues Glied der Internationalen Gemeinschaft der Nationen zu begrüßen. Und bald werdet ihr sehen, daß es im Interesse der Arbeiter der ganzen Welt liegt, daß Rußland aus den Verhältnissen baldmöglichst herauskommt, die seine Entwicklung hemmen.

 

Noch ein paar Worte: Der letzte Krieg hat neue Lebensbedingungen für die zivilisierte Welt geschaffen. Der Sozialismus wird einen ganz bedeutenden Aufschwung erfahren, und neue Formen eines unabhängigen Lebens werden sicherlich bald gemäß den Richtlinien lokalpolitischer Unabhängigkeit und schöpferischer Initiative geschaffen werden; entweder auf friedlichem Wege oder durch revolutionäre Mittel, wenn die intelligenteren Kreise der zivilisierten Nationen sich nicht an der Arbeit des unausbleiblichen Wiederaufbaues beteiligen.

 

Aber der Erfolg des Wiederaufbaus hängt zum größten Teil von der Möglichkeit einer Zusammenarbeit der verschiedenen Nationen ab. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Arbeiterklassen aller Nationen eng verbunden sein, und gilt es, die Idee einer großen Internationale aller Arbeiter der Welt zu erneuern; nicht in der Form einer Vereinigung, die von einer einzelnen  Partei geführt wird, wie es bei der zweiten Internationale der Fall war, und wie es wieder in der dritten Internationale der Fall ist. Solche Vereinigungen haben natürlich volle Daseinsberechtigung, aber außer ihnen muß sie alle zusammenfassen, eine Vereinigung aller Arbeiterorganisationen der Welt entstehen, vereinigt zu diesem Zweck, die Arbeit der ganzen Welt von der gegenwärtigen Versklavung durch das Kapital zu befreien.

 

 

Aus: Peter Kropotkin – Unterredung mit Lenin sowie andere Schriften zur russischen Revolution, Verlag „Die Freie Gesellschaft“, Hannover 1980

 

Der Text wurde von Max Otto Lorenzen übersetzt, die Originalquelle ist in der Broschüre leider nicht angegeben.

 

Eine andere Übersetzung des Textes findet sich in dem Buch Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie; Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970.

 

 

Peter Kropotkin - Kommunismus und Freiheit

 

So finden wir keine andere Determination für die Freiheit als diese: die Möglichkeit zu handeln, ohne die Furcht vor einer gesellschaftlichen Züchtigung (körperlicher Zwang, Hungerandrohung oder auch nur Tadel, wenn er nicht von einem Freunde kommt) in den zu treffenden Entscheidungen mitsprechen zu lassen.

 

Die Freiheit auf diese Weise auffassend - und wir zweifeln, ob man eine weitergehende und zugleich tatsächliche Determination der Freiheit finden kann -, können wir sicherlich sagen, daß der Kommunismus die individuelle Freiheit verringern, ja sogar töten kann, und in manch einer Kommune hat man es versucht; aber er kann auch diese Freiheit bis zu ihren letzten Grenzen erweitern.

 

Alles wird von den grundlegenden Ideen abhängen, mit denen man sich assoziieren wird. Nicht die Form der Verbindung bestimmt die Knechtschaft: Die Ideen über die persönliche Freiheit, die man in die Verbindung mitbringt, bestimmen den mehr oder weniger freiheitlichen Charakter.

 

Das ist richtig in betreff jeglicher Gesellschaftsform. Das Zusammenleben zweier Individuen in einer Wohnung kann die Unterwerfung des einen unter den Willen des andern zur Folge haben, wie sie auch die Freiheit für beide mit sich bringen kann. Ebenso verhält es sich, wenn wir uns zu zweien daran begeben, den Boden eines Gemüsegartens umzugraben oder eine Zeitung herauszugeben. Es ist das gleiche für jede Verbindung, wie klein oder wie umfassend sie auch sei. Daher sehen wir im 10., 11. und 12. Jahrhundert die Kommune Gleichstehender, gleich freiheitlicher Menschen - und diese selbe Kommune vier Jahrhunderte später, die Diktatur eines Mönches auf sich nehmend. Die Institution des Richters, des Gesetzes usw. bleibt; die Idee des römischen Rechts, des Staates, herrscht, während die der Freiheit, des Schiedsspruches bei Streitigkeiten und der Föderation in allen Abstufungen schwindet - und das ist die Knechtschaft. Nun also! Von allen Einrichtungen oder sozialen Gruppenformationen, die bis zum heutigen Tage versucht wurden, verbürgt noch immer der Kommunismus dem Individuum die größte Freiheit - vorausgesetzt, daß die Uridee die Freiheit, der Anarchismus sei.

 

Der Kommunismus ist imstande, alle Formen der Freiheit oder der Unterdrückung anzunehmen - was andre Einrichtungen nicht können. Er kann ein Kloster zeitigen, in dem alle blind ihrem Prior gehorchen; er kann eine absolut freie Verbindung sein, die dem einzelnen seine ganze Freiheit läßt - eine Verbindung, die nur so lange währt, wie die Verbündeten zusammenbleiben wollen, die niemandem einen Zwang auferlegt, sondern im Gegenteil eifersüchtig dazwischentreten will, wenn die Freiheit des Individuums bedroht wird, die sie vergrößern und nach allen Richtungen erweitern will. Er kann regierungsfreundlich sein (in welchen Fall die Gemeinde bald zugrunde geht), und er kann anarchistisch sein. Der Staat dagegen kann das nicht. Er ist autoritativ, oder er hört auf, Staat zu sein.

 

Der Kommunismus sichert besser als jede andere Gruppierungsform die wirtschaftliche Freiheit, da er den Wohlstand und selbst den Luxus garantieren kann, wenn er vom Menschen nur einige Arbeitsstunden täglich verlangt, anstatt seinen ganzen Tag. Aber, dem Menschen 10 oder 11 Mußestunden von den 16, die wir täglich bewußt leben (8 Stunden für den Schlaf), verschaffen, heißt, die Freiheit des Individuums bis zu einem Grade erweitern, der das Ideal der Menschheit seit Jahrtausenden ist. Heute kann das geschehen. In einer kommunistischen Gesellschaft könnte der Mensch über wenigstens 10 Freistunden verfügen. Und das ist schon die Befreiung von der drückendsten Knechtschaft, die auf dem Menschen lastet. Es ist eine Erweiterung der Freiheit.

 

Alle als gleichstehend anzuerkennen und auf die Herrschaft des Menschen über den Menschen zu verzichten, heißt wieder, die Freiheit des Individuums bis zu einem Grade vergrößern, die keine andere Gruppierungsform auch nur in ihren Träumen zugelassen hat. Sie wird nur möglich, wenn der erste Schritt getan ist: wenn der Mensch seine Existenz gesichert hat und nicht genötigt ist, seine Kraft und seine Intelligenz demjenigen zu verkaufen, der ihm die Gnade zuteil werden lassen will, ihn auszubeuten.

 

Erkennen endlich, daß die Basis allen Fortschritts die Mannigfaltigkeit der Beschäftigungen ist, und sich in der Art organisieren, daß der Mensch in seinen Mußestunden völlig frei ist, aber auch seine Arbeit vielfältig gestalten, und ihn durch seine Kindheit und seine Erziehung auf diese Vielfältigkeit vorbereiten - und das ist unter einem kommunistischen Regime leicht zu erreichen -, das heißt abermals, das Individuum befreien und vor ihm die Pforten für seine vollständige Entfaltung nach allen Richtungen weit öffnen.

 

Für alles übrige hängt alles von den Ideen ab, mit denen die Kommune gegründet werden wird. Wir kennen eine religiöse Kommune, in der jemand, der sich unglücklich fühlte und seine Traurigkeit durch sein Gesicht verriet, von einem „Bruder“ folgendermaßen angeredet wurde: „Du bist traurig? Zeig' trotzdem ein fröhliches Gesicht, sonst wirst du die Brüder und Schwestern ebenfalls traurig machen.“ Und wir kennen Kommunen von 7 Personen, in denen ein Mitglied die Ernennung von 4 Ausschüssen verlangte: für den Gartenbau, die Ernährung, die Haushaltung und die Ausfuhr - mit unumschränkten Rechten für den Präsidenten jedes Ausschusses. Es gab sicherlich Kommunen, die von „Autoritätsverbrechern“ (besonderer Typus, der der Aufmerksamkeit Herrn Lombrosos anempfohlen sei) gegründet oder nach ihrer Gründung überschwemmt worden sind, und andere zahlreiche Kommunen, die von den Wahnsinnigen, die das Individuum von der Gesellschaft aufsaugen lassen wollten, gegründet wurden. Aber nicht die kommunistische Institution hat sie hervorgebracht, sondern das (seiner Wesensart nach hervorragend regierungsfreundliche) Christentum und das römische Recht, der Staat. Die grundlegende Staatsidee dieser Männer, die glauben, daß eine Gesellschaft ohne Henkersknechte und Richter unmöglich ist, bleibt eine beständige Bedrohung für jede Freiheit, und nicht die dem Kommunismus zugrundeliegende Idee, welche die ist zu verbrauchen und zu produzieren, ohne den genauen Anteil eines jeden abzuwiegen. Diese ist im Gegenteil eine Idee der Freiheit, der Befreiung. Wir können also die folgenden Schlüsse ziehen: Bisher mißglückten die kommunistischen Versuche:

  • weil sie sich auf eine gewisse religiöse Schwärmerei gründeten, anstatt im Kommunismus einfach einen Modus für den wirtschaftlichen Verbrauch und die wirtschaftliche Produktion zu sehen;

  • weil sie sich von der Gesellschaft isolierten;

  • weil sie mit Autoritätsgeist angefüllt waren;

  • weil sie allein standen, anstatt Bündnisse zu schließen;

  • weil sie von den Gründern eine so große Arbeitsmenge forderten, daß ihnen keine Mußestunden blieben;

  • weil sie die patriarchalische, regierungstreue Familie nachahmten, anstatt sich im Gegenteil als Ziel die möglichst vollständige Befreiung des Individuums zu setzen.

Eine hervorragend wirtschaftliche Institution, entscheidet der Kommunismus nirgends vorher über den Anteil an der Freiheit, der dem Individuum, der Initiative der Auflehnung gegen die Gewohnheiten, die sich kristallisieren wollen, zukommen soll. Er kann regierungstreu sein, was mit Notwendigkeit den Untergang der Kommune herbeiführt, und er kann freiheitlich sein, was im 12. Jahrhundert sogar mit dem partiellen Kommunismus der damaligen jungen Städte, die Schöpfung einer jungen Zivilisation voller Lebensstärke, eine Erneuerung Europas herbeiführte.

 

Die einzige Form des Kommunismus indessen, die Dauer haben könnte, ist jene, bei der, mit Hinsicht auf den schon bestehenden Kontakt zwischen den Bürgern, alles getan würde, um die Freiheit des Individuums nach allen andern Richtungen zu erweitern.

 

Unter diesen Bedingungen, unter dem Einfluß dieser Idee, würde die Freiheit des Individuums durch all die erworbene Muße vermehrt, nicht mehr beschränkt werden, als sie es heute durch das kommunale Gas, die von den großen Geschäftshäusern ins Haus gesandte Verpflegung, die modernen Hotels ist, oder durch die Tatsache, daß wir in den Arbeitsstunden an die Ellenbogen von Tausenden von Arbeitern stoßen.

 

Mit dem Anarchismus als Ziel und als Mittel wird der Kommunismus möglich. Ohne ihn würde er mit Notwendigkeit die Knechtschaft bedeuten, und - als solche - könnte er nicht bestehen.

 

 

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

 

Nach: Kommunismus und Anarchismus. Berlin o. J., S. 13-16.

 

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s

 

 

Marxismus - Freiheit - Staat

 

Karl Marx, der unbestrittene Kopf der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, ist ein großer, mit profundem Wissen bewaffneter Geist, der, wie man ohne schmeicheln zu wollen, sagen kann, sein ganzes Leben ausschließlich der größten Aufgabe widmete, deren Erledigung heute ansteht, nämlich der Befreiung der Arbeit und des Arbeiters. Karl Marx, der ebenso unbestritten, wenn nicht der einzige, so doch wenigstens einer der wichtigsten Begründer der Internationalen Arbeiter-Assoziation ist, hat die Entwicklung der Idee des Kommunismus zum Gegenstand eines ernstzunehmenden Buches gemacht... Obwohl seine Arbeit über das »Kapital« unglücklicherweise von Formeln und metaphysischen Subtilitäten strotzt, die es für die große Masse der Leser unverdaulich machen, ist sie ein hochwissenschaftliches und realistisches Werk in dem Sinne nämlich, daß sie jede andere Logik als die der Fakten absolut ausschließt...

 

Marx ist nicht nur ein gelehrter Sozialist, er ist auch ein sehr kluger Politiker und ein glühender Patriot. Wie Bismarck und vielen anderen seiner sozialistischen und nicht-sozialistischen Landsleute geht es ihm, wenngleich mit etwas anderen als Bismarks Mitteln, um die Errichtung eines großdeutschen Staates zum Ruhme des deutschen Volkes und zum Glück und zur freiwilligen oder erzwungenen Kultivierung der Welt.

 

Die Politik Bismarcks dient der Gegenwart; die Politik von Marx, der sich selbst wenigstens als dessen Nachfolger und Vollender betrachtet, dient der Zukunft. Und wenn ich sage, Marx betrachte sich als Nachfolger Bismarcks, so bin ich weit davon entfernt, ihn zu verleumden. Wenn er sich nicht als solcher betrachtete, hätte er Engels, dem Vertrauten all seiner Gedanken, nicht erlaubt zu schreiben, Bismarck diene der Sache der sozialen Revolution. Er dient ihr jetzt und auf seine Weise; Marx wird ihr später und auf andere Weise dienen. Das ist der Sinn, in welchem er später Bismarcks Vollender sein wird, so wie er heute der Bewunderer seiner Politik ist.

 

Untersuchen wir nun den besonderen Charakter von Marx' Politik und versichern wir uns der wesentlichen Punkte, die sie von der Bismarckschen trennen. Der Hauptpunkt, man ist geneigt zu sagen, der einzige, ist folgender: Marx ist Demokrat, ein autoritärer Sozialist und ein Republikaner; Bismarck ist durch und durch ein pommerscher, aristokratisch-monarchischer Junker. Der Unterschied ist daher sehr groß, sehr wichtig, und beide Seiten sind bezüglich dieses Unterschiedes vollkommen aufrichtig. In diesem Punkt ist zwischen Bismarck und Marx kein Verstehen, keine Aussöhnung denkbar ...

 

Sehen wir nun, was sie miteinander verbindet. Es ist der uneingeschränkte Kult des Staates. Ich brauche diese Aussage im Falle Bismarcks nicht zu belegen, die Beweise liegen auf der Hand. Von Kopf bis Fuß ist er Staatsmann und nichts als Staatsmann. Aber ich glaube, es bedarf auch keiner allzu großen Anstrengungen, um für Marx dasselbe nachzuweisen. Er liebt Regierungen so sehr, daß er sogar in der Internationalen Arbeiter-Assoziation eine einzusetzen wünschte; und er betet die Macht so sehr an, daß er uns seine Diktatur aufzwingen wollte und dies noch immer zu tun wünscht. Das scheint mir zu genügen, seine persönliche Haltung zu charakterisieren. Aber auch sein sozialistisches und politisches Programm ist ein sehr getreuer Ausdruck dieser Haltung. Das höchste Anliegen all seiner Anstrengungen, wie es in den Gründungsstatuten seiner Partei in Deutschland proklamiert ist, ist die Errichtung des großen Volksstaats.

 

Aber wer immer Staat sagt, meint damit notwendigerweise einen besonderen begrenzten Staat, der zweifelsohne, sofern er sehr groß ist, viele verschiedene Völker und Länder einschließt, aber noch sehr viele mehr ausschließen wird. Denn, wenn er nicht, wie Napoleon oder Karl V., von einem Universalstaat oder, wie das Papsttum, von einer Universalkirche träumt, so wird Marx, allem internationalen Ehrgeiz zum Trotz, der ihn heute verzehrt, am Tage, wenn die Stunde der Verwirklichung seiner Träume schlägt - sofern sie überhaupt schlägt -, sich mit der Regierung eines einzigen Staates und nicht mehrerer Staaten zugleich zufrieden geben müssen. Daraus folgt, wer immer Staat sagt, sagt ein Staat und ... bestätigt damit die Existenz mehrerer Staaten, und wer immer mehrere Staaten sagt, sagt sogleich: Konkurrenz, Neid, permanenter Krieg. Die einfachste Logik wie auch die gesamte Geschichte legen Zeugnis ab für diese Auffassung.

 

Jeder Staat muß, auf die Gefahr des eigenen Untergangs, des Geschlucktwerdens von Nachbarstaaten hin, nach absoluter Macht streben, und wenn er mächtig geworden ist, muß er sich auf die Karriere des Eroberers einlassen, damit er nicht selbst erobert wird; denn zwei ähnlich starke, aber einander fremde Mächte könnten nicht koexistieren, ohne den Versuch zu unternehmen, einander zu zerstören. Wer immer Eroberung sagt, sagt eroberte Völker, Sklaverei und Unterdrückung, wie immer im speziellen Fall ihre Form und ihr Name aussehen mögen.

 

Es liegt in der Natur des Staates, die Solidarität der menschlichen Rasse zu brechen und sozusagen die Menschlichkeit zu leugnen. Der Staat kann sich nicht in seiner Integrität und vollen Stärke bewahren, wenn er sich nicht wenigstens für seine eigenen Untertanen als oberstes und absolutes Seinsziel hinstellt, da er sich schon nicht bei den Bürgern anderer, von ihm nicht eroberter Staaten, als solches geltend machen kann. Aus der damit zusammenhängenden Geburt der Staatsmoral und der Staatsräson resultiert unvermeidlich ein Bruch mit der menschlichen, als universal angesehenen Moral und mit der universalen Vernunft. Das Prinzip der politischen oder Staatsmoral ist sehr einfach. Da der Staat sein eigenes oberstes Ziel darstellt, ist alles, was der Entwicklung seiner Macht günstig ist, gut; alles, was dieser Entwicklung entgegensteht, selbst wenn es die humanste Angelegenheit der Welt wäre, ist schlecht. Diese Art Moral nennt man Patriotismus. Die Internationale ist die Negation des Patriotismus und folglich des Staates. Wenn Marx und seine Freunde von der Deutschen Sozialdemokratischen Partei Erfolg haben sollten bei der Einführung des Staatsprinzips in unser Programm, so würden sie dadurch die Internationale vernichten.

 

Der Staat muß schon aus Gründen der Selbsterhaltung bezüglich der Außenpolitik notwendigerweise mit großen Vollmachten ausgestattet sein; aber wenn es bezüglich der Außenpolitik so ist, wird es unfehlbar auch bezüglich der Innenpolitik so weit kommen. Da jeder Staat sich von irgendeiner besonderen Moral, die den Bedingungen seiner Existenz konform ist, inspirieren und führen lassen muß, einer Moral, die eine Einschränkung und folglich die Negation der allgemein menschlichen Moral darstellt, muß er darüber wachen, daß all seine Untertanen in ihren Gedanken, vor allem aber in ihren Taten auch nur von den Prinzipien dieser patriotischen oder Sondermoral inspiriert sind und daß sie allen Lehren einer reinen oder allgemein menschlichen Moral ein taubes Ohr leihen. Daraus folgt die Notwendigkeit staatlicher Zensur; zu große Freiheit des Denkens und Redens wäre, wie Marx von seinem eminent politischen Standpunkt aus sehr zu recht meint, unvereinbar mit der Einmütigkeit der Zustimmung, die im Namen der Sicherheit des Staates gefordert ist. Daß das wirklich Marxens Meinung ist, wurde zur Genüge durch seine Versuche bewiesen, unter glaubwürdig klingenden Vorwänden und unter verschleiernder Maske die Zensur in die Internationale einzuführen.

 

Aber so wachsam die Zensur auch immer sein mag, ja selbst wenn der Staat die Erziehung und jede Instruktion des Volkes ausschließlich in seine Hände nähme, wie Mazzini es wünschte und wie Marx es heute gern sähe, kann der Staat dennoch niemals sicher gehen, daß verbotene und gefährliche Gedanken nicht doch hereinschlüpfen und sich irgendwie ins Bewußtsein der Bevölkerung, die er regiert, schmuggeln. Verbotene Früchte üben eine solche Anziehungskraft auf die Menschen aus, und der Dämon der Rebellion, dieser ewige Feind des Staates, erwacht so leicht in ihren Herzen, wenn sie nicht genügend verdummt sind, daß weder diese Erziehung, noch diese Instruktion, noch gar die Zensur die Ruhe des Staates in ausreichendem Maße garantieren. Er bedarf noch einer Polizei, hingebungsvoller Agenten, die über der Strömung der Meinungen und Leidenschaften der Leute wachen und sie heimlich und unauffällig manipulieren. Wir haben gesehen, daß Marx selbst so überzeugt ist von dieser Notwendigkeit, daß er glaubte, er müsse alle Regionen der Internationale, besonders aber Italien, Frankreich und Spanien mit Geheimagenten anfüllen. Schließlich, wie perfekt auch immer, vom Standpunkt der Selbsterhaltung des Staates her argumentiert, die Organisation der Erziehung und Instruktion des Volkes, der Zensur und der Polizei sein mag, der Staat kann seiner Existenz nicht sicher sein, solange ihm nicht eine bewaffnete Macht zur Verfügung steht, die ihn gegen Feinde im Innern verteidigt. Der Staat ist Regierung, von oben nach unten, einer ungeheuren Anzahl von Menschen, die vom Standpunkt des Niveaus ihrer Kultur, der Natur der Länder oder Lokalitäten, die sie bewohnen, der Beschäftigung, der sie nachgehen, der Interessen und Bestrebungen, von denen sie sich leiten lassen, sehr verschieden sind - der Staat ist die Regierung all dieser durch diese oder jene Minderheit; diese Minderheit kann, auch wenn sie tausendmal ihre Position dem allgemeinen Wahlrecht verdanken mag und in ihrem Tun von Repräsentativorganen kontrolliert wird, sofern sie nicht mit der Allwissenheit, Allgegenwärtigkeit und Allmacht ausgestattet ist, die die Theologen Gott zuschreiben, unmöglich die Bedürfnisse kennen und voraussehen oder mit einer gleichmäßigen Gerechtigkeit die legitimsten und dringlichsten Interessen in der Welt befriedigen. Es wird immer unzufriedene Leute geben, weil es immer einige geben wird, die geopfert werden.

 

Außerdem ist der Staat ähnlich wie die Kirche schon von Natur aus ein großer Opferer lebendiger Wesen. Er ist ein Willkürwesen, in dessen Herzen alle positiven, lebendigen, individuellen und lokalen Interessen der Bevölkerung sich begegnen, zusammenstoßen, einander wechselseitig zerstören und absorbiert werden in jener Abstraktion, die man das Allgemeininteresse, das Allgemeinwohl, die allgemeine Sicherheit zu nennen pflegt, und wo alle realen Einzelwillen einander aufheben in jener anderen Abstraktion, die den Namen Wille des Volkes trägt. Daraus folgt, daß dieser sog. Wille des Volkes niemals etwas anderes ist als die Opferung und die Negation aller realen Einzelwillen der Bevölkerung; gerade so wie das sogenannte Allgemeinwohl nichts anderes ist als die Opferung ihrer Interessen. Aber damit diese alles verschlingende Abstraktion sich Millionen von Menschen aufzwingen konnte, mußte sie von irgendeinem wirklichen Wesen, irgendeiner lebendigen Kraft getragen und repräsentiert werden. Nun, dieses Wesen, diese Kraft hat immer existiert. In der Kirche ist es die Geistlichkeit und im Staat - die herrschende Klasse. Und was finden wir denn in der Tat die ganze Geschichte hindurch? Der Staat ist immer Erbe dieser oder jener privilegierten Klasse gewesen; einer priesterlichen, einer aristokratischen, einer bürgerlichen und schließlich einer bürokratischen Klasse, wenn, nachdem alle anderen Klassen erschöpft sind, Aufstieg und Abstieg des Staates, wenn Sie so wollen, sich den Bedingungen einer Maschine angepaßt haben; jedenfalls ist es zur Rettung des Staates absolut notwendig, daß es eine privilegierte Klasse gibt, die an seinem Bestehen interessiert ist. Und das gemeinsame Interesse der privilegierten Klasse ist es gerade, das Patriotismus genannt wird.

 

Aber im Volksstaat von Marx, so wird uns erzählt, wird es keine privilegierte Klasse geben. Alle werden gleich sein, nicht nur vom juristischen und politischen Standpunkt her gesehen, sondern auch vom ökonomischen. Das wird zumindest versprochen, obwohl ich, wenn ich mir so die Art und Weise betrachte, mit der es gehandhabt wird, und den Lauf, den es wunschgemäß nehmen soll, sehr daran zweifle, ob dieses Versprechen je gehalten werden kann. Es wird also keine privilegierte Klasse geben, wohl aber eine Regierung und, beachten Sie das wohl, eine äußerst vielschichtige Regierung, die sich nicht damit zufrieden geben wird, die Massen, wie es heute alle Regierungen tun, politisch zu regieren und zu verwalten, sondern die sie auch noch ökonomisch verwalten will. Zu diesem Zweck wird sie Produktion und gerechte Verteilung des Reichtums, die Bebauung des Landes, die Errichtung und Entwicklung von Fabriken, die Organisation und Leitung des Handels, schließlich die Verwendung von Kapital in der Produktion durch den einzigen Bankier, den Staat, in ihren Händen konzentrieren. All das wird ein »ungeheures Wissen und viele Eierköpfe« in dieser Regierung nötig machen. Es wird die Herrschaft der wissenschaftlichen Intelligenz sein, der aristokratischsten, despotischsten, arrogantesten und verächtlichsten aller Regime. Es wird eine neue Klasse geben, eine neue Hierarchie wirklicher und angeblicher Wissenschaftler und Gelehrter, und die Welt wird geteilt sein in eine Minorität, die im Namen des Wissens regiert, und eine ungeheure unwissende Majorität. Und dann wehe den unwissenden Massen!

 

Ein solches Regime wird nicht verfehlen, eine ganz beträchtliche Unzufriedenheit in den Massen zu wecken, und um sie im Zaume zu halten, wird Marxens aufgeklärte und befreiende Regierung einer nicht weniger beträchtlichen bewaffneten Gewalt bedürfen. Denn die Regierung muß stark sein, sagt Engels, um die Ordnung aufrechtzuerhalten unter diesen Millionen von Ungebildeten, deren brutaler Aufstand in der Lage wäre, alles zu zerstören und umzukrempeln, selbst eine Regierung, die von »Eierköpfen« geleitet wird.

 

Sie können sehr wohl sehen, wie hinter all den demokratischen und sozialistischen Phrasen und Versprechungen des Marxschen Programms in seinem Staat doch all das zu finden ist, was die wahrhaft despotische und brutale Natur aller Staaten ausmacht, wie immer ihre Regierungsform aussehen mag. In letzter Analyse sind der von Marx so nachdrücklich empfohlene Volksstaat und der von Bismarck mit ebensoviel taktischem Geschick wie mit Machtmitteln am Leben erhaltene aristokratisch-monarchische Staat auf Grund der Natur ihrer inner- und außenpolitischen Zielsetzungen vollkommen identisch. In der Außenpolitik handelt es sich in beiden Fällen um dieselbe Entfaltung militärischer Macht, d. h. um Eroberung; in der Innenpolitik bedienen sich beide der bewaffneten Gewalt, des letzten Arguments aller bedrohten politischen Macht gegen die Massen, die, des ewigen Glaubens, Hoffens, Sich-Unterwerfens und Gehorchens müde, sich in revolutionärem Aufschwung erheben.

 

 

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

 

 

 

 Gedanken zur A-Cybernetik bei anarchie.de

Ich will mal nix spezifisches zu den SteuerMANNs-auslegungen sagen, historische Wurzeln + neue A - Dimensionen mit (Männer-)MACHT zu koppeln.

Wahr ist - ALLES ist umkehr- und zerstörbar, es gibt keine STABILE Wahrheit, die alleine aus sich heraus wirkt.

Anarchie als Beispiel und Widerspruch zugleich zeigt, dass der Anarchismus jahrhundertelang ohne die aktive Einbeziehung von FRAUEN geschweige denn Kindern ausgekommen ist.

HERRschaftsfrei heisst nicht herrschen über ANDERE und es wurde + wird sehr wohl noch geHERRscht und wenig reflektiert in anarchistischen Zusammenhängen, auch in Frauen- und Lesbenzusammenhängen, das ist -meine Erfahrung.

Die Gedanken einer anarchistisch-autonomen Betrachtung beleuchten ein ganz spezifisches und sensibles Feld das nicht nur Menschenwürde, sondern auch Liebe zu den Menschen, Tieren + zur gesamten geozentrischen Natur beinhalten will.

Insofern sind alle herausgehörten+ abgeleiteten Negativerscheinungen bestimmt zutreffend, aber eben nicht für anarchistische= herrschaftsFREIE Zusammenhänge, die mindestens vom Anspruch her nicht mehr herrschen wollen und auch nicht mehr beherrscht werden wollen von nieMANNdem und auch von keiner Frau.

An Missverständnisse gewöhnt, weiss ich: "der Mensch erkennt nur das was er kennt " ( auch das ist umkehrbar)
Diese ( Arbeits-)Hypothese lässt ahnen wieviel ein Mensch an sich - will heissen von Natur aus schon mitbringen könnte, wenn er der Basis seiner eigenen Erfahrungen gelernt hätte zu trauen.

Da wird bewusst + sichtbar wieviel an Erziehung, Negativ-erfahrung und Gefühls-verfahrung schon gegriffen hat, dass so viele Missverständnisse, Ideologien (+ Religionen ) so greifen können.

Zum Anfang Die A-Cybernetik( mehrdimensional) ist historisch gesehen die Weiterentwicklung der eindimensional ausgelegten Dialektik/ These-Antithese-Synthese - ( vorher war schwarz-weiss-Denken und Handeln lange vorHERRschend) - über die historische Station der CHAOStheorie und eigentlich wie diese eine Naturmethode die Kreis-bzw. Spiralläufe der geoz.+sozialen Bewegungen in( mehrdimensional- vernetzten) Bewusstseins- Zusammenhang bringt incl. aller dialektischen UM-schläge ( Widersprüche).

Bisschen konkreter und am Beispiel sichtbar (PRAXIS = THEORIE)
A-Cybernetik meint,dass die aus der Natur + Tierwelt abgeleiteten scheinbar hierarchischen Verhaltensweisen vom Menschen( hier Männern)in Macht-bzw. Zerstörungsauftrag umgedeutet wurden um Basis von HERRschaft zu werden.
Die Menschen, die die Phänomene der Natur derartig interpretieren zeigen, dass sie die Natur nur eindimensional und zerstörerisch begreifen können als Feind des Menschen.
2 Mit einer mehrdimensionalen Natur- und Gesellschaftsbetrachtung( der Abläufe und Regelkreise) würden die Menschen begreifen, dass herrschaftsFREIE Betrachtung dem Prinzip des vielschichtigen Lebens viel näher kommt und dass die zerstörte Naturbetrachtung das Resultat eines zerstörten Bewusst-Seins ist.

UM-denken und neue Erfahrungen mitten aus dem zerstörten Leben heraus machen wäre adäquater und beste Trägersubstanz dabei wäre Liebe + Zärtlichkeit in erster Linie mal zu uns selbst.

'Eigentlich ist Zärtlichkeit die schönste Form von Lebendigkeit' finde ich.

Eine wahre Begebenheit.

Und weil der Mensch hier der Mann und seine Frau wenig von derNatur wussten und das wenige was sie wussten, mit Machtausübung gekoppelt zur Zerstörung nutzten ( vom Faschismus bis zur Atombombe) so wurden wir - ihre Kinder in einen Kreislauf von Gewalt und Krieg hineingeboren.
(spätere VOLXweisheit zur immer wiederkehrenden Gewaltdiskussion:

Wir haben die Gewalt nicht erfunden- sondern vorgefunden )
Den Kreislauf von Menschen- und Weltzerstörung wollten wir 1968 mit gesellschaftlichen Utopien umkehren.

Erzogen zur Gewalt ( bewusst oder unbewusst hatten diese ALLE autoritär( V-) Erzogenen verinnerlicht) überschätzten wir unsere konstruktiven Ansätze und gerieten in grossen Widerspruch eine FREIE Gesellschaft mit den verinnerlichten Vorstellungen von Strafe- Sanktionen + Gewalt aufbauen zu wollen .

Freiheit kann nur durch (soziale ) Freiheit geschaffen werden und seien die Ansätze auch noch so klein.

Die Unterdrückung der Frauen durch die Männer wurde damals zwar ununterbrochen thematisiert, aber sie blieb.

Die Unterdrückung von Kindern durch Frauen+Männer wurde analysiert, blieb aber auch.

Und die Unterdrückung der Tiere+Pflanzen- der Natur durch ALLE war ein weiterer Kreis-bzw. Spirallauf der Unterdrückung, der stabiler war und ist, als wir alle das damals ahnten und wahrhaben wollten.

Eine der Möglichkeiten diesen verhärteten Strukturen eine Perspektive zu geben sahen wir damals in den sog. bewusstseinserweiternden Substanzen von denen wir uns Impulse und utopische Alternativen erhofften.

Plötzlich eröffneten sich neue 'Realitäten' und die festgefahrenen, verhärteten gesellschaftlichen Strukturen schmolzen so fühlbar, dass manche das als die bereits neue, lebbare Realität ansahen und vergassen, dass diese Verzerrung nicht ohne Sanktionen bleiben würde.

Viele holte die Drogenrealität ein- körperlich + von seiten des Staates.

Ein Trugschluss auch das.

Es gab verschiedenste Wege der Aufbrechenden damals von Konfrontation mit den HERRschenden( bewaffneter Kampf) bis hin zu Flucht aus dem realen ALLtag oder zu dem NEUEN Leben, das sich nur noch im eigenen Kopf abspielte und die Realität so laufen liess.

Anpassung auf unangepasstem (Denk-)Wege.

Die verschiedenen Geschichten und Wege sind inzwischen bekannt durch Bücher + und Filme und füllen auch schon einige Archive.

Es gab auch einige die lagen überall dazwischen - fühlten sich zwar als Militante aber die Waffen waren nicht mehr real.
Vage Vorstellungen, Creativität , Utopie plus Erfahrungen aus der Aufbruchsdrogenzeit - tägliches Abmühen als JobberInnen für paar Kröten in Zusammenhang zu kriegen - und ja nicht resignieren im Überlebensk(r)ampf - das sollte eine neue Form vom selbstbestimmten möglichst herrschaftsFREIEN Leben werden - ein vager Aufbruch -
Autonome Zentren wie Infoläden ( für unterdrückteMedien) brachten unterschiedlichste Perspektiven hervor
3-allen gemeinsam war - militantes NICHThinnehmen des Gewaltmonopols STAAT - Widersprüche inbegriffen
Autonome Kommunisten hiess dort - ohne Partei, aber mit Macht+ Staat , nicht diesem aber einem anderen Staat.

Autonome AnarchstInnen - im Bewusstsein persönlicher und gesellschaftlicher Widersprüche ohne unnötigen Ideologiedruck - den NEUEN, gewaltfreien Menschen sofort präsentieren zu müssen! (und so in den Widerspruch der Graswurzler zu geraten in einem Gewaltstaat eine Nischenideologie als geschlossenes System durchsetzen zu wollen).

CHAOSTHEORIE- eine Umschreibung damaliger Utopie der Wahrheit - und die Überzeugung-WIR sInD dEr geschichte NiX aber auch gaRnIx sChuLdIg..Und dann schlich sich ein,dass Keine+Keiner sich eine freundlich-lebbare Welt mehr vorstellen konnte.

'Drinnen ist es so wie draussen, nur anders' - damit waren die Knäste , genauer Folterknäste gemeint und ihr Äquivalent der Gesellschaftsknast hier draussen.

So verliess man/frau fast unbemerkt die Basis für ein lebenswertes Leben und wurde zerrüttet fast nur im Anti-Kampf, eine ausgebrannte Feuerwehr im hinwegrasenden Sturm.
Eine fast (bio-) logische Folge dann die Krebserkrankung bei mir.
Und damit war ersteinmal die Art meines Zutuns zur Revolution beendet , in dieser Form gescheitert und ich sah mich gezwungen direkt von mir zu sprechen
Die Gedanken vom autonomen Tod oder vielleicht doch zur Genesung wurden Priorität und das nicht nur auf dialektische, sondern bereits cybernetische Weise
Als Leben der eigenen Utopie begann die Auseinandersetzung mit dem Tod - dem eigenen Tod und kam direkt im Leben an.
Du musst scheinbar gewaltig irren, um die Wahrheit - hier auch Körper - und Bewusstseinswahrheit tief zu erfahren.

Der Kurzschluss im Gehirn dieses dauernde enger werden der Lebensmöglichkeiten diese permanenten eindimensionalen und nur zielgerichteten Aktivitäten all diese energieraubenden Konfrontationen mit den zerstörerischen Institutionen bis hin zum STAAT ( wer ist das eigentlich???) diese Begegnung mit zermarternden Lebensformen( Beziehungen) ohne den befreienden Lebenstraum -

Das ist verengtes Leben,was für creative Menschen nicht ohne Folgen bleibt wobei es letzten Endes austauschbar wird ob der Tiefpunkt - Endpunkt-Knast ist oder Krankheit oder soziales Elend bis hin zur Psychiatrie.

Zwangswirklichkeit in einer Zwangsgesellschaft.

Aber meine Realität nahm eine Wunder-wendung.
Ich sah sehr wohl die Möglichkeit im Angesicht des (damals ersehnten) Todes zum Leben zu kommen und zwar zum farbenfrohen Leben- besser kann ich den cybernetischen Lebensentwurf nicht beschreiben.

In einer Welt von täglicherHERRschaft und Gewalt ist es sehr wohl möglich reale Utopie und Liebe zu leben.

Gedanken zurück- Ursprung der Definition von Kybernetik ist vielleicht am besten aus der Vielschichtigkeit der griechischen Naturbetrachtungsweise zu verstehen.

Keinesweg war der Mann+ das Steuer(mit heutigem Bewusstsein betrachtet ) das dominierende Moment der Definition sondern Kybernike als der Steuerman eines Kahns, eines Schiffes im Wasser mit aller Physik.

Vom Bau des Schiffes angefangen mit allen Phasen der Naturbetrachtung und - erfahrung wie es im Wasser liegt und voran kommt, belastbar ist bis hin zur Lenkbarkeit durch den Menschen und für mehr Beweglichkeit des Menschen
Ein Durchschreiten verschiedenster Ebenen von Denkstrukturen, Energie und Materie Wetter-, Wasserbedingungen unterschiedlichster Art vorausgedachte Konstruktionen und kunstvolle, spontane Ausgleichmöglichkeiten
immer wieder Veränderungen durch Eingreifen und Erfahrung plus Abstraktion im philosphisch-griechischen Sinn das war Kybernike - ein naturbezogener, adäquater Umgang plus Betrachtung von Natur

4-und ein historisches Weitertragen dieser noch offenen, philosophischen Naturbetrachtung.

( Philosophie = Liebe zur Weisheit, zur Wissenschaft)
Naturbetrachtung zurück bis ca. 2.500 Jahre vor unserer Zeitrechnung.

Das sog Christusbewusstsein ca. 2.000 Jahre zurück gab der Weltbetrachtung einen bis dahin in der Öffentlichkeit unbekannten sozialen Aspekt.

Diese Denk- und Lebensrichtungen kennen wir heute nur in pervertierter, zerstörter Weise und immer noch stehen wir Frauen bis heute in dieser hierarchisch-strukturierten von Männern( weltweit )dominierten Gesellschaft unter doppeltem Druck.

Und wieder erlebe ich, dass das Bewusstsein sich keineswegs diesem Druck beugen muss, sondern beflügelt einen Gedankengang favorisieren kann dass Logik nicht das von der Natur abgetrennte Männer-phänomen sein muss, sondern als Bio-Logik verstanden und viel kosmischer eingebettet in vielen Frauenzusammenhängen emotional gelebte Ganzheit bedeuten kann die das Leben zum Tanzen bringt - Lebendigkeit wild und anarchistisch.

Cybernetisch ausgehebelt durch vergrössertes Denken ohne Konkurrenz.

Creativ + einfallsreich

unvollständig + spontan

Ich will weder einen eindimensionalen Biologismus aktivieren noch limitierte Polarisierungen wie in unreflektiertenFeminimuszeiten forcieren. Warum aber tauchen auf dem Weg in die soziale FREIHEIT und Utopie immer wieder Lähmungen auf die uns am gemeinsamen Aufbruch hindern.
Sind es die traumatischen TABUS die uns hindern + verhindern dass wir das Leben mit befreienden Alternativen heute schon leben?

Die sichtbare Polarisierung in der Globalisierung wird von Tag zu Tag krasser und kein Ende in Sicht.

Da gibt es für mich nur EINS springen + fliegen über alle Widersprüche hinweg in neue Dimensionen.

Bremsklotz Materie aushebeln und Gedanken frei werden lassen, lebendiges Freuen möglich machen.

Auch für die schlimmste Situation - gibt es einen Ausweg das ist meine A-Erfahrung, die ich als Minimum weitergeben kann.
Das Beni-Papier, alt und NEU benennt reale Utopien im Ideen-Katalog mit Vorschlägen und das Utopie-Papier von Jonny machte den Anfang der Diskussion die bis jetzt noch viel zu selten geführt wurde.

Wir - die wir ohne Machtanspruch und ohne Druck und ohne Gewalt IDEEN umsetzen können eRsT mAL kLeIne - können uns doch mindestens ALLES Schöne vorstellen was das Leben lebenswert macht und an die,die das wollen auch weitergeben.
Dabei meine ich nicht in erster Linie - Essen + Trinken, das ist für uns Menschen kein Luxus, sondern Voraussetzung für ein würdevolles Leben.

Darüber sollte nicht gestritten , sondern eher beraten werden wie wir besser Teilen + vErTeilEn können, sodass die ökonomischen Sorgen uns nicht derart blockieren dass wir keine Freude mehr am Leben haben.

Weil wir keinen MACHT-druck ausüben müssen könnten wir doch viel fröhlichere Menschen sein, als die permanent- konkurrieren -Müssenden die nur in Energieraub + Tricks denken können und sich über Unglücke der Anderen freuen und diese verursachen und sogar damit Geld machen.

Ich hör' jetzt auf - denn Freude gemeinsam zu erleben ist viel spannender als Freude zu beschreiben und nochmal zurück zur Kybernetik als Wissenschaft mag alles sein, aber nicht für mich - immer noch aktuell was Bakunin 1871 zur Wissenschaft gesagt hat und das ist auf der näxten seite zu lesen.

 

Die Frau, die einfach nur lebt

http://www.zeit.de/2003/18/Blockh_9ftte_neu

Darf man in einem Holzhaus wohnen, das kleiner ist als Nachbars Garage? Darf man so wenig arbeiten, wie man möchte? In einem oberschwäbischen Dorf praktiziert eine Frau ihre ganz persönliche Sozialreform

Wenn Anne Donath abends Licht braucht, greift sie in eine Schublade. Dort liegen die Streichhölzer für die Kerzen. Wenn sie im Sommer etwas kochen möchte, geht sie vor die Tür. Dort ist die Feuerstelle, drei große Steine, auf denen der Topf steht. Wenn sie in ihrem Haus vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer will und von dort in die Küche, muss sie sich bloß einmal drehen. Es gibt nur ein Zimmer.

Das Haus der Anne Donath ist aus Holz und eher eine Hütte, vier Schritte lang, vier Schritte breit. Es hat zwar moderne Dachziegel, wie sie der Bebauungsplan für diese Gegend vorsieht, doch so zu wohnen ist im Lebensplan der Menschen nicht vorgesehen. Die Menschen hier leben in Massivbauhäusern und fahren Mercedes. Sie haben große Gärten und mähen samstags den Rasen, sie haben Vermögen und schauen abends im Fernsehen Wer wird Millionär?. Anne Donaths Leben aber ist geprägt vom Nichthaben. Kein Strom. Kein Telefon. Kein Gas. Und erst recht kein Auto.

So lebt Anne Donath. Mitten in einer Einfamilienhaussiedlung. Mitten in einem oberschwäbischen Dorf. Und auf einmal auch mitten in einer gesellschaftlichen Debatte, die vor allem von einem Wort geprägt ist: Verzicht.

Jahrzehntelang haben die Politiker in Deutschland den Menschen versichert, dass ihr Leben auch im Alter geordnet verlaufen werde, dass ihre Rente sicher sei. Nun erfahren diese Menschen, dass sie besser privat fürs Alter vorsorgen. Nur wie? Mit Aktien haben viele viel Geld verloren. Die Lebensversicherungen zahlen weniger aus, als sie versprochen haben. Wie ein Bausparvertrag funktioniert, hat sowieso noch nie jemand durchschaut. Nur jeder Achte, heißt es in einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung, hat sich schon einmal Gedanken gemacht, wie viel Geld er im Ruhestand eigentlich braucht.

Anne Donath hat nachgedacht. Sie hat überlegt, was sie zum Leben braucht und wie viel sie das kostet. Vor zehn Jahren nahm sie einen Kredit auf und kaufte sich dafür ein Grundstück, sie setzte ihr Blockhaus drauf und zahlte peu à peu den Kredit zurück. Heute lebt sie von 370 Euro im Monat, dafür geht sie arbeiten. »Ich habe«, sagt die 54-Jährige, »meine Lebensumstände vereinfacht.«

Vereinfachte Lebensumstände sind es zum Beispiel, wenn Anne Donath im Urlaub nach Griechenland will, aber nicht das Flugzeug, nicht die Bahn nimmt – sondern mit dem Fahrrad fährt. Vereinfachte Lebensumstände sind es auch, wenn dieses Fahrrad kein Mountainbike ist, kein Ultraleichtmodell mit 36 Gängen, mit dem man die Alpen in Richtung Süden überquert. Anne Donath ist vergangenes Jahr mit dem Fahrrad gefahren, das sie sonst auch benutzt: ein altes, kleines BMX-Rad, ohne Gangschaltung; nur einen neuen Sattel hat sie sich gegönnt. Bergauf musste sie schieben.

So eine liegt uns auf der Tasche, sagen ein paar Leute im Ort

Es ist ein extremes Bild, das diese Frau den Menschen bietet, wie bei einem Zerrspiegel, in den man hineinschaut und nichts Vertrautes sieht, nur Sonderbares. Und wenn etwas sonderbar ist, schreckt es die meisten Menschen erst einmal ab. So eine liegt uns auf der Tasche, wenn das alle machen würden, wäre unsere Wirtschaft bald am Ende, sagen die einen im Ort. Es ist gut, dass sie wenigstens arbeitet, sagen die anderen, dort kann sie ab und zu duschen, und ein warmes Essen bekommt sie auch.

Bad Schussenried, auf halber Strecke zwischen Biberach und Bodensee. »Barock, Bier und Betonmischer«, sagt der Bürgermeister, so lasse sich seine Stadt ganz gut beschreiben. 8500 Einwohner, ein altes Kloster mit spätbarockem Bibliothekssaal, eine Brauerei mit Biermuseum, draußen vor der Stadt baut die Firma Liebherr mit 500 Beschäftigten Betonmischer für die Welt. Im Büro des Bürgermeisters hängt das historische Stadtwappen, daneben leidet Jesus am Kreuz. Georg Beetz trägt Rollkragenpulli statt Krawatte und eine rahmenlose Brille, Modell Jürgen Schrempp. Er ist so etwas wie der Moderator im Strukturwandel, den jede Kleinstadt durchmachen muss. »Manche hier haben Angst vor den Veränderungen«, sagt er. An der Hauptstraße von Bad Schussenried entdeckt man noch immer die Informationstafeln der Vereine, der Liederkranz 1859 e. V. lädt zur Jahreshauptversammlung in den Wilden Mann. Am Stadtrand zieht Aldi einen großen Supermarkt hoch, das Hotel am anderen Ende von Bad Schussenried heißt Amerika.

Am Anfang haben Anne Donath wohl alle für verrückt gehalten. Im Ortsteil Steinhausen wollte sie bauen. Der Ortschaftsrat verweigerte die Baugenehmigung. Dann gab das Kreisbauamt die Freigabe. »Da sollte man ein Streichholz dranhalten«, sagte ein aufgebrachter Dorfbewohner, als sich das Blockhaus nicht mehr verhindern ließ. Nur die Bank sagte nichts und gab Anne Donath Geld.

Viel hat das Haus damals ja auch nicht gekostet: 85000 Mark, inklusive Keller, Kamin und Bullerofen, dazu noch 50000 Mark für das Grundstück und die Erschließungskosten. So etwas finanziert jede Bank, wenn man die Grundschuld eintragen lässt, eine Lebensversicherung aufnimmt und ein solider Arbeitgeber das Gehalt garantiert. Heute ist das kleine Blockhaus so etwas wie die Touristenattraktion von Steinhausen: Wenn im Gasthof Linde an der Hauptstraße eine Familienfeier stattfindet, nutzen die Menschen die Zeit zwischen Mittagessen und Kuchen und gehen »mal gucken, wo die Frau lebt«. Es sind nur ein paar Querstraßen zu Fuß.

Anne Donath arbeitet als Krankenschwester im Zentrum für Psychiatrie von Bad Schussenried. Es ist, sagen die Leute dort, ein guter Arbeitgeber, der für seine Angestellten sorgt. Laut Vertrag arbeitet Anne Donath einen Tag pro Woche. De facto sieht das so aus: Im Sommer arbeitet sie als Urlaubsvertretung mehrere Wochen am Stück, dafür hat sie den Rest des Jahres frei. Macht einen Bruttolohn von monatlich 470 Euro – steuerfrei. Abgezogen werden ihr nur die Beiträge für die Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung; das sind knapp 100 Euro. Gerade mal 33 Euro fallen jeden Monat an festen Kosten an: für die Gebäudeversicherung und die Grundsteuer, die Haftpflichtversicherung und den Kaminfeger, die Müllabfuhr und das Wasser, dazu für Holz, Schmierseife und Kerzen – und für die GEZ. Anne Donath besitzt ein batteriebetriebenes Radio.

Hinter dem Haus baut sie Gemüse an, Lauch, Zwiebeln, Tomaten und ein paar Kartoffeln, was der Garten eben so hergibt. Sie isst häufig Kartoffeln, am liebsten mit Zwiebeln, und weil der eigene Vorrat nicht reicht, muss sie nach einem langen Winter bei einer Freundin nachkaufen.

Wenn Anne Donath das Abendessen vorbereitet, sitzt sie mit angezogenen Beinen auf dem Boden ihrer Hütte, barfuß, so wie sie meist auch herumläuft, man sieht das, ihre Füße sind rau und haben Schwielen. Das Haus ist sparsam möbliert: Neben der Tür der Bullerofen, auf dem jetzt Wasser kocht; daneben ein Korb voll Holz und altem Papier als Brennmaterial; zwei Regale mit Büchern, ein kleiner Schrank für die Lebensmittel und ihre Kleidung; eine Leine, an der sie im Winter die Wäsche trocknet; ein heller, flauschiger Teppich, auf dem sie tagsüber sitzt und liest und nachts schläft oder liest, wenn sie nicht schlafen kann. Links vom Eingang geht es zum Bad: Hinter einem Vorhang ist eine Ecke der Hütte gefliest, an der Wand ein Wasserhahn, davor steht ein Eimer – »Das ist das Waschbecken«, sagt Anne Donath, »man kann sich auch mit drei Litern Wasser gründlich waschen, ohne Dusche«. Es gibt einen Spiegel und eine Toilette. Anne Donath spült mit Regenwasser, das sie draußen in einer Zisterne sammelt.

Sie hat Kartoffeln gekocht, dazu gibt es Brot und eingelegten Knoblauch. So ein Essen könnte vielleicht auch die Nachbarin servieren – nur hätte die es bestimmt nicht auf dem Boden zubereitet, barfuß, und die Kartoffelschalen in einer kleinen Pappschachtel gesammelt. Nur der Kartoffelschäler könnte der gleiche sein. Den hat Anne Donath aus dem Supermarkt.

Im Grunde lebt sie so, wie es viele Deutsche für ein paar Wochen im Jahr versuchen: einfach, ohne technischen Schnickschnack, in einer kleinen Hütte, die am besten in den Bergen steht oder am Meer. Wer das nicht sucht, hält es zumindest für vollkommen normal, dass die Menschen in Asien oder Afrika so leben. Aber in Oberschwaben?

Soziale Gegensätze können eine Gesellschaft zerreißen. Deshalb reden Sozialpolitiker so viel über das »Existenzminimum« oder die »Hilfe zum Lebensunterhalt«. Deshalb horchen die Menschen auf, wenn von »neuer Armut« die Rede ist oder davon, dass Arbeitslose weniger Geld bekommen sollen. 6948 Euro im Jahr beträgt das steuerfreie Existenzminimum in Deutschland; Anne Donaths Einkommen liegt darunter. Offiziell gilt man hierzulande als arm, wenn das Einkommen niedriger ist als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens der Gesamtbevölkerung. Laut Statistik lag das durchschnittliche Nettoeinkommen zuletzt bei 1440 Euro. Also ist Anne Donath arm.

Arm dran kann sie nicht sein. Sie hat sich ja bewusst entschieden, so zu leben. Sie könnte zum Beispiel länger arbeiten, um mehr zu verdienen, in der Klinik hat man ihr das immer wieder angeboten. Dann könnte sie sich auch ein Auto kaufen. Oder wenigstens ein besseres Fahrrad. Oder eine große Wohnung mieten, damit sie nicht in einem Haus leben muss, das kleiner ist als die Garage der Nachbarn. Sie will das nicht. Sie will nicht mehr arbeiten, um dann mehr zu haben. Anne Donath ist genau den umgekehrten Weg gegangen: Sie arbeitet so viel, wie für sie existenziell notwendig ist; mehr nicht. Das Existenzminimum ist für sie keine Barriere, hinter der das Glück beginnt. So ist sie zu dem Leben gekommen, das sie nun lebt. Eigentlich hat sie sich schon vor 50 Jahren auf den Weg gemacht.

»Müßiggang ist schöpferisch«, sagt sie – und hat sogar Zeit zum Wollespinnen

Malente, Schleswig-Holstein, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Geld ist in Deutschland knapp, insbesondere für jene, die viele Kinder ernähren müssen. Anne Donath hat zwei Brüder. Sie lebt mit ihren Eltern bei der Großmutter, in einem alten Haus. Viel Platz hat die Familie nicht: zwei Zimmer unter dem Dach. Als ein weiteres Kind kommt, ziehen alle in eine größere Wohnung, mit Badewanne und Eisschrank. Manchmal weiß die Mutter nicht, wie sie das Essen bezahlen soll. Als noch ein Kind kommt, wohnen sie in einer noch größeren Wohnung und haben noch weniger Geld. So etwas prägt. Heute sagt Anne Donath über sich, dass sie »einen extremen Hang zur Sicherheit in finanziellen Dingen« habe. Dass sie mit hohen Schulden nicht leben könne. Und dass es für sie immer klar war, »nach einem soliden Besitzstand zu streben« – einem eigenen Haus.

Als sie heiratet, zieht sie mit ihrem Mann nach Süddeutschland. Regelmäßig fahren sie im Urlaub nach Algerien, im VW Bus oder Geländewagen. Ihre drei Töchter nehmen sie mit. Im Norden Afrikas sieht Anne Donath, dass man zum Waschen keine Waschmaschine braucht. Dass man auch über einer Feuerstelle kochen kann. Und dass die Beduinen, obwohl sie so viel von Hand machen, immer noch Zeit für ein Gespräch haben.

Nach ihrer Scheidung zieht sie mit den Kindern nach Bad Schussenried in eine Mietswohnung. Hochhaus, siebter Stock, bei Föhn kann man die Alpen sehen. Das Fernweh kommt wieder. Als die Töchter erwachsen sind und ausziehen, kauft sich Anne Donath einen neuen Jeep und fährt los. Sechs Wochen verbringt sie 1992 in Mertoutek, einer kleinen algerischen Oase, dann weiß sie, wie sie künftig leben will. Als der Wäschetrockner kaputtgeht, kauft sie keinen neuen. Irgendwann macht die Spülmaschine ihren letzten Waschgang. Anne Donath rechnet. 400 Euro soll sie später als Rente bekommen, mehr nicht, sie hat wegen der Kinder einige Jahre nicht gearbeitet. Aber 400 Euro sind zu wenig, um die Miete zu zahlen und so zu leben wie bisher. Anne Donath rechnet weiter. Was kostet mich das günstigste Haus, vielleicht ein Blockhaus? Wie teuer wäre ein Kredit? Weil sie zwar Abitur hat, aber die Formel für den Zinseszins nicht kennt, schreibt sie lange Zahlenkolonnen aufs Papier. Nur jeder Vierte, heißt es in der Bertelsmann Studie, hat sich schon einmal ausrechnen lassen, wie viel Rente ihm später zusteht.

An Heiligabend 1993 zieht Anne Donath in ihr eigenes Haus. Wenn sie die Tür aufschließt und in die Hütte kommt, tastet ihre rechte Hand in den ersten Wochen immer noch nach dem Lichtschalter. Heute kann sie sich kaum vorstellen, noch einmal anders zu leben. Ihre Kinder haben das längst akzeptiert – vielleicht, weil sich gewisse Charakterzüge eben doch vererben. Ihre älteste Tochter wird im Sommer ihren Job aufgeben, um »eine Weile« Schafe zu hüten, wie Anne Donath sagt.

Natürlich versucht jeder im Ort, diese seltsame Frau in eine Schublade zu stecken – und wird widerlegt. Die Umweltbewegten sind enttäuscht, weil Anne Donaths Haus einen Betonkeller hat und keinen Lehmboden. Die Vegetarier sind enttäuscht, weil sie bei Freunden Wurst isst. Die Autohasser sind enttäuscht, weil Anne Donath sich von der Freundin mit dem Auto nach Biberach zum Einkaufen mitnehmen lässt. Die Konsumverweigerer sind enttäuscht, weil sie sich ab und zu richtig teure Sachen kauft, Wanderstiefel etwa, für 215 Euro. Die Streitlustigen sind enttäuscht, weil Anne Donath zu ihren Nachbarn ein recht gutes Verhältnis hat; manchmal kommt die Frau von nebenan und bringt Kuchen. Eigentlich sind alle enttäuscht, weil Anne Donath weder gramgebeugt durchs Leben geht noch die viele Zeit, die sie hat, für große Taten nutzen will. Sondern einfach nur lebt.

Aus vier Tagen Geldverdienen sind bei Anne Donath vier Tage Zeithaben geworden. »Müßiggang ist schöpferisch«, sagt sie. »Lieber sinniere ich fünf Stunden in der Hängematte und arbeite dann eine Stunde, als dass ich fünf Stunden den Buckel krumm mache und dann eine Stunde grüble, ob das wirklich nötig gewesen wäre.« Oder sie entdeckt, wofür sie jetzt alles Zeit hat. Zum Wollespinnen etwa. Anne Donath macht sich ihre Pullover selbst – nicht, weil sie mit selbst gemachten Pullovern die Textilindustrie boykottieren will. Sondern weil sie irgendwann entdeckt hat, dass der Bauer im Dorf ganz froh ist, einen Abnehmer für die Wolle seiner Schafe zu haben, die er sonst teuer entsorgen müsste. Weil sie einfach probiert hat, wie es ist, wenn man Naturwolle wäscht und kämmt und dann mit einem Holstöckchen spinnt. Zwei Monate braucht sie für einen Pullover. Im Laden würde ein Kleidungsstück aus handgekämmter Schurwolle ein Vermögen kosten. Anne Donath kann es sich leisten. Es kostet sie nur Zeit.

Und wenn nun in Bad Schussenried noch jemand auf die Idee kommt, so zu leben, noch ein solches Haus zu bauen?

Der Bürgermeister zögert. Vor zehn Jahren war Georg Beetz noch nicht im Amt, aber er hätte, sagt er, nichts gegen Donaths Hütte einzuwenden gehabt. Heute sitzt Beetz in einem Büro, so groß wie das kleine Holzhaus in Steinhausen. Vom Schreibtisch aus blickt er auf eine historische Stadtkarte.

»Kommt darauf an, wo dieses Haus hin soll. Direkt im Ortskern, zum Beispiel an der Hauptstraße, geht es natürlich nicht. Es kann eben nicht jeder immer das tun, wozu er gerade Lust hat. Nur so funktioniert eine Gesellschaft.«

Sebastian Faure - Die anarchistische Synthese

 

Die anarchistische Synthese - Teil I

Die anarchistische Synthese - Teil II

 

Teil I

 

In Frankreich, wie in den meisten anderen Ländern, unterscheidet man deutlich drei große anarchistische Strömungen. die sich folgendermaßen klassifizieren lassen: Der Anarcho-Syndikalismus; der freiheitliche Kommunismus; der anarchistische Individualismus.

 

(Ich spreche hier nur von den drei Hauptrichtungen, die 85 bis 90 Prozent der Kameraden umfassen, die sich zum Anarchismus bekennen, und deren Einfluß und Tätigkeit sich in jenen Ländern bemerkbar macht, in denen die anarchistische Gedankensaat mehr oder weniger Früchte gezeitigt hat. Ich will damit kleineren Richtungen, die ebenfalls anarchistische Ziele verfolgen und die aus dem einen oder dem anderen Grunde eine besondere Stellung im großen Kampfe einnehmen, in keiner Weise die Berechtigung ihrer Existenz aberkennen Doch kann ich in dieser Abhandlung, in der ich mich bemühe, dem Anarchismus als geistiger und sozialer Bewegung einen möglichst konkreten und präzisen Ausdruck zu geben, nicht jeder Sonderauffassung Rechnung tragen.)

 

Es ist natürlich, aber zugleich verhängnisvoll, daß eine so umfassende Idee wie der Anarchismus in einer gewissen Periode seiner Entwicklung zu solcher Dreiteilung gelangen mußte. Eine Bewegung mit bestimmten philosophischen und sozialen Voraussetzungen, die sowohl im Ideenleben als auch in der praktischen Aktion ihren Ausdruck findet und deren Ziele darauf gerichtet sind, alle auf dem Gedanken der Autorität fußenden Institutionen aus der Gesellschaft auszuschalten, musste notwendig zu einer Teilung ihrer Kräfte gelangen, die durch die Verschiedenartigkeit der Bedingungen, der Umwelt und der Temperamente bedingt ist. Die Mannigfaltigkeit der Quellen, aus denen sie ihre Nahrung schöpft, die zahllosen individuellen Veranlagungen und die stete Einwirkung einer endlosen Fülle von Ereignissen mußten verschiedene Strömungen in der Bewegung zur Folge haben.

 

Viele Kameraden haben den Eindruck, daß diese verschiedenen Strömungen die Gesamtbewegung des Anarchismus in bedauerlichem Maße schwäche. Allein es ist zwecklos, über Tatsachen zu jammern. Sie sind da  - klar, eindeutig, unbestreitbar, und sie haben ihre Ursachen. Mit nutzlosen Klagen werden wir die allgemeine Lage nur unnötig verschärfen, ohne jedoch jene drei Strömungen aus der Welt zu schaffen.

 

Sicherlich sagen sich die Anhänger aller drei Richtungen: es ist recht bedauerlich, daß die anderen beiden Richtungen bestehen; sie vermindern unsere Kräfte, und wären sie nicht vorhanden, so bestände nur eine anarchistische Bewegung - unsere, die in diesem Falle viel zahlreicher wäre und sich besser durchsetzen könnte. Die Anarcho-Syndikalisten denken: Ja. wenn alle Genossen Anarcho-Syndikalisten wären! Die freiheitlichen Kommunisten seufzen: Ja. wenn alle Genossen sich zum anarchistischen Kommunismus bekennen würden! Und die anarchistischen Individualisten sagen: Ja, wenn alle Genossen unserer Meinung wären!

 

Nun, ich glaube, daß, wenn wir sogar uns über alle gegebenen Tatsachen hinwegsetzen und uns alle für eine der drei Richtungen entscheiden könnten, damit noch nichts gewonnen wäre Man kann annehmen, daß die auf solche Weise bevorzugte Richtung an innerer Lebenskraft und Betätigungswillen gewänne; aber ob dadurch die Gesamtbewegung des Anarchismus - ich sage des „Anarchismus" - aktiver und einflußreicher wäre, ist sehr fraglich.

 

Es ist sehr wahrscheinlich, wenn nicht sicher, daß die so geschaffene Einheitsrichtung ganz gleichgültig, ob es sich um den Anarcho-Syndikalismus, den freiheitlichen Kommunismus oder den anarchistischen Individualismus handelte, im allgemeinen viel weniger stark wäre als heute.

 

Selbst wenn man sich die optimistische Auffassung zu eigen macht und von einer Einheitsbewegung die günstigsten Ergebnisse erwartet, bleibt es sicher, daß das Aufgehen der drei Richtungen in einer, wenn dies überhaupt möglich wäre, nicht wünschenswert ist. Zunächst würde ein zahlenmäßiger Verlust eintreten, da sich viele einer solchen Verschmelzung mit Recht widersetzen und sich nicht daran beteiligen würden. Ferner würde sogar bei denjenigen, die sich mit der Verschmelzung einverstanden erklärten, nur ein künstliches Verhältnis zustande kommen, dessen äußerer Schein ihm weder Tiefe noch Dauer geben könnte. Und endlich würde das Verschwinden von zwei Strömungen unter den heute bestehenden drei Richtungen eine Verstümmelung der Gesamtbewegung zur Folge haben, die sich als Quelle einer allgemeinen Schwächung auswirken müßte. Ich bin also der Meinung, daß das Bestehen der drei erwähnten Richtungen für die allgemeine anarchistische Bewegung keineswegs eine Ursache ihrer Schwäche bedeutet. Nebenbei gesagt, erscheint mir die angebliche Schwäche der Bewegung von der man heute so viel spricht, mehr scheinbar als wirklich zu sein. Der Anarcho-Syndikalismus, der freiheitliche Kommunismus und der Anarchistische Individualismus sind drei Strömungen in der Bewegung des Anarchismus, deren Existenz niemand verhindern könnte, wer immer es sei. Jede dieser drei Richtungen verkörpert in sich eine Kraft, die auszuschalten weder möglich noch wünschenswert wäre. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, daß man sich als Anarchist und nichts weiter die ganze gigantische Größe der Aufgabe vor Augen führt, das Prinzip der Autorität in Trümmer zu schlagen. Erst dann begreift man, wie unumgänglich es ist, daß sich die drei Richtungen im allgemeinen Kampfe gegenseitig ergänzen und unterstützen müssen. Denn sie unterscheiden sich zwar voneinander, aber es bestehen keinerlei innere Gegensätze zwischen ihnen.

 

Ich habe nunmehr drei Fragen zu stellen. Die erste Frage gilt den freiheitlichen Kommunisten und den anarchistischen Individualisten in bezug auf die Anarcho-Syndikalisten; die zweite Frage gilt den Anarcho-Syndikalisten und den anarchistischen Individualisten in bezug auf die freiheitlichen Kommunisten; die dritte Frage gilt den freiheitlichen Kommunisten und Anarcho-Syndikalisten in bezug auf die anarchistischen Individualisten.

 

Wird der Anarchismus als soziale Bewegung und als Aktion der Arbeiter die Mitbeteiligung der stattlichen Massen, die schon heute in den gewerkschaftlichen Organisationen vereinigt sind entbehren können, wenn einmal die Stunde kommt, wo er der kapitalistischen und autoritären Weh die letzte Schlacht liefern muß, wo das eintritt, was wir gewöhnlich als soziale Revolution bezeichnen?

 

Es wäre offenkundiger Wahnsinn, davon zu träumen, daß ein Sieg in diesem Falle möglich wäre ohne die aktive, nachdrückliche, rücksichtslose und beharrliche Mitwirkung der arbeitenden Massen im großen Ringen um die Befreiung, die als Ganzes an der Umwälzung der gesellschaftlichen Bedingungen ja am meisten interessiert sind. Ich behaupte nicht und der Gedanke liegt mir fern, daß eine vollständige und einheitliche Verschmelzung aller syndikalistischen und anarchistischen Kräfte heute notwendig ist, um ihr Zusammenarbeiten in der Zeit revolutionärer Aktionen zu ermöglichen. Aber ich sage mit meinem alten Freunde Malatesta: „Die Anarchisten müssen die Nützlichkeit und Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisationen anerkennen und deren Entwicklung nach Kräften zu fördern suchen, um sie zu einem Hebel ihrer Aktionen zu machen. Zur Durchführung einer sozialen Revolution, die auf die Abschaffung der Klassen, auf vollständige Freiheit, Gleichheit und Solidarität aller menschlichen Wesen abzielt, ist ein gemeinsames Vorgehen der Anarchisten mit dem Syndikalismus und anderen fortschrittlichen Richtungen unbedingt nötig. Aber es wäre eine gefährliche Täuschung, zu glauben, daß die Arbeiterbewegung als solche, kraft ihres inneren Wesens, die Ziele einer solchen Revolution in sich trage, wie viele anzunehmen scheinen. Bei allen Bewegungen, die sich auf materielle und unmittelbare Interessen stützen - und eine ausgebreitete Arbeiterbewegung läßt sich überhaupt auf keiner anderen Grundlage aufbauen - ist es unumgänglich, daß sie von begeisterungsfähigen Menschen, die von Kampfesgeist und Opferwilligkeit erfüllt sind, in Gärung gehalten und vorwärts getrieben werden. Ohne diesen Druck gerät jede Bewegung in die Gefahr, sich dem bestehenden Verhältnissen anzupassen und konservative Tendenzen anzunehmen, die ihre Anhänger veranlassen, an dem Gegebenen festzuhalten und sich mit einfachen Verbesserungen innerhalb des heutigen Systems zu begnügen. Aus diesem Grunde ist eine anarchistische Bewegung nötig, die innerhalb und außerhalb der Syndikate für die allseitige Verwirklichung des Anarchismus wirkt und bestrebt ist, alle Keime der Fäulnis und der Reaktion unschädlich zu machen."

 

Wie wir sehen, handelt es sich also nicht um eine organische Verbindung der anarchistischen mit der syndikalistischen Bewegung oder des Syndikalismus mit dem Anarchismus: die Aufgabe ist vielmehr innerhalb und außerhalb der Syndikate Wege für die umfassendste Verwirklichung des anarchistischen Ideals zu finden.

 

Ich frage nun die freiheitlichen Kommunisten und die anarchistischen Individualisten, welche prinzipiellen oder taktischen Gründe sie veranlassen können, einem Anarcho-Syndikalismus, der sich dergestalt betätigt und praktisch auswirkt, feindlich gegenüberzustehen?

 

Meine zweite Frage ist: Ist der Anarchismus als unbestechlicher Gegner jeder Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, wie sie im kapitalistischen System ihren stärksten Niederschlag gefunden hat, und jeder Beherrschung des Menschen durch den Menschen, wie sie im Staate ihren Ausdruck findet, ist der Anarchismus imstande, dieses Ziel zu erreichen und das kapitalistische Regime schachmatt zu setzen, ohne, wie die freiheitlichen Kommunisten es erstreben, alle Produktionsmittel, Transportwege und Organe des Austausches zum Eigentum aller umzugestalten? Und ist eine solche Umgestaltung möglich, ohne die gleichzeitige Abschaffung des Staates und aller Institutionen, in denen er seine Verkörperung findet?

 

Ich frage nun die Anarcho-Syndikalisten und die anarchistischen Individualisten, welche prinzipiellen oder taktischen Gründe sie veranlassen könnten, einen freiheitlichen Kommunismus, der sich dergestalt betätigt und praktisch auswirkt, feindlich gegenüberzustehen?

 

Und nun meine dritte Frage: Kann der Anarchismus, der einerseits der stärkste und klarste Ausdruck der Empörung des Individuums gegen jede politische, wirtschaftliche und moralische Unterdrückung ist, die sich in den autoritären Institutionen des heutigen Systems verkörpert und andererseits das weitgehendste Recht des Einzelwesens auf allseitige Entwicklung und Befriedigung seiner Bedürfnisse auf allen Gebieten vertritt, eine bessere Erfüllung dieser Bestrebungen finden, als sie in einer individuellen Kultur gegeben sind, die auf die vollständige Umwälzung des heutigen gesellschaftlichen Systems und die vollständige Zerstörung ihres schädlichen und unterdrückenden Räderwerkes abzielt?

 

Ich frage nun die Anarcho-Syndikalisten und die freiheitlichen Kommunisten, welche prinzipiellen oder taktischen Gründe sie veranlassen könnten, einen individualistischen Anarchismus, der sich dergestalt betätigt und praktisch auswirkt, feindlich gegenüberzustehen?

 

Nach meiner Meinung sind die drei hier erwähnten Richtungen dazu berufen, eine anarchistische Synthese herzustellen. Man könnte das Ergebnis, das sich aus der vorurteilslosen Beantwortung meiner drei Fragen ergibt, folgendermaßen zum Ausdruck bringen:

 

  1. Die drei Strömungen des Anarcho-Syndikalismus, des freiheitlichen Kommunismus und des anarchistischen Individualismus unterscheiden sich zwar voneinander, aber es besteht zwischen ihnen kein Gegensatz prinzipieller oder taktischer Natur, der sie verhindern könnte, im guten Einvernehmen nebeneinander zu existieren und sich zu gemeinschaftlicher Aktion zusammenzufinden.

  2. Die Existenz dieser drei Richtungen bedeutet in keiner Weise eine Schwächung der Gesamtbewegung des Anarchismus. Als geistige und soziale Bewegung in seiner ganzen umfassendem Ausdehnung kann und muß er nur gewinnen durch das Bestehen dieser drei Strömungen.

  3. Jede der drei Strömungen hat in der großen sozialen Bewegung, die wir Anarchismus nennen, ihren bestimmten Platz und ihr besonderes Tätigkeitsfeld; jede hat ihre bestimmte Aufgabe und erstrebt einen gesellschaftlichen Zustand, in dem jedem Einzelwesen das Maximum von Freiheit und Wohlstand gesichert ist.

  4. Man kann den Anarchismus somit, um eine Formel der Chemie zu gebrauchen, mit einem zusammengesetzten Körper vergleichen, der aus mehreren Elementen besteht.

 

Dieser Körper ist durch eine Zusammensetzung der drei Elemente: des Anarcho-Syndikalismus, des freiheitlichen Kommunismus und des anarchistischen Individualismus entstanden. Seine chemische Formel könnte sein: S.2 K.2 I.2. (Anmerkung d.R. :S hoch zwei, K hoch zwei I hoch zwei)

 

Je nach den Ereignissen, der Verschiedenartigkeit des Milieus und den zahllosen Quellen, durch welche die Bewegung gespeist wird, können im Quantum der drei Elemente Veränderungen eintreten. Bei der Analyse tritt diese Veränderung zutage und zeigt uns die Stärke der einzelnen Elemente. Vielleicht findet sie ihren Ausdruck in der Formel: S.3 K1/2. I.1/2 : vielleicht in der Formel: S.1 K.3 I.1 oder auch in der Formel: S.1 K.2 I.3. Die Formel selbst kann verschiedene Proportionen aufweisen, deren Größe durch lokale, regionale oder internationale Einflüsse bedingt ist. Aber stets sind es dieselben drei Elemente: Anarcho-Syndikalismus, freiheitlicher Kommunismus und anarchistischer Individualismus, die untereinander die Verbindung eingehen und die Zusammensetzung des Ganzen bestimmen. In dieser Bedeutung spreche ich von der „anarchistischen Synthese".

 

Quelle: Fanal, anarchistische Monatszeitung herausgegeben v. Erich Mühsam Jahrgang 3 Nr. 1 Oktober 1928 / Reprint des Impuls Verlag Band 3 Seite 8-12,

 

 

Teil II

 

Bei diesem Punkte meiner Betrachtungen angelangt, stelle ich nunmehr die Frage, wie es kommt, daß gerade in Frankreich das Bestehen dieser drei Richtungen des Anarchismus während der letzten Jahre die allgemeine freiheitliche Bewegung nicht entfernt gestärkt hat, sondern viel eher der Grund dafür war, daß sie fortgesetzt schwächer geworden ist. Die Frage, so klar gestellt, fordert eine ebenso klare und bestimmte Antwort. Die Antwort ist leicht: aber sie fordert als Voraussetzung von allen, ohne Ausnahme, ehrlichen und aufrichtigen Willen.

 

Ich behaupte, daß nicht die gesonderte Existenz des Anarcho-Syndikalismus, des freiheitlichen Kommunismus und des anarchistischen Individualismus die Bewegung geschwächt hat oder vielmehr, daß durch ihr Bestellen eine Abschwächung des anarchistischen Gedankens und der anarchistischen Aktion verursacht worden wäre. Nein. die Bewegung wurde einzig und allein geschwächt durch die Art und Weise, wie die Meinungsverschiedenheiten zwischen den verschiedenen Richtungen ausgetragen wurden, durch den offenkundigen, hartnäckigen und unversöhnlichen Krieg, den jede Richtung gegen die anderen geführt hat.

 

Jede Fraktion hat im Laufe dieses unseligen Bruderkampfes eine gleich bösartige Rolle gespielt. Jede Fraktion hat sich die größte Mühe gegeben, die Anschauungen der anderen Richtungen bis zur Lächerlichkeit zu entstellen, sie ihres eigentlichen Inhalts zu berauben und sie zum wahren Zerrbilde zu erniedrigen. Jede Richtung hat in diesem Kampfe die giftigsten Waffen gebraucht und sich der schlimmsten Methoden bedient, um den Gegner zu treffen.

 

Ich bin überzeugt, hätte man sich mit weniger Wut und Verbissenheit gegenseitig bekämpft, hätte man die Tatkraft, die man im Kampfe gegen einander nutzlos vergeudete, lieber gegen den gemeinsamen Feind verwendet, so wäre die anarchistische Bewegung in Frankreich imstande gewesen, die Verhältnisse auszunutzen und hätte sich als durchschlagende und sammelnde Kraft betätigen können.

 

Aber der unaufhörliche Kampf der einen Tendenz gegen die anderen, der noch durch persönliche Streitigkeiten verschärft wurde, hat alles vergiftet, zermürbt, moralisch zersetzt, wodurch der Kampf für die schönen Ideen der Freiheit und Gerechtigkeit, die im Volke oft tiefer wurzeln als bei denen, die vorgeben, ihre Sachwalter zu sein, gelähmt und unfruchtbar gemacht wurde. Jede Richtung versuchte, die verwandte Richtung zu besudeln, zu beschmutzen, in den Kot zu ziehen und war anscheinend der Ansicht, durch die Anwendung solcher Methoden selber rein zu werden. Dieses bedauerliche Schauspiel, dieses häßliche Treiben, das von wenigen Ausnahmen abgesehen fast in allen Gruppen vor sich ging hat nur dazu beigetragen, daß die besten Elemente aus der Bewegung verschwanden und nur noch solche zurückblieben, die an verleumderischen Anwürfen und Verunglimpfungen anderer ihre Freude fanden. Es ist schwer, das auszusprechen, aber es ist die Wahrheit die gesagt werden muß.

 

Das Übel ist groß, doch die Heilung liegt nirgends anders als in unserer eigenen Hand. Diejenigen, welche diesen Ausführungen aufmerksam und unparteiisch gefolgt sind, gelangen sehr wahrscheinlich zu denselben Folgerungen: Das einzige Heilmittel ist, sich mit dem Gedanken einer anarchistischen Synthese vertraut zu machen und mit der praktischen Nutzanwendung dieser Erkenntnis sofort und so wirksam wie möglich zu beginnen.

 

An was leidet die anarchistische Bewegung? An jenem mörderischen Streite, der zwischen den drei Richtungen entbrannt ist, deren jede doch als ihr innerer Bestandteil zu betrachten ist. Sollte der gegenseitige Kampf dieser drei Richtungen in ihrem Ursprung, ihrem Charakter oder in ihren besonderen Methoden der Propaganda, der Organisation und der Betätigung begründet sein, wäre das Heilmittel, das ich vorschlage, hinfällig, wertlos und unanwendbar. Wir müßten in diesem Falle wohl oder übel nach anderen Mitteln Umschau halten. Käme aber ein solcher Einwand nicht in Frage, läge es vielmehr im Interesse des Anarcho-Syndikalismus des freiheitlichen Kommunismus und des anarchistischen Individualismus, zu einer Art Synthese zu gelangen, wäre das umsomehr Grund für uns, diese Synthese schon heute zu versuchen.

 

Ich bilde mir nicht ein, etwas Neues entdeckt zu haben. Luigi Fabri und einige russische Kameraden (Volin, Fleschin und Mollie Steimer), mit denen ich mich schon lange über diese Frage auseinandergesetzt habe, haben mir versichert, daß solche Versuche bereits unternommen worden sind; in Italien durch die Initiative der „Anarchistischen Union", in der Ukraine aus dem Schoße der Organisation „Nabat". Die Ergebnisse waren die besten und wurden nur gestört durch das Aufkommen des Faschismus in Italien und die Eroberung der Ukraine durch die Bolschewisten.

 

Wie fast überall, so bestehen auch in Frankreich bereits zahlreiche Gruppen, welche die anarchistische Synthese in ihren Reihen zur praktischen Anwendung brachten, Gruppen, in denen Anarcho-Syndikalisten, freiheitliche Kommunisten und anarchistische Individualisten im guten Einverständnis mit einander arbeiten; diese Gruppen sind nicht die kleinsten und auch nicht die untätigsten.

 

Die Auseinandersetzung über die anarchistische Synthese als Basis für eine anarchistische Organisation, für Frankreich ein ganz neuer Gedanke, wird ihren Weg nehmen; man kann sie nicht mehr ausschalten. Aber damit diese Auseinandersetzung fruchtbar sei von Anfang an und auch weiterhin, ist es Vorbedingung, daß sie in die reine Sphäre aufrichtiger Kameradschaft getragen werde. Die Wunden, die wir uns geschlagen haben, sind schlimm genug, wir haben keine Ursache, sie noch schlimmer zu machen.

 

Ich weiß, daß es eine große Anzahl von Kameraden gibt, die des ewigen Streites müde sind, der nur noch in künstlich geschaffenen Vorurteilen seine Nahrung findet. Sie wünschen, diesen Dingen ein Ende zu machen. An jene Kameraden wende ich mich zuerst mit meinem ganz persönlichen Vorstoß, der so begeistert begrüßt und so stark verhöhnt worden ist in freiheitlichen Kreisen. Und ich rufe all diesen Kameraden zu: Laßt nicht das Übel die Herrschaft über Euch gewinnen! Beschäftigt Euch nicht mehr mit den Schäden, welche der Bewegung durch jahrelange Kämpfe bereits zugefügt worden sind, sondern versucht, einen neuen Weg einzuschlagen. Man mag noch soviel über das Vergangene reden, die verlorene Zeit wird dadurch nicht zurückgewonnen. Darum verlegt nicht auf morgen, was heute bereits getan werden kann und muß. Beginnt sofort!

 

Hüten wir uns vor allem davor, eine Art Gleichgewicht der individuellen und kollektiven Verantwortlichkeit für die vergangenen Dinge herstellen zu wollen. Haben wir den Mut und die Aufrichtigkeit anzuerkennen, daß die Verantwortlichkeit auf uns allen lastet. Tilgen wir vergangenes Unrecht, indem wir uns geloben, daß jene traurigen Vorgänge in der Zukunft keinen Platz mehr in unseren Reihen finden sollen. Bringen wir der großen Idee, die uns alle eint - Anarcho-Syndikalisten, freiheitliche Kommunisten und anarchistische Individualisten - dieses Opfer, das wahrlich nicht so schwer ist und nur darin besteht, die Nachwirkungen des Grolles und der verletzten Eigenliebe in uns auszutilgen. Versuchen wir ernst und aufrichtig, aus unserem Geiste jede Beunruhigung. aus unserem Herzen jede Bitterkeit zu bannen!

 

Nie zuvor war ein Zusammenschluß unserer Kräfte so notwendig wie heute. Heute, wo wir fast allein stehen gegen eine Welt von Feinden mit unserem Ideal der Freiheit, das durch die Entwicklung des Faschismus und des Bolschewismus eine neue Bedrohung erfahren hat. Beeilen wir uns! Laßt uns nicht einen Tag verlieren!

 

Die Verhältnisse haben es mit sich gebracht, das Frankreich heute das Herz der internationalen anarchistischen Bewegung, der Herd ihrer Aktivität geworden ist. Tausende und Abertausende unserer Kameraden aus fremden Ländern waren gezwungen, hier eine Zuflucht zu suchen. Zerstören wir nicht ihre Hoffnung und ihr Vertrauen, indem wir ihnen den abstoßenden Anblick eines ewigen Bruderkampfes vor Augen führen. Bieten wir ihnen das Bild einer großen Familie, in der sie ebenso willkommen sind wie alle anderen: bauen wir ihnen einen Herd, an dem sie die Fackel ihrer Hoffnungen immer wieder neu entzünden können, trotz der harten Prüfungen des Exils. Ziehen wir unser Gewissen zu Rate um zu begreifen, daß der fortgesetzte Bruderkrieg fast einen Verrat an unserer Sache gleichkommt, heute, wo die internationalen Ereignisse und die abscheulichen Verfolgungen uns alle zur Verteidigung unserer heiligsten Rechte zwingen sollten.

 

Je zerstreuter unsere Kräfte sind, umso schwächer sind wir. Je stärker solidarische Bande uns vereinen, umso mächtiger wachsen uns die Kräfte. Laßt uns diese elementare Wahrheit nie aus dem Auge verlieren. Sorgt dafür, daß sie die Richtlinie unseres Handelns werde!

 

Quelle: Fanal, anarchistische Monatszeitung herausgegeben v. Erich Mühsam Jahrgang 3 Nr. 3 Dezember 1928 / Reprint des Impuls Verlag Band 3 Seite 57-60

 



Bakunin und Marxismus

 

Bakunins Gegnerschaft zum Staat wurde bereits erwähnt und dokumentiert. Der Staat bedeute die Verwaltung einer Mehrheit durch eine Minderheit, er sei das Gefängnis des Volkes und garantiere den einen Reichtum und Eigentum, während die Anderen mit Armut und Sklaverei konfrontiert seien. Bakunin sah also den Staat als repressiven Mechanismus, der den Kapitalismus und dessen Ungleichheiten aufrechterhält und deshalb zerstört werden müsse. Der Staat sei die Verneinung von Freiheit und Gleichheit, daher sei seine Vernichtung eine historische Notwendigkeit.

 

Er war Anarchist, dies hieß für ihn die Propagierung der freien Organisation der eigenen Interessen der Menschen von unten nach oben, ohne jede Einmischung, Bevormundung oder Nötigung und ohne Zwang und Herrschaft. Eine zukünftige anarchistische Gesellschaft stellte er sich als das "völlig freiheitliche und von unten nach oben organisierte, unabhängige Bündnis der unabhängigen Produktivassoziationen, Gemeinden und regionalen Föderationen" ([Bakunin1999], S. 220) vor.

 

Er sprach sich also für Föderationen von Einheiten aus. Diese Einheiten waren auf einer unteren Stufe für ihn im wesentlichen Gemeinden, die allerdings wiederum als Föderationen von Personen gesehen werden könnten. Der Staat sei "durch eine Organisation zu ersetzen, deren einzige Grundlage die Interessen, Bedürfnisse und die natürliche Anziehungskraft der Völker sind, deren Prinzip die freie Föderation der Einzelpersonen in Gemeinden, der Gemeinden in Provinzen, der Provinzen in Nationen, endlich der Nationen in den Vereinigten Staaten zuerst Europas, dann der ganzen Welt ist" ([Bakunin1995], S. 23). Dabei sei das Recht des freien Anschlusses und der freien Trennung wesentlich. An anderer Stelle (siehe [Bakunin1984], S. 6) meinte Bakunin, dass sich Produzentenvereinigungen aus freiem Willen in Kommunen föderieren sollten, aus denen wiederum freie Föderationen von Kommunen entstehen. Die wesentlichen organisatorischen Einheiten einer anarchistischen Gesellschaft sind für Bakunin also Produktivassoziationen und Kommunen. Bakunin sprach sich dafür aus, dass Grund und Boden das Eigentum derer sind, die sie bebauen.

 

Er lieferte auch eine nicht unbedeutende Religionskritik. Bakunin sprach sich gegen jede Form der Herrschaft aus, also auch gegen die Annahme einer göttlichen Herrschaft über die Menschen. Wenn Gott existiere, so sei der Mensch ein Sklave. Der Mensch, so Bakunin, kann und soll aber frei sein, daher existiere Gott nicht ([Bakunin1995], S. 59). Die Freiheit sei nur kollektiv möglich: "Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen, ebenso frei sind wie ich" ([Bakunin1995], S. 132). Es sei an der Zeit, mit allen Päpsten und Priestern ein Ende zu machen, auch wenn sie sich selbst Sozialisten nennen würden. Damit kritisierte er die autoritären Sozialisten.

 

Bakunin argumentierte wie in der klassischen philosophischen Religionsphilosophie schon Ludwig Feuerbach, dass Gott eine Projektion des Menschen sei: "Der auf dieser Erde nur Dummheit, Ungerechtigkeit und Elend findende Mensch schafft durch seine Einbildungskraft eine erdichtete Welt, in welche er all seine Bestrebungen, Hoffnungen und sein Ideal überträgt" ([Bakunin1995], S. 27), "der Himmel der Religion ist also nichts als eine Lichtspiegelung, in der der Mensch, von Unwissenheit und Glauben überspannt, sein eigenes Bild wiedersieht, aber vergrößert und verkehrt, d.h. vergöttlicht" ([Bakunin1995], S. 58). Die Religion und Gottesphänomene seien nur durch eine soziale Revolution zu zerstören.

 

In "Gott und der Staat" wendet sich Bakunin gegen die philosophischen Idealisten, die davon ausgingen, dass der Mensch sowie sein Bewusstsein, seine Ideen und sein Handeln von Gott gewollt und von Gott gemacht seien. Bakunin war wie Marx Materialist, er sah die Ökonomie als Basis der Gesellschaft, die den Überbau (Religion, Kultur, Politik, Ideologie, ...) bestimmt. Er ging auch von einer geschichtlichen Entwicklung als zielgerichtetem, fortschreitendem Aufstieg der Menschheit aus.

 

Der Gottesglaube des Volkes ließe sich, so Bakunin, durch seine elende Lage im Kapitalismus erklären. Sie hofften auf die Befreiung im Jenseits durch Gott und nicht durch eine soziale Revolution. Wer an die Legitimität der Herrschaft Gottes glaube, der akzeptiere auch die Herrschaft der Kirche und des Staates. "Als Sklaven Gottes müssen die Menschen auch Sklaven der Kirche und des Staates sein, insoweit als der Staat von der Kirche geheiligt ist. [...] Es ist klar, daß, solange wir im Himmel einen Herrn haben, wir auf der Erde Sklaven sind. Solange wir glauben, ihm absoluten Gehorsam schuldig zu sein (und einem Gott gegenüber gibt es keinen anderen Gehorsam), müßten wir uns notwendig der Autorität seiner Mittler und Auserwählten ohne Widerstand und ohne die geringste Kritik unterwerfen, als da sind: Messien, Propheten, von Gott erleuchtete Gesetzgeber, Kaiser, Könige und alle ihre Beamten und Minister, geweihte Vertreter und Diener zweier großer Institutionen, die uns darstellen als von Gott selbst zur Leitung der Menschen eingesetzt: der Kirche und des Staates" ([Bakunin1995], S. 59, S. 133). Ein Staat ohne Religion sei undenkbar.

 

Bakunin sah es nicht so, dass es im Anarchismus keine religiösen Vereinigungen mehr gibt, er war allerdings für die Abschaffung des Staates und damit von Staatsreligionen. Eine seiner Grundideen war also "die Abschaffung jeder vom Staat geschützten und bezahlten Kirche. Absolute Gewissens- und Kultusfreiheit mit unbeschränktem Recht eines jeden, seinen Göttern Tempel zu errichten und seine Priester zu bezahlen. Absolute Freiheit der religiösen Assoziationen" ([Bakunin1984], S. 13).

 

Obwohl Bakunin für die Freiheit aller Menschen war, konnte er sich von reaktionären, bürgerlichen Denkmustern nicht vollständig befreien. So verfiel er beispielsweise dem Arbeitsfetisch. Er meinte, dass nur jene politische Rechte haben sollen, die arbeiten. JedeR müsse arbeiten, um zu leben, anderenfalls sei er/sie einE DiebIn.

 

Sowohl Marx als auch Bakunin bedienten sich reaktionärer, antisemitischer Klischees. Derartiges trübt jede emanzipatorische Theorie. Bakunin sprach z.B. von der Hochfinanz als "jüdische Herrschaft" ([Bakunin 1999], S. 116) und meinte über Karl Marx: "Marx ist seiner Herkunft nach Jude. Man kann sagen, daß er alle Vorzüge und alle Nachteile dieser begabten Rasse in sich vereint. Empfindlich und nervös bis zur Feigheit, wie einige behaupten, ist er außerordentlich ehrgeizig und eitel, streitsüchtig, unduldsam und absolut, wie Jehova, der Herrgott seiner Vorväter, und wie dieser rachsüchtig bis zum Wahnsinn. Es gibt keine Lüge, keine Verleumdung, die auszudenken und zu verbreiten er nicht fähig wäre, gegen den, der das Unglück hatte, seiner Eifersucht zu wecken, oder ganz gleich, seinen Haß" ([Bakunin1999], S. 288). Marxens unterstelle Charaktereigenschaften kämen also daher, so Bakunin, dass seine Eltern jüdisch waren!

 

Kennzeichnend für die Auseinandersetzung zwischen Anarchismus und Marxismus ist der Disput zwischen Bakunin und Marx um die Rolle des Staates in einer postkapitalistischen Gesellschaft: Marx unterscheidet zwischen zwei Entwicklungsstufen des Kommunismus: dem rohen Kommunismus, der sich durch die "Negation des Privateigentums" ([MEW], Ergänzungsband 1, S. 553) auszeichnet und dem "Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums" ([MEW], Ergänzungsband 1, S. 536).

 

In der ersten Form werde zwar das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital aufgehoben, Herrschaft und Entfremdung bestünden aber weiter. Diese Phase sei kommunistische Gesellschaft, "wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft nach langen Geburtswehen hervorgeht" (Kritik des Gothaer Programms, [MarxEngels1974], Band 2, S. 16). Dieser Gesellschaftsabschnitt sei "in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet [...] mit den Muttermalen der alten Gesellschaft" (ebd.). Das Leistungsprinzip und der Tausch von Warenäquivalenten seien weiterhin notwendig. Jeder Arbeiter erhalte Konsumtionsmittel in dem Wertausmaß, das er selbst produziere. Dies könne z.B. auf die Art vor sich gehen, dass ein Produzent einen Schein erhält, auf dem steht, wieviel Arbeitszeit er geliefert hat. Er könne sich dann aus dem gesellschaftlichen Vorrat Konsumtionsmitteln im Wert dieser Gutschrift herausnehmen. Proudhons Tauschbank funktionierte nach dem selben Prinzip. Allerdings dachte dieser, dass damit die Akkumulation ein Ende nehmen würde und wurde daher von Marx als "Kleinbürger" geschmäht.

 

Marx meinte, daß in so einer Phase des Kommunismus noch das bürgerliche Recht gelte. Dies bedeute Ungleichheit: "Der eine ist aber physisch oder geistig dem andern überlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder kann während mehr Zeit arbeiten [...] Bei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Anteil an dem gesellschaftlichen Konsumtionsfonds erhält also der eine faktisch mehr als der andre, ist der eine reicher als der andre etc." ([MarxEngels1974], Band 2, S. 16f). Freiheit sei also in so einer Gesellschaftsphase quasi noch nicht verwirklicht, Lohnarbeit, Herrschaft, Staat, Entfremdung und das Wertgesetz bestehen weiter, lediglich die Klassenverhältnisse sind aufgehoben.

 

Der Staat müsse aufrechterhalten werden, um zu regieren und die Produktionsmittel in seiner Hand zu zentralisieren. Weiters müsse er die Produktion kontrollieren und planen, da die Arbeiter in dieser Phase der Gesellschaft noch keine Form des Bewusstseins hätten, die über die bürgerliche Gesellschaft wesentlich hinausgeht und das sie die kollektiven Interessen verwirklichen ließe. Der Staat müsse die gesellschaftliche Produktion nach den Bedürfnissen der Arbeitenden planen und berechnen.

 

Das Wertgesetz bleibt in dieser Phase bestehen, der Staat wacht darüber, ob die Arbeiter ihre Arbeitskraft verwerten. Überwachung und Leitung in autoritärer Form seien also weiter notwendig. Der Staat sei in dieser "politischen Übergangsperiode" nicht anderes als "die revolutionäre Diktatur des Proletariats" (Kritik des Gothaer Programms, [MarxEngels1974], Band 2, S. 24). Diese Periode ist also eine Herrschaft des Proletariats, im Gegensatz zum Kapitalismus herrsche anstelle einer Minderheit die Mehrheit.

 

In der zweiten Form des Kommunismus sei die Arbeit als Tätigkeit für den Menschen nicht mehr Entfremdung, sondern Selbstverwirklichung für die Gemeinschaft. An "die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen", so heißt es im Kommunistischen Manifest, trete nun "eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" ([MarxEngels1974], Band 1, S. 45). In dieser höheren Phase des Kommunismus verschwinde die Teilung der Arbeit, der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit, die Arbeit sei dann nicht mehr Mittel zum Leben, sondern das erstes Lebensbedürfnis, und die Produktivkräfte hätten sich so weiterentwickelt, dass "die Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen". Der bürgerliche Rechtshorizont sei erst dann überschritten und die Gesellschaft funktioniere nach dem Prinzip "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" (Kritik des Gothaer Programms, [MarxEngels1974], Band 2, S. 17).

 

In der ersten Phase des Kommunismus sei Arbeit eine Notwendigkeit, eine Zweckmäßigkeit, um zu überleben, aber keine Selbstverwirklichung. Marx spricht daher vom "Reich der Notwendigkeit". Das "Reich der Freiheit" zeige sich erst in der zweiten Phase, wenn durch die Produktivkraftentwicklung der Arbeitstag wesentlich verkürzt wird und Arbeit eine sinnstiftende Tätigkeit darstellen kann: "Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeiten bestimmt ist, aufhört; [...] Jenseits des [Reichs der Notwendigkeit] beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als einer Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung" (Das Kapital, Band 3, [MEW], Band 25, S. 828).

 

In dieser höheren Gesellschaftsform sei das "Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums" (Kapital Band 1, [MEW], Band 23, S. 618). Durch die Weiterentwicklung der Produktivkräfte könne die gesellschaftlich notwendige Arbeit auf ein Minimum reduziert werden, es sei kein Staat zur Planung der Produktion mehr notwendig. Er würde von selbst absterben.

 

Wie dies vor sich gehen sollte, machte Lenin in "Staat und Revolution" deutlich: Durch die Aufhebung der Arbeitsteilung und der Trennung körperlicher und geistiger Arbeit werde Arbeit zur ersten Lebensbedingung. Dies sei die erste Voraussetzung zum Absterben des Staates. Die zweite sei dadurch gegeben, dass die Menschen innerhalb der ersten Phase des Kommunismus lernen würden, den Staat selbst zu regieren, um jene, die noch in bürgerlichen Denkmustern verharren, zu kontrollieren. Dadurch würde die Notwendigkeit des Regierens verschwinden. Beide Voraussetzungen würden sich in der ersten Phase herausbilden und der Staat würde von alleine absterben.

 

Michael Bakunin verneinte die Notwendigkeit einer Übergangsphase, ja er meinte sogar, dass eine solche den Sozialismus verunmögliche, da die staatliche Herrschaft nicht von selbst verschwinde, sondern dazu da sei, um die Ausbeutung und Unterdrückung aufrechtzuerhalten. Solange es einen Staat gäbe, sei der Sozialismus unmöglich, daher müsse der Staat zerstört und nicht aufrechterhalten werden.

 

Der kapitalistische Staat und die Diktatur bedeuten, so Bakunin, "beide das Gleiche: die Verwaltung einer Mehrheit durch eine Minderheit" ([Bakunin1999], S. 283). Beide seien reaktionär. Solange es einen Staat gäbe, würden auch Herrschaft und Sklaverei existieren (S. 337). Es könne niemals das gesamte Proletariat zur herrschenden Klasse erhoben werden, da dies zig Millionen Menschen umfasse (Marx und Engels meinten im Kommunistischen Manifest: "Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staates, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren" [MarxEngels1974], Band 1, S. 44). Daher würde sich notwendigerweise der Despotismus einer kleinen Anzahl von Repräsentanten, einer "Aristokratie wirklicher und angeblicher Gelehrter", entwickeln (S. 337f).

 

Lob gab es seitens Bakunins für Marxens Materialismus. Denn es trifft für ihn tatsächlich zu, dass "das ökonomische Faktum immer dem juristischen und politischen Recht vorausgegangen ist" (S. 290). Bakunin warf Marx vor, dass dieser die Internationale Arbeiterassoziation seiner Diktatur und Disziplin unterwerfen wolle. Außerdem sei Marx für die Gründung eines Volksstaates, in dem das Proletariat herrscht. Das hieße aber auch, dass es Beherrschte geben würde, wie z.B. die Bauern, die von den Marxisten nicht als revolutionär angesehen würden und daher in so einem Volksstaat vom Proletariat unterdrückt werden würden (siehe S. 337).

 

Bakunin meint, dass er Marx mit seiner Polemik zum Zugeständnis gebracht habe, dass die Anarchie oder Freiheit das letzte Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung sei. Als Mittel dahin propagierten die Marxisten die staatliche Diktatur. Bakunin bezweifelt, dass der Staat von selbst absterben wird, da die Freiheit nur durch Freiheit zu schaffen sei und nicht durch die Knechtung und Versklavung der Massen durch einen Staat (S. 339). Denn der Staat bedeutet für Bakunin das Gegenteil von Freiheit, nämlich Versklavung, Herrschaft und Unterdrückung. Die soziale Revolution, die die Anarchisten wollen, führe direkt zum Bruch mit Staat und Herrschaft.

 

Die folgenden Worte Bakunins klingen wie eine Beschreibung des Realsozialismus. Er schrieb sie jedoch schon 1873: Die "Anführer der kommunistischen Partei [...] werden die Zügel der Regierung in einer starken Hand konzentrieren, weil das unwissende Volk einer sehr starken Betreuung bedarf; sie werden eine einzige Staatsbank gründen, die die ganze kommerziell-industrielle, landwirtschaftliche und sogar wissenschaftliche Produktion auf sich konzentrieren [...] unter dem unmittelbaren Kommando von staatlichen Ingenieuren, welche eine neue privilegierte, wissenschaftlich-politische Klasse bilden werden" (S. 342).

 

Zusammenfassend: "Ich bin kein Kommunist, weil der Kommunismus zugunsten des Staates alle Kräfte der Gesellschaft konzentriert und absorbiert, weil er unvermeidlicherweise das Eigentum in den Händen des Staates konzentriert. Ich hingegen wünsche die Aufhebung des Staates, die vollständige Ausrottung des Staates [...] Ich wünsche die Organisation der Gesellschaft und des gesellschaftlichen Eigentums von unten herauf auf dem Wege der freien Assoziation und nicht von oben herab durch irgendwelche Autorität, also wünsche ich die Abschaffung des Staates" (zitiert nach [Bakunin1999], S. 408).

 

Die Frage des Staates ist heute noch zwischen Anarchisten und Kommunisten umstritten. Damals führte sie zur Spaltung der 1. Internationale (Internationale Arbeiterassoziation). Bakunin und seine Anhänger wurden Anfang September 1872 ausgeschlossen.

 



“Das hier geht an die Verrückten, die Außenseiter, die Rebellen, die Unruhestifter, an die, die aus dem Muster fallen… diejenigen, die die Dinge anders sehen — sie halten nichts von Regeln und respektieren den Status Quo keineswegs… Du kannst sie zitieren, anderer Meinung sein als sie. Du kannst sie glorifizieren oder sie herabwürdigen, aber das einzige, was du nicht tun kannst ist, sie zu ignorieren, weil sie die Dinge nämlich verändern … Sie bringen die menschliche Rasse weiter und obwohl sie andere als die Verrückten sehen, sehen wir sie als Genies. Denn diejenigen, die verrückt genug sind, zu denken, dass sie die Welt ändern könnten, werden diejenigen sein, die es tatsächlich tun.”
Jack Cerouac

“Here’s to the crazy ones; the misfits; the rebels; the trouble-makers; the round pegs in the square holes; the ones who see things differently. They’re not fond of rules, and they have no respect for the status-quo. You can quote them, disagree with them, glorify, or vilify them. But the only thing you can’t do is ignore them. Because they change things. They push the human race forward. And while some may see them as the crazy ones, we see genius, because the people who are crazy enough to think they can change the world, are the ones who do.”
Jack Kerouac, On the Road



Foucault konzentriert sich in seinen Ausführungen auf den äußeren Raum:
"Wir leben nicht in einer Leere, innerhalb derer man Individuen und Dinge einfach
 situieren kann. Wir leben nicht innerhalb einer Leere, die nachträglich mit bunten
 Farben eingefärbt wird. Wir leben innerhalb einer Gemengelage von Beziehungen,
die Plazierungen definieren, die nicht aufeinander zurückzuführen und nicht
miteinander zu vereinen sind."
Es gibt gleichfalls - und das wohl in jeder Kultur, in jeder  Zivilisation - wirkliche Orte,
 wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind,
sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien,
in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert,
 bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte,
wiewohl sie tatsächlich geortet werden können. Weil diese Orte ganz andere sind als
 alle Plätze, die sie reflektieren oder von denen sie sprechen, nenne ich sie(...)
Heterotopien."
In die Überlegungen des Raums muß auch der Begriff der "Macht" einbezogen werden.
 Im erwähnten mittelalterischen Ensemble  ist ein klar hierarchischer Aufbau der
 Räume ablesbar, der die Machtstrukturen spiegelt: Je weiter oben ein Raum
angesiedelt ist, desto mehr Macht wird ihm zugesprochen. Mit der Änderung dieser
 Gliederung kommt es zur Erzeugung einer gleichwertigen, auf einer "Stufe"
befindlichen Ebene. Diese Gleichwerigkeit ist aber nur eine scheinbare: dies drückt
 sich am deutlichsten in der Zuordnung von "Wertigkeiten" aus, die in einem
 zugeordneten Volumen oder Ausmaß von "Macht", "Wissen" und ähnlichem ihren
Ausdruck finden. Foucaults absolut zutreffende Überlegungen zu den Hetereotopien
 machen diese Besonderheiten sichtbar: Die in Bezug auf "Macht u.ä. wichtigste
Qualität der Hetereotopien ist deren hohes Maß an Varianz. Der übrige "Rest-Raum",
 der durch das Festmachen der Hetereotopien praktisch zwangsläufig mitkonstituiert
 und deklariert wird, zeichnet sich durch gewisse statische Verhältnisse, also eine Art
von Invarianz aus, die den Wert des "Rest-Raumes" gegenüber der Hetereotopie
 schmälert. Im Spannungsverhältnis von Varianz und Invarianz zueinander liegt nun
das Potential der Hetereotopie mitbegründet. Dieses Potential ist wertfrei, kann und
 wird aber, wie auch im vorliegenden Fall, einer Position, Intention - oder gar einer
 Ideologie - untergeordnet und nutzbar gemacht.
Die Heterotopie als "ein Ort ohne Ort, der aus sich selber lebt, der in sich geschlossen
 ist und gleichzeitig dem Unendlichen (...) ausgeliefert ist, verheißt zwar eine Freiheit,
 aber in dem Maß wie der Prozeß einer Verbürgerlichung greift, wird diese Freiheit
 inflationär.
Das Foucaultsche Labyrinth - Thomas Ballhausen - Hrsg. Marvin Chlada
 - Gerd Dembowski

 

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BELOHNEN STATT STRAFEN

"Es wird sehr viel darüber geklagt, wenn irgendein Übeltäter einmal 'ungestraft' davon kommt. Tatsächlich ist es aber ein weit größerer Skandal, dass die meisten Staaten der Welt all diese wunderbaren Menschen unbelohnt davon kommen zu lassen. Ein Staat, der nicht fähig ist, zu würdigen, hat sein Recht verspielt, zu strafen." Entwurf eines innovativen Justizsystems. (Von Roland Rottenfußer. Erstveröffentlichung in "Der Zeitpunkt", www.zeitpunkt.ch) Zeit: In der nahen Zukunft. In dem (fiktiven) Zwergstaat Nirgendstein, in einer unzugänglichen Bergregion an der Grenze zwischen Österreich und Italien gelegen, wurde seit der Justizreform von 2012 das Strafprinzip zur Gänze durch ein Belohnungsprinzip abgelöst. Es gibt ein Belohnungsgesetzbuch und eine Belohnungsprozessordnung. Der Nirgendsteiner Polizeiapparat wacht 24 Stunden täglich – ausgestattet mit modernsten Fahndungsmethoden – darüber, dass keine belohnenswerte Tat eines Bürgers unbelohnt bleibt. Neben Geldbelohnungen sind wird den Belobigten von Richtern auch der Aufenthalt in extra dafür konzipierten Belohnungszentren (analog zu Gefängnissen) auf Staatskosten ermöglicht. Reporter Roland Rottenfußer, zunächst skeptisch, reiste nach Nirgendstein, um den dortigen Justizminister Tomaso Moro über das innovative Justizsystem des Landes zu befragen: Wir veröffentlichen zentrale Passagen aus dem Interview:



Frage: Ist es wirklich so, dass in Nirgendstein massenweise Straftäter frei herumlaufen?


Moro: Zunächst einmal möchte ich feststellen, dass es doch bezeichnend sind, dass Sie sich schon zu Beginn unseres Interviews derart auf das Strafen fixieren. Das ist natürlich das Ergebnis einer jahrtausende alten Fixierung der Menschheit auf das Strafen. Generationen sind in dem Sinn erzogen worden, dass schädliche Taten bestraft werden müssen, während nützliche nicht weiter der Rede wert sind. Sie können einem Menschen das Leben retten, indem Sie ihn mit hohem persönlichem Risiko aus einem reißenden Fluss ziehen. Wenn Sie am selben Tag vergessen haben, Ihre Parkscheibe an der Windschutzscheibe zu platzieren, ist das Ergebnis eine Strafe von 20 Euro.


Frage: Sicher wird man bei uns nicht belohnt, aber einen Straftäter frei zu lassen ist doch ungleich schlimmer.


Moro: Warum denn das?


Frage: Er könnte wieder zum Mörder werden.


Moro: Da haben Sie einen wesentlich Punkt angesprochen: die Verbrechensprävention. Die Frage ist also nicht, ob man Verbrechen vorbeugen und potenzielle Opfer schützen soll, sondern wie man das am besten tut. Dazu gibt es allerlei zu sagen. Mein erster Punkt ist: Der einfachste Weg, um Kriminalität zu vermeiden, besteht darin, etwas gar nicht erst zu verbieten.


Frage: Meinen Sie das im Ernst?


Moro: Durchaus. Ein Gesetzesverstoß ist etwas, das per definitionem erst durch ein Gesetz geschaffen wird. Und Gesetze sind ein Spiegel der jeweils herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, die, wie Sie sicher wissen, nicht immer gerecht sind. Wenn Sie die Kriminalitätsrate herabsetzen wollen, überlegen Sie zuerst, welche im Gesetz verankerte Delikte Sie ersatzlos streichen könnten. Es gibt Fälle, in denen das Verbot eigentlich selbst das größte Verbrechen ist.


Frage: Haben Sie Beispiel?


Moro: Da sind zuerst einmal die typischen politischen Delikte, deren Fixierung im Strafgesetzbuch lediglich nur dient, die alten Machtverhältnisse aufrecht zu erhalten. Verstöße gegen Demonstrationsauflagen, Majestätsbeleidigung, Geheimnisverrat in der Presse, Verschwörung zu terroristischen Aktivitäten usw. Dazu kommen dann haarsträubende Eingriffe in die persönliche Freiheit des Bürgers, z.B. das in einigen Staaten übliche Verbot, Alkohol auf freien Plätzen zu genießen. Ein zweiter Themenkomplex sind Drogen. Menschen werden in der so genannten freien Welt noch immer dafür ins Gefängnis gesteckt, dass sie nichts anderes verbrochen haben als sich selbst zu schädigen.


Frage: Und Eigentumsdelikte?


Moro: Wenn Sie die Zahl der Eigentumsdelikte verringern wollen, sorgen Sie zunächst für Gerechtigkeit. Verringern Sie vor das Volumen des im Überfluss vorhandenen Privateigentums und sorgen Sie dafür, dass ein beträchtlicher Anteil am Eigentum Gemeinschaftseigentum ist.


Frage: Wie erklären Sie es sich dann die einhellige Meinung von Experten aus aller Welt, dass der Verzicht auf den staatlichen Strafanspruch ein unkalkulierbares Risiko für eine Gesellschaft darstellen würde?


Moro: Unser einseitiges Belohnungssystem birgt ein gewisses Restrisiko, dass es zu Ungerechtigkeiten kommen kann. Dies gilt allerdings für das alte Strafsystem nicht weniger. So viel Schaden, wie durch das unmenschliche Gefängnissystem tagtäglich verursacht wird, können wir mit unserem Belohnungssystem gar nicht anrichten. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gern Oscar Wilde: „Wenn man die Geschichte erforscht, dann wird man völlig von Ekel erfüllt, nicht wegen der Taten der Verbrecher, sondern wegen der Strafen, die die Guten auferlegt haben.“


Frage: Da ist was dran, aber soll der Staat deshalb dem Schaden, den Verbrecher anrichtet, tatenlos zusehen? Wo bleibt die Solidarität mit den Opfern?


Moro: Wir respektieren den Schmerz und den Verlust der Opfer und tun für deren psychische Betreuung mehr als die meisten anderen Länder. Wir fühlen uns allerdings dem Wohl der Opfer verpflichtet, nicht deren Rachegelüsten, und das beste, was man zugunsten der Opfer tun kann, ist, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, dass Menschen zu Opfern und Tätern werden.


Frage: Und das wollen Sie schaffen, indem Sie auf Abschreckung völlig verzichten!?


Moro: Wenn Abschreckung Verbrechen abschaffen würde, hätten wir längst eine vollkommene Welt. Sehen Sie, manche Verbrechen kann man bis zu einem gewissen Grad wieder gut machen, und unser System macht reuigen Tätern diesbezüglich Angebote. Manche Taten kann man allerdings leider nicht rückgängig machen. Das erzeugt Hilflosigkeit, die die meisten Menschen nicht ertragen können. Und so suchen sie ihrer Verzweiflung Luft zu machen, indem sie ein Mittel wählen, das völlig untauglich ist, diesen Schmerz zu heilen: Sie lassen den Verursacher des Geschehens leiden. Dadurch geschieht aber nichts anderes, als dass das Leiden verdoppelt wird.


Frage: Opfer empfinden es oft als Entlastung, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Die Vorstellung, dass der Schuldige – z.B. bei einem Autounfall – frei herumläuft und sich seines Lebens freut, ist für viele unerträglich.


Moro: Glauben Sie denn im Ernst, dass sich ein Unfallverursacher nach der Tat „seines Lebens“ freut? Ich denke, wenn er nur ein bisschen sensibel hat, wird er seines Lebens nicht mehr froh. In den Wochen und Monaten nach der Tat durchläuft so ein Unglücksrabe meist einen Prozess der Reue und der Selbsterkenntnis. Für diesen inneren Prozess ist es äußerst schädlich, wenn die Justiz einen Menschen über Jahre durch Strafmaßnahmen an seine Vergangenheit fesselt und ihm die Zukunft verbaut. Unser Motto ist immer: „Frage nicht, was jemand getan hat. Frage lieber, was er hätte werden können.“


Frage: Sie zeichnen da ein reichlich idealisiertes Bild von den Tätern. Es gibt nicht nur Menschen, die nach ihrer Tat Reue empfinden.


Moro: Ja, aber ich bitte Sie, solche Menschen sind doch krank. Wer ein Kind überfährt und dabei nichts empfindet, der gehört in Behandlung – nicht in eine Bestrafungsmaschinerie, die ihn dazu zwingt, nur noch mit anderen Kranken zusammen zu sein und die ihn noch kränker macht als er es ohnehin ist. Was in so einem Fall allein zählt, ist, den Schaden zu begrenzen, auf Opfer- und Täterseite Heilung zu bewirken und eine Wiederholung möglichst unwahrscheinlich zu machen.


Frage: Das heißt konkret?


Moro: Zunächst gibt es bei uns eine Art „Schuld-Coaching“, eine therapeutische und potenzialorientierte Betreuung. Zweitens sind konkrete Angebote zum Schadensausgleich notwendig, die dem Täter unterbreitet werden, ohne ihn zugleich seiner Würde zu berauben. Man muss den schuldig Gewordenen sagen: Wenn du das tust, hast du ebenso viel Nützliches geleistet, wie du Schaden angerichtet hast. Drittens muss der Täter in jeder Phase der Verarbeitung von seiner Umwelt mit eben dem Respekt behandelt werden, den er seinem Opfer vielleicht in konkreten Fall verweigert hat. Man darf ihn nicht als „von Natur aus böse“ behandelt, sondern als jemanden, der das Potenzial zur Umkehr besitzt. Viertens müssen wir alle dafür sorgen, dass die Bedingungen, unter denen die Tat geschehen konnte, so verbessert werden, dass sie sich nicht wiederholen kann. Im manchen fällen ist die Tat ein Warnlicht, das eine ganze Gesellschaft zur Umkehr mahnt. Brecht sagte: „Wir nennen den Fluss böse, der über die Ufer tritt, aber das Ufer, das ihn begrenzt, nennt niemand böse“.


Frage: Aber man wird nie erreichen können, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft dem Gesetz zustimmen. Man kann von der Minderheit der Unzufriedenen zumindest verlangen, dass sie sich aus Respekt vor der Mehrheit ruhig verhalten.


Moro: Sie können dies hoffen, aber sie können es nicht erzwingen, jedenfalls nicht, ohne eben jene Prinzipien zu opfern, auf denen das Gemeinwesen aufgebaut ist: Freiheit, Würde und Selbstbestimmung. Hier kommen wir zu einem wesentlichen Punkt: Nirgendstein ist überwiegend auf dem Prinzip der Freiwilligkeit aufgebaut. Die Zustimmung zu unserem Sozial- und Justizsystem erfolgt aus freien Stücken, und wir sind als System stabil genug, um die wenigen Ausnahmen zu tolerieren. Das Justizsystem der alten Welt basiert auf der Vergewaltigung derer, die diesem Rechtssystem nicht oder nicht in allen Punkten zustimmen. Wenn sich Delikte auf einem bestimmten Feld häufen, reagiert Ihr mit dem Ruf nach mehr Polizeiknüppeln und mehr Gefängniszellen. Wir überlegen uns dann eher, ob ein Gesetz, das so viele Bürger als nicht zumutbare Einschränkung ihres Freiraums empfinden, nicht abzuschaffen wäre.


Frage: Aber das ist doch eine Gutwetter-Philosophie! Sie funktioniert, solange die Kriminalitätsrate nicht eskaliert.


Moro: Eine hohe Kriminalitätsrate ist immer auch die Folge eines Versagens der Staatsmacht. Sie zeigt, dass der Staat eigentlich nicht zu seinem Volk passt, und dieses ist ja in der Demokratie der Souverän, also liegt die Notwendigkeit, sich anzupassen, auf der Seite des Staates, oder nicht? Die Tatsache, dass Regelverletzungen bei uns nicht bestraft werden, ermöglicht dem Volk endlich eine ehrliche Stellungnahme zu dem betreffenden Gesetz. Es ist sozusagen eine Abstimmung mit den Füßen: Kommt das Gesetz beim Volk an oder eher nicht?


Frage: Das ist schlüssig bei kleinen Vergehen wie Parksünden, aber nicht bei Mord und Totschlag …


Moro: Sie fokussieren sich sehr stark auf extreme Ausnahmen. Wir aber gehen davon aus, dass der Staat nicht das Recht hat, eine ganze Gesellschaft mit Blick auf die wenigen möglichen negativen Abweichungen zu terrorisieren. Es gibt ja in den meisten Staaten auch mächtige Interessengruppen, denen daran gelegen ist, das Zerrbild, des zutiefst bösen, unbelehrbaren Extremtäters an die Wand zu malen.


Frage: Von welchen Interessen sprechen Sie?


Moro: Das Justiz- und Justizvollzugssystem in der alten Welt ist von Straftätern in ähnlicher Weise abhängig wie das Gesundheitssystem von den Kranken. Beide Sparten nähren sich vom Leid und von der Fehlbarkeit der Menschen. Der größte Alptraum für einen Richter wäre das plötzliche Ausbleiben jeglicher krimineller Energie. Anders herum: So lange noch ein einziger Bürger frei herum läuft, besteht für die Gefängnisindustrie noch Wachstumspotenzial.


Frage: Gefängniswärter und Richter profitieren vielleicht vom Verbrechen, aber sie „machen“ es doch nicht!?


Moro: Es besteht ein eher indirekter Zusammenhang. In der alten Welt ist das Verbrechen sozusagen das Brennmaterial, ohne dessen beständige Erneuerung das Feuer des ganzen Justizapparats erlöschen würde. So besteht die Tendenz, einen immer größeren Teil der menschlichen Verhaltenspalette zu Verbrechen zu erklären, den Bezirk des Erlaubten immer weiter zusammenschrumpfen zu lassen. Denn dieser Lebensbereich ist, das Erlaubte, stellt ja die größte Bedrohung für das ökonomische Florieren der Justizbranche dar.


Frage: Und wie sollten wir dieses Problem lösen?


Moro: Es muss eine Berufsgruppe geben, die sich mit der Verbrechensprävention befasst und ein garantiertes Einkommen bezieht, selbst für den Fall dass das Verbrechen völlig ausstirbt. In diesem Fall besteht das Verdienst der Behörde für Verbrechensprävention gerade darin, dass sie ihr Ziel vollständig erreicht hat, und wir werden sie dann eben gerade nicht auflösen, da wir ja sicher stellen wollen, dass sie ihre erfolgreiche Arbeit fortsetzt. Vergessen Sie auch nicht, wie viele zusätzliche Arbeitsplätze wir durch den Belohnungsvollzug schaffen!


Frage: Ist denn Ihre Bevölkerung wirklich einverstanden mit dem neuen Recht? Ich könnte mir vorstellen, dass es massive Proteste dagegen gibt, dass „Verbrecher frei herum laufen“.


Moro: Die Frage ist berechtigt. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Schuldzuweisungen seelische entlastend wirken. Diese Entlastungsfunktion fällt in einem Belohnungssystem weg. Wenn Sie auf jemanden mit dem Finger zeigen können und „Du bist schuld“ sagen, dann lenken Sie damit von einem quälenden Zweifel in ihrem Inneren ab, der Ihnen sagt: „Ich bin schuld“.


Frage: Moment, ich habe sicher schon Schuld auf mich geladen, aber ich habe noch keinen Menschen ermordet.


Moro: Ihre naive Meinung, Sie könnten nicht zum Mörder werden, ist so viel wert wie die im Brustton der Überzeugung ausgesprochene Behauptung eines Achtjährigen, er würde nie in seinem Leben ein Mädchen küssen, weil das eklig wäre. Dieser Junge kennt noch nicht die Macht der Sexualität, und Sie kennen noch nicht die Macht mörderischer Aggression.


Frage: Dennoch bezweifle ich, dass man eine Gesellschaftsordnung auf „Gnade“ aufbauen kann.


Moro: Warum nicht? Teilweise passiert das ja schon, auch in Ihrem Land. Manager, die massiv Steuern hinterzogen haben, Banker, die ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben, Politiker, die die Verfassung brechen oder sich mit völkerrechtswidrigen Angriffskriegen solidarisieren – all dies wird von der Justiz mit einem Mantel der „Gnade“ zugedeckt. Um nun Gerechtigkeit herzustellen, hat der Staat zwei Alternativen. Er kann eine strenge Bestrafung dieser Politiker fordern, oder er kann aufhören, die „kleinen Leute“ zu strafen. Wir haben uns für die zweite Lösung entschieden.


Frage: Wenn ein Strafsystem, wie Sie andeuten, den Schatten „anständiger Bürger“ auf die Bestraften projiziert, welche Funktion hat dann ein Belohnungssystem?


Moro: Unser Belohnungssystem bringt endlich den „lichtvollen Schatten“ der Menschen ans Tageslicht bringt: die Vielzahl der sonst unbeachteten kleinen und großen „guten Taten“. Wenn Sie unser Archiv mit zur Anzeige gebrachten Belohnungstaten einmal für einen halben Tag durchblättern würden, dann wären Sie gerührt, in welchem Ausmaß Menschen liebenswert, hilfsbereit und gütig sein können. Es wird sehr viel darüber geklagt, wenn irgendein Übeltäter einmal „ungestraft“ davon kommt. Tatsächlich ist es aber ein weit größerer Skandal, dass die meisten Staaten der Welt all diese wunderbaren Menschen unbelohnt davon kommen zu lassen. Ein Staat, der nicht fähig ist, zu würdigen, hat sein Recht verspielt, zu strafen. Tatsächlich bleibt selbst im strengsten Überwachungsstaat das Böse oft unbemerkt. Das Gute dagegen bleibt immer unbemerkt. Deshalb kann es nicht wachsen, weil es im Schatten verkümmert wie eine Pflanze, die kein Sonnenlicht bekommt.  (Quelle - Roland Rottenfusser)

 

 






    Jede Kunst und jede Kultur, die sich mit der Macht arrangiert, verwandelt sich in Diener einer Ideologie, einerlei ob dies im Namen des sozialistischen Realismus oder des bürgerlichen Pluralismus geschieht. Beide Haltungen beruhen auf Kriecherei vor der herrschenden Klasse. Ideologisierte Kultur und Kunst betreibt man nicht nur, wenn man einer Ideologie oder einem Machtsystem "expressis verbis" hofiert, die ein ausdrückliches Treuebekenntnis vom Künstler und Kulturschaffenden verlangen, wie es bei den gestürzten Regimen Osteuropas der Fall war. Man betreibt sie auch, wenn der Künstler und der Dichter, aus welchen Gründen auch immer, die Widersprüche des Systems schweigend hinnehmen oder gar rechtfertigen. Die Kulturschaffenden werden auch dann zu Claqueueren, wenn sie nicht mit den Händen klatschen und sich in ihre goldene "splendid isolation" zurückziehen. Es genügt ein gleichgültiges oder zynisches Lächeln.

Kunst ist Subversion, Infragestellung der Realität, nuß vom Ziel getragen werden, die Entfremdung, das Elend, den Schmerz und die Destruktion zu enthüllen. Eine Kunst, die im Augenblick des schöpferischen Aktes diese Erscheinungen beiseite schiebt, ist keine Kunst, sondern Ästhetisierung der waltenden Häßlichkeit. Wahre Kunst bedeutet den Versuch, das Menschliche immer wieder in Erinnerung zu bringen, sie ist schon deshalb Widerstand gegen das Unmenschliche und zugleich Offenbarung neuer Daseinsalternativen und utopischer Sehnsüchte. Nur wenn sie sich dieses Telos zu eigen macht, erfüllt sie eine befreiende Funktion,stellt sie sich gegen die von der instrumentellen Vernunft herbeigeführte Brutalisierung des Lebens.

Kunst ist Transzendenz in ästhetischer Gestalt, und sie ist Transzendenz, weil sie die Darstellung und das Sichtbarmachen des Schönen, Wahren und Gerechten im umfassenden Sinn zur Aufgabe hat.

Das heißt aber keineswegs, daß sie erbaulich und positiv sein muß. Das Gegenteil ist der Fall. Sie muß auch den Mut zur Negation haben und sich nicht scheuen, das Schreckliche mit aller Kraft zum Ausdruck zu bringen. Ja, in einer entfremdeten Welt wie der unseren kann echte Kunst nur Verneinung der entfremdeten Wirklichkeit sein; sie ist gezwungen, sich mit dem Häßlichen immer wieder auseinanderzusetzen. Letztendlich geht es um die Entmythologisierung jeder Form von falschem Bewußtsein und institutionalisiertem Schein.

Gewiß, Literatur und Kunst sind nicht militant in herkömmlichem, ideologischem Sinn, aber das heißt nicht, daß sie desengagiert sein müssen. Jede große, wahre Kunst und Literatur geht von einer konkreten Weltanschauung aus, und genauso wenig wie es so etwas wie eine wertfreie Wissenschaft gibt, genauso wenig gibt es eine wertfreie Kultur.  (Heleno Sana)

 

 

Der Dadaismus - fh-KunstForum

Dadaismus - von der Gegenkunst zur Kunst. Das fabian hofmann KunstForum beschreibt Mitglieder, Merkmale und Ziele dieser seltsamen Gruppe.

Dadaismus – Wikipedia

Dadaismus“ ist der heute üblicherweise für diese Kunstrichtung verwendete Begriff. Innerhalb der Dada-Bewegung wurde dieser Begriff bewusst nicht verwendet ...

Dadaismus

Wie Ball in seinem ersten dadaistischen Manifest formuliert: „Nur ein Wort und das Wort als Bewegung“ demonstriert die Autoreflexivität der Bewegung sowie ...

Dadaismus

1914" wird der Dadaismus neben fünfzehn anderen Ismen aufgeführt und von Arp ... Der Dadaismus hat das Bejahen und Verneinen bis zum Nonsens geführt. ...

Dadaismus

Der Dadaismus kritisiert die jüngsten als modern geltenden Kunstrichtungen des Expressionismus, der "ein inhaltsloses, bequemes und unbewegtes Leben zur ...

 

Mit Sohn WenzelIn Folgenden finden Sie das Bild unter:

Joeph Beuys

beuys. ANDERES ...zum hals raus. ... beuys. LEBEN ...schon klein hänschen... PLASTIK ...mehr mit kälte oder mehr mit wärme... beuys ...

Im Folgenden finden Sie das Bild unter:

 

Biographie: Joseph Beuys, 1921-1986

Der Hut - Beuys unverkennbares Markenzeichen - überdeckt die nach seiner schweren Verletzung eingepflanzte Silberplatte in der Schädeldecke. ...

 
           

Voherige Seite TAZ - Die temporäre autonome Zone


 

Libertäre Persönlickkeiten

Hier wollen wir Menschen bzw. deren Veröffentlichungen vorstellen, die im libertären Sinne aktiv waren bzw. aktiv sind.


Rudolf Diesel - ein Solzialreformer oder gar Sozialrevolutionär?

Albert Einstein: Warum Sozialismus? (1949)

13. Oktober - Jahrestag der Hinrichtung des libertären Pädagogen Francisco Ferrer y Guardia (1849 - 1909)

„Den Tagen, die da kommen, gewachsen sein“ (Zenzl Mühsam)

Wer waren Sacco und Vanzetti?

"Her mit dem Tortenstück!" - Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt - Ein Gespräch mit dem (inzwischen ehemaligen) ersten Museumsleiter Jean-Christophe Ammann

Louise Michel -"Sklave ist der Proletarier, Sklave aller Sklaven ist die Frau des Proletariers."

Louise Michel - "Warum ich Anarchistin wurde"

In Erinnerung an Ilse Schwipper (Anarchafeministin, geb. am 24. Juni 1937 ; gest. am 27. September 2007) von ihrer Berliner Gruppe "Las loccas"

www.anarchismus.de


Bild - Gerold

            


1Albert Camus‘ Kritik am Marxismus und an der historischen Revolte in ihrer politisch-geschichtlichen Realisierung im Kapitel „Le Terrorisme d’état et la terreur rationnelle“ seines Essais „L’Homme révolté“ :

Proseminar SS 1997 Literaturwissenschaft:
Albert Camus: Essais und Dramen
Dozent: Dr. J. R. Vorgelegt von Y.S.
A.St.I.
c/o Á. Jour
Brunnenstr. 5
40223 Düsseldorf
1.0 Einleitung

Im Jahre 1951 erscheint Camus‘ Essai „ L’Homme révolté “, das als gedankliche Weiterführung zu dem die Absurdität behandelnden Essai „Le Mythe de Sisyphe“ gedacht war. Es ist ein Versuch , das damalige Zeitgeschehen zu verstehen, das geprägt ist vom Nachdenken über den deutschen und italienischen Faschismus, dem zweiten Weltkrieg, den Entartungen des Stalinismus , dem Kalten Krieg und der Angst vor dem drohenden Atomkrieg. Camus sucht nach den Ursprüngen von
Schreckensherrschaft und Unterdrückung. Dabei entwickelt er aus seinem
Absurditätsdenken die Unterscheidung von Revolte und Revolution, die sich durch den Individualismus und das Solidaritätsstreben des Ersten und den Totalität beanspruchenden, dadurch degenerierenden Charakter des Zweiten unterscheiden. Camus‘ Werk bildet sich aus den beiden großen Themenbereichen der metaphysischen und historischen Revolte. In dieser Hausarbeit steht die historische Revolte und insbesondere die Kritik am Marxismus im Mittelpunkt der Untersuchung, weil sie den Kernpunkt der Umkehrung von Gerechtigkeitsstreben in Unterdrückung am Beispiel des Marxismus/Stalinismus herausstellt. Der Abschnitt mit dieser Thematik ist
„Le Terrorisme d’état et la terreur rationnelle“ mit Schwerpunkt auf die zweite Hälfte. Die Kernfrage dieses Abschnitts ist die, aus welchen Gründen der Marxismus, der ja eigentlich eine Gesellschaft gleicher und freier Menschen anstrebte, scheitert bzw. sich in sein Gegenteil, die Unterdrückung im Stalinismus, umkehrt.
Was sind die Grundlagen der Theorie?
Wo liegen die Schwächen und Fehleinschätzungen der Theorie?
Wo ist der Wendepunkt , an dem der Marxismus totalitär und unterdrückerisch wird?
Welche Rolle spielt die Geschichtsauffassung?
Diese Fragen zu beantworten , ist hier die Aufgabe. Erweiternd wird noch ein Beispiel der Kritik aus dem Lager der autoritären Linken gegeben, das den Streit und Bruch Camus‘ mit den Kommunisten um Sartre begründete. Ein Versuch, den libertären Sozialismus und Anarchismus als Alternative und dem Revoltedenken verwandt zu zeigen, bildet den Abschluß dieser Arbeit. Mittels eingehender Betrachtung des Primärtextes, dem gesammelten Wissen aus der verfügbaren Sekundärliteratur und dem historischen Hintergrund sollen die Fragen beantwortet werden. Die Gründe für diese Themenwahl liegen im persönlichen Interesse an Sozialpolitik und Geschichte als auch an dem Umstand, daß Camus für seine politische Arbeit wenig bekannt ist.

2.0 Einführende Erklärungen zu
„Le Terrorisme d’état et la terreur rationnelle“

2.1 Revolte und Revolution:

Camus macht in seinem Werk eine essentielle Unterscheidung zwischen Revolte und Revolution. Er definiert zuerst die metaphysische Revolte. Ein Revoltierender sagt nein zu einem unerträglichen Zustand und setzt somit eine Grenze fest. Er fordert ein Recht ein, dessen Existenz in ihm bewußt ist. Doch verneint der Revoltierende nicht nur , er solidarisiert sich mit anderen Unterdrückten und bejaht die Gemeinschaft. Camus prägt diese Vorstellung mit der Aussage „Je me révolte, donc nous sommes. “ . Von ihrem Wesen her kann die Revolte also gar nicht egoistisch sein, da der Revoltierende auch für die anderen kämpft. Sie ist auch nicht imperialistisch , da man sich selbst verteidigt. Die Problematik besteht allerdings darin, fern der Religion Handlungsregeln zu finden. Das metaphysische an der Revolte erklärt folgendes Zitat: „La révolte métaphysique est le mouvement par lequel un homme se dresse contre sa condition et la création tout entière. Elle est
métaphysique parce qu’elle conteste les fins de l’homme et de la création.“
Der metaphysisch Revoltierende protestiert gegen die Lebensumstände, die er in seiner Rolle als Mensch ertragen muß. Es muß einen gemeinsamen Wert geben , den alle Menschen teilen. Wird ein Mensch unterdrückt, ist dies nicht mehr der Fall. Es gibt einen Menschen, der die Grundbedürfnisse nach Freiheit und Gerechtigkeit eines anderen leugnet . Der Revoltierende wehrt sich gegen die höhere Gewalt und zieht sie auf eine gleiche Stufe mit ihm. So lehnt sich er zuerst vor allem gegen Gott auf, der über ihn steht und sein Schicksal bestimmt. Die Revolte ist ihrem Wesen nach irrational, weil sie aus dem tiefsten Inneren des Menschen kommt. Sie endet mit dem Mord , der Maßlosigkeit, und ist dann Revolution. Die Revolution ist sehr vom Nihilismus geprägt, der keine Werte anerkennt. Der Nihilismus führt auch die Forderung des Absoluten in die Revolution ein. Entweder lehnt er das Bestehende, die Schöpfung total ab , weil er den Schöpfer haßt, oder er befürwortet nur das momentan Erreichte, weil es ihm lieber als eine beschnittene Freiheit ist. Zerstörung oder Totalität ist die Devise. Die Revolution will mit allen Mitteln die Revolte realisieren und vergißt dabei die Ursprünge beziehungsweise leugnet sie. Die absolute Freiheit fordert absolute Pflichten. Sie findet kein Maß mehr .

2.2 „La Prophétie Bourgeoise“ und „La Prophétie Révolutionnaire“:

In den beiden ersten Abschnitten „La Prophétie Bourgeoise“ und „La Prophétie Révolutionnaire“ des Kapitels „Le terrorisme d’état et la terreur rationelle“ seines Essais „L’Homme Révolté“ betrachtet Albert Camus den Marxismus unter dem Aspekt der Prophezeiung (la prophétie). Er stellt hier fest, daß Marx sowohl vom christlichen als auch vom bürgerlichen Messianismus beeinflußt wurde, als er seine Theorie vom Marxismus und somit den von Camus so benannten wissenschaftlichen Messianismus aufstellte. Er weist den Christen die Begründung der linearen Geschichtsauffassung zu. Dazu sagt Camus : „Les chrétiens ont, les premiers, considéré la vie humaine, et la suite des événements, comme une histoire qui se déroule à partir d’une origine vers une fin, au cours de laquelle l’homme gagne son salut ou mérite son châtiment. “ Das Leben des Christen richtet sich auf eine Belohnung oder Bestrafung nach dem Tode, also ein Ziel außerhalb des menschlichen Daseins in einem metaphysischen Bereich . Das bürgerliche Denken des 19. Jahrhunderts setzt dahingegen den Menschen an die Stelle Gottes und den technischen Fortschritt anstelle der christlichen Heilserwartung. Die Konsequenzen daraus veranschaulicht folgendes Zitat: „Lorsqu’on est assuré que demain, dans l’ordre même du monde, sera meilleur qu’aujourd’hui, on peut s’amuser en paix. Le progrès, paradoxalement, peut servir à justifier le conservatisme . [. . . ] À l’esclave, à ceux dont le présent est misérable et qui n’ont point de consolation dans le ciel, on assure que le futur, au moins, est à eux. L’avenir est la seule sorte de propriété que les maîtres concèdent de bon gré aux esclaves. “ Hiermit wird schon das grundlegende Problem deutlich, daß die Revolte zur Revolution degenerieren läßt. Die revolutionäre Prophezeiung ist deshalb revolutionär, weil die Volkswirtschaft nach Marx dem dialektischen System der Produktionsstufen folgt. Jede Produktionsstufe der Wirtschaft läßt Gegenkräfte entstehen, die die derzeitige Produktionsgesellschaft zerstören und eine höhere Produktionsstufe einleiten. Der Kapitalismus soll die letzte dieser Stufen darstellen, denn nach dessen Überwindung durch die Revolution tritt die klassenlose Gesellschaft ein, in der es keine Antagonismen mehr gibt und alle Menschen in Freiheit leben. Die Geschichte ist Wirtschaft und Dialektik zugleich. Mit Erreichen der klassenlosen Gesellschaft ist das Ende der Geschichte erreicht. Dieses Ende der Geschichte ist der Kern des
wissenschaftlichen Messianismus.

3.0 „L’Échec De La Prophétie“

In diesem Abschnitt erläutert Camus die Irrtümer und Fehleinschätzungen Marx‘ in dessen Doktrin und zeigt die Konsequenzen, die aus den dadurch entstehenden Problemen gezogen werden. Am Beispiel einiger Revolutionsbewegungen ab 1917 erörtert Camus , wie sich die Wiederkunft (la parousie ),das heißt das “Kommen“ des klassenlosen „Reiches“ ohne Ungerechtigkeit und Unterdrückung, entfernt. Die Oktoberrevolution in Rußland und die Novemberrevolution in Deutschland und Österreich 1917 wecken große Hoffnungen auf den baldigen Umsturz und die Einleitung des realisierten Sozialismus. Doch die Spartakusbewegung wird unterdrückt, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Der französische Generalstreik als auch die italienische Revolutionsbewegung scheitern. Die Enttäuschung der Hoffnungen derer, die darauf warten, führt zur krampfhaften Suche nach anderen Mitteln zur Verwirklichung der Parusie. „La foi est intacte, mais elle plie sous un énorme masse de problèmes et de découvertes que le marxisme n’avait pas prévus. “ Die revolutionäre Prophezeiung scheitert an wirtschaftlichen und politischen Umständen. Im einzelnen führt Camus die folgenden Widersprüche zwischen Theorie und Realität an:

  • Das Kapital wird weniger von Krisen geschüttelt als erwartet, es ballt sich nicht zusammen, sondern es entsteht eine Mittelschicht aus kleinen Besitzenden, die kein Interesse an Umstürzen oder Streiks hat. Das Gesetz der Zusammenballung trifft überhaupt nicht auf nicht auf die Landwirtschaft zu.
  • Die nationalen Schranken fallen nicht durch den Kapitalismus, sondern es kommt im Gegenteil zum Kampf der Nationalitäten.
  • Das Proletariat wächst nicht unbegrenzt, da der Reformismus und der Syndikalismus zu einer Verbesserung der Lebens-und Arbeitsumstände führen und das soziale Klima ein wenig entschärfen.
  • Der wirtschaftliche Fortschritt läßt eine völlig neue soziale Schicht entstehen. Es sind die Techniker/Technokraten, die die Arbeitsteilung durch ihre Funktion unvermeidlich machen. Sie allein kennen den gesamten Plan eines Arbeitsprozesses und dirigieren die Proletarier.
Dazu Camus :
Marx „n‘a pas cru que cette concentration pourrait survivre à
l’abolition de la propriété privée. Division du travail et propriété
privée, disait-il, sont des expressions identiques. L’histoire a démontré
le contraire. “

3.1 Die Demontierung der Sendung und Selbstbestimmung des Proletariats

„L’oppression par la fonction“ nimmt dem Proletariat dadurch ein Stück
Selbstbestimmung. Die Sendung ( la mission ) des Proletariats wird von den
nationalen Barrieren untergraben , wie auch die Rationalisierung der Arbeit ,die die Arbeiter moralisch schwächte und verzweifeln ließ, nicht zur politischen Reife dieser führte. Camus wirft dem Marxismus vor, den Arbeitern nie die Freude der Schöpfung gegeben zu haben, sondern das Elend derer zur Verwirklichung der Revolution in Kauf zu nehmen:
„Le socialisme industrielle n’a rien fait d’essentiel pour la condition ouvrière parce qu’il n’a pas touché au principe même de la production et de l’organisation du travail, qu’il a exalté au contraire. “ . Die sozialistischen Ideologen interessieren sich mehr für die Revolution als für die Menschen und leugnen so die Sendung des Proletariats: „Les socialistes autoritaires ont jugé que l’histoire allait trop lentement et qu’il fallait, pour la précipiter, remettre la mission du prolétariat à une poignée de doctrinaires. “ Hiermit ist der Wandel von Befreiung zu Unterdrückung, vom ethischen Streben zu reinem Machtstreben in vollem Gange. Alle anderen Erscheinungen sind nur noch Konsequenzen davon. Camus‘ Bild von der Sendung ist ein anderes. „Elle existe pourtant, non pas au sens exclusif que lui donnait Marx, mais comme existe la mission de tout groupe humain qui sait tirer fierté et fécondité de son labeur et de ses souffrances. Pour quelle se manifeste cependant, il fallait prendre un risque et faire confiance à la liberté et à la spontanéité ouvrière. “

3.2 Akkumulation und Hegemonialstreben

Der autoritäre Sozialismus wird schließlich selbst beherrscht von der sich ständig hochschraubenden Akkumulation. Da die kämpfenden sozialistischen Kollektive (collectivités) ihre Theorien durchsetzen wollen und dabei auf den Widerstand der bürgerlichen Gegner und anderer Feindmächte stoßen, müssen sie selber immer mehr anhäufen, das heißt vor allem aufrüsten, um sich durchsetzen zu können. Das führt letztendlich zum Krieg und damit zum Streben nach der alleinigen Vorherrschaft auf der Welt. „Elle s’équipe, elle s’arme, parce que les autres s’arment et s‘équipent. Elle ne cesse pas d’accumuler et ne cessera jamais qu’à partir du jour, peut-être, où elle régnera seule sur le monde. Pour cela, d’ailleurs,il lui faut passer par la guerre. Jusqu’à ce jour, le prolétaire ne reçoit qu’à peine ce qu’il lui faut pour sa subsistance. La révolution s’oblige à construire, à grands frais
d’hommes,l’intermédiaire industriel et capitaliste que son propre système
exigeait. “ Schuld an der Entwicklung von der Revolution zur Sklaverei sind nach Camus‘ Meinung die bürgerlichen Feinde, die von außen angreifen, und die nihilistischen Anhänger des autoritären Sozialismus, die die Menschlichkeit und das Maß zugunsten der Ideologie außer acht lassen .

3.3 Ist der Marxismus wissenschaftlich?

Wieso der wissenschaftliche Sozialismus der Realität so wenig gerecht wird,
beantwortet Camus: „La réponse est simple: il n’était pas scientifique. “ . Die
Problematik besteht in dem Anspruch, gleichzeitig deterministisch und
prophetisch, dialektisch und dogmatisch sein zu wollen. Der Geist als Spiegelbild der Dinge kann nicht den zukünftigen Lauf der Dinge vorhersehen. Die Ableitung der Theorie von der Wirtschaft kann nur die Vergangenheit beschreiben ,nicht die Zukunft. Der Marxismus ist nur wissenschaftsgläubig, denn er prophezeit im Absoluten , was er nicht beweisen kann. Die Prophezeiung kann nicht bewiesen werden. Um den Marxismus wissenschaftlich zu machen, muß man die gegen den Determinismus gerichtete, auf Wahrscheinlichkeit und Zufall basierenden Wissenschaften leugnen (Quantentheorie, sprunghafte Mutationen... ). Da Wirtschaft und Wissenschaft sich nicht mehr unbeschadet in den Marxismus einfügen lassen, bleibt nur die Prophezeiung. Damit das Warten und Kämpfen für diese nicht unerträglich und absurd erscheint, braucht man einen starken Glauben. Somit bekommt der sich als wissenschaftlich bezeichnende Marxismus eine
mystische und religiöse Dimension. Der Glaube an das Ende der Geschichte, die klassenlose Gesellschaft, sind die einzige Aufrechterhaltung der schon lange kämpfenden Proletarier. Das Ende der Geschichte ist ein statischer Endzustand, eine konsequent gedachte Dialektik läßt aber kein Ende zu. Es werden immer neue Antagonismen entstehen, auch nach der Stufe des Kapitalismus und Sozialismus. Ein Ende der Dialektik kann nur gewaltsam aufgesetzt sein, es ist also ein Dogma und das Dogma bleibt die einzige Grundlage des Marxismus, da Wissenschaftlichkeit und Determinismus widerlegt sind und sich die Prophezeiung/Parusie dadurch immer weiter entfernt. Je weiter sie sich entfernt, desto mehr wird sie Glaubensartikel. Es gibt keine göttliche Gnade und keine auf Vernunft basierende Gerechtigkeit mehr.
„La volonté de puissance est venue relayer la volonté de justice, faisant mine d’abord de s’identifier avec elle, et puis la reléguant quelque part au bout de l’histoire, en attendant que rien sur la terre ne reste à dominer. “ Was bleibt sind Terror, Willkür und Macht. Dieses Zitat von David Spritzen erklärt die Verwandschaft des russischen Kommunismus mit der Religion und das Problem des Endes der Geschichte: „In the post-enlightenment Western world, people no longer believe in God. Having lost faith in the vertical transcendence of the divine, they have turned toward history for salvation. Since they seem unable to do without the absolute, horizontal transcendence emerges as compensation, holding out the promise of the „end of history“, by which the sufferings of this world will be overcome. From the
perspective of this historicized absolute, values become gauges of efficacy. The end justifies the means – any means:“
Zusammenfassend erklärt Walther Neuwöhner in seiner Monographie Ethik im Widerspruch: Nach Meinung des Autors wird die Geschichte damit unvermittelt zum Feld der Realisierung absoluter Zielsetzungen. Sie soll der vollkommene Ausdruck jener Prinzipien sein, die mit der Vernunft klar und deutlich erkannt werden können. Es ist offensichtlich, daß sie in solcher Direktheit der geschichtlichen Wirklichkeit nicht gerecht werden; doch wird von den Protagonisten daraus nicht der Schluß gezogen, der zu einer Moderierung der Prinzipien führen könnte. Vielmehr wird an den Prinzipien festgehalten, um die geschichtliche Wirklichkeit ihnen anzupassen. Wo dies nicht möglich ist, wird sie negiert bis zur physischen Vernichtung. “

4.0 „Le Royaume Des Fins“

In diesem Abschnitt wird Lenins Theorie und Politik als explizites Beispiel für die Einführung eines (militärischen ) Imperiums mit Führungseliten dargestellt. Das ist der Weg vom Staat für das Volk zum Staat der weltweiten Vorherrschaft.

4.1 Die Kraft der Wirksamkeit

Gleich zu Anfang stellt Camus die Hauptkomponente in Lenins Vorstellungen vom Weg zur/der Revolution heraus: Die Effizienz oder Kraft der Wirksamkeit. Dabei ist jedes Mittel recht, so wie ihn Camus zitiert: „Il faut être prêt à tous les sacrifices, user s’il faut de tous les stratagèmes, de ruse, de méthodes illégales, être décidé à celer la vérité, à seule fin de pénétrer dans les syndicats. . . et d’y accomplir malgré tout la tâche commmuniste. “
Moral und Ethik werden bei der Verwirklichung der Revolution zu störenden

Hindernissen in der politischen Strategie. Der Reformismus wird von ihm ebenfalls als hindernd empfunden und bekämpft, weil er den Lauf der Geschichte nach der Ideologie stört, obwohl die Lage der Arbeiterschaft durch Reformen verbessert wird. So behauptet Lenin, daß das Proletariat von sich aus keine unabhängige Ideologie erschaffen würde und verneint so die von Camus als Ideal vertretene
„spontanité des masses“ als Antrieb der Sendung des Proletariats. „La théorie, dit-il, doit se soumettre la spontanéité*.“ Er verlangt „Berufsrevolutionäre“ und ideologische Führer. Diese müssen auch zuerst organisiert werden, dann das Volk. Damit steht ein kleine Gruppe von Kadern und Ideologen, denen das Volk zu gehorchen hat, an der Spitze der Revolution. Von der ursprünglichen Sendung des Proletariats, das die eigentliche revolutionäre Kraft darstellte bleibt nichts übrig. Es ist nur noch ein quantitatives Machtinstrument, das von „oben“ gesteuert wird. David Sprintzen erläutert: „Since for him questions of metaphysics and morals were essentially resolved in advance, being summed up in the doctrine of the revolution, the only important issues that remained were strategy and tactics. [. . . ]Before the task of organizing the revolution, all other matters were inconsequential. Moral scruples impede revolutionary action. Even more, the revolution is not a matter of personal expression or of collective self-determination. Spontanous protest on its own leads nowhere. The revolution must be organized, and it must have a theory that is strategically useful and believable to the followers.“

4.2 Der kommunistische Staat

Nach der Überlegung zum Wie der Revolution kommt die Frage nach dem
Aussehen und der Zukunft des Staates, der in seiner bürgerlichen Form auf
Autorität und Unterdrückung fußt. Camus schreibt, daß schon Friedrich Engels erkannte, daß der autoritäre Staat und die klassenlose, freie Gesellschaft nicht einher gehen können, und die Auslöschung des Staates nach dem Verschwinden der Klassengesellschaft zwingend ist. Daher verwirft Lenin die „konkrete Autorität“ Der proletarische Staat im Gegensatz zum bürgerlichen Staat ist nach der Umsetzung der klassenlosen Gesellschaft nicht mehr nötig und löst sich folglich auf. Voraussetzung für die klassenlose Gesellschaft ist jedoch die Diktatur des Proletariats. Sie zerstört die letzten Überbleibsel der bürgerlichen Machtstrukturen durch Enteignung und Sozialisierung der Produktionsmittel und der Bekämpfung bürgerlichen Widerstands. So sehr Lenin das Sterben des proletarischen Staates auch proklamiert, kommt er laut Camus trotzdem zu einer Legitimierung einer zeitlich nicht begrenzten Weiterführung des doch eigentlich provisorischen Staates. Um ein Scheitern wie bei der Pariser Kommune zu verhindern, die blutig niedergeschlagen wurde, hält Lenin auch die unbegrenzte Erweiterung der Befugnisse dieses Staates für rechtens.
„[. ] Lenin affirme, en effet, que le pouvoir est nécessaire pour réprimer la résistance des éxploiteurs [. ]. “ Die Macht rückt also in den Mittelpunkt allen Handelns und Denkens. Damit nimmt der Staat eine völlig neue Mission an, die bei Marx und Engels nicht vorgesehen war. Findet man die entsprechenden Begründungen, dann kann man die Diktatur des Proletariats endlos ausdehnen. Es liegt auch nicht in der Hand des Volkes, darauf Einfluß zu nehmen. Den Widerspruch in der Ideologie und der sozialistischen Realität legt Camus folgends dar: „ Ou bien ce régime a réalisé la société socialiste sans classes et le maintient d’un formidable appareil de répression ne se justifie pas en termes marxiste. Ou il ne l’a pas réalisée, la preuve est faite alors que la doctrine marxiste est erroné et qu’en particulier la socialisation de moyens de production ne signifie pas la disparation des classes." Somit tritt der Staatssozialismus eines Ferdinand Lassalle bei Lenin zutage. Im Gegensatz zu Marx stellt für Lassalle der Staat eine „Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen“ dar, der dazu dient, die Menschen zu erziehen. Die Erziehung der Menschen wird später ein wichtiges Instrument der Machterhaltung. Das offizielle Hauptargument für die Aufrechterhaltung des Staates steht unter dem sozialen Vorzeichen des allgemeinen Wohlstandes. Erst wenn die Devise „Jeder nach seinen Bedürfnissen“ erfüllt ist, also zum Beispiel alle Wohnungen mietfrei sind, das
Ziel erreicht ist, dann stirbt der Staat samt seiner Autorität ab. Schließlich leugnen die Machthaber sogar, jemals den tatsächlichen Eintritt , die Realisierung der klassenlosen Gesellschaft, das Paradies der Arbeiter und Sozialisten, versprochen zu haben. An diesem Punkt geht laut Camus das Prinzip der Freiheit endgültig zugrunde. Als historische Beweise dafür nennt er die Einschränkung der Autonomie der Sowjets, den Kampf gegen den Anarchisten Machno in der Ukraine und die blutige Niederschlagung des Matrosenaufstands 1921 durch die bolschewistischen Regierungskräfte.

4.3 Der Übergang zur Totalität

Doch die Machthaber gehen noch einen Schritt weiter: Sie stellen den Anspruch, die ganze Welt zu „bekehren“, in ihren Worten, jede Ungerechtigkeit , Ausbeutung und kapitalistische Struktur zu zerstören. Daraus folgt auch die stetige Vergrößerung des Machtapparats zur Bewältigung dieser Anforderung und die Vernachlässigung der
eigentlichen Probleme der Bevölkerung. Dieses Weltmachtstreben nennt Camus den „ Imperialismus der Gerechtigkeit“ und dieser verlangt entweder Sieg oder Niederlage. Die Doktrin wird eins mit der Prophezeiung. Die entfernte Gerechtigkeit rechtfertigt die Ungerechtigkeit zur Bekämpfung der Ungerechtigkeit. Der totale Frieden, die totale Gleichheit und Gerechtigkeit sind mystische Ziele, die außerhalb des Jetzt stehen:
„La mystification pseudo-révolutionnaire a maintenant sa formule: il faut tuer toute liberté pour conquérir l’Empire et l’Empire un jour sera la liberté. Le chemin de l’unité passe alors par la totalité. “
Zusammenfassend gesagt: Die Prophezeing ist nicht beweisbar und weist die

klassenlose Gesellschaft ans Ende der Geschichte. Da aber Probleme auftauchen, wird keine Aussage mehr über das Erreichen dieses Zustands gemacht, allerdings fordert man dann die Erfüllung des allgemeinen Wohlstands und die weltweite Einführung des Kommunismus, bevor man den sozialistischen Staat abschafft, der die Übergangsstufe darstellt. So konstruieren sich die Machthaber eine zeitlich nicht eingeschränkte Option auf die alleinige Macht

5.0 „La Totalité“

Auch hier vergleicht Camus wieder die Revolution und ihre Ausführungen mit der Religion. Diesmal zieht er den Vergleich in Bezug auf den Totalitätsgedanken. Die Totalität ist das Verlangen nach der vollkommenen Einheit aller Menschen in Form einer Heilserwartung, sei es das Ende der Geschichte oder das himmlische Gottesreich. Im real existierenden Marxismus-Leninismus in seiner Umwandlung zum Stalinismus in Rußland wird ähnlich dem Christentum die Gesamtheit der Menschen, die Kollektivität über das Individuum gestellt. Der einzelne Mensch muß das Leid ertragen, um eines Tages allen Menschen die totale Freiheit zu ermöglichen. Die langsame Verknechtung des Individuums erst zugunsten der Aufrechterhaltung der Theorie, dann zur Verwirklichung dieser in ihrer Pervertierung zum Machtstreben findet in dem Anspruch der Totalität ihre Vollendung. Camus nennt das, „[. . . ] appeler la liberté la servitude totale. “ .

5.1 Die Dimensionen der Totalität

Ist der Mensch zwar jetzt befreit vom Glauben an Gott und jeder anderen
Transzendenz, so muß er sich nun vor der Partei niederwerfen. Er ist gezwungen, sich dem Lauf der Geschichte zu unterwerfen:
„La pensée historique devait délivrer l’homme de la sujétion divine; mais cette libération exige de lui la soumission la plus absolue au devenir. “ Die Totalität erstreckt sich auf Raum ,Zeit und Mensch . Der Raum wird durch Kriege erobert, die Zeitvorstellung wird absurd, weil kein Ende der Geschichte in Sicht ist , und der Mensch wird durch Kontrolle und Unterdrückung Werkzeug der Totalität. Die konkrete Form der Totalität ist der universale Staat. Er kann nur unter zwei Bedingungen existieren, anderenfalls wird er durch andere Nationen mit anderen Systemen bekämpft: Entweder es finden in allen größeren Ländern zu nahe beieinander liegenden Zeitpunkten Revolutionen statt, so daß überall gleiche Ziele gelten, oder die Revolutionäre müssen die bürgerlichen Nationen im Krieg besiegen. Die erste Bedingung ist an dem Eingreifen der kapitalistischen Bewegungen gescheitert, obwohl die revolutionären Kräfte in Rußland, Deutschland, Italien und Frankreich im Jahre 1917 sehr stark waren. So bleibt nur der Krieg als Weg zum Ziel. Der Kalte Krieg, die ständige Verteidigung gegen die Feinde lassen die Revolution stocken und kehren sie in einen Apparat von Kontrolle, Strategie und Wirklichkeitsverleugnung um. Dies sind falsche Prinzipien. Hier mahnt Camus zur Umkehr: „Si elle ne renonce pas à ses principes faux pour retourner aux sources de la révolte, elle signifie seulement le maintien pour plusieurs générations, et jusqu’à la décomposition spontanée du capitalisme, d’une dictature totale sur des centaines de millions d’hommes; ou si elle veut précipiter l’avènement de la cité humaine, la guerre atomique dont elle ne veut pas et après laquelle toute cité, au demeurant, ne
rayonnerait que sur des ruines définitives. “

5.2 Die Auswirkungen des Totalitätsstreben auf die Individuen oder die Kennzeichen des rationalen Terrors

Die „nature humaine“, das Irrationale, lebt nicht allein von der Geschichte,
deshalb ist sie der
„ cité universelle“ feindlich. Kultur, Kunst und Traditionen
passen nicht in die Doktrin, solange sie sich ihr nicht völlig unterordnen. So wird die menschliche Natur geleugnet. Der Mensch muß geformt werden, das Mittel dazu ist die Propaganda. Je weniger ein Mensch von seiner Natur behält, desto formbarer ist er. Somit wäre er der Idealbürger, da er ganz auf der Linie der Partei ist. Nach dem freudschen Schema bedeutete dies, daß der Mensch lediglich aus sozialem und rationalem Ich bestehen sollte, und daß das unberechenbare Unbewußte getilgt wird. Der Tod als stärkstes irrationales Erlebnis im Leben eines Menschen muß daher auch einbezogen werden. Ein zum Tode Verurteilter wird nur der Öffentlichkeit vorgeführt, wenn er seine Strafe als gerecht erklärt. Die Freundschaft, ein elementarer Teil des menschlichen Lebens, fällt auch der Verformung durch das Regime zum Opfer. Es zählt nur die „politische Freundschaft“ für die Sache der Partei. Persönliche Bindungen dürfen nicht stärker sein als die Bindung an die Lehre des Regimes. Die Solidarität mit anderen Menschen erstreckt sich lediglich auf den Kampf gegen die Feinde außerhalb des Reiches. Die Liebe wird zu einem Abstraktum, konkrete Liebe zu einem Menschen widerspricht dem Bild des zukünftigen, perfekten, befreiten Menschen. Es gibt nur noch das Reich der Sachen, denn das Reich der Menschen ist untergegangen. Das Denunziantentum ist die Konsequenz aus diesen Umständen. Die Beziehung zwischen den Menschen weicht dem Monolog der Propaganda und der Polemik. So wird auch das reale Leben abstrakt wie das Ende der Geschichte. Die Beschäftigung mit der Psyche des Menschen dient allein der Verbesserung der Methoden , die diesen umformen sollen, das heißt den Foltermethoden. Die oben angeführten Umwandlungen im menschlichen Dasein nennt Camus die Kennzeichen des rationalen Terrors.

6.0 „Le Procès“ oder die potentielle Schuld

Als man schließlich feststellt, daß Totalität nicht gleich Einheit ist, rückt der
Mensch immer mehr ins Zentrum der Schuldzuweisung durch die Partei. Stalin räumt während der großen Säuberung 1936-1938 zum Zwecke der alleinigen Machterlangung seine Gegner, vor allem die Revolutionäre aus den ersten Jahren unter Lenin, in Schauprozessen aus dem Weg . Die Religion der Geschichte lebt am Ende von Schuld und Unschuld, die von willkürlichem Ermessen abhängig sind. Die Revolte hat dieses Recht zu strafen nicht. Marx glaubte an den guten Willen der Geschichte,
„la bonne volonté“, der unausweichlich zur klassenlosen Gesellschaft führt. Wenn dies sich nicht erfüllt, muß die Schuld also beim Menschen liegen. Die Vertreter der Geschichtlichkeit strafen jeden Mißerfolg. Der Glaube an sie gekoppelt mit der Aufgabe eigener Interpretationen der Geschichte kann den Einzelnen vor dem Prozeß retten, tut dies jedoch nicht unbedingt. Selbst der absolute Glaube reicht nicht aus, „es richtig zu machen“. Jeder ist potentiell schuldig. "Nothing is more successful in stamping out revolt than a sense of guilt. Individuals must be made to realize that they are nothing by themselves. No wonder the importance of making pride a sin. The unquestioning dominization of a church requires the institution of such guilt, so that the citzenry will feel in advance that they deserve what they get. The church has long known that. And so does the party. “ Camus gibt eine philosophische Definition des Terrors: „[...] [L’objectivité de culpabilité] se résume dans une subjectivité interminable qui s’impose aux autres comme objectivité [...]. “ Das objektive, schuldzuweisende System duldet keine Gleichgültigkeit der Doktrin gegenüber. Neutralität ist gleichbedeutend mit Regimefeindlichkeit. An dieser Stelle ist die Revolution soweit, daß sie ihren Ursprung, die Revolte tötet, um sich selbst am Leben zu halten. Dadurch tötet sie jedoch sich selbst, ist sich dem aber nicht mehr bewußt oder will es sich nicht bewußt machen , weil
schon längst andere Ziele gelten als Freiheit: nämlich die Macht.
„Ici s’achève l’itinéraire surprenant de Prométhée. Clamant sa haine des dieux et son amour de l’homme, il se détourne avec mépris de Zeus et vient vers les mortels pour les mener à l’assaut du ciel. Mais les hommes sont faibles, ou lâches; il faut les organiser. Ils aiment le plaisir et le bonheur immédiat; il faut leur apprendre à réfuser, pour se grandir, le miel des jours. Ainsi,Prométhée, à son tour, devient un maître qui enseigne d’abord, commande ensuite. La lutte se prolonge encore et devient épuisante. Les hommes doutent d’aborder à la cité du soleil et si cette cité existe. Il faut les sauver d’eux-mêmes. Le héros leur dit alors qu’il connaît la cité, et qu’il est seul à la connaître. Ceux qui en doutent seront jetés au désert, cloués à un rocher, offerts en pâture aux oiseaux cruels. Les autres marcheront désormais dans les ténèbres, derrière le maître pensif et solitaire. Prométhée, seul, est devenu dieu et règne sur la solitude des hommes. Mais, de Zeus, il n’a conquis que la solitude et la cruauté; il n’est plus Prométhée, il est César. Le vrai, l’eternel Prométhée a pris maintenant le visage d’une de ses victimes. Le même cri, venu du fond des âges, retenit toujours au fond du désert de Scythie. “

7.0 Die Kritik von Francis Jeanson an Camus‘ Werk

Camus‘ Essai „L’Homme Révolté“ stieß auf großen Widerspruch gerade innerhalb der kommunistischen Linken um Jean Paul Sartre. In seiner Zeitung „Les Temps Modernes“ wurde im Mai 1952 eine Kritik von Francis Jeanson abgedruckt, die Anlaß für einen heftigen Disput zwischen Camus und den autoritären Kommunisten gab. Diese Kritik ist nicht nur sachlich, sondern auch sehr sarkastisch und persönlich angelegt wie schon der Titel zeigt: „Albert Camus ou l’âme révolté“ . Jeanson beginnt seine Kritik mit Zitaten aus einigen Lobreden über das Essai. Er fragt nach dem Geheimnis von Camus‘ Erfolg und impliziert mittels einer Frage eine Schwammigkeit und Vagheit in dessen Werk, das so unterschiedlich denkende Menschen in ihrer Begeisterung vereint: „Ou bien cette satisfaction générale s’expliquerait-elle par une certaine inconsistance de sa pensée, qui la rendrait indéfiniment plastique et malléable, apte à recevoir maintes formes diverses ?“ Er wirft ihm einen vom Anarchismus belebten vagen Humanismus vor, begleitet von einem starken Hang zur Formalität und der schönen Worte: „Nous plaindrons-nous que sa protestation soit trop belle?Oui, trop belle, trop souveraine, trop sûre d‘elle même, trop accordé à soi. “ Bei der Analyse der metaphysischen Revolte konzentriere sich Camus lediglich auf das Metaphysische, kümmere sich aber nicht um die historischen und ökonomischen, also die materialistischen Hintergründe. Laut Jeanson spricht er der Geschichte jeglichen Einfluß auf das Entstehen einer Revolution ab und reduziert den Begriff Revolution auf die Vergöttlichung des Menschen. Er findet Camus‘
Geschichtsauffassung merkwürdig (
„ étrange “), abgetrennt von jeglicher
konkreten Situation. Es sei ein reiner Dialog von Ideen. Auch sei Camus Marx gegenüber unbarmherzig und entschuldige ihn nur , um ihn erneut anzugreifen. Jeanson kritisiert, daß er sich nicht richtig mit Marx auseinandergesetzt habe. In seinem Abschnitt über den rationalen Terror greife Camus das revolutionäre Phänomen ungerechtfertigterweise an, ohne auf die Umstände seines Auftretens, seiner Begründer und seiner Veränderungen einzugehen.
Jeanson ist sich nicht klar über Camus‘ Ziel, dessen Revolutionsgeschichte sei falsch und seine Diskurse über die Ideologien abenteuerlich und schikanös (
„ les traitements les plus aventureux et les plus cruelles brimades“ ).
Ein anderer Vorwurf ist der, daß Camus die Wirksamkeit (
„efficacité“) verurteilt und sich so alle möglichen Aktionsformen versperrt. „[. . . ] il faut agir, bien sûr, mais simplement pour agir et sans en attendre aucun résultat, sans nourrir l’illusion de donner un sens à ce qui n’en saurait avoir. “ „La suggestion de Camus, finalement, est qu’il y a un mystère de l’inefficacité, et
qu’il suffit d’atteindre à l’extrème de celle-ci pour la voir miraculeusement
s’inverser et devenir la << veritable>> efficacité. “ Jeanson macht darauf aufmerksam, daß auch gerade die feindlichen Mächte, der Kapitalismus, für das Scheitern der Revolutionen verantwortlich sind und nicht das Kräftemessen von Revolte und Revolution. Die Revolte scheitere nur deshalb nicht, weil sie nichts Konkretes plane: „Ainsi le révolutionnaire est-il à la fois la victime et la dupe de Dieu, parce qu’il projette de l’égaler en puissance et qu’il n’y saurait évidemment parvenir. Le révolté, par contre, est la victime qui se dresse dans un permanent défi: celle qui ne donne pas à Dieu la satisfaction de contempler ses échecs, -- car elle ne projette rien, et ne saurait donc échouer. “ Camus nörgele insbesondere über das „historische Böse“ im Kapitel „La révolte historique“. Überhaupt stelle das Buch ein manichäistisches System dar, das allein auf der Dualität von Gut und Böse beruhe, wobei sich das Böse in der Geschichte manifestiere und das Gute irgendwo außerhalb davon. Man sei gezwungen, sich gegen die Geschichte zu entscheiden, obwohl sich ihr niemand entziehen kann: „L’espoir de Camus serait-il vraiment de supprimer <<le cours du monde>> par le refus de toute entreprise dans le monde? Il reproche aux staliniens ( mais aussi à l’existentialisme...) d’être totalement prisonniers de l’histoire: mais ils ne le sont pas plus que lui, ils le sont seulement d’une autre manière. “ Jeanson behauptet, daß die Geschichte nur durch den Menschen existiert ,und daß,
wenn man sich auf gewisse Weise außerhalb von ihr befindet, doch in ihr ist.
“Le <<cours du monde>> est à la fois notre prison et notre œuvre [...] nous ne cessons de la [ l’histoire] faire, mais elle nous fait, aussi [...]. “ Abschließend kommt Jeanson zu dem Ergebnis, daß es sich um eine „ pseudo-philosophie d’une pseudo-histoire des <<révolutions>>“ handele.

8.0 Anarchismus, libertärer Sozialismus und Syndikalismus als Alternativen zum autoritären Sozialismus

Camus hat sich zwar nie ausdrücklich zu anarchistischen Tendenzen bekannt, ist allerdings eindeutig von diesen Vorstellungen beeinflußt. In seiner politischen Arbeit unterstützte er vor allem Syndikalisten, da deren direkte Aktionen die Lage der Arbeiter sofort verändern und nicht ein in unbestimmter Zukunft liegendes befreites Reich über alles stellen. Horst Wernicke belegt diese Unterstützung :„Wie Herbert Lottmann in seiner Camus -Biographie berichtet, waren die „ libertaires“, die Syndikalisten von der revolutionären Linken, auch die exilierten spanischen Republikaner bis in seine letzten Tage
hinein immer seine treuen Freunde, die sich auf ihn verlassen konnten und denen gegenüber Camus voller Sympathie und Vertrauen war, die er unterstützte, wo er es nur konnte. Sein anarchistischer Individualismus war es auch, der ihn die Kriegsdienstverweigerer in den fünziger Jahren unterstützen und verteidigen ließ. “Definiert man Anarchismus, Syndikalismus und libertären Sozialismus, die einander sehr ähnlich sind, sieht man die Parallelen zu seinem Werk „L’Homme révolté“:
Der Anarchismus ist ein sozialphilosophisches und politisches Denkmodell, das jegliche Form von Herrschaft über Menschen durch andere Menschen , also zum Beispiel Staat und Kirche ablehnt. Uneingeschränkte Freiheit nach den Prinzipien Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität dienen als Grundlage des Lebens ohne Staat, das dezentral und selbstverwaltet sein soll.
Der Syndikalismus lehnt die Partei und den parlamentarischen Kampf als politische Grundlage der Arbeitervertretung ab. Vielmehr tritt er für Selbstverwaltung als ein Mittel der direkten Aktion in den Betrieben selbst ein und organisiert die Arbeiter in Syndikaten. Er lehnt ebenfalls jede Zentralgewalt ab.
Der libertäre Sozialismus glaubt gleichsam nicht an eine Schaffung einer
freiheitlichen , gerechten Lebensform allein durch die Vergesellschaftung der
Produktionsmittel. Die Freiheit des Individuums, die Grundrechte und eine aktive Mitwirkung aller Menschen in zum Beispiel Rätesystemen sind der Weg zu dieser Lebensform. Der Anarchismus und gerade sein Vertreter Pierre Joseph Proudhon erkannten schon früh die Gefahren des Marxismus.
„Seine [Proudhons ] Revolte richtete sich auch gegen die revolutionären Parteien – vor allem die Marxisten, diese ,Zukunftsregierungscanaillen‘-, die in seinen Augen eines Tages die Freiheit des Menschen zugunsten einer fragwürdigen, blinden Gerechtigkeit verraten würden. “ Die Ähnlichkeit zwischen Camus‘ Idealbild vom Revoltierenden und dem des Anarchisten ist sehr groß. Horst Wernicke erläutert weiter dazu: „Ziel und Motivation des Anarchismus, so wie er sich bei Proudhon und seinem Schüler Bakunin vor allem darstellt, finden sich in Camus‘ „Revolte“-Denken wieder, das die Grundzüge dieses Menschen und dieses gemeinschaftlichen, solidarischen Lebens entwirft und auch den Einfluß Rousseaus noch einmal deutlich werden läßt. Der Anarchist und der „homme révolté“ protestieren gegen jede Art von Diktatur, sie sei „cäsarisch“ oder die des Proletariats, und wollen die Gewalt des „Staates“ ersetzen durch die nicht manipulierte Gemeinschaft der Einzelnen ; darin liegt ein radikaler Unterschied zum orthodoxen Kommunismus. Der „révolté“ im Sinne Camus‘ und sein Bruder, der Anarchist, stehen im gemeinsamen Kampf gegen den deformierenden Staatsapparat und die Gesellschaft einander entfremdeter Menschen und für die Übereinstimmung und das gute Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem „Nächsten“ und zur Natur, für eine Autonomie in allen Lebensbereichen gegen jede Kollektivität. “ Camus vertritt insbesondere auch den unblutig eingeführten Sozialismus in Skandinavien, wo die Gewerkschaften und Ombudsmänner großen Einfluß auf das politische Geschehen haben. “Camus praises the political systems of the Scandinavian countries , where socialism has been achieved without recourse to totalitarian means. Revolutionary syndicalism comes close to being an ideal manifestation of revolt, because it proceeds from the individual to the group, rather than being a mass organization that submerges the needs of the individual. “ So scheinen Anarchismus , Syndikalismus und libertärer Sozialismus die einzigen
Möglichkeiten zur Umsetzung der Revolte zu sein. Zwar sind gewisse
anarchistische Strömungen auch in Terror umgeschlagen, wobei sie sich allerdings gegen einzelne Personen mit hoher Machtposition (Zar, hochrangige Politiker, etc. ...) richteten, doch gab es schon zu Beginn der anarchistischen Strömungen eine Spaltung zwischen terroristischen und nicht-terroristischen Anarchisten. Es bleibt allerdings zu bezweifeln, ob sich Syndikalismus und Anarchismus in der heutigen immer noch sehr kapitalistisch geprägten Welt durchsetzen könnten, ausgenommen der gemäßigteren libertären sozialistischen Strömungen , ohne von außen gewaltsam zerstört zu werden ( siehe zum Beispiel Spanischer Bürgerkrieg, Ukraine ). Eine Umwandlung zum totalitären Streben wäre aber nicht möglich, denn einer der obersten Leitsätze ist: Der Weg ist das Ziel.

9.0 Zusammenfassung

Camus will also in seinem Essai die Degeneration der metaphysischen Revolte, in der sich der Mensch gegen den Tod und die absurden Lebensumstände auflehnt, zur unterdrückerischen Revolution aufweisen. Die Revolte sagt nein zur Unterdrückung und ja zu Solidarität und Freiheit. Er erklärt zuerst Marx Vorstellungen von der Revolution und den Marxismus. Dann veranschaulicht er Lenins Veränderungen der Doktrin und endet schließlich mit dem Stalinismus als letzte Konsequenz der Degeneration. Die Ursprünge des marxistischen Messianismus liegen in der linearen Geschichtsauffassung der Christen und dem bürgerlichen Fortschritts- und Wissenschaftsglauben, die Gott durch den Menschen ersetzen. Da der Marxismus allerdings einige politisch-wirtschaftliche Entwicklungen falsch einschätzt, muß das Aktionsprogramm geändert werden. Die Arbeitsteilung wird trotz allem durch die zunehmende Komplexität der Technik
unausweichlich, das Proletariat wächst nicht unbeschränkt, die nationalen
Schranken fallen nicht und das Kapital wird nicht so stark durch Krisen
geschwächt. Das führt zur Beschneidung der Sendung des Proletariats, der eine straffe Organisation durch Eliten vorgezogen wird. Durch die oben erwähnten Fehleinschätzungen verlagert sich die Widerkunft bzw. Prophezeiung der klassenlosen Gesellschaft in unbestimmte Zeit. Camus dementiert die Wissenschaftlichkeit des Marxismus, indem er den Widerspruch der Dialektik und dem Ende der Geschichte aufdeckt und die Prophezeiung als wissenschaftlich nicht beweisbar entlarvt. Es gibt keine Ansätze zur Vermeidung von Entfremdung und der direkten Änderung der Lebensumstände. Wo Wissenschaft und Wirtschaft durch nicht vorhersehbare Entwicklungen nicht mehr ins System passen , bleibt nur
noch der Glaube an die Prophezeiung. Die Nihilisten, die Werte wie Maß und
Menschlichkeit nicht anerkennen, übernehmen die Führung der Massen. Mit Lenin wird das militärische Imperium eingeführt, in dem das Dogma der Effizienz und der Glaube oberstes Gebot sind. Der weltumfassende Imperialismus der Gerechtigkeit heiligt alle (ungerechten ) Mittel. Der kommunistische Staat als Diktatur des Proletariats nur vorübergehend vorgesehen, wird von Lenin ohne zeitliche Einschränkung unter dem Vorwand des allgemeinen Wohlstands und der weltweiten Gerechtigkeit legitimiert. Diese Totalität des Staates stellt den Lauf der Geschichte, der als letztes Element des Marxismus übriggeblieben ist, über alle Menschlichkeit und ist Charakteristikum des Stalinismus. Da Totalität aber nicht gleich Einheit ist, beansprucht der Stalinismus die totale Kontrolle über die Menschen, indem er ihn als letzten Feind denunziert, der dem „guten Willen“ der Geschichte im Wege steht. Der rationale Terror wird gekennzeichnet durch die Zerstörung der irrationalen, das heißt unberechenbaren Elemente des Menschen in der Form von zwischenmenschlichen Beziehungen, die nicht im Dienste der
kommunistischen Politik stehen. Diese negative Bild des Kommunismus stößt natürlich auf harsche Kritik bei den autoritären Linken, wie zum Beispiel Francis Jeanson , der Camus teils berechtigt, wenn auch auf sarkastische Weise kritisiert. Zu metaphysisch, zu abgehoben von der Geschichte als Auslöser einer Revolution sei sein Revoltedenken. Die Reduktion der Revolution auf die Vergöttlichung des Menschen sei falsch. Camus versperre sich alle Möglichkeiten der Aktion, indem er die Effizienz ablehne. Die
Revolte im Gegensatz zur Revolution scheitere nicht, weil sie nicht konkret
handele. Weiter sei das Buch zu sehr auf die Dualität von Gut (Revolte/Geschichtsunabhängig) und Böse (Revolution/Geschichtsabhängig)
konzentriert. Abschließend kommt Jeanson zu dem Ergebnis, daß Geschichte und Mensch wechselseitig agieren, der Mensch macht die Geschichte und lebt in ihr. Vergleicht man nun die libertären, anarchistischen Ideen mit Camus‘ Idee vom Revoltierenden, so entdeckt man, daß beide für Solidarität, Gerechtigkeit und Individualismus stehen. Der Weg über deformierende Institutionen fällt weg. Das so wichtige Maß bei der realen Umsetzung findet sich beim Anarchismus in der Treue zu den Prinzipien. Mit Gewalt und Herrschaft kann kein gewaltloses und freies Zusammenleben entstehen; dem ist sich der Anarchismus von Anfang an bewußt. Beide erkennen niemals über sich stehende Autoritäten an. So ist der Kreis beginnend bei der Revolte , abschließend bei den Aktionsformen der libertären Bewegung , geschlossen.. Es bleibt weiterhin zu untersuchen, inwieweit eine Verquickung dieser beiden Ideen in der realpolitischen Form Erfolg haben würde.

 

9.0 Bibliographie der benutzten Literatur

CAMUS, Albert, Der Mensch in der Revolte,


BERÜHMTE ZITATE

Leben und Mensch
«Leben heisst handeln.»
«Wollen heisst Widersprüche wecken.»
«Das Leben ist naturgemäss niemals leicht.»
«Stets werde ich mir selbst ein Fremder sein.»
«Das Leben verlieren ist keine grosse Sache; aber zuschauen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich.»
«Der Mensch ist nichts an sich. Er ist nur eine grenzenlose Chance. Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für diese Chance.»

Freiheit, Liebe, Hoffnung und Phantasie
«Man ist immer auf Kosten eines anderen frei.»
«Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten.»
«Die Liebe ist Ungerechtigkeit, aber die Gerechtigkeit genügt nicht.»
«Einen Menschen lieben heisst einzuwilligen, mit ihm alt zu werden.»
«Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung.»
«Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können. Der Humor über das was sie sind.»

Politik, Gewalt und Strafen
«An Kaisern fehlt es uns nicht, nur an Persönlichkeiten.»
«Grausamkeit empört, Dummheit entmutigt.»
«Warte nicht auf das Jüngste Gericht. Du stehst jeden Tag vor deinem Richter.»
«Die Strafe, die züchtigt, ohne zu verhüten, heisst Rache.»
«Es ehrt unsere Zeit, dass sie genügend Mut aufbringt, Angst vor dem Krieg zu haben.»
«Jede einem Menschen zugefügte Beleidigung, geleichgültig, welcher Rasse er angehört, ist eine Herabwürdigung der ganzen Menschheit.»

Christentum
«Ich werfe dem Christentum vor, dass es eine Lehre der Ungerechtigkeit ist.»
«Christus mag für jemanden gestorben sein, aber jedenfalls nicht für mich.»
«Und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.»
«Wenn ein spanischer Bischof politische Hinrichtungen segnet, ist er kein Bischof mehr und kein Christ, ja nicht einmal ein Mensch; dann ist er ein Hund, genau so gut wie jeder, der von der hohen Warte einer Ideologie aus die Hinrichtung befiehlt, ohne die Arbeit selbst zu verrichten.»

Wissenschaften
«Ein Intellektueller ist ein Mensch, dessen Geist sich selbst beobachtet.»
«Übersetzer sind verwegene Kämpfer, die den Turm von Babel angreifen.»
«Man sollte auch gute, ja, ausgezeichnete Bücher verbieten, bloss damit sie mehr gelesen und beachtet werden.»
«Die Werke von Kopernikus und Galilei standen bis 1822 auf dem Index. Drei Jahrhunderte Starrsinn, das ist hübsch.»
«Die grösste Ersparnis, die sich im Bereich des Denkens erzielen lässt, besteht darin, die Nicht-Verstehbarkeit der Welt hinzunehmen - und sich um den Menschen zu kümmern.»

Andere Aussprüche
«Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst.»
«Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich.»
«Das echte Gespräch bedeutet: aus dem Ich heraustreten und an die Tür des Du klopfen.»
«Die meisten grossen Taten, die meisten grossen Gedanken haben einen belächelnswerten Anfang.»
«Äussere Ordnung ist oft nur der verzweifelte Versuch, mit einer grossen inneren Unordnung fertig zu werden.»




Kleines Lexikon der sozialen Dreigliederung

Mit diesem kleinen Lexikon läßt sich an einzelnen Beispielen gut einschätzen, was eine soziale Dreigliederung zur Erneuerung unserer Gesellschaft beitragen kann. Bei manchen Stichworten wird zusätzlich auf News, Essays und Initiativen zum jeweiligen Thema verwiesen.

Ein umfangreicheres Lexikon mit zahlreichen Zitaten finden Sie bei Werner Breimhorst

 

Charakteristisch für die Anthroposophie ist die Überzeugung, daß jeder Mensch die geistige Welt erkennen kann, wenn er nur entsprechend an sich arbeitet. Die Anthroposophie zielt aber nicht nur auf die eigene Weiterentwicklung. Viele konkreten Umsetzungen im pädagogischen, heilpädagogischen, medizinischen und landwirtschaftlichen Bereich zeigen, daß geistige Erkenntnisse auch praktisch relevant werden können. Weniger bekannt ist der aus der Anthroposophie hervorgegangene Ansatz der sozialen Dreigliederung, der Wege zu einer sozialen Umgestaltung in Richtung kulturelle Vielfalt, solidarische Wirtschaft und demokratische Grundrechte aufzeigt.
Könnte es sein, daß die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft auf die Interessen der Produzenten die Hauptursache der Arbeitslosigkeit darstellt? Diese Frage ist vielleicht ungewöhnlich. Die bisherigen Ansätze scheinen aber nicht viel gegen die Arbeitslosigkeit geholfen zu haben. Angenommen, die Arbeitslosigkeit liegt an falschen Prioritäten: Wie läßt sich dann dafür sorgen, daß die Konsumenten die eigentlichen Arbeitgeber werden?
Eine Assoziation ist ein Zusammenschluß von Konsumenten, Händlern und Produzenten mit dem Ziel, die Preise so zu beeinflussen, daß alle Beteiligten damit auskommen können.
Das Bevölkerungswachstum ist eher ein Symptom als eine Ursache der Armut - und eine staatliche Familienplanung gehört eher zum Problem als zur Lösung. Zu den Ursachen des Bevölkerungswachstums zählen auch die Benachteilung der Frauen und der Mangel an wirtschaftlicher Solidarität. All diese Ursachen liessen sich gut überwinden, ohne die Menschenwürde anzutasten. Bis es so weit ist, lassen sich die negativen Folgen des Bevölkerungswachstums durch den Ökolandbau viel besser lindern als etwa durch die Gentechnik.
Das Bevölkerungswachstum ist eher ein Symptom als eine Ursache der Armut - und eine staatliche Familienplanung gehört eher zum Problem als zur Lösung.
Zu den Ursachen des Bevölkerungswachstums zählen - neben der Benachteilung der Frauen - auch der Mangel an wirtschaftlicher Solidarität. Entgegen der Behauptung totalitärer Staaten lassen sich diese Ursachen gut überwinden, ohne die Menschenwürde anzutasten.
Bis es so weit ist, lassen sich die negativen Folgen des Bevölkerungswachstums durch den Ökolandbau viel besser lindern als etwa durch die Gentechnik. Daß dies bei der UNO noch nicht so richtig eingesehen wird, liegt vor allem daran, daß an entscheidenden Stellen Menschen stehen, die ihr Geld vorher in der Gentechnikbranche verdient haben - und wahrscheinlich noch verdienen.
Der Boykott ist zu einer beliebten Waffe der Zivilgesellschaft gegen die Übermacht der Großkonzerne geworden. Aber auch innerhalb des Wirtschaftslebens selbst kommt dem Boykott eine zentrale Funktion zu - anstelle von Streiks.
Eine soziale Dreigliederung macht die Parteiherrschaft überflüssig. Durch die Rückbesinnung des Staates auf seine eigentlichen Aufgaben wird eine wirkliche Demokratie möglich.
Unser Eigentumsrecht wird erst dann aufhören, der Gesellschaft zu schaden, wenn es - wie die Urheberrechte - zeitlich begrenzt ist. Dem steht noch das römische Recht entgegen, mit seiner Tendenz, das Eigentum zu verabsolutieren. Dies hat positive Auswirkungen gehabt, weil es der Individualität freien Lauf gegeben hat. Die Bindung an der Familie durch das Erbrecht schränkt aber diesen individuellen Charakter wiederum ein. Dieser Rest an Kollektivismus hindert uns daran, das Eigentum wirklich an die individuellen Fähigkeiten zu binden.
Eine Entstaatlichung der Wirtschaft heißt nicht, daß man die Preise dem Zufall überläßt, sondern daß es Aufgabe der Wirtschaft selber ist, das Angebot aktiv an die Nachfrage anzupassen. Ein erster Schritt dorthin sind Faire Preise wie beim Fairen Handel, wo sich die Konsumenten nach den Preisen richten, die Produzenten zum Leben brauchen. Den gewonnenen Spielraum können dann die Produzenten nutzen, um ihr Angebot besser anzupassen.
Wenn Sie Geld verdienen wollen, sind Sie hier richtig - um Ihren Horizont zu erweitern. Hier geht es nämlich um die Frage, wie Geld in der Wirtschaft wirkt - und um die Frage, wie man dafür sorgen kann, daß es nur zum besten der Wirtschaft wirkt. Dazu braucht das Geld eine Laufzeit, die an den brauchbaren Produktionsmitteln gekoppelt ist, damit es an der realen Wirtschaft gebunden bleibt und nicht anfängt, sich zu verselbständigen.
Zur Wirtschaft gehört auch die Währung, die daher weder von einer nationalen noch von einer europäischen Zentralbank verwaltet werden kann.
Globalisierung bedeutet einerseits Weltwirtschaft, was meist nicht so sehr eine gemeinsame Wirtschaft als eine Überwindung der schwachen durch die starken Volkswirtschaften bedeutet. Andererseits meint Globalisierung die Ökonomisierung der Welt und damitdie Tendenz, alles zur Ware zu machen. Diese recht problematischen Entwicklungen lassen sich nur durch eine Stärkung des Fairen Handels und der Zivilgesellschaft umkehren.
Es gehört zur Unabhängigkeit der Justiz, daß Richter gar nicht vom Staat eingesetzt werden können, soweit es um Fragen des Straf- und Zivilrechts geht.
Konservatismus hat zum Ziel, eingebürgerte Gesellschaftsverhältnisse zu bewahren und zu konservieren. Für die Dreigliederung und Anthroposophie mit einer evolutionären Geschichtsauffassung ist dieser Versuch eine Sünde gegen die Menschheit.
Eine Korporation ist ein Zusammenschluß von Menschen auf Grund einer gemeinsamen Kultur, Sprache, Religion, Weltanschauung, Pädagogik oder auch desselben Berufes. Durch ihre Einseitigkeit oder ihren Vorbildcharakter beleben sie das Geistesleben.
Die vorhandenen Korruptionsindexe erfassen nur die illegale Korruption. Nimmt man die legale Korruption dazu, würden Länder wie die Vereinigten Staaten an der Spitze stehen.
Der Liberalismus steht für geistige Freiheit, so wie die Dreigliederung, aber er steht auch für Freiheit der Wirtschaft, im Sinne des freien, ungeregelten Markts, wo nur Angebot und Nachfrage die Produktion regeln, und im Sinne des Kapitalismus.
Der Nationalismus kann nur zerstören. Nation heißt soziales Chaos - ein heilloses Durcheinander von Kultur, Staat und Wirtschaft.
Liste aller Stichworte
Der Rassismus stellt nicht nur eine Rasse über die anderen, sondern auch die Rasse über das Individuum.
Reinkarnation meint die Tatsache, dass der Mensch mehrere Erdenleben durchmacht. In Indien und anderswo ist der Gedanke der Reinkarnation sehr präsent. Im Westen herrschen dagegen Religionen, die den Gedanken der Reinkarnation mehr oder weniger ausgerottet haben und dadurch dem Materialismus zum Siegeszug verholfen haben. Der positive Aspekt des Ausblendens der Reinkarnation ist der weit stärker entwickelte Sinn für individuelle Freiheit. Richtig individuell wird aber der Mensch erst, wenn er trotz gesteigerter Individualität wieder Zugang zur Idee der Reinkarnation findet, weil dies ihn vor der Vereinnahmung durch ein bestimmtes Volk oder ein bestimmtes Geschlecht schützen kann.
Nicht das Geld, was eingespart oder angelegt ist, arbeitet für die Rente, sondern die nächste Generation. Wer in freie Bildung investiert, sorgt dafür, daß sie es leichter hat, die ältere Generation mitzutragen. Mehr Bildung durch mehr Schenkung ist daher die beste Rentenreform.
Schulfreiheit heißt nicht die Abwesenheit von Schule, sondern die freie Wahl der Schule. Sie schließt die Abschaffung der staatlichen Lehrpläne ein.
Der Sozialismus hat seinen Ursprung in einem berechtigten Ideal, der Brüderlichkeit. Er läßt sich aber nicht realisieren ohne die beiden anderen Ideale der Gleichheit und Freiheit dazu zu nehmen.
Der Staat ist aus der Machtsucht der Fürsten erwachsen und hat alle gesellschaftlichen Bereiche zentralisiert: Alle rechtlichen Beziehungen monopolisiert und das Geistesleben und Wirtschaftsleben reglementiert.
Bei einer reellen Steuerreform wäre es mit einer gestaffelten Ausgabesteuer möglich, die Steuerlast gerecht zu verteilen und gleichzeitig das Steuersystem radikal zu vereinfachen.
Subventionen soll sich die Wirtschaft selber geben, statt den Markt für allmächtig zu halten - und trotzdem nach staatlichen Subventionen zu schreien.
Der Terrorismus wird oft auf eine Art bekämpft, die ihn nur bestätigt und verstärkt. Wer dem Terrorismus den Krieg erklärt, gibt sich eigentlich geschlagen. Wer den Terrorismus als Vorwand nimmt, um Minderheiten zu kriminalisieren, schafft ihm nur Sympathien. Dies gilt nicht nur für die derzeitige US-Regierung, sondern auch für die europäischen Anhänger eines Kopftuchverbots. Sie halten sich für Vorkämpfer der Freiheit, verbauen aber den anderen den eigenen Weg zur Freiheit.
Eine wirkliche Therapiefreiheit setzt eine Entstaatlichung der Arztausbildung voraus. Diese Verstaatlichung trägt wesentlich zur heutigen Kostenexplosion im Gesundheitswesen bei. Die konventionelle Medizin dient eben weniger den Patienten als den Pharmakonzernen.
Werbung gibt es überall da, wo die Wirtschaft nicht mehr dient, sondern sich bedient. Die Bedeutung der Werbung ist symptomatisch für unsere Produzentenwirtschaft, wo die Initiative von den Unternehmen ausgeht und ein Heer von Kaufleuten, Psychologen und Künstlern allein damit beschäftigt ist, dem Kunden das Gegenteil zu suggerieren. Es gibt kaum etwas Traurigeres als sich Künstler anzuhören, wenn sie die Werbung in Schutz nehmen, mit dem Argument, sie würden davon leben. Wer von Entwicklungshilfe lebt, kommt wenigstens nicht auf die Idee, die Subventionspolitik der Industrieländer zu loben. Das Einzige, was die Werbung adeln kann, ist das gesellschaftliche Engagement einiger Firmen. Gemeint ist nicht das Sponsoring, das nichts weiter ist als versteckte Werbung, sondern der Einsatz für einen fairen Handel.
Die Zivilgesellschaft ist dabei, neben Weltwirtschaft und Weltpolitik eine dritte globale Kraft zu werden.

Sylvain Coiplet

 

 

 Ich bin Anarchist (Postanarchist) und kein Kommunist. Trotzdem hier einige Texte, was der heutige Kommunismus angeblich anstrebt.

          

km 21.0 - Interview mit Antonio Negri

Der Philosoph ANTONIO NEGRI enthüllt die Blaupausen der grenzenlosen Weltmacht. Sie empfangen uns in einer bizarren Situation, Professor Negri. ..

 

 

Bild - Indymediahttp://media.de.indymedia.org/images/2007/05/178810.jpg

 

Die freie Gesellschaft

Das Ziel der Marxisten ist nicht die Arbeiterrätegesellschaft, sondern die freie Gesellschaft. Die demokratische Arbeiterrätegesellschaft ist nur eine notwendige Übergangsform für die freie Gesellschaft.

Hier wird es keine Arbeiter mehr geben, sondern nur noch gleichberechtigte Menschen die nach dem Prinzip leben, „Jedem nach seinen Bedürfnissen, Jedem nach seinen Fähigkeiten". Das wird aber letztlich nur möglich sein, wenn das Geld, der Leistungsdruck und der Staat als Kontrollorgan abgeschafft sind. Und hier erkennt man schon das Problem, warum man diese Gesellschaft nicht direkt einführen kann, wie es die Anarchisten wollen. Anfangs werden noch einige Kapitalisten oder Kapitalistenhelfer trotz ihrer kleinen Minderheit von 5% in Europa im Untergrund alle Hebel in Bewegung setzen, um ihre Entmachtung wieder rückgängig zu machen.

Außerdem kann die freie Gesellschaft nicht mit „ordre de mufti" von oben eingeführt werden. Wir haben doch alle die Erfahrung gemacht, dass man einen Kapitalismusanhänger kaum von der Arbeiterräterepublik überzeugen kann, und sei er schon seit 40 Jahre Arbeiter. Die Ideen der Herrschenden sind immer noch die herrschende Meinung. Die Herrschenden verbreiten ihre Meinungen mit der „Millionäspresse". Der Verleger muss auch wie alle Kapitalisten eine Millionen besitzen, um eine Zeitung drucken zu können. Die Werbung wird da nur geschaltet, wenn sie staatstragend ist, wenn sie beispielsweise auf Seiten Israels ist. Ausnahme bildet jetzt das Internet, aber denen glaubt der Uninformierte einfach nicht. Das Internet führt noch eher zu kleinbürgerlichen Theorien wie Geld- 3.- Weg- oder Verschwörungstheorien, denn zur Emanzipation. Jedenfalls führen die Infos der unterdrückten Nachrichten nur im Kleinbürgertum wie z.B. über die „Online-Überwachung" zu stärkeren Demos wie 1984 mit der Volkszählung, aber immerhin. Im Arbeiterbereich bleibt die Mobilisierung zu Internetzeiten eher unter denen, der 70 er Jahre. Das hat noch mit der 68-Bewegung zu tun.

In Deutschland ist sie noch weit hinter den Wirtschaftskrisen zurückgeblieben. Aber viele andere Länder sind ja schon viel weiter, gibt es schon viel mehr von der reformistischen Gewerkschaftsführung unabhängige emanzipierte Kämpfe, und dabei wirft auch der Arbeiter ganz schnell seine alte Weltanschauung über Bord und lernt aus dem Internet. Über Ägypten und Griechenland sind wir hier ja schon bestens informiert. In Italien wurden schon bei den Betriebsbesetzungen bei INNSE Mailand, IVECO Suzzara, in der Schweiz bei Officine von Bellinzona und Borregaard-Attisholz
bei Solothurn und in Spanien bei Holcim Torredonjimeno erste Erfahrungen mit Streikräten gesammelt. In England ist die Bewegung mit eine ganzen Reihe von Streiks der nicht rituellen Art, mehrere heftige Konfrontationen bei Demonstrationen und Kundgebungen der allerjüngsten Zeit schon eine ganze weiter als hier, so dass die Polizei für den Sommer schon Unruhen erwartet.

In all diesen Kämpfen wurden schon demokratische Streikräte gewählt, die noch in der Phase der Doppelherrschaft in Arbeiterräte verwandelt werden. Sie handeln auch nach den drei Prinzipien

  • jederzeitige Abwählbarkeit
  • höchstens einen Facharbeiterlohn verdienen und
  • an die Beschlüsse der Basis gebunden sind.

 

 

Bis dahin wird alles spontan verlaufen, wie wir das bei der Untersuchung der Geschichte der Rätedemokratiebewegung nachgewiesen haben. Die emanzipierte Arbeiterbewegung wird in revolutionären Verhältnissen die Partei, die ihre objektiven Interessen vertritt, aufbauen (Russland, Portugal), also nicht die Parteien, die andere Staaten mit kleinbürgerlicher Führung vertreten. Diese revolutionäre Arbeiterpartei wird die objektiven Interessen vorantreiben und nach der Machtübernahme durch die Arbeitermassen sehr schnell in einer Basisplanwirtschaft gleichen Lohn in allen Arbeiterstaaten und Austausch der Patente einführen damit auch in allen Arbeiterstaaten nach einer Übergangszeit die gleiche Bedingungen herrschen. Nun herrscht nicht mehr  die kleine Minderheit der 5% Kapitalisten über die große Mehrheit der 85% Arbeiterklasse, sondern umgekehrt, die große Mehrheit der Arbeiter herrscht dann über die kleine Minderheit. Die Arbeiter unter sich und mit dem größten Teil des 10% Kleinbürgertums sind dann basisdemokratisch organisiert, zusammen unterbinden sie aber dem Kapital, andere ausbeuten zu können, von ihrer Wertschöpfung den Mehrwert zu unterschlagen, sie üben ihnen gegenüber also noch eine Diktatur aus. Dies meinte Marx mit dem missverständlichen Begriff der „Diktatur des Proletariats", nicht das, was Stalin dann daraus machte, seine Diktatur über die Arbeiterklasse.

Da aber nun die Arbeitenden selber über das Produktionskapital und seine Verwendung verfügen und das Privatvermögen auf eine kleine Höhe von ihnen begrenzt wird, wird der ehemalige Kapitalist dann wie alle anderen auch selber arbeiten müssen. Die 85% (Europa) umfassende Arbeiterklasse wird dadurch innerhalb kürzester Zeit die anderen Klassen zu sich herabziehen und in sich integrieren. Wenn die Arbeiterklasse dann die ganze Gesellschaft umfasst, wird es keine Klassengegensätze mehr geben. Keine Profitinteressen treiben mehr die Menschen auseinander, der Mensch kann endlich nach der Vernunft seine Entscheidungen treffen, er tritt ins Zeitalter der Vernunft ein.

Die historische Mission des Geldes, der Staaten und der Arbeiterpartei hat sich damit erfüllt. Der Staat ist abgestorben. Diese Situation wird umso schneller erreicht werden, je mehr Länder diesen Reifegrad erreichen. Bei der Globalisierung der Wirtschaftskrise und der Kriege wird dieser Punkt sehr schnell, innerhalb von eins, zwei Generationen nach der ersten Revolution erreicht werden.

Es gibt keine Arbeiter mehr und keinen Kapitalisten mehr, es gibt nur Menschen, wir leben dann nach dem Prinzip „Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Das nennen wir Marxisten „Kommunismus", wie in einer Kommune, du arbeitest oder nicht, was Du willst, morgens Arzt, nachmittags Kindergärtner und in einem Jahr schaust Du Dir Amerika an und arbeitest in Peru nach dem Studium als Archäologe. Wenn Du eine neue Küche brauchst für Dein Haus, gehst Du zur städtischen Lagerverwaltung und der Verwalter wird für Dich eine schöne raussuchen und noch ein besseres Fahrrad, alles ohne Geld.

Wie das, dann wird doch niemand mehr arbeiten wollen?

Engels hat in seiner Untersuchung „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen" festgestellt, dass der Mensch durch die Arbeit (nicht Lohnarbeit) zum Menschen wurde. Wenn Du faul auf dem Sofa rumliegst, fühlst Du doch nur das Tierische in Dir. Du wirst dann Mensch, wenn Du schöpferisch bist. In einem Phoenix-Film über einen brasilianischen Indianerstamm baut ein angesehener Blasrohrbauer einem Jungen ein Blasrohr und zeigt ihm die recht komplizierte Fertigung, für null Euro, denn Geld kennen die überhaupt nicht. Nicht wegen 3,50 Unzen, sondern einfach nur aus Spaß, für die Anerkennung oder die Liebe oder Solidarität seines Stammes. Wenn er wegen des Spaßes arbeitet, wird doch der Mensch zu viel größeren Entwicklungen fähig sein, als wenn er für Drei, Fünfzig arbeiten würde.

Na gut, aber der eine Mensch ist doch genialer als der Fensterputzer, das müsste man doch honerieren.

In einer freien Gesellschaft sind alle Menschen Genies. Unser Gehirn ist nur zu 10% ausgelastet, warum? Von Geburt an kann jeder Mensch singen und malen. Im Kapitalismus werden alle Fähigkeiten wegen der Zweckorientiertheit kaputt gemacht. Schon das Schulsystem muss die Kinder in Elite, Handarbeiter und Überflüssige aussortieren. Da wird alles Geniale abgetötet. In der portugiesischen Revolution 1974 haben sie eine Arbeiteruniversität gegründet, da haben die Arbeiter die griechischen Philosophen studiert oder die Relativitätstheorie.

Außerdem gibt jeder das was er kann, ohne Profit da brauchen wir keine Aufrechnung mehr.

Und wer macht die Kanalisation sauber?

Der Mensch ist von Natur aus ordentlich und hat es gerne, wenn alles um ihn herum übersichtlich ist. Da sammelt der Mathematiker auch nachmittags um das Haus den wenigen Müll ein. Außerdem gibt es viel mehr Roboter und den Rest kann man sich im Wohnblock aufteilen. Wenn man hochkonzentriert schwierige Probleme löst, führt man gerne zwischendurch zur Entspannung auch mal stupide Arbeiten aus.

Es wurde ausgerechnet, wenn man sich auf das Notwendige beschränken würde, würde man weltweit nur 2 Stunden pro Tag arbeiten müssen. Wenn die ganze überflüssige Arbeit wie Waffenproduktion, Kriegsspiel, Werbung, Patentamtsarbeit, Reparatur von Billigware, Krankenpflege von sozial Kranken, Bau von Luxusautos und Luxusyachten, Transport wegen Zollersparnis und und und wegfallen würde, könnte man viel mehr Zeit für die Kindererziehung, für Hobbys und Weiterbildung verwenden, so, dass man letztlich den Unterschied zwischen Arbeit und Hobby feststellen könnte. Die Unterteilung in Kopf- und Handarbeit ist auch aufgehoben. Der Arbeitsablauf wird nicht mehr in Sekundenschritten unterteilt und Du behälst den Überblick über den gesamten Produktionsvorgang.

Und wenn alle ein Porsche wollen?

Die Ware hat nicht mehr die Form eines Befriedigungsersatzes. Wenn im Kapitalismus jemand Porsche fährt, steigt seine Anerkennung. In der freien Gesellschaft werden die Menschen wahrscheinlich gar keinen Porsche mehr bauen, aber das entscheiden sie ja selber. Sollte einer noch einen alten Porsche haben, werden die Menschen denken, „Oh, ein Angeber mit einem Penisersatz. Dem wollen wir doch den letzten Therapeuten empfehlen." Die gesellschaftliche Anerkennung fällt auf Null.

Warum gibt es keinen Staat mehr? Es muss doch weiter ein Wirtschaftsministerium oder einen Familienminister geben?

Verwaltungen, die das Wirtschaften organisieren usw. wird es natürlich geben. In der Naturgesellschaft werden all diese Aufgaben auch gesellschaftlich abgestimmt und vom gewählten Häuptling umgesetzt. Staaten gab es erst mit den Klassengesellschaften und Nationalstaaten mit Pass und Staatsbürgern erst mit dem Kapitalismus. Die Aufgabe des Staates ist die Kontrolle der unterdrückten Klasse durch das Innenministerium, die Justiz und den Geheimdienst.

In der Naturgesellschaft stand der Mensch im Widerspruch zur Natur, in den Klassengesellschaften steht der Mensch im Widerspruch zum Mensch und in der freien Gesellschaft aber wird der Mensch mit sich in Harmonie leben können. In der Naturgesellschaft herrschte noch Mangel, deshalb konnten die basisdemokratischen Verhältnisse sich nur innerhalb des Stammes durchsetzen. Der Kapitalismus leidet am Überfluss, da können wir leicht eine Welt aufbauen, in der alle Menschen gleichberechtigt solidarisch zusammenleben, ohne Grenzen zwischen den Völkern und zwischen den Menschen.

Das ist ja wie im Schlaraffenland

Ja richtig. Aber das hier ist wie Tollhaus, zu Krieg sagen wir Frieden und wenn wir einen Hungerlohn verdienen, dann tun wir was für die Arbeitsplätze. In der WG oder Familie kochst Du gerne für alle Kaffee, aber im Kapitalismus hisst es, der nimmt mir einen Arbeitsplatz weg. Wenn weniger produziert wird, dann spricht man vom Gesundschrumpfen und wer die Wahrheit spricht, ist ein Verschwörungstheoretiker und ein Spinner. Es wird Milliarden für Satelliten ausgegeben für eine bessere Ernte und dann wird sie vernichtet, damit nicht zu viel auf den europäischen Markt angeboten wird und jeden Tag verhungern 30.000 Kinder, alles ganz logisch.

Es gibt ein Überfluss an Gütern, aber zu viel Armut für eine kaufkräftige Nachfrage. Dieser Widerspruch wird schon in der solidarischen Basisräterepublik aufgehoben und wenn kein Mangel mehr herrscht, braucht es auch kein Marktregulierungsmechanismus mehr, nur die Vernunft, das ist alles.(Norbert Nelte -Linkszeitung)

 

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Schritte in die falsche Richtung (John Holloway zu "Empire")

Holloway, John 2002: Change the World Without Taking Power: The Meaning of Revolution

 John Holloway

Der Schrei und die Arbeiterklasse (Buchbesprechung: John Holloway ...

[1] Folgende Texte von John Holloway haben wir übersetzt und im Wildcat-Zirkular veröffentlicht: »Capital Moves« in Nr. 21; »Der Abgrund tut sich auf: Aufstieg und Fall des Keynesianismus« und »Globales Kapital und Nationalstaat« in Nr. 28/29; Einleitung und Schlußfolgerung des Buchs »Global Capital, National State and the Politics of Money« in Nr. 30/31; »Vom Schrei der Verweigerung zum Schrei der Macht: Zur Zentralität der Arbeit« und »Krise, Fetischismus, Klassenzusammensetzung« in Nr. 34/35.

 

Texte

all4all.org | John Holloway: Unser Ort, unsere Zeit

John Holloway: Unser Ort, unsere Zeit. by - - 20.06.2007 15:24. Unser Ort, unsere Zeit, unsere Musik, unser Tanz. Unser Ort. Dies ist unser Ort. Nicht ihrer ...

 

 

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Abgesehen davon: Milton Friedman ist ein Produkt der Wall Street, ... Daraufhin folgte die Gegenrevolution mit Milton Friedman an der Spitze. ...



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Wenn der Name Milton Friedman fällt, dann sind die Begriffe Liberalismus und ... vielen Dank für den interessanten Text, den ich noch nicht zu Ende ...

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Hütet euch vor uns, denn wir sind viele und ihr seid wenige / Von Arundhati Roy

Kampf dem Imperium - aber wie? Das ist eine große Frage, und ich habe keine einfachen Antworten. Was ist unter "Imperium" zu verstehen - die amerikanische Regierung (und ihre europäischen Satelliten), die Weltbank, der Internationale Währungsfonds, die Welthandelsorganisation, die Multis? Oder mehr? In vielen Ländern hat das Imperium Hilfsagenturen und gefährliche Begleiterscheinungen hervorgebracht: Nationalismus, religiöse Intoleranz, Faschismus und natürlich Terrorismus. Sie alle gehen einher mit der Globalisierung.

Ich möchte das erläutern. Indien, die größte Demokratie der Welt, steht gegenwärtig ganz oben auf der Liste der Globalisierer. Indische Regierung und Eliten heißen Privatisierung und ausländische Unternehmen willkommen. Es ist kein Zufall, daß der Premierminister, der Innenminister, der Minister für Kapitalflucht - jene Männer, die das Geschäft mit Enron unterzeichnet haben, die die Infrastruktur des Landes an ausländische Multis verkaufen, jene Männer, die Wasser, Strom, Erdöl, Kohle, Gesundheits- und Bildungswesen und Telekommunikation privatisieren wollen - durchweg Mitglieder oder Sympathisanten des RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh) sind, einer rechtsextremen Gruppierung, deren Anhänger als Bewunderer Hitlers und seiner Methoden auftreten.

Die Demontage der Demokratie wird mit dem Tempo und der Effizienz eines Strukturanpassungsprogramms durchgeführt. Forcierte Privatisierung und Arbeitsmarkt-"Reformen" vertreiben die Menschen von ihrem Land und aus ihren Jobs. Dieses Klima von Frustration und nationaler Desillusionierung ist, das zeigt die Geschichte, der ideale Nährboden für faschistische Ideologien. Die beiden Arme der indischen Regierung sind perfekt aufeinander eingespielt. Während der eine Arm eifrig dabei ist, große Teile des Landes zu verkaufen, dirigiert der andere einen wütenden Chor hindu-nationalistischer und religiös-faschistischer Stimmen. Er führt Atomtests durch, schreibt Geschichtsbücher um, brennt Kirchen nieder, zerstört Moscheen. Im März 2002 wurden in Gujarat zweitausend Muslime massakriert. Es war ein mit staatlicher Unterstützung durchgeführtes Pogrom. Muslimische Frauen wurden vergewaltigt und anschließend bei lebendigem Leib verbrannt. Geschäfte, Wohnhäuser und Moscheen wurden in Brand gesetzt.

Mythos freier Markt

Während Gujarat brannte, stellte der indische Premierminister auf MTV seine neuen Gedichte vor. Im Dezember 2002 wurde die Regierung, die das Morden organisiert hatte, mit einer satten Mehrheit wiedergewählt. Niemand wurde für den Genozid zur Verantwortung gezogen. Narendra Modi, der Architekt des Pogroms, stolzes Mitglied des RSS, hat seine zweite Amtszeit als Chefminister von Gujarat angetreten. Wäre er Saddam Hussein, würde CNN über all diese Greueltaten natürlich berichten. Weil er das aber nicht ist und weil der indische "Markt" globalen Investoren offensteht, ist das Massaker nicht Mal eine peinliche Randerscheinung. Mehr als hundert Millionen Muslime leben in Indien. Eine Zeitbombe tickt in unserem altehrwürdigen Land.

Die These vom freien Markt, der nationale Schranken überwindet, ist ein Mythos. Der freie Markt untergräbt die Demokratie. Der Abstand zwischen Reich und Arm wird immer größer, der Kampf um die Ressourcen immer aggressiver. Um ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen, um sich unsere Agrarprodukte anzueignen, das Wasser, das wir trinken, die Luft, die wir atmen, und unsere Träume, braucht die Globalisierung einen internationalen Verbund von loyalen, korrupten, autoritären Regierungen in den armen Ländern, damit unpopuläre Reformen durchgepeitscht und Aufstände niedergeschlagen werden können.

Die Globalisierung (oder, um es beim Namen zu nennen: der Imperialismus) braucht eine Presse, die so tut, als wäre sie frei. Sie braucht eine Justiz, die so tut, als spräche sie Recht. Gleichzeitig häufen die Länder des Nordens Massenvernichtungswaffen an: Es muß doch gewährleistet sein, daß nur Kapital, Waren, Patente und Dienstleistungen globalisiert werden. Nicht die Bewegungsfreiheit der Menschen. Nicht die Einhaltung der Menschenrechte. Nicht die Abkommen über das Verbot von Rassendiskriminierung, von chemischen und atomaren Waffen, über den Klimaschutz oder, Gott bewahre, über die Errichtung eines Strafgerichtshofs. Das alles ist das "Imperium": diese obszöne Anhäufung von Macht, dieser ungeheure Abstand zwischen Oben und Unten. Unser Kampf, unser Ziel, unsere Vision von einer anderen Welt muß es sein, diesen Abstand aufzuheben.

Wir stehen nicht schlecht da. Es hat wichtige Erfolge gegeben, vor allem hier in Lateinamerika. In Bolivien Cochabamba, in Peru der Aufstand von Arequipa. Und die Augen der Welt richten sich auf die Menschen in Argentinien, die darangehen, ihr vom Internationalen Währungsfonds zugrunde gerichtetes Land wiederaufzubauen. In Indien gewinnen die Globalisierungsgegner an Stärke. Und die schillernden Botschafter der Globalisierung - Enron, Bechtel, WorldCom, Arthur Andersen -, wo waren sie letztes Jahr, und wo sind sie jetzt?

Dennoch erleben viele von uns dunkle Momente der Verzweiflung. Wir wissen, daß unter dem Schirm des Anti-Terror-Krieges Männer in Anzügen fleißig ihren Geschäften nachgehen. Während Marschflugkörper am Himmel auftauchen, werden Verträge unterzeichnet, Patente angemeldet, Erdölpipelines gebaut, Bodenschätze geplündert, Wasservorkommen privatisiert - und George W. Bush ist entschlossen, Krieg gegen den Irak führen. Betrachtet man diesen Konflikt als eine unmittelbare Konfrontation zwischen dem "Imperium" und jenen von uns, die Widerstand leisten, so scheinen wir die Verlierer zu sein.

Man kann es aber auch anders sehen. Wir haben begonnen, das "Imperium" zu zermürben. Wir haben es vielleicht nicht, noch nicht, aufgehalten, aber wir haben es gezwungen, die Maske fallenzulassen. Das Imperium wird vermutlich in den Krieg ziehen, aber es präsentiert sich jetzt ganz offen - und es ist so häßlich, daß es nicht in den Spiegel sehen mag. Nicht einmal die eigene Bevölkerung kann es für sich gewinnen. Über kurz oder lang wird sich die Mehrheit der Amerikaner mit uns verbünden.

Vor wenigen Tagen kam in Washington eine Viertelmillion Menschen zusammen, die gegen einen Krieg im Irak demonstrierten. Und die Stimme des Protests wird lauter. Vor dem 11. September hatte Amerika eine verborgene Geschichte. Verborgen besonders vor den Amerikanern. Doch nun sind die Geheimnisse Amerikas Geschichte, und diese Geschichte ist allgemein bekannt. Heute wissen wir, daß die Argumente, die zur Einstimmung auf den Irak-Krieg dienen, Lügen sind. Besonders lachhaft ist die These, die Regierung wolle dem Irak die Demokratie bringen. Menschen zu töten, um sie vor Diktatoren oder ideologischer Verderbnis zu bewahren, ist ein alter Sport amerikanischer Regierungen.

Mickey Mouse und Mullahs

Niemand bezweifelt, daß Saddam Hussein ein Diktator, ein Mörder ist. Keine Frage, daß es den Irakern ohne ihn besser ginge. Allerdings ginge es der ganzen Welt besser ohne einen gewissen Mr. Bush. Er ist weitaus gefährlicher als Hussein. Es ist sonnenklar, daß Bush entschlossen ist, Krieg gegen den Irak zu führen - ohne sich um Fakten und Weltöffentlichkeit zu scheren. In ihrem Bestreben, Verbündete zu gewinnen, sind die Vereinigten Staaten bereit, Fakten zu erfinden. Die Farce mit den Waffeninspekteuren ist das aggressive, beleidigende Zugeständnis an eine verhunzte Form internationaler Etikette. Im Grunde hat der neue Irak-Krieg schon begonnen.

Was können wir tun? Wir können unsere Erinnerung aktivieren, aus der Geschichte lernen. Wir können unsere Stimme erheben, bis sie ein ohrenbetäubender Donner ist. Wir können die Exzesse der amerikanischen Regierung anprangern. Wir können Bush und Blair - und ihre Verbündeten - als die feigen Babykiller, Wasservergifter und kleinmütigen Fernbomber bloßstellen, die sie sind. Wir können auf millionenfache Weise zivilen Ungehorsam praktizieren. Mit anderen Worten: Wir können Schwierigkeiten machen. Wenn George W. Bush ausruft: "Ihr seid entweder für uns oder für die Terroristen", können wir dankend abwinken. Er soll wissen, daß die Völker der Welt nicht zwischen einer böswilligen Mickey-Maus und wildgewordenen Mullahs zu entscheiden brauchen.

Unsere Strategie sollte es nicht sein, das Imperium herauszufordern, sondern es zu zermürben. Ihm die Luft zum Atmen zu nehmen. Es zu beschämen. Es zu verspotten. Mit unserer Kunst, unser Musik, unserer Literatur, unserem Starrsinn, unserer Lebensfreude, unserer Phantasie, unserer ganzen Entschlossenheit - und unserer Fähigkeit, unsere Geschichten zu erzählen. Die Revolution der Globalisierer wird scheitern, wenn wir uns ihnen verweigern - ihren Ideen, ihrer Version der Geschichte, ihren Kriegen, ihren Waffen, ihrer Logik. Vergeßt nicht: Wir sind viele, sie sind wenige. Sie brauchen uns mehr als wir sie.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2003, Nr. 30 / Seite 35


 


           

Das Leben und Werk von Jack Kerouac

 http://www.britannica.com/blogs/wp-content/uploads/2007/09/image.jpg

http://imagecache2.allposters.com/images/pic/QUOMAG/MD114~People-Jack-Kerouac-Posters.jpgJack Kerouac war aus jenem seltenen Material gebaut, aus dem Legenden gesponnen werden

 

 

 

 


 

 

 

 http://www.worldpeace-conference.net/sydney/images/gallery/Gandhi_sepia.jpg

Pazifismus ... n dem "Typ des Pazifismus angezogen, so wie er von Leo Tolstoi und Mahatma Gandhi vertreten wurde, und von der Anwendung der Gewaltlosigkeit als einer

Gewaltfreiheit
Die prinzipielle Gewaltfreiheit, von [[Gandhi]] als [[Satyagraha]], d.h. Festhalten an der Wahrheit, von Luther King als ...

 

  

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Dieser Artikel erschien bei  www.kurskontakte.de

Im Dezember 2008 trafen sich im Lebensgarten Steyerberg Margrit Kennedy, Heide-Göttner-Abendroth und Johannes Heimrath, um einen ganzen Tag dem gemeinsamen Nachdenken über die auf den ersten Blick so utopisch wirkende, aber doch omnipräsente Ökonomie des Schenkens zu widmen. Der folgende Gesprächs­auszug ist ein erstes Ergebnis dieser auch filmisch dokumentierten, produktiven Zusammenkunft. Weitere Veröffentlichungen als Film und in Buchform werden in den nächsten Monaten folgen.



Johannes Heimrath: Bereits im Jahr 2006 saßen wir in dieser Konstellation auf einer Tagung zusammen und haben über ein neues Verständnis von Arbeit, Geld und Sozialstruktur nachgedacht. Damals war noch nicht abzusehen, dass das Finanzsystem einen so großen Zusammenbruch erleiden würde. Unsere Themen waren 2006 noch völlig exotisch, heute ist viel mehr Offenheit in der Bevölkerung da, Wirtschaft anders zu denken.

Margrit Kennedy: Mich fasziniert immer, dass die Globalisierung erst durch Geld möglich war, doch gleichzeitig hat sie zu der Einsicht geführt, dass wir wieder kleinere Wirtschaftsräume brauchen, weil wir sehen, dass das einseitige Verständnis von Kultur und Wirtschaft mit seinem „größer ist besser“, das sich über den Globus ausbreitet, viel Leid im lokalen Bereich mit sich bringt. Heute wird vielen Menschen klar: Wenn sich die Gier nach immer mehr Geld und immer größeren Gewinnen wie ein Krebs über den Globus ausbreitet, müssen wir erst wieder das Kleinteilige schätzen lernen. Mir geht es jetzt darum, beides zusammenzubringen, dass wir einerseits -, Dank unserer Kommunikationstechnologie – das Gefühl haben können, zu einem „Menschheitskörper“ zu gehören, der sich über die ganze Erde hinweg gebildet hat, und zugleich die eigene Region zu spüren und zu stärken. Ich arbeite heute beispielsweise mit einem globalen Netzwerk von Partnern, die alle auf vielfältige Art und Weise regionale Probleme lösen möchten.

Heide Göttner-Abendroth: Ich würde unsere Diskussion gerne mit der Frage nach dem Wesen des Geldes, wie es heute international kursiert, beginnen. Margrit hat es als Krebsgeschwür bezeichnet. Für mich ist es wichtig, klarzustellen: Niemand lebt vom Geld, obwohl das Millionen Menschen glauben. Stattdessen leben wir von den Lebens-Mitteln, die von der Erde kommen, und wir leben durch gute Beziehungen und Gemeinschaft. Das sind Qualitäten, die durch die Mütter ins Leben jedes Einzelnen treten. Die Natur und die Mütter schenken das, was das Leben ermöglicht, deshalb spreche ich von einer „Ökonomie des Schenkens“. Noch niemand hat der Natur Geld für ihre Geschenke gegeben. Ich darf es mal metaphorisch sagen – diese Geschenke kommen von der Mutter Erde. Und des weiteren stammen die Geschenke, die in unserer Gesellschaft kursieren, wesentlich aus der Arbeit der Frauen. Sie schenken Leben und arbeiten 20 Jahre lang, bis das Wesen, dem sie das Leben geschenkt haben, groß geworden ist. Laut einem UNO-Bericht werden zwei Drittel der Arbeit auf der Erde von den Frauen geleistet, das meiste davon unentgeltlich. Das ist ein riesiger Bereich des Schenkens, deshalb existiert die Ökonomie des Schenkens bereits, wir leben beständig darin. Darüber hinaus existiert ein reicher Strom von Geschenken von Menschen, die in großen Wirtschaftsbetrieben arbeiten und den Mehrwert ihrer Arbeit nicht erhalten, sondern weitergeben. Ihr Strom an Geschenken fließt von unten zu ein paar wenigen Menschen, die an der Spitze der Gesellschaft stehen. Deshalb ist die heutige Ökonomie eine parasitäre Ökonomie, die diese Geschenke absaugt, sie zu erzwungenen Geschenken macht und großes Interesse daran hat, die riesige Schenk­ökonomie unsichtbar zu machen. Alle, die idealistisch arbeiten, bereiten Geschenke, die unsere Gesellschaft ernähren und erhalten Wenn wir diese Perspektive einnehmen, kommen wir der Schenkökonomie auf die Spur.

Margrit Kennedy: Das möchte ich gerne mit Zahlen unterfüttern. Das statistische Bundesamt hat einen Vergleich angestellt zwischen der offiziellen Statistik, die aussagt, was Frauen an Arbeit, die in der Leistung der Kindererziehung stecken. Jedes Jahr leisten Frauen soviel wie die gesamte deutsche Industrie ohne den Bausektor.
Ich finde die Forderung, Frauen oder Männer für ihre Arbeit bei der Kindererziehung zu bezahlen, problematisch, da bietet aus meiner Sicht das bedingungslose Grundeinkommen eine bessere Lösung …

Heide Göttner-Abendroth: Ich kenne auch die Argumente in bestimmten Kreisen der Frauenbewegung, in denen Geld für Hausarbeit gefordert wird. Das könnte durchaus ein kleiner, sinnvoller Zwischenschritt sein, aber solche Schritte bleiben systemimmanent und in alten Strukturen verfangen, wenn sie nicht von der Vision einer anderen Gesellschaft getragen sind. Steht jedoch diese Vision bewusst im Vordergrund, kann jeder Schritt dazu dienen, sie Wirklichkeit werden zu lassen.
Die Ökonomie des Schenkens ist nicht einmal „nur“ eine Vision, sie ist bereits Praxis. Sie wird auf der ganzen Welt als lebensfördernde Arbeit in Grundzügen ähnlich praktiziert. Die gesamte globalisierte Geld- und Marktwirtschaft lebt davon. Die Ökonomie des Schenkens ist auch nichts Lokales oder nur auf die Frauen Bezogenes. Wenn wir uns das bewusst machen, erkennen wir ein neues Paradigma von Gesellschaft, in dem ein neues Paradigma von Ökonomie eine entscheidende Rolle spielen wird. Das neue lässt kritisch analysierend das alte Paradigma hinter sich, versucht den Dingen, wie sie heute sind, an die Wurzel zu gehen.

Margrit Kennedy: Was wir im Moment erleben, ist ja nicht nur eine kleine Krise, sondern eine tief greifende Erschütterung unseres Geldssystems. Wenn man sieht, wie die Banken mit staatlichen Geschenken gerettet werden, erleben wir Zwangsgeschenke des Steuerzahlers, um dem System das Überleben ermöglichen. Politiker und Banker konzentrieren sich auf bessere Kontrollen, um die Auswüchse des Systems zu begrenzen, stellen es selbst aber nicht in Frage. Wir werden eine harte Lernerfahrung machen müssen, wie hart, das hängt davon ab, wie schnell wir die wirklich fundamentalen und systemimmanenten Dinge ändern können.

Johannes Heimrath: Die sogenannten Rettungspakete kommen mir vor wie kleine Bollwerke zur Lawinen­abwehr an einem steilen Berghang. Jeder weiß, dass die Schneemassen übermächtig sind und die Lawine eher früher als später losberechen wird. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen, mit denen wir in unseren globalen Netzwerken im Gespräch sind, nicht an der kleinen Lawinenabwehr bauen wollen, sondern sie arbeiten daran, wie man nach der Lawine das Dorf auf der anderen Seite des Tals wieder aufbauen kann.
Wie muss unser Denken sein, wenn das gelingen soll? Wie lernt eine Gesellschaft, mit Freiheiten umzugehen, welche Bildungsaufgabe steht uns bevor?

Margrit Kennedy: Ich habe den Eindruck, es geht vor allem um einen anderen Umgang mit Zeit. „Zeit ist Geld“ – das halte ich für Unsinn. Das, was Gott uns geschenkt hat, die Zeit – dürfen wir das vermarkten? Ich glaube, wir brauchen eine völlig neue Definition von Reichtum. Wer Geld hat, soll reich sein? Das ist der größte Unfug, mit dem wir durch unser gehetztes Leben ziehen. Wir sind herausgefordert, eine attraktive Zukunftsvision zu entwickeln. Sie kann einen neuen Umgang mit Zeit, eine neue Definition von Reichtum, einen neuen Umgang mit Politik, unseren gemeinschaftlichen Anliegen und Spiritualität umfassen.

Heide Göttner-Abendroth: Die Krise des alten Paradigmas ist eine Krise des kapitalistisch geprägten Patriarchats. Der Kapitalismus ist gerade erst 500 Jahre alt, patriarchale Strukturen sind nicht älter als 3000 bis 4000 Jahre. Patriarchale Gesellschaften sind so aufgebaut, dass die einen den anderen dienen müssen, sie basieren auf Hierarchie. Heute dient die unter der kapitalistischen Wirtschaft unsichtbar liegende Schenkökonomie den Herrschenden, der Macht und dem Reichtum in den Händen Weniger. In unserer Gesellschaft finden sich alle Werte, die zum Prinzip der Herrschaft gehören: Herrschaft nimmt, ohne zurückzugeben, entwickelt Strategien zur Herrschaftserhaltung und produziert Ideologien wie den heutigen Irrglauben, dass die Menschen von Arbeitsplätzen und Geld leben würden. Das ist für diesen Zusammenhang meine Analyse des Ist-Zustands, des kapitalistischen Patriarchats.
Zur Klärung kurz zwei Punkte, zunächst zum Begriff der Strategie: Heute kann man an unserem globalen Geldsystem sehen, dass Herrschaftswissen strategisches Denken ist, ebenso wie Kriege strategisches Denken verlangen. In gewisser Weise sind wir Zeugen eines organisierten Wirtschaftskriegs, der dem Krieg durch eine Militärmacht gleicht. Und zur Klärung des Begirffs „Patriarchat“: Es ist die Herrschaft weniger über alle anderen. Das hat nichts mit Männern versus Frauen zu tun, sondern es geht um ganze Gesellschaftsformen, eben der patriarchalen versus der matriarchalen Gesellschaftsformen, wobei die patriarchale Gesellschaftsform alle anderen beherrscht und ausbeutet.

Margrit Kennedy: Die Art und Weise, wie das Geldsystem uns ausbeutet, muss zunächst einmal mit dem Verstand begriffen werden. Wenn wir verstanden haben, dass das System nur auf exponentiellem Wachstum basiert, können wir auch körperlich spüren, dass es ungesund ist, denn exponentielles Wachstum ist nicht Teil unseres Zellwissens. Die Erfahrung des Schenkens aber wohl. Wir wünschen uns tief in unseren Herzen, anderen etwas zu schenken. Das muss gelebt werden können! Hier im Lebensgarten Steyerberg erfahre ich das seit 20 Jahren immer wieder. Dadurch entsteht eine neue Lebensqualität, von der ich heute sage: Das ist eigentlich das Normale.

Heide Göttner-Abendroth: Auf der Grundlage, dass Schenken eben eine normale menschliche Haltung ist, formuliert Genevieve Vaughan – als die Urheberin dieser Ideen – ihre Gedanken von der Ökonomie des Schenkens. Ein Kind kann das, was die Mutter schenkt – das Leben und viele Jahre der Pflege und Begleitung – nicht zurückgeben, und die Mutter erwartet das auch gar nicht. Aber wenn sie erwachsen sind, schenken die Kinder das Gleiche wiederum ihren Kindern. Wenn wir etwas aus freiem Herzen schenken, erwarten wir nicht, dass es zurückkommt. Das ist kein Tausch, der durch das Äquivalent Geld bestimmt werden kann, sondern das transitive Weiterreichen von Geschenken. So funktioniert nach Genevieve Vaughans Erkenntnissen das Paradigma des Schenkens. Deshalb formuliert sie den Ausstieg aus dem Tausch-Paradigma zum Paradigma des Schenkens als der natürlichen und allen anderen zugrunde liegenden Wirtschaftsweise. Die Geschenke der Mütter liegen obendrein nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der geistig-seelischen Ebene. Jede Mutter schenkt ihrem Kind die Sprache. In diesem Sinne schenken die kreativen Menschen der Gesellschaft unendlich viel durch Literatur, Kunst, Musik, Gestaltung oder Erfindungen. Nur wird das nicht als Geschenk wahrgenommen, sondern für die herrschende Ökonomie zählt nur, ob man mit etwas Geld machen kann.

Johannes Heimrath: Die Schwierigkeit heute besteht darin, das Selbstverständliche sichtbar zu machen. Als wir gestern nach Steyerberg kamen, hatte ich das gute Gefühl von Normalität: Genau so leben moderne Menschen sinnvoll zusammen! Jeder hat seinen eigenen Lebensraum und möchte zugleich zu etwas Größerem, Gemeinsamem beitragen, in dem jeder wertgeschätzt wird. Trotz dieser augenscheinlichen Normalität ist Steyerberg heute immer noch eine Insel, eine große Ausnahme. Wie finden wir also zu einer Kommunikationsfähigkeit, die verdeutlichen kann, warum diese Gemeinschaften und Nachbarschaften, die auf gegenseitiger Wertschätzung und dem Schenken basieren, das Normale und Natürliche sind? Es geht hier um etwas ganz Unspektakuläres.
Ich finde es zum Beispiel schwierig, dass ich ­meine Wertschätzung gegenüber einer Designleistung in unserer heutigen Gesellschaft kaum äußern kann. Nehmen wir die Teekanne auf diesem Tisch, ich schätze das Design dieser schönen Glaskanne. Jemand hat mir mit dieser Kanne etwas von seiner Gestaltungsfähigkeit geschenkt, und ich möchte gerne meine Wertschätzung an ihn weitergeben. Aber das geht nicht, denn die Kanne ist eine Ware. Hat man sie für Geld im Laden erworben, wird dieser Akt in der Regel vom Gefühl des Anspruchs, ein funktionstüchtiges Objekt zu erhalten, begleitet, nicht vom Gefühl des Beschenktseins. Es ist eine spannende Frage, warum die Wertschätzung gegenüber einer Sache verlorengeht, warum wir das ursprüngliche Geschenk desjenigen, der sie gestaltet hat, vergessen, sobald der Wert einer Sache in Geld bemessen wird.

Heide Göttner-Abendroth: Was passiert denn, wenn Geschenke zu Waren gemacht werden? Wenn ich ein Ding schenke, gebe ich mehr als das Ding, es ist eigentlich nur ein Symbol für alles, was ich an Emotionalem und Intellektuellem mitschenke. Als Waren werden die Geschenke zu toten Gegenständen, jedes emotionalen Werts entkleidet, sie werden mit einem Geldwert verglichen. Und das ist bereits ein Raub, denn das Ding ist mehr wert, als mit Geld beschrieben werden könnte. Gegenstände, Handlungen oder Dienstleistungen werden für den Tausch frisiert, ihrer ideellen Seite entkleidet und dann in der Reklame wieder mit einem emotionalen Pseudo-Wert versehen. Wenn man dann kauft, bekommt man nur ein totes Ding und wird betrogen.
Umso schlimmer, wenn dem Geld auch noch ein Wert zugemessen wird. Es wird so getan, als ob das Geld eine Ware ist, das man auch kaufen und verkaufen kann, und das einen Preis hat. Aber das stimmt nicht. Denn Geld ist nur ein abstraktes Äquivalent, aber keine kaufbare Ware. Mit dieser Täuschung setzen dann alle Probleme ein, die wir mit unserer völlig absurden, aufgeblasenen Geldökonomie haben – wie jetzt mit der „Bankenkrise“ zu erleben ist.

Margrit Kennedy: Weil wir alles als Ware betrachten, hängen die Ökonomen an ihren alten Theorien. Auch Geld ist für sie eine Ware, du zahlst etwas für Geld. Warum auch nicht? Oberflächlich betrachtet erscheint das sinnvoll. Erst wenn man tiefer gräbt, stößt man auf das Zins- und Zinseszinsphänomen, auf das exponentielle Wachstum und den Druck, der auf allen lastet, die einen Kredit mit Zins zurückzahlen müssen, die immer mehr produzieren müssen in der Spirale des „immer mehr und immer mehr“, die uns dazu geführt hat, wo wir heute sind. In Sekundenschnelle jagen heute Millionenbeträge um den Erdball, und was die Realwirtschaft aufbringen kann, ist viel zu wenig, um den Zins zu bedienen, da bleibt nur noch die Gewinnerzeugung in der Geldspekulation.
Das Verrückte ist, dass weder bei denen, die draufzahlen, noch bei den wenigen Profiteuren die Funktionsweise des Systems bekannt ist. Manchmal erhalte ich die Gelegenheit, mit jemand von den oberen Zehntausend zu sprechen und versuche, ihnen den Widersinn des Geldsystems zu erklären, aber dann winken viele ab und sagen, das sei alles so komplex, dass man es überhaupt nicht verstehen könne. Also lassen wir es weiter existieren. Es ist den meisten schon zur zweiten Natur geworden, wenn es um's Geld geht, den „Ich verstehe es einfach nicht“-Gang einzulegen. Dabei kann jeder offene Mensch in fünf Minuten verstehen, worum es geht.
Aber jetzt bricht – nach der Finanzsphäre – gerade die Wirtschaftssphäre zusammen. Und ich denke, dieser Zusammenbruch wird so viel kosten, dass die Letzten aufwachen werden und sich die Theorie und die Praxis verändern wird, während gleichzeitig viele Geldmythen enttarnt werden.
Das Buch „Gewaltmetall Gold“ von Paul C. Martin, zeigt beispielsweise, dass das Geld nicht etwa erfunden wurde, um den Tausch zu ermöglichen, sondern um Armeen zu bezahlen und ein bestimmtes Staatsmodell aufrecht zu erhalten. Heute sieht man dieses Prinzip an den USA. Der Rest der Welt erlaubt, dass dieses Land Papier bedruckt, kleine grüne Dollarscheine, mit denen es alles kaufen kann. Wir geben diesem Land die Macht, indem wir diesen absurden Raub zulassen.

Heide Göttner-Abendroth: Ich möchte nur daran erinnern, wie Europa seinen Vorsprung gegenüber der ganzen Welt entwickeln konnte: durch den weltweiten Kolonialismus, die Ausräuberung der Goldschätze der indigenen Völker und das Horten von Gold aus allen Kontinenten. Etwas Vergleichbares hat es früher nicht gegeben.

Margrit Kennedy: Doch Hortung von Gold und Geld gibt es seit Jahrtausenden durch die Entwicklung der Kriegsmaschinerie. Noch heute arbeitet mehr als die Hälfte aller Ingenieure für den Krieg, also für den Tod.

Johannes Heimrath: Ich möchte noch einmal auf Wert und Wertschätzung zurückkommen und auf unser Gespräch über die Entstehung von Geldwert. Ich denke gerade an eine neolithische Gesellschaft, z. B. in Irland im 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, als die drei großen Sonnentempel im Boyne-Valley entstanden sind. Das konnte nur eine arbeitsteilige Gesellschaft leisten, die neben Fladenbrot auch noch solche Kunstwerke herstellen konnte. Es ist nicht bekannt, dass dort in irgendeiner Form eine Entlohnung stattgefunden hat. Die Gesellschaft als Ganze war in der Lage, alle Menschen zu ernähren. Auch die, die Arbeit verrichtet haben, die nicht unmittelbar dem Nahrungserwerb diente. Wie findet denn hier die Wertschätzung statt, die nicht dem patriarchalen Modell entspricht?

Heide Göttner-Abendroth: In dieser Zeit existierte eine völlig andere gesellschaftliche Organisationsform, eben die matriarchale. Sie basierte auf Gesellschaften ohne Herrschaft und Hierarchie, in der die Mütter im Zentrum stehen, bzw. die Werte, die mit Mütterlichkeit verknüpft sind. Daraus folgt eine bestimmte soziale Ordnung, aus der eine Ökonomie in Kreisläufen des Schenkens hervorgeht. Alle Mitglieder eines Clans geben der Clanmutter oder Matriarchin alles, was sie erwirtschaften, seien es die Feldfrüchte oder Geld, und sie verteilt es an die Mitglieder des Clans als Geschenke von allen an alle.Dieses Prinzip wird nicht nur im Clan, sondern auch auf der Ebene einer Dorf- oder Stadtkultur angewendet. Dabei werden die Überschüsse aus gutem Wirtschaften in einer Festkultur der gesamten Dorfgemeinschaft geschenkt. Denn es gehört zur Ehre eines Clans, diejenigen Feste, für die er Verbindlichkeit übernommen hat, so reich wie möglich zu gestalten und sich schenkend zu verausgaben. Der Gegenwert ist Ehre, soziales Ansehen. Das klingt jetzt wie ein sozialökonomisches Muster, das nur auf der kleinen lokalen Ebene funktioniert, aber es wurde sogar auf der Ebene von Geschenke-Weitergeben und Kommunikation zwischen verschiedenen Stämmen in großräumigen Gebieten angewendet. Bei den Irokesen-Stämmen der berühmten Liga existierte beispielsweise eine weite Gebiete Nordamerikas umspannende Geschenke-Ökonomie. Oder man denke an den Kula-Ring, einen Schifffahrts-Ring, den mehrere Stämme in Melanesien organisiert hatten: Die ringförmige Schiffsroute umfasste viele Inseln über 2000 Seemeilen hinweg. und über dieses Netz mit gro­ßen Distanzen wurde Muschelschmuck als Geschenk ausgetauscht und Freundschaften gepflegt. Das sind zwei Beispiele aus matriarchalen Gesellschaften, wobei die ökonomischen Muster ohne eine Spitze, die alles rekrutiert und an sich reißt, funktionieren. Die Güter werden im Geschenke-Kreislauf weitergegeben, wobei das Schenken immer mit Liebeszuwendung verbunden ist.
Matriarchate waren und sind bedürfnisorientierte Gesellschaften, und ihre lange Stabilität durch die Kulturgeschichte zeigt, dass exponentielles Wachstum von Geld und Wirtschaft gar nicht zu den Grundbedürfnissen der Menschen zu gehören scheint. Hingegen gehören zu den menschlichen Grundbedürfnissen Sicherheit und Balance.

Johannes Heimrath: Gesellschaften, die über Jahrtausende hinweg solche Prinzipien nicht verraten haben, sind ganz schwer auf uns zu übertragen. Ich stelle mir gerade einen Wolkenkratzer vor: Ist so etwas als Gemeinschaftswerk vorstellbar? Versuchen wir mal, uns einen Wolkenkratzer zu denken, der auf Schenkökonomie basiert.

Heide Göttner-Abendroth: Wolkenkratzer sind spitz und hoch, diese Architektur entspricht symbolisch der Spitze der Hierarchie von patriarchalen Gesellschaften.
Deshalb sind sie ja auch Statussymbole von Banken, Konzernen und Machthabern.

Johannes Heimrath: Gibt es denn ein Bedürfnis des Menschheitskörpers nach Wolkenkratzern, oder gibt es ein Bedürfnis nach dieser ganz einfachen Normalität, wie wir sie hier in Steyerberg erfahren?

Margrit Kennedy: Viele Menschen, die uns besuchen, sagen: Ihr lebt eine Utopie. Aber stattdessen, finde ich, leben wir etwas ganz Normales. Ich glaube, dass wir nur durch Beispiele weiterkommen. Gemeinschaften und in der Praxis funktionierende Regionalwährungen sind gute Beispiele, die alle ermutigen. Wenn die Menschen im praktischen Tun begreifen, was wirklicher Reichtum ist, was wirkliche Beziehung ist, werden sie das in die Welt hinaustragen und bei anderen Denkprozesse auslösen, so dass sie verstehen, was denn tatsächlich die menschlichen Bedürfnisse sind.

Heide Göttner-Abendroth: Aber in diesem Stadium sind wir noch nicht angekommen, viele Menschen sagen heute noch: Mein Bedürfnis ist, viel Geld zu haben.
Johannes Heimrath: Haben wir denn ein echtes Bedürfnis nach einem Wolkenkratzer?

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Gesellschaften sind bedürfnisorientiert, sie machen eine biologische Grundtatsache, dass Frauen die Menschheit gebären, zu einem gesellschaftlichen Modell. Im Gegensatz dazu sind patriarchale Gesellschaften machtorientiert. Sie erfüllen nur die Bedürfnisse der herrschenden Elite. Über die Bedürfnisse der anderen wird hinweggegangen, sie werden fortgesetzt nicht erfüllt.Daraus entsteht dann Suchtverhalten, die Sucht nach Geld und Ware, erzeugt durch die psychische Verarmung, die das System mit sich bringt.
Die Bedürfnisse, die matriarchale Gesellschaften befriedigen, sind die Bedürfnisse nach Liebe, Anerkennung, Schutz und Kreativität. Eine Kultur der Beziehungen kann all das erfüllen. Und das ist nicht etwa „archaisch“, sondern diese Bedürfnisse sind elementar, sie sind immer da und werden bis zu einem gewissen Grad von den Müttern selbst in patriarchalen Gesellschaften erfüllt. Auch der Ausdruck von Spiritualität gehört zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen, ebenso der Wunsch, vielleicht ein fantastisches Gebäude zu bauen. Es bringt ja Freude, schöne Architektur zu schaffen! Aber einen Wolkenkratzer zu bauen, in dem eine Bank oder ein Konzern ausbeutend hoch über den anderen sitzt, ist meiner Ansicht nach kein elementares menschliches Bedürfnis.

Margrit Kennedy: Die Wolkenkratzer sind die Slums von Morgen, der reine Ausdruck von Macht nach dem Motto „Wer hat den Längsten?“.

Heide Göttner-Abendroth: Das Bedürfnis nach immer mehr Macht haben nur die Herrschenden, sie befällt der Wahn, dass diese immer größer werden und ewig wachsen muss. Der Wahn, dass man Herrschaft nur durch Wachstum aufrechterhalten kann, führte schließlich zum Fall aller großen Weltreiche.

Johannes Heimrath: Eine Kultur der Wertschätzung, der Bedürfnisachtung und des Selbstausdrucks – das wär wohl eine „normale“ menschliche Gesellschaft. Ich komme noch einmal zurück auf die Sonnentempel im Tal des Boyne. Die Gesellschaft, die sie geschaffen hatte, musste unheimlich leistungsfähig sein. Darin drückt sich ein Bedürfnis aus, nach etwas, das uns heute an diesen Bauwerken tief beeindruckt. Sie rühren eine andere Frequenz in uns an, als eine ägyptische Pyramide, die einen Einzelnen überhöht. Was ich an dieser Frequenz wahrnehme, hat mit Zyklen zu tun. Eine zyklische Technologie erschafft runde Tempel und Werkzeuge wie eine Steinmühle, die perfekt funktionieren und im Grunde nicht verbessert werden können. Auch wir können heute nichts anderes tun, als einen Motor vor die Mühle hängen, aber das Prinzip zweier sich reibender Steine ist so alt wie die Jungsteinzeit und braucht kein „Wachstum“. Die Mühle ist für mich ein Sinnbild für den Unterschied der Kultur der Tempel zur Kultur der Wolkenkratzer. Ich kann diesen Unterschied nicht gut in Worten ausdrücken …

Heide Göttner-Abendroth: Avebury, Newgrange und andere neolithische Bauwerke sind großartige Werke, die eine hohe Meisterschaft voraussetzen. Damals gab es Städte mit bis zu 10.000 Einwohnern, aber sie wollten keine Pyramide und keinen Wolkenkratzer bauen. Ihre Bauwerke wurden von der Gemeinschaft geschaffen und dienten der Gemeinschaft. Der gesamte Kreislauf von Lebens, Tod und Wiedergeburt wurde dort gefeiert. Deshalb sind neolithische Stätten wie die großen Gräber und Tempel rund oder oval, sie bilden den Uterus der Mutter Erde nach. Aus dem Gedanken der Wiedergeburt aus dem Schoß der mütterlichen Erde ehren sie die Ahnen – denn diese werden ja wiederkehren – und schaffen solche großen Anlagen als Ahnentempel für die ganze Gemeinschaft, während die ägyptische Pyramide nur einem einzelnen, vergöttlichten Pharao dient.

Margrit Kennedy: Wie funktionierte denn damals die Arbeitsteilung ohne Geld? Das ist eine entscheidende Frage, denn wir werden ja nicht in die volle Selbstversorgung zurückkehren, sondern auch nach der Krise eine arbeitsteilige Zivilisation bleiben.

Heide Göttner-Abendroth: Subsistenz heißt doch nicht, dass jeder nun seine eigenen Kartoffeln anbaut. Es heißt, dass eine Region alles erzeugt, was für das Leben in dieser Region gebraucht wird, und das wird in einer differenzierten, arbeitsteiligen Gesellschaft in dieser Region organisiert sein.

Margrit Kennedy: Ins Unreine gesprochen: Das Monopol der Zentralbank wird abgeschafft, so dass viele Regionalwährungen entstehen, damit in einer arbeitsteiligen Gesellschaft die Menschen in den Regionen miteinander kooperieren können, und im überschaubaren Rahmen experimentieren die Menschen mit Schenkökonomie … Aber wo hört das Geld auf, und wo hört der Tausch auf? Ich denke, wir werden auch weiterhin Regionalgeld und internationale Zahlungsmittel brauchen.

Heide Göttner-Abendroth: Ja, wir gehen vom Ist-Zustand aus und fragen uns angesichts dessen, wie die matriarchalen Gesellschaftsmuster funktionieren, und was sie uns lehren könnten. Wenn wir sie wieder einführen wollen, geht das über viele kleine, vernünftige Schritte.
Meine Forschung hat mich überzeugt, dass ein hoher Grad an Arbeitsteilung auch ohne Geld möglich ist, das sehen wir an Beispielen wie dem Tempel von Newgrange im Boyne-Valley. Hier ging es nicht darum, Individuen zu bezahlen, weil niemand individuell seine Existenz bestreiten musste. Diese großen Bauwerke sind entstanden aus der Verknüpfung von großen Clans in vielen dort lebenden Dörfern und Städten. Die Bauten sind ja auch nicht über Nacht entstanden, sondern ihr Entwurf wurde über Generationen tradiert als das Symbol des Kosmos auf Erden. Hat man einmal das Symbol gefunden, wie man Kosmos und Erde in einer Architektur abbildet, so wurde das über Jahrhunderte weiter tradiert. Deshalb entstanden diese Bauten über Generationen, über Jahrhunderte hinweg. Dass die Umsetzung dieser Symbole ohne Geld möglich war, hatte mit der Sozialordnung und mit der spirituellen Glaubenswelt zu tun.

Margrit Kennedy: Es gehörte dazu, dass die Menschen sich gegenseitig kannten. Das ist bei 6 Milliarden Menschen, die wir heute sind, nicht mehr gegeben. Wie kommt man dann dahin, dass das, was essenziell in der Kultur, die Newgrange erschaffen hat, vorhanden war – dass man etwas schafft, das größer ist als der Einzelne – wieder entstehen kann?

Johannes Heimrath: Der Clan-Gedanke lässt sich durchaus in die Moderne übersetzen. Heute ist ein Clan nicht mehr ein Haufen Leute, der in einem Langhaus lebt, sondern unter Umständen ein weit über die Welt gespanntes Netzwerk Gleichgesinnter. Mein „Clan“ beispielsweise existiert weltweit, und mit dem bringe ich doch Dinge zuwege, ganz ohne Geld, die absolut erstaunlich sind, beispielsweise die Organisation eines großen internationalen Kongresses. Auch Heides weltweiter „Clan“ hat zum Gelingen eines Kongresses beigetragen. Wir bringen Kompetenzen zusammen, nutzen neue Kommunikationsmöglichkeiten, und es bilden sich Kreise, deren Mitglieder sich gegenseitig wertschätzen und bedingungslos unterstützen.

Heide Göttner-Abendroth: Auch im traditionellen Clanwesen kann ein Clan ein paar tausend Leute umfassen, die sich nicht mehr persönlich kennen.Wir stellen uns das immer zu klein vor. Über Verwandtschaftsverhältnisse waren bis zu 10.000 Menschen miteinander vernetzt, die, ohne sich persönlich zu kennen, gemeinschaftlich handeln konnten. Dieses Prinzip lässt sich auf moderne Wahlverwandtschaften übertragen, natürlich nicht eins zu eins. Aber die Werte und Haltungen die ein solches traditionelles Clanwesen zusammenhielten, lassen sich übertragen.

Johannes Heimrath: Ja, lasst uns diesen Werten anhand konkreter Beispiele nachgehen. Ich frage ­beispielsweise Heide: Warum schenkst du einen großen Teil deiner Lebensenergie diesem Menscheitskörper, indem du ihn mit deinen Forschungen und Publikationen nährst? Das tust du ja offenbar aus einer Selbstlosigkeit heraus, denn dieser Menschheitskörper gibt dir nicht das, was du unmittelbar zum Leben brauchst. Ist es nicht so, dass das Schenken nicht daran denkt, was es zurück­bekommt?

Heide Göttner-Abendroth: Ich denke nicht daran, was ich dafür bekomme, ich habe nur irgendwann erstaunt festgestellt, dass ich einen geistigen Clan habe, der über die ganze Welt ausgebreitet ist. Genevieve Vaughan sagt: „gift creates bonds“, Geschenke erzeugen Beziehungsgefüge. Ihr schenkt ja auch geistige Produkte, und das schafft Verbindungen zu all euren Freundinnen und Freunden. Das ist ein Kreislauf, der uns schützt und stärkt.
Die geistige, mütterliche Haltung des Schenkens, das Transitive des Schenkens geht nicht ins Uferlose, wir schenken in dem Rahmen, in dem unser geistiger Clan existiert und funktioniert. Denn wir verausgaben uns nicht völlig, wir veranstalten auch kein permanentes Weihnachtsfest.
Margrit Kennedy: Ja, wir tun es für uns selbst, und auf wunderbare Art und Weise bringt das Leben es wieder.
Johannes Heimrath: Das ist kein Altruismus, und es ist auch keine Egozentrik.

Heide Göttner-Abendroth: Das mütterliche Modell steht jenseits von Altruismus und Egozentrik, es hat mit den Werten und der Haltung des kreativen Schenkens zu tun. Mutterschaft ist keine sentimentale Kategorie, sondern eine ökonomische. Alle Arbeit der Mütter, der biologischen Mütter wie der symbolischen Mütter und deren geistige Gaben, könnte man in Geld gar nicht bezahlen, und dennoch ist es Ökonomie.
Johannes Heimrath: Aber würdest du die mütterliche ­Liebe als Ökonomie betrachten?

Heide Göttner-Abendroth: In mütterlichen Gesellschaften ist das nicht getrennt. Im Matriarchat ist Liebe gleich Ökonomie, erst das Patriarchat macht diese künstlichen Trennungen.

Johannes Heimrath: Das wäre eine Ökonomie der Liebe, in deren Mittelpunkt Vertrauen steht und ein Gefühl der Fülle …
Margrit Kennedy: Wenn du Fülle erfährst und daraus handelst, erhälst du auch Fülle zurück.

Heide Göttner-Abendroth: In unserer Gesellschaft wird alles zu einem knappen Gut gemacht. Auch Zuwendung wird nur knapp gegeben, um die Menschen abhängig zu machen. Fülle aber lässt niemanden abhängig werden. Wo kommt denn diese Fülle her? Sie kommt aus der unerschöpflichen Natur. Deshalb möchte ich vorschlagen, dass wir im letzten Abschnitt unseres Gesprächs unser Augenmerk auf die Subsistenzperspektive legen. Darin liegt auch ein spirituelles Prinzip, denn im Matriarchat versteht man das Leben so, dass es von der Göttin Erde und vom göttlichen Kosmos kommt, und die Beziehung zur mütterlichen Erde wird in warmen Begriffen benannt. Dies ist die Basis für eine Ökonomie der Beziehungen, es ist zugleich ein spirituelles System.

Johannes Heimrath: Wenn diese Dimension hier so klar ausgesprochen wird, findet eine Spiritualisierung der Ökonomie statt. Das in einer desakralisierten Welt zu formulieren, ist ausgesprochen schwierig.

Heide Göttner-Abendroth: Es scheint nur so, als seien wir alle weit entfernt von einer Ökonomie des Schenkens mit ihrem spirituellen Gehalt. Man muss sich immer wieder ins Bewusstsein rufen: Wir praktizieren sie bereits, sonst könnte kein Leben existieren. Dann erscheinen das Matriarchat und eine spirituelle Ökonomie nicht als etwas Fernes, sondern wir leben es ja bereits. Die matriarchale Vision ist nichts Fremdes, es geht darum, sie im Leben zu erkennen. Und wenn diese Werte einmal erkannt sind, zeigen sie sich erstaunlich resistent gegen Angriffe von außen. Dazu eine kleine Anekdote, die ich aus der matriarchalen Stadt Juchitàn in Mexiko – wo Veronika Bennholdt-Thomsen geforscht hat – erzähle:
Diese Gesellschaft basiert auf regionalen Märkten, und die Händlerinnen sind die Frauen. Sie kaufen nicht dort ein, wo es am billigsten ist. Die Frauen verstehen sich nicht als Konkurrentinnen, sondern sie kaufen jeweils bei ihren Freundinnen ein, um Beziehungen zu pflegen. Es geht also nicht um Tausch, sondern um ein System der Bindungen.
Nun wollte die amerikanische Warenhauskette WalMart in Juchitàn Fuß fassen, und wir Ethnologinnen und Matriarchatsforscherinnen glaubten schon, das sei der Untergang dieser Kultur. So schien es auch, denn in den ersten Tagen waren die Regale des WalMart-Supermarkts völlig leergeräumt, alles war ausverkauft. Der Supermarkt machte in den ersten paar Tagen einen riesigen Umsatz. Doch dann blieben die Käuferinnen aus, und nach zwei Wochen ging keine einzige mehr in den Supermarkt, er war uninteressant geworden. Wir fragten eine Frau aus Juchitàn nach dem Grund, und sie sagte: Ich kann dort keine Gespräche führen, ich kann nicht mit meinen Freundinnen reden, ich kann nichts anderes tun als bezahlen! Nach einer Weile musste WalMart dort schließen.
Es ist ein Beispiel, das zeigt, dass Ökonomien des Schenkens auch im größeren Maßstab und in einer modernen Welt funktionieren können. Margrit, wenn eure ganze Region so ähnlich wäre wie der „Lebensgarten Steyerberg“, hättet ihr viele Probleme weniger. Eure Kinder und Jugendlichen könnten in der Region sinnvolles Lernen und sinnvolle Arbeit finden, und man könnte mit einer auf Schenke-Beziehung basierenden Wirtschaft experimentieren.

Margrit Kennedy: Eine Region als einen wahlverwandten Clan zu begreifen, ist ein spannender neuer Gedanke für mich. Im ersten Moment kam er mir total unrealistisch vor, weil ich in großen Regionen und Nationalstaaten denke. Aber auch in dieser Arbeit geht es darum, den kleineren Einheiten möglichst viele Gestaltungsmöglichkeiten zu geben.

Johannes Heimrath: Ich denke oft an ein Europa der Regionen. Das kann sich von innen heraus entwickeln, unabhängig von den jetzt existierenden Staaten. Regio­nen begreifen sich als eigene Identität und beginnen, von innen heraus eine auf Beziehung basierende Sozial- und Wirtschaftsstruktur zu entwickeln. So entstünden von selbst politische Einheiten, eigentlich nach einem anarchischen Prinzip, aber ich würde lieber von einer „Arché“ statt von Anarchie sprechen. Ich kreiere jetzt mal das Wort „archisch“ – eine „archische“ Gesellschaft, das ist eine Gesellschaft, die sich ihrer Ursprünge bewusst ist.

Heide Göttner-Abendroth: Den Arché-Gedanken finde ich wunderbar. Matriarchat übersetze ich mit: „am Anfang die Mütter“. Denn das griechische Wort arché heißt Anfang, Ursprung und Schoß und keineswegs nur „Herrschaft“ – siehe beispielweise „Archäologie“: die „Lehre von den Anfängen“.
In solchen neuen Regionen könnten sich die Menschen das Recht auf ihre eigene Gestaltung ihres Lebens zurückholen. Ein Staat ist dann gar nicht mehr nötig. Wir brauchen keinen Staat, sondern Gemeinschaften und unabhängige Regionen und die Vernetzung von solchen Regionen zu größeren, egalitären Gebilden. Es klingt zwar utopisch, aber zugleich wäre es das Normale und Natürliche: blühende Regionen mit vielen lebendigen Gemeinschaften, die sich international vernetzen.

Johannes Heimrath: Das ist eine schöne Vision für eine lebensfördernde Kultur der Gegenwart. Lasst sie uns weiter pflegen.




Literaturhinweise: Heide Göttner-Abendroth: Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft. Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik, Drachen Verlag, Klein Jasedow 2008.
Margrit Kennedy, Bernard A. Lietaer: Regionalwährungen: Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand, Riemann Verlag, München 2006.


 
 

 



 

 Nicht alles was zählt, läßt sich zählen. . . Nicht alles was sich zählen läßt, zählt.

Heiratsdokumente, Sterberegister, Geburtsbücher, Verkaufsregister, Steuerlisten, überhaupt alles, was Papier ist mit Stempel und Schreiberei. Wenn das alles einmal verbrannt ist, dann weiß niemand mehr, wer er ist, wie er heißt, wer sein Vater war und was seinem Vater gehörte. Dann kommen keine Erben mehr angelaufen, die mit Papieren in der Luft herumwedeln. Dann seid Ihr die einzigen Erben, und dann bleibt ihr die einzigen Erben, weil niemand mehr etwas beweisen kann. Wozu braucht ihr dann Geburtsregister? Ihr habt Hunger und das ist Beweis genug, daß Ihr geboren wurdet und daß Ihr lebt. Und wozu braucht denn die Welt Heiratsregegister? Du lebst mit Deiner Frau zusammen, die Dich gern hat. Was braucht Ihr dann noch Papiere, damit Ihr es wißt?  B.Traven

 

 

 Thesen und Zitate
I. HANNAH ARENDT: WAS IST POLITIK?

Lit: Arendt, Hannah: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, hrsg. von Ursula Ludz, München/Zürich 1993

  • a) Die Haupt-Thesen Hannah Arendts
    • 1. "Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen." (S. 9)
    • 2. "Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinandersein der VERSCHIEDENEN." (S. 9)
    • 3.  "Der Ruin der Politik entsteht aus der Entwicklung politischer Körper aus der Familie, da in ihr die ursprüngliche Verschiedenheit ebenso wie die essentielle Gleichheit aller Menschen ausgelöscht ist." (S. 10)
    • 4.  "DER Mensch, wie ihn Philosophie und Theologie kennen, existiert - oder wird realisiert - in der Politik nur in den gleichen Rechten, die die Verschiedensten sich garantieren." (S. 11)
    • 5.  "Politik entsteht in dem ZWISCHEN-DEN-MENSCHEN, also durchaus AUSSERHALB DES Menschen, sie entsteht im Zwischen und etabliert sich als der Bezug, nicht als eigentlich politische Substanz." (S. 11)
    • 6.  "Politik organisiert die absolut Verschiedenen im Hinblick auf RELATIVE Gleichheit und im Unterschied zu RELATIV Verschiedenen." (S. 12)
    • 7. "Wenn man in unserer Zeit über Politik reden will, so muß man mit den Vorurteilen beginnen, die wir alle, wenn wir nicht gerade Berufspolitiker sind, gegen Politik hegen." (S. 13)
    • 8. "Diese Vorurteile, die uns allen gemeinsam sind, stellen selbst etwas Politisches im weitesten Sinn des Wortes dar ..." (S. 13)
    • 9. "Politik hat es ... auch immer und überall mit der Aufhellung und Zerstreuung von Vorurteilen zu tun, was aber nicht  besagt, dass es in ihr überhaupt um eine Erziehung zur Vorurteilslosigkeit ging, noch dass diejenigen, die sich um eine solche Aufklärung bemühen, selber von Vorurteilen frei wären." (S. 15)
    • 10.  "Auf die Frage nach dem Sinn von Politik gibt es eine so einfache und in sich so schlüssige Antwort, dass man meinen möchte, weitere Antworten erübrigten sich ganz und gar. Die Antwort lautet: Der Sinn von Politik ist Freiheit." (S. 28)
    • 11.  "Unsere heutige Frage entsteht aus sehr realen Erfahrungen, die wir mit Politik gemacht haben; sie entzündet sich an dem Unheil, das Politik bereits in unserem Jahrhundert angerichtet hat, und dem größeren, das aus ihr zu erwachsen droht." (S. 28)
    • 12. "Als solches hat das Politische so wenig immer und überall existiert, dass historisch gesprochen nur wenige große Epochen es gekannt und verwirklicht haben. Diese wenigen großen Glücksfälle der Geschichte aber sind entscheidend; nur in ihnen tritt der Sinn von Politik, und zwar sowohl das Heil wie das Unheil des Politischen voll in Erscheinung." (S. 41/42)
    • 13. Alle ideologischen politischen Bewegungen haben "die Vorstellung, dass die Freiheit der Menschen der historischen Entwicklung geopfert werden müsse, deren Prozeß von Menschen nur gehindert werden kann, wenn sie in Freiheit handeln und sich bewegen. ... In all diesen Fällen tritt an die Stelle eines wie immer gearteten Begriffes von Politik der moderne Geschichtsbegriff; politische Ereignisse und politisches Handeln werden in geschichtliches Geschehen aufgelöst, und Geschichte wird im wörtlichsten Sinne als ein Geschichtsfluß verstanden." (S. 42/43)
    • 14. "Für uns ist hier nur entscheidend, dass wir Freiheit selbst als etwas Politisches verstehen und nicht als den vielleicht höchsten Zweck politischer Mittel, und dass wir einsehen, dass Zwang und Gewalt zwar immer Mittel waren, um den politischen Raum zu schützen oder zu gründen oder zu erweitern, aber als solche gerade selbst nicht politisch sind. Sie sind die zum Phänomen des Politischen gehörigen Randphänomene und darum gerade nicht es selbst." (S. 53)
    • 15. "Die Vorstellung, dass es Politik immer und überall gäbe, wo es Menschen gibt, ist selbst ein Vorurteil, und das sozialistische Ideal von einem staatslosen, und das heißt bei Marx politiklosen, Endzustand der Menschheit ist keineswegs utopisch, es ist nur grauenhaft." (S. 79)
    • 16.  "Im Mittelpunkt aller Politik steht die Sorge um die WELT ... Politik bezweckt Änderung oder Erhaltung oder Gründung von Welt. ... Die Weltentfremdung der Neuzeit ist eingedrungen in die Politik mit Marx, der von der Selbstentfremdung des Menschen spricht. Entscheidend ist, dass Marx die Welt nur verändern wollte, um den Menschen zu erlösen, und zwar von der Welt." (S. 192)
  • b) Der rekonstruierte Begriff des Politischen
    • Unter Politik versteht Hannah Arendt: das existentiell freiheitsverwirklichende (10-15) und sich dabei um die Welt sorgende (16), reflektiv urteilende (7-9) Zusammen- und Miteinander-Handeln von ursprüngliche gleich(artig)en und zugleich absolut verschiedenen Menschen (1-6).
    • vgl. dazu Vollrath, a.a.O., S. 21: "Der enthusiastische Begriff des Politischen ... besagt recht eigentlich, dass das Politische, die politische Art der Verbandsbildung, das Einzige ist, was Menschen zu einem Gemeinsamen zusammenbringen kann, ohne dass sie dabei ihre Unterschiedlichkeit, die ihr Personsein ausmacht, aufzugeben hätten. Sie konstituieren das Politische als jenes Gemeinsame einer Welt zwischen sich als dasjenige, woran sie Anteil haben durch den Beitrag, den sie in ihrer Unterschiedenheit dazu leisten."
  • c) Mögliche Vorwürfe an Hannah Arendt
    • enthusiastisch? existentialistisch? apolitisch? (Freiheit als Sinn der Politik? Republikgründung als spontaner Akt des gemeinsamen Handelns? Radikale Authentizität der politischen Freiheit?)
    • idealistisch? un-realistisch? utopisch? (unter den Bedingungen des gegenwärtigen Zeitalters ohne Aussicht auf Realisierung?)
    • normativ? moralisierend? (kognitiv unzuverlässige und daher überholungsbedürfte Variante `der ehrwürdigen Figur des Vertrages´)
    • romantisch? (Versuch einer Wiederbelebung der antiken Polis?)
    • Bei genauerer Betrachtung treffen alle diese Vorwürfe nicht oder nur zum Teil zu. Näheres dazu später.


II.  HANNAH ARENDT: VORURTEIL UND URTEIL

In Fragmenten zu ihrer nie erschienenen "Einführung in die Politik", also einem politischem "Lehr"werk, schreibt Hannah Arendt vom "Vorurteil gegen Politik und was Politik in der Tat heute ist" bzw. vom "Vorurteil und Urteil", bevor sie schließlich die Frage aufwirft "Hat Politik überhaupt noch einen Sinn?" und diesen schließlich herauszuarbeiten versucht. Lassen wir Hannah Arendt in einer längeren Passage aus ihren erst seit 1993 zugänglichen Texten zur "Einführung in die Politik" selbst zu Wort kommen:

  • "Wenn man in unserer Zeit über Politik reden will, so muß man mit den Vorurteilen beginnen, die wir alle, wenn wir nicht gerade Berufspolitiker sind, gegen Politik hegen. Diese Vorurteile, die uns allen gemeinsam sind (die wir miteinander teilen, die uns selbstverständlich sind, die wir einander im Gespräch zuwerfen können, ohne uns erst umständlich über sie erklären zu müssen), stellen selbst etwas Politisches im weitesten Sinn des Wortes dar (- nämlich etwas, was einen integralen Bestandteil der menschlichen Angelegenheiten bildet, in deren Raum wir uns tagtäglich bewegen): Sie entspringen nicht dem Hochmut der Gebildeten und sind nicht dem Zynismus derer geschuldet, die zuviel erlebt und zuwenig verstanden haben. Wir können sie nicht ignorieren, weil sie sich in uns selbst zu Worte melden, und wir können sie nicht mit Argumenten beschwichtigen, weil sie sich auf unleugbare Realitäten berufen können und die wirklich bestehende gegenwärtige Situation getreulich widerspiegeln, und zwar gerade in ihren politischen Aspekten. (Dass Vorurteile eine so außerordentlich große Rolle im alltäglichen Leben und damit in der Politik spielen, braucht man an sich nicht zu beklagen, und man sollte auf keinen Fall versuchen, es zu ändern. Denn ohne Vorurteile kann kein Mensch leben, und zwar nicht nur, weil keines Menschen Klugheit oder Einsicht dazu ausreichen würde, all das neu zu beurteilen, worüber ihm ein Urteil im Laufe seines Lebens abverlangt wird, sondern weil eine solche Vorurteilslosigkeit eine übermenschliche Wachheit erfordern würde.) Dennoch sind diese Vorurteile keine Urteile. (Offenbar hat diese Berechtigung des Vorurteils als Maßstab des Urteilens innerhalb des alltäglichen Lebens ihre Grenzen.) Sie zeigen an, dass wir in eine Situation geraten sind, in der wir uns gerade politisch nicht oder noch nicht zu bewegen verstehen. Die Gefahr ist, dass das Politische überhaupt aus der Welt verschwindet. Aber die Vorurteile greifen vor; sie schütten das Kind mit dem Bade aus, verwechseln das, was der Politik ein Ende machen würde, mit Politik und stellen das, was eine Katastrophe wäre, hin, als wäre es in der Natur der Sache gelegen und daher unabwendbar. (Einer der Gründe für die Wirksamkeit und Gefährlichkeit von Vorurteilen liegt darin, dass sich in ihnen immer ein Stück Vergangenheit verbirgt. Bei näherem Zusehen ist ferner ein echtes Vorurteil daran zu erkennen, dass sich in ihm ein einmal gefälltes Urteil verbirgt, das ursprünglich einen ihm angemessenen legitimen Erfahrungsgrund hatte und zum Vorurteil nur wurde, weil es unbesehen und unrevidiert durch die Zeiten geschleppt wurde. ... Will man Vorurteile zerstreuen, so muß man immer das in ihnen enthaltene vergangene Urteilen erst einmal wieder entdecken, also eigentlich ihren Wahrheitsgehalt aufzeigen. Geht man an diesem vorbei, so können ganze Bataillone von aufklärenden Rednern und ganze Bibliotheken von Broschüren nichts erreichen, wie die schier unendlichen und unendlich fruchtlosen Bemühungen hinsichtlich solcher mit Vorurteilen ältester Art überladener Probleme wie des Negerproblems in den Vereinigten Staaten oder des Judenproblems deutlich zeigen. ... Das Wort Urteilen hat in unserem Sprachgebrauch zwei durchaus voneinander zu scheidende Bedeutungen, die uns doch, wenn wir sprechen, immer durcheinandergehen. Es meint einmal das ordnende Subsumieren des Einzelnen und Partikularen unter etwas Allgemeines und Universales, das regelnde Messen mit Maßstäben, an denen sich das Konkrete auszuweisen hat und an denen über es entschieden wird. In allem solchen Urteilen steckt ein Vor-Urteil; beurteilt wird nur das Einzelne, aber weder der Maßstab selbst noch seine Angemessenheit für das zu Messende. Auch über den Maßstab ist einmal urteilend entschieden worden, aber nun ist dies Urteil übernommen und gleichsam zu einem Mittel geworden, weiter urteilen zu können. Urteilen kann aber auch etwas ganz anderes meinen, und zwar immer dann, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, was wir noch nie gesehen haben und wofür uns keinerlei Maßstäbe zur Verfügung stehen. Dies Urteilen, das maßstablos ist, kann sich auf nichts berufen als die Evidenz des Geurteilten selbst, und es hat keine anderen Voraussetzungen als die menschliche Fähigkeit der Urteilskraft, die mit der Fähigkeit zu unterscheiden sehr viel mehr zu tun hat als mit der Fähigkeit zu ordnen und zu subsumieren. ... In jeder historischen Krise geraten erst einmal die Vorurteile ins Wanken, es ist auf sie kein Verlass mehr, und gerade weil sie, in der Unverbindlichkeit des `man sagt´, `man meint´, in dem begrenzten Raum, wo sie berechtigt sind und gebraucht werden, nicht mehr auf Anerkennung rechnen können, verfestigen sie sich leicht zu etwas, was sie von Haus aus ganz und gar nicht sind, nämlich zu jenen Pseudotheorien, die als geschlossene Weltanschauungen oder alles erklärende Ideologien die gesamte geschichtliche und politische Wirklichkeit zu begreifen vorgeben. Wenn es die Funktion des Vorurteils ist, den urteilenden Menschen davor zu bewahren, jedem Wirklichen, das ihm begegnet, offen sich exponieren und denkend gegenübertreten zu müssen, so erfüllen die Weltanschauungen und Ideologien gerade diese Aufgabe so gut, dass sie vor aller Erfahrung schützen, da in ihnen ja angeblich alles Wirkliche irgendwie vorgesehen ist. Gerade diese Universalität, die sie so deutlich von den Vorurteilen trennt, die immer nur partieller Natur sind, zeigt deutlich an, dass nicht nur auf die Vorurteile, sondern auf die Maßstäbe des Urteilens und auf das in ihnen Vor-Geurteilte kein Verlass mehr ist, dass sie buchstäblich unangemessen sind. Dies Versagen der Maßstäbe in der modernen Welt - die Unmöglichkeit, das, was geschehen ist und täglich neu geschieht, nach festen, von allen anerkannten Maßstäben zu beurteilen, es zu subsumieren als Fälle eines wohlbekannten Allgemeinen, sowie die mit dieser eng verbundene Schwierigkeit, für das, was geschehen soll, Prinzipien des Handelns anzugeben - ist oft als ein der Zeit inhärenter Nihilismus beschrieben worden, als eine Entwertung aller Werte, eine Art Götterdämmerung und Katastrophe der moralischen Weltordnung. All solche Interpretationen setzen stillschweigend voraus, dass Menschen das Urteilen überhaupt nur da zugemutet werden könne, wo sie Maßstäbe besitzen, dass die Urteilskraft also nicht mehr sei als die Fähigkeit, das Einzelne richtig und angemessen dem ihm zugehörenden Allgemeinen, über das man einig ist, zuzuordnen. ... Der Verlust der Maßstäbe, der in der Tat die moderne Welt in ihrer Faktizität bestimmt und durch keine Rückkehr zum guten Alten und keine willkürliche Aufstellung neuer Werte und Maßstäbe rückgängig gemacht werden kann, ist also eine Katastrophe der moralischen Welt nur, wenn man annimmt, Menschen wären eigentlich gar nicht in der Lage, Dinge an sich selbst zu beurteilen, ihre Urteilskraft reiche für ein ursprüngliches Urteilen nicht aus." (Arendt, Hannah: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, hrsg. von Ursula Ludz, S. 13-27. Es wurde versucht zwei Fragmente zusammenzulesen, wobei Fragment A zugrundegelegt, Fragment B in Klammern eingefügt wurde.)
Das was Hannah Arendt hier am Phänomen "Politik" über die Urteilskraft des Menschen schreibt, ist durch und durch phänomenologisch. Zunächst gilt es, die Lebenswelt der Vorurteile ernst zu nehmen, als vor-wissenschaftlichen Bereich des Meinens gelten zu lassen und ihr einen Wert zuzusprechen. Es gibt aber Zeiten, Zeiten der Krise, in denen die lebensweltlichen Vorurteile versagen, weil über die hinter ihnen stehenden Maßstäbe kein Konsens mehr erzielt werden kann und sie sich deshalb in Weltanschauungen und Ideologien verwandeln, die nicht mehr entlasten, sondern abhängig machen und so wie sie zusammenbrechen, auch die Menschen, die an sie geglaubt haben, in die Tiefe reißen. Dieser Prozeß kann nur dadurch verhindert werden, wenn frühzeitig ein Vertrauen in die Fähigkeit der eigenen kritischen Urteilskraft ausgebildet wird, das in Krisensituationen von Vorurteilen absehen, die grundsätzliche Frage, z.B. "Hat die Politik noch einen Sinn?" stellen, dabei alles Gemeinte in Frage stellen, so neu zum Eigentlichen, zum Wesen, zum Sinn - hier der Politik, nämlich "Der Sinn der Politik ist Freiheit" (Ebd., S. 28) - vorstoßen und diesen Sinn dann näher entfalten kann.
Auf die politische Bildung gewendet heißt dies nichts anderes, als den Schülern im politischen Unterricht und den Teilnehmern außerschulischer politischer Bildung ihre lebensweltliche Perspektivität bewusst zu machen und sie beispielhaft immer wieder Vertrauen in die Fähigkeit ihrer eigenen Urteilskraft gewinnen zu lassen, und sie dabei mit dem notwendigen Wissen zu konfrontieren, dass es ihnen möglich macht, einerseits weltanschauliche und ideologische Verengungen zu erkennen, andererseits den neu gewonnenen, tieferen Sinn eines Phänomens inhaltlich ausfüllen zu können.
Dabei werden sie zwangsläufig über "das Faktum menschlicher Pluralität" stolpern, das die Eigenschaft hat, Menschen in ihrem Harmoniebedürfnis zu verunsichern. Es geht um die Frage der "Einfühlung", wie Husserl es genannt hat, die Frage nach der intersubjektiven Mitteilbarkeit, die Möglichkeit der Verallgemeinerung der zunächst individuell gewonnenen Urteile. Diese Problematik muß deshalb eigens thematisiert werden muß. Hannah Arendt schreibt davon in ihrem Buch "Vita activa" im fünften Kapitel "Das Handeln":
  •  "Das Faktum menschlicher Pluralität, die grundsätzliche Bedingung des Handelns wie des Sprechens, manifestiert sich auf zweierlei Art, als Gleichheit und als Verschiedenheit. Ohne Gleichartigkeit gäbe es keine Verständigung unter Lebenden, kein Verstehen der Toten und kein Planen für eine Welt, die nicht mehr von uns, aber doch immer noch von unseresgleichen bevölkert sein wird. Ohne Verschiedenheit, das absolute Unterschiedensein jeder Person von jeder anderen, die ist, war oder sein wird, bedürfte es weder der Sprache noch des Handelns für eine Verständigung; ... Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen." (Arendt, Hannah: Vita activa, Stuttgart 1960, S. 164 f.)
Wer wirklich in Beziehung treten will, muß wahrhaftig sein, er muß sagen, wer er ist, woher er kommt, was für eine Lebenswelt er mitbringt und er muß Verständnis aufbringen können, für die Lebenswelt der anderen. Es geht im wahrsten Sinne des Wort um Toleranz um das Ertragen der Pluralität, der Verschiedenartigkeit. Nur so ist ein eigentliches Miteinander möglich.
 "Ohne diese Eigenschaft, über das Wer der Person mit Aufschluss zu geben, wird das Handeln zu einer Art Leistung wie andere gegenstandgebundene Leistungen auch. Es kann dann in der Tat einfach Mittel zum Zweck werden, sowie Herstellen ein Mittel ist, einen Gegenstand hervorzubringen. Dies tritt immer dann ein, wenn das eigentliche Miteinander gestört ist oder auch zeitweilig zurücktritt und Menschen nur für- oder gegeneinander stehen und agieren, wie etwa im Kriegsfall, wenn Handeln nur besagt, bestimmte Gewaltmittel bereitzustellen und zur Anwendung zu bringen, um gewissen, vorgefasste Ziele für sich selbst und gegen den Feind zu erreichen. In solchen Fällen, von denen die Geschichte der Menschheit so viel zu erzählen weiß, dass man sie lange Zeit für die eigentliche Substanz des Geschichtlichen überhaupt hielt, ist Sprechen in der Tat `bloßes Gerede´, nämlich ein Mittel unter anderen für die Erreichung des Zweckes, ob dies Mittel nun dazu dient, dem Feind Sand in die Augen zu streuen, oder dazu, sich selbst an der eigenen Propaganda zu berauschen."
Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen wird nochmals deutlich, dass es im politischen Lernprozess nicht darum gehen kann, dem Lernenden seine subjektiven Interessen oder die objektive Bedeutsamkeit dieser oder jener Werte deutlich zu machen, sondern ihn zu befähigen die Voraussetzungen seines Sprechens und Handelns, und damit auch seines Lernens bewusst zu machen, damit "Die Enthüllung der Person im Handeln und Sprechen" - so der Titel des ersten Abschnitts des besagten Kapitels in "Vita activa" - möglich wird, sowohl die der eigenen Person als auch die des anderen. In Bezug auf den Sinn der Politik, die Freiheit, heißt dies nach Hannah Arendt:
  • "Ursprünglich erfahre ich Freiheit im Verkehr mit anderen und nicht im Verkehr mit mir selbst. Frei SEIN können Menschen nur in Bezug aufeinander, also nur im Bereich des Politischen und des Handelns; nur dort erfahren sie, was Freiheit positiv ist und dass sie mehr ist als ein Nichtgezwungen-werden." (Arendt, Hannah: Kultur und Politik, in: Merkur, 120. Jg., 1958, H. 130, S. 1122-1145.)
Und das Gemeinsame ist schließlich auch "nicht die Identität der immer schon Geeinten", sondern "das, worauf sich Verschiedene und Unterschiedliche als das ihnen Gemeinsame geeinigt haben," (Vollrath, Ernst: Hannah Arendt, in: Ballestrem/Ottmann (Hrsg.): Politische Philosophie des 20. Jahrhunderts, Oldenburg 1990, S. 21.) eine "Gemeinsamkeit, deren Stiftungsgrund gerade die bewahrte Differentialität ist. Sie ist in die Operation der Urteilskraft selbst eingelassen" (Ebd., S. 23) und geht ihr im Grunde voraus: Um die Freiheit des Menschen aufrecht erhalten zu können, muß die Einsicht in das "absolute Verschiedensein jeder Person von jeder anderen, die ist, war oder sein wird" aufrecht erhalten werden, ebenso wie die Einsicht in das Aufeinander-Verwiesen-Sein, was Hannah Arendt die "zweite" oder die "politische" Geburt nennt. (Vgl. dazu die Arbeit von Patricia Bowen-Moor: Hannah Arendt´s Philosophy of Natality, London 1989.)




Nichtder Mensch als solcher ist ein Raubtier, sondern nur der Mensch in Verbindung mit Reichtum ...



http://www.wahrheiten.org/blog/wp-content/uploads/2009/01/gegenstze_hoffnung.jpg

Angst ist das negierte Triebleben und tritt an den Menschen auf, die aufgrund ihrer »Lebenslage« deren Gewalt als Macht gegen sich erfahren müssen, an Menschen also, die in der Gewalt der Triebe stehen und zugleich noch im Gegensatz zu ihnen stehen (also Herrschaft erkennen können). Wird diese Angst wirklich - und das heißt auch körperlich - erkannt, so ist die Revolutionierung des »Seelenlebens« begonnen: aus dem Leiden wird Tätigkeit, - Widerstand gegen psychische Herrschaft. Und da letztlich jede Angst Existenzangst ist - entsteht so auch Widerstand gegen die herrschenden Existenzformen. Ein Mensch, welcher den Sinn seiner Angst nicht erkennt, ist zum ohnmächtigen Fühlen und Lieben gezwungen. Ihm wird sein Körper zur eigenen Tücke: wo er sich regt, da muß er verneint werden

 

Pfreundschuh, Wolfram

Psychiatrie

Was heißt da: Psychisch krank? (1982)

Die Formen kultureller Gewalt sind äußerlich und wirken innerlich, wenn sie akzeptiert werden – sie funktionieren so gut, wie die Schnur an einem Hampelmann: Wer akzeptiert, wie er gezogen wird, der muss sich nicht wundern, wie er sich bewegt.

Je unabhängiger sich die Menschen fühlen und geben, desto hinterhältiger wirkt ihr gesellschaftlicher Zusammenhang. Nach wie vor sind Menschen nicht wirklich Einzelwesen, die sich zu einer Gesellschaft aufsummieren. Sie sind nur darin Menschen, worin sie sich erkennen und anerkennen. Was sie ausmacht, ist das, was sie durch ihre Gesellschaft sind und was sie in ihr tun, was sie in dieser als Lebensbedingung vorfinden und was sie dort auch als Lebensbedingung erzeugen. Auch wenn sie den ganzen Tag mit einem Computerspiel verbringen, bezeugen sie ihre Gesellschaftlichkeit. Sie sind verstanden, bevor sie das Spiel verstehen, genutzt, bevor sie sich verausgaben können. So auch in ihrer sachlichen Existenz. Was ihre Lebensbedingung ausmacht, das leben sie, auch wenn sie dies nicht wissen.

Den isolierten Menschen kann es nicht geben. Und je individualisierter eine Gesellschaft ist, desto mächtiger ist der Druck, der auf den Individuen lastet. Ihm entweichen sie durch ihre Lebensburg, ihrem abgeschotteten Zuhause, einem Geflecht von Selbstbezogenheiten, die sie in einem Gemeinschaftssinn verstecken, in einem Familiensinn oder ähnlichem, der sich zur Erhaltung des Lebensraumes als Pflicht gegen jeden durchsetzen muss.

 

Pillen sind nicht nur Surrogate, sie sind praktische Lebensbekämpfung, Gewalt gegen die Wahrnehmung und ihre Organe. Die Psychiater vertreten mit ihren chemischen Knebeln die Macht einer Gesundheitsvorstellung, die im Körper nichts anderes bewirkt als die Fami1ie im Geist schon bewirkt hatte. Der Kreis hätte sich durch die psychiatrischen "Heilmittel" erst wirklich und zu einer Totalität der Lebensunterwerfung geschlossen. Die Psychopharmaka sind vom Wahnsinn nicht unterscheidbar. Oft erzeugen sie ihn auch erst wirklich, weil sie schon bei Krisen und Problemen jeder Art "empfohlen“ oder auch heimlich eingegeben werden (z.B. in Altenheimen und manchmal sogar auch schon in Kindergärten).

Quelle: www.kulturkritik.net 1978 „Arbeit am Wahnsinn

Die Anstalt - Psychiatrie für misshandelte Kuscheltiere

Allein machen sie dich ein!

Es geht daher nicht mehr nur um einzelne Menschen und auch nicht um die Ansammlung von einzelnen, sondern um eine gesellschaftliche Begeisterung, die sich in einem Zusammenhang von Menschen ausdrückt und bestätigt.

Es geht hier nicht um ein alternatives Leben (53), nicht um eine neue Familie, um eine kulturkritische Familie. Dies wäre sicher eine Sekte. Es geht um die Lebenszellen der Kultur, die sich nur als Teil des gesellschaftlichen Lebens so begreifen, wie sie auch seinem Zusammenhang entnommen ist. Der ganze Organismus hat viele Zellen. Es sind die Zellen vieler kleiner Wirklichkeiten, die auf eigenem Stoffwechsel beruhen, sich aber auch mit anderen Zellen austauschen. Wolfram Pfreundschuh

 

 
Psychopathen - Das verkannte Problem 

Da Psychopathen im Hinblick auf das, was sie tun können oder tun werden, um an die Spitze zu gelangen, keinerlei Beschränkungen kennen, werden unweigerlich alle Hierarchien an ihrer Spitze überwiegend mit Psychopathen besetzt. Hinter dem scheinbaren Irrsinn der Zeitgeschichte steht der tatsächliche Irrsinn von Psychopathen, welche darum kämpfen, ihre überproportionale Macht zu bewahren, während wir uns wie Schafe verhalten. Psychopathen fehlt ein genetischer Sinn für Reue oder Einfühlungsvermögen, und dieses Defizit lässt sich durch einen Gehirn-Scan (Hirnszintigraphie)nachweisen!

 Der folgende Artikel ist weitgehend aus zwei umfangreichen Artikeln extrahiert:


Twilight of the Psychopaths

The Trick of the Psychopath's Trade: Make Us Believe that Evil Comes from Others

Beide Artikel sind empfehlenswert. Beide Artikel beziehen sich auf das Buch Political Ponerology: A science on the nature of evil adjusted for political purposes von Andrzej Lobaczewski. Cattoris Artikel ist länger und enthält ein Interview mit den Herausgebern des Buches Laura Knight-Jadczyk und Henry See.

Ich mache mir die Mühe, diese Information weiterzugeben, weil sie mir endlich eine plausible Antwort zu einer lange unbeantworteten Frage gibt:Warum gibt es, egal wie viel intelligenter und guter Wille in der Welt existiert, so viel Krieg, Leid und Ungerechtigkeit? Es scheint keine Rolle zu spielen, welchen kreativen Plan, welche Ideologie, Religion oder Philosophie sich große Köpfe einfallen lassen, nichts scheint unser Los zu verbessern. Seit Anbruch der Zivilisation wiederholt sich dieses Muster wieder und wieder. Die Antwort lautet, dass die Zivilisation, so wie wir sie kennen, weitgehend das Werk von Psychopathen ist.

Sämtliche Zivilisationen, unsere eigene eingeschlossen, sind auf Sklaverei und Massenmord aufgebaut. Psychopathen haben eine überproportionale Rolle in der Entwicklung der Zivilisation gespielt, weil sie mit Lügen, Töten, Betrügen, Stehlen, Quälen, Manipulieren fest verbunden sind und anderen Menschen im Allgemeinen großes Leid zufügen ohne jegliche Reue zu fühlen. So können sie sich ihr eigenes Gefühl der Sicherheit durch Herrschaft verschaffen.

Der Erfinder der Zivilisation � der erste Stammeshäuptling, welcher eine Armee von gesteuerten Massenmördern mit Erfolg einer Gehirnwäsche unterzogen hat � war ziemlich sicher ein genetischer Psychopath. Seit dieser folgenschweren Entdeckung, dass andere Menschen bereit sind, sich zu unterwerfen, genossen Psychopathen im Kampf um die Macht innerhalb von Hierarchien � insbesondere Militärhierarchien � in der Zivilisation einen bedeutenden Vorteil gegenüber Nicht-Psychopathen.

Hinter dem scheinbaren Irrsinn der Zeitgeschichte steht der tatsächliche Irrsinn von Psychopathen, welche darum kämpfen, ihre überproportionale Macht zu bewahren. Und während ihre Macht immer stärker bedroht wird, bemühen sich die Psychopathen umso verzweifelter. Wir sind Zeugen der Vergötterung der Überwelt � der sich überschneidenden kriminellen Syndikate, die über der gewöhnlichen Gesellschaft und dem Gesetz lauern, gerade so wie die Unterwelt von unten lauert.

Während der letzten fünfzig Jahre haben Psychopathen nahezu die Gesamtkontrolle über alle Regierungszweige erlangt. Wenn Sie sorgfältige Beobachtungen anstellen, können Sie feststellen, dass, egal, wie illegal es ist, was ein moderner Politiker tut, ihn niemand wirklich zur Rede stellen wird. All die so genannten Skandale, von denen jeder einzelne eine authentische Regierung abgesetzt hätte, sind bloß Farcen, die für die Öffentlichkeit aufgeführt werden, um diese abzulenken, um sie glauben zu machen, dass die Demokratie noch immer funktioniere.
Einer der Hauptfaktoren bei der Frage, wie eine Gesellschaft von einer Gruppe pathologisch Abweichender übernommen werden kann, ist, dass die einzige Beschränkung des Psychopathen in der Teilnahme von empfänglichen Einzelnen innerhalb dieser Gesellschaft liegt. Für die aktivsten Abweichenden gibt Lobaczewski eine Durchschnittszahl von etwa 6% einer bestimmten Bevölkerungszahl an. (1% essenzielle Psychopathen und bis zu 5% anderer Psychopathien und Charakteropathien.) Der essenzielle Psychopath befindet sich in der Mitte des Netzes. Die anderen formen den ersten Rang im Kontrollsystem des Psychopathen.

Der nächste Rang eines solchen Systems besteht aus Individuen, die normal geboren wurden, aber entweder bereits verformt sind, weil sie durch familiäre oder soziale Einflüsse über einen langen Zeitraum psychopathischem Material ausgesetzt waren, oder weil sie durch psychische Schwäche beschlossen haben, für ihre eigenen selbstsüchtigen Ziele den Anforderungen für Psychopathie gerecht zu werden.
Laut Lobaczewski liegt diese Gruppe unter normalen Bedingungen zahlenmäßig bei etwa 12% einer bestimmten Bevölkerungszahl. Also sind etwa 18% jeder vorgegebenen Bevölkerung aktiv an der Schöpfung und Einführung einer Pathokratie beteiligt. Die 6%-Gruppe bildet den pathokratischen Adel und die 12%-Gruppe das neue Bürgertum, dessen größter Vorteil die eigene wirtschaftliche Situation ist. Wenn Sie das wahre Wesen des psychopathischen Einflusses verstehen, welches gewissenlos, emotionslos, eigennützig, kalt und berechnend ist, und frei von jeglicher moralischen oder ethischen Norm, packt Sie das Entsetzen, aber gleichzeitig beginnt plötzlich alles einen Sinn zu ergeben. Unsere Gesellschaft wird immer seelenloser, weil die Menschen, die an ihrer Spitze stehen und die ein Beispiel abgeben, seelenlos sind � sie haben buchstäblich kein Gewissen.

In seinem Buch Political Ponerology erklärt Andrej Lobaczewski, dass klinische Psychopathen selbst in gewaltlosem Wettbewerb Vorteile genießen, um die Ränge sozialer Hierarchien zu erklimmen. Weil sie ohne Gewissensbisse lügen können (und ohne Ausschlag bei Lügendetektoren, die den psychologischen Stress messen), können Psychopathen immer alles Notwendige sagen, um zu bekommen, was sie wollen. Vor Gericht können Psychopathen beispielsweise mit unschuldigem Gesicht extreme Lügen auf plausible Art erzählen, während ihre menschlich gesunden Gegner aufgrund einer emotionalen Veranlagung darauf beschränkt sind, nah an der Wahrheit zu bleiben. Zu häufig passiert es, dass der Richter oder die Geschworenen glauben, die Wahrheit müsse irgendwo in der Mitte liegen, und dann fällen sie Entscheidungen, die dem Psychopathen zugute kommen. Wie mit Richtern und Geschworenen verhält es sich ebenso mit jenen, die entscheiden müssen, wer in Konzern-, Militär- und Regierungshierarchien zu befördern ist oder nicht. Das Resultat davon ist, dass alle Hierarchien unweigerlich an der Spitze überwiegend mit Psychopathen besetzt werden. Da Psychopathen im Hinblick auf das, was sie tun können oder tun werden, um an die Spitze zu gelangen, keinerlei Beschränkungen kennen, sind diejenigen, die die Verantwortung tragen, im Allgemeinen pathologisch. Es ist nicht die Macht, die korrumpiert, es sind korrupte Einzelne, welche nach Macht streben.

Wie können wir zwischen Psychopathen und gesunden Menschen unterscheiden? Wie sieht das Portrait eines echten Psychopathen aus? Eine solch gefährliche Frage wurde fast noch nie mit Erfolg gestellt. Der Grund dafür liegt darin, dass wir den Fehler begehen, gesund mit normal zu verwechseln. Die menschliche psychologische Vielfalt ist die Gesundheit unserer Rasse. Es gibt keine Normalität, da sich gesunde Menschen stets über alle normalisierenden Standards hinaus entwickeln. Der Terrorismus, welcher Hierarchien nach jedem durchsucht, der von der Normalität abweicht, ist nichts anderes als Hexenverfolgung oder Inquisition. Sie dürfen nicht vergessen, dass Hierarchien aus solchen niederen Dramen Gewinn ziehen und ihre Opfer solange quälen, bis sie das �Böse� gestehen. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Kirche und der Staat durch Hexenverfolgung und Inquisition kontinuierlich bedeutende Einnahmen und Grundbesitz eingestrichen haben. Das hat sich über einen Zeitraum von zweihundertfünfzig Jahren fortgesetzt. Zehn Generationen von Europäern haben Verfolgung als das normale Leben angesehen. Lassen Sie uns nicht zu diesem Albtraum zurückkehren. Die Prüfung auf Normalität wird garantiert nach hinten
losgehen. Es gibt kein Normal. Aber es gibt ein Gewissen. Wir haben sehr wenig empirische Beweise für das Konzept, dass echte Psychopathie das Ergebnis von Missbrauch in der Kindheit ist, und sehr viele empirische Beweise dafür, dass sie genetisch bedingt ist. Das neurobiologische Modell gibt uns die größte Hoffnung darauf, in der Lage zu sein, selbst den gewieftesten Psychopathen zu identifizieren. Andere jüngere Studien führen zu ähnlichen Ergebnissen und Folgerungen: Psychopathen haben große Schwierigkeiten damit, verbales und nichtverbales, gefühlsbezogenes (emotionales) Material zu verarbeiten. Sie neigen dazu, die emotionale Bedeutung von Vorkommnissen durcheinander zu bringen, und das Wichtigste: Diese Defizite werden bei einem Gehirn-Scan (Hirnszintigraphie)sichtbar! Eine fehlende innere Verbindung zwischen dem fühlenden Herz und dem denkenden Gehirn ist feststellbar. Psychopathen sind unfähig, authentische, tiefe Emotionen zu fühlen. In der Tat hat sich dies bei Gehirn-Scans an Psychopathen gezeigt, welche von Robert Hare, einem kanadischen Psychologen durchgeführt wurden, der seine berufliche Laufbahn mit dem Studium von Psychopathie verbracht hat. Er legte zwei Kontrollgruppen jeweils zwei verschiedene Wortgruppen vor, eine Wortgruppe mit neutralen Worten ohne emotionale Assoziationen und eine mit emotional geladenen Worten. In der nicht-psychopathischen Kontrollgruppe leuchteten verschiedene Bereiche des Gehirns auf, während die Psychopathen beide Wortgruppen im gleichen Bereich des Gehirns verarbeiteten, und zwar in jenem Bereich, der mit der Sprache zu tun hat. Sie hatten solange keine emotionale Reaktion, bis sie intellektuell beschlossen, dass es besser wäre, eine zu haben, und dann brachten sie eine emotionale Reaktion hervor, nur zur Schau.

Das einfachste, klarste und echteste Portrait des Psychopathen wird in den Titeln dreier bahnbrechender Werke zu diesem Thema widergespiegelt: Gewissenlos von Robert Hare, The Mask of Sanity von Hervey Cleckley, und Menschenschinder oder Manager: Psychopathen bei der Arbeit (Snakes in Suits) von Robert Hare und Paul Babiak. Ein Psychopath ist exakt das: gewissenlos. Das Wichtigste, was hierbei nicht vergessen werden sollte, ist, dass dieses fehlende Gewissen hinter einer Maske der Normalität verborgen ist, welche oft so überzeugend ist, dass selbst Experten in die Irre geführt werden. Demzufolge werden Psychopathen zu Schlangen in Anzügen, die unsere Welt beherrschen. Psychopathen fehlt ein Sinn für Reue oder Einfühlungsvermögen gegenüber anderen. Sie können extrem charmant sein und sind Experten darin, mit Gesprächen ihre Beute zu umgarnen und zu hypnotisieren.

Sie sind außerdem unverantwortlich. Nichts ist jemals ihre Schuld; es gibt immer jemand anderen oder die Welt im Allgemeinen, welche schuld an all ihren Problemen oder ihren Fehlern ist. Martha Stout identifiziert in ihrem Buch The Sociopath Next Door den Mitleidstrick. Psychopathen benutzen Mitleid, um zu manipulieren. Sie überzeugen Sie, ihnen noch eine weitere Chance zu geben und niemandem zu erzählen, was sie getan haben. Ein weiterer Charakterzug � und ein sehr wichtiger obendrein � ist also ihre Fähigkeit, den Informationsfluss zu kontrollieren. Sie scheinen auch eine geringe Vorstellung von Vergangenheit oder Zukunft zu haben und leben gänzlich für ihre augenblicklichen Bedürfnisse und Wünsche. Aufgrund der trostlosen Qualität ihres Innenlebens, sind sie häufig auf der Suche nach neuem Nervenkitzel, alles vom Gefühl der Macht, andere zu manipulieren, bis zu illegalen Aktivitäten, einfach für den Adrenalinschub. Ein weiterer Wesenszug des Psychopathen ist, wie es Lobaczewski nennt, seine spezielle psychologische Kenntnis des normalen Menschen. Er hat uns studiert. Er kennt uns besser als wir uns kennen. Er weiß genau, wie er unsere Knöpfe drücken kann, um unsere Emotionen gegen uns zu verwenden. Doch darüber hinaus scheint er sogar eine Art hypnotische Macht über uns zu besitzen. Wenn wir anfangen, uns im Netz des Psychopathen zu verfangen, verschlechtert sich unsere Fähigkeit zu denken, sie wird trübe. Es scheint, als verzaubere er uns auf eine gewisse Art. Erst später, wenn wir uns nicht mehr in seiner Gegenwart befinden, außerhalb seines Bannkreises, kehrt die Klarheit der Gedanken zu uns zurück und wir fragen uns, wie es dazu gekommen ist, dass wir nicht in der Lage waren, etwas zu erwidern oder dem, was er getan hat, entgegenzuwirken.

Psychopathen lernen bereits in früher Kindheit, sich untereinander in einer Gruppe zu erkennen, und sie entwickeln eine Bewusstheit über die Existenz anderer Individuen, die ihnen ähnlich sind. Ebenso werden sie sich darüber bewusst, dass sie aus einer anderen Welt stammen als die meisten Menschen, von denen sie umgeben sind. Sie betrachten uns aus einer gewissen Distanz. Denken Sie einmal über die Konsequenzen folgender Aussage nach: Psychopathen sind sich gewissermaßen als Gruppe bewusst, sogar schon in ihrer Kindheit! Im Erkennen ihrer grund-legenden Unterschiedlichkeit zum Rest der Menschheit, neigen sie dazu, ihr Zugehörigkeitsgefühl gegenüber den anderen ihrer eigenen Art zu entwickeln, in diesem Fall gegenüber anderen Psychopathen.

Ihr eigenes verdrehtes Ehrgefühl zwingt sie dazu, zu betrügen und Nicht-Psychopathen und deren Werte zu verunglimpfen. Im Widerspruch zu den Idealen gesunder Menschen haben Psychopathen das Gefühl, dass das Nichteinhalten von Versprechen und Vereinbarungen normales Verhalten ist. Sie begehren nicht nur Macht und Besitz in dem Glauben, sie hätten das Recht dazu, einfach weil sie existieren und sich bedienen können, sie haben auch ein spezielles Vergnügen daran, Dinge an sich zu reißen und anderen wegzunehmen. Was sie stehlen, sich erschwindeln und erpressen können, sind weitaus süßere Früchte als jene, die sie mit ehrlicher Arbeit verdienen können.

Sie lernen auch sehr früh, wie ihre Persönlichkeit eine traumatisierende Auswirkung auf die Persönlichkeit von Nicht-Psychopathen haben kann, und wie sie diese Wurzel des Terrors ausnutzen können, um ihre Ziele zu erreichen. Stellen Sie sich nun vor, wie leicht Menschen, die im Hinblick auf die Existenz von Psychopathen völlig im Dunkeln tappen, von diesen Einzelnen geblendet und manipuliert werden können, wie diese in verschiedenen Ländern zu Macht gelangen, indem sie gegenüber der örtlichen Bevölkerung Loyalität vorgeben und gleichzeitig offensichtliche und leicht erkennbare physische Unterschiede zwischen Gruppen hochspielen (wie Rasse, Hautfarbe, Religion usw.). Psychologisch normale Menschen würden aufgrund von unwichtigen Unterschieden gegeneinander aufgewiegelt werden (denken Sie an Ruanda im Jahre 1994, denken Sie an Israelis und Palästinenser), während jene, die wirklich von der �Norm� abweichen und an der Macht sind, und die einen grundlegenden Unterschied zum Rest von uns aufweisen, ein fehlendes Gewissen haben und unfähig sind, Gefühle für andere Menschen aufzubringen, den Profit einheimsen und die Fäden in der Hand halten.

Wir blicken auf das endgültige, verzweifelte Grabschen nach Macht oder die Endphase (Endgame v. Alex Jones) von brutalen, gerissenen Truppen von CIA, Drogenschmugglern und Präsidentenkillern; Geld-waschenden, internationalen Bankiers und ihren Auftragsmördern � wirtschaftlicher und anderer Art; korrupten militärischen Auftragsnehmern und übereifrigen Generälen; Konzernverbrechern und ihren politischen Möglichmachern; Gehirnwäschern und Verstandesschändern, beschönigenderweise bekannt als Psy-ops und PR Spezialisten � kurz gesagt, die ganze Mannschaft erkennbarer Psychopathen führen unsere so genannte Zivilisation an. Und sie geraten in Panik. Warum befürchtet die Pathokratie, dass sie die Kontrolle verliert? Weil sie durch die Verbreitung von Wissen bedroht wird. Die größte Angst eines jeden Psychopathen ist es, erkannt zu werden.

Psychopathen leben ihr Leben in dem Wissen, dass sie völlig anders sind als andere Menschen. Tief im Innern wissen sie, dass ihnen etwas fehlt. Schnell lernen sie, ihr mangelndes Einfühlungsvermögen zu verbergen. Gleichzeitig studieren sie die Emotionen der anderen sorgfältig, damit sie Normalität imitieren können, während sie kaltblütig die Normalen manipulieren. Heute stehen wir dank neuer Informationstechnologien kurz davor, die Psychopathen zu demaskieren und eine Zivilisation von gesunden Menschen aufzubauen � eine Zivilisation ohne Krieg, eine Zivilisation, die auf Wahrheit beruht, eine Zivilisation, in der die heiligen Wenigen statt der diabolischen Wenigen den Machtpositionen entgegenstreben. Wir haben bereits das nötige Wissen, um psychopathische Persönlichkeiten zu diagnostizieren und sie von Machtpositionen fernzuhalten. Wir haben das nötige Wissen, um jene Institutionen aufzulösen, in denen Psychopathen vorzugsweise gedeihen � Militär, Geheimdienste, Großkonzerne und Geheimbünde. Wir müssen dieses Wissen einfach nur verbreiten, verbunden mit dem Willen, es zu gebrauchen, und das so weit und schnell wie möglich. Bevor dem Wissen und dem Bewusstsein über den pathologischen Menschen nicht die Aufmerksamkeit gewidmet wird, die es verdient, und bevor dies nicht zu einem Teil des Allgemeinwissens aller Menschen wird, gibt es keine Möglichkeit, irgendwelche Dinge auf wirksame und nachhaltige Art und Weise verändern zu können. Wenn die Hälfte der Menschen, die sich für die Wahrheit oder die Beendigung der Kriege oder die Rettung der Erde einsetzen, ihre Bemühungen, ihre Zeit und ihr Geld darauf verwendeten, Psychopathie bloßzustellen, könnten wir an ein Ziel gelangen.

Es könnte die Frage aufkommen, ob die Schwachstelle unserer Gesellschaft in unserer Toleranz gegenüber psychopathischem Verhalten begründet ist? Oder in unserem Unglauben, dass jemand den Anschein eines intelligenten Führers haben könnte und trotzdem betrügerisch und in seinem eigenen Namen agiert, ohne Gewissensbisse? Oder ist es bloß unsere Ignoranz? Wenn sich die allgemeine Wählerschaft nicht darüber bewusst ist, dass eine Kategorie von Menschen existiert, welche wir manchmal als beinahe menschlich empfinden, welche aussehen wie wir, welche mit uns arbeiten, welche in jeder Rasse und jeder Kultur zu finden sind, welche jede Sprache sprechen, aber kein Gewissen haben, wie kann die breite Öffentlichkeit sie dann davon abhalten, an die Macht der Hierarchien zu gelangen? Die allgemeine Ignoranz gegenüber der Psychopathologie könnte sich als Niedergang der Zivilisation erweisen. Wir stehen dabei wie grasende Schafe, während die Elite in Politik und Wirtschaft Armeen unserer unschuldigen Söhne und Töchter gegen künstlich fabrizierte Feinde schleudert, um im gegenseitigen Konkurrenzkampf um die pathologische Vorherrschaft Trillionen an Profit zu erzeugen. Fast jeder, der bisher Teil einer Organisation war, welche sich für soziale Veränderung einsetzt, hat wahrscheinlich die gleiche Dynamik beobachten können: Die gute und aufrichtige Arbeit vieler kann durch die Aktivitäten eines Einzelnen zerstört werden. Das verheißt nichts Gutes, wenn es darum geht, eine Art von Gerechtigkeit auf den Planeten zu bringen! Wenn Psychopathen an der Spitze politischer Hierarchien stehen, ist es in der Tat kein Wunder, dass friedliche Demonstrationen null Auswirkung auf das Ergebnis politischer Entscheidungen haben. Vielleicht ist es an der Zeit, uns auf eine andere Art zu regieren als durch massive, distanzierte Hierarchien?

Erst wenn 75% der Menschheit mit einem gesunden Gewissen begreift, dass wir einen natürlichen Feind haben, eine Gruppe von Menschen, die unter uns leben, die uns als machtlose Opfer ansehen und uns nach Belieben vertilgen, um ihre unmenschlichen Ziele zu erreichen, erst dann werden wir die notwendigen scharfen und sofortigen Maßnahmen ergreifen, um zu verteidigen, was menschlich wertvoll ist. Es wäre weise, psychologisch Abweichenden jedwede Machtposition überMenschen mit Gewissen zu entziehen. Punkt!

Es muss Menschen bewusst gemacht werden, dass solche Individuen existieren, und sie lernen können, wie sie diese und ihre Manipulationen erkennen können. Das Schwierige daran ist, dass man auch gegen seine eigenen Tendenzen wie Mitleid und Güte ankämpfen muss, um nicht selbst zur Beute zu werden. Das wirkliche Problem liegt darin, dass das Wissen über die Psychopathie und auf welche Weise Psychopathen die Welt regieren, bisher wirksam verborgen wurde. Menschen haben nicht das entsprechende, ausführliche Wissen, welches sie brauchen, um von der Basis weg nach oben eine echte Veränderung herbeizuführen. Immer wieder, in der gesamten Geschichte war der neue Chef wie der alte Chef.
Wenn es eine Arbeit gibt, die volles Engagement verdient, um der Menschheit in diesen dunklen Zeiten zu helfen, so ist es das Studium von Psychopathie und die Propagierung dieser Information so weit und schnell wie möglich. Es gibt nur zwei Dinge, die einen Psychopathen in die Knie zwingen können:

1. Ein größerer Psychopath.
2. Die gewaltlose, absolute Weigerung, sich der psychopathischen Herrschaft zu unterwerfen, egal, wie die Konsequenzen aussehen werden (gewaltloses Nichtbefolgen, Mahatma Gandhis Satyagraha). Lassen Sie uns Weg 2 wählen! Wenn Einzelne sich einfach hinsetzen und weigern würden, einen Finger zu rühren, um auch nur ein einziges Ziel der psychopathischen Agenda zu unter-stützen, wenn Menschen sich weigerten, Steuern zu bezahlen, wenn Soldaten sich weigerten zu kämpfen, wenn Regierungsbeamte und Konzerndrohnen und Gefängniswächter sich weigerten, zur Arbeit zu gehen, wenn Ärzte sich weigerten, die psychopathische Elite und ihre Familien zu behandeln, dann würde das ganze System mit einem kreischenden Halt zum Stillstand kommen. Echte Veränderung geschieht in dem Moment, in welchem sich eine Person in allen abschreckenden Einzelheiten über Psychopathie bewusst wird. Aus dieser neuen Bewusstheit heraus sieht die Welt ganz anders aus, und es können völlig andere Maßnahmen ergriffen werden. Mit dem Unterscheiden zwischen menschlichen und psychopathischen Eigenschaften entsteht die Grundlage von Verantwortung, auf welcher wir eine tragfähige Kultur aufbauen können.

Diesen Beitrag habe ich anonym per Mail erhalten.

Empfehlenswerte Literatur zum Thema:

Menschenschinder oder Manager: Psychopathen bei der Arbeit von Paul Babiak und Robert D. Hare von Hanser Wirtschaft

Gewissenlos. Die Psychopathen unter uns von Robert D. Hare und Karsten Petersen von Springer, Wien

Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage: Fallbeispiele und Lösungswege für ein wirksames Management von Gerhard Dammann von Haupt

Der Soziopath von nebenan. Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks von Martha Stout und Karsten Petersen von Springer, Wien

Die Masken der Niedertracht: Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann von Marie-France Hirigoyen und Michael Marx

Der Psychopath: Die Spezies in Politik und Wirtschaft mit Verachtung für Schwache von Advaita Maria Bach von MOKSHA Publishers (Audio CD)

Der Arschloch-Faktor: Vom geschickten Umgang mit Aufschneidern, Intriganten und Despoten in Unternehmen von Robert I. Sutton und Thomas Pfeiffer

Von dem zweiten Titel in dieser Liste gibt es hier eine Leseprobe.

aristo blog - nachrichten die man nicht überall findet - - Offene ...

Ich würde zum Thema - Psychopathen noch sämtliche Bücher von Arno Gruen empfehlen!WinkenG.F.


"Psychopathen sind oft schlau"

15. Febr. 2009 ... Ist das Böse im Gehirn zu sehen? Warum sind Gewalttäter meistens männlich? Gerhard Roth über menschliche Abgründe und wie man sie erkennen ...
www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonntag-Psychologie-Hirnforschung;...

 

 "Wenn du eine Frau siehst, denke, es sei der Teufel! Sie ist eine Art Hölle!"
(Papst Pius II., 1405-1464)  


Fotografie?

Da ich selber gerne fotografiere. - Hier ein Text zum Thema!  - Das Überleben wird auch in diesem Berufszweig immer schwieriger.

 

"Bildbände fotografieren: Brotlose Kunst", von B.Kannt

Früher war es so: Ein Fotograf fühlte sich geehrt, wenn ihn ein
renommierter Buchverlag anrief, um ein Buchprojekt zu realisieren. Der
Auftrag brachte Spaß, Renommee – und auch ausreichend Honorar. Doch die
"schönen Zeiten" sind vorbei. Warum, schildert ein FreeLens-Fotograf
aufgrund eigener und den Erfahrungen anderer Mitglieder.

Vor einiger Zeit waren die Bücher des Ellert & Richter Verlages,
der durch die "Weiße Reihe" bekannt wurde, so schön gestaltet und
gedruckt, daß die Mühe lohnte, daran zu arbeiten. Zudem gab es für den
Bildautoren fünf Prozent des Nettoverkaufspreises, der im
Buchverlagswesen übliche Prozentsatz. Davon zahlte der Fotograf alle
Kosten: Filme, Entwicklung und Reisekosten. Aber das rechnete sich
durch Imagegewinn und bei manchen Büchern auch durch gute Umsätze.

Dann brachte Ellert &Richter die "Billigreihe" heraus, große
Reisebücher zu einem Thema für 19,80 Mark. Mit diesem Konzept konnte
der Verlag Riesenumsätze machen – und die Autoren profitierten mit,
obwohl deren Honorare schon weit von den fünf Prozent entfernt waren.

Pro Buch gab es 53 Pfennig für die erste Auflage, danach 50 Pfennig.
Diese "Billigreihe" ist sehr erfolgreich und so werden immer mehr Bände
produziert, allerdings für die Fotografen zu immer halsbrecherischeren
Konditionen. Sie bekommen jetzt nur noch 40 Pfennig. Das bedeutet bei
einer Erstauflage von 15.000 Stück, daß der Fotograf seine kompletten
Reise-, Film- und Unterkunftskosten von 6.000 Mark bestreiten muß. Er
erhält nur noch etwa 2,16 Prozent vom Nettoverkaufspreis, ein schlicht
unakzeptabeler Prozentsatz.

Doch nicht nur die Honorare werden verschlechtert, sondern auch die
Vertragsbedingungen. Der Fotograf soll sämtliche Rechte abtreten,
weltweit. Der Fotograf soll dem Verlag die ausgewählten Fotos als
Sacheigentum überlassen. Der Verlag erhält das Recht, die Bilder an
Werbeagenturen weiterzuverkaufen. Natürlich gibt es dafür 50 Prozent
für den Fotografen (nach Abzug aller Kosten). Das Grausen auch bei
dieser Vertragspassage bekommt, wer weiß, wie unbefangen der Ellert
&Richter Verlag damit umgeht. Er verlangte schlappe 1.000 Mark von
einer Werbeagentur für ein Bild, daß dann in ganz Bayern auf große
Tafeln geklebt wurde. Dafür hätte jede ordentliche Fotoagentur 5.000
bis 6.500 Mark verlangt und bekommen.

Weitere Beispiele aus Verlagsverträgen, die FreeLens-Mitgliedern in
den vergangenen Monaten von renommierten Verlagen wie Bucher, Pro
Futura, Langenscheidt-Polyglott, Gräfe und Unzer vorgelegt wurden: Der
Bucher Verlag, vertreten durch den Südwest Verlag, freut sich, "den
geschätzten Autoren für einen Bildband gewonnen zu haben!" – genauer:
ein Kleinstführer mit 64 Seiten und etwa 100 Fotos. "Für die
Bebilderung bieten wir Ihnen ein einmaliges Pauschalhonorar an von
1.500 Mark. Sie übertragen dem Südwest Verlag für alle Ausgaben und
Auflagen sämtliche ausschließlichen Verlagsrechte an diesen Fotos. Der
Verlag ist berechtigt, Sonderausgaben, Buchklubausgaben,
Taschenbuchausgaben zu veranstalten, bzw. die Rechte für diese Ausgaben
sowie die verlagsüblichen Nebenrechte (Werbezwecke, Film, Fernsehen,
Radio, Vervielfältigung und Verbreitung von Mikrokopie- und CD-ROM oder
CD-I-Ausgaben oder ähnliche Formen des Electronic Publishing) im Rahmen
dieses Buches weiter zu übertragen. Wir hoffen auf eine gute,
partnerschaftliche Zusammenarbeit!"

Eine Partnerschaft bei 15 Mark pro Foto? Da können wohl nur
Hobby-Fotografen unterschreiben. Wenn man alle Rechte zusammenzählt,
die der Verlag erwirbt, dann bleiben pro Veröffentlichung höchstens
Pfennige übrig! Der Langenscheidt Verlag bietet in seinem Vertrag für
Polyglott-Reiseführer immerhin stolze 30 Mark pro Bild an. Natürlich
kassiert er damit die Rechte für "CDI, DVI, EBP, CD-ROM, Online oder
ähnlichen elektronische Medien", ist allerdings bereit, für die
CD-ROM-Nutzung nochmal 30 Mark pro Bild zu zahlen. Super! Es folgt ein
schöner Passus: "Für den Fall der Veröffentlichung und Verbreitung
einer oder mehrerer Lizenzausgaben erhält der Fotograf unabhängig
davon, wieviele verschiedene Lizenzausgaben erscheinen, ein einmaliges
Honorar in Höhe von 50 Prozent der im Vertrag genannte Honorarsumme."
Schönes Geschäft.

Besonders Großverlage versuchen, alle gängige Normen zu unterlaufen
und mit dem Mittel der Unkenntnis oder gar Angst zu operieren, um auf
die schnelle Tour Freischaffenden Copyrights zu Dumpingpreisen
abzutrotzen. Das geschieht auch durch Risikoteilung,
Mehrfachnutzungsrabatt, Mengenrabatt und ähnlichem. Es läßt sich leicht
denken, daß doch sehr viele KollegInnen im einsamen Kämmerlein durch
das Unterschreiben solcher Bedingungen zu diesem Zustand beitragen",
schrieb uns ein Kollege zu dem Polyglott-Vertrag. Man kann solche
Verträge ablehnen, Beispiele gibt es genug.

Oder ein Berliner Fotograf. Er schrieb dem Verlag zu seinem Vertrag
für "Tucholskys Berlin": "...ein unmoralisches Angebot, daß ich
ablehnen muß. Auf die erbetenen Nebenrechte brauche ich damit nicht
einzugehen. Ihr weist darauf hin, daß Ihr das Honorar der veränderten
Situation angepaßt habt. Verändert soll heißen: verschlechtert. Nur an
dieser Verschlechterung sind nicht wir Fotografen schuld, sondern die
Verlage selber. Aber wir sollen die Suppe auslöffeln und Euch mit
unserem Einsatz und Geld sponsern. Oder geht es Euch gar nicht so
schlecht, wie Ihr tut? Wenn nicht, wenn Ihr gut daran verdient, dann
ist euer Vertrag doppelt unmoralisch! 4 Prozent vom Nettoverkaufspreis
konntet Ihr damals anbieten. Jetzt sind es nur noch 2,16 Prozent! 4
Prozent muß das Ende der Fahnenstange bleiben, das müssen auch meine
Kollegen begreifen, die jetzt zu Euren Bedingungen arbeiten. Für
weniger kann man seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten."

Daß die Qualität bei alldem auf der Strecke
bleibt, stört die Verlage nicht. Ob der Fotograf schöneres Licht
abwartet, einen besseren Standort sucht oder einfach draufhält, ist
neuerdings offenbar egal. Die Verlage drucken Billigbücher in Großauflagen.
Die schlechten Verträge sind nur möglich, weil Fotografen sie
entweder nicht lesen oder ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Wem ein solcher
Vertrag ins Haus flattert, sollte ihn an FreeLens schicken und sich gut
überlegen, ob er ihn unterschreiben kann. Wer unterschreibt, sollte
nicht glauben, später an bessere Aufträge heranzukommen. Wenn
wir nicht aufpassen, dreht sich die Spirale weiter nach unten. Dann allerdings
hätten die Verlage Recht: Mit Fotografen kann man alles machen!

 B.Kannt


Zuhause im Lernen

Welche Schulen brauchen junge Menschen in einer sich rasant verändernden Welt? Genügt es wirklich, Schüler auf Effizienz zu trimmen, egal in welche Richtung die erschreckende «Funktionstüchtigkeit» der modernen Wirtschaft driftet?


Von: Roland Rottenfusser



Teilnehmer der Gaia-University im Lebensgarten Steyerberg

Ein verdrehtes Bildungsideal, wie es sich im Bologna-Prozess manifestiert, ist mittlerweile nicht nur für die Studierenden, sondern auch für Gesellschaft und Ökosystem zur Gefahr geworden. Bildung meint eben nicht Fremdbestimmung und Konkurrenz, sondern die Freilegung unseres innersten lebensfreundlichen Wesenskerns. Vor diesem Hintergrund müssen Bildungsziele und Schulungsmethoden völlig neu überdacht werden. 

 

 

Ein Beitrag von Kathleen Battke.

 

 

Weitere kritische und anregende Artikel zum Thema «Schule» finden Sie in unserer aktuellen Zeitpunkt-Printausgabe «Schulfrei»,

 

 

 

Wenn ein Baum umstürzt, sieht man vielleicht zum ersten Mal seine Wurzeln, sagt ein Sprichwort. Wir leben in einer Ära, in der wir allerlei Bäume stürzen sehen. «Die Schulen wurden von Horace Mann und anderen als Instrumente zur wissenschaftlichen Verwaltung einer Massenbevölkerung entworfen», sagte John Taylor Gatto, New Yorker Lehrer des Jahres 1990, über die Schulbildung in den USA. Und Roland Rottenfußer diagnostizierte auf Zeitpunkt online Schulen als «Leer-Anstalten», «in denen Kinder im Sinne ihrer künftigen Rolle als Konsumenten und Arbeitnehmer zurechtgebogen werden.» Sind das die Wurzeln eines im freien Fall befindlichen Bildungssystems, die wir jetzt sehen? Sind das die eigentlichen Motive des gesellschaftlich organisierten Lernens, mit dem wir heute ringen?

 

 

Man kann auch «zu effektiv» sein

 

 

Neuere Forschungsarbeiten über komplexe Systeme zeigen uns einen plausiblen Grund auf, warum unsere Ökonomien, Öko-Systeme und Gesellschaftsformen weltweit ins Wanken geraten: Wir sind einfach zu effektiv. Wenn Produktivität als Wert an erster Stelle steht, leiden Vielfalt und Vernetzung. Diversität und Beziehungen sind aber genau die Faktoren, die die Gesundheit von Öko-Systemen garantieren. Wenn sie vernachlässigt oder gar bewusst zurückgedrängt werden, ist das der Anfang vom Ende.

 

 

Auch Bildung hat sich in Effektivität verheddert. Angleichung der Zugangs- und Prüfungsvoraussetzungen, einheitliche Curricula, Verkürzung der Schul- und Studienzeiten, Zuschnitt auf Arbeitsmarktbedingungen sollten Bildung nützlicher und billiger machen. Die sinnvollen Resultate dieser Überlegungen halten sich allerdings verglichen mit den Opfern, die sie kosten, in Grenzen. Am Anfang (1999) war auch die Vision von Bologna verheissungsvoll: Die Studierenden Europas sollten grenzenlos lernen können. Die Barrieren von unterschiedlichen Anforderungen und bürokratischen Regelungen sollten fallen und so Mobilität und Weltläufigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses steigen.

 

 

Doch wir sehen hier ein weiteres Mal, was es bedeutet, wenn die Verwirklichung einer Vision in die Hände von Menschen gelegt wird, die aus ganz anderen Interessen heraus handeln. Es müssen nicht unbedingt böse Absichten dahinter stehen. Und doch können wir beobachten, dass auf Effizienz angelegte Systeme gute Ideen wie von Geisterhand in traurige, menschenfeindliche und undurchschaubare Gebilde verwandeln, die am Ende niemand wirklich gewollt hat.

 

 

Strukturelle Gewalt

 

 

«Strukturelle Gewalt» nannte Johan Galtung solche Tendenzen. Auch auf die Studienabschlüssen im Bologna-Raum scheint diese Bezeichnung nun zuzutreffen. Der Bachelor verwirrt die jungen Studierenden und setzt sie so unter Druck, dass sie meinen, sich zwischen einem unverständlichen Curriculum und dem wirklichen Leben entscheiden zu müssen. Eine Studie des Hochschul-InformationsSystems HIS zeigte jüngst auf, dass nur 15 Prozent der Bachelor-Studierenden während des Studiums ins Ausland gehe. Es wurde also genau das Gegenteil der ursprünglichen Bologna-Vision erreicht, die angeblich auf «Weltläufigkeit» abzielte. Der Master indes züchtet Studierende mit Scheuklappen, die alles, was nicht auf Imagepflege und Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt abzielt, ausblenden. Ebenfalls nach einer HIS-Studie schliessen zwischen 17 und 30 Prozent der Promotionswilligen ihre Doktorarbeit nie ab.

 

 

«Gebildet werden» durch Gott

 

 

Welche Bildung braucht die Zeit? Wie dient Bildung uns Menschen, um ein gutes und nachhaltiges Leben zu führen? Bildung ist in den Worten von Wilhelm von Humboldt ein umfassender, ganzheitlicher Prozess der Persönlichkeitsentfaltung. Der Begriff entstammt ursprünglich dem christlichen Kontext. Er wird Meister Eckhart zugeschrieben und meint das «Gebildet-Werden» durch Gott. Heute würden wir vielleicht sagen: Bildung soll schrittweise den göttlichen Kern in uns freilegen. Bildung, wie ich sie verstehe, ist der Prozess der Entfaltung der integralen Person. Wobei der Begriff «Person» nicht auf die Stärkung des Ego verweist, sondern darauf, dass der Mensch fähig wird, verantwortungsbewusst zu handeln – in dieser einen, so verletzlichen Welt.  

 

 

Um diese Verantwortung in einer Zeit der Reizüberflutung und der eskalierenden Klimakrise tragen zu können, sollten wir neue Wahrnehmungsorgane entwickeln, die der sich wandelnden Lage angemessen sind. Das heißt, wir müssen lernen, genau und unvoreingenommen hinzuschauen und wirklich zu begreifen, was wir sehen. Das bedeutet auch, unsere Wahrnehmungssinne zu schulen und von Kontaminationen zu reinigen; andererseits qualitativ neue «Sinnesorgane» zu entwickeln, um die Notwendigkeiten und Chancen des aktuellen Zeitalters zu erkennen und darauf lebensfördernd reagieren zu können. Genau dies verstehe ich unter «Bildung».

 

 

Vom Ich über das Du zum Wir

 

 

Die Richtung einer gesunden Entwicklung verläuft vom Ich über das Du zum Wir. Dies ist übrigens auch mit den Prinzipien der Permakultur vereinbar, die hier im Lebensgarten Steyerberg gepflegt wird. Vom innersten Wohnbezirk des Individuums geht es in fliessenden Übergängen weiter zu gemeinschaftlich genutzten Bereichen und Räumen der lebendigen Kommunikation mit der Natur und anderen Lebensformen. Einige Beispiele für Qualitäten, die durch Lernen gefördert werden könnten, sind:

 

 

1. Ich-Qualitäten:

 

- Welchen Mustern und Glaubenssätzen folge ich? Was ist mir wirklich wichtig? Wie verkörpere ich meine Anliegen in der Welt?

- Kann ich mich als kostbar und einzigartig anerkennen? Wie kann ich meine Lebensleistung feiern und bejahen, ohne das Ego zu füttern? Was gibt meinem Leben Würde?

- Autonomie und Eigenverantwortung

- Bereitschaft und Fähigkeit zu dauerndem Wandel, Leben angesichts der eigenen Endlichkeit, Vergänglichkeitsbewusstsein

- Unternehmerische Persönlichkeitsanteile: Kreativität, Stärken, Schaffenskraft

- Authentizität: Von Herzen sprechen

- Aufmerksamkeit, Präsenz und Energiemanagement

 

 

 

2. Du-Qualitäten:

 

- Zuhören

- Empathie

- Bereitschaft und Fähigkeit zur Kooperation und zur Auseinandersetzung

 

 

3.  Wir-Qualitäten:

 

- Wahrnehmung der Allverbundenheit

- Blick für Zusammenhänge und Muster

- Führungsqualitäten

- Von der Gemeinschaft der Lernenden zur Gemeinschaft, die lernt

 

 

Die Arbeitstechniken, mit deren Hilfe diese Bildungsziele erreichbar sind, können sehr stark variieren: Z.B. Tanz, Theater, Musik und Gartenbau, neue Technologien (Computer), Entwicklungsmodelle wir Jean Gebsers Spiral Dynamics, Arbeit in Lernteams, Mediation, gewaltfreie Kommunikation, verlässliche Beziehungen zu Mentoren, Meditation und spirituelle Praxis, Körperarbeit und biografisches Schreiben, um nur einige zu nennen. Die Räume und Arbeitsmittel, die diese Form des Lernens ermöglichen, sollten Rückzug und intensive persönliche Begegnung ebenso ermöglichen wie Gemeinschaftserleben und Präsentation vor Publikum. Freiheit und Orientierung sollten einander ergänzen ebenso wie moderne Kommunikationstechnik und zeitlose Formen der Begegnung von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Natur.

 

 

Was ich hier beschrieben habe, ist keine Spielerei, sondern Notwendigkeit. «Wer hervorbringt, was in ihm ist, wird durch das gerettet, was er hervorbringt. Wer nicht hervorbringt, was in ihm ist, wird von dem zerstört, was er nicht hervorbringt». Dieses Zitat aus dem Thomas-Evangelium liest sich angesichts der globalen Herausforderungen heute wie ein dringlicher Appell, die eigenen Kräfte und Talente gegen die Zerstörung in die Waagschale zu werfen. Und es ist schon heute Realität. Wir bemühen uns in der Gaia University Deutschland Jahr für Jahr, diese Vision mit Leben zu erfüllen. Zudem können wir derzeit weltweit das Entstehen solcher zukunftsfähigen Bildungslabore und Lernarchitekturen beobachten. Denn wo Not ist, wächst auch das Rettende.

 

 

Kathleen Battke M.A.

 

Co-Gründerin und -Geschäftsführerin von Gaia University Deutschland

Lehrbeauftragte an der Leuphana Universität Lüneburg

kathleen.battke(at)gaiauniversity.de

 

 

Nächster Programmstart bei Gaia University Deutschland:

…? Lebensgarten Steyerberg

Näheres unter: www.gaiauniversity.de

 

 

Informationswochenenden zu den Programmen und zur Gründung eines GaiaU-Landeszentrums in der Schweiz können bei Bedarf vereinbart werden.

 

Donnerstag, 05. November 2009

 

 

Nachhaltigkeit braucht neues Wirtschaftssystem

«World Resources Forum» vom 15./16. September in Davos und Nagoya


Von: Christoph Pfluger


Die Eidg. Materialprüfungsanstalt EMPA ist eine erstaunliche Behörde. Sie sorgt nicht nur dafür, dass die Stoffe und Materialien im Wirtschaftskreislauf den Standards entsprechen, sie forscht auch in den verschiedensten Gebieten und organisiert relevante Veranstaltungen. So forderte das von der EMPA mit anderen Organisationen ausgerichtete «World Resources Forum» vom 15./16. September in Davos eine Ausrichtung der Wirtschaft auf die Naturgesetze – bemerkenswert für eine technische Behörde und ein deutliches Zeichen, dass das Umdenken auch auf Ebenen stattfindet, die man nicht von vornherein erwartet. Schon bald dürften die Banker und Politiker die letzten sein, die in den alten Strukturen verharren.

 

Nachfolgend die offizielle Medienmitteilung des WFR:

 

 

Der Klimawandel ist nur ein Symptom eines viel ernsteren Problems: Unser heutiges Wirtschaftssystem braucht zu viel Ressourcen. Zum Abschluss des «World Resources Forum» (WRF) verabschiedeten die Teilnehmenden am 16. September in Davos eine Deklaration mit Vorschlägen, wie diesem Problem begegnet werden kann. Kernpunkt darin: In internationalen Vereinbarungen muss die Politik einen maximalen materiellen Ressourcenverbrauch pro Kopf und Jahr festlegen.

 

Zum ersten «World Resources Forum» (WRF) trafen sich am 15. und 16. September führende Fachleute aus aller Welt in Davos und im japanischen Nagoya. In seiner Botschaft an das WRF warnte der deutsche Bundesumweltminister Sigmar Gabriel: «Wir Europäer verbrauchen zehn Mal mehr natürliche Ressourcen als Afrikaner oder Vietnamesen. Wenn sich alle auf unserem Planeten so verhielten wie wir, so würden wir im Jahr 2050 mindestens zwei Planeten mehr brauchen, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen». Heutzutage entnimmt die Menschheit pro Jahr der Erde rund 60 Milliarden Tonnen Rohstoffe. Das sind 50 Prozent mehr als vor 30 Jahren. Um einen Franken Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften, benötigt die Weltwirtschaft zwar etwa 30 Prozent weniger Ressourcen als noch vor 30 Jahren. Trotzdem wächst der Ressourcenverbrauch weiter.

 

Neue politische Rahmenbedingungen gefragt

Die Teilnehmenden am WRF sahen die Übernutzung der natürlichen Ressourcen als Hauptursache für die wachsende Störung und Destabilisierung des Ökosystems, was sich unter anderem im Klimawandel spiegelt. Deswegen wurde in der Deklaration zum WRF vorgeschlagen, den Ressourcenverbrauch des westlichen Wirtschaftssystems massiv zu senken, das heisst, die Ressourcenproduktivität drastisch zu erhöhen. Für diese gewaltige Herausforderung braucht es Innovationsschübe.

 

Solange die natürlichen Ressourcen allerdings billig sind im Vergleich zu Arbeit, wird die Industrie nicht freiwillig diesen Weg beschreiten. Nur die Politik kann durch die Änderung der Rahmenbedingungen hier Anreize schaffen. Die Preise für Ressourcen müssen die ökologische Wahrheit zeigen. Diese und viele weitere politische Massnahmen und die gesteigerte Ressourcenproduktivität lassen den aufstrebenden Ländern Raum für ihre Entwicklung.

 

 

 

Declaration of the World Resources Forum – Call for Action

 

Wir halten Entscheidungsträger in allen Ländern dazu an, eine Strategie für den Umgang mit Ressourcen zu übernehmen, die mit folgenden Elementen in Einklang steht:

 

1. Streben nach internationalen Übereinkommen betreffend weltweiten Pro-Kopf-Zielen für die Ausbeutung und den Verbrauch natürlicher Ressourcen, die spätestens bis 2015 in Kraft getreten sein sollen. Das Hauptziel dieser Übereinkommen besteht darin, die ökonomische Entwicklung und der Ressourcenverbrauch vollständig zu entkoppeln, mit der Folge von geringerem Ressourceneinsatz bei gleichzeitig mehr Wert.

 

2. Einführen von effektiven politischen Massnahmen, um die Ressourcenproduktivität wie auch die Drosselung der Nachfrage über die Zeit stark zu erhöhen. Dies soll in Form von Standards, höheren Steuern für den Ressourcenverbrauch – mit der Möglichkeit von tieferen Steuern in anderen Gebieten –, Obergrenzen, Handelsmechanismen und weiterem geschehen.

 

3. Einführen – mit Dringlichkeit – von Zielen für den Ressourcenverbrauch in Bereichen mit spezieller Wichtigkeit – wie Süsswasser, Rohstoffe aus den Meeren und tropische Wälder –, um der rapiden Zerstörung der Ökosysteme und der Biodiversität Einhalt zu gebieten.

 

4. Fokussieren der Forschung und der Entwicklung auf das Ziel hin, die Ressourcenproduktivität zu steigern. Die entstehenden Innovationen erzeugen den Raum für Wirtschaftswachstum und soziale Entwicklung. Als Nebeneffekt werden die einzelnen Volkswirtschaften und Städte weniger abhängig von Ressourceneinfuhren, im Besonderen von fossilen Energieträgern.

 

5. Streben nach gesellschaftlichem Konsens bis 2012 über ökologische und ökonomische Indikatoren (auf Mikro-, Meso- und Makroniveau) im Einklang mit den Naturgesetzen und jenseits des BIP. Industrie und Politik müssen diese Indikatoren immer anwenden, wenn sie über erreichte Fortschritte in Richtung Nachhaltigkeit berichten. Die Indikatoren müssen auch Gegenstand von Lernprozessen auf allen Ausbildungsstufen werden.

 

6. Neugestalten der Rahmenbedingungen für die Wirtschaft, die die Knappheit der natürlichen Ressourcen berücksichtigen, und Erkennen des Bedürfnisses für Gewinnung und Verkauf, um die umweltfreundliche und nachhaltige Entwicklung in den Ländern zu fördern, in denen Gewinnung und Verkauf geschieht.

 

7. Streben nach Dialog mit der Wirtschaft, um Geschäftsmodelle neu zu gestalten, in denen Einkünfte vermehrt durch die Dienstleistungsqualität statt durch den Verkauf von Gütern erzielt werden.

 

8. Einen Prozess initiieren, um Lebensstile zu überdenken und Konsummuster zu entwickeln, die auf hinreichender Menge und Qualität und dem sorgfältigen Einsatz natürlicher Ressourcen basieren. Traditionelles Wissen, Weisheit und Spiritualität sollen inspirieren und helfen bei der Gestaltung von Ausbildung und Politik.

 

9. Stärken der Ausbildung, um das Bewusstsein für die Grenzen der Ressourcen, speziell unter Ökonomen, zu vergrössern, und Fördern der Fähigkeit von Entscheidungsträgern, langfristige und systemische Trends zu analysieren und durch Nachhaltigkeit angetriebene Innovation umzusetzen.

 

Die komplette Deklaration (in Englisch) können Sie unter www.worldresourcesforum.org abrufen.

 

 

Dienstag, 22. September 2009

 

 

 

Selbstunsicherheitstraining
Seminarleiter Modest Blum erklärt im (fiktiven) Interview, warum Schüchternheit mitunter Stärke ist und warum er Selbstbewusste für die gefährlichste Spezies der Welt hält. (Von Roland Rottenfußer. Ein Beitrag des Webmagazins auf "Hinter den Schlagzeilen")
Frage: Herr Blum, ich glaubte am Anfang, mich verlesen zu haben. Meinen Sie in der Werbebroschüre zu Ihrem Seminar wirklich „Selbstunsicherheitstraining“, nicht „Selbstsicherheitstraining“?

Blum: Ich sehe keinen Bedarf, ins selbe Horn zu blasen wie all die Mentaltrainer, Positivdenker und Anbeter einer Ellenbogenmentalität. Es ist unsinnig, allen Hilfesuchenden die gleiche Therapie anzubieten. Magersüchtige brauchen eine andere Behandlung wie Übergewichtige. Es mag krankhaft Schüchterne geben, denen ein bisschen Durchsetzungsfähigkeit gut täte, aber es gibt mindestens so viele Angeber und Marktschreier, die lernen müssten, sich mal ein bisschen zurückzunehmen und anderen Raum zu geben. Im Übrigen sehe ich in Scheu und Zurückhaltung das geringere Problem. Die Welt wurde nicht von Schüchternen an den Rand des Abgrunds geführt, sondern von grundlos Selbstbewussten.


Frage: Wie meinen Sie das?


Blum: Sehen Sie, es wird viel über den Zustand der Welt gejammert. Es ist aber doch offensichtlich, dass wir nicht von demselben Menschenschlag aus der Krise geführt werden können, die diese Krise verursacht hat.


Frage: Und das sind nach Ihrer Meinung die selbstbewussten Menschen!?


Blum: Selbstbewusste sind die gefährlichste Spezies der Welt. Feministinnen weisen mit Recht darauf hin, dass alle großen Menschheitsverbrecher, ob Hitler, Stalin oder die Verantwortlichen der kirchlichen Inquisition eines gemeinsam hatten: Sie waren Männer. Ich mache gern noch auf einen zweiten Zusammenhang aufmerksam: Ob Linke wie Honecker oder Rechte wie Haider, Männer wie Bush oder Frauen wie Thatcher – all diese Menschen hatten eines gemeinsam: sie waren selbstbewusst, das heißt sie glaubten an sich und ihre Mission und konnten diese charismatisch und autoritär vertreten. Das Phänomen beschränkt sich aber nicht auf die Politik. Das Selbstbewusstsein mancher Akteure der Kulturszene steht in einem peinlichen Widerspruch zu ihrer tatsächlichen künstlerischen Substanz. Ein selbstunsicherer Dieter Bohlen wäre uns erspart geblieben, weil er sich gar nicht getraut hätte, an die Öffentlichkeit zu gehen. In manchen Fällen wären berechtigte Selbstzweifel ein Segen.


Frage: Ist es nicht eher so: Selbstbewusstsein verstärkt die Wirkung jeder Weltanschauung, die ein Mensch vertritt? Sicher war Hitler von sich und seiner Mission hundertprozentig überzeugt. Aber gilt das nicht auch für Gandhi?


Blum: Gandhi war zu Beginn seines politische Wirkens extrem schüchtern. Später hat er es geschafft, mit den Mächtigen seines Landes zu verhandeln und Reden vor tausenden von Leuten zu halten. Die Frage ist aber: Wie hat er das gemacht? Hat er „Selbstsicherheitstrainings“ bei der Volkshochschule besucht? Hat er Ratgeber gelesen über die Kunst, sich durchzusetzen? Nein. Gandhi hat zuerst Dinge getan, die es ihm erlaubten, mit gutem Grund stolz auf sich zu sein. Er hat sich z.B. als Sprecher der indischen Minderheit gegen die südafrikanische Regierung aufgelehnt und dafür Schläge und Gefängnis in Kauf genommen. Aus diesen Taten erwuchs begründete Selbstachtung. Aus der Selbstachtung im zweiten Schritt auch ein selbstsicheres Auftreten. Die meisten Menschen gehen aber einen anderen Weg. Wenn sie spüren, dass sie zu feige sind, kaufen sie sich ein Selbsthilfebuch und lernen eine Autosuggestionsformel auswendig: „Ja, ich bin ein selbstbewusster und mutiger Mensch“.


Frage: Ich verstehe, was Sie meinen. Es wäre dann aber fairer, Ihr Seminar: „Training gegen unbegründete Selbstsicherheit“ zu nennen. Damit würden Sie zugeben, dass es auch begründete Selbstsicherheit gibt.


Blum: Ich würde Ihnen Recht geben, leider sind die Gandhis aber so selten, dass man daraus keine Trend ableiten kann. Viel häufiger sind die anderen Beispiele. Denken Sie an den ehemaligen deutschen Kanzler Gerhard Schröder, der als junger Mann an den Pforten des Kanzleramts rüttelte und rief: „Ich will da rein“. Ein solch plumper Wille zur Macht ist doch peinlich, und er ist nicht deswegen weniger abstoßend, weil die spätere Wahl zum Kanzler Schröder scheinbar Recht gegeben hat. Ein guter Staatsmann ist nicht, wer davon überzeugt ist, der Größte zu sein, sondern wer wirklich etwas für sein Volk tut. Mit Schröder erreichte die neoliberale Ära, deren katastrophale Auswirkungen wir heute deutlicher erkennen können, in Deutschland einen traurigen Höhepunkt. Hätte er doch gezögert, hätten ihn Zweifel geplagt, ob es wirklich richtige ist, Arbeitslose zu entrechten und drangsalieren und im gleichen Atemzug die Vermögenssteuer abzulehnen …!


Frage: Sind also Selbstbewusste doch die schlechteren Menschen – mit nur wenigen Ausnahmen?


Blum: Ich glaube in der Tat, dass Selbstbewusstsein nicht nur negativen Geisteshaltungen mehr Durchschlagkraft verleiht, sondern dass es selbst eine problematische Geisteshaltung ist. Ich nenne nur einige der offensichtlichsten Beispiel: Selbstbewusste überrennen Grenzen und dringen in die intimen Schutzräume Anderer ein. Ich denke dabei an die typische „Vertreter-Mentalität“, die sich keineswegs nicht nur beim Berufsstand des Vertreters findet. Scheue Menschen scheinen dagegen immer zu fragen: „Bin ich erwünscht? Ist es richtig, wie es mache?“ Ein erträgliches Zusammenleben ist deshalb eigentlich nur unter relativ Schüchternen möglich. Sind zwei Selbstsichere zusammen, gibt es beständig Kämpfe um die Rangordnung, ein Wettrüsten der starken Egos. Trifft ein Selbstsicherer auf einen Unsicheren, wird letzterer ohne jeden Skrupel unterdrückt.


Frage: Personen, die bei jeder Gelegenheit fragen: „Mache ich auch alles richtig? Magst du mich auch wirklich noch?“ können aber auch beträchtlich nerven.


Blum: Ja, es gibt Menschen, die es mit ihrer Vorsicht übertreiben. Ich bezweifle auch nicht, dass es „krankhafte Schüchternheit“ gibt, in einem gesunden Maß ist es aber eine durchaus liebenswerte und sozialverträgliche Eigenschaft.


Frage: Und gesundes Selbstvertrauen – ist das etwa keine liebenswerte Eigenschaft?


Blum: Ich glaube, dass hinter Selbstbewusstsein eine grundlegende Fehleinschätzung steht. Selbstunsichere haben ein realistischeres Bild von sich und der Welt. Schauen Sie: Nichts ist sicher, nichts ist wirklich verlässlich, schon gar nicht das „Selbst“ – die so schwankende, so zerbrechliche menschliche Seele. Jederzeit können wir versagen, können uns Schicksalsschläge ereilen, kann aus dem Abgrund unseres Körpers eine tödliche Krankheit hervorbrechen. Selbstsichere sind Menschen, die diese radikale Unsicherheit der menschlichen Existenz vor sich selbst leugnen. Entweder sind sie blind für die Realität, oder sie haben nicht den Mut, sie sich einzugestehen. Gerade solche Menschen sind m.E. am wenigsten dazu berufenen, andere zu führen. Das wirklich Tragische ist nun, dass sich fast nur Selbstsichere für Führungsämter bewerben. Und dass gerade die arrogantesten von ihnen, diejenigen, die sich weigern, den Balken im eigenen Auge zu sehen, auch noch die besten Chancen haben, sich durchzusetzen. Die Mehrheit betet nicht Güte und Rücksichtnahme an, sondern Stärke, den nackten Willen zur Macht.


Frage: Und wie erklären Sie sich dieses Verhalten der Mehrheit?


Blum: Es ist ein archaisches Bedürfnis nach Schutz und Orientierung. Wir kennen dieses Phänomen bei Frauen, die sich selbst oft händeringend die Frage stellen: Warum gerate gerade ich immer an die größten Arschlöcher? Männer, die Frauen kalt behandeln oder grob und dominant, von denen sie aber trotzdem nur schwer los kommen. Des Rätsels Lösung ist: Es sind meist charmante und vor allem selbstbewusste Arschlöcher. „Wer stark genug ist, meinen Willen zu brechen, ist auch stark genug, mich und meine Brut vor Gefahren zu schützen“ – so lautet der unbewusste Grund hinter so mancher Partnerwahl.


Frage: Der Macho pflanzt seine Gene fort, der Softie geht leer aus!?


Blum: Ja, ist ein Mann gütig und rücksichtsvoll, fragt er bei einer Frau vorsichtig nach, ob er auch alles richtig macht, dann hat die Frau Angst, bei diesem Mann nicht genug Halt und Schutz zu finden. Dabei bräuchte die Welt nichts dringender als gütige Männer, die ihre Wesensart in der Partnerschaft, in der Wirtschaft, in der Politik voll entfalten können.


Frage: Dann wären also die Frauen an allem schuld?


Blum: Nein, es gibt natürlich auch bei selbstunsicheren Männern die Tendenz, sich extrem forsch und selbstgewiss auftretenden Alpha-Tieren willfährig unterzuordnen. Es besteht eine unbewusste Neigung zu sagen: „Je schlechter mich jemand behandelt, desto eher kann ich mich ihm anvertrauen.“


Frage: Damit haben Sie sozusagen die Psychopathologie der Untertanen erklärt. Wie steht es aber mit den Alpha-Tieren selbst? Warum sind die so?


Blum: Ich will es mal provozierend formulieren: Selbstsicherheit kann Schwäche sein, Selbstunsicherheit Stärke.


Frage: Das müssen Sie aber jetzt schon näher erklären!


Blum: Unsichere lassen Kritik an sich heran und stellen sich selbst in Frage. Sie haben dadurch die Chance, immer weiter zu lernen. Es steckt eine Haltung dahinter wie bei Sokrates: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“. Paradoxerweise macht dieses Wissen die Selbstunsicheren weniger angreifbar und dafür auf einer tieferen Ebene „sicherer“. Wenn ihnen jemand vorwirft, fehlerhaft zu sein, sagen sie lächelnd „ich weiß“. Wenn jemand ihre Weltanschauung angreift, räumen sie ein: „Es mag sein, dass das, was ich für Wahrheit halte, nur eine vorläufige und höchst unvollständige Wahrheit ist. Sag mir, was du denkst, vielleicht sind wir zusammen schlauer.“


Frage: Und Selbstsichere glauben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben!?


Blum: Selbstsichere entwickeln Charisma ja gerade deshalb, weil sie unbequeme Wahrheiten abwehren wollen. Sie entwickeln rhetorische „Oberhandtechniken“, die es ihnen ermöglichen, aus möglichst allen Konflikten als Sieger hervorzugehen. Warum ist ihnen das so wichtig? Gehören Niederlagen nicht wie Siege zu den selbstverständlichen Begleiterscheinungen des Menschseins? Nein, solche Menschen tun alles, um Niederlagen zu vermeiden, weil sie nicht stark genug sind, diese notfalls zu ertragen. Sie erringen Positionen, die es ihnen ermöglichen, die demütigende Erfahrung der Machtlosigkeit niemals selbst machen zu müssen. Stattdessen zwingen sie diese Erfahrung andauernd anderen Menschen auf. Ein gewöhnlicher Mensch ist häufig mit Kritik konfrontiert und lernt dadurch, im Spiegel dieser Kritik an sich selbst zu arbeiten. Ein Machtmensch dagegen lernt nichts aus Kritik, er bestraft lieber den Kritiker wegen Majestätsbeleidigung oder versucht ihn auf andere Weise mundtot zu machen. So kommt es zu dem merkwürdigen Phänomen, dass Autoritäten im selben Maße selbstsicher und unduldsam werden, wie sie an Legitimität verlieren.


Frage: Wen meinen Sie damit speziell? Das Militär, bestimmte Diktatoren?


Blum: Ja, aber auch die neuen Herren der liberalen Wirtschaftsordnung mit ihren Maßanzügen, ihrem selbstgefälligem Grinsen, ihrem Phrasenrepertoire aus der Managementschule. Je erbärmlicher die Inhalte sind, die jemand zu bieten hat, desto mehr Energie muss logischerweise in die Abwehr berechtigter Kritik investiert werden. Je selbstsicherer jemand auftritt, desto mehr Angst hat er wahrscheinlich vor der Entdeckung der verborgenen Wahrheit über sich selbst. Wenn man sich die Selbstsicheren der Welt genauer anschaut, dann hätten paradoxerweise eigentlich die Unsicheren allen Grund, stolz auf sich zu sein.


Frage: Sicher gibt es charismatische Persönlichkeiten, die uns abstoßend erscheinen. Aber übertreiben Sie nicht etwas, wenn Sie Menschen darin unterweisen, unsicherer zu werden?


Blum: Es geht in meinen Kursen zuerst einmal darum, die Masken abzulegen. Selbstsicherheit ist ja auf der oberflächlichen Ebene ohnehin nur Fassade, Schauspielkunst. „Ein gutes Auftreten“ – solche Erziehungsziele, die uns die Bewerbungstrainer vermitteln, sind doch entlarvend. „Auftritt“, „Performance“ – das sind Begriffe aus der Theatersprache, die darauf hindeuten, dass sich jemand eben nicht dessen bewusst ist, wer er ist. Oder dass er Angst hat, so wie er ist, bei anderen nicht gut anzukommen. Darin liegt eine Überbewertung des Urteils anderer Menschen, also nicht wirkliches Selbstbewusstsein. Dieses falsche Selbstbewusstsein in Frage zu stellen gehört noch zu den leichteren Übungen in meinen Seminaren. Unter dieser maskenhaften Schicht liegt aber eine tiefere, die wirkliche und nachhaltige Überzeugung, dass die eigene Persönlichkeit von Wert ist.


Frage: Nun bin ich aber gespannt, was Sie daran auszusetzen haben.


Blum: Das habe ich ja im Zusammenhang mit Gandhi zu erklären versucht. Es geht nicht darum, an seinen eigenen Wert zu glauben, sondern darum, wertvoll zu sein. Nicht von seiner eigenen Güte überzeugt zu sein, ist wichtig, sondern tatsächlich gütig zu sein und zu handeln. Man kann jeden Augenblick seines Lebens nur für einen einzigen Zweck verwenden. Ein Moment den man nutzt, um sich einzureden, dass man gut ist, hätte man besser genutzt, etwas Gutes zu tun.


Frage: Aber Selbstsicherheitstrainings, wie sie auf dem Seminarmarkt angeboten werden, versuchen ihren Kursteilnehmern doch keineswegs das Gute auszureden. Sie versuchen ihnen nur das nötige Selbstvertrauen zu vermitteln, um es in die Tat umzusetzen.


Blum: Die Dynamik solcher Kurse ist in Wahrheit höchst zweischneidig. Wenn Sie sich entschließen, Selbstbewusstsein zu trainieren, reden Sie sich ja selbst ein, dass Ihnen dieses fehlt, dass Sie also ein unvollkommenes, behandlungsbedürftiges Wesen sind. Selbstsicherheitstrainer verkaufen Ihnen dann eine Stufenleiter zum erwünschten Idealzustand – Grundkurs, Aufbaukurs – und weisen Ihnen einen Platz auf dieser Stufenleiter zu: ganz unten. Indem Sie den Kurs besuchen, nehmen sie dieses implizite Urteil an und stimmen Ihrer eigenen Entwertung zu. Sie stimmen zu, dass Ängste und Selbstzweifel, Rücksichtnahme und Scheu Krankheiten sind, die „herausoperiert“ werden müssten, obwohl doch offensichtlich ist, dass die Welt gerade von diesen Eigenschaften mehr bräuchte.


Frage: Menschen versuchen, Ängste und Selbstzweifel loszuwerden, weil diese sie quälen. Wollen Sie sie dafür verurteilen?


Blum: Gehen wir die Liste der Begriffe durch: Ängste sind die realistische Wahrnehmung menschlicher Unsicherheit und Verwundbarkeit. Selbstzweifel sind die realistische Wahrnehmung der eigenen Fehlbarkeit, der nur relativen Gültigkeit aller menschlichen Urteile und Weltanschauungen. Rücksicht meint das Bewusstsein der Verletzlichkeit anderer, die Achtung vor deren Schutzräumen. Und Scheu ist speziell das Wissen um die eigene Verwundbarkeit durch andere Menschen, das Wissen um die vielleicht großen Wirkungen kleiner Entscheidungen. Scheu tritt speziell dort auf, wo viel auf dem Spiel steht. Bei der Partnersuche zum Beispiel, weil gerade das menschliche Herz, wo es sich für Liebe öffnet, am verletzlichsten ist. Nun sehen Sie, wenn diese vier Eigenschaften den Selbstunsicheren ausmachen, dann folgt daraus, dass der Mensch der Zukunft eigentlich der Selbstunsichere ist. Anders ausgedrückt: Es muss auf der Welt mehr Unsichere geben, oder es wird bald keine Welt mehr geben.



(Erstveröffentlichung dieses Artikels im Schweizer "Zeitpunkt" - www.zeitpunkt.ch)
 
 
 

Bundestag: Petition- Internet - Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten

Denn wir haben wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit. Angela Merkel

 

 
 

Es liegt eine neue Energie in der Luft. Vor allem die junge Generation bringt eine völlig neue Qualität in die Welt. Und trotz aller Misstände und Ungerechtigkeiten ist diese Zeit auch eine Zeit der Hoffnung, des Zusammenwachsens, der Kreativität und Menschlichkeit. Ein Zeitalter der Gerechtigkeit scheint zum Greifen nah.

Was macht diese neue Qualität aus? Auf der Webseite www.culturalrevolutionaries.org wird versucht, das in Worte zu fassen, was viele von uns schon lange in sich spüren. Diese "Erklärung kultureller Revolutionäre" wird derzeit in immer mehr Sprachen übersetzt, als Plakate in Städten verteilt und verbreitet sich rasend schnell im Internet.

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Dies ist ein offenes Experiment.
Ein in Worte fassen von dem, was bereits in der Luft liegt.
Je häufiger diese Erklärung gelesen, gedacht oder ausgesprochen wird, umso mehr wird ihre Energie sich in unserer Welt und Gesellschaft manifestieren.
Wenn du das Gefühl hast, was du hier liest, in dir wiederzufinden, mach es zu deinem Statement.
Finde Wege, die Erklärung zu lesen, sie zu teilen und in Aktion umzuwandeln.



In immer mehr Menschen wächst der Wunsch, anders zu leben: harmonischer, erfüllter, nachhaltiger. Nicht selten wird der oder die Einzelne dabei aber von der scheinbaren Undurchdringlichkeit einer egoistischen und materialistischen Gesellschaft und Welt entmutigt: "Ist es nicht hoffnungslos, wenn ICH allein ...?"

Tatsächlich geht es aber wohl Millionen von Menschen so - Millionen von Menschen, die darauf warten, dass die Welt sich ändert, oder die anderen sich zuerst ändern. Bei sich selbst zu beginnen, den ersten Schritt selbst zu tun, scheint noch immer schwierig. Dabei ist eigentlich klar: "Warte nicht auf andere - denn die warten auf dich!"

 

Netzwerke bilden

Was also fehlt, scheint nach wie vor die derzeit vielzitierte Vernetzung zu sein. Um dem abzuhelfen, haben sich in der letzten Zeit viele Initiativen und Netzwerke gebildet. Eines davon ist die Initiative "Aufbruch - anders besser leben".

Das bundesweite Netzwerk will Menschen zu einem nachhaltigen und zukunftsfähigen Lebensstil anregen und miteinander in Kontakt bringen. Ziel ist ein Wandel "von unten" - also aus der Gesellschaft selbst heraus. Dabei geht es der Initiative weniger darum, die Menschen über Missstände zu informieren, sie spricht vielmehr gezielt jene Menschen an, die längst Bescheid wissen über den Zustand der Welt und dessen Ursachen. Diese - und das dürften in Deutschland einige Millionen sein - sollen an ihr meist verdrängtes Wissen erinnert und zu neuen, konsequenteren Handlungsschritten motiviert werden.

Bisher hat die Initiative 2000 Unterstützer und etwa 20 regionale Gruppen.

 

Konkret werden

Gemeinsam haben die Initiatoren einen Basistext mit Tipps zu konkreten Handlungsschritten verfasst, der die Gründe, die Ebenen und den Weg zu einer zukunftsfähigen Lebensweise, wie sie sich die Initiatoren vorstellen, kurz und leicht verständlich darstellt. Jeder kann durch seine Unterschrift den Basistext unterstützen und damit seine Breitschaft "anders zu leben" signalisieren - vor allem als Zeichen an all die anderen: "Wir sind viele!"

Zudem soll der Text natürlich zur Verbreitung eines eines neuen Verständnisses und Weltbildes beitragen, das sich derzeit schon an vielen Stellen entwickelt.

 

Ganzheitlich denken

Wichtig ist der Initiative Aufbruch dabei stets ganzheitlich zu denken. Die vielen Organisationen im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit sind meistens auf ein Thema spezialisiert, während "Aufbruch" versucht, viele Themenfelder der Nachhaltigkeit / Zukunftsfähigkeit zusammenzufassen und sie ganzheitlich zu vertreten - einschließlich der geistig-kulturellen und spirituellen Aspekte.

Denn der Konsumismus unserer Gesellschaft wurzelt nicht zuletzt in einem materialistischen Wertesystem, dass sich ohne eine geistige Neuorientierung nicht überwinden lässt. Das gilt für Einzelne ebenso wie für die ganze Gesellschaft. Es liegt daher nahe, dass in Zukunft das Geistige (lat.spiritus) und die Spiritualität (im Sinne einer undogmatischen Religiosität) einen höheren Stellenwert bekommen müssen. Und das passiert ja auch schon auf breiter Ebene.

Hier geht es zur Webseite der Initiative

 

 

Einem Staatsapparat der Arbeitslose wie den letzten Dreck behandelt, obwohl dieses Scheiss-System  mit seiner "Spekulationsaktienbörsengier" & seinem für die Umwelt & Menschlichkeit schädlichen Wachstumswahn - "Arbeitslose" am laufenden Band produziert und den Superreichen die arbeitsloses Zinseinkommen, in unvorstellbaren Summen kassieren - Steuergeschenke macht, gleichzeitig die Gier, der Banken und Börsenmakler mit Staatsgeldern belohnt , die nur durch noch mehr Schuldenmachen, finanziert werden können, frage ich mich langsam wie viel Untertanengeist, dieses deutsche Volk noch an den Tag legt? Weit und breit keine Revolution in Sicht, es wird etwas geschimpft, auf die sogenannte korrupte Politik und auf die gierigen Bankmanager, mehr aber auch nicht. Die wahren Verursacher der Krise werden belohnt, die Arbeitslosen unterjocht und die arbeitende Masse ausgebeutet, bis zum geht nicht mehr. Wo bleibt die rote "Arschtrittkarte" für diese beschissene staatliche Bürokratie und politische überhebliche Ignoranz? Gerold Flock

"Wie lange wollen wir uns die gierigen Reichen & Ihre schmarotzenden Politiker noch leisten?"

 

 Durch und durch anarchistisch. - Gegen jede Macht!

 

 

 

In Folgenden finden Sie das Bild unter:  www.liste13.ch/spip.php?rubrique27

 

Hilfen für Arbeitslose  Bewerbungstipps & mehr

Deutschlands umfangreichstes Arbeitslosen-Portal! Sozialabbau ...

Deutschlands umfangreichstes Arbeitslosen-Portal! Hier finden Sie Informationen zum Sozialabbau, Jobbörsen, Bewerbungstipps und Alternativen zur Bewerbung.

 

 Wer macht eigentlich die ganze Arbeit?
 
Am 7.3. fand in Dortmund ein "Tribunal" der Linkspartei zum Thema: "Wer macht eigentlich die ganze Arbeit?" Ellen Diederich war dort als Zeugin eingeladen. Hier sind ihre kritischen Anmerkungen. (Ein Beitrag des Webmagazins auf "Hinter den Schlagzeilen")
Tribunal Dortmund, 7. März 2009
Wer macht eigentlich die ganze Arbeit?

"Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Methoden irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden", sagt John Maynard Keynes in seiner allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes


"Ein Gespenst geht um in Europa!" – So beginnt das Kommunistische Manifest. Das Gespenst von heute ist die so genannte Finanzkrise. Im Gegensatz zu Marx' Gespenst von damals ängstigt es vor allem die ArbeiterInnen und Angestellten, und erst recht die, die am Rande der Gesellschaft leben, hier oder in der Dritten Welt. Denn ihnen droht, so heißt es, Arbeitslosigkeit, Konsumverzicht und das Ende jeder Gesundheits- und Sozialpolitik. Den SteuerzahlerInnen dämmert es allmählich, dass sie auf Jahrzehnte hinaus die unglaublichen Gelder werden abtragen müssen, die der Staat in das marode Bankensystem pumpt. Ein Großteil der Menschen in diesem Land und international ist bereits dort, wohin weitere Millionen kommen werden: in ein Leben in Armut.


Frauen sind von diesen Entwicklungen in besonderem Maße betroffen: Sie machen weltweit 2/3 aller Arbeit. Wir bekommen dafür 1/10 des Lohnes. Etwa die Hälfte aller Arbeit ist Hausarbeit, weitgehend unbezahlt. Hiervon machen Frauen etwa 95%, die Arbeit zur Subsistenzsicherung in kleinen Versorgungseinheiten mit eingeschlossen. Darüber hinaus leisten Frauen etwa die Hälfte der Erwerbsarbeit.


Der Lohnabstand zwischen Männern und Frauen in Deutschland hat sich 2008 weiter vergrößert. Innerhalb der EU gehört Deutschland mit 23% Differenz zu den Staaten mit größter Ungleichheit. In den Weltmarktfabriken stellen Frauen den großen der Teil der Arbeitskräfte unter grauenvollen Bedingungen. Keine Kranken-, Sozial-, und Rentenversicherung. 12–14 Stunden Arbeitstag. Minimale Löhne.


Bei uns ist ein Wort das Synonym für die soziale Misere geworden: Hartz IV. Nimmt man die römische IV als Buchstaben, so heißt Hartz IV abgekürzt HIV. Es gibt durchaus Parallelen zwischen Aids und Hartz IV: Ausgrenzung, keine Zukunftsperspektiven, Verweigerung von Heilung, von bezahlbaren Lösungen. "Hartz IV" heißt die neue Krankheit, die sich ab dem 1. Januar 2005 epidemieartig bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ausbreitet: Ursache: Soziale Ungerechtigkeit. Symptom: Armut.


Meine Erfahrungen mit Hartz IV


Ich bin Lang-Zeit erwerbslos. Tag für Tag, Nacht für Nacht, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Die Stiftung, mit der ich viele Jahre zusammen gearbeitet habe, ist Pleite gegangen. Ich bin "zu alt" für den Arbeitsmarkt, und habe viel zu viel subversive politische Arbeit gemacht, um eine bezahlte Arbeit zu finden. Ich bin erwerbslos, nicht arbeitslos, darauf bestehe ich. "Die wollen doch gar nicht arbeiten!" Ich arbeite immer, nie arbeite ich nicht. Arbeit ist ein anderes Wort für Leben.


Arbeitslos sind die "Anderen". Die sich langweilen, die die Gerichts- oder Talkshows in den Privatsendern schauen. Die keine Zeitung mehr lesen, das Saufen anfangen. Die "Anderen", das sind die mit den grauen Gesichtern, die in der Schlange im Arbeitsamt vor und hinter mir stehen. Wo ich verzweifelt überlege, was ich da tun kann? Musik mitbringen? Tango tanzen? Clownin spielen, um die stundenlange Wartezeit zu verkürzen? Aus dem Leitfaden zum SGB II vorlesen, damit die Menschen über ihre Rechte informiert werden?


Ich eine von denen? Ich doch nicht. Ich falle doch nicht in dieses Loch. Ich habe mich doch noch niemals gelangweilt. Ich bin ja aufgehoben. In der Linken, der Frauenbewegung, der Gewerkschaft. Ich treffe mich doch mit denen, die Bescheid wissen, die auf ihre Fahnen geschrieben haben, dass sie sich nicht mit den Plänen der Herrschenden abfinden. Hier, wo die Erwartungen an solidarisches Handeln am größten sind, sind die Enttäuschungen am gewaltigsten.


Ich analysiere. Das kann ich ja. Alles analysieren. Ich weiß ja Bescheid. Warum das so ist und wie mit der Globalisierung, wie es kommt, dass täglich mehr Menschen keine bezahlte Arbeit mehr haben. "Wenn man das weltweite Arbeitsvermögen betrachtet, so sind in den nächsten zehn Jahren etwa die Hälfte der Menschen überflüssige Menschen, die auf die eine oder andere Weise von diesem Planeten verschwinden müssen", sagt die Ökonomin Susan George, eine der Gründerinnen von attac bei einem Vortrag in Stockholm.


Der Satz trifft mich wie ein Blitzschlag. Genau das geschieht ja längst. Durch die Verweigerung von Nahrungsmitteln, sauberem Wasser, bezahlbaren Medikamenten, durch Krieg um Ressourcen, die die Lebensmöglichkeiten unvorstellbar reduzieren. Durch Erwerbslosigkeit. Erwerbslose in Deutschland haben inzwischen eine 7 Jahre niedrigere Lebenserwartung, sagt eine Studie der Humboldtuniversität in Berlin. Ich analysiere weiter. Wie die Welthandelsorganisation arbeitet, welche Funktion die Weltbank und der Internationale Währungsfond haben, was eine Freihandelszone ist, wie die verschiedenen Formen der Sklaverei heute aussehen. Ich kann alles ableiten. Leiten wohin?


Die Wellen von Angst, die durch den Körper gehen, vor der Bedrohung, die Wohnung zu verlieren und davor, von der Teilhabe am sozialen, kulturellen Leben ausgeschlossen zu sein, sind durch noch so viel Reflexion nicht wegzubringen. "Freiheit, Wecker, Freiheit, das heißt keine Angst haben vor nix und niemand", sagt der Willy im Lied von Konstantin Wecker, "Angst essen Seele auf" heißt ein Film von Rainer Werner Fassbinder.


Ja, ich, ich bin eine von denen!


Ich soll weg. Ich bin eine Frau von etwa 700.000 Menschen in Deutschland, die einen Brief von einer Arbeitsagentur bekommen haben oder in den nächsten Wochen bekommen werden: Ihre Wohnung ist zu groß, zu teuer. In sechs Monaten soll ich die Kosten senken, mit dem Vermieter verhandeln, dass er die Miete reduziert. Ich soll Fenster abdichten, Isolierungen einbauen, um Heizkosten zu sparen – das geht wunderbar von 345 Euro Hartz IV im Monat. Oder ich soll Untermieter aufnehmen. Oder ich soll in eine "angemessene" Wohnung einziehen: 45 Quadratmeter, 216 Euro Miete als Obergrenze.


Jeden Monat soll ich einen Nachweis über meine Anstrengungen einreichen. Ziehe ich nicht um, werden nach sechs Monaten nur noch die Kosten übernommen, die ich hätte, wenn ich umgezogen wäre. Seit ich diesen Brief bekommen habe, heißt Wohnen auch: Nächte ohne Schlaf, Erhöhung der Stromkosten, weil Radio oder Fernsehen laufen, um die bohrenden Gedanken zu übertönen. Wenn ich einschlafe, wache ich bald auf, weil Wellen von Angst durch den Körper gehen. Ich träume, dass ich losfahre mit einem Ziel, aber nie dort ankomme, sondern immer irgendwo lande, wohin ich gar nicht will. Ich fahre ans Meer und kann es nicht erreichen. Ich träume von zerbrochenen Brillen, ausgefallenen Zähnen, die ich nicht mehr ersetzen kann. Phantasien von Vertreibung, Flüchtlingsdasein, Obdachlosigkeit geistern durch die Träume. Ich, die ich so gut wie nie krank war, bin mit einem Mal dauernd krank, Blasenentzündungen, (die Psychologie definiert Blasenentzündungen als ungeweinte Tränen), Erkältungen, eine Gürtelrose.


Umzugsvisionen. Wohin mit den vielen tausend Büchern? Mit den Gegenständen von Menschen, zumeist Frauen aus der ganzen Welt, die Ausdruck von Friedenssehnsucht und -willen sind? Die Angst vor der Enteignung des gelebten Lebens steigt hoch. Ich tappe, wie so viele, die betroffen sind, in die Angstfalle. Doch meine Wut wächst.


Im Zusammenhang mit der Aufforderung, die Wohnungen zu räumen, hat die größte Vertreibungsaktion in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland begonnen. Arme Menschen sollen nicht mehr das Recht haben, ihren Wohnort zu bestimmen, werden herausgerissen aus sozialen Zusammenhängen. Jetzt sind wir nicht nur erwerbslos, jetzt sollen wir auch unser Zuhause verlieren. Die durch das Grundgesetz garantierte Unverletzlichkeit der Wohnung ist mit dem Sozialgesetzbuch II und vor allem mit den neuen Bestimmungen außer Kraft gesetzt. Die Menschen werden vertrieben, sollen sich billigeren Wohnraum suchen, der nicht vorhanden ist.

Es läuft eine beispiellose Kampagne der Diskriminierung von Erwerbslosen. In Talk-Shows, Gerichtssendungen werden immer mehr Fälle konstruiert, in denen Menschen als "Sozial-schmarotzer", als "Parasiten" dargestellt werden. Ein genereller Vorverdacht ist gang und gebe: Wir haben glaubhaft zu machen, daß wir nicht kriminell sind. Mit welchem Recht maßt sich diese Regierung an, Erwerbslose unter Generalverdacht zu stellen?

Wir werden immer schneller aus dem Kulturleben ausgegrenzt. Das Geld reicht nicht für einen Theater- oder Kinobesuch, für ein Zeitungsabonnement. Ich schäme mich, FreundInnen gegenüber zu sagen: Das kann ich mir nicht leisten. Eine Bestimmung treibt meinen Zorn ins Unermessliche: "Nicht mehr geschützt für Erwerbslose sind Gegenstände, die zur Befriedigung geistiger, kultureller und wissenschaftlicher Bedürfnisse dienen." Das heißt, Arbeitsagenturen sind berechtigt, in meine Wohnung zu kommen und zu schätzen, was von diesen Gegenständen verkauft werden kann. Ich bin Pazifistin. Aber ich werde meinen ganzen Pazifismus verlieren, sollte sich jemand an meinen Büchern vergreifen wollen.


Ich bin immer fremder in dieser Welt. Worüber wird geredet? Neue Automodelle, Häuser, Handys, Konsum, die ganzen Koch-Shows, exquisite Gerichte kochen? Das Hartz IV Kochbuch (das gibt es wirklich!) hat die guten Vorschläge für uns bereit: Z.B statt Kapern können wir das Gelbe aus den Gänseblümchen nehmen und einlegen. Ich stelle mir im Ruhrgebiet, wo ich lebe, die Jagd von einigen Tausend Frauen auf Gänseblümchen vor.


Die Würde des Menschen steht unter Finanzierungsvorbehalt


Im alten Sozialhilfegesetz hieß es: Sozialhilfe soll ein Leben in Würde ermöglichen. Das Wort "Würde" ist in dem neuen Gesetz gestrichen.


Einige Beispiele, was in den Regelsätzen für Hartz – IV – Abhängige vorgesehen ist:

Für die Anschaffung einer Waschmaschine: 2,10 € monatlich.
Bei einer 300 € teuren Waschmaschine heißt das, ich muss 12 Jahre sparen.
Hygieneartikel, Toilettenpapier, Taschentücher: 1,78 € monatlich.

Durchfall kann ich mir nicht mehr leisten. Monatsbinden auch nicht mehr.
Ausgaben für Medikamente und Praxisgebühr: 9,03 €
D.h. wenn ich zum Arzt gehe, kann ich mir erst im darauf folgenden Monat die nötigen Medikamente leisten!
Für Zahnbehandlungen und Zahnersatz ist gar nichts vorgesehen.

Für Telefonkosten sind vorgesehen: 17.85 € monatlich
Das deckt gerade mal die Grundgebühr
Für Renovierung/Instandhaltung der Wohnung: 1,69 €/Monat.

Bei 300m² Wand (60m²-Wohnung) bezahle ich für Material (ohne Lohn) 800 €.
Dafür muß ich 40 Jahre sparen!

Welche Lösungen werden uns angeboten?


Z.B. die Durchsetzung von Frauenrechten durch Gender mainstreaming. Das Wort-Ungetüm "Gender-Mainstreaming" hat das Ziel der Verwirrung und nicht der Aufklärung. Wir hatten ja mal klare Worte: "Her mit der Staatsknete! Gleicher Lohn für gleiche Arbeit! Mein Bauch gehört mir!" Gender macht die Frauen wieder unsichtbar, nachdem die Frauenbewegung so sehr dafür gekämpft hat, sie sichtbar zu machen. Und Mainstream ist die neoliberale kapitalistische Politik, in die sich die Frauen ohne Widerstand integrieren sollen. Wir erfahren den Bluff mit Gender-Mainstreaming vor allem durch die Tatsache, dass wir als erste die Arbeitsplätze verlieren. Und dass die Projekte der Frauenbewegung, die Frauenhäuser, der Frauennotruf, die Beratungsstellen ausgetrocknet werden. Eine spezielle Frauenförderung sei ja nicht mehr nötig. Wir haben ja Gender-Mainstreaming - und alle müssen ja sparen! Also: Augen auf!


Was not tut? Uns zusammenzuschließen. In örtlichen und regionalen Gruppen gegen die Erwerbslosigkeit, in Projekten, die unsere Lage nachhaltig verändern. Eine Reihe von Vorschlägen gibt es beim Internationalen Frauenfriedensarchiv.
 

 

 


unsozial

*Faltblatt: Arbeitslosigkeit

  beliebte

Viele Menschen müssen mehr Überstunden leisten, als ihnen lieb ist. Trotzdem finden Millionen keinen Arbeitsplatz. Gleichzeitig bleibt jede Menge Arbeit liegen. Alwine Schreiber-Martens vom INWO-Vorstand geht diesen Widersprüchen auf den Grund.

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Arbeitslosigkeit - Essays und News

Könnte es sein, daß die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft auf die Interessen der Produzenten die Hauptursache der Arbeitslosigkeit darstellt? ...

Die glücklichen Arbeitslosen

DIE GLÜCKLICHEN ARBEITSLOSEN.

 

ABWRACKPRÄMIE für Menschen

Von SaarBreaker am Sonntag, 17. Mai 2009, 21:38 Uhr

Der folgende Beitrag wurde uns von “Jürgen” per Email übermittelt:

Ich habe den nachfolgenden Text im Internet [vermutlich hier] entdeckt, den ich toll finde und jetzt überall hin verschicke.

Vielleicht bewegt das etwas:

 

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel …

Ich habe eine ganz tolle Idee, die Sie und andere Volksvertreter begeistern könnte: Eine „Abwrackprämie für Menschen“ ab 50+. Ein tolles Konzept, das ich Ihnen als Betroffener vorstellen möchte:

Als Folge der maßlosen Gier unsere Banker, dem rücksichtslosen Streben unserer Mitmenschen nach immer mehr (was auch immer), dem ewigen Größenwahn von Managern und Politikern, habe ich zum Jahresanfang einen langen und hart umkämpften Arbeitsplatz verloren und dazu noch einen tollen Chef.

Zwei Jahre lang war ich zuvor erwerbslos, habe bis heute über 800 Bewerbungen und Anfragen ergebnislos verschickt und bin in wenigen Wochen HARTZ IV – Empfänger, weil mich die Gesellschaft (Personalvermittler, Personalchefs und all die Leute, die mich gar nicht kennen) nicht wollen oder eine Chance geben.
Mit HARTZ IV verliere ich alles, was ich mir in den Jahren meines Lebens in diesem Land angeschafft habe. Dafür wird der Gerichtsvollzieher schon sorgen. Mit dem Zwangsverkauf meines Wagens habe ich in der tiefsten Provinz nicht mal mehr die Möglichkeit, auf Jobsuche zu gehen bzw. zu Vorstellungsgesprächen zu fahren, wenn denn noch mal welche zustande kommen.

Inzwischen musste ich lernen, dass alles was ich bis heute an umfangreichen Erfahrungen, Kenntnissen und Qualifikationen angesammelt habe, niemanden interessiert und junge, pickelige Personalchefs und Personalsachbearbeiter/innen mit 22 Jahren auch gar nicht wissen und einschätzen können, welchen Schwung und Dynamik ich zusätzlich noch mitbringe. Sie bestimmen aber mit ihren Ferndiagnosen über meine Existenz und mein Leben.
Da ich zudem noch den Makel besitze, demnächst zur „50+ Generation“ zu gehören, sind Lebenslauf und Zeugnisse von vornherein unwichtig und zweitrangig.

Ihre aufmunternden Worte „In jeder Krise liegt auch die Chance für einen Neuanfang“, war sicherlich nicht für unsere Altersgruppe gedacht. Denn all die, die in diesem Alter ihre Existenzgrundlage verlieren, werden nie wieder Arbeit finden. Politiker sind ja professionelle Sprücheklopfer, Das erkennt man auch an dieser Aussage: „Wir werden verstärkt aus der Krise gehen!“ Ja, das stimmt, denn Politiker haben keine Existenzangst und überstehen jede Krise, in dem die einfach ausgesessen wird und Unternehmer haben sich dann mit Staatshilfe so gesundgeschrumpft, dass sie die “Alten“ praktisch losgeworden sind. Sie glauben wirklich an das, was auch Sie sagen? Nach der Krise kommt der große Aufschwung? Das mag schon sein, aber für wen? Nicht für die „Abteilung 50+“ !!!!!!!!!

Um es etwas abzukürzen:

Ich lebe in einem Land und dort in einer strukturschwachen Region, Unternehmen sind an mir nicht interessiert, alle Bewerbungen führen zu nichts und mit HARTZ IV findet bei mir der große „Ausverkauf“ statt, denn mit HARTZ IV beginnt für mich die Armut und ich muss alles verkaufen, was irgendeinen Wert hat, bevor der Gerichtsvollzieher alles abholt. Ich bin nicht verantwortlich für Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Rezession, Fehlentscheidungen, Missmanagement und asozialem Verhalten der Bevölkerung gegenüber, aber ich muss nun alles alleine ausbaden, wofür andere verantwortlich sind ????? All das lassen Sie zu? Das Menschen die Bankenkrise jetzt ausbaden müssen? alles geht so weiter, als wenn nichts passiert ist ?????

Banker, Manager und „Volksvertreter“ sind für all das verantwortlich, weil sie vor lauter Geltungssucht und Raffgier den Hals nicht voll bekommen und ich muss nun damit rechnen, dass auf Grund meiner Arbeitslosigkeit der Gerichtsvollzieher meine Wertsachen abholt, weil ich meinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann ???? Wo bitte bleibt für Menschen in meiner Situation die staatliche Hilfe, Existenzerhaltungskredite, Bürgschaften? Wo bleiben staatliche Hilfsmaßnahmen für die, die alles verlieren, das bisschen an Hab und Gut, das sie sich in ihrem Leben angeschafft haben ????
Alles was uns jetzt bleibt, sind 20 Jahre bis zum Renteneintrittsalter von 70 (wenn man es bis dahin überhaupt schafft), anschließend Altersarmut, alleine / isoliert leben und sterben, niemand interessiert sich für unser und mein Schicksal und dann ist man noch in einem kleinen Dorf gestrandet, von dem man nicht mal mehr ohne fremde Hilfe weg kommt.

Da Sie und Ihre Volksvertreterkollegen ein bzw. zwei Konjunkturpakete verabschiedet haben, von denen ich / wir wie üblich noch nichts abbekommen habe, skrupellose Banker und Mitmenschen Millionen von Menschen in die Arbeitslosigkeit schubsen, die für all das, wie auch Volksvertreter, niemals zur Rechenschaft gezogen werden und wir Bürger am Ende der „Nahrungskette“ wie Arschlöcher und Sklaven von Profit und Gier behandelt werden, die noch nicht einmal mehr berufliche Zukunftsperspektiven haben und ihrem Schicksal, das durch andere verursacht wurde, alleine gelassen werden, schlage ich nun die „Abwrackprämie für Menschen“ vor. Sie hatten mit dem Vorläufer „Abwrackprämie für alte Autos“ doch so einen großen Erfolg. Der könnte sich doch wiederholen !!! ??? Sehen wir das doch mal ganz pragmatisch:

„Alte Menschen“ oder die, die auch schon ab 40 für die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt offensichtlich völlig wertlos geworden sind, die von Personalchefs und Volksvertretern nicht mehr beachtet und geachtet werden, sind in diesem asozialen Sozialstaat Deutschland ungeliebt. Es werden immer mehr und niemand will sie. Zudem sind diese Menschen so dreist und wollen auch noch eine Rente bzw. Altersversorgung. Unverschämte Forderungen, denn die Verantwortlichen haben die Rentenkassen ja schon längst geplündert. Mit HARTZ IV und dem bevorstehenden Renteneintrittsalter (= je leerer die Rentenkasse, desto höher das Renteneintrittsalter) von 70 kann man die jammernden Alten ab 50 einigermaßen ruhig halten. Unterkunft, Scheibe Brot in die Wohnung werfen und dann muss Ruhe sein. Übrigens ist das auch von unseren „Volksvertretern“ Peter Hartz und Wolfgang Clement raffiniert gelöst: Wie bekommt man es hin, dass wir einen lästigen Teil der Bevölkerung los werden oder „ruhig stellen“ HARTZ IV = Schnauze halten und ab in die Armut. Gilt natürlich nicht für Politiker. Bei einer unbegrenzten Anzahl von Nebenbeschäftigungen in Aufsichtsratvorständen hat man auch kaum Zeit, sich um die Bedürfnisse des gemeinen Volkes zu kümmern. Mit 40 bekommen viele schon keine Arbeit mehr, weil sie unter anderem „zu alt“ in unserer Gesellschaft sind. Das gilt natürlich nicht für verkalkte Politiker / Betonköpfe, die noch mit über 65 an ihrem Stuhl / an ihrer Macht kleben. Politiker, egal woher sie kommen, egal was sie gelernt haben und egal wie unfähig sie sind, werden nie ihren Job los, nur weil sie zu alt sind. Zurück zu meiner tollen Idee:

Also, wie wäre es, wenn eine „Abwrackprämie für Menschen ab 50“ (auf Wunsch auch eher) eingeführt wird. Gilt dann für all diejenigen, die in unserem asozialen Land unerwünscht sind und das Land leider nicht mit ausreichend Eigenkapital verlassen bzw. auswandern können (es sind laut Medien seit einigen Jahren jährlich ca. 100.000). Endlich verlassen die Deutschen freiwillig ihre Heimat. Warum das wohl so ist?
Für die, die zurückbleiben und die asoziale deutsche Mentalität weiter ertragen müssen dieser Vorschlag:

Sie bzw. die Bundesrepublik bezahlt allen, die freiwillig von der „Langen Anna“ auf Helgoland springen, eine bestimmte Summe im Voraus. Das Geld wird von den Betroffenen noch einmal auf einer Weltreise als “Abschlussfeier” verjubelt, letzter Stopp wäre dann Helgoland und nach dem Sprung vom Felsen kehrt endlich Ruhe in der ewig jammernden Bevölkerungsschicht ein. Volkswirtschaftlich ist das eine tolle Idee: Jammernde Erwerbslose, die in diesem Land nie wieder Arbeit finden, sind Sie dann los, die Zahl derjenigen, die so dreist sind und HARTZ IV überleben und dann noch Rente einfordern, wird reduziert, die Sozialkassen werden entlastet, es werden mehr Wohnungen frei. Millionen von Menschen ab 50, die sich immer wieder erfolglos bewerben entlasten somit die Unternehmer und den Rest der Bevölkerung. Und ganz wichtig: Niemand wird diese ewig nervenden Fragen stellen: Wo ist das Geld der Rentenkassen geblieben? Immer weniger werden endlich immer mehr raffen können, die nur noch von Ihnen vertreten werden und zwar in einer “Einheitspartei der Reichen und Schönen”. All das, was unsere Volksvertreter begeistern wird: Hemmungslos reich werden!!! Und diese tolle Idee fördert das bereits gute Verhältnis der jungen Generation gegenüber den Alten, für die sie nicht mehr aufkommen müssen und die ihnen bei der Karriere im Weg stehen.

Wir, der „Kaffeesatz der Bundesrepublik“, die über keine Vertretung in der Gesellschaft verfügt, würde dann nach und nach immer weniger werden, denn was haben wir für eine Zukunft in einem Land, in dem uns niemand mehr will, wir für den Rest der Bevölkerung nur eine Belastung und Belästigung darstellen?
20 Jahre mit HARTZ IV und völlig perspektivlos mit Sklavenarbeit (= 1-€-Jobs) dahinvegetieren? Ist da eine „Abwrackprämie für Menschen“ und Sterbehilfe nicht humaner? Viele Bundesbürger/innen vereinsamen durch HARTZ IV, leben und sterben alleine und warten nur noch auf einen „schnellen Abgang“. Wo bitte, liebe Frau Merkel, sind wir noch ein Sozialstaat, wenn es für die Bevölkerungsgruppe ab 40 keine Existenzmöglichkeit in einer der reichsten Industrienation der Welt gibt?

Die Bundesregierung und alle Parteien haben das große Glück, dass über 20 Millionen HARTZ IV –Empfänger und Rentner schweigen und alles wie eine dumme Schafherde hin nimmt, die zum Schlachthof gefahren wird. Einmal regt man sich noch auf, es wird einmal geblökt und sich dann dem Schicksal ergeben. Nur das ist der Grund, warum sich gewissenlose Volksvertreter und Manager mit uns alles erlauben können, weil sie niemand in ihrem asozialen Handeln bremst.

So gesehen ist die Idee mit der „Abwrackprämie für Menschen“ doch nicht schlecht. Oder?

Zum Schluss noch folgende Begebenheit in „Ihrem“ Land:
Vor einigen Tagen sprach ich mit einem zwanzigjährigen, drogensüchtigen jungen Mann, der sich seit Schulabschluss „hauptberuflich“ von einer Therapie zur anderen schleppt, sich bei „Hotel Mama“ eingenistet hat, sogar zu faul ist HARTZ IV zu beantragen und sich durchs Leben schnorrt, ob er sich nicht mal Gedanken über seine beruflichen und privaten Zukunftsperspektiven und eine Berufsausbildung machen wolle, gab er folgende Antwort:

Ich bin 20 Jahre alt, mir geht es gut, es reicht zum Leben und Überleben, mein Beruf ist das Schnorren und das kann ich gut. Wozu soll ich eine Lehre machen? Damit ich so ende wie du? Einen Aktenordner mit Zeugnissen unter dem Arm und trotzdem 20 Jahre HARTZ IV und Altersarmut? Ich mache drei Jahre eine Lehre, mit Pech geht es dann schon nicht mehr weiter, ständig Existenzängste im Nacken, ob ich weiterleben darf oder den Job verliere und von 40 – 70 von HARTZ IV leben? Dazu brauche ich doch keine Ausbildung machen. Ich lebe nach dem Motto: „Wer nichts hat, der kann auch nichts verlieren bzw. dem kann man auch nichts nehmen! Ich habe keine Verlustängste, schlafe ruhig und sorgenfrei nach einer Kiste Bier und was ich sonst noch brauche das schnorre ich mir!“ Recht hat der Junge !?!?!?!?!?!?

Liebe Grüße aus der Unterschicht, von der Basis !!!

Lesen – nachdenken – kopieren – weiter verschicken – etwas bewegen in diesem asozialen Land

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Arbeitslosigkeit - Helmut Creutz - Widersprüche - Politisches Reden & Handeln in Sachen Arbeitslosigkeit

 

Zunehmend hört man von den Politikern Widersprüchliches. Da ruft man die Bürger zu vermehrten Konsumausgaben auf, gleichzeitig zur Erhöhung der Alters-Rücklagen. Da werden ältere Arbeitnehmer immer früher entlassen, gleichzeitig das Renten-Eintrittsalter erhöht. Da wird über fehlende Arbeitsplätze geklagt, gleichzeitig eine Verlängerung der Arbeitszeiten gefordert, usw.

Sogar in ihrem eigenen Verantwortungsbereich widersprechen die Politiker vielfach ihren lautstark vertretenen Forderungen. Und das nicht nur im Hinblick auf die eigenen lukrativen Frührenten und Rentenhöhen, sondern auch auf ihre Appelle an Dritte. Denn während man die Unternehmer zu mehr Investitionen & zur Schaffung von Arbeitsplätzen aufruft, wird im öffentlichen Bereich beides radikal heruntergefahren. So hat man z.B. die Investitionsausgaben, gemessen an den Steuereinnahmen, seit 1965 auf ein Drittel zurückgeschraubt, mit der Folge entsprechender Aufttrags-Rückgänge und Beschäftigungen in der Wirtschaft.


Noch gravierender als diese indirekten Beschäftigungsrückgänge, sind die von der Politik zu verantwortenden direkten Stellenabbauten im öffentlichen Bereich. Die Zahl der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst wurde seit 1991 von 5,1 auf 2,7 Millionen und damit fast auf die Hälfte reduziert! Den viel beklagten Anstieg der gesamten Arbeitslosigkeit in der gleichen Zeit von 2,8 auf 4,8 Millionen, kann man also rechnerisch in voller Höhe den staatlichen Arbeitsplatz-Abbauten anlasten!

 

Zweifellos war 1991 die Zahl der öffentlichen Beschäftigten, als Folge der Übernahme des aufgeblähten DDR-Staatsapparats, deutlich überhöht. Bezogen auf den Bevölkerungszuwachs wäre nur eine Zunahme auf etwa 4,5 Millionen realistisch gewesen. Außerdem kam es Anfang der 1990er Jahre auch noch zur Ausgliederung von Bahn und Post aus dem Bereich des Öffentlichen Dienstes. Doch auch wenn man diese Zahlen herausrechnet geht zumindest der Anstieg der Arbeitslosigkeit von 1995 bis 2005, um eine runde Million, voll zu Lasten der Personal-Reduzierungen in Bund, Ländern und Gemeinden!

 

Betrachtet man die langfristigen Entwicklungen, dann wurde die nach dem Kriege anfangs sehr hohe Arbeitslosigkeit (deren Quote übrigens 1950 mit 11,1 Prozent genau so hoch war wie Ende 2005!) Dann war nicht zuletzt die Folge radikaler Arbeitszeit-Verkürzungen, die z.B. im Bereich der IG-Metall zwischen 1956 und 1966, also innerhalb von 10 Jahren, von 48 auf 40 Stunden reduziert wurden! Danach hat man allerdings den Fehler gemacht und die 40-Stundenwoche bis 1985, also 19 Jahre lang, praktisch eingefroren. Diese unterlassenen bzw. ungenügenden Anpassungen der Arbeitszeit an die steigende Produktivität, dürften ein entscheidender Grund für den anschließenden kontinuierlichen Anstieg des Arbeitslosen-Sockels gewesen sein. Die sich darauf aufsattelnden zwischenzeitlichen steilen Anstiege der Arbeistlosenzahlen waren dagegen jeweils Folgen der Hochzinsphasen um die Jahre 1963, 1973, 1982, und 1992.

 

Dass die mit den sinkenden Zinsen normalerweise auch wieder fallenden Arbeitslosenzahlen in den letzten zehn Jahren ausblieben, trotz der historisch niedrigen Zinssätze, dürfte verschiedene Gründe haben. Einmal werden die Vorteile sinkender Zinssätze durch die im Übermaß steigenden Geldvermögen- und Schuldenbestände zunehmend neutralisiert. Nach 1991 bzw.1995 aber spieglen sich in dem steilen Aufstieg der Arbeitslosenzahlen die hohen Entlassungen im Öffentlichen Dienst gegenüber derjenigen in der Wirtschaft zurück, aber in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren war das auch absolut der Fall.


Die demonstrativen Auftritte führender Politiker bei Firmenschließungen, vor allem in Wahlkampfzeiten, sind darum nichts als Augenwischerei). Und selbst die ständigen Klagen (die ja auch für viele Unternehmen gelten!), sind so lange nicht ernst zu nehmen, wie man in der Politik nicht die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklungen stellt, vor allem nicht die Frage, wo das Geld denn eigentlich geblieben ist! Denn ginge man dieser unvorbelastet nach, dann würde sich zeigen, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit in einem fast identischen Verlauf vom Anstieg der öffentlichen Schulden begleitet wird. Das gilt sowohl für die Wiedergabe der Schulden in Milliarden Euro als auch für die Schuldenquote des BIP!

 

Diese seit den 1970er Jahren explosiv steigenden Öffentlichen Schulden sind aber leztendlich die Folge politischer Fehlentscheidungen in der Haushaltspolitik. Denn statt sich bei den Ausgaben an den Einnahmen zu orientieren, wie das jeder verantwortliche Hausvorstand macht, schloss man die zunehmenden Löcher in den öffentlichen Kassen, durch immer neue Kreditaufnahmen. In Folge dieser Politik stiegen die öffentlichen Schulden von 1970 bis 2005 von 62 auf 1.480 Milliarden Euro an und damit auf das 23-fache! Gemessen an den jährlichen Steuereinnahmen bedeutet das ein Anstieg von 78 auf 307 Prozent und damit auf eine vier Mal so hohe Belastung des laufenden Etats!

 

Das Problematischste an dieser Verschuldungseskalation der Öffentlichen Haushalte aber ist, dass sie zu nichts nutze war! Denn diese Kreditaufnahmen in Höhe von 1.480 Milliarden wurden nicht für Investitionen oder Löhne ausgegeben, sondern sind in voller Höhe in den Zinsendienst geflossen! Was heißt, sie haben einzig und alleine auf direktem Weg diejenigen in gleicher Höhe reicher gemacht, die bereits über große Geldüberschüsse verfügten und an den Staat ausleihen konnten! Und diese Subventionierung der Reichen über die gezahlten Zinsen, ging zu Lasten derjenigen, denen man heute mangelnden Konsum bzw. Rücklagen für das Alter vorwirft!

 

Bedenkt man, dass die im Gleichschritt mit den Schulden gestiegenen öffentlichen Zinslasten inzwischen mit rund 66 Milliarden Euro p.a. zu Buche schlagen und diese Summe ausreichen würde, um rund 2 Millionen Arbeitnehmer einzustellen, dann schließt sich der Kreis und es wird erkennbar, welche Bedeutung dieser Kostenfaktoer Schuldenzinsen in Bund, Länder und Gemeinden für die Beschäftigung hat.

 

Und während die vom Staat finanzierten Investitionen (und damit die Auftragsvergabe und Beschäftigung in der Wirtschaft) in den letzten 40 Jahren von 22 auf 7 Prozent der Steuereinnahmen abgebaut wurden, stiegen die Zinslasten der Öffentlichen Haushalte von 3 auf 14 Prozent dieser Vergleichsgröße an!


 

Bedenkt man dann noch, dass die Schulden- und Zinslasten in der Wirtschaft drei Mal so hoch sind wie die des Staates, dann lassen sich ebenfalls die Schwierigkeiten ermessen, die sich aus diesen monetären Überentwicklungen für die Unternehmen ergeben. Und das erklärt auch deren Zwangslage, die mit den Schulden steigenden Zinsbelastungen durch Kostensenkungen ausgleichen zu müssen. Gleichgültig ob sie das über Investitionsrückstellungen, Lohnsenkungen oder Entlassungen versuchen, in allen Fällen erhöhen sich die Arbeitslosenzahlen. Verantwortlich für diese Entwicklungen sind jedoch nicht die Unternehmer, sondern die Politiker. Denn sie sind letztlich auch für die Fehlstrukturen in unserem Geldsystem zuständig, die uns heute zu solchen immer höheren Verschuldungen zwingen. Helmut Creutz

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Verteilung des Leistungskuchens zwischen Arbeit und Kapital


Nr. 302

Das Volkseinkommen wird zwischen Kapital und Arbeit aufgeteilt. Der oft erwähnte Dritte im Bunde, der Staat, greift seinerseits weitgehend nur auf diese verteilten Einkommen zurück.

Bei der Verteilung zwischen Kapital und Arbeit hat das Geldkapital immer Vorrang. Seine Ansprüche sind im voraus und unverrückbar durch die vereinbarten Zinsen festgelegt. Nur um den Rest des Kuchens streiten sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Sektor Arbeit.

Da jedoch die Geldvermögen rascher wachsen als die Wirtschaftsleistung, bleibt für den Sektor Arbeit von Jahr zu Jahr zwangsläufig weniger übrig. Auszugleichen sind diese Verluste nur durch ständiges Wirtschaftswachstum. Da die Steigerung der Wirtschaftsleistung aber schon seit langem nicht mehr mit dem Wachstum der Geldvermögen Schritt halten kann, gehen die anfangs nur relativen Verluste der Arbeitseinkommen immer mehr in absolute Verluste über.    Quelle:

INWO.de :: Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung e. V.

"Wer Geld Arbeiten Lässt, Lässt Andere Für Sich Arbeiten" Helmut Creutz



Ökologische und ethische Kredite lösen die Probleme nicht

Im Zuge der allgemeinen Börseneuphorie haben sich auch jene Fonds ausgeweitet, die ihren Namen oder ihre Programme mit den Attributen ethisch oder ökologisch verbinden. Sie machen kritischen Menschen den Einstieg in solche Anlagen leichter und mindern häufig auch das schlechte Gewissen, dass für viele immer noch mit Börsen-, Spekulations- und Zinsgeschäften verbunden ist. Entsprechen diese speziellen Anlagen aber wirklich ihren Attributen und was ist überhaupt der Grund für die ganze Börseneuphorie der letzten Jahre?

 

Sehen wir uns dazu ein paar Zahlen an: Ende 1999 lagen die privaten Geldvermögen in Deutschland bei 6.750 Milliarden DM, was je Haushalt bzw. je Erwerbstätigen einen Betrag von rund 190.000 DM ergab. Nimmt man die Geldvermögen aus dem Unternehmenssektor noch hinzu (die ja weitgehend wieder den privaten Haushalten gehören), kommt man sogar auf 270.000 DM je Haushalt. Und das ist keinesfalls ein Endzustand. Denn täglich wachsen diese Geldvermögen um etwa 1,3 Milliarden DM weiter an, wovon wiederum rund drei Viertel aus den täglichen Zinsgutschriften stammen. Selbst die Deutsche Bundesbank schrieb darum bereits von der "Selbstalimentation der Geldvermögen".


 

Verständlich, dass inzwischen fast jeder Bürger an dieser wunderschönen Reichtumsvermehrung teilhaben möchte und bemüht ist, seine Ersparnisse möglichst optimal anzulegen. Da aber die Wirtschaft schon lange nicht mehr im gleichen Tempo wie die Geldvermögen wächst, wird es immer schwerer, die Ersparnisse über normale Kredite in die Wirtschaft zurück zu schleusen. Außerdem verringern viele Staaten ihre Neukreditaufnahmen und die Risiken des Geldeinsatzes in Asien oder auf der Südhalbkugel werden immer größer. Vor diesem Hintergrund war die Börse eine Möglichkeit, die überquellenden Geldvermögen zu binden, wobei mit den ethischen und ökologischen Anlagefonds der Kreis der Mitmacher zusätzlich erweitert werden konnte.


 

Woher die Dividenden an den Börsen bzw. die Zinseinnahmen auf den Anlagekonten kommen, darüber mach sich jedoch kaum jemand Gedanken. Schließlich kann Geld -- glaubt man den Bankenwerbungen -- wachsen, sich vermehren oder sogar arbeiten, obwohl das bislang noch nie ein Mensch gesehen hat. Die Wirklichkeit ist darum auch viel simpler: Die Zinsen oder Dividenden die Fonds und Banken laufend an die Geldanleger zahlen, kassieren sie bei den Unternehmen oder staatlichen Stellen, die das Geld erhalten haben. Diese aber legen ihre Kosten für das aufgenommene Kapitla genau so auf die Preise oder Gebühren um, wie jene für das Personal und Material. Alleine die deutschen Banken verbuchten auf diese Weise 1999 Zinseinnahmen in Höhe von 625 Milliarden DM, wovon wiederum 473 Milliarden an die Anleger gingen!


 

Umgerechnet auf die bundesdeutschen Privathaushalte bzw. Erwerbstätigen machten diese Bankzinserträge von 625 Milliarden rund 17.ooo DM aus, wovon rund 4.000DM auf die Bedienung der öffentlichen Schulden entfielen. Zusammen mit der Verzinsung des schuldenfeien Sachkapitals kommt man je Haushalt oder Erwerbstätigen sogar auf eine gesamte Zinsbelastung von rund 26.000 DM p.a. Umgelegt auf die Haushaltsausgaben ergibt das inzwischen rund 40 Pfennig in jeder ausgegebenen Mark! In den Wohnungmieten sind es sogar 60 bis 80 Pfennig, die man mit jeder Mark in den Zinstopf zahlt. Und da die Geldvermögen und Schulden weiterhin rascher als die Wirtschaftsleistung steigen, nimmt dieser Zinsanteil in allen Preisen laufend weiter zu!

 

Was sind die Konsequenzen? Die Sache mit den Zinsen hat also zwei Seiten: Fast jeder Haushalt ist heute zweifellos ein Zinsbezieher, ganz sicher aber ist er - auch wenn er keinerlei Schuldverpflichtungen eingegangen ist - ein Zinszahler. Gewinner bei diesem wechselseitigen Zinstransfer sind jedoch nur diejenigen Haushalte, die mehr Zinsen kassieren als sie selbst mit ihren Ausgaben laufend bezahlen. konkret: bei denen die Zinserträge 40 Prozent ihrer Jahresausgaben übersteigen!

Zu diesen Zins-Monopoly-Gewinnern gehören etwa 10 Prozent der Haushalte. Bei weiteren 10 Prozent sind die Zinseinkommen und -lasten in etwa ausgeglichen, während die übrigen 80 Prozent der Haushalte Verlierer sind, so sehr sie sich durch ihre Zinseinkünfte auch als Gewinner fühlen mögen.

Aufgrund dieser Gegebenheiten fließt von den 80 bis 85 Prozent der Haushalte tagtäglich ein Strom von etwa 500 Millionen Mark zu der Gewinner-Minderheit, die damit noch reicher wird und im nächsten Jahr noch mehr Geld gegen Zinsen ausleihen kann. Da aber alle Zinsen in der Wirtschaft nicht vom Himmel fallen und darum täglich erwirtschaftet werden müssen, ist auch der Slogan von dem Geld das arbeiten oder sich vermehren kann, nichts als Verdummung und Augenwischerei. "Wer Geld arbeiten lässt, lässt immer andere für sich arbeiten!


 

Nun wird man keinem der Verliererhaushalte verüblen können, wenn er seine Verluste mit eigenen Geldanlagen etwas aufzubessern versucht. Und natürlich ist es auch richtig und wichtig sich darum zu kümmern, wo und wofür das eigene Geld zum Einsatz kommt. Darum sind ökologisch und ethisch orientierte Banken und/oder Anlagefonds grundsätzlich zu begrüßen, auch wenn sich mit ihnen die negativen Investitionen in der Welt kaum verringern lassen. Denn selbst wenn es morgen in Deutschland tausend alternative Institute wie die Ökobank geben würde, käme nur jede dreißigste Kreditmark auf diese Weise in den Verkehr. Doch auch für die Verzinsung dieser dreißigsten Öko- oder Ethikmark würden wir immer noch andere für uns arbeiten lassen. Da diese Ausbeutung der Arbeitsleistenden aber kaum als ethisch zu bezeichnen ist, gibt es solange keine wirklich ethischen Geldanlagen, wie diese mit Zinseinnahmen verbunden sind. Aber auch ökologische Geldanlagen sind unter unseren heutigen Gegebenheiten mehr als fragwürdig, da jeder Schuldner seine steigenden Zinslasten nur über Leistungssteigerungen erwirtschaften kann, also über ein wachsendes Sozialprodukt. Das aber ist ohne Zunahme des Ressourcenverbrauchs und der Umweltbelastungen kaum umzusetzen.

 

Von wirklichen ethischen und ökologischen Geldanlagen kann also nur dann geredet werden, wenn wir auf Zinseinnahmen verzichten, zumidest auf solche, die über die Inflationsrate hinausgehen. Dieser Verzicht ist aber moralisch nur jenen 10 Prozent der Haushalte zuzumuten, die auf der Gewinnerseite leben, die also mehr Zinsen beziehen als sie im Laufe des Jahres mit ihren Ausgaben bezahlen. Denn alle übrigen Haushalte würden mit Zinsverzichten zwangsläufig ihren heutigen negativen Saldo noch mehr verschlechtern.

 

Mit alternativen Geldanlagen allein ist das Zins-Problem also nicht zu lösen. Wem die Erhaltung unserer Umwelt und des sozialen Friedens ein Anliegen ist, der muss sich schon intensiver mit der gegebenen Geldordnung befassen. Vor allem mit ihren Fehlstrukturen, die heute das Überwachstum der Geldanlagen und Spekulationen zur Folge haben und damit auch den daraus resultierenden Wachstumszwang. Ohne eine Korrektur der Fehlstrukturen wuchern die Geldvermögen, Schulden und Zinsströme weiter und treiben uns aus einfachen mathematischen Gründen schließlich unausweichlich in den ökologischen und sozialen Kollaps, gleichgültig wo und wofür wir unser Geld auch immer einsetzen. Helmut Creutz
Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun,
können das Gesicht der Welt verändern !

Die von den Regierungen der NATO-Länder behaupteten humanitären Ziele erweisen sich als glatte Lüge. Schon das Verhältnis von Kriegsausgaben zu zivilen Programmen ist entlarvend: 85 Milliarden Dollar wurden von 2002 bis 2006 für den Militäreinsatz der NATO ausgegeben, für den Wiederaufbau dagegen nur 7,5 Mrd. Dollar (Die Welt, 25.7.07). Und von dem zivilen Zehntel wandert das meiste in die Taschen korrupter Regierungsmitglieder, Sicherheitsspezialisten und Privatisierungsgewinnler.


Der 10.Oktober 1981 wurde zu einem historischen Datum, denn da wurde im Westen Deutschlands mit einem Schlage offenbar, welche bedeutenden Fortschritte die ehedem so obrigkeitsgläubigen und  -hörigen Untertanen, Männer wie Frauen, in ihrem emanzipatorischen Prozeß gemacht hatten:

Gegen den erklärten Willen aller Autoritäten, nicht nur der Regierung, sondern auch der parlamentarischen Opposition, gegen die öffentliche Meinung in Presse, Funk und Fernsehen, gegen die Weisungen der Zentralen von SPD, DGB und auch der mächtigen Industriegewerkschaft Metall, erst recht gegen den Willen der Kirchenoberen beider christlichen Konfessionen und schließlich auch entgegen aller Warnungen der Polizei, kam die größte je von der Basis her organisierte Massendemonstration der deutschen Geschichte zustande, die Hundertausende in Bonn zusammenströmen ließ. Sie beiendruckte die Weltöffentlichkeit vor allem durch ihre absolute Gewaltlosigkeit, ihre friedlich-heitere Ungezwungenheit die strikte, wenngleich ganz unmilitärische Disziplin sowie durch das immens breite gesellschaftliche und politische Spektrum, das sie repräsentierte. Über Nacht wurde so die westdeutsche Friedensbewegung zu einem Faktor der internationalen Politik, den niemand mehr ignorieren konnte. Die in Erwartung von Chaos und Krawall vollzählig präsenten Medien sorgten überdies dafür, daß die Bevölkerung der BRD und ihrer Nachbarländer diese machtvolle, ohne den geringsten Zwischenfall verlaufene Willensbekundung so zahlreicher, in Sonderzügen und Buskolonnen zusammengeströmter Gegnerinnen und Gegner des Rüstungswahnsinns staunend und überwiegend mit Bewunderung zur Kenntnis nehmen konnte, und schon am Abend dieses denkwürdigen Tages begann in den Zentralen der Parteien, Gewerkschaften und Kirchen das große Umdenken und die eilige Korrektur der jeweiligen Programme.

Diese basisdemokratische Bewegung, mal für Frieden und Abrüstung, gegen Giftgasdepots und Tiefflugübungen oder auch gegen kriegerische Aktionen der Großmächte in der sogenannten "Dritten Welt", mal gegen Umweltzerstörung, atomare Gefahren, Rassismus, Ausländefeindlichkeit oder auch für mehr Demokratie, mehr Rechte für benachteiligte Grupppen und für die Abschaffung obrigkeitsstaatlicher und klerikal-konservativer Relikte wie beispielsweise den Paragraphen 218 des Strafgesetzbuches, wurde im Westen Deutschlands in dem auf den 10.Oktober 1981 folgenden Jahrzehnt zu einer aus dem öffentlichen Leben nicht mehr zu verdrängenden Kraft, die zwar bislang noch nicht imstande war, ihre Ziele samt und sonders durchzusetzen, wohl aber viele punktuelle Erfolge erzielen und dem Übermut der Mächtigen deuliche Grenzen ziehen konnte. Vor allem aber wirkte sie zweifellos ermutigend und beispielgebend auf die mutigen basisdemokratischen Gruppen in Ostdeutschlands, die im Herbst 1989 die exakt zweihundert Jahre zuvor proklamierte Volkssouveränität und ihr Recht der Abwählbarkeit einer nicht länger zu ertragenden politischen Führung ausübten. (Quelle - Bernt Engelmann) Die Globalisierungsgegner und die vielen NGOS sind die Fortsetzung dieser basisdemokratischen Geschichte, die hoffentlich in der Auflösung der Macht endet. G.F.



Wir wollen Frieden. Wir wollen in einer wirklich und eindeutig menschlichen Welt leben. Wir wollen den Tag erleben, an dem Kriege aufhören und die Freude der Menschen explodiert. Das ist unser Bestreben. Wir glauben, dass es möglich ist...zum Manifest

 

 

 

 

Ich gegen meinen Bruder.

Ich und mein Bruder gegen unseren Cousin.

Ich, mein Bruder und unser Cousin gegen unsere Nachbarn.

Wir alle gegen die Fremden. "Beduinen-Sprichwort"


 

 

Mayday-Berlin:
 
HOL DIR DEIN LEBEN ZURÜCK!
 

- Der Aufruf für 2007 -
 
- Alles super?
-
 
Super-fleißig, super-billig, super-freundlich. Super-kreativ, super-motiviert, super-flexibel - wir sollen uns aufführen, als wollten wir Stars werden, Superstars. Das Leben als Casting-Show. In der Jury sitzen sie, die Dieter Bohlens und Heidi Klums der Gesellschaft: die Personalchefs und SachbearbeiterInnen, die ArbeitsmarktreformerInnen und Wirtschaftsweisen, die ChefredakteurInnen, HochschulrektorInnen, RichterInnen und Polizeipräsidenten. Sie entscheiden, wer rausfliegt und wer weiterkommt. Und weil sie uns täglich eintrichtern, dass nur die eine Chance haben, die ständig alles geben, machen wir den Rest fast von allein. Das schlechte Gewissen, vielleicht nicht alles versucht zu haben, ersetzt den besten Sklaventreiber. Das Hamsterrad dreht sich, wir laufen. Das prekäre Leben winkt uns zu.
 
- Jung, dynamisch, flexibel, gefeuert
-

„Prekär“ nennen wir ein Leben in materieller Unsicherheit, Existenzangst und Stress. Und prekäre Verhältnisse sind auf dem Vormarsch. Die Überstunden an der Supermarktkasse, die durchgearbeiteten Nächte vorm Computer, die Ungewissheit, wo Arbeit aufhört und Freizeit anfängt. Die unbezahlten Praktika, die 1-Euro-Jobs, die Geldsorgen und 1000 Nöte, in denen wir stecken, sind Teil desselben Problems. Wo freie Zeiteinteilung, Selbstverwirklichung und Eigeninitiative draufsteht, ist meist Arbeitshetze, Ausbeutung und Rechtlosigkeit drin.
 
Im Kapitalismus gehören Prekarität und Arbeit sowieso zusammen. Wer vom Verkauf seiner Arbeitskraft leben muss, kann sich nicht in Sicherheit wiegen. Aber für die Unsicherheit gab es lange Zeit Einschränkungen – zumindest in Deutschland und anderen reichen Ländern der Welt. Dafür sorgten fest geregelte Verhältnisse im Arbeitsleben und sozialstaatliche Institutionen, die ein gewisses Maß an materieller Sicherheit boten. Das galt noch nie für Flüchtlinge und MigrantInnen und für Frauen auch nur mit Abstrichen. Aber Arbeiter, Angestellte und Akademiker mit deutschem Pass mussten sich zumindest keine Sorgen machen vor dem Absturz ins Bodenlose. Das hat sich geändert.
 
- Prekäre Perspektiven -

Die alltägliche Ungewissheit ist nicht nur persönliches Lebensgefühl für immer mehr Menschen – sie ist die neue Normalität geworden, an der sich das Leben aller ausrichten soll. Und sie hält nicht nur die unmittelbar Betroffenen auf Trab. Die bloße Angst vorm Abstieg genügt, um auch diejenigen zu Höchstleitung anzuspornen, die noch ein geregeltes Arbeitsverhältnis haben. Als abschreckendes Beispiel dienen die Erwerbslosen, die nach ein oder zwei Jahren Arbeitslosigkeit als unvermittelbar gelten. Der Abbau sozialer Sicherheiten und die Drohung, man sei jederzeit ersetzbar, verschärfen die Konkurrenz untereinander. Erwerbslose werden gegen Beschäftigte in Stellung gebracht, LeiharbeiterInnen gegen Stammbelegschaften ausgespielt, Flüchtlinge und Erwerbslose zu Sündenböcken für den Rest gemacht, zum Blitzableiter für den Frust der Mehrheit. Um sicher zu stellen, dass Flüchtlinge nicht auf der Suche nach einem besseren Leben einreisen, rüstet Europa seine Außengrenzen zu modernen Festungen hoch. Wer es trotzdem schafft, die Grenzen zu überwinden, ist ohne gültige Papiere der Willkür der UnternehmerInnen ausgeliefert. Oder nimmt deutschen Familien die Arbeit im Haushalt und bei der Aufzucht der Kleinen ab – damit Mami und Papi sich voll dem Beruf widmen können…
 
- Wir sind doch keine Aufziehpuppen! -

Prekarität ist überall – und überall ein bisschen anders. Aber eines ist klar: Ohne die Prekären läuft hier gar nichts! Abgekoppelt und überflüssig – soll das ein Witz sein? Wie kann ein Mensch überflüssig sein?
 
In diesem Leben werden wir keine Stars mehr. Ist auch nicht nötig, denn wir sind Helden – Heldinnen und Helden des prekären Alltags. Wir wissen, wie man überlebt in Zeiten von Prekarisierung und Hartz IV. Wir jonglieren mit mehreren Jobs, Kindern und Studium. Wir sind erwerbslos und über Fünfzig. Wir sind Hauptschulabgänger ohne Lehrstelle. Wir haben keinen gesicherten Aufenthalt und sind von Abschiebung bedroht. Und wir haben mehr gemeinsam, als man uns glauben macht.
 
-  Hol dir dein Leben zurück… -

Der Mayday lädt alle ein, nicht länger für sich allein zu bleiben, sondern gemeinsam für ein besseres Leben auf die Straße zu gehen. Von Arbeit muss man leben können – ohne Arbeit auch! Um dem täglichen Konkurrenzkampf und der Vereinzelung zu entgehen, solidarisieren, vernetzen und organisieren wir uns. Dem Ruf nach Selbstausbeutung und permanenter Verwertbarkeit halten wir unsere Forderung nach einem schönen Leben und freier Bildung für alle entgegen! Nationalismus und Rassismus erteilen wir mit der internationalen Mayday-Organisierung eine klare Absage! Am 1. Mai treten wir aus der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit heraus und tauschen uns über Ideen und Alternativen gegen die täglichen Zumutungen aus. Wir lassen uns inspirieren vom Beispiel der Flüchtlinge, die vor zwei Jahren auf der Baustelle der Berliner Rathauspassage um ihren Lohn betrogen wurden. Sie haben sich organisiert, den Auftraggeber unter Druck gesetzt und ihr Geld schließlich bekommen. Wir berichten von denjenigen Erwerbslosen, die nur noch in Gruppen ins Jobcenter gehen. Zusammen schaffen sie es, den täglichen Schikanen etwas entgegen zu setzen und sich nicht klein machen zu lassen. Und auch von den SuperheldInnen aus Hamburg werden wir sprechen. Sie haben vor einem Jahr vorgemacht, dass man sich seinen Teil am Reichtum nehmen kann, ohne groß zu fragen. Sie haben die Waren aus einem Luxussupermarkt kurzerhand an die Prekären der Hansestadt umverteilt.

 
 - …Solidarität statt Prekarität! -
 

Erst in Italien, inzwischen fast überall in Europa hat sich die Bewegung der Prekären formiert. Vor einem Jahr erreichte sie auch Berlin. Mehr als 6000 zogen auf der ersten Berliner MaydayParade durch Kreuzberg und Neukölln und protestierten gegen die Prekarisierung von Arbeit und Leben. Sie beteiligten sich auf vielfältige und kreative Weise an der Gestaltung des Umzugs und bewiesen so, dass auch in Berlin am 1. Mai neue Formen von Protest und Widerstand nötig und möglich sind. Daran knüpfen wir an.
 
Kommt zur Parade, beteiligt euch, macht Aktionen, lasst euch was einfallen! Kommt am 1. Mai 2007 um 14 Uhr zum Lausitzer Platz in Kreuzberg.
 
Hol dir dein Leben zurück - Solidarität statt Prekarität! Mayday in Berlin! Milano! Malaga! Helsinki! Leon! Hamburg! Hanau! Wien! Copenhagen! Napoli! Liège! …
 

Mayday- Bündnis + Informationen

 


 

 

Aktualisiert ( Montag, 23. April 2012 um 03:25 )
 


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