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Textarchiv
Geschrieben von: Gerold   
Sonntag, 20. Juli 2008 um 10:07


Der Weg ist das Ziel?
" Der Spaziergänger"
Umwege und Abwege. Wir könnten uns verlieren in dem grenzenlosen, unbekannten Terrain abseits der großen Straßen, in dem die Zeit so anders fließt, nicht eingedämmt von Terrain-
, Fahr- oder Stundenplänen, nicht kanalisiert und kontrolliert, vom Sekundenzeiger zerhackt, Minute für Minute der Nutzung zugeteilt - nein, wild, unvorhersehbar, träg mal und dann wieder turbulent, bewegungslos und dann wieder wie wahnsinnig tosend, unberechenbar, ziellos.
Einfach so. Den Augenblick genießen, den Verheißungen in der Luft nachspüren, empfänglich sein für das Leben ringsum.
Einer Sehnsucht folgen. Sich treiben lassen.
...ich hätte mir notieren sollen, wer das geschrieben hat. G.F.
 


http://www.preussen-chronik.de/bilder/459_Krieg_und_Leichen___die_letzte_Hoffnung_der_Reiche.jpeg
  • Kein Bock auf Nazis!
 
Konsumgesellschaft? - In der Konsumgesellschaft kann niemand ein autonomes Subjekt sein. ohne zunächst zur Ware zu werden, und niemand kann seine Autonomie verteidigen, ohne ständig jene Fähigkeiten zu erneuern, die man von einem verkäuflichen Produkt erwartet und fordert. Die "Autonomie" des "Subjekts" und die meisten Fähigkeiten, die sie ihm angeblich verleiht, sind auf die endlose Herausforderung ausgerichtet, eine verkäufliche Ware zu sein und zu bleiben. Die hervorstechendste, allerdings sorgsam verborgene Eigenschaft der Konsumgesellschaft ist die Transformation des Verbrauchers in eine Ware bzw. seine Auflösung in einem Meer der Waren, in dem, um einmal GEORG SIMMEL zu zitieren, die Bedeutung und der Wert der Unterschiede der Dinge und damit der Dinge selbst als nichtig empfunden wird, do daß sie in einer gleichmäßg matten und grauen Tönung erscheinen, während sie alle mit gleichen spezifischem Gewicht in dem fortwährend bewegten "Geldstrom" schwimmen. Die Hauptaufgabe des Verbrauchers und zugleich das Hauptmotiv seiner unablässigen Konsumaktivitäten ist es deshalb, sich vor der "matten und grauen" Ununterscheidbarkeit unwirklicher Dinge abzuheben, die mit dem gleichen "spezifischen Gewicht" dahintreiben, und so die Blicke der "Blasierten", der anderen Konsumenten auf sich zu lenken.
 
Mit jedem Arbeitsvertrag wird der Warenfetischismus entzaubert, jeder Abschluß eines entsprechenden Geschäfts läßt ihn und die aus ihm folgende Täuschung bzw. Selbsttäuschung deutlich zutage treten.
Wenn der Warenfetischismus die menschliche, allzu menschliche Substanz der Industriegesellschaft verbergen sollte, so ist es nun die Aufgabe des Individualitätsfetischismus, die kommerziele und nichts als kommerzielle Realität der KOnsumgesellschaft zu verschleiern.
 
Der Individualismus ist in der Verbrauchergesellschaft das, was die Ware in der Industriegesellschaft  war: ein FETISCH - ein ganz und gar menschliches Produkt, dem man übermenschliche Autorität zuspricht, indem man seine allzumenschlichen Ursprünge und die menschlichen Aktivitäten, durch die es hervorgebracht wurde (denn wie sollte es sonst entstehen?) vergessen macht oder für irrelevant erklärt.
 
Die Individualität des Verbrauchers entsteht aus den Entscheidungen, die er beim Einkaufen trifft, Entscheidungen, bei der eigene Vorlieben und die vermeintlichen Vorlieben derer den Ausschlag geben, denen sich der Verbraucher später zum Kauf anbieten will. Wer ihn seiner Individualität beschreiben will, braucht nur seinen Einkaufszettel zu kopieren. Was für die Materialisierung einer individuellen "inneren Wahrheit" gehalten wird, ist in Wirklichkeit die Idealisierung der erworbenen materiellen Objekte, in denen Konsumentscheidungen zum Ausdruck kommen.
 
Als Käufer sind wir von Marketingmanagern und Werbetextern darauf getrimmt worden, die Rolle des Subjekts zu spielen, eine Maske, die wir mit Leben füllen müssen, ein Drama, das im wirklichen Leben stattfindet.
 
Das Versprechen der Modeszene im nächsten halben Jahr voraus zu sein bedeutet, nicht auf der Strecke zu bleiben, man entgeht der Gefahr der Ausgrenzung, des Verlassenwerdens, der Einsamkeit.
Zweitens hat die frohe Botschaft ein eingebautes Verfallsdatum: Ihre Gültigkeit beschränkt sich auf das "nächste  halbe Jahr." Die unterschwellige Nachricht lautet: Beeilen Sie sich - verschwenden Sie keine Zeit. 
 
WAS SIE AUSWÄHLEN, IST IHRE SACHE. DOCH ZUM AUSWÄHLEN SIND SIE VERPFLICHTET.
 
Gerade die Unmöglichkeit der Zufriedenheit ist, wie eine "funktionale Voraussetzung" der Konsumgesellschaft. In einer solchen Gesellschaft gelten jene, die nur ihre "authentischen" Bedürfnisse befriedigen wollen, als schlechte Verbraucher und soziale Außenseiter.
 
Sozialisationsprozesse  sind dann erfolgreich, wenn die Individuen am Ende genau das tun wollen, was das System benötigt, um sich zu reproduzieren. Diese Gleichschaltung kann explizit erfolgen, etwa wenn Menschen aufgefordert werden, sich den Interessen eines Kollektivs (sei es eine Nation oder ein Staat) unterzuordnen, ein Verfahren, das typisch war für die Feste Moderne bzw. die Gesellschaft der "Produzenten" und das oft als "geistige Mobilmachung", staatsbürgerliche Erziehung oder ideologische Indoktrination bezeichnet wird. Sie kann allerdings auch auf subtilere Art sichergestellt werden: durch den offenen oder verborgenen Zwang, bestimmte Verhaltensweisen und Problemlösungsmuster einzuüben, ohne die das System nicht funktionieren würde (tatsächlich haben die Menschen oft gar keine ander Wahl, da ihnen Handlungsalternativen oder die entsprechenden Fertigkeiten fehlen). Diese Form der "Gleichschaltung" ist typisch für die Flüchtige Moderne und die Gesellschaft der Konsumenten.
 
Ind der FLÜCHTIGEN MODERNE wird die Gruppe mit ihren Anführern, ihrer Hierarchie und Hackordnung durch den SCHWARM ersetzt. Ein Schwarm kommt ohne all jene Symbole und Strategien aus, die eine Gruppe zu ihrer Herausbildung und Fertigung braucht. Schwärme bedürfen nicht der Selbstproduktion oder Selbsterhaltung; sie versammeln sich bei Gelegenheit, lösen sich auf und finden bei einer anderen Gelegenheit,angelockt von neuen und beweglichen Zielen, wieder zusammen. Der Reiz dieser beweglichen Ziele reicht in der Regel aus, um die Schwärme zu koordinieren und jeden Befehl oder andere Mittel der Koordination "von oben" überflüssig zu machen.
 
"Schwärme kennen im Gegensatz zu Gruppen weder Dissidenten noch Rebellen, höchstens "Deserteure", Stümper oder "Einzelgänger". Die wenigen, die während des Fluges den Anschluß verlieren, haben sich verirrt, sie sind "verschollen" oder auf der Strecke geblieben. Sie müssen nun eben alleine nach Nahrung suchen - aber ihr Leben als Einzelgänger währt meist nicht lang, da Schwärme wesentlich bessere Chancen haben, ein angemessenes und erreichbares Ziel zu finden, als einzelne Individuen. Und wer eingebildete, sinnlose oder gefährliche Ziele verfolgt, vervielfacht das Risiko des Scheiterns und mindert so die Chance des Überlebens.
 
Die Konsumgesellschaft tndiert zur Auflösung von Gruppen, an ihre Stelle setzt sie den Schwarm.
 
Konsum ist eine äußerst einsame Tätigkeit (vielleicht sogar der Archetyp der Einsamkeit). Selbst wenn man zusammen mit anderen konsumiert, entstehen keine dauerhaften Bindungen. Die Bindungen zwischen den Verbrauchern überdauern nie den Akt selbst. Sie halten den Schwarm für die Dauer des Fluges zusammen (d.h. bis sich das Ziel wieder ändert), sie sind aber offenkundig an diesen Anlaß gebunden und ohne ihn derart dünn und zerbrechlich, daß sie auf die zukünftigen Bewegungen der Individuen keinen Einfluß haben. (Zygmunt Baumann)
 
 
 

Das Ende der Arbeit

Was viele bei der Diskussion um die Wirtschaftskrise vergessen: Unser gegenwärtiges System kann schon deshalb nicht länger funktionieren, weil uns ganz einfach die Arbeit ausgeht. Endlich wird die Arbeit knapp!

Denn mit der technischen Entwicklung und der Steigerung der Arbeitsproduktivität haben sich die Voraussetzungen für Arbeit fundamental verändert. In einem Interview mit der Stuttgarter-Zeitung brachte US-Ökonom Jeremy Rifkin die Entwicklung jüngst auf den Punkt:

"Wir sind mitten in einer Umwälzung, die die industrielle Revolution noch übertrifft. Durch die ersten Mechanisierungsschübe verloren Millionen von Menschen ihre Jobs und wanderten vom Land in die Städte, um dort mit den Maschinen zusammen zu arbeiten. Aber die Computer und Informationstechnik von heute machen immer mehr Menschen ganz überflüssig. [...] Wir vollziehen gerade einen Wandel hin zu einem Markt, der zum allergrößten Teil ohne menschliche Arbeitskraft funktioniert. Bis 2010 werden nur noch zwölf Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Fabriken gebraucht. Bis 2020 werden es weltweit nur noch zwei Prozent sein."

Sein Fazit: "Langfristig wird die Arbeit verschwinden."

Das sollte eigentlich eine gute Nachricht sein. Schon jetzt müssten wir nach verschiedenen Berechnungen nur noch 3-6 Stunden arbeiten, um das gleiche Wohlstands-Niveau zu halten, wie vor 10 Jahren - wenn es bei Arbeit überhaupt darum ginge, die Sachen herzustellen, die alle Menschen brauchen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Auch die Befürworter des Bürgergeldes verweisen immer wieder auf die Tatsache, dass es völlig absurd ist, ein System zu erhalten in dem Arbeitslosigkeit ein Problem darstellt, während es gleichzeitig Arbeitslosigkeit produziert:

"In Zeiten produktivitätssteigernder Rationalisierungen stellen Aufrufe zur Vollbeschäftigung nichts als einen Ausdruck von Realitätsverlust dar.

Um "Vollbeschäftigung" herzustellen müsste man die Wirtschaft an der Modernisierung hindern, massiv Löhne senken oder künstlich steuerfinanzierte "Arbeit" schaffen." schreibt die Bundesagentur für Einkommen in ihrem Aufruf zum 1. Mai.

 

Die Lüge erhalten

Die Regierung tut dennoch alles erdenkliche, um die Illusion aufrecht zu erhalten - noch immer ist die Reduzierung der Arbeitslosigkeit Thema Nummer eins in den Wahlkämpfen und für die Herkunft der Arbeitslosigkeit bekommen wir immer wieder dieselben Lügen aufgetischt:

1. Arbeitslosigkeit entsteht, weil die bösen Unternehmer Stellen ins Ausland verlagern

Die Wahrheit: Die Zahl der Jobs die in Deutschland verschwinden, weil sie zum Beispiel nach Osteuropa oder China verlagert wird, ist verschwindend gering. Sie macht gerade mal ein Prozent der abgebauten Stellen aus.

Der wirkliche Jobkiller ist der technologische Fortschritt.

2. Arbeitslosigkeit entsteht, weil die Leute für die bestehenden Jobs nicht richtig ausgebildet sind.

Die Wahrheit: Selbst wenn alle Arbeitslosen in Deutschland Professor Dr. Dr. Ing. wären, hätten sie immer noch keinen Job.

3. Wir haben zu wenig Jobs, weil die Sozialabgaben zu teuer sind.

Die Wahrheit: Die Vergleiche zu den USA, mit denen hier immer wieder argumentiert wird, greifen kaum, wenn man sich die Auswirkungen eines abgespeckten Sozialsystems genauer anschaut: Allein 2 Millionen Menschen sitzen in den USA zum Beispiel in Gefängnissen.

Die Lüge muss aber aufrecht erhalten werden, weil nur durch das gegenwärtige System eine Umverteilung des Reichtums von unten nach oben möglich ist. Nur in der bestehenden Logik können Menschen gezwungen werden, menschenunwürdige oder moralisch bedenkliche Arbeit anzunehmen.

 

Die Zeit nach der Arbeit

Es wird Zeit zu erkennen, das Lohnarbeit nicht mehr notwendig ist, sondern nur der perverse Auswuchs eines Systems ist, dass soziale Ungerechtigkeit manifestiert und langfristig zum Scheitern verurteilt ist. Es gilt nun Utopien zu wagen für eine Zeit nach der Arbeit. Das sieht auch Jeremy Rifkin ähnlich:

"Ich sehe zwei Alternativen für unsere Zukunft. Die eine ist eine Welt mit Massenarmut und Chaos. Die andere ist eine Gesellschaft, in der sich die von der Arbeit befreiten Menschen individuell entfalten können.

Das Ende der Arbeit kann für die Menschheit einen großen Sprung nach vorn bedeuten. Wir müssen ihn aber auch wagen."

Wie das Aussehen könnte, wird zur Zeit an vielen Stellen diskutiert: Bürgergeld/Bedingungsloses Grundeinkommen, Währungen auf Zeitbasis, massiver steuerfinanzierter Ausbau des Non-Profit Sektors, Ressourcenbasierte Ökonomie ... Vorschläge gibt es genug. Alle Vorschläge werden aber nur dann funktionieren, wenn sich gleichzeitig auch das Bewusstsein der Menschen ändert: Wenn nicht mehr gearbeitet wird, um eine Minderheit Reich zu machen, sondern ein erfülltes Leben in Wohlstand für alle zu ermöglichen.

Dazu muss zunächst der mit der Lohnarbeit zusammenhängende, fast religiöse Wahn beendet werden, zu dem wir alle konditioniert wurden. Menschen können sich durch gegenseitige Kooperation aus dem Zwang der Lohnarbeit zumindest teilweise befreien. Wenigstens im Kopf sollten wir wieder frei werden, denn:

Eine mögliche Welt ist anders!

(Quelle - David Rotter - www.sein.de)

 
 http://www.facebook.com/profile/pic.php?oid=AAAAAQAQAOSAbIAbQ7bWRztjNPKHugAAAApORFGTGWIfSNTiZmSGI6iA
 

 Der neue Mensch

Die Funktion der neuen Gesellschaft ist es, die Entstehung eines neuen Menschen zu fördern dessen Charakterstruktur folgende Züge aufweist:

die Bereitschaft, alle Formen des Habens aufzugeben, um ganz zu sein

Sicherheit, Identitätserleben und Selbstvertrauen, basierend auf dem Glauben an das, was man ist, und auf dem Bedürfnis nach Bezogenheit, auf Interesse, Liebe und Solidarität mit der Umwelt, statt des Verlangens, zu haben, zu besitzen und die Welt zu beherrschen und so zum Sklaven des eigenen Besitzes zu werden

Annahme der Tatsache, daß niemand und nichts außer uns selbst dem Leben Sinn gibt, wobei diese radikale Unabhängigkeit und Nichtheit (no-thingness) die
Voraussetzung für ein volles Engagiertsein sein kann, das dem Geben und Teilen gewidmet ist

die Fähigkeit, wo immer man ist, ganz gegenwärtig zu sein Freude aus dem Geben und Teilen, nicht aus dem Horten und der Ausbeutung anderer zu schöpfen

Liebe und Ehrfurcht vor dem Leben in allen seinen Manifestationen zu empfinden und sich bewußt zu sein, daß weder Dinge noch Macht, noch alles Tote heilig sind, sondern das Leben und alles, was dessen Wachstum fördert

bestrebt zu sein, Gier, Haß und Illusionen, so weit wie es einem möglich ist, zu reduzieren

imstande zu sein, ein Leben ohne Verehrung von Idolen und ohne Illusionen zu führen, weil eine Entwicklungsstufe erreicht ist, auf der der Mensch keiner Illusionen mehr bedarf

bestrebt zu sein, die eigene Liebesfähigkeit sowie die Fähigkeit zu kritischem und unsentimentalem Denken zu entwickeln

imstande zu sein, den eigenen Narzißmus zu überwinden und die tragische Begrenztheit der menschlichen Existenz zu akzeptieren

sich bewußt zu sein, daß die volle Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und der des Mitmenschen das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist

Wissen, daß zur Erreichung dieses Zieles Disziplin und Anerkennung der Realität nötig sind

Wissen, daß Wachstum nur dann gesund ist, wenn es sich innerhalb einer Struktur vollzieht, und den Unterschied zwischen »Struktur« als Attribut des Lebens und »Ordnung« als Attribut der Leblosigkeit, des Toten, zu kennen

Entwicklung des eigenen Vorstellungsvermögens, nicht nur zur Flucht aus unerträglichen Bedingungen, sondern als Vorwegnahme realer Möglichkeiten

andere nicht zu täuschen, sich aber auch von anderen nicht täuschen zu lassen; man kann unschuldig, aber man soll nicht naiv sein

sich selbst zu kennen, nicht nur sein bewußtes, sondern auch sein unbewußtes Selbst - von dem jeder Mensch ein schlummerndes Wissen in sich trägt

sich eins zu fühlen mit allem Lebendigen und daher das Ziel aufzugeben, die Natur zu erobern, zu unterwerfen, sie auszubeuten, zu vergewaltigen und zu zerstören, und statt dessen zu versuchen, sie zu verstehen und mit ihr zu kooperieren

unter Freiheit nicht Willkür zu verstehen, sondern die Chance, man selbst zu sein - nicht als ein Bündel zügelloser Begierden, sondern als fein ausbalancierte Struktur, die in jedem Augenblick mit der Alternative Wachstum oder Verfall, Leben oder Tod
konfrontiert ist

Wissen, daß das Böse und die Destruktivität notwendige Folgen verhinderten Wachstums sind

Wissen, daß nur wenige Menschen Vollkommenheit in allen diesen Eigenschaften erreicht haben, aber nicht den Ehrgeiz zu haben, das Ziel zu erreichend, eingedenk, daß ein solcher Ehrgeiz nur eine andere Form von Gier und Haben ist

was auch immer der entfernteste Punkt sein mag, den uns das Schicksal zu erreichen gestattet - glücklich zu sein in diesem Prozeß stetig wachsender Lebendigkeit, denn so bewußt und intensiv zu leben, wie man kann, ist so befriedigend, daß die Sorge darüber, was man erreichen oder nicht erreichen könnte, gar nicht erst aufkommt.

Erich Fromm: Haben oder Sein (1976)

 Gert Heidenreich©2005

Nährstoff des Neides


Ich sei „Deutschland“, wurde mir zu meiner Überraschung kürzlich mehrfach unverlangt auf appellativen Werbeseiten vorgehalten. Kurz darauf teilte die Bundeskanzlerin Deutschlands mit, sie wolle mehr Freiheit wagen. Lese ich ihr Bekenntnis zusammen mit der Mitteilung, dass ich Deutschland sei, muß ich daraus schließen, daß meine Kanzlerin mehr Freiheit für Deutschland, also für mich, wagen will. Das ist schön. Einem altgewordenen 68 kann, meint man, nichts besseres versprochen werden.
Ein wenig Skepsis nehme ich dann doch für mich in Anspruch. In Zeiten, in denen ich als Bürger nachhaltig gedrängt werde, nach vorn zu sehen, blicke ich als Privatmann gern zurück. Gern auch sehr weit. Im Vierten vorchristlichen Jahrhundert stoße ich auf den Satz: Man muss dafür sorgen, dass der Gegensatz der Reichen und Armen sich möglichst ausgleicht oder dass der Mittelstand wächst.
Die Forderung stammt aus der Staatslehre des Aristoteles von Stageira, einem Werk, dessen anhaltende Aktualität mich immer wieder fasziniert. Ihm zufolge kommt es in der Demokratie auf zwei wesentliche Elemente an: Freiheit (Ελευθερια) und Gleichheit (Ισονομια), wobei erstere auch Unabhängigkeit meint und letztere sowohl Rechtsgleichheit als auch Gleichberechtigung. Beide Grundelemente erst erlaubten dem Menschen, sein Leben so zu führen, wie es ihm angenehm ist.
Fügen wir der Vollständigkeit halber noch eine weitere aristotelische Forderung hinzu: Namentlich muss man bedacht sein, durch die Gesetze die Verhältnisse so zu regeln, dass niemand aufkommen kann, der allzu mächtig ist durch Anhang oder Reichtum.
Nun fällt auf, wie weit wir es gebracht haben: In nahezu jeder Hinsicht versagt die gegenwärtige Gesellschaft vor den fast zweieinhalbtausend Jahre alten demokratischen Grundforderungen. Ja, träte heute einer wie Aristoteles auf und würde die Einlösungen oder Einhaltung seiner Regeln fordern, er wäre sofort mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er der Neidgesellschaft das Wort und den Standort Deutschland ins Abseits rede.


Ich habe seit Jahren mit wachsender Unruhe beobacht, wie in unserer Republik reflexartig das Wort Neid ausgestoßen wurde, wenn man auf den zerbrechenden, wenn nicht zerbrochenen sozialen Zusammenhang der Gesellschaft hinwies. Wenn man fragte, ob es eigentlich gerecht und nötig ist, Glücklosigkeit im öffentlichen Amte mit Abschiedssummen zu vergolden, die mancher Betriebskrankenkasse aus ihrer Zahlungsnot helfen würden.
Dachte einer darüber nach, Vermögen zu besteuern, rief es aus vermögenden Etagen noch vor Kurzem herab: Neidsteuer! Nun wird eine Reichensteuer erwogen, gegen die sich nur deshalb nicht derselbe Neidvorwurf erhebt, weil die enttäuschenden Wahlergebnisse der CDU gezeigt haben, wo die Erträglichkeitsgrenze in Deutschland liegt. Man hält jetzt doch lieber erst einmal still, um nicht noch mehr Diskussion des krankhaften Gefälles zwischen Reich und Arm in Deutschland zu riskieren. „Wir sind Deutschland“? Ja, schon: die einen leben in der Krise, die anderen von ihr.
Wurden in der Presse die astronomischen Abschlagszahlungen für entlassene Spitzenversager angeprangert, schrie sofort die Lobby der Vorstände: Neidgesellschaft! Denn auch ihr Versagen konnte eines Tags zur Debatte stehen. Darum ist der Wille zur Solidarität heute in den Chefetagen höher als der Wille zur Konkurrenz. Nun hält man lieber still, bequemt sich mancherorts sogar zur Einsicht, so mancher Manager habe sich wohl verstiegen. Was, wie wir nun wissen, nicht nur in finanzieller sond auch in libidinöser Hinsicht gilt.
Auch hinter solchen Feststellungen wird gewiss Neid vermutet, so als würde ich das Geld denen neiden, die es – verdienen. Ist das wahr? Leben wir in einer Neidgesellschaft, repräsentieren wir sie? Empfinden wir die Gleichzeitigkeit von Spitzengewinnen und Massenentlassungen nur darum als pornografisch, weil wir den Vorstänen, Aufsichtsräten und Managern ihre Appanagen neiden? Und was meint es eigentlich, wenn uns unterstellt wird, wir schürten den Neid der Arbeitslosen auf die Spitzenverdiener?

Ein gerichtetes, missgünstiges Gefühl gegenüber Einzelnen oder Gruppen wegen eines Wertes, dessen Besitz dem Neider nicht gegeben ist. So definiert der Brockhaus den Neid. Schenkt man dem Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos Glauben, ist der Neid ein Übel, das die Seele martert, den Körper verdorren lässt, hohläugig macht, blass und dürr, und den Leib zerfrisst wie die Motte ein Kleid.
Traditionell gehört der Neid zu den sieben Todsünden. Für den Apostel Paulus ist er ein Werk des Fleisches. Laut Friedrich Schiller aber hat er scharfe Augen, und Bertrand Russell zufolge bildet der Neid gar die Grundlage der Demokratie. Doch Russell gilt als Anarchist. Immerhin wissen wir, welche Farben diese Variante der Missgunst trägt: Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid, heißt es im Grimm’schen Märchen von Schneewittchens Stiefmutter. Die Dame wird aus Neid mehrere Mordanschläge unternehmen.
Und auch hier soll heute die Rede sein von dem Zusammenhang, dem möglichen, zwischen Neid und Gewalt.
Erschrecken Sie bitte nicht – ich will nicht in die Fußstapfen des Kollegen Hochhut treten, der mit seinem McKinsey-Stück angeblich das Leben deutscher Bänker bedroht; ich winke nicht mit der Idee des Tyrannenmords; aber ich will versuchen, öffentlich darüber nachzudenken, was mit unserer Gesellschaft los ist, die meiner Beobachtung nach wissentlich auf ihren Zerfall zusteuert. Also spreche ich nicht aus Neid auf jene, die verdienter oder unverdienter Maßen über großen Reichtum an Geld und Privilegien verfügen. Ich weiß auch nicht, ob es sich damit so verhält, wie Schopenhauer uns lehrt: Der Reichtum gleicht dem Seewasser – je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. Mag sein, er hat recht; mir fehlt die Erfahrung; ihm fehlte sie übrigens auch.

Ich spreche aus Sorge. Aus Furcht. Denn ich kann, zumal mit Blick auf die Geschichte, nicht glauben, dass die weithin empfundene Unsicherheit und die verbreitete Fassungslosigkeit angesichts von Vergeudung und unverhältnismäßig wachsenden Einkommensunterschieden auf Dauer von Geduld begleitet oder durch Kontrolle ruhiggestellt werden kann – jedenfalls durch keine Kontrolle, die sich noch mit den Prinzipien des Rechtsstaates vertrüge.
Anders gesagt: ich fürchte mich vor einer Akkumulation von Unzufriedenheit, durchwirkt und verstärkt von Existenzangst; vor dem Überschlag des gegenwärtig deutlich zu vernehmenden Zorns in besinnungslose Wut. Gegen wen die sich richten würde, ist geschichtlich bis in unsere Zeit hinein hinreichend belegt: gegen alle. Niemand hat je für irgendwen Sicherheit garantieren können, wenn erst Zerstörung als gerecht, Gewalt als hilfreich galten.
Da rettet dann keine Nachbarschaft. Wir haben sämtliche Bilder parat. Da wird nicht fein unterschieden zwischen politischen, sozialen, religiösen Motiven, zwischen Jungen und Alten, Kindern und Greisen. Ist erst einmal die Zivilisation entkräftet, erhebt sich Barbarei. Zerfällt das Regelwerk unseres Alltags, wird auch der Freund zum Feind. Nahezu jeder von uns ist derart gefährdet, nahezu jeder dafür talentiert. Auch Kultur schützt nicht. Denn das Hindernis für die Barbarei ist nicht die Kultur. Sondern die Zivilisation. Sind wir als zivilisierte Wesen nicht mehr gefordert, garantiere keiner für sich! In jedem, sieht er sich in die Enge getrieben, lauert ein Barbar.

Die Anfänge sind nicht spektakulär. Eine Emulsion aus Enttäuschung, Verbitterung und Resigniertheit gießt sich über das Land aus. Zurückgehende Wahlbeteiligung, Ansehensverlust der Demokratie und ihrer Institutionen, fehlende Vorbildlichkeit nicht nur in der Politik, gesellschaftliche Abstinenz der jungen Generationen, Ellenbogenmentalität und Verachtung von Solidarität, propagierter Egoismus, wachsende Korruption und Schlamperei, stetige Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen bei steigenden Gebühren – und nicht zuletzt die Marginalisierung der Bildung.

Wie auf einem Barometer lässt sich das Klima ablesen. Noch scheint es einigermaßen gut zu sein. Solange keiner ans Deckglas des Messinstrumentes klopft und die Nadel in den Unruhe-Bereich zuckt.
Hie und da hört man Ermahnungen, kleine Empörung muckt auf, und weil für alles, was nicht wunschgemäß verläuft, die Globalisierung verantwortlich gemacht wird, gibt es auch öffentlich Globalisierungsgegner.
Wo bleiben die Gegner unserer hausgemachten Selbstgefährdung? Welche der Volksparteien hat soziale Verhältnismäßigkeit, humanistisches Menschenbild und die Gleichheit der Chancen sich nicht nur auf die Fahne, sondern als zwingende Selbstverpflichtung in ihre Handlungsentwürfe geschrieben? Sich nur christlich zu nennen oder sozial oder demokratisch oder alles zugleich, kostet nichts und ist nicht mehr wert als des Kaisers neue Kleider. Die Megaphone verstärken jeden Text, und sei er noch so verlogen.
Warum eigentlich sind die Gewerkschaften in einem Augenblick verstörend hoher Arbeitslosigkeit von einer programmatischen und rhetorischen Schwäche befallen, die man nur mit Entsetzen betrachten kann?
Was ist mit einer Verwaltung los, deren Dienstleistung zunehmend darin besteht, die Arbeit, für die sie entlohnt wird, auf Steuerkosten nach außen zu verlagern, und die dann Beratung nennt, was nichts anderes ist als Minderung der eigenen Verantwortung bei Vervielfachung der öffentlichen Ausgaben? Hier ist weder Dienst, noch Leistung, und die Bedeutung von dienen, nämlich behilflich und nützlich sein, scheint ebenso verloren wie der Inhalt des Wortes Dienst: es meint die pflichtgemäße Ausübung einer Tätigkeit und nicht bloß die körperliche Anwesenheit am Arbeitsplatz.

Mühelos könnte der Katalog erweitert und spezifiziert werden. Jeder von uns kann Belege beitragen. Untereinander erzählen wir uns empörende Erfahrungen. Doch der private Diskurs der Beschwerde zerrinnt am Ende zur Gleichgültigkeit. Man kann ja nichts machen. Es ist jetzt nun einmal so. Und wer will schon als nöckernder Greis dastehen, der jammert, früher sei alles besser gewesen...
Was aber, wenn es stimmt? Wenn nicht nur der alte Aristoteles um Vieles klarer gedacht hat als alle hochmögenden Kommissionen in Berlin? Wenn auch Verhältnisse, nicht alle freilich, wenn auch politische Reden, freilich nicht jede, wenn auch das Bildungsniveau, nicht bei allen freilich, mal besser waren, als sie heute sind? Muss man da nicht nöckern, auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen und sich dem Vorwurf auszusetzen, man nehme der Jugend den Mut zur Zukunft.
Hilft man der jungen Generation, wenn man sie erst um ihre Chancen bringt und dann auch noch über die Zeit belügt, in der sie lebt?

Du sollst keine Angst machen, lautet eine der Regeln, die wir aus den Achtziger Jahren mitbekommen haben. Angst sei ein schlechter Ratgeber. Ja, als Ratgeber taugt sie nicht, aber als Anfang des Zweifels ist sie nicht schlecht. Im Übrigen wird derzeit so viel Angst gemacht wie noch nie.
Die Spezialisten für Angst-Schlagzeilen können die Lettern nicht groß genug wählen, wenn es um die Abschläge bei den Renten geht, um die Ausbildungsabgabe, die angeblich Kleinbetriebe in den Ruin stürze. Um Benzinpreise, Medikamente, Pflegekosten.
Über Geld wird andauernd geredet und geschrieben. Nur nicht über den Reichtum. Und seine politischen und gesellschaftlichen Folgen. Nicht darüber, dass die Jahre, in denen hier so viel und laut geklagt wurde, für die Superreichen eine ausgezeichnete Erntezeit waren.

Das private Gesamtvermögen aller, vom amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes gezählten Milliardäre stieg 2005 auf 2,2 Billionen US$. Die Liste der Milliardäre – es sind 691 – wird angeführt von Bill Gates: er gewann in diesem Jahr zu seinen 46,6 Milliarden US$ 4,5 weitere Milliarden hinzu. Unter den ersten zwanzig der Reichsten der Reichen – wir sprechen da von einem persönlichen Vermögen zwischen rund 15 und 50 Milliarden US$, ist auch Europa vertreten: zwei aus Deutschland, einer aus Frankreich, einer aus Italien namens Berlusconi, einer aus Schweden. Also keiner aus Russland, Großbritannien, Spanien. Aus den USA sind es 13, darunter die Mitglieder der Familie Walton, deren Gesamtvermögen dank Wal-Mart 90 Milliarden beträgt. Die Scheichs von Saudiarabien und Brunei sind in der Liste nicht geführt.
Werden unsere top two, die Aldi-Brüder, öffentlich mit Neid betrachtet? Offenbar nicht. Erfolgreich arbeitende Unternehmer sind nicht umstritten. Es ist die Kaste der oberen Manager, die sich selbst in den letzten Jahren unbedenklich desavouiert hat. Korrupten Politikern und raffgierigen Gewerkschaftsbossen folgend, haben einige von ihnen dafür gesorgt, dass die Leitfiguren der Wirtschaft mit Scharlatanen gleichgesetzt werden, die mit einer Schamlosigkeit sondergleichen ihre luxemburgisierten Vermögen und Abfindungen vermehren und zugleich die Entlassung von Arbeitern und Angestellten als neue Freiheit zur Selbstverantwortung preisen.

Ich erinnere mich gut an meine jugendliche Frage: Warum verdienen denn die Direktoren soviel? Nun, weil sie eine so große Verantwortung und das ganze Risiko tragen, lautete damals, Anfang der Sechziger, die Antwort. Heute lacht die vereinte Republik über derart naive Auskünfte.

Was seither entstanden ist, sind keine Feindbilder – wie meine Generation sie ’68 ziemlich pauschal entworfen hat. Was entstand, ist schlimmer: eine Oligarchie der Zyniker, denen meines Wissens ein einziger deutscher Politiker eine schlüssige Argumentation entgegenstellte: Heiner Geißler, der seit den frühen 80er Jahren unbeirrt gegen Zynismus und menschenverachtende Wirtschaftsmodelle argumentiert. Bezeichnend, dass seine Argumentation ihn bereits vor zwei Jahrzehnten den Parteifreunden suspekt gemacht hat. Er ist in seinem Denken einfach nicht bestechlich genug. In einem Interview vom November 2004 stellt er Fragen und verlangt Antworten: 
„Wo bleibt der Aufschrei der SPD, der CDU, der Kirchen gegen ein Wirtschaftssystem, in dem große Konzerne gesunde kleinere Firmen mit Inventar und Menschen aufkaufen, als wären es Sklavenschiffe aus dem 18.Jahrhundert, sie dann zum Zwecke der Marktbereinigung oder zur Steigerung der Kapitalrendite und des Börsenwertes dichtmachen und damit die wirtschaftliche Existenz von Tausenden mitsamt ihren Familien vernichten?“ (Die Zeit, 11.11.2004)

Die Oligarchie derer, die via Kapital- und Marktsteuerung jederzeit die Zahl der Arbeitslosen erhöhen und mit Arbeitsverlagerung ins Ausland drohen können, haben längst mehr Einfluss auf die Politik, als der Demokratie gut tut. Ihre Dominanz wäre vermutlich weiterhin stillschweigend akzeptiert worden, hätten nicht zwei Faktoren die Lage geändert. Zum einen wurde die Erwartung an die rotgrüne Koalition in Berlin, bei notwendigen Reformen auf soziale Gerechtigkeit zu achten, so gründlich enttäuscht, dass man keine Neuauflage wollte. Zum andern haben die Oligarchen der Wirtschaft sich in einer Weise selbst bedient und über jede Kritik daran derart flegelhaft hinweggesetzt, dass sie inzwischen nur noch als gierig in jeder Hinsicht verschrien sind und ihre Glaubwürdigkeit als Fachleute eingebüßt haben. Was ihnen dazu einfiel, war nur, diejenigen, die auf ihre Gier hinwiesen, als Neider und Spießer zu denunzieren.
Die Selbstbeschädigung dominanter Personen in Wirtschaft und Politik ist von destruktiver Wirkung auf die gesamte Demokratie. Ich halte diese Zerstörung von oben für wesentlich gefährlicher als die Zerschlagungslust autonomer Gruppen an der Basis. Flächendeckende Politikverdrossenheit ist noch die mildeste unter den sozialpsychologisch erfassbaren Folgerungen.
Wer sich und sein Amt der Lächerlichkeit preisgibt, wie dies beispielsweise Exbundeskanzler Kohl und Ministerpräsident Koch in ihren Spendenaffären getan haben, hat dem Ansehen unserer Demokratie und ihrer Institutionen vermutlich mehr geschadet als alle Neonazis zwischen Eberswalde und Rosenheim. Von letzteren erwartet man nichts anderes als dummdreiste Verlogenheit. Von einem Kanzler oder Ministerpräsidenten jedoch muss das verlangt werden, was in der Staatslehre des Aristoteles Arete (αρετη) genannt wird. Ein Begriff, der Tugend und Tüchtigkeit, Können und Vortrefflichkeit verbindet, und zusammengefasst als Vorbildlichkeit übersetzt werden kann.

Wer als Staatsmann diese Arete durch Verlogenheit und windige Ausreden preisgibt, ja sich von ihr trennt, indem er Geldgeschäfte im Interesse der eigenen Partei falsch oder nicht angibt, der kann juristisch so unbelangbar sein wie ein Unschuldiger – der Schaden, den er dem Ansehen der politisch verantwortlichen Klasse seines Landes zugefügt hat, überragt jede zivil- oder strafrechtliche Dimension.
Darum fordert Aristoteles: Die Hauptsache aber ist in jeder Verfassung, dass durch Gesetze und die ganze übrige Staatseinrichtung die Verhältnisse so geordnet sind, dass man sich an den Staatsämtern nicht bereichern kann.“ Wenn nämlich „die große Masse glaubt, dass die Regierenden sich am öffentlichen Gut vergreifen, dann schmerzt sie beides: von den Ehrenämtern ausgeschlossen zu sein und vom Gewinn.

Wenn heutzutage ein Lehrer seinen Schülern die Rechtssicherheit der Demokratie nicht mehr als erstrebens- und erhaltenswert empfehlen kann, weil sie ihm mit sardonischem Gelächter die Namen Kohl und Koch entgegenrufen; wenn sie ihm bei der Erörterung des Grund-Gesetzes, daß Eigentum verpflichte, ein ganzes Register mit Firmennamen vorhalten (Telecom, Siemens, Deutsche Bank, Electrolux) und begründet darauf verweisen können, wie solche Firmen ihre Arbeitnehmer aus Lohn und Brot und „der Politik vor die Füße werfen“ – wie Herr Stoiber es treffend ausdrückt; dann gerät diese Jugend in Gefahr, für ihre Begeisterungsfähigkeit und den altersgemäßen Hochmut andere Felder zu suchen, wo sie etwas oder jemanden findet, dem sie Achtung entgegenbringen kann.
Ich bin überzeugt, dass jede Generation hinter ihrer natürlichen Ablehnung von Autorität nicht nur nach Identifikation mit selbst gewählten Leitfiguren strebt, sondern auch nach Persönlichkeiten in der politischen Klasse sucht, die achtbar wären. Findet sich die Arete aber nirgends, versagt Aristoteles zufolge auch die Erziehung. Und versage sie, so erwachse daraus ein Schaden für die Verfassung.
Wie eigentlich soll man einem jungen Menschen von Anfang Zwanzig, der nach Abschluss seiner Ausbildung keine sinnvolle Betätigung findet, beweisen, dass er in der bestmöglichen aller Staatsformen lebt? Und selbst wenn er das in Bezug auf die Freiheit noch glaubt – was soll er in Bezug auf die zweite Säule der Demokratie, die Gleichheit, denken, wenn er sieht, wie Firmenvorstände, die aufgrund von Misswirtschaft, Begünstigung, Vorteilsnahme oder Planungsunfähigkeit ihren Posten räumen müssen, dabei Abfindungen in einer Höhe mitgehen lassen, die er vermutlich bis zum Rentenalter nicht zusammenverdienen kann;
–    was schließlich von der dritten Säule der Demokratie, der Gerechtigkeit, wenn er doch weiß, wie Spendenvertuschung und Steuerhinterziehung geradezu sportlich betrieben werden, weil nur der geringste Teil je einer juristischen Ahndung anheimfällt;
–    und was von der charakterlichen Eignung von Politikern, wenn er hört, dass schwarze Gelder wahrheitswidrig als jüdische Vermächtnisse ausgegeben werden, in der Hoffnung, die Justiz werde dann nicht nachfragen. Diese abgefeimte Form des Antisemitismus, die den Holocaust als Tabuzone mißbraucht,  hat ihren hessischen Urheber nicht einmal die Wählbarkeit gekostet.

Wird ein junger Mensch mit diesen Erfahrungen nicht zu Recht fragen: was bitte soll an dieser Demokratie frei, gleich und gerecht sein? Wo ist da noch Vorbildlichkeit? Warum soll das die beste gesellschaftliche Organisationsform sein? Und wofür soll ich mich engagieren, wenn die Werte der Demokratie ihren Repräsentanten so wenig bedeuten?
Wir müssten längst in breitem Maße diese Diskussion führen, die durchaus zum Vorteil der Demokratie zu bestehen ist, wenn wir die Schäden und die Schwächen benennen und öffentlich auf Abhilfe sinnen.
Doch was geschieht?
Wir diskutieren den neuen Konsens der Großen Koalition, der nun, da wir ja alle Deutschland sind, die Verwerfungen der Gesellschaft glattreden soll. Wer damit nicht zufrieden ist, gerät erneut ins Lager der Neider.
Neid war schon immer das Schlag-Wort, mit dem es gelang, den Denkbann über die notwendigen Fragen zu verhängen. Auch in den nicht bibelfesten Zeitgenossen erhält sich geradezu archetypisch das Wissen vom Brudermord des Kain an Abel, der aus Neid darauf geschah, dass Gott Abels Opfer annahm, das von Kain aber nicht. Neid wird dadurch nicht nur als eine Schwäche unterstellt, die wir nicht eingestehen wollen: wer möchte schon als missgünstig angesehen werden – sondern der Neider gilt als gleichsam prädestiniert für Brudermord, den ersten und schlimmsten aller Morde.
Selbstverständlich wissen das diejenigen, die mit dem Wort Neid Erörterungen ersticken wollen, deren Ergebnisse für sie nicht erfreulich wären. Da sie die Information nicht kontrollieren können, streben sie nach Kontrolle über die Schlussfolgerungen.

Die Zustände liegen in Form von Zahlenwerken auf dem Tisch – man teilt uns ja die Abfindungssummen für Inkompetenz oder Käuflichkeit in der Presse mit. Wir erfahren genau, wie viele Angestellte von der Deutschen Bank in den Jahren immer neuer Rekordgewinne entlassen worden sind. Wer aber die Zahlen in einen argumentativen Zusammenhang bringt, wird bezichtigt, er schüre den Neid. Wo geschürt wird, muss Glut sein, und wo Glut ist, war zuvor ein Feuer.
Wie wäre es denn, wenn man aus den Gewinnen des Geldinstituts, dividiert durch die gleichzeitigen Entlassungen seines Personals, einen Zynismusfaktor errechnete? Ich weiß, dass der sich eigentlich Dividende nennt. Aber der vorgeschlagene Begriff träfe die Sache doch besser. Und vielleicht würden die Anleger des kürzlich geschlossenen Imobilienfonds dann begreifen, welcher Art Institut sie ihr Geld anvertraut haben.

Wer nährt den Neid? Wer spielt mit dem Feuer? Wer sind die Neidproduzenten? Jene, die wie ich hier darüber sprechen, dass der Titel Skandal für die uns allen bekannten Tatsachen eine Verharmlosung ist – oder jene, die sich maßlose Jahreseinkomen genehmigen lassen und dann noch erklären, verglichen mit amerikanischen Managern seien sie arme Schlucker.
Wenn einige, weil sie allzu frech in die Kasse gegriffen haben,  dann doch wie aus Versehen vor einem Gericht erscheinen müssen, feixend und mit hochgestreckten Victory-Fingern, habe ich den Wunsch, ihnen ein Gedicht von Erich Kästner vorzulesen; Ansprache an Millionäre heißt es, weil Milliardäre damals nicht vorstellbar waren. Ein Neidgedicht, in dem die Angesprochenen lesen: Warum wollt ihr solange warten, / bis sie euren geschminkten Frauen / und euch und den Marmorpuppen im Garten / eins über den Schädel hauen? (...) Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern. / Ihr habt das Geld und die Macht genommen. / Warum wollt ihr die Welt nicht ändern, / bevor sie kommen? (...) Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig. / Ihr sollt euch keine Flügel anheften. / Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig. / Wir sprechen von Geschäften. Das Gedicht, sehr viel länger und mit noch heftigeren strophischen Drohungen, stammt aus den frühen Zwanziger Jahren.

Die politischeThese teilt Kästner mit Rolf Hochhuths McKinsey-Stück: die Akkumulation von Geld und Einfluss in einer Oligarchie bei gleichzeitigen Einschnitten ins Volkseinkommen führt notwendig erst zum Bedürfnis nach einem Aufstand gegen die Oligarchen und schließlich zu kollektiver Gewalt.
Das will uns, vor allem in der Weise, wie Hochhuth es auf die Bühne gebracht hat, trotz Verständnis für den zugrunde liegenden Zorn etwas naiv vorkommen. In der Spaßgesellschaft ist weit und breit keine charismatische Person, kein revolutionärer Text, geschweige denn eine Bewegung sichtbar, die sich in der Lage sähe, das wachsende Potential an Zorn und Verbitterung zu einem Fanal zu bündeln. Auch sind die Institutionen des Rechts hierzulande so intakt, dass Jakob Burckhardts These vom Tyrannenmord nicht anwendbar ist. Dennoch stellt sich die Frage, wie lange das so bleibt, ob der unterstellte Neid sich nicht sehr rasch in konkreten Neid verwandeln kann, und was daraus folgen würde.
Die Politologin Antje Schrupp stellt in ihrer Untersuchung des Neidgefühls fest: Neid, so wie er hierzulande kulturell verstanden wird, hat etwas mit Privilegien zu tun und mit der Vorstellung, dass den Menschen die Dinge, die sie haben dürfen, irgendwie zustehen müssen, dass sie ein Recht auf bestimmte Dinge haben und auf andere Dinge nicht. (...) Neid entsteht dann, wenn die Zuteilung der Privilegien mit diesen Rechten nicht übereinstimmt.
Das heißt: der Neid erwischt uns an der Schaltstelle zwischen Recht und Unrecht in unserer Empfindung. Damit wäre er eine soziale Triebkraft auf dem Weg zur subjektiven Gerechtigkeit – und genau so wird er in der linken Theorie auch gesehen. Alle politischen und sozialen Errungenschaften verdanken sich dem kreativen Potential des Neides. Nicht nur die Arbeiterbewegung – auch der Kapitalismus, dessen Motor, der Wettbewerb, darauf beruht, dass jeder mindestens so viel haben will, wie der andere. Um zu sehen, wie gut das funktioniert, genügt es, einige Werbespots im Fernsehen auf ihre Wirkungsweise hin zu betrachten.

Jahrzehnte lang sicherte ein austariertes Gefüge von Maßnahmen den sozialen Minimalausgleich; der Staat hatte ein Netz gespannt, für Erwerbslosigkeit, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit waren Auffangsysteme eingerichtet, die dem Einzelnen das Gefühl gaben, ein, so weit dies möglich ist, gesichertes Leben zu führen. Jeder war nach Maßgabe seiner Fähigkeiten in die Pflicht für alle eingebunden – jedenfalls gemäß der akzeptierten Theorie.
Dieses Gefühl verschwindet, seit der Schritt vom Kapitalismus zum Realkapitalismus vollzogen wurde. Plötzlich werden Gewinne nicht mehr der Unternehmenssicherung zugeschlagen, sondern in geradezu asozialem Maß argmentativ dafür benutzt, im kommenden Jahr auf Kosten der Arbeitsplätze eine noch höhere Gewinnmarge anzustreben. Gewinn durch Existenzvernichtung, heißt das Programm. Weg mit dem Menschenballast. Die daraus entstehenden Kosten werden sozialisiert, mögen auch die Leistungsmöglichkeiten der Gesellschaft dadurch überfordert werden.
Die Folgen dieser Verwahrlosung von Unternehmensmoral sind unvermeidlich: der Staat muß seine gewährten Hilfen auf mehr Menschen verteilen, also pro Schicksal verringern. Sinkende Steuereinnahmen schmälern die möglichen Leistungen noch einmal, und die Unternehmen können in Ruhe zusehen, wie durch ihre Gewinnmaximierung die Politik in Rechtfertigungsdruck gerät.
Die Parolen wechseln von den Sachzwängen zur Globalisierung, und die Tatsache, dass die Schwächsten der Gesellschaft überhaupt keine Wahl haben, sich gegen die Beschneidung ihrer Interessen zu wehren, dass man ihnen gleichsam mitten in der Demokratie die Freiheit nimmt, wird mit der Formel bemäntelt: Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit.
Kaum jemandem fällt noch auf, dass dies wortwörtlich die zynische Parole des DDR-Realsozialismus gewesen ist, mit dem er sich gegen den individuellen Freiheitsbegriff der westlichen Demokratien abgesetzt hatte. Der Satz ist für Realkapitalisten offenbar ebenso gut brauchbar.

Ist das nun bloß eine Verwirrung der Begriffe aufgrund einer verworrenen Vereinigung? Wohl kaum. Es deutet eher auf eine Ähnlichkeit im Selbstverständnis von heutigen Unternehmern und damaliger Nomenklatura: Die da unter müssen sowieso tun, was wir hier oben beschließen; denn wir gestalten ihr Schicksal.
Die Behauptung, man könne Sachzwängen nur folgen, ohne sie vorher interpretieren  zu müssen; die Unterstellung, jeder Protest gegen das Verfahren der sogenannten Reformen entspringe dem Neid; die Preisgabe des Freiheitsbegriffs an eine, im übrigen interessengesteuerte Definition von unausweichlichen Maßnahmen – all dies ist nicht nur ein philosophischer Verstoß gegen die Demokratie-Vorausset-zungen, wie Aristoteles sie erarbeitet hat.
Es ist zugleich die Bankrotterklärung sozialdemokratischer Politik. Man stelle sich nur einmal vor, die Sozialdemokraten hätten das Glück gehabt, in solcher Lage aus der Opposition heraus argumentieren zu können. Ihre gesamte Rhetorik hätte ausgetauscht werden müssen. Was nicht heißt, ich wünschte mir für die Reformen einen noch konservativeren Vollzug. Man wird sehen, auf wessen Kosten der neue Konsens geht.
Ich nehme den üblichen Einwand vorweg und gebe zu: nein, besser machen kann ich es freilich nicht. Ich habe mich wohlweislich niemals an eine solche Stelle wählen lassen. Das heißt nicht, Augen, Ohren und Mund zu verschließen. Vergessen wir nicht: Aristoteles war kein Staatsmann, er hielt Vorlesungen. Er dachte nach. Er beobachtete, zog Folgerungen. Und behielt stets die Zukunft, also die Jugend, folglich die Frage der Erziehung im Blick.

Die empfindlichste Stelle der Demokratie sind die Demokraten. Das heißt, die Demokratie bedarf einer Mehrheit von Menschen, die entscheidungsfähig sind. Das griechische Wort dafür heißt kritikós (κριτικοσ). Demokraten müssen kritisch sein können. Das bedeutet, sie bedürfen hinreichender Kenntnisse und der Fähigkeit, sie anzuwenden. Hierfür braucht es Geistesbildung. Demokratie ist durch Dummheit in Gefahr zu bringen. Mit Bildung meine ich nicht die Anhäufung von für kanonisch erklärten Kenntnissen – die allerdings nicht schadet. In meinem Verständnis ist Bildung die Verwandlung von Wissen in Bewusstsein.

Rund hundert Jahre vor Aristoteles hat Demokrit von Abdera, der die schönsten Sätze der Antike über die Erziehung verfasst hat, gesagt: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Er war es auch, der wusste: Es gibt gelegentlich Verstand bei den Jungen und Unverstand bei den Alten. Aber seinen unauffälligsten Satz – Mehr Leute werden durch Übung tüchtig als durch Anlage – greift die Bildungstheorie des Aristoteles auf, wo er sagt: Man muss in jeder Fähigkeit und Kunst zur Ausübung vorgebildet und vorher geübt worden sein, und so offenbar auch für das tugendhafte Verhalten.
Daraus leitet er das Schulmonopol des Staates in der Demokratie ab: Dass sich der Gesetzgeber in erster Linie um die Erziehung der Jungen kümmern muss, wird wohl niemand bestreiten. Wo es in den Staaten nicht geschieht, da erwächst auch ein Schaden für die Verfassung. Die Menschen müssen ja im Hinblick auf die jeweilige Verfassung erzogen werden.
Ich glaube, es ist nicht nötig, auszuführen, worin der Gegensatz zwischen unserer Lage im Bildungssystem und den genannten Grundforderungen besteht. Auch dass die Erziehungsaufgabe des Staates nicht den Vorrang hat, den sie haben müsste, weiß jeder. Ebenso, dass Schule nicht Ersatz bieten kann für das Gespräch am häuslichen Tisch, das vielerorts verstummt ist. Die Lebensbildung findet nach wie vor in der Familie statt. Wo in dieser aber nicht mehr der Austausch zwischen Elternerfahrung und Kinder-Neugier vorherrscht, sondern gemeinsames Stummsein vor der Glotze die Regel ist, wird der Schule das Gespräch überlassen. Sie aber kann das fehlende gleichsam automatische Lernen im Familienalltag nicht ersetzen.
Etwas will ich hier noch hinzufügen, das bei Aristoteles, vermutlich weil es so selbstverständlich war, nicht vorkommt: Demokraten bedürfen der Phantasie. Sie müssen nämlich in der Lage sein, Alternativen zum augenblicklichen Zustand zu erdenken, zu gestalten oder zu verwerfen. Von dieser Bewegung lebt Demokratie. Andernfalls verfällt sie zu einem bloßen Wettstreit um Besitzstands-Wahrung.
Die Phantasie nun, mit der jeder Mensch geboren wird, ist nicht beliebig verfügbar, sie muss trainiert werden wie ein Muskel. Neurophysiologen sagen: das beste Training ist Lesen.

Auch hierzu muss ich keine weitere Beschwerde führen, jeder weiß, wie es darum steht und was die Folgen sind. Nur so viel an eigener Beobachtung: Lese ich an Schulen aus meinen Büchern, soll sich zumeist ein Gespräch anschließen, das ich gern führe. Zunehmend lästig wird, dass wir uns auf nichts mehr verständigen können. Selbstverständlich ist das keine Frage der Intelligenz. Im Gegenteil, mir kommen die Schüler schneller, wendiger im Geist vor, als wir es waren. Was fehlt, sind Kenntnisse, auf deren Grundlage wir kommunizieren könnten. Nicht einmal die Geschichten des Alten und des Neuen Testaments lassen sich mehr voraussetzen. Komme ich auf Sagen, auf Märchen zu sprechen, rede ich in blanke Gesichter.
Man kann der Ansicht sein, dies sei nur ein Problem der Literatur, die sich ja, weil sie anders nicht kann, immer bezieht auf die Fülle der sprachlichen Kultur und ihre vorangegangenen Autoren. Wenn das nicht mehr verstanden wird, wenn also unser Schreiben auf keinen Kontext in den Köpfen der Leser mehr trifft – dann bleibt bloß noch Zeitvertreibliteratur.
Es geht mir aber nicht um die Frage, ob wir vielleicht vor dem Ende der Literatur stehen, sondern darum, wovon das Gespräch zwischen den Generationen handeln kann. Regelmäßig frage ich Schüler nach dem, was nötig sei für persönliches Glück. Es kommt dann der übliche Katalog, immerhin stets beginnend mit einer gelungenen, erfüllenden Beziehung. Gesetzt den Fall aber, dass all das nicht eintrifft? Keine Liebe, keine schönen Dinge, kein Geld, kein Haus, keine Reisen? Wenn wir dann alle aufgezählten materiellen Glücksattribute zurückgewiesen und abgelegt haben – was ein schöner Grundkurs in Phantasie ist – geraten wir oft in ein längeres Gespräch über das, was uns niemand nehmen kann, was wir in uns tragen an Musik, Bildern, Geschichten. Hier kann man hören, wie viel diese junge Generation eigentlich könnte: so klug und sanft über das Leben nachdenken konnten wir in diesem Alter nicht. Durch solchen Diskurs kommen wir zurück auf die Frage der Bildung, und ich greife zu meinem Demokrit: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Nun wissen vielleicht manche besser, wie hilfreich es sein kann,  im Kopf Bücher mit sich herumzutragen.

Es ist ein ebenso großes Verbrechen an den Jugendlichen, sie nicht an die Möglichkeiten ihrer Phantasie heranzuführen wie ihnen keine Ausbildungsplätze anzubieten. Es ist ein Verbrechen, kein Versäumnis. Es ist, als ob man ihnen ein Bein oder einen Arm abschlüge. Und es ist für den Bestand der Demokratie geradezu grob fahrlässig, wenn wir Wähler heranwachsen lassen, die aufgrund mangelnder Bildung und mangelnder Phantasie ihre möglichen Fähigkeiten zur Entscheidung verfehlen.
Täuschen wir uns nicht: je geringer die Lust an der Ausübung des Wahlrechts, umso stärker die mögliche Attraktion simpler, scheinbar griffiger Politikmodelle. Ideologie und Gewalt profitieren stets von Ratlosigkeit, Neid, Verzweiflung, Bildungsmangel und ungerichteter Begeisterungsfähigkeit.
Es muss daraus keine Bewegung entstehen. Schon wachsende Unruhe kann eine Demokratie an den Rand ihrer Selbstzerstörung treiben, weil sie zum eigenen Schutz Methoden ergreift, die ihre Freiheitlichkeit beschädigen. Ich erinnere mich gut an die späten Siebziger, als die Bundesrepublik zur Bekämpfung der RAF sich fast in jenen Staat verwandelte, den die Terroristen sich als Feindbild erfunden hatten. Auch heute gilt: wirksame Terror-Bekämpfung beschädigt immer zugleich die bürgerlichen Freiheiten. Also muss auch hier der vorauslaufenden politischen Vermeidung von Gewalt alle Priorität zukommen. Aber das ist ein anderes, weites Feld. –
Nehme ich abschließend zusammen: den Übermut der Ämter mit dem Zynismus der Funktionäre; den Verlust von Vorbildlichkeit in der Politik mit der Schwäche der demokratischen Institutionen; die Bildungsmisere mit dem Chancenmangel der jungen Generation – dann kann ich nicht anders: ich muss daraus Alarmzeichen lesen und sie auch so benennen. Nicht aus Neid auf die Milliardäre. Nicht aus Nostalgie für die Revolte meiner Jugendzeit. Sondern aus Sorge. Ich möchte gern gewissenhaft und mit dem notwendigen Maß an Rechtssicherheit und Ruhe nachdenken dürfen und, auf der Kraft des Wortes insistierend, meinen Beruf ausüben. Ich bin nicht bereit, für ein paar Spitzenegoisten und die Laufruhe ihrer Zwölfzylinder das Feuer an meiner Haustür zu riskieren. Ich bin ein spießiger Demokrat. Nicht neidisch. Aber an Frieden interessiert.

 

Die neue Zivilisation

 

Richtlinien für eine neue Zivilisation in dieser Weise formuliert, kann ein hervorragender Ratgeber - auch für den einzelnen sein. Es finden Veränderungen statt, sowohl innerhalb der Menschheit als auch der Staatsführungen, die eine Menge Unruhe erzeugen. Keine Frage, nicht alles davon gefällt uns - aber lassen wir uns alles gefallen, werden wir es mittragen müssen. Ich hoffe die Nationalratswahlen benützen einige um Denkzettel auszuteilen...entzieht ihnen eure Unterstützung. Der Artikel enthält alles wünschenswerte und Zukunftsweisende Aspekte, und ich hoffe ihr findet ihn auch so interessant wie ich.

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Der Artikel habe ich der HP der Freezone.org entnommen. Meinen Dank anbei.  http://freezone.de/german/d_ncg.htm

Eine ZIVILISATION ist eine ökonomische Maschine. Sie basiert auf Ideen und weist im Wesentlichen folgende Bestandteile auf:


Die Überlebenssicherung ihrer einzelnen dynamischen Bestandteile,


die Erweiterung ihres Wissens,


ihre Bereitschaft Verantwortung für ihre einzelnen Bestandteile zu übernehmen,


ihr Affinitäts- und Realitätsniveau sowie ihre Kommunikationsfähigkeit,


ihre Ethik, ihre Technologie und ihre Verwaltung.

Werden ihre Ideen oder wird ihre Wirtschaft unterdrückt, verändert sie sich negativ. Sie geht ein und verschwendet oder zerstört ihre einzelnen dynamischen Bestandteile.

Die Rettung einer absteigenden Zivilisation wird folgendermaßen erreicht:


man findet und identifiziert den unterdrückerischen Einfluß,


man stellt eine positive und unabhängige Alternative bereit,


man gibt diese Alternative als einen richtungsweisenden Vektor bekannt,


man gewährt ihr eine solide und beständige Finanzierung


und beläßt ihre gute, aufbauende Produktion und ihr Tauschverfahren frei und unabhängig.


man überprüft diese Alternative laufend, korrigiert sie, wenn nötig, um ihren Einfluß zu vergrößern,


man verbreitet ihre Werte und ihre Ästhetik in großem Ausmaß


und man unternimmt verantwortungsvoll durchgeführte Auswertung, Planungsgestaltung und Koordination des Überlebens und der Expansion ihrer einzelnen dynamischen Bestandteile.

Die übergeordnete Verwaltungsorganisation eines Planeten sollte sicherstellen, daß die Zivilisation (gemäß obiger Definition) fortwährend wächst und gedeiht, bei gleichzeitiger Garantie von maximaler Freiheit für das Individuum, da das Individuum der grundlegende Bestandteil einer Zivilisation ist.

Ein allgemeines Verstehen dieses Konzeptes wird das Überleben der Zivilisation verbessern und ihre Expansion erhöhen. Unter so funktionierenden Umständen können unterdrückerische Einflüsse nicht überleben, verschwinden bald oder werden schnell in Ordnung gebracht.

Die neue Zivilisation ist ein Spiel, in dem jeder gewinnt. Ihre Freiheiten gehören jedem Individuum, so daß die gesamten Überlebens- und Expansionsabsichten erreicht werden können. Gedankenfreiheit, freie Marktwirtschaft und die Teilnahme an allen Bestandteilen einer Zivilisation sind hierin enthalten.

Die "alte" Zivilisation enthält Hindernisse, welche die Individuen unterdrücken, indem sie ihnen Dinge gibt, die sie nicht brauchen und nicht haben möchten, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Steuern, Kriege, atomare, biologische und chemische Waffen, eine unsichere Währung, Kriminalität, Drogen, die den Verstand zerstören, Umweltverschmutzung, die Zerstörung des Gleichgewichtes der Natur, Unterdrückung der freien Marktwirtschaft bis hin zum Bankrott, Unterdrückung der Ideen eines besseren Überlebens und Ideen von Expansion und Gesundheit, Unterdrückung der freien Rede, der Presse- und Religionsfreiheit; und Einsätze eines Polizeistaates, der mit psychopolitischen und Computermitteln jedes einzelne Individuum überwachen kann.

Das Spiel der Neuen Zivilisation gibt dem Planeten Erde verschiedene neue Ziele. Das erste ist ÜBERLEBEN. Es basiert auf der offensichtlichen Tatsache, daß die Erde eigentlich ein großes Raumschiff ist, mit Lebensraum an ihrer Oberfläche, der das gesamte Rohmaterial für das Überleben einer Zivilisation enthält. Daher ist das erste Ziel:

"Unseren Heimatplaneten Erde in Ordnung zu bringen, das natürliche Gleichgewicht, das für das Überleben der neuen Zivilisation notwendig ist, zu erhalten, und eine Zusammenarbeit mit denen, die unser Heim zerstören würden, zu verhindern, abzulehnen oder einzustellen.

Das zweite Ziel gilt der EXPANSION. Es basiert auf der offensichtlichen Tatsache, daß abgesehen von der Erde noch andere Welten im Raum existieren, und daß sich die Neue Zivilisation bis hin zu diesen Grenzen ausdehnen wird. Daher ist das zweite Ziel:

"Eine wirtschaftliche Technologie und Ausrüstung für den freien Betrieb von privatem und öffentlichem Reiseverkehr zu anderen Planeten und Systemen zu entwickeln, so daß sich die Neue Zivilisation ausdehnen kann und laut gegen diejenigen zu protestieren, die solche Entwicklungen zu militärischen, zerstörerischen und anderen unterdrückerischen Zwecken behalten und verwenden wollen, und jede Kooperation mit ihnen abzulehnen."

Das dritte Ziel gilt der PRODUKTION und dem TAUSCHVERFAHREN. Es basiert auf der offensichtlichen Tatsache, daß die Erde nicht genügend Produktion aufweist, um für ihre eigenen Völker ausreichend zu sorgen, geschweige denn über austauschbare Produktionsgüter für den Export zu anderen Planeten und Systemen verfügt. Daher ist das dritte Ziel:

"Technologien, Produkte, Güter und Dienstleistungen allen Völkern der Erde zugänglich zu machen und Möglichkeiten zu schaffen, Überschüsse zu anderen Planeten und Systemen zu exportieren, und diejenigen zu verurteilen, welche die Menschen aufgrund persönlicher unterdrückerischer Motive nach wie vor arbeitslos, ungebildet, arm, unterernährt und krank sein lassen wollen, und jede Zusammenarbeit mit ihnen abzulehnen."

Das vierte Ziel gilt der VOLKSWIRTSCHAFT. Es basiert auf der offensichtlichen Tatsache, daß Bankiers, Regierungen und Politiker kein stabiles Tauschmittel besitzen. Eines, das einem mit absoluter Sicherheit den entsprechenden Gegenwert an jedem beliebigen Ort des Planeten garantieren würde. Das vierte Ziel ist:

"Ein stabiles Tauschmittel zu entwickeln, zu normen und für den allgemeinen Gebrauch einzuführen, damit die Neue Zivilisation sicher, ohne Inflation, ohne Deflation und ohne Krisen wachsen und gedeihen kann. Und außerdem den Menschen die Grundregeln der Volkswirtschaft beizubringen, so daß sie niemals wieder Opfer derjenigen werden - oder solche Personen oder Gruppen unterstützen - die Volkswirtschaft verwenden, um zu unterdrücken."

Das fünfte Ziel gilt der FREIHEIT. Es basiert auf der offensichtlichen Tatsache, daß die bestehende "alte" Zivilisation Freiheiten jeglicher Art zum Teil schrittweise, manchmal aber auch ganz plötzlich, unterdrückt; geistige und wirtschaftliche Freiheiten, freies Reisen, die Redefreiheit und die Schriftstellerei und ästhetische Freiheit. Dies führt zu einer mehr oder weniger geistig überwachten, apathischen und unverantwortlichen Gesellschaft, in der Spaß und die Freude am Leben und an kreativen Bemühungen entschwunden ist. Das fünfte Ziel ist:

"Alle Arten von kreativem Bemühen, von überlebensfreundlicher und expansionsfreudiger Aktivität zu erkennen, zu bestätigen und zu unterstützen. Die eigene Freiheit als Schlüssel für das Erreichen aller Ziele der Neuen Zivilisation zu schützen, und sich aktiv jeglichem Versuch, persönliche Freiheiten oder Rechte im Spiel der Neuen Zivilisation zu begrenzen oder irgendwelchen Regeln zu unterwerfen, zu widersetzen und ihn zu bekämpfen."

Das sechste Ziel bezieht sich auf Vergnügen. Es basiert auf der offensichtlichen Tatsache, daß viel der Freude am Leben in der "alten" Zivilisation verschwunden ist, und darauf, daß ein Spiel interessant sein soll, Spaß machen soll, und Augenblicke des Glücks enthalten soll. Das sechste Ziel ist:

"Eine Renaissance von kulturellen, künstlerischen und sozialen Ereignissen wie Sport, Freizeitbeschäftigungen, Lesen, Schreiben, Poesie, Musik, Drama, Schauspiel, Film, und andere kreative und philosophische, künstlerische Bemühungen zu unterstützen, anzuregen, und/oder an ihnen teilzunehmen, denn diese Dinge bringen den Wert, die Zielvorstellungen, die Träume und die Lebensfähigkeit einer Zivilisation am besten zum Ausdruck, und sie helfen darin, ihre Botschaft an alle anderen zu verbreiten, die dem Spiel vielleicht beitreten möchten und auch ihren Spaß daran haben wollen."

Das siebte Ziel gilt der KOORDINATION. Es basiert auf der offensichtlichen Tatsache, daß die "alte" Zivilisation aus einem Haufen von Widersprüchen, Konflikten, unnützen und sündteuren Aktionen besteht, die oft von sinnlosen und aufwendigen Verzögerungen begleitet werden. (Kriege, politische Konflikte, Grenzverletzungen, die Verwendung Ihrer Steuergelder zur Anlegung von Waffenarsenalen, die alles Leben auf der Erde und auch die Erde selbst hunderte Male zerstören und vernichten könnten; sehr, sehr langsame Rechtsprechung, Zahlungsverzögerungen für verkaufte Waren und Dienstleistungen, Verzögerungen im Transport-, Post- und Bürowesen und eine allgemein schicksalhafte und hoffnungslose Einstellung). Daher ist das siebte Ziel:

"Die Neue Zivilisation anhand ihrer Definition und ihrer Ziele zu koordinieren, damit die Stoßrichtung all ihrer Einsätze in Richtung Überleben, Expansion und Erfolg abgestimmt werden, und auf der dauerhaften Freiheit und dem Glück der betroffenen Individuen aufbauen."

Dies alles muß so schnell wie möglich, in Abstimmung mit dem Organisationsplan erreicht werden (hier die englische Ausgabe: The New Civilization Org Board

P.S.: Die Neue Zivilisation beschränkt sich nicht auf die obengenannten Ziele. Je nach erfolgter Expansion wird es mehr Ziele geben. Kein Neues wird den hier angegebenen Zielen widersprechen oder sie für null und nichtig erklären. Die Ziele hier gehören für immer Ihnen.

Zusatzbemerkungen zum Gebrauch des Organisationsplanes der Neuen Zivilisation:

  1. Dieser Plan findet in allen Lebensbereichen des Planeten Anwendung. - Bei einem selbst, in der Familie, in der Gruppe, der Nation, der Rasse, den Regierungen und allen existierenden Organisationen.

  2. Er enthält alles Notwendige für das Überleben und für Expansion, wenn ein wertvolles Ziel vorgegeben wird, das ihn in Bewegung setzt.

  3. Verwendet eine einzelne Person oder eine Gruppe diesen Plan, so hilft er ihnen, besser zu überleben und schneller zu expandieren.

  4. Verwendet ihn eine Zivilisation, so hilft er ihr, besser voranzukommen und ihre Ziele schneller zu erreichen.

  5. Er wird dazu verwendet, in Angelegenheiten, wo Koordination erforderlich ist, Übereinstimmungen zu erzielen und schnellere Entscheidungen zu ermöglichen.

Die Neue Zivilisation - WARUM ?

Wissen ist Macht, aber Macht ist nicht unbedingt Wissen.

Derjenige, der alle Macht besitzt, aber kein oder nur wenig Wissen hat, wird in dem Maße Macht verlieren, wie er sie verwendet.

Jemand, der alles Wissen doch keine Macht besitzt, wird in dem Maße an Macht gewinnen, wie er Wissen verwendet.

Macht ist eine Fähigkeit, Energie und Kraft einsetzen, um Dinge zu kreieren und/oder zu zerstören.

Derjenige, der geringes, falsches oder kein Wissen über die wahre Natur und Beschaffenheit der Dinge hat, der die Ziele und Pläne des Aufbaus allen Lebens ignoriert, derjenige, der ohne Wissen Macht gebraucht, wird mit Sicherheit Zerstörung schaffen und/oder Kreation zerstören. Dies ist in den allerhöchsten Regierungskreisen der "alten" Zivilisation zu beobachten.

Dem kleinen Prozentsatz (2% oder 3%) der Leute, welche "Macht ohne Wissen" (= Geisteskrankheit) haben, stehen die Millionen der Erdbevölkerung gegenüber, die wissen, was Leben ist, die auch wirklich wissen, was es heißt, zu überleben, die ihren eigenen Familien und ihren Freunden loyal gegenüberstehen und die den anderen vertrauen, daß auch sie fair und ehrlich, in einer freundlichen Art und Weise, handeln, arbeiten und das Spiel spielen, so wie sie es selbst tun. Diese bei weitem überwiegenden Millionen (etwa 97% der Erdbevölkerung) sind die Ursache aller guten Dinge und sind die Träger des Überlebens einer Zivilisation.

Warum ist die "alte" Zivilisation in einer derart schlechten Verfassung? CIA Mindcontroll

Weil die Macht, die von den 2 oder 3 % Geisteskranken benutzt wird, ihnen ununterbrochen von den 97 % gegeben wird. Sie wird in der Form von finanzieller Energie (Steuern), in Form von Kontrollausübung (indem denjenigen Gehorsam geleistet wird, die Freiheit und Initiative unterdrücken und zerstören), und in Form von Vertrauen (indem diejenigen gewählt werden, die einem die Freude an den Spielen des Lebens entziehen, um für sich selbst mehr Macht zu gewinnen und zu behalten) abgegeben. Diese Macht wird ausgehändigt und die geisteskranken Aktionen werden von den 97 % zu keinem Stillstand gebracht, weil sie:

  1. Nicht daran glaubten, daß es eine Alternative gäbe,

  2. weil sie nicht organisiert waren und

  3. somit nicht erkannten, daß sie ursprünglich selbst die größte Macht auf dem Planeten waren, und

  4. daß sie selbst die unterdrückerische Kraft waren, die gegen sie verwendet wurde,

  5. und weiterhin, weil sie nicht erkannten, daß sie die Macht den 2 oder 3 % jederzeit entzögen, würden sie die Leute einfach nicht mehr unterstützen.

Bemerkung: Es ist eine offensichtliche Tatsache, daß ein Teil der Macht, die den 2 oder 3% gegeben wurde, eben auch darin bestand, die 97% aufs gründlichste falsch zu unterrichten, womit sie natürlich nichts von 1., 2., 3., 4. und 5. wußten. (z.B. mit Hilfe von kontrollierten Medien, durch die immer wieder der "Glaube" bekannt gegeben wurde, es gäbe keine Alternative.)

http://blacksnacks13.spaces.live.com/default.aspx

Für Blacks Information Space - Steven Black - am 25.7.2008

 

 

Anti- AKW


BELOHNEN STATT STRAFEN

"Es wird sehr viel darüber geklagt, wenn irgendein Übeltäter einmal 'ungestraft' davon kommt. Tatsächlich ist es aber ein weit größerer Skandal, dass die meisten Staaten der Welt all diese wunderbaren Menschen unbelohnt davon kommen zu lassen. Ein Staat, der nicht fähig ist, zu würdigen, hat sein Recht verspielt, zu strafen." Entwurf eines innovativen Justizsystems. (Von Roland Rottenfußer. Erstveröffentlichung in "Der Zeitpunkt", www.zeitpunkt.ch) Zeit: In der nahen Zukunft. In dem (fiktiven) Zwergstaat Nirgendstein, in einer unzugänglichen Bergregion an der Grenze zwischen Österreich und Italien gelegen, wurde seit der Justizreform von 2012 das Strafprinzip zur Gänze durch ein Belohnungsprinzip abgelöst. Es gibt ein Belohnungsgesetzbuch und eine Belohnungsprozessordnung. Der Nirgendsteiner Polizeiapparat wacht 24 Stunden täglich – ausgestattet mit modernsten Fahndungsmethoden – darüber, dass keine belohnenswerte Tat eines Bürgers unbelohnt bleibt. Neben Geldbelohnungen sind wird den Belobigten von Richtern auch der Aufenthalt in extra dafür konzipierten Belohnungszentren (analog zu Gefängnissen) auf Staatskosten ermöglicht. Reporter Roland Rottenfußer, zunächst skeptisch, reiste nach Nirgendstein, um den dortigen Justizminister Tomaso Moro über das innovative Justizsystem des Landes zu befragen: Wir veröffentlichen zentrale Passagen aus dem Interview:



Frage: Ist es wirklich so, dass in Nirgendstein massenweise Straftäter frei herumlaufen?

Moro: Zunächst einmal möchte ich feststellen, dass es doch bezeichnend sind, dass Sie sich schon zu Beginn unseres Interviews derart auf das Strafen fixieren. Das ist natürlich das Ergebnis einer jahrtausende alten Fixierung der Menschheit auf das Strafen. Generationen sind in dem Sinn erzogen worden, dass schädliche Taten bestraft werden müssen, während nützliche nicht weiter der Rede wert sind. Sie können einem Menschen das Leben retten, indem Sie ihn mit hohem persönlichem Risiko aus einem reißenden Fluss ziehen. Wenn Sie am selben Tag vergessen haben, Ihre Parkscheibe an der Windschutzscheibe zu platzieren, ist das Ergebnis eine Strafe von 20 Euro.

Frage: Sicher wird man bei uns nicht belohnt, aber einen Straftäter frei zu lassen ist doch ungleich schlimmer.

Moro: Warum denn das?

Frage: Er könnte wieder zum Mörder werden.

Moro: Da haben Sie einen wesentlich Punkt angesprochen: die Verbrechensprävention. Die Frage ist also nicht, ob man Verbrechen vorbeugen und potenzielle Opfer schützen soll, sondern wie man das am besten tut. Dazu gibt es allerlei zu sagen. Mein erster Punkt ist: Der einfachste Weg, um Kriminalität zu vermeiden, besteht darin, etwas gar nicht erst zu verbieten.

Frage: Meinen Sie das im Ernst?

Moro: Durchaus. Ein Gesetzesverstoß ist etwas, das per definitionem erst durch ein Gesetz geschaffen wird. Und Gesetze sind ein Spiegel der jeweils herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, die, wie Sie sicher wissen, nicht immer gerecht sind. Wenn Sie die Kriminalitätsrate herabsetzen wollen, überlegen Sie zuerst, welche im Gesetz verankerte Delikte Sie ersatzlos streichen könnten. Es gibt Fälle, in denen das Verbot eigentlich selbst das größte Verbrechen ist.

Frage: Haben Sie Beispiel?

Moro: Da sind zuerst einmal die typischen politischen Delikte, deren Fixierung im Strafgesetzbuch lediglich nur dient, die alten Machtverhältnisse aufrecht zu erhalten. Verstöße gegen Demonstrationsauflagen, Majestätsbeleidigung, Geheimnisverrat in der Presse, Verschwörung zu terroristischen Aktivitäten usw. Dazu kommen dann haarsträubende Eingriffe in die persönliche Freiheit des Bürgers, z.B. das in einigen Staaten übliche Verbot, Alkohol auf freien Plätzen zu genießen. Ein zweiter Themenkomplex sind Drogen. Menschen werden in der so genannten freien Welt noch immer dafür ins Gefängnis gesteckt, dass sie nichts anderes verbrochen haben als sich selbst zu schädigen.

Frage: Und Eigentumsdelikte?

Moro: Wenn Sie die Zahl der Eigentumsdelikte verringern wollen, sorgen Sie zunächst für Gerechtigkeit. Verringern Sie vor das Volumen des im Überfluss vorhandenen Privateigentums und sorgen Sie dafür, dass ein beträchtlicher Anteil am Eigentum Gemeinschaftseigentum ist.

Frage: Wie erklären Sie es sich dann die einhellige Meinung von Experten aus aller Welt, dass der Verzicht auf den staatlichen Strafanspruch ein unkalkulierbares Risiko für eine Gesellschaft darstellen würde?

Moro: Unser einseitiges Belohnungssystem birgt ein gewisses Restrisiko, dass es zu Ungerechtigkeiten kommen kann. Dies gilt allerdings für das alte Strafsystem nicht weniger. So viel Schaden, wie durch das unmenschliche Gefängnissystem tagtäglich verursacht wird, können wir mit unserem Belohnungssystem gar nicht anrichten. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gern Oscar Wilde: „Wenn man die Geschichte erforscht, dann wird man völlig von Ekel erfüllt, nicht wegen der Taten der Verbrecher, sondern wegen der Strafen, die die Guten auferlegt haben.“

Frage: Da ist was dran, aber soll der Staat deshalb dem Schaden, den Verbrecher anrichtet, tatenlos zusehen? Wo bleibt die Solidarität mit den Opfern?

Moro: Wir respektieren den Schmerz und den Verlust der Opfer und tun für deren psychische Betreuung mehr als die meisten anderen Länder. Wir fühlen uns allerdings dem Wohl der Opfer verpflichtet, nicht deren Rachegelüsten, und das beste, was man zugunsten der Opfer tun kann, ist, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, dass Menschen zu Opfern und Tätern werden.

Frage: Und das wollen Sie schaffen, indem Sie auf Abschreckung völlig verzichten!?

Moro: Wenn Abschreckung Verbrechen abschaffen würde, hätten wir längst eine vollkommene Welt. Sehen Sie, manche Verbrechen kann man bis zu einem gewissen Grad wieder gut machen, und unser System macht reuigen Tätern diesbezüglich Angebote. Manche Taten kann man allerdings leider nicht rückgängig machen. Das erzeugt Hilflosigkeit, die die meisten Menschen nicht ertragen können. Und so suchen sie ihrer Verzweiflung Luft zu machen, indem sie ein Mittel wählen, das völlig untauglich ist, diesen Schmerz zu heilen: Sie lassen den Verursacher des Geschehens leiden. Dadurch geschieht aber nichts anderes, als dass das Leiden verdoppelt wird.

Frage: Opfer empfinden es oft als Entlastung, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Die Vorstellung, dass der Schuldige – z.B. bei einem Autounfall – frei herumläuft und sich seines Lebens freut, ist für viele unerträglich.

Moro: Glauben Sie denn im Ernst, dass sich ein Unfallverursacher nach der Tat „seines Lebens“ freut? Ich denke, wenn er nur ein bisschen sensibel hat, wird er seines Lebens nicht mehr froh. In den Wochen und Monaten nach der Tat durchläuft so ein Unglücksrabe meist einen Prozess der Reue und der Selbsterkenntnis. Für diesen inneren Prozess ist es äußerst schädlich, wenn die Justiz einen Menschen über Jahre durch Strafmaßnahmen an seine Vergangenheit fesselt und ihm die Zukunft verbaut. Unser Motto ist immer: „Frage nicht, was jemand getan hat. Frage lieber, was er hätte werden können.“

Frage: Sie zeichnen da ein reichlich idealisiertes Bild von den Tätern. Es gibt nicht nur Menschen, die nach ihrer Tat Reue empfinden.

Moro: Ja, aber ich bitte Sie, solche Menschen sind doch krank. Wer ein Kind überfährt und dabei nichts empfindet, der gehört in Behandlung – nicht in eine Bestrafungsmaschinerie, die ihn dazu zwingt, nur noch mit anderen Kranken zusammen zu sein und die ihn noch kränker macht als er es ohnehin ist. Was in so einem Fall allein zählt, ist, den Schaden zu begrenzen, auf Opfer- und Täterseite Heilung zu bewirken und eine Wiederholung möglichst unwahrscheinlich zu machen.

Frage: Das heißt konkret?

Moro: Zunächst gibt es bei uns eine Art „Schuld-Coaching“, eine therapeutische und potenzialorientierte Betreuung. Zweitens sind konkrete Angebote zum Schadensausgleich notwendig, die dem Täter unterbreitet werden, ohne ihn zugleich seiner Würde zu berauben. Man muss den schuldig Gewordenen sagen: Wenn du das tust, hast du ebenso viel Nützliches geleistet, wie du Schaden angerichtet hast. Drittens muss der Täter in jeder Phase der Verarbeitung von seiner Umwelt mit eben dem Respekt behandelt werden, den er seinem Opfer vielleicht in konkreten Fall verweigert hat. Man darf ihn nicht als „von Natur aus böse“ behandelt, sondern als jemanden, der das Potenzial zur Umkehr besitzt. Viertens müssen wir alle dafür sorgen, dass die Bedingungen, unter denen die Tat geschehen konnte, so verbessert werden, dass sie sich nicht wiederholen kann. Im manchen fällen ist die Tat ein Warnlicht, das eine ganze Gesellschaft zur Umkehr mahnt. Brecht sagte: „Wir nennen den Fluss böse, der über die Ufer tritt, aber das Ufer, das ihn begrenzt, nennt niemand böse“.

Frage: Aber man wird nie erreichen können, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft dem Gesetz zustimmen. Man kann von der Minderheit der Unzufriedenen zumindest verlangen, dass sie sich aus Respekt vor der Mehrheit ruhig verhalten.

Moro: Sie können dies hoffen, aber sie können es nicht erzwingen, jedenfalls nicht, ohne eben jene Prinzipien zu opfern, auf denen das Gemeinwesen aufgebaut ist: Freiheit, Würde und Selbstbestimmung. Hier kommen wir zu einem wesentlichen Punkt: Nirgendstein ist überwiegend auf dem Prinzip der Freiwilligkeit aufgebaut. Die Zustimmung zu unserem Sozial- und Justizsystem erfolgt aus freien Stücken, und wir sind als System stabil genug, um die wenigen Ausnahmen zu tolerieren. Das Justizsystem der alten Welt basiert auf der Vergewaltigung derer, die diesem Rechtssystem nicht oder nicht in allen Punkten zustimmen. Wenn sich Delikte auf einem bestimmten Feld häufen, reagiert Ihr mit dem Ruf nach mehr Polizeiknüppeln und mehr Gefängniszellen. Wir überlegen uns dann eher, ob ein Gesetz, das so viele Bürger als nicht zumutbare Einschränkung ihres Freiraums empfinden, nicht abzuschaffen wäre.

Frage: Aber das ist doch eine Gutwetter-Philosophie! Sie funktioniert, solange die Kriminalitätsrate nicht eskaliert.

Moro: Eine hohe Kriminalitätsrate ist immer auch die Folge eines Versagens der Staatsmacht. Sie zeigt, dass der Staat eigentlich nicht zu seinem Volk passt, und dieses ist ja in der Demokratie der Souverän, also liegt die Notwendigkeit, sich anzupassen, auf der Seite des Staates, oder nicht? Die Tatsache, dass Regelverletzungen bei uns nicht bestraft werden, ermöglicht dem Volk endlich eine ehrliche Stellungnahme zu dem betreffenden Gesetz. Es ist sozusagen eine Abstimmung mit den Füßen: Kommt das Gesetz beim Volk an oder eher nicht?

Frage: Das ist schlüssig bei kleinen Vergehen wie Parksünden, aber nicht bei Mord und Totschlag …

Moro: Sie fokussieren sich sehr stark auf extreme Ausnahmen. Wir aber gehen davon aus, dass der Staat nicht das Recht hat, eine ganze Gesellschaft mit Blick auf die wenigen möglichen negativen Abweichungen zu terrorisieren. Es gibt ja in den meisten Staaten auch mächtige Interessengruppen, denen daran gelegen ist, das Zerrbild, des zutiefst bösen, unbelehrbaren Extremtäters an die Wand zu malen.

Frage: Von welchen Interessen sprechen Sie?

Moro: Das Justiz- und Justizvollzugssystem in der alten Welt ist von Straftätern in ähnlicher Weise abhängig wie das Gesundheitssystem von den Kranken. Beide Sparten nähren sich vom Leid und von der Fehlbarkeit der Menschen. Der größte Alptraum für einen Richter wäre das plötzliche Ausbleiben jeglicher krimineller Energie. Anders herum: So lange noch ein einziger Bürger frei herum läuft, besteht für die Gefängnisindustrie noch Wachstumspotenzial.

Frage: Gefängniswärter und Richter profitieren vielleicht vom Verbrechen, aber sie „machen“ es doch nicht!?

Moro: Es besteht ein eher indirekter Zusammenhang. In der alten Welt ist das Verbrechen sozusagen das Brennmaterial, ohne dessen beständige Erneuerung das Feuer des ganzen Justizapparats erlöschen würde. So besteht die Tendenz, einen immer größeren Teil der menschlichen Verhaltenspalette zu Verbrechen zu erklären, den Bezirk des Erlaubten immer weiter zusammenschrumpfen zu lassen. Denn dieser Lebensbereich ist, das Erlaubte, stellt ja die größte Bedrohung für das ökonomische Florieren der Justizbranche dar.

Frage: Und wie sollten wir dieses Problem lösen?

Moro: Es muss eine Berufsgruppe geben, die sich mit der Verbrechensprävention befasst und ein garantiertes Einkommen bezieht, selbst für den Fall dass das Verbrechen völlig ausstirbt. In diesem Fall besteht das Verdienst der Behörde für Verbrechensprävention gerade darin, dass sie ihr Ziel vollständig erreicht hat, und wir werden sie dann eben gerade nicht auflösen, da wir ja sicher stellen wollen, dass sie ihre erfolgreiche Arbeit fortsetzt. Vergessen Sie auch nicht, wie viele zusätzliche Arbeitsplätze wir durch den Belohnungsvollzug schaffen!

Frage: Ist denn Ihre Bevölkerung wirklich einverstanden mit dem neuen Recht? Ich könnte mir vorstellen, dass es massive Proteste dagegen gibt, dass „Verbrecher frei herum laufen“.

Moro: Die Frage ist berechtigt. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Schuldzuweisungen seelische entlastend wirken. Diese Entlastungsfunktion fällt in einem Belohnungssystem weg. Wenn Sie auf jemanden mit dem Finger zeigen können und „Du bist schuld“ sagen, dann lenken Sie damit von einem quälenden Zweifel in ihrem Inneren ab, der Ihnen sagt: „Ich bin schuld“.

Frage: Moment, ich habe sicher schon Schuld auf mich geladen, aber ich habe noch keinen Menschen ermordet.

Moro: Ihre naive Meinung, Sie könnten nicht zum Mörder werden, ist so viel wert wie die im Brustton der Überzeugung ausgesprochene Behauptung eines Achtjährigen, er würde nie in seinem Leben ein Mädchen küssen, weil das eklig wäre. Dieser Junge kennt noch nicht die Macht der Sexualität, und Sie kennen noch nicht die Macht mörderischer Aggression.

Frage: Dennoch bezweifle ich, dass man eine Gesellschaftsordnung auf „Gnade“ aufbauen kann.

Moro: Warum nicht? Teilweise passiert das ja schon, auch in Ihrem Land. Manager, die massiv Steuern hinterzogen haben, Banker, die ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben, Politiker, die die Verfassung brechen oder sich mit völkerrechtswidrigen Angriffskriegen solidarisieren – all dies wird von der Justiz mit einem Mantel der „Gnade“ zugedeckt. Um nun Gerechtigkeit herzustellen, hat der Staat zwei Alternativen. Er kann eine strenge Bestrafung dieser Politiker fordern, oder er kann aufhören, die „kleinen Leute“ zu strafen. Wir haben uns für die zweite Lösung entschieden.

Frage: Wenn ein Strafsystem, wie Sie andeuten, den Schatten „anständiger Bürger“ auf die Bestraften projiziert, welche Funktion hat dann ein Belohnungssystem?

Moro: Unser Belohnungssystem bringt endlich den „lichtvollen Schatten“ der Menschen ans Tageslicht bringt: die Vielzahl der sonst unbeachteten kleinen und großen „guten Taten“. Wenn Sie unser Archiv mit zur Anzeige gebrachten Belohnungstaten einmal für einen halben Tag durchblättern würden, dann wären Sie gerührt, in welchem Ausmaß Menschen liebenswert, hilfsbereit und gütig sein können. Es wird sehr viel darüber geklagt, wenn irgendein Übeltäter einmal „ungestraft“ davon kommt. Tatsächlich ist es aber ein weit größerer Skandal, dass die meisten Staaten der Welt all diese wunderbaren Menschen unbelohnt davon kommen zu lassen. Ein Staat, der nicht fähig ist, zu würdigen, hat sein Recht verspielt, zu strafen. Tatsächlich bleibt selbst im strengsten Überwachungsstaat das Böse oft unbemerkt. Das Gute dagegen bleibt immer unbemerkt. Deshalb kann es nicht wachsen, weil es im Schatten verkümmert wie eine Pflanze, die kein Sonnenlicht bekommt.  (Quelle - Roland Rottenfusser)

 

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Eduardo Galeano (1940-)

DAS BEKENNTNIS DER BOMBEN - 1999

1. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in der NATO entladen eine Sintflut von Raketen auf Jugoslawien bzw. das Wenige, das von Jugoslawien geblieben ist. Nach offizieller Lesart setzen sich die Angreifer für die Rechte des albanischen Volkes im Kosovo ein, das Opfer der "ethnischen Säuberung" durch die Regierung Milosevic ist. Nach Aussagen von Präsident Clinton, konnten die westlichen Demokratien angesichts dieser "unannehmbaren humanitären Katastrophe" nicht die Arme verschränken. Die fürchterlichste "ethnische Säuberung" und die aller "unannehmbarste humanitäre Katastrophe" der Geschichte der Amerikas im 20.Jahrhundert geschah in den letzten Jahrzehnten in Guatemala, vor allem in den 80er Jahren. Die guatemaltekischen Indigenas waren die Hauptopfer dieses Massakers: es gab hundertmal mehr Tote als in Kosovo und doppelt so viele Vertriebene. Während seiner letzten Reise nach Mittelamerika hat Präsident Clinton um Vergebung gebeten für die Unterstützung, die sein Land den Schlächtern der Indigenas gab, den Militärs, die von den Vereinigten Staaten ausgebildet, bewaffnet und beraten worden waren. Warum verlangt Clinton nicht von Milosevic, diese erfolgreiche Doktrin des Händewaschens ebenfalls anzuwenden? Die Bombardierungen könnten im Tausch für eine förmliche Verpflichtung eingestellt werden, sagen wir 2012 oder 2013 die Leichen im Kosovo um Vergebung zu bitten, womit alles gut wäre, die Angelegenheit erledigt, die Sünde gesühnt. Und weiter mit dem Morden.

2. Der US-Präsident war in einen Sex-Skandal verwickelt und Robert de Niro und Dustin Hoffman erfanden einen Krieg, um die Aufmerksamkeit des werten Publikums abzulenken. In dem Film "Wag the dog" wurde dieser fiktive Krieg im Namen der Rettung des albanischen Volkes geführt. Jetzt wird der Film mit anderen Mitteln fortgesetzt, wiederum im Namen der Rettung des albanischen Volkes. So ist das im Kino: die Flugzeuge, die aussehen, als ob sie aus Hollywood kämen, starten und Nacht für Nacht gehen Feuerwerke am Himmel über Jugoslawien hoch. Wie bei den Bombardierungen Iraks gehören Bilder von den toten Feinden nicht zu dem Spektakel; und eigene Tote gibt es keine. Solange die Angriffe aus der Luft stattfinden, wird dieser Krieg weiter vorgeben, ein virtueller zu sein. Würden die Truppen auf dem Boden einmarschieren und kämen die ersten Helden in Särgen in die angreifenden Länder zurück, wäre das eine ganz andere Geschichte.

3. Derweil feiert die NATO ganz gross ihren 50.Geburtstag. Die Tassen hoch! Das ist die teuerste Geburtstagsfeier der Geschichte: ohne den Wert der Leben und der Güter mit zu rechnen, die in Jugoslawien vernichtet werden, denn schliesslich gibt es keinen Feind, der sein Unglück nicht verdiente. Jede Bombennacht kostet 330 Millionen US-$. Nach einer Berechnung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30.März haben die Vereinigten Staaten in der ersten Nacht dieses Krieges soviel Geld ausgegeben wie die gesamte Hilfe ausmacht, die Clinton den mittelamerikanischen Ländern versprochen hat, die vom Hurrikan Mitch zerstört worden sind. Nicht umsonst. Einige fragten schon, zu was die NATO zu gebrauchen sei, nachdem die kommunistische Bedrohung in Osteuropa verschwunden war. Der Geschäftsführer des Unternehmens, Javier Solana, hat es übernommen, solche Zweifel zu zerstreuen. Vor zwanzig Jahren hat Solana "Nein zur NATO!" geschrieben, vor zehn Jahren sagte er, als der Krieg der USA gegen den Irak begann, namens der spanischen Regierung den historischen Satz: "Wir sind benachrichtigt worden, aber nachträglich." Und jetzt erklärt er uns, dass die NATO "den Frieden verteidigt" - für eine Million US-$ pro Rakete.

4. Die Grossmächte praktizieren das Verbrechen und empfehlen es. Niemand hat das Gesetz so häufig gebrochen. Bomber-Staaten lachen über das internationale Recht und über das eigene Gründungsdokument der NATO. Gegen einen blutigen Diktator wie Milosevic, sagen sie uns, ist alles erlaubt, auch das Verbotene. Gegen Milosevic? Im Fernsehen sieht man den sogenannten Hitler des Balkans jedenfalls gesund und munter. Wer leidet, das sind die Leute. Auch die Kriege gegen den Irak, die alle Gesetze, die es je gab und die es je geben wird, verletzt haben, sind mit der Notwendigkeit gerechtfertigt worden, Saddam Hussein zu stürzen. Die Jahre Vergehen, eine Bombardierung nach der anderen, und der sogenannte Hitler des Mittleren Ostens regiert weiter, als ob nichts geschehen wäre. Wie viele IrakerInnen sind dagegen gestorben? Nach offiziellen Angaben der Vereinigten Staaten (US Bureau of the Census, Januar 1992) sind 145.000 IrakerInnen und 124 US-AmerikanerInnen im Krieg von 1991 gefallen. Wie viele mehr leiden unter der Blockade, die theoretisch den Diktator zu Fall bringen soll? Wie viele werden vom Hunger bestraft, der von den internationalen Wirtschaftssanktionen erzwungen wird? Nach dem letzten Bericht des Roten Kreuzes hat sich in diesem Jahrzehnt die Anzahl der Kinder, die mit Untergewicht auf die Welt kommen, versechsfacht.

5. Und wenn es doch wahr wäre, dass die "ethnischen Säubrungen" der NATO das Herz zerreissen? Das jedes Mittel recht ist, um die bedrohten Minderheiten vor der Ausrottung zu schützen? Das wäre bewegend. Aber wenn dem so ist, weshalb bombardiert die NATO dann nicht die Türkei? Praktiziert die Türkei nicht die systematische Säuerung des kurdischen Volkes? Weshalb verdient Jugoslawien Bestrafung und die Türkei Beifall? Vielleicht weil die Türkei zur Familie gehört, ein Mitgliedsland der NATO ist; oder vielleicht mehr noch, weil die Türkei einer der wichtigsten Kunden der westlichen Rüstungsindustrie ist.

6. Dieser Krieg ist wie alle Kriege ein gigantisches Schaufenster für die Ausstellung und den Verkauf von Waffen. Die F-117 (Tarnkappenbomber), die ihre zerstörerische Karriere mit der Ermordung von PanameñerInnen Ende 1989 begonnen hat, ist nach wie vor der Star. Ein Stolpern gibt es in jeder Karriere, nicht alle Werbekampagnen sind erfolgreich: ausgerechnet ein Exemplar dieser angeblich unsichtbaren Wunderwaffe hat sich sehen lassen und ist abgeschossen worden. Das hat die US-amerikanischen SteuerzahlerInnen 45 Millionen US-$ gekostet, abgesehen vom Wert der Waffen, die der Vogel mit sich führte.

7. Dieser Krieg dient wie alle Kriege dazu, die Militärausgaben zu rechtfertigen. Die grossen Westmächte, die bis an die Zähne bewaffnet sind, brauchen Kunden und sie brauchen Feinde. Vor gar nicht langer Zeit, Anfang diesen Jahres, als der zweite Krieg gegen den Irak zu Ende ging, warnten die Generäle des Pentagon: Unser Vorrat an Raketen geht zu Ende. Sofort kündigte Präsident Clinton an, dass er den riesigen Kriegshaushalt, der 15% des gesamten US-Staatshaushaltes ausmacht und, niemand weiss weshalb, Verteidigungshaushalt genannt wird, um 12 Millionen US-$ aufstocken würde.

8. Die NATO entstand als bewaffneter Arm der Vereinigten Staaten in Europa. Obwohl Russland niemanden mehr bedroht, wächst die NATO weiter und mit ihr wachsen die Hegemonie Washingtons und der Markt für die US-amerikanische Rüstungsindustrie. Um gute Führungszeugnisse zu bekommen, sind Polen, Ungarn und die Tschechische Republik der NATO beigetreten und Käufer von neuen Waffen in den USA geworden. Die Bösen von gestern beweisen, dass sie die Guten von heute sind, indem sie ihre Kriegsarsenale erneuern, um das Operationsniveau zu erreichen, das die NATO fordert. Damit der US- Kongress zustimmt, schmieren die Lockheed Corporation und andere Industrien des Todes die Abgeordneten ganz legal.

9. Neulich hat es in Grossbritannien einen Skandal gegeben. Es wurde bekannt, dass die berühmtesten Universitäten, die frömmsten Wohltätigkeitsorganisationen und die wichtigsten Krankenhäuser die Pensionsfonds ihrer Angestellen in der Rüstungsindustrie investieren. Die Verantwortlichen für die Bildung, die Wohltätigkeit und die Gesundheit erklärten, dass sie ihr Geld in den Firmen investieren, die die höchsten Gewinne machen und dass dies eben genau die Unternehmen der Rüstungsindustrie sind. Ein Sprecher der Universität von Glasgow hat es ganz klar ausgedrückt: "Wir treffen keine moralischen Entscheidungen. Uns interessiert, ob die Investitionen rentabel sind, nicht ob sie ethisch sind. "Wenn die Bomben, die auf Jugoslawien fallen, nicht nur explodieren und töten, sondern auch sprechen könnten, würden sie dann die Wahrheit bekennen? "Ihr Herren Bomben, seid Ihr die tödlichen Instrumente des Guten?" - "Bitte ein wenig mehr Respekt, mein Herr, wir sind ein gutes Geschäft."

La Jornada, 10. April 1999

 

HILFE, HERR DOKTOR, ICH FINDE KEINEN SCHLAF! - 2000

Sechs Fliegen brummen in meinem Schädel und lassen mich nicht schlafen. Der Schwarm ist in Wahrheit viel grösser, aber ich sage sechs, um mich kurz zu fassen. Nun beschreibe ich einige der Ängste, die mich nachts plagen. Absolut kein Fliegendreck, wie man gleich sehen wird. Immerhin geht es um das Schicksal der ganzen Welt.

1. Wird die Welt ohne Lehrer auskommen müssen?

Nach einem Bericht der Zeitung The Times of India gibt es in der Stadt Muzaffarnagar, im Westen des Bundesstaates Uttar Pradesh, eine Schule des Verbrechens, die sich grosser Beliebtheit erfreut. Dort wird den Jugendlichen eine Ausbildung auf höchstem Niveau geboten, dank derer man leicht zu Geld kommen kann. Einer der drei Direktoren, der Pädagoge Susheel Mooch, leitet einen Speziallehrgang, in dem neben anderen Fächern die Gegenstände Menschenraub, Erpressung und Hinrichtung unterrichtet werden. Seine beiden Kollegen widmen sich eher herkömmlichen Lernstoffen. Für alle Klassen sind Praktika vorgeschrieben. Zum Beispiel wird das Fach Diebstahl auf Autobahnen und Landstrassen auch ausserhalb des Schulgebäudes gelehrt: Die Schüler müssen in geduckter Stellung vom Strassenrand aus einen Metallgegenstand auf das von ihnen gewählte Auto werfen. Sobald der Fahrer auf das Geräusch aufmerksam geworden ist und den Wagen anhält, fallen die Schüler unter Aufsicht der Lehrkraft über ihn her. Laut Auskunft der Direktoren erfüllt die Schule ein Bedürfnis des Marktes und eine soziale Funktion. Der Markt verlangt eine immer höhere Spezialisierung auf dem Gebiet des Verbrechens, und die Erziehung zum Kriminellen ist die einzige, die den Jugendlichen eine gutbezahlte und dauerhafte Arbeit garantiert. Ich fürchte sehr, sie haben Recht. Und mich schreckt die Vorstellung, dass das Beispiel in Indien und überall sonst auf Erden Nachahmer finden könnte. Was wird, frage ich mich, aus den armen Lehrern in den traditionellen Schulen, die schon jetzt mit Hungerlöhnen und dem geringen oder gänzlich fehlenden Interesse ihrer Schüler bestraft sind? Wie vielen Lehrern wird es gelingen, sich umschulen zu lassen und den Erfordernissen der modernen Gesellschaft gerecht zu werden? In meinem Bekanntenkreis ist keiner dazu imstande. Ich weiss mit Sicherheit, dass sie unfähig sind, auch nur einer Fliege etwas zu Leide zu tun, und ihr Talent reicht nicht einmal aus, um eine allein stehende lahme alte Frau zu überfallen. Was werden diese Nichtsnutze in der Welt von morgen unterrichten?

2. Wird die Welt ohne Präsidenten auskommen müssen?

Man sagt, sagt man, sagte jemand, dass der Präsident eines lateinamerikanischen Staates eines Tages nach Washington fuhr, um die Auslandsschulden neu zu verhandeln. Nach seiner Rückkehr gab er den Bürgern seines Landes eine gute und eine schlechte Nachricht bekannt: "Die gute Nachricht ist die, dass unsere Schulden bis auf den letzten Centavo getilgt sind. Die schlechte, dass alle Einwohner unser Land binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müssen." Die Länder gehören ihren Gläubigern. Die Schuldner schulden Gehorsam. Und gutes Benehmen zeigt man, indem man den Sozialismus praktiziert, aber den verkehrten Sozialismus, bei dem die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden. "Wir machen brav unsere Hausaufgaben." Diesen Satz habe ich, binnen weniger Monate, von Carlos Menem, damals noch Präsident Argentiniens, und von seinem mexikanischen Kollegen Ernesto Zedillo vernommen. Bei dem Tempo, das wir vorlegen, wird bald auch die Luft privatisiert sein, und dann werden die Experten eintreffen und erklären, dass diejenigen, die Luft gratis verbrauchen, ihren Wert nicht zu schätzen wissen und es deshalb nicht verdienen zu atmen. Alles oder fast alles ist privatisiert, beispielsweise in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko. In diesen Ländern hiess es, um die Auslandsverschuldung loszuwerden, müsse eben privatisiert werden - und heute sind ihre Schulden doppelt so hoch wie vor zehn Jahren. Und das ist ein weiterer Grund meiner Angstzustände: Ich ahne, dass die Gläubigerbanken eines Tages die Präsidenten rauswerfen und dass dann die Bankiers deren Platz einnehmen, mit der Losung: Schluss mit den Mittelsmännern! Und Nacht für Nacht wälze ich mich im Bett und frage mich, was aus all diesen Leuten werden soll. Wo wird eine so hoch qualifizierte Arbeitskraft wohl unterkommen? Werden die Präsidenten jeden Job annehmen? Vor McDonalds steht schon eine lange Schlange Arbeitssuchender.

3. Wird die Welt ohne Gesprächsstoff auskommen müssen?

Die spektakuläre Entwicklung der Technologie hat es ermöglicht, dass alle globalen Weltbürger mehr als 365 Tage lang, das ganze Jahr 1998 hindurch und sogar noch 1999, voller Spannung das grosse Ereignis des ausgehenden Jahrhunderts verfolgen durften: die sexuellen Heldentaten der Monica Lewinsky im ovalen Saal des Weissen Hauses. Die globalisierte Lewinskysierung hat es jedem von uns, noch im entlegensten Winkel der Welt, gestattet, noch am kleinsten Detail dieses wahren Menschheitsepos als Leser, Zuseher und -hörer teilzuhaben. Die grossen Kommunikationsmedien haben uns tausende Möglichkeiten geboten, zwischen ein und demselben Thema zu wählen. Aber das ist vergangen, so wie das Alte Griechenland und das Römische Reich vergangen sind, und seither wissen die grossen Zeitungen, die riesigen Fernsehkanäle und Rundfunkanstalten nicht mehr, worüber sie berichten sollen. Ich hatte die Hoffnung, dass ein weiteres Sexgate ausbrechen würde, als mir jemand erzählte, er habe aus gut informierten Kreisen erfahren, Aussenministerin Madeleine Albright werde den Präsidenten wegen sexueller Belästigung verklagen. Aber dann habe ich nie mehr was darüber gehört, und ich werde den Verdacht nicht los, dass es sich um ein gemeines Gerücht gehandelt hat, unwürdig, im Mittelpunkt universeller Aufmerksamkeit zu stehen. Auch das raubt mir den Schlaf, jetzt, wo die Journalisten sich soziale Kommunikatoren nennen: Was werden sie der Gesellschaft kommunizieren? Wovon werden sie ihren Lebensunterhalt bestreiten? Noch eine Menge Arbeitsloser, die auf der Strasse landen?

4. Wird die Welt ohne Feinde auskommen müssen?

Die Vereinigten Staaten und ihre Bündnispartner in der Nato haben schon seit geraumer Zeit keinen Krieg mehr fabriziert. Die Todesindustrie wird langsam nervös. Die ungeheuren Militärausgaben bedürfen ihrer Rechtfertigung, und die Waffenproduzenten finden keine Gelegenheit, ihre neuen Modelle vorzustellen. Gegen wen wird sich der nächste humanitäre Einsatz richten? Wer wird der nächste Feind sein? Wer wird im nächsten Film den Bösewicht geben, wer den Satan in der kommenden Hölle? Das macht mir grosse Sorgen. Ich habe nachgelesen, welche Gründe angeführt wurden, um den Irak und Jugoslawien zu bombardieren, und bin zum alarmierenden Schluss gekommen, dass es ein Land gibt, ein einziges, das alle Voraussetzungen erfüllt, alle, wirklich alle, um in Schutt und Asche gelegt zu werden. Dieses Land ist der Hauptverursacher für die Instabilität der Demokratie auf dem ganzen Planeten, aufgrund seiner alten Gewohnheit, Staatsstreiche und Militärdiktaturen zu fabrizieren. Dieses Land stellt eine Gefahr für seine Nachbarn dar, die es seit jeher häufig überfällt. Dieses Land produziert, lagert und verkauft die grösste Menge an chemischen und bakteriologischen Waffen. In diesem Land gibt es den weltweit grössten Drogenmarkt, und in seinen Banken werden Milliarden Dollar aus dem Drogengeschäft weissgewaschen. Die nationale Geschichte dieses Landes ist ein langer Krieg ethnischer Säuberung, zuerst gegen die Ureinwohner, dann gegen die Schwarzen; und dieses Land ist, erst vor ein paar Jahren, hauptverantwortlich für einen ungehemmten Völkermord gewesen, bei dem 200 000 Guatemalteken ausgerottet worden sind, zum überwiegenden Teil Maya-Indianer. Werden sich die Vereinigten Staaten selbst bombardieren? Werden sie sich selbst überfallen? Werden sie so konsequent sein und gegen sich so vorgehen, wie sie gegen andere vorgehen? Tränen benetzen mein Kissen. Gott möge ein solches Unglück von dieser grossen Nation abwenden, die niemals bombardiert worden ist.

5. Wird die Welt ohne Banken auskommen müssen?

Am 14. Dezember 1998 veröffentlichte das Wochenmagazin Time den Bericht des US-Kongresses über das Verschwinden von 100 Millionen Dollar, die aus dem Rauschgifthandel in Mexiko stammten. Der Parlamentsausschuss, der die Angelegenheit untersucht hat, kam zu dem Ergebnis, dass es die Citibank war, die jenen märchenhaften Drogenschatz durch fünf Länder gelotst sowie Phantomfirmen und Phantasienamen erfunden hatte, um jede Spur zu verwischen. Die nordamerikanischen Gefängnisse, die weltweit am meisten bevölkerten, sind voll mit jungen, armen, schwarzen Drogensüchtigen; aber die Citibank, leuchtender Stern am Firmament der Finanzwelt, wurde nicht eingesperrt. Ehrlich gesagt ist auch niemand auf die Idee gekommen. Trotzdem, die Lektüre des Untersuchungsberichts hat mich nachdenklich gemacht. Es stimmt zwar, dass diese grosse Bank weiterhin in Freiheit wachsen und gedeihen kann. Und dass die Seife Citibank, das Waschpulver Banque Suisse, der Fleckenlöser Bahamas und viele andere Marken, die in den besten Weisswaschsalons verwendet werden, nach wie vor Rekordverkäufe auf dem Weltmarkt für Reinigungsartikel erzielen, und zwar völlig unbehelligt. Aber ich kann nicht anders, ich muss an die Gefahr denken, die da lauert. Was würde geschehen, wenn man eines schönen Tages aufhörte, die Drogenindustrie mit einem Krieg gegen die Drogensüchtigen zu bekämpfen, der die Opfer bestraft? Wenn also die Waffen ihr Ziel änderten, weiter nach oben gerichtet würden? Was würde jetzt, wo die Wirtschaft verstorben ist und nur die Finanzen existieren, aus einer Welt ohne Banken? Und was aus dem armen Geld, wenn es dazu verurteilt ist, durch die Strassen zu streunen, wie die Obdachlosen? Beim blossen Gedanken daran krampft sich mein Herz zusammen.

6. Wird die Welt ohne Welt auskommen müssen?

Irgendwann im Oktober 1998, mitten im Zeitalter Lewinsky, stiess ich auf eine unbedeutende Notiz, die am unteren Rand auf irgendeiner Seite irgendeiner Zeitung versteckt war. Drei Umweltorganisationen - WWF International, New Economics Foundation und World Conservating Monitoring Centre - hatten herausgefunden, dass die Welt in den letzten dreissig Jahren fast ein Drittel ihrer natürlichen Reichtümer verloren hat. Das sei die grösste Umweltkatastrophe seit der Zeit der Dinosaurier, und die Wiederbeschaffung der ausgerotteten Pflanzen und Tierarten würde nicht weniger als fünf Millionen Jahre in Anspruch nehmen. Seit ich diese kleine Notiz gelesen habe, hat eine neue Unruhe von mir Besitz ergriffen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Pflanzen und Tiere einmal über uns das Jüngste Gericht halten werden. In meinen Wahnvorstellungen sehe ich uns alle vor Anklägern stehen, die mit Pfote oder Zweig auf uns deuten: "Was haben Sie aus diesem Planeten gemacht? In welchem Supermarkt haben Sie ihn gekauft? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, uns zu misshandeln und zu vernichten?" Und ich sehe ein Hohes Gericht aus Gewürm und Kraut, das die Spezies Mensch zu ewiger Verdammnis verurteilt. Werden wir zu Recht für unsere Sünden büssen? Werde ich meine Ewigkeit in der Hölle absitzen, in Gesellschaft erfolgreicher Unternehmer, die den Planeten ausgelöscht haben, und ihrer bestechlichen Politiker und Kriegsführer und Marketingexperten, die Gift in grünem Cellophan verkaufen? Mich plagen kalter Schweiss und Schüttelfrost. Früher war ich der Meinung, das Jüngste Gericht sei eine Sache Gottes. Schlimmstenfalls würde ich einst auf dem ewigen Grill zusammen mit Massenmördern, Talkshowtanten und Literaturpäpsten geröstet werden. Heute kommt mir so ein Schicksal vergleichsweise harmlos vor.

August 2000

 

 

DAS THEATER VON GUT UND BÖSE - 2001

In dem Kampf zwischen Gut und Böse, sind es immer die Menschen die zu Opfer werden. Die Terroristen haben Arbeiter aus 50 Länder getötet, in New York und in Washington, im Namen des Guten gegen das Böse. Und, im Namen des Guten gegen das Böse, schwört Bush Rache: "Wir werden das Böse auf dieser Welt eliminieren," verkündet er. Das Böse eliminieren? Was würde aus dem Guten ohne das Böse werden? Es sind nicht nur religiöse Fanatiker die Feinde brauchen um ihren Irrsinn zu rechtfertigen. Die Waffenindustrie und das riesige Militärapparat der Vereinigten Staaten brauchen ebenfalls Feinde, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Gut und Böse, Böse und Gut, die Akteure wechseln Masken, Helden werden zu Monster, und die Monster werden zu Helden, je nachdem wie es jene verlangen, die das Drama schreiben.

Daran ist nichts Neues. Der deutsche Wissenschaftler Werner von Braun war böse als er die V-2 Raketen erfand, die Hitler auf London feuerte, aber er wurde an dem Tag gut als er seine Talente in die Dienste der Vereinigten Staaten stellte. Stalin war gut während des Zweiten Weltkrieges, und später böse, als er dazu überging, das Böse Imperium anzuführen. Während des Kalten Krieges schrieb John Steinbeck: "Vielleicht braucht die gesamte Welt Russen. Ich möchte wetten, dass sie auch in Russland Russen brauchen. Wahrscheinlich nennen sie sie dort Amerikaner." Später wurden die Russen gut. Jetzt sagt Putin auch: "Das Böse muss bestraft werden."

Saddam Hussein war gut, und die chemischen Waffen die er gegen die Iraner und Kurden einsetzte, waren gut. Später wurde er böse. Er wurde Satan Hussein genannt, als die Vereinigten Staaten - die Panama überfallen hatten - Irak überfielen, weil Irak Kuweit überfallen hatte. Bush der Vater führte jenen Krieg gegen das Böse an. Mit dem humanitären und mitfühlendem Geist den seine Familie charakterisiert, tötete er mehr als 100.000 Iraker, die meisten von ihnen Zivilisten. Satan Hussein ist immer noch das, was er war, aber dieser Menschheitsfeind Nr.1 ist auf die Kategorie Nr.2 abgesunken. Die Geissel der Welt heisst nun Osama bin Laden. Die Central Intelligence Agency (CIA) brachte ihm alles bei, was er über Terrorismus weiss: Bin Laden, von der US-Regierung geliebt und bewaffnet, war einer der grössten "Freiheitskämpfer" gegen den Kommunismus in Afghanistan. Bush der Vater war Vizepräsident, als Präsident Reagan sagte, dass diese Helden "das moralische Äquivalent zu den amerikanischen Gründerväter" seien. Hollywood stimmte dem Weissen Haus zu. Es war der Zeit, als Rambo 3 gedreht wurde: die afghanischen Muslims waren die guten Jungs. Jetzt sind sie die Bösesten der Bösen, in der Ära Bush' des Sohnes, 13 Jahre später.

Henry Kissinger war einer der ersten die auf die neue Tragödie reagierten. "Jene die ihnen Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung gestellt haben, sind genau so schuldig wie die Terroristen," urteilte er mit Worte, die Präsident Bush wenige Stunden später wiederholen sollte. Wenn das so ist, dann müsste man zuallererst Kissinger bombardieren. Er würde mehr Verbrechen für schuldig befunden werden als bin Laden und alle Terroristen auf der Welt verübt haben. Und in viel mehr Länder: im Dienste der verschiedenen U.S.-Regierungen, stellte er "Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung" für den Staatsterror in Indonesien, Kambodscha, Zypern, Iran, Südafrika, Bangladesh und in den südamerikanischen Länder, die unter dem Schmutzigen Krieg des Condor-Planes gelitten haben.

Am 11. September 1973, genau 28 Jahre vor den heutigen Flammen, brannte der Regierungspalast von Chile. Kissinger hatte Salvador Allendes Epitaph - und der chilenischen Demokratie - bestimmt, als er die Wahlergebnisse kommentierte: "Ich wüsste nicht, warum wir tatenlos zusehen sollten, wie ein Land marxistisch wird, bloss weil seine Bevölkerung unverantwortlich ist." Verachtung für den Willen des Volkes ist eins der vielen Aspekte, in denen Staatsterrorismus und privater Terrorismus miteinander konkurrieren. Nur um ein Beispiel zu liefern, die ETA, die im Namen der Unabhängigkeit des Baskenlandes Menschen ermordet, verkündete durch einen ihrer Sprecher: "Rechte haben nichts mit Mehrheiten und Minderheiten zu tun." Heimischer Terrorismus und hochentwickelter technologischer Terrorismus sind sich sehr ähnlich, der Terrorismus der religiösen Fundamentalisten und der Marktfundamentalisten, der der Verzweifelten und der der Mächtigen, der der freilaufenden Verrückten und der der uniformierten Professionellen. Alle teilen sie dieselbe Verachtung für menschliches Leben: die Mörder der 5000 Bürger unter den Trümmern der Zwillingstürme, die wie auf Sand gebaute Burgen zusammenbrachen, und die Mörder von 200.000 Guatemalteken, grösstenteils Indigenas, die ausgelöscht worden sind, ohne dass das Fernsehen oder die Presse der Welt ihnen auch nur die kleinste Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Sie, die Guatemalteken, wurden von keinem muslimischen Fanatiker geopfert, sondern von Terroristensoldaten, die von aufeinanderfolgenden US-Regierungen "Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung" erhalten haben.

All jene die in den Tod verliebt sind, teilen auch ihre Bessesenheit mit der Reduzierung sozialer, kulturellen und nationaler Konflikte auf militärische Begriffe. Im Namen des Guten gegen das Böse, im Namen der Einzigen Wahrheit, lösen sie alles indem sie zuerst töten und später fragen. Und auf diese Weise füttern sie letzten Endes den Feind den sie bekämpfen. Es waren die Greueltaten des Leuchtenden Pfades, die zu einem grossen Teil den Nährboden für Präsident Fujimori bereitet haben, der mit beachtlicher Unterstützung seitens des Volkes ein Terrorregime aufbaute, und Peru zum Preis einer Banane verkauft hat. Es waren die Greueltaten der Vereinigten Staaten im Mittleren Osten, die zu einem grossen Teil den Nährboden für den Heiligen Krieg des Terrorismus im Namen Allahs bereitet haben. Auch wenn der Anführer der Zivilisation nun zu einem neuen Kreuzzug drängt, ist Allah der Verbrechen die in seinem Namen verübt werden nicht schuldig. Letzten Endes hat Gott nicht den Nazi-Holocaust gegen Jehovah´s Gläubige befohlen, und es war nicht Jehovah der die Massaker von Sabra und Chatila, oder die Vertreibung der Palästinenser von ihren Ländern angeordnet hat. Sind Jehovah, Allah und Gott nicht drei Namen für die selbe Gottheit?

Eine Tragödie der Missverständnisse: Man weiss nicht länger, wer wer ist. Der Rauch der Explosionen ist Teil eines viel riesigeren Rauchschleiers, der uns am Sehen hindert. Von Rache zu Rache, zwingt uns der Terrorismus ins Grab. Ich betrachte ein kürzlich veröffentlichtes Photo: auf einer Mauer in New York hatte eine Hand geschrieben: "Auge um Auge lässt die Welt erblinden." Die Spirale der Gewalt erzeugt Gewalt, und auch Verwirrung: Trauer, Furcht, Intoleranz, Hass, Wahnsinn. In Puerto Alegre am Anfang dieses Jahres, warnte der Algerier Ahmed Ben Bella: "Dieses System, das schon Kühe wahnsinnig gemacht hat, treibt auch die Menschen in den Wahnsinn." Und die Wahnsinnigen, wahnsinnig im Hass, handeln genauso wie die Mächte, die sie schaffen. Ein drei Jahre altes Kind namens Luca, kommentierte neulich: "Diese Welt weiss nicht wo ihr Zuhause ist." Er sah sich eine Landkarte an. Er hätte sich eine Nachrichtensendung ansehen können.

La Jornada, 21. September 2001

 

 

DER KRIEG - 2003

Ich werde neugierig sein. Mitte letzten Jahres, als dieser Krieg noch ausgebrütet wurde, erklärte George W, Bush: "Wir müssen bereit sein, in jedwedem dunklen Winkel dieser Erde anzugreifen". Der Irak ist also ein "dunkler Winkel" dieser Erde. Glaubt Bush etwa, die Zivilisation sei in Texas entstanden und seine Landsleute hätten die Schrift erfunden? Hat er niemals von der Bibliothek von Niniwe gehört, nie vom Turmbau zu Babel, noch von den hängenden Gärten Babyloniens? Kennt er nicht mal eines der Märchen aus 1001 Nacht von Bagdad? Wer hat ihn zum Präsidenten des Planeten gewählt? Mich hat niemand an die Urnen gerufen, Sie etwa? Würden wir einen tauben Präsidenten wählen? Einen Mann, der unfähig ist auf etwas anderes zu hören, als auf das Echo seiner eigenen Stimme. Taub gegen den Donner von Millionen und Abermillionen Stimmen, die in den Strassen der Welt dem Krieg den Frieden erklären? Er war nicht einmal fähig, sich den liebevollen Rat von Günther Grass anzuhören. Der deutsche Schriftsteller verstand, dass Bush das Bedürfnis hatte, seinen Vater zu beeindrucken. Der empfahl ihm, einen Psychoanalysten aufzusuchen, statt den Irak zu bombardieren.

1898 erklärte Präsident William McKinley, Gott habe ihm den Befehl gegeben, die Philippinen zu behalten, um seine Einwohner zu zivilisieren und zu christianisieren. McKinley erklärte, er spräche während seiner mitternächtlichen Spaziergänge um das Weisse Haus mit Gott. Über ein Jahrhundert später erklärt Bush, Gott sei bei der Eroberung des Irak auf seiner Seite. Wann und wo ereilte ihn das göttliche Wort? Und warum hat Gott wohl so widersprüchliche Befehle an Bush und den Papst erteilt? Man erklärt den Krieg im Namen der internationalen Gemeinschaft, die den Krieg satt hat und, wie aus Gewohnheit, erklärt man den Krieg im Namen des Friedens. Es sei nicht wegen des Öls, sagen sie, wenn der Irak aber Radieschen produzierte, wem würde es dann wohl einfallen, in ihn einzufallen. Haben Bush, Cheney und die süsse Condoleezza Rice tatsächlich auf Ihre hohen Posten in der Öl-Branche verzichtet? Woher kommt der Groll Tony Blairs auf den irakischen Diktator? Es wird doch wohl nicht wegen der vor 30 Jahren von Saddam Hussein verstaatlichten britischen Irak Petroleum Company sein? Auf wie viele Ölquellen hofft José María Aznar bei der bevorstehenden Beuteteilung? Die Öl-trunkene Konsumgesellschaft hat panische Angst vor Entzugserscheinungen. Im Irak ist das schwarze Elixier am leichtesten zu fördern und womöglich sogar am reichhaltigsten vorhanden. Auf einer Friedensdemonstration in New York fragte ein Transparent: "Warum liegt unser Öl unter ihrem Sand?"

Die USA haben für die Zeit nach ihrem Sieg eine lange Besatzung angekündigt. Ihre Generäle werden sich darum kümmern, die Demokratie im Irak zu etablieren. Wird es eine Demokratie sein, wie jene, die sie Haiti, der Dominikanischen Republik oder Nicaragua geschenkt haben? Sie haben Haiti 19 Jahre lang besetzt und gründeten eine Militärherrschaft, die in der Diktatur François Duvaliers endete. Sie haben die Dominikanische Republik 9 Jahre lang besetzt und gründeten die Militärherrschaft, von Rafael Leónidas Trujillos. Sie haben Nicaragua 21 Jahre lang besetzt und gründeten die Diktatur der Familie Somoza. Die Dynastie der von den Marines auf den Thron gesetzten Somozas dauerte ein halbes Jahrhundert an, bis sie 1979 vom Volkszorn weggefegt wurde. Damals besprang Präsident Reagan sein Pferd und schickte sich an, sein von der Sandinistischen Revolution bedrohtes Land zu retten. Nicaragua, eines der ärmsten unter den armen Ländern, besass damals 5 Aufzüge und eine kaputte Rolltreppe. Reagan aber beschwor, Nicaragua sei eine Gefahr und während er sprach, zeigte das Fernsehen eine sich von Süden her langsam rot einfärbende Karte der Vereinigten Staaten, die eine bevorstehende nicaraguanische Invasion illustrieren sollte. Kopiert Bush Reagans Panik spähende Reden? Sagt er einfach dort Irak, wo Reagan Nicaragua sagte?

Die Zeitungen titelten am Vorabend des Krieges: "Die USA sind darauf vorbereitet, dem Angriff zu widerstehen" Die Verkaufszahlen von Isolierband, Gasmasken und Strahlenschutztabletten explodieren. Warum hat der Henker mehr Angst als das Opfer? Ist es auf kollektive Hysterie zurück zu führen oder erzittert er vor den Konsequenzen seines Handelns? Was ist, wenn das irakische Öl die Welt in Brand steckt? Ist dieser Krieg nicht genau jenes Vitamin, das der internationale Terrorismus benötigt?

Sie behaupten, Saddam Hussein ernähre die Fanatiker von Al-Kaida. Züchtet man Krähen, damit sie einem die Augen aushacken? Die islamischen Fundamentalisten hassen ihn. Ein Land, in dem Hollywood-Filme gesehen werden, in dem an vielen Oberschulen Englisch gelehrt wird und eine muslimische Mehrheit nicht verhindert, dass sich Christen mit dem Kreuz auf der Brust zeigen, in dem es nicht selten ist, dass man Frauen in Hosen und gewagten Blusen sieht, ist des Teufels. Unter den Terroristen, die die Türme von NY zum Einsturz brachten war kein Iraker. Fast alle waren aus Saudi Arabien, dem weltbesten Kunden der USA. Auch Bin Laden, der, von Satelliten verfolgt zu Pferde durch die Wüste flieht und. immer bereitwillig zur Stelle ist, wenn Bush seine Dienste als professionelles Ungeheuer braucht, ist Saudi.

Wussten sie, dass Dwight D. Eisenhower 1953 erklärte, der Präventivkrieg sei eine Erfindung Adolf Hitlers? Er stellte fest: "Mal ehrlich, ich würde keinen ernstnehmen, der mir eine derartige Idee unterbreiten würde." Die USA sind das Land, das die meisten Waffen auf der Welt herstellt und verkauft. Sie sind auch die einzige Nation, die je Atomwaffen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt hat. Und sie sind immer im Krieg gegen irgendjemand, schon aus Tradition. Wer bedroht also den universellen Frieden? Der Irak hat 17 UN-Resolutionen missachtet, Israel 64. Wird Bush nun seine treuesten Verbündeten ausbomben? Der Irak wurde 1991 durch den Krieg von Bush Vater zerstört. Seitdem wird er durch die Blockade ausgehungert. Welche Massenvernichtungswaffen kann dieses massiv zerstörte Land verstecken? Israel hält seit 1967 palästinensische Gebiete besetzt und zählt auf Atomwaffen, die im Straffreiheit gewährleisten. Pakistan, ein anderer treuer Alliierter und notorisches Terroristennest protzt mit seiner Atommacht. Könnte auch der irakische Feind diese Waffen besitzen? Wenn er tatsächlich welche besässe, wie Nordkorea erklärt sie zu haben, würden sie sich dann trauen, ihn anzugreifen. Und die chemischen und biologischen Waffen? Wer hat Saddam Hussein die Anlagen zur Herstellung und die Hubschrauber zum Abwurf jenes Nervengases geliefert, mit dem die Kurden massakriert wurden? Warum zeigt Bush die Quittungen nicht?

War Saddam in jenen Jahren des Krieges gegen den Iran und gegen die Kurden weniger Diktator als heute? Sogar Rumsfeld besuchte ihn damals freundschaftlich. Warum macht man sich erst jetzt und nicht schon damals Sorgen um das Schicksal der Kurden? Und warum nur die Irakischen und nicht die noch zahlreicheren kurdischen Opfer in der Türkei? Rumsfeld, der amtierende Verteidigungsminister kündigte an, gegen den Irak nicht-tödliche Gase zu verwenden. Werden sie so wenig tödlich sein wie diejenigen, die Putin letztes Jahr in dem Moskauer Theater verwendeten und die über 100 Geiseln das töteten? In der UNO wurde Picassos Guernica tagelang verhängt, damit die unschöne Szene Collin Powells Hornsignal zum Kriegsbeginn nicht störte. Angesichts der Zensur, an die sich die Kriegsberichterstatter zu halten haben, fragt sich, wie gross der Vorhang sein muss, der das Gemetzel im Irak verdecken soll?

Was wird mit den Seelen der Irakischen Opfer geschehen? Dem religiösen Berater des Präsidenten und himmlischen Haudegen Reverend Billy Graham zufolge, ist der Himmel eher klein: er misst gerade einmal 1.500 Quadratmeilen. Nur wenige werden Eingang finden. Und raten sie mal, welche Nation schon fast alle Eintrittskarten gekauft hat?

Und noch eine letzte Frage, die ich John Le Carré bitte, mir auszuleihen:
"Werden sie viele Menschen töten, Papa?" -
"Keinen, den Du kennst, Liebling. Nur Ausländer."

 

 

BERÜHMTE ZITATE

«Waffenproduzenten brauchen den Krieg, so wie die Produzenten von Regenschirmen Regen brauchen.»

«Heute nennt sich der Kapitalismus Marktwirtschaft, der Imperialismus nennt sich Globalisierung, und Zynismus ist die einzige Form von Realitätssinn, die es noch gibt.»

«Die Schönheit ist nur schön, wenn man sie verkaufen, die Justiz nur gerecht, wenn man sie kaufen kann. Die Art, wie wir leben sollen, führt zum Tod des Planeten; genauso wie die für die Beschleunigung der Bewegung erfundenen Maschinen zum Stillstand und die für das Zusammenkommen von Menschen entstandenen Städte zur gegenseitigen Isolierung führen. Die Worte verlieren ihren Sinn, während das Meer sein Grün und der Himmel sein Blau verliert - beides liebenswürdigerweise gemalt von den Algen, die seit drei Milliarden Jahren Sauerstoff an die Atmosphäre abgeben.»  (Quelle - www.raffiniert.ch/)

 
Eduardo Galeano:

DIE ERDE ALS SHOPPING CENTER

- Das Konsumimperium -

Es heisst, das Recht auf Überfluss, Privileg Weniger, ist die Freiheit aller. Diese Zivilisation lässt weder die Blumen, noch die Hühner, noch die Menschen schlafen. In den Treibhäusern sind die Blumen ständigem Licht ausgesetzt, damit sie schneller wachsen. In den Eierfabriken ist den Hühnern auch die Nacht verboten. Und die Menschen sind zur Schlaflosigkeit verurteilt, wegen dem Kaufzwang und der Beklemmung bezahlen zu müssen.

Die Explosion des Konsums in der heutigen Welt verursacht mehr Lärm, als alle Kriege und macht mehr Krach, als alle Karnevals. Wie ein altes türkisches Sprichwort sagt, wer auf Rechnung trinkt, betrinkt sich doppelt.

Die Vergnügungssucht betäubt und vernebelt den Blick; dieser grosse universelle Rausch scheint keine Grenzen, weder zeitlich noch räumlich, zu haben. Aber die Kultur des Konsums tönt laut, wie die Trommel, weil sie hohl ist; und wenn die Stunde der Wahrheit kommt, wenn das Getöse aufhört und das Fest zu Ende ist, erwacht der Betrunkene, allein, begleitet von seinem Schatten und den kaputten Tellern, die er bezahlen muss.

Die Expansion der Nachfrage stösst an die Grenzen, die ihr das gleiche System setzt, das sie schafft. Das System braucht immer offenere und breitere Märkte, wie die Lungen Luft brauchen und gleichzeitig müssen sie spottbillig sein, wie die Rohstoffpreise und die Arbeitskraft. Das System spricht im Namen von allen, an alle richtet es ihre ge-bieterischen Befehle zum Konsumieren, unter allen verbreitet es das Kauffieber; aber kein Durchkommen: für fast alle beginnt und endet dieses Abenteuer vor dem Fernsehschirm. Die Mehrheit, die sich verschuldet, um Sachen zu be-sitzen, besitzt am Ende nichts als Schulden, die neue Verschuldungen hervorbringen und hört mit der Aufzehrung der Phantasien, die sich manchmal in ein Vergehen umsetzen, auf.

Das Recht auf Verschwendung, Privileg von Wenigen, sagt, die Freiheit von allen zu sein. Sag mir, wieviel du ver-brauchst und ich sag dir, wieviel du wert bist. Diese Zivilisation lässt weder die Blumen, noch die Hühner, noch die Menschen schlafen. In den Treibhäusern werden die Blumen Dauerlicht unterworfen, damit sie schneller wachsen. In den Eierfabriken ist den Hühnern auch die Nacht verboten. Und die Menschen sind zur Schlaflosigkeit verurteilt, wegen der Kaufsucht und der inneren Unruhe dann bezahlen zu müssen. Diese Lebensweise ist nicht sehr gut für die Menschen, aber sie ist sehr vorteilhaft für die Pharmaindustrie.

Die USA verbraucht die Hälfte der Beruhigungsmittel, Mittel gegen die Beklemmung und andere chemische Drogen, die legal in der Welt verkauft werden und mehr als die Hälfte der verbotenen Drogen, die illegal verkauft werden, was nicht wenig ist, wenn man bedenkt, dass die USA kaum fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen.

„Unglückliche Leute, die leben, um sich gegeneinander abzuschätzen“, bedauert eine Frau im Viertel von Buceo in Montevideo. Der Schmerz nicht mehr das zu sein, wie früher der Tango sang, hat sich in die Schande nicht zu haben, gewandelt. Ein Mensch, der arm ist, ist ein armer Tropf. „Wenn ihr nichts habt, denkt ihr, ihr taugt nichts“, sagt ein Junge im Viertel Villa Fiorito von Buenos Aires. Und ein anderer beweist in der dominikanischen Stadt von San Francisco de Macorís: „Meine Brüder arbeiten für die Marken. Sie leben, Etiketten kaufend und leben Blut und Wasser schwitzend, um die Gebühren zu bezahlen.“ Unsichtbare Gewalt des Marktes: Die Mannigfaltigkeit ist Feindin der Wirtschaftlichkeit und die Einförmigkeit befiehlt. Die Serienproduktion, auf gigantischer Ebene, setzt überall ihre Pflichtnormen des Konsums. Diese Diktatur ist ver-heerender als jede Einparteiendiktatur: Sie drückt der ganzen Welt eine Lebensweise auf, die die Menschen wie Fotokopien des beispielhaften Konsumenten reproduziert.

Der beispielhafte Konsument ist der stille Mensch. Diese Zivilisation, die die Quantität mit der Qulität verwechselt, verwechselt die Korpulenz mit guter Ernährung. Gemäss der wissenschaftlichen Zeitschrift The Lancet, stieg in den letzten zehn Jahren die „ernstliche Fettleibigkeit“ um fast 30 % bei der jugendlichen Bevölkerung in den entwickeltsten Ländern an. Bei den nordamerikanischen Kindern nahm in den letzten 16 Jahren die Fettleibigkeit um 40 % zu, gemäss der kürzlichen Forschung des wissenschaftlichen Gesundheitszentrums der Universität von Colorado. Das Land, das die light Nahrung und light Getränke, die Essensdiät und die fettfreie Ernährung erfand, hat die meisten Fettleibigen der Welt. Der beispielhafte Konsument steigt nur aus dem Auto, um zu arbeiten und um fernzusehen. Vor dem kleinen Bildschirm sitzend, verbringt er vier Stunden täglich Plastikessen runterschlingend.

Es triumphiert der als Essen verkleidete Abfall: Diese Industrie erobert die Gaumen der Welt und schlägt die Traditionen der örtlichen Küche kurz und klein. Die Sitten des guten Essens, die von weither kommen, haben in manchen Ländern tausende von Jahren Raffinesse und Vielfalt und sind ein kollektives Erbe der Menschheit, das sich auf irgendeine Weise auf dem Herd von allen befindet und nicht nur auf dem Tisch der Reichen. Diese Traditionen, diese Zeichen kultureller Identität, diese Feste des Lebens, werden auf blitzartige Weise durch den Ein-schlag des chemischen und einzigen Geschmacks zerstört: Die Globalisierung des Hamburgers, die Diktatur des weltweiten fast foods. Das weltweite Plastikessen, Werk von McDonald’s, Burger King und anderen Fabriken, verletzt erfolgreich das Selbstbestimmungsrecht der Küche: Heiliges Recht, denn im Mund hat die Seele eine ihrer Türen.
Der Fussballweltmeister von 98 bestätigt unter anderem, dass die Kreditkarte MasterCard die Muskeln stärkt, dass Coca-Cola ewige Jugend schenkt, und dass das Menü von McDonald`s in keinem Bauch eines guten Athleten fehlen darf. Die riesige Armee von McDonald’s schiesst Hamburger in die Mäuler von Kindern und Erwachsenen auf dem ganzen Planeten. Der doppelte Bogen dieses M`s diente während der kürzlichen Eroberung der Länder Ost-europas als Standarte. Die Schlangen vor McDonald’s in Moskau, 1990 mit Pauken und Trompeten eingeweiht, symbolisiert den Sieg des Westens mit so viel Beredsamkeit, wie mit dem Fall der Berliner Mauer.

Ein Zeichen der Zeit: Dieses Unternehmen, das die Tugenden der freien Welt in sich trägt, verweigert seinen An-gestellten die Freiheit sich in einer Gewerkschaft zu organisieren. McDonald’s verletzt so ein legales, in vielen Ländern, in denen es operiert, bestätigtes Recht. 1997 versuchten sich einige ArbeiterInnen, Mitglieder von der vom Unternehmen so genannten Macfamilie, in einem Restaurant von Montreal in Kanada gewerkschaftlich zu organisieren: Das Restaurant schloss. Aber 98 erreichten andere Angestellten von McDonald’s in einer kleinen Stadt in der Nähe Vancouvers diese Eroberung, würdig für das Guiness-Rekordbuch.

Die Massenkonsumenten erhalten Befehle in einer universellen Sprache: Die Werbung erreichte, was das Esperanto wollte und nicht durfte. Überall verstehen alle die Botschaften, die der Fernseher übermittelt. Im letzten Viertel des Jahrhunderts verdoppelten sich die Ausgaben der Werbung auf der Welt. Dank ihnen trinken die armen Kinder immer mehr Coca Cola und immer weniger Milch und die Freizeit wird zur Pflicht-Konsumzeit. Freie Zeit, Gefangenenzeit: Die sehr armen Häuser haben kein Bett, aber sie besitzen einen Fernsehapparat und der Fernseher hat das Wort. Auf Raten gekauft beweist dieses Tierchen die demokratische Berufung des Fortschritts: Niemand hört zu, aber es spricht für alle. Arme und Reiche lernen so die Tugenden des letzten Automodells kennen und Arme und Reiche erfahren die vorteilhaften Ratenzahlungen, die diese oder jene Bank anbietet.

Die Experten verstehen es, Waren in Zaubereinheiten gegen die Einsamkeit zu verwandeln. Die Dinge haben menschliche Bestimmungen: Sie streicheln, begleiten, verstehen, helfen, das Parfüm küsst dich und das Auto ist der Freund, der niemals versagt. Die Kultur des Konsums machte aus der Einsamkeit den lukrativsten der Märkte. Die Öffnungen der Brust füllen sich, vollgestopft mit Dingen, oder davon träumend, es zu tun. Und die Dinge können nicht nur umarmen: Sie können auch Symbole des sozialen Aufstiegs sein, Passierscheine, um die Grenzen der Klassen-gesellschaft zu überwinden, Schlüssel, die verbotene Türen öffnen. Um so exklusiver, um so besser: Die Dinge wählen dich aus und retten dich aus der Massenanonymität. Die Werbung informiert nicht über das Produkt, das sie verkauft, oder seltene Male tut sie das. Das ist das wenigste. Ihre Funktion besteht in erster Linie in der Frust-kompensierung und Fantasien zu nähren: In wen möchten Sie sich verwandeln, wenn Sie diese Rasierlotion kaufen?

Der Kriminologe Anthony Platt beobachtete, dass die Straftaten auf der Strasse nicht nur Folge extremer Armut sind. Sie sind auch die Frucht der individualistischen Ethik. Die gesellschaftliche Besessenheit des Erfolgs, sagt Platt, wirkt sich entscheidend auf die illegale Aneignung der Dinge aus. Ich hörte immer sagen, dass Geld nicht glücklich macht; aber jeder arme Fernsehzuschauer hat genügend Motive zu glauben, dass das Geld etwas ähnliches herstellt, dass der Unterschied eine Angelegenheit von Spezialisten ist.

Gemäss dem Historiker Eric Hobsbawm beendete das zwanzigste Jahrhundert sieben Millionen Jahre menschlichen Lebens auf die Landwirtschaft konzentriert, seit Ende der Altsteinzeit die ersten Anpflanzungen auftauchten. Die Be-völkerung auf der Welt schliesst sich in Städte ein; die Bauern werden Bürger. In Lateinamerika haben wir verlassene Felder und enorme städtische Ameisenhaufen: Die grössten Städte der Welt und die ungerechtesten. Von der modernen Exportlandwirtschaft vertrieben und durch die Erosion ihrer Ländereien fallen die Bauern in die Vorstädte ein. Sie glauben, dass Gott überall ist, aber aus Erfahrung wissen sie, dass er sich um die Grosstädte kümmert. Die Städte versprechen Arbeit, Wohlstand, eine Zukunft für die Kinder. Auf dem Land sehen die Geduldigen das Leben vorbeiziehen und sterben gähnend; in den Städten geschieht das Leben und es ruft. Zusammengepfercht in ärm-lichen Behausungen entdecken die zuletzt Angekommenen zuerst, dass die Arbeit fehlt und die Arme überflüssig sind, dass es nichts umsonst gibt und dass die teuersten Luxusartikel die Luft und die Ruhe sind.

Während das 14. Jahrhundert geboren wurde, sprach Kloster-Bruder Giordana da Rivalto in Florenz eine Lobrede auf die Städte. Er sagte, dass die Städte wuchsen, „weil sich die Leute gerne zusammentun“. Sich vereinigen, sich treffen. Jetzt, wer trifft wen? Trifft die Hoffnung die Wirklichkeit? Der Wunsch, trifft er sich mit der Welt? Und die Leute, treffen sie sich mit den Menschen? Wenn sich die menschlichen Beziehungen auf Beziehungen zwischen Dingen reduziert haben, wie viele Leute treffen sich mit den Dingen?

Die ganze Welt neigt dazu, sich in einen grossen Fernsehbildschirm zu verwandeln, auf dem die Dinge sich an-schauen, aber nicht berühren. Die Waren im Angebot fallen ein und privatisieren den öffentlichen Raum. Die Bus- und Zugbahnhöfe, die bis vor kurzem Treffpunkt von Menschen waren, werden jetzt zu kommerziellen Ausstellungs-räumen.

Das Shopping Zentrum, oder Shopping Meile, Schaufenster aller Schaufenster, drückt seine überwältigende An-wesenheit durch. Die Massen strömen in Wallfahrten zu diesem Gross-Tempel der Konsummesse herbei. Die Mehr-heit der Gottergebenen betrachtet in Extase die Dinge, die ihre Geldbeutel nicht bezahlen können, während sich die Minderheit der Käufer der ununterbrochenen und erschöpfenden Angebotsbombardierung unterwirft. Das Gedränge, das mit der Rolltreppe hoch und runterfährt, reist um die ganze Welt: Die Modellpuppen ziehen sich wie in Mailand oder Paris an und die Maschinen klingen wie in Chicago und um zu sehen und zu hören ist es nicht notwendig den Fahrpreis zu bezahlen. Die von den Dörfern im Inneren gekommenen Touristen, oder aus den Städten, die bisher noch nicht diesen Segnungen des modernen Glücks wert waren, stellen sich für das Foto am Fuss der bekanntesten internationalen Marken auf, wie sie früher am Fuss der Statue des Führers auf dem Platz posierten.

Beatriz Solana beobachtete, dass die Bewohner der Vostädte ins Center, ins Shopping-Zentrum, herbeieilen, wie sie früher ins Zentrum eilten. Der traditionelle Spaziergang am Wochenende ins Zentrum der Stadt, tendiert dazu, vom Ausflug in diese städtischen Zentren ersetzt zu werden. Gewaschen und gebügelt und gekämmt, angezogen mit ihrer besten Galakleidung, kommen die Besucher auf ein Fest, auf das sie nicht eingeladen sind, aber sie können Zaun-gäste sein. Ganze Familien beginnen die Reise in der Raumkapsel, die ein Universum des Konsums durchläuft, in dem die Ästhetik des Marktes eine erstaunliche Landschaft von Modellen, Marken und Etiketten entworfen hat.

Die Konsumkultur, Kultur des Flüchtigen, verurteilt alles zur mediatischen Nichtverwendung. Alles ändert sich schwindelerregend beim Rhythmus der Mode, zu Diensten der Notwendigkeit zu verkaufen gestellt. Die Dinge altern während eines Blinzelns um von anderen kurzlebigen Dingen ersetzt zu werden. Heutzutage ist das einzige, das bestehen bleibt, die Unsicherheit; die Waren, zur nicht-Dauer fabriziert, zeigen sich so flüchtig, wie das Kapital, das sie finanziert und die Arbeit, die sie schafft. Das Geld fliegt in einer Lichtgeschwindigkeit: Gestern war es dort, heute ist es hier, morgen wer weiss und alle Arbeiter sind potentiell arbeitslos. Paradoxerweise bieten die Shopping-Center, Königreiche der Flüchtigkeit, die erfolgreichste Illusion der Sicherheit. Sie widerstehen ausserhalb der Zeit, ohne Alter und ohne Wurzel, ohne Nacht und ohne Tag und ohne Erinnerung und sie existieren ausserhalb des Weltalles, ent-fernt der Turbulenzen der gefährlichen Realität der Welt.

Die Besitzer der Welt benutzen die Erde, als ob sie ausschaltbar wäre: Eine Ware des flüchtigen Lebens, die sich ausverkauft, wie sich, von kurz nach der Geburt an, die Bilder, die das Maschinengewehr des Fernsehers schiesst, und die Moden und die Idole, die die Werbung ohne Waffenruhe auf den Markt wirft, erschöpfen. Aber in welche andere Welt werden wir umziehen? Sind wir alle dazu verpflichtet das Märchen zu glauben, Gott habe den Planeten an einige Unternehmen verkauft, weil er schlecht gelaunt entschied, das Universum zu privatisieren? Die Konsum-gesellschaft ist eine Dummenfänger-Falle. Diejenigen, die das Heft in der Hand haben, täuschen vor es zu ignorieren, aber jeder, der Augen im Kopf hat, kann sehen, dass die grosse Mehrheit der Leute wenig konsumiert, sehr wenig oder notwendigerweise nichts, um die Existenz der wenigen Natur, die uns bleibt, zu garantieren. Die soziale Un-gerechtigkeit ist weder ein zu korrigierender Irrtum, noch ein zu überwindender Fehler: Sie ist eine grundlegende Notwendigkeit. Es gibt keine Natur, die in der Lage ist ein Shopping-Center in der Grösse des Planeten zu ernähren.


Original : Eduardo Galeano : El imperio del consumo (2007) / Ecoportal

Eduardo Hughes Galeano ist ein Journalist, Essayist und Schriftsteller, geboren 1940 in Montevideo, Uruguay . Mit zwanzig Jahren wurde er stellvertretender Chefredakteur der Marcha, einer Zeitschrift für Kultur und Politik in Montevideo. Später war er leitend bei mehreren linksgerichteten Zeitschriften tätig; 1976 ging er ins spanische Exil, wo er bis zum Ende von Uruguays Militärdiktatur 1985 verblieb. 1971 erschien die erste Fassung seines wichtigsten Werkes Las venas abiertas de América Latina (dt. Die offenen Adern Lateinamerikas), welches sich mit der Geschichte Lateinamerikas, insbesondere den Kolonialherrschaften alter und neuerer Prägung auseinandersetzt.
Werke auf Deutsch: Die offenen Adern Lateinamerikas. Peter Hammer Verlag; Der Ball ist rund. Unionsverlag; Die Füße nach oben. Peter Hammer Verlag; ...

Übersetzt vom Spanischen von Isolda Bohler, Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft für jeden nicht-kommerziellen Gebrauch: sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, dass der Text nicht verändert wird und dass sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.

www.tlaxcala.es


Dank an Tlaxcala.
 
 
 
 
 
Eduardo Galeano, Symbole, Kurztext zum 11. September und seinen absehbaren Folgen.


Gerhard Dilger, Uruguay hat gegen die Angst gewählt, Interview mit Galeano in der taz vom 10.11.04.
 

Interview mit Eduardo Galeano:Der Gesichtspunkt | Climate IMC ...

Kürzlich fand ich darin ein Interview der italienischen Zeitschrift Una Citta mit Eduardo Galeano,einem der bekanntesten derzeitigen Schriftsteller ...

17.01.2009: Operation Straffreiheit (Tageszeitung junge Welt)

Eduardo Galeano, uruguayischer Schriftsteller und Journalist, ist Autor von »Die offenen Adern Lateinamerikas«, »Erinnerungen des Feuers« und »Spiegel ...

 

Der Krieg, Eduardo Galeano

Der Krieg, Eduardo Galeano. Propaganda verdeckt die wahren Militärziele, Attac Deutschland ... von Eduardo Galeano Ich werde neugierig sein. ...

Das Bekenntnis der Bomben (Eduardo Galeano)

Der Schriftsteller Eduardo Galeano, geboren 1940 in Montevideo (Uruguay), wurde in der BRD bekannt durch seine Veröffentlichungen "Die offenen Adern ...

 

 

Eduardo Galeano, Kuba tut weh, Kuba-Kontroverse

Die Gefängnisstrafen und die Erschießungen in Kuba sind sehr gute Nachrichten für die weltweit agierende Supermacht, die verrückt danach ist, ...

 

Das tägliche Massaker des Hungers

Wo ist Hoffnung? -

Von JEAN ZIEGLER, 30. Dezember 2008:

(Auszüge einer Rede, Wien - November 2008)

„Das Recht auf Nahrung ist das Recht auf einen regelmäßigen, permanenten und freien Zugang, sei es direkt durch Produktion, sei es indirekt mittels monetärer Kaufmittel, auf eine qualitativ und quantitativ adäquate Nahrung, die den Traditionen des Volkes, dem der Konsument angehört, entspricht und die ein psychisches und physisches, kollektives und individuelles, würdiges und befriedigendes Leben ermöglicht, das frei ist von Angst.“

Das ist die Definition des Menschenrechtes auf Nahrung. Die Realität, die mit diesem Menschenrecht angesprochen wird, ist die folgende:

Hunger Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind auf diesem Planeten. Jeden Tag sterben 100.000 Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. 923 Millionen Menschen – einer auf sechzehn, denn wir sind heute 6,3 Milliarden auf der Welt – sind permanent schwerstens unterernährt. Sie sind invalide durch permanente schwerste Unterernährung! (Zahlen aus dem World Food Report 2007, veröffentlicht im April 2008). Und derselbe World Food Report sagt, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Entwicklungsphase ihrer Produktionskräfte, ohne genetisch veränderte Nahrung, 12 Milliarden Menschen normal ernähren könnte (d.h. mit 2.700 Kilokalorien pro erwachsenem Individuum und Tag). Wir sind 6,3 Milliarden! Praktisch die doppelte Zahl der Menschen könnte normal ernährt werden. Es gibt also keine Fatalität.

Die Folge der industriellen, technologischen, elektronischen Revolution hat die Produktionskräfte der Menschheit unglaublich gesteigert. Heute ist der objektive Mangel besiegt und die Fatalität eliminiert. Ein Kind, das heute am Hunger stirbt, wird ermordet.

Wer die Menschen lieben will, muss ganz stark hassen, was sie unterdrückt (Jean Paul Sartre)

Menschen sterben, Kinder sterben überall auf die gleiche Weise, von Guatemala bis Bangladesch, von Somalia bis in die Mongolei. Ich werde erklären, wie der physiologische Vorgang abläuft. Aber die Kausalstränge, die zu diesem täglichen Massaker führen, das sich in eisiger Normalität Tag und Nacht auf diesem Planeten abspielt, sind unglaublich komplex.

Zuerst einmal die physiologische Realität: Ein Mensch kann drei Minuten ohne Luft, drei Tage ohne Wasser, drei Wochen – wenn er ein wenig Flüssigkeit hat – ohne Nahrung überleben. Bei unterernährten Kindern setzt der Zerfall natürlich sehr viel früher ein. Zuerst braucht der Körper die Zucker- und Fettreserven auf. Dann wird der Mensch lethargisch. Dann immer dünner und dann bricht das Immunsystem zusammen. Durchfälle beschleunigen die Auszehrung. Mundparasiten und andere Infektionen verursachen in den Atemwegen schreckliche Schmerzen. Dann beginnt im letzten Stadium der Raubbau an den Muskeln. Die sterbenden Kinder liegen am Boden, können sich nicht mehr auf den Beinen halten, die Muskeln schwinden, die Arme baumeln kraftlos am Körper, die Gesichter von Kleinkindern zerfallen, gleichen denen von Greisen und dann kommt der Tod. Es ist also eine sehr, sehr schmerzhafte Agonie. Der physiologische Ablauf der Hungeragonie ist in allen Kulturkreisen, in allen Altersgruppen, auf allen Kontinenten absolut identisch.

Der hauptsächlichste, evidenteste Grund für das Massaker ist zuerst einmal die Überschuldung. Die 122 Entwicklungsländer hatten am 31. Dezember 2007 eine kumulierte Auslandsschuld von 2.100 Milliarden Dollar. 4,8 Milliarden der 6,3 Milliarden Menschen leben in der südlichen Hemisphäre. Und in den 49 ärmsten Ländern (das ist eine Kategorie bei der UNO) werden praktisch 80 bis 90 Prozent aller Staatseinnahmen für den Schuldendienst verbraucht. Es gibt also keine Möglichkeit für Honduras, Bangladesch, Somalia, Mali, Burkina Faso usw., irgendwelche Investitionen in der Landwirtschaft oder in der Produktion zu tätigen,.

Dann der zweite Grund: der Weltwährungsfond, die absurde mörderische Politik des Weltwährungsfonds. Es geht um ein System der strukturellen Gewalt, das mörderisch ist und gleichzeitig absurd. Mörderisch, weil es tötet, und absurd, weil es zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit zu Beginn dieses Jahrtausends unnütz tötet. „Pour aimer les hommes, il faut détester fortement ce qui les opprime“ (Sartre) – „Wer die Menschen lieben will, muss ganz stark hassen, was sie unterdrückt“. Es geht um strukturelle Gewalt!

Der Weltwährungsfonds: Er verwaltet die Auslandsschuld der ärmsten der Entwicklungsländer. Dort sitzen diese schwarzen Raben aus Washington direkt im Regierungsbüro und befehlen dem Premierminister! Der Weltwährungsfond hat ein statutarisches Ziel und das ist die Bedienung der Auslandschuld, zu ermöglichen, dass diese Schuld bedient wird!

Jedes Mal, wenn der finanzielle Engpass kommt, wenn Neuverhandlungen mit dem betreffenden Land über Stundung, Umschuldung, neue Kredite usw. geführt werden, zwingt ihm der Weltwährungsfonds ein Strukturanpassungsprogramm auf. In jedem Strukturanpassungsprogramm, in absolut jedem, gilt das Primat der Förderung der Exportlandwirtschaft. Das ist normal, denn mit Rupee, Bolívar oder Peso können diese Länder keine Auslandsschulden an die UBS oder die Chase Manhattan Bank abzahlen. Sie brauchen Devisen. Devisen können sie nur durch Export erarbeiten und deshalb müssen Baumwolle, Zuckerrohr, Erdnüsse, Sisal usw. gepflanzt werden. Dort, wo Zuckerrohr und Baumwolle wachsen, wächst aber kein Maniok, wächst keine Hirse, wächst kein Mais. Das heißt, die Plantagenwirtschaft, die Exportlandwirtschaft, die den Entwicklungsländern in der Schuldknechtschaft aufgezwungen wird, führt zu Hunger, zu Tod.

Ich gebe ein Beispiel: Mali, ein uraltes Bauernland. 1 Mio. Quadratkilometer, sehr fruchtbarer Boden beidseits des Nigerflusses, jedenfalls hinauf bis Timbuktu, 10 Mio. Einwohner, uralte Bauernkulturen. Wirklich, die Bauern, die können etwas, sind kompetent, arbeiten: die Bambera, die Tukulor, die Haussa, die Zarma usw. Letztes Jahr hat Mali 380.000 Tonnen Baumwolle exportiert und musste 72 Prozent seiner Nahrung importieren. Vor allem Reis aus Kambodscha, aus Vietnam, aus Thailand. Und dieser Reis bleibt einen halben Monat, zwei Monate auf dem Meer. Die Preise sind alle „FOB“, das heißt „Free On Board“, also die Versicherung kommt noch dazu, die Abfahrtskontrolle kommt noch dazu, die Transportkosten kommen noch dazu. Das Beispiel Mali ist absolut paradigmatisch. Also: Der Weltwährungsfond und seine Strukturanpassungsprogramme sind sicher auch ein Grund für das Massaker.

Dann ein dritter Grund für das Massaker, das die bäuerliche Bevölkerung dieser Welt – die produzierende Bevölkerung dieser Welt – tötet und verwüstet, ist die EU-Agrarpolitik. Letztes Jahr haben alle Industrienationen zusammen für ihre Bauern 349 Milliarden Dollar an Produktions- und Exportsubventionen ausgegeben. Sie können also heute auf jedem afrikanischen Markt – je nach Saison – für ein Drittel oder die Hälfte des Preises gleichwertiger inländischer Agrarprodukte italienisches, französisches, deutsches, englisches Gemüse und Früchte kaufen. Und ein paar Kilometer weiter steht der Wolof- oder der Tukuleur-Bauer mit seiner Frau, seinen Kindern, rackert sich ab bis zum Umfallen vor Ermüdung, 14 Stunden am Tag unter brennender Sonne, und hat nicht die geringste Chance, ein menschenwürdiges Existenzminimum zu erringen.

Von 53 Staaten des afrikanischen Kontinents sind 37 praktisch reine Agrarstaaten. Beim EU-Agrardumping, das sich erklärt durch elektoralistische (wahltaktische) Überlegungen, geht es um strukturelle Gewalt: Wenn der Präsident Sarkozy die Chambre d’agriculture (Landwirtschaftskammer) in Frankreich verärgert, indem er die Exportsubvention streicht, dann ist er weg vom Fenster. Das Agrardumping ist mörderisch.

Von der ländlichen Bevölkerung sind 43 Prozent marktgebunden. Das heißt, deren eine Ernte genügt nicht, um bis zur zweiten Ernte zu überleben. Sie müssen also bereits die zweite Ernte mit Krediten belasten. 43 Prozent sind auf Markt-Zusatzkäufe angewiesen. Kausalitäten, die die ländliche Bevölkerung ruinieren, und Kausalitäten, die jede Bevölkerung zu Grunde richten, die in den Kanisterstädten lebt, die also keinen Zugang zur Produktion hat. 2,2 Milliarden Menschen leben nach Weltbankstatistik in extremster Armut unterhalb des Existenzminimums, haben nicht das absolut Nötigste zum Überleben. In den Favelas von Sao Paulo, in den Smokey Mountains von Manila, in den Kanisterstädten von Karatschi – dort muss das letzte Reiskorn gekauft werden. Zu Beginn des Jahres (2008) sind die Agrarpreise unglaublich in die Höhe geschnellt (sie sind gerade ein wenig zurückgegangen und wohl in Bewegung wie die anderen Börsenprodukte auch): Von Januar bis Juni ist der Weltmarktpreis für Reis um 83 Prozent gestiegen, für Weizen um 114 Prozent und für Mais um 110 Prozent. 70 Prozent ungefähr aller Nahrungsmittel auf der Welt sind die drei Grundnahrungsmittel: Reis, Weizen und Getreidemais. Alle diese Preise, Weltmarktpreise „Free On Board“, sind explodiert und haben weitere Hunderte und Hunderte von Millionen Menschen in den Abgrund gerissen. Die Hungerzahlen, die wir dann im nächsten World Food Report für das Jahr 2008 lesen können, werden fürchterlich sein. Sie werden vielleicht ein Drittel höher sein als heute, glaubt die Weltbank.

Woher kommt die Verwüstung durch Weltmarktpreisexplosionen für Grundnahrungsmittel? Es gibt zwei evidente Kausalitäten: die Agrartreibstoffe und die Spekulation. Letztes Jahr haben die Vereinigten Staaten unter dem Bioethanol-Programm 138 Millionen Tonnen Mais verbrannt, ein Drittel der Maisernte, und Hunderte von Millionen Tonnen Weizen. Ich gebe nur ein Beispiel: Wenn Sie ein Bioethanol-getriebenes Auto mit einem 50-Liter-Tank haben und Sie füllen den Tank auf, müssen Sie dafür 358 Kilo Mais verbrennen. Mit 358 Kilo Mais lebt ein Kind in Sambia oder in Mexiko, wo der Mais Grundnahrungsmittel ist, ein Jahr lang. Ein Jahr lang! Also die Agrartreibstoffe, auch die der zweiten Generation, sind mörderisch. Die EU ist auf dem gleichen Weg: Im Jahr 2020 sollen 10 Prozent aller Treibstoffe in den 27 EU-Ländern pflanzlichen (im Original: „vegetal“) und nicht mehr fossilen Ursprungs sein. Selbst die EU-Ökonomen sind einverstanden, müssen jedoch eingestehen: „Selbst wenn man in Europa das Brachlandverbot aufhebt, hätte die europäische Landwirtschaft nicht die Kapazität, Biotreibstoffe in der benötigten Menge zu liefern.“ Afrika, der von Hunger verwüstete Kontinent, müsste – um die europäische Mobilität zu sichern – die Rohstoffe für diese Agrartreibstoffe liefern.

Der zweite Grund ist die Spekulation. Die Finanzkrise hat ja schon im letzten November – Dezember (2007) angefangen. Die Hedge-Fonds sind abgewandert an die Chicago Stock Exchange, also an die weltgrößte, älteste Nahrungsmittel- und Agrarrohstoffbörse der Welt. Dort investiert man in gewohnter Manier Milliarden und Abermilliarden Spekulationskapital in Termingeschäfte, in so genannte Futures usw. Sie können jetzt schon die ganze Sojaernte vom nächsten September von Brasilien aufkaufen – zum festen Preis. In Genf gibt es die UNCTAT (United Nations Conference on Tariff and Trade), eine UNO-Organisation. Dort sitzt Prof. Heiner Flassbeck, Oskar Lafontaines ehemaliger Staatssekretär. Er ist jetzt dort Chefökonom und hat errechnet – in dem so genannten Flassbeck-Bericht vom 1. Juli 2008, der heute als autoritativ gilt – dass 37 Prozent (!) der Weltmarktpreissteigerung der drei genannten Grundnahrungsmittel reine Spekulationsgewinne sind. Punkt.

Die ganze neoliberale Theorie ist eine Lüge

Das Menschenrecht auf Nahrung wird bekämpft von den Vereinigten Staaten, von Großbritannien, von Australien, Kanada und von den Söldnern der Organisation des internationalen Finanzkapitals: der Weltbank, des Weltwährungsfonds und der Welthandelsorganisation. Und zwar prinzipiell bekämpft von allen Neoliberalen.

Eine Kapitalart hat sich autonomisiert: das Finanzkapital. Liberalisierung und Privatisierung sind unglaublich fortgeschritten. Das ist die so genannte Globalisierung. Laut Weltbankstatistik hat sich das Weltbruttosozialprodukt in der Zeit von 1992 bis 2002 mehr als verdoppelt und der Welthandel mehr als verdreifacht. Der Energieverbrauch verdoppelt sich alle vier Jahre. Aber gleichzeitig steigt der Hunger. Gleichzeitig wachsen die Leichenberge.

In Darfur ist ein fürchterlicher Vernichtungskrieg gegen den afrikanischen Bevölkerungsteil im Westen im Gang, gegen die Masalit, die Zaghawa und die Fur – verantwortet von dem islamistisch-diktatorischen Regime unter General Omar al-Bashir. 300.000 Menschen sind umgebracht worden und 2,2 Millionen „displaced persons“ leben in siebzehn Lagern, die nach der Konvention der Vereinten Nationen von 1951 der Verantwortung der UNO unterstehen. Das heißt also, alle drei Tage kommen die weißen Lastwagen mit der UNO-Fahne in diese Lager, bringen Mehlsäcke, Reissäcke, Milchpulver, Wasser, Grundbasismedikamente usw. für diese Menschen. Die Leute leben also ausschließlich vom World Food Programm, dem Welternährungsprogramm. Die Tagesration für Erwachsene in den Camps beträgt heute 1.500 Kalorien. Das von der Weltgesundheitsorganisation festgesetzte Existenzminimum liegt jedoch bei 2.200 Kalorien. Die westlichen Staaten, die Industrienationen geben kein Geld mehr für die humanitäre Hilfe aus. Und die UNO redet nicht gern darüber. Ich sage es, weil die Leute es wissen sollen, in demokratischen Staaten muss man das wissen: Die UNO organisiert die Agonie des Hungers in den Lagern, auch in Somalia, auch in Nordkenia, wo die blau-weiße UNO-Flagge weht – dort, wo die UNO gemäß Völkerrecht verpflichtet ist, die Menschen am Leben zu erhalten. Also die ganze neoliberale Theorie ist eine reine „contrevérité“, ich würde gern „Lüge“ sagen, aber dann heißt es wieder, der ist ein dogmatischer Paleo-Marxist. Ich sage jetzt einmal: entspricht nicht der Wirklichkeit.

Ich habe in meinem Guatemala-Bericht einige Empfehlungen gegeben. In Guatemala leben 10 Millionen Einwohner, 5 Prozent ausländische und einheimische Großgrundbesitzer kontrollieren über 85 Prozent des bebaubaren Bodens. Auf der Sierra del Yucatán sehen die Mayafrauen mit 30 Jahren aus, als ob sie 80 wären: keine Zähne mehr, grauer Teint. Die Kinder haben Arme und Beine wie Zündhölzer. Eine meiner Empfehlungen in dem Bericht an die UNO war: Agrarreform in Guatemala und Schaffung eines Grundbuches. Es gibt nicht einmal ein Grundbuch seit 1825, also seit der Entstehung des postkolonialen Nationalstaates. Die Latifundias, die großen Besitzer schicken einfach die Pistoleros und wenn sie ein Mayadorf in Besitz nehmen wollen, dann erschießen sie ein paar Leute, die anderen fliehen. Und da habe ich Agrarreform und Grundbuch verlangt! Der amerikanische Botschafter ist auf mich losgegangen wie auf einen Aussätzigen und hat gesagt: „Wie können Sie! Diese Zeiten sind vorbei, wo die Diktatur den Markt beherrscht, wo Staaten in das Marktgeschehen eingreifen sollten!“

Wurde abgelehnt. Total abgelehnt. Ganz konkret. Das einzige, was ich da herausholen konnte, ist, dass die Weltbank jetzt vier Helikopter bezahlt, um wenigstens eine topografische Erfassung des Landes zu machen. Das sind die Voraussetzungen, damit vielleicht einmal im Jahr 3500 ein Grundbuch kommt und dann im Jahr 4000 eine Agrarreform.

Die 500 größten transnationalen Konzerne der Welt haben letztes Jahr 52 Prozent des Weltbruttosozialproduktes kontrolliert, also alle auf der Welt in einem Jahr produzierten Güter, Dienstleistungen, Patente, Kapitalien. Eine Macht, wie sie nie ein Kaiser, nie ein König, nie ein Papst auf diesem Planeten gehabt hat. Die Finanzoligarchien haben eine Macht, wie sie nie bestanden hat in der Geschichte der Menschheit ...

„Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“ (Immanuel Kant)

Natürlich, die Situation ist düster. Die Aussichten sind düster. Ein Beispiel: Am 12. Oktober (2008) sind im Élyséepalast die 15 Staats- und Regierungschefs der Eurozone unter dem Vorsitz von Frau Merkel und Nicolas Sarkozy zusammengekommen. Sie haben dreieinhalb Stunden getagt und sich geeinigt, 1.700 Milliarden Euro freizusetzen, zu mobilisieren und freizugeben für die Interbankenkredite sowie die Eigenkapitalrendite der Banken von drei auf fünf Prozent heraufzusetzen. 1.700 Milliarden! Die acht Milleniumsziele (inkl. Abschaffung – zuerst Halbierung und dann Abschaffung des Hungers), die die 192 Staatschefs der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen im September 2000 zu Beginn des neuen Jahrtausends festgesetzt haben, würden pro Jahr 81 Milliarden Dollar kosten, auf fünf Jahre. Das sind etwa 1 Prozent der Riesensummen, die jetzt von den Eurozone-Staatschefs in die Bankruinen hineingeworfen werden – düstere Aussichten. Und natürlich: Die 81 Milliarden pro Jahr bekommt niemand aus eben jenen Staaten, die 1.700 Milliarden für ihre spekulierenden Bankhalunken freisetzen. Das ist eine düstere Aussicht.

Die mörderische Weltordnung des Raubtierkapitalismus kann gebrochen werden


Georges Bernanos, der französische (Schriftsteller),hat gesagt: „Dieu n'a pas d'autres mains, de le nôtre“ – Gott hat keine anderen Hände als die unseren. Entweder wir ändern diese Welt oder sonst tut es niemand. Der moralische Imperativ muss organisiert werden und er wird organisiert. Die planetarische Zivilgesellschaft ist im Entstehen, das neue historische Subjekt ist in der Genesis – steht an seinem Beginn. In Wien gibt es eine unglaublich aktive Attac-Sektion. Die habe ich in Heiligendamm letztes Jahr kennen gelernt. Heiligendamm, die G-8-Staatschefs hinter Stacheldraht. Ein Unterseeboot, Polizeihelikopter, 12.000 schwer bewaffnete Polizisten vor diesem Hotelkasten – von Wilhelm II. an die baltische See gesetzt – und jenseits des Stacheldrahtes Mecklenburgs die Zelte von 180.000 Menschen: Gewerkschafter, links, rechts. Alles, was sie wollen, alle Altersklassen, aus 41 Ländern, die gesagt haben: „So eine Welt nicht, wie ihr sie da fabriziert“.

Am 22. bis 28. Januar kommen wir zusammen zum neuen Weltsozialforum in Belém do Pará, im Norden Brasiliens. Die planetarische Zivilgesellschaft – die gibt es, sie ist ein identifizierbares, historisches Subjekt! Das ist kein vages Projekt, sondern Bewegungen, die sich langsam koordinieren, wie eine lebendes Internet, die wachsen und getragen sind ausschließlich vom moralischen Imperativ. Nicht von einer politischen Theorie. Es gibt kein Zentralsekretariat, es gibt keinen Vorstand, es gibt kein Programm, das man verteidigen kann. Nichts.

Es sind Leute, die im Kampf stehen: Frauen für die Gleichberechtigung, Katholiken in Köln für die Entschuldung, Attac für die Tobin-Steuer – also die Anti-Spekulationssteuer – Greenpeace für die Erhaltung der Natur, die noch vorhanden ist usw. usw. Es sind die Widerstandsfronten, die sich in diesen sozialen Bewegungen mobilisieren. Aber die so mächtig sind, dass heute keine Welthandelskonferenz mehr auf europäischem Boden stattfinden kann. Das muss man auch wieder sagen: In Seattle war das letzte Mal (stürmischer Applaus).

Jeder redet von der Doha-Runde. Jetzt soll die EU die Sache zum Abschluss bringen. 2001 war die letzte Verhandlungsrunde. Die Doha-Runde ist jetzt gestoppt, sie ist paralysiert wegen des Agrarabkommens. Doha, wissen Sie wo das ist? Ich habe das nämlich nicht gewusst. Das ist ein absolut obskures Scheichtum im Persischen Golf (Katar). Wo Menschenrechte nicht einmal im Flüsterton erwähnt werden können. Da gibt es eine Insel – dazu noch mit Kriegsschiffen umgeben. Dort wurde die letzte Welthandelskonferenz, die Doha-Runde beschlossen. Nach Doha müssen die heute, die Herren der Welt. Nach Doha! Verstehen Sie? Das zeigt deren demokratische Legitimität. Die ist nämlich null.

Ich will zum Schluss kommen. Ich möchte, dass Sie mir glauben, dass dieses historische Subjekt heute eine soziale Kraft ist und wächst und kumulative Kraft hat. Die Koordination wird immer stärker, und zwar jenseits von Parteien, Gewerkschaften usw. Diese planetarische Zivilgesellschaft ist die Hoffnung im theoretischen Klassenkampf, wie Sartre sagt; das sind die neuen Bewusstseinsinhalte wie im praktischen Klassenkampf, nämlich dem Kampf um die Herrschaftsbeziehungen, wie sie tatsächlich auf dieser Welt sind.

Willy Brandt – ich war lange Zeit im Büro der sozialistischen Internationale, die jetzt ein ziemlich verkommener Haufen ist, aber sie war unter Willy Brandt eine großartige Kraft, die älteste internationale politische Organisation der Welt. Karl Marx war der erste Generalsekretär. Und Willy Brandt – der leider im September 1992 gestorben ist – hat uns immer gesagt: „Wenn ihr öffentlich redet, was immer ihr auch sagt“, die Analyse muss ja stimmen, auch wenn sie absolut düster ist, „am Schluss muss Hoffnung sein. Keiner darf aus dem Saal ohne Hoffnung gehen.“

Und drum schließe ich jetzt mit dem letzten Vers vom „Canto General“ von Pablo Neruda. Am 11. September 1973 ist Salvador Allende gestorben in der brennenden Moneda, im Präsidentenpalast von Santiago. Einen Monat später, vor Kummer und Verzweiflung, ist sein intimster Freund, Pablo Neruda, der Dichter, auf der Isla Negra gestorben und der letzte Vers des Canto General, dieses unglaublichen epischen Gedichtes heißt: „Podrán cortar todas las flores, pero no podrán detener la primavera.“

Sie – unsere Feinde – können alle Blumen abschneiden, aber den Frühling werden sie nie aufhalten können.

Ich danke Euch.



Auszüge aus der Wiener Rede – transkribiert, überarbeitet und gekürzt: Redaktion HINTERGRUND

Jean Ziegler Jean Ziegler sprach am 18. November 2008 im Festsaal des Wiener Rathauses vor 2.500 Gästen im Rahmen der „Wiener Vorlesungen“. Veranstalter war die Kulturabteilung der Stadt Wien.

Jean Ziegler ist Soziologe, Politiker und Sachbuchautor. Bis zu seiner Emeritierung im Mai 2002 war er Professor für Soziologie an der Universität Genf und ständiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris. Er war bis 1999 Abgeordneter im Nationalrat des Schweizer Parlaments, von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter. Am 26.3.2008 wurde Jean Ziegler in den Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats gewählt.

Jean Ziegler, Die neuen Herrscher der Welt

So das Fazit von Jean Ziegler in seinem Bericht aus dem Innern der neuen Weltwirtschaft. Die Globalisierung polarisiert die Weltgesellschaft: Den Wenigen
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Dali Salvador - The Persistence of Memory

In Folgenden finden Sie das Bild unter:Dali Salvador

   

    Jede Kunst und jede Kultur, die sich mit der Macht arrangiert, verwandelt sich in Diener einer Ideologie, einerlei ob dies im Namen des sozialistischen Realismus oder des bürgerlichen Pluralismus geschieht. Beide Haltungen beruhen auf Kriecherei vor der herrschenden Klasse. Ideologisierte Kultur und Kunst betreibt man nicht nur, wenn man einer Ideologie oder einem Machtsystem "expressis verbis" hofiert, die ein ausdrückliches Treuebekenntnis vom Künstler und Kulturschaffenden verlangen, wie es bei den gestürzten Regimen Osteuropas der Fall war. Man betreibt sie auch, wenn der Künstler und der Dichter, aus welchen Gründen auch immer, die Widersprüche des Systems schweigend hinnehmen oder gar rechtfertigen. Die Kulturschaffenden werden auch dann zu Claqueueren, wenn sie nicht mit den Händen klatschen und sich in ihre goldene "splendid isolation" zurückziehen. Es genügt ein gleichgültiges oder zynisches Lächeln.

Kunst ist Subversion, Infragestellung der Realität, nuß vom Ziel getragen werden, die Entfremdung, das Elend, den Schmerz und die Destruktion zu enthüllen. Eine Kunst, die im Augenblick des schöpferischen Aktes diese Erscheinungen beiseite schiebt, ist keine Kunst, sondern Ästhetisierung der waltenden Häßlichkeit. Wahre Kunst bedeutet den Versuch, das Menschliche immer wieder in Erinnerung zu bringen, sie ist schon deshalb Widerstand gegen das Unmenschliche und zugleich Offenbarung neuer Daseinsalternativen und utopischer Sehnsüchte. Nur wenn sie sich dieses Telos zu eigen macht, erfüllt sie eine befreiende Funktion,stellt sie sich gegen die von der instrumentellen Vernunft herbeigeführte Brutalisierung des Lebens.

Kunst ist Transzendenz in ästhetischer Gestalt, und sie ist Transzendenz, weil sie die Darstellung und das Sichtbarmachen des Schönen, Wahren und Gerechten im umfassenden Sinn zur Aufgabe hat.

Das heißt aber keineswegs, daß sie erbaulich und positiv sein muß. Das Gegenteil ist der Fall. Sie muß auch den Mut zur Negation haben und sich nicht scheuen, das Schreckliche mit aller Kraft zum Ausdruck zu bringen. Ja, in einer entfremdeten Welt wie der unseren kann echte Kunst nur Verneinung der entfremdeten Wirklichkeit sein; sie ist gezwungen, sich mit dem Häßlichen immer wieder auseinanderzusetzen. Letztendlich geht es um die Entmythologisierung jeder Form von falschem Bewußtsein und institutionalisiertem Schein.

Gewiß, Literatur und Kunst sind nicht militant in herkömmlichem, ideologischem Sinn, aber das heißt nicht, daß sie desengagiert sein müssen. Jede große, wahre Kunst und Literatur geht von einer konkreten Weltanschauung aus, und genauso wenig wie es so etwas wie eine wertfreie Wissenschaft gibt, genauso wenig gibt es eine wertfreie Kultur.  (Heleno Sana)

 

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Der Dadaismus - fh-KunstForum

Dadaismus - von der Gegenkunst zur Kunst. Das fabian hofmann KunstForum beschreibt Mitglieder, Merkmale und Ziele dieser seltsamen Gruppe.

Dadaismus – Wikipedia

Dadaismus“ ist der heute üblicherweise für diese Kunstrichtung verwendete Begriff. Innerhalb der Dada-Bewegung wurde dieser Begriff bewusst nicht verwendet ...

Dadaismus

Wie Ball in seinem ersten dadaistischen Manifest formuliert: „Nur ein Wort und das Wort als Bewegung“ demonstriert die Autoreflexivität der Bewegung sowie ...

Dadaismus

1914" wird der Dadaismus neben fünfzehn anderen Ismen aufgeführt und von Arp ... Der Dadaismus hat das Bejahen und Verneinen bis zum Nonsens geführt. ...

Dadaismus

Der Dadaismus kritisiert die jüngsten als modern geltenden Kunstrichtungen des Expressionismus, der "ein inhaltsloses, bequemes und unbewegtes Leben zur ...

 

Mit Sohn WenzelIn Folgenden finden Sie das Bild unter:

Joeph Beuys

beuys. ANDERES ...zum hals raus. ... beuys. LEBEN ...schon klein hänschen... PLASTIK ...mehr mit kälte oder mehr mit wärme... beuys ...

Im Folgenden finden Sie das Bild unter:

 

Biographie: Joseph Beuys, 1921-1986

Der Hut - Beuys unverkennbares Markenzeichen - überdeckt die nach seiner schweren Verletzung eingepflanzte Silberplatte in der Schädeldecke. ...

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Voherige Seite TAZ - Die temporäre autonome Zone


 


Bildergalerien




Alle hier gezeigten Bilder & Plakate stammen nicht von uns, wir dokumentieren sie hier nur. Deshalb sind wir natürlich auch nicht für den Inhalt der Bilder/Plakate verantwortlich. Lediglich die Grafiken von Clifford Harper wurden von uns gescannt und entstammen dem Buch "Anarchy - A graphic guide" (Camden Press). Die Bilder aus dem "Bilderbuch" zum spanischen Bürgerkrieg wurden ebenfalls von uns gescannt und bearbeitet, die Texte orientieren sich zwar am Buch, wurden aber nicht 1:1 übernommen (entnommen aus: "1936, the spanisch revolution". Erschienen bei AK Press und Ravijn). Unter "autonome" Plakate gibt`s einen Streifzug durch drei Jahrzehnte verschiedener sozialer Bewegungen (von Frauen/Lesben über Anti-Akw bis hin zu Antifa und "K-Gruppen") unabhängig ihrer Nähe oder Gegnerschaft zum Anarchismus. Ergänzt wird das ganze durch Plakate des Revolutionsbräuhofs, die die Aktivitäten einer anarchistischen Gruppe in Österreich über die letzten Jahre hinweg nachzeichnen.


"Vorwärts bis zum nieder mit - 30 Jahre Plakate unkontrollierter Bewegungen" - Das Buch erschien mit 500 abgedruckten Plakaten & Erläuterungen und enthält 7.000 weitere Plakate auf einer CD- Rom. Erschienen im Verlag Assoziation A, sollte in keinem linken Bücherregal fehlen! Die gesamte Plakatsammlung findet ihr hier!!!





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Libertäre Persönlickkeiten

Hier wollen wir Menschen bzw. deren Veröffentlichungen vorstellen, die im libertären Sinne aktiv waren bzw. aktiv sind.


Rudolf Diesel - ein Solzialreformer oder gar Sozialrevolutionär?

Albert Einstein: Warum Sozialismus? (1949)

13. Oktober - Jahrestag der Hinrichtung des libertären Pädagogen Francisco Ferrer y Guardia (1849 - 1909)

„Den Tagen, die da kommen, gewachsen sein“ (Zenzl Mühsam)

Wer waren Sacco und Vanzetti?

"Her mit dem Tortenstück!" - Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt - Ein Gespräch mit dem (inzwischen ehemaligen) ersten Museumsleiter Jean-Christophe Ammann

Louise Michel -"Sklave ist der Proletarier, Sklave aller Sklaven ist die Frau des Proletariers."

Louise Michel - "Warum ich Anarchistin wurde"

In Erinnerung an Ilse Schwipper (Anarchafeministin, geb. am 24. Juni 1937 ; gest. am 27. September 2007) von ihrer Berliner Gruppe "Las loccas"

www.anarchismus.de


Bild - Gerold

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Bild:Albert Camus.jpg

1Albert Camus‘ Kritik am Marxismus und an der historischen Revolte in ihrer politisch-geschichtlichen Realisierung im Kapitel „Le Terrorisme d’état et la terreur rationnelle“ seines Essais „L’Homme révolté“ :

Proseminar SS 1997 Literaturwissenschaft:
Albert Camus: Essais und Dramen
Dozent: Dr. J. R. Vorgelegt von Y.S.
A.St.I.
c/o Á. Jour
Brunnenstr. 5
40223 Düsseldorf
1.0 Einleitung

Im Jahre 1951 erscheint Camus‘ Essai „ L’Homme révolté “, das als gedankliche Weiterführung zu dem die Absurdität behandelnden Essai „Le Mythe de Sisyphe“ gedacht war. Es ist ein Versuch , das damalige Zeitgeschehen zu verstehen, das geprägt ist vom Nachdenken über den deutschen und italienischen Faschismus, dem zweiten Weltkrieg, den Entartungen des Stalinismus , dem Kalten Krieg und der Angst vor dem drohenden Atomkrieg. Camus sucht nach den Ursprüngen von
Schreckensherrschaft und Unterdrückung. Dabei entwickelt er aus seinem
Absurditätsdenken die Unterscheidung von Revolte und Revolution, die sich durch den Individualismus und das Solidaritätsstreben des Ersten und den Totalität beanspruchenden, dadurch degenerierenden Charakter des Zweiten unterscheiden. Camus‘ Werk bildet sich aus den beiden großen Themenbereichen der metaphysischen und historischen Revolte. In dieser Hausarbeit steht die historische Revolte und insbesondere die Kritik am Marxismus im Mittelpunkt der Untersuchung, weil sie den Kernpunkt der Umkehrung von Gerechtigkeitsstreben in Unterdrückung am Beispiel des Marxismus/Stalinismus herausstellt. Der Abschnitt mit dieser Thematik ist „Le Terrorisme d’état et la terreur rationnelle“ mit Schwerpunkt auf die zweite Hälfte. Die Kernfrage dieses Abschnitts ist die, aus welchen Gründen der Marxismus, der ja eigentlich eine Gesellschaft gleicher und freier Menschen anstrebte, scheitert bzw. sich in sein Gegenteil, die Unterdrückung im Stalinismus, umkehrt.
Was sind die Grundlagen der Theorie?
Wo liegen die Schwächen und Fehleinschätzungen der Theorie?
Wo ist der Wendepunkt , an dem der Marxismus totalitär und unterdrückerisch wird?
Welche Rolle spielt die Geschichtsauffassung?
Diese Fragen zu beantworten , ist hier die Aufgabe. Erweiternd wird noch ein Beispiel der Kritik aus dem Lager der autoritären Linken gegeben, das den Streit und Bruch Camus‘ mit den Kommunisten um Sartre begründete. Ein Versuch, den libertären Sozialismus und Anarchismus als Alternative und dem Revoltedenken verwandt zu zeigen, bildet den Abschluß dieser Arbeit. Mittels eingehender Betrachtung des Primärtextes, dem gesammelten Wissen aus der verfügbaren Sekundärliteratur und dem historischen Hintergrund sollen die Fragen beantwortet werden. Die Gründe für diese Themenwahl liegen im persönlichen Interesse an Sozialpolitik und Geschichte als auch an dem Umstand, daß Camus für seine politische Arbeit wenig bekannt ist.

2.0 Einführende Erklärungen zu
„Le Terrorisme d’état et la terreur rationnelle“
2.1 Revolte und Revolution:

Camus macht in seinem Werk eine essentielle Unterscheidung zwischen Revolte und Revolution. Er definiert zuerst die metaphysische Revolte. Ein Revoltierender sagt nein zu einem unerträglichen Zustand und setzt somit eine Grenze fest. Er fordert ein Recht ein, dessen Existenz in ihm bewußt ist. Doch verneint der Revoltierende nicht nur , er solidarisiert sich mit anderen Unterdrückten und bejaht die Gemeinschaft. Camus prägt diese Vorstellung mit der Aussage „Je me révolte, donc nous sommes. “ . Von ihrem Wesen her kann die Revolte also gar nicht egoistisch sein, da der Revoltierende auch für die anderen kämpft. Sie ist auch nicht imperialistisch , da man sich selbst verteidigt. Die Problematik besteht allerdings darin, fern der Religion Handlungsregeln zu finden. Das metaphysische an der Revolte erklärt folgendes Zitat: „La révolte métaphysique est le mouvement par lequel un homme se dresse contre sa condition et la création tout entière. Elle est
métaphysique parce qu’elle conteste les fins de l’homme et de la création.“
Der metaphysisch Revoltierende protestiert gegen die Lebensumstände, die er in seiner Rolle als Mensch ertragen muß. Es muß einen gemeinsamen Wert geben , den alle Menschen teilen. Wird ein Mensch unterdrückt, ist dies nicht mehr der Fall. Es gibt einen Menschen, der die Grundbedürfnisse nach Freiheit und Gerechtigkeit eines anderen leugnet . Der Revoltierende wehrt sich gegen die höhere Gewalt und zieht sie auf eine gleiche Stufe mit ihm. So lehnt sich er zuerst vor allem gegen Gott auf, der über ihn steht und sein Schicksal bestimmt. Die Revolte ist ihrem Wesen nach irrational, weil sie aus dem tiefsten Inneren des Menschen kommt. Sie endet mit dem Mord , der Maßlosigkeit, und ist dann Revolution. Die Revolution ist sehr vom Nihilismus geprägt, der keine Werte anerkennt. Der Nihilismus führt auch die Forderung des Absoluten in die Revolution ein. Entweder lehnt er das Bestehende, die Schöpfung total ab , weil er den Schöpfer haßt, oder er befürwortet nur das momentan Erreichte, weil es ihm lieber als eine beschnittene Freiheit ist. Zerstörung oder Totalität ist die Devise. Die Revolution will mit allen Mitteln die Revolte realisieren und vergißt dabei die Ursprünge beziehungsweise leugnet sie. Die absolute Freiheit fordert absolute Pflichten. Sie findet kein Maß mehr .

2.2 „La Prophétie Bourgeoise“ und „La Prophétie Révolutionnaire“:

In den beiden ersten Abschnitten „La Prophétie Bourgeoise“ und „La Prophétie Révolutionnaire“ des Kapitels „Le terrorisme d’état et la terreur rationelle“ seines Essais „L’Homme Révolté“ betrachtet Albert Camus den Marxismus unter dem Aspekt der Prophezeiung (la prophétie). Er stellt hier fest, daß Marx sowohl vom christlichen als auch vom bürgerlichen Messianismus beeinflußt wurde, als er seine Theorie vom Marxismus und somit den von Camus so benannten wissenschaftlichen Messianismus aufstellte. Er weist den Christen die Begründung der linearen Geschichtsauffassung zu. Dazu sagt Camus : „Les chrétiens ont, les premiers, considéré la vie humaine, et la suite des événements, comme une histoire qui se déroule à partir d’une origine vers une fin, au cours de laquelle l’homme gagne son salut ou mérite son châtiment. “ Das Leben des Christen richtet sich auf eine Belohnung oder Bestrafung nach dem Tode, also ein Ziel außerhalb des menschlichen Daseins in einem metaphysischen Bereich . Das bürgerliche Denken des 19. Jahrhunderts setzt dahingegen den Menschen an die Stelle Gottes und den technischen Fortschritt anstelle der christlichen Heilserwartung. Die Konsequenzen daraus veranschaulicht folgendes Zitat: „Lorsqu’on est assuré que demain, dans l’ordre même du monde, sera meilleur qu’aujourd’hui, on peut s’amuser en paix. Le progrès, paradoxalement, peut servir à justifier le conservatisme . [. . . ] À l’esclave, à ceux dont le présent est misérable et qui n’ont point de consolation dans le ciel, on assure que le futur, au moins, est à eux. L’avenir est la seule sorte de propriété que les maîtres concèdent de bon gré aux esclaves. “ Hiermit wird schon das grundlegende Problem deutlich, daß die Revolte zur Revolution degenerieren läßt. Die revolutionäre Prophezeiung ist deshalb revolutionär, weil die Volkswirtschaft nach Marx dem dialektischen System der Produktionsstufen folgt. Jede Produktionsstufe der Wirtschaft läßt Gegenkräfte entstehen, die die derzeitige Produktionsgesellschaft zerstören und eine höhere Produktionsstufe einleiten. Der Kapitalismus soll die letzte dieser Stufen darstellen, denn nach dessen Überwindung durch die Revolution tritt die klassenlose Gesellschaft ein, in der es keine Antagonismen mehr gibt und alle Menschen in Freiheit leben. Die Geschichte ist Wirtschaft und Dialektik zugleich. Mit Erreichen der klassenlosen Gesellschaft ist das Ende der Geschichte erreicht. Dieses Ende der Geschichte ist der Kern des
wissenschaftlichen Messianismus.

3.0 „L’Échec De La Prophétie“

In diesem Abschnitt erläutert Camus die Irrtümer und Fehleinschätzungen Marx‘ in dessen Doktrin und zeigt die Konsequenzen, die aus den dadurch entstehenden Problemen gezogen werden. Am Beispiel einiger Revolutionsbewegungen ab 1917 erörtert Camus , wie sich die Wiederkunft (la parousie ),das heißt das “Kommen“ des klassenlosen „Reiches“ ohne Ungerechtigkeit und Unterdrückung, entfernt. Die Oktoberrevolution in Rußland und die Novemberrevolution in Deutschland und Österreich 1917 wecken große Hoffnungen auf den baldigen Umsturz und die Einleitung des realisierten Sozialismus. Doch die Spartakusbewegung wird unterdrückt, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Der französische Generalstreik als auch die italienische Revolutionsbewegung scheitern. Die Enttäuschung der Hoffnungen derer, die darauf warten, führt zur krampfhaften Suche nach anderen Mitteln zur Verwirklichung der Parusie. „La foi est intacte, mais elle plie sous un énorme masse de problèmes et de découvertes que le marxisme n’avait pas prévus. “ Die revolutionäre Prophezeiung scheitert an wirtschaftlichen und politischen Umständen. Im einzelnen führt Camus die folgenden Widersprüche zwischen Theorie und Realität an:

  • Das Kapital wird weniger von Krisen geschüttelt als erwartet, es ballt sich nicht zusammen, sondern es entsteht eine Mittelschicht aus kleinen Besitzenden, die kein Interesse an Umstürzen oder Streiks hat. Das Gesetz der Zusammenballung trifft überhaupt nicht auf nicht auf die Landwirtschaft zu.
  • Die nationalen Schranken fallen nicht durch den Kapitalismus, sondern es kommt im Gegenteil zum Kampf der Nationalitäten.
  • Das Proletariat wächst nicht unbegrenzt, da der Reformismus und der Syndikalismus zu einer Verbesserung der Lebens-und Arbeitsumstände führen und das soziale Klima ein wenig entschärfen.
  • Der wirtschaftliche Fortschritt läßt eine völlig neue soziale Schicht entstehen. Es sind die Techniker/Technokraten, die die Arbeitsteilung durch ihre Funktion unvermeidlich machen. Sie allein kennen den gesamten Plan eines Arbeitsprozesses und dirigieren die Proletarier.
Dazu Camus :
Marx „n‘a pas cru que cette concentration pourrait survivre à
l’abolition de la propriété privée. Division du travail et propriété
privée, disait-il, sont des expressions identiques. L’histoire a démontré
le contraire. “

3.1 Die Demontierung der Sendung und Selbstbestimmung des Proletariats

„L’oppression par la fonction“ nimmt dem Proletariat dadurch ein Stück
Selbstbestimmung. Die Sendung ( la mission ) des Proletariats wird von den
nationalen Barrieren untergraben , wie auch die Rationalisierung der Arbeit ,die die Arbeiter moralisch schwächte und verzweifeln ließ, nicht zur politischen Reife dieser führte. Camus wirft dem Marxismus vor, den Arbeitern nie die Freude der Schöpfung gegeben zu haben, sondern das Elend derer zur Verwirklichung der Revolution in Kauf zu nehmen: „Le socialisme industrielle n’a rien fait d’essentiel pour la condition ouvrière parce qu’il n’a pas touché au principe même de la production et de l’organisation du travail, qu’il a exalté au contraire. “ . Die sozialistischen Ideologen interessieren sich mehr für die Revolution als für die Menschen und leugnen so die Sendung des Proletariats: „Les socialistes autoritaires ont jugé que l’histoire allait trop lentement et qu’il fallait, pour la précipiter, remettre la mission du prolétariat à une poignée de doctrinaires. “ Hiermit ist der Wandel von Befreiung zu Unterdrückung, vom ethischen Streben zu reinem Machtstreben in vollem Gange. Alle anderen Erscheinungen sind nur noch Konsequenzen davon. Camus‘ Bild von der Sendung ist ein anderes. „Elle existe pourtant, non pas au sens exclusif que lui donnait Marx, mais comme existe la mission de tout groupe humain qui sait tirer fierté et fécondité de son labeur et de ses souffrances. Pour quelle se manifeste cependant, il fallait prendre un risque et faire confiance à la liberté et à la spontanéité ouvrière. “

3.2 Akkumulation und Hegemonialstreben

Der autoritäre Sozialismus wird schließlich selbst beherrscht von der sich ständig hochschraubenden Akkumulation. Da die kämpfenden sozialistischen Kollektive (collectivités) ihre Theorien durchsetzen wollen und dabei auf den Widerstand der bürgerlichen Gegner und anderer Feindmächte stoßen, müssen sie selber immer mehr anhäufen, das heißt vor allem aufrüsten, um sich durchsetzen zu können. Das führt letztendlich zum Krieg und damit zum Streben nach der alleinigen Vorherrschaft auf der Welt. „Elle s’équipe, elle s’arme, parce que les autres s’arment et s‘équipent. Elle ne cesse pas d’accumuler et ne cessera jamais qu’à partir du jour, peut-être, où elle régnera seule sur le monde. Pour cela, d’ailleurs,il lui faut passer par la guerre. Jusqu’à ce jour, le prolétaire ne reçoit qu’à peine ce qu’il lui faut pour sa subsistance. La révolution s’oblige à construire, à grands frais
d’hommes,l’intermédiaire industriel et capitaliste que son propre système
exigeait. “ Schuld an der Entwicklung von der Revolution zur Sklaverei sind nach Camus‘ Meinung die bürgerlichen Feinde, die von außen angreifen, und die nihilistischen Anhänger des autoritären Sozialismus, die die Menschlichkeit und das Maß zugunsten der Ideologie außer acht lassen .

3.3 Ist der Marxismus wissenschaftlich?

Wieso der wissenschaftliche Sozialismus der Realität so wenig gerecht wird,
beantwortet Camus: „La réponse est simple: il n’était pas scientifique. “ . Die
Problematik besteht in dem Anspruch, gleichzeitig deterministisch und
prophetisch, dialektisch und dogmatisch sein zu wollen. Der Geist als Spiegelbild der Dinge kann nicht den zukünftigen Lauf der Dinge vorhersehen. Die Ableitung der Theorie von der Wirtschaft kann nur die Vergangenheit beschreiben ,nicht die Zukunft. Der Marxismus ist nur wissenschaftsgläubig, denn er prophezeit im Absoluten , was er nicht beweisen kann. Die Prophezeiung kann nicht bewiesen werden. Um den Marxismus wissenschaftlich zu machen, muß man die gegen den Determinismus gerichtete, auf Wahrscheinlichkeit und Zufall basierenden Wissenschaften leugnen (Quantentheorie, sprunghafte Mutationen... ). Da Wirtschaft und Wissenschaft sich nicht mehr unbeschadet in den Marxismus einfügen lassen, bleibt nur die Prophezeiung. Damit das Warten und Kämpfen für diese nicht unerträglich und absurd erscheint, braucht man einen starken Glauben. Somit bekommt der sich als wissenschaftlich bezeichnende Marxismus eine
mystische und religiöse Dimension. Der Glaube an das Ende der Geschichte, die klassenlose Gesellschaft, sind die einzige Aufrechterhaltung der schon lange kämpfenden Proletarier. Das Ende der Geschichte ist ein statischer Endzustand, eine konsequent gedachte Dialektik läßt aber kein Ende zu. Es werden immer neue Antagonismen entstehen, auch nach der Stufe des Kapitalismus und Sozialismus. Ein Ende der Dialektik kann nur gewaltsam aufgesetzt sein, es ist also ein Dogma und das Dogma bleibt die einzige Grundlage des Marxismus, da Wissenschaftlichkeit und Determinismus widerlegt sind und sich die Prophezeiung/Parusie dadurch immer weiter entfernt. Je weiter sie sich entfernt, desto mehr wird sie Glaubensartikel. Es gibt keine göttliche Gnade und keine auf Vernunft basierende Gerechtigkeit mehr. „La volonté de puissance est venue relayer la volonté de justice, faisant mine d’abord de s’identifier avec elle, et puis la reléguant quelque part au bout de l’histoire, en attendant que rien sur la terre ne reste à dominer. “ Was bleibt sind Terror, Willkür und Macht. Dieses Zitat von David Spritzen erklärt die Verwandschaft des russischen Kommunismus mit der Religion und das Problem des Endes der Geschichte: „In the post-enlightenment Western world, people no longer believe in God. Having lost faith in the vertical transcendence of the divine, they have turned toward history for salvation. Since they seem unable to do without the absolute, horizontal transcendence emerges as compensation, holding out the promise of the „end of history“, by which the sufferings of this world will be overcome. From the
perspective of this historicized absolute, values become gauges of efficacy. The end justifies the means – any means:“
Zusammenfassend erklärt Walther Neuwöhner in seiner Monographie Ethik im Widerspruch: Nach Meinung des Autors wird die Geschichte damit unvermittelt zum Feld der Realisierung absoluter Zielsetzungen. Sie soll der vollkommene Ausdruck jener Prinzipien sein, die mit der Vernunft klar und deutlich erkannt werden können. Es ist offensichtlich, daß sie in solcher Direktheit der geschichtlichen Wirklichkeit nicht gerecht werden; doch wird von den Protagonisten daraus nicht der Schluß gezogen, der zu einer Moderierung der Prinzipien führen könnte. Vielmehr wird an den Prinzipien festgehalten, um die geschichtliche Wirklichkeit ihnen anzupassen. Wo dies nicht möglich ist, wird sie negiert bis zur physischen Vernichtung. “

4.0 „Le Royaume Des Fins“

In diesem Abschnitt wird Lenins Theorie und Politik als explizites Beispiel für die Einführung eines (militärischen ) Imperiums mit Führungseliten dargestellt. Das ist der Weg vom Staat für das Volk zum Staat der weltweiten Vorherrschaft.

4.1 Die Kraft der Wirksamkeit

Gleich zu Anfang stellt Camus die Hauptkomponente in Lenins Vorstellungen vom Weg zur/der Revolution heraus: Die Effizienz oder Kraft der Wirksamkeit. Dabei ist jedes Mittel recht, so wie ihn Camus zitiert: „Il faut être prêt à tous les sacrifices, user s’il faut de tous les stratagèmes, de ruse, de méthodes illégales, être décidé à celer la vérité, à seule fin de pénétrer dans les syndicats. . . et d’y accomplir malgré tout la tâche commmuniste. “
Moral und Ethik werden bei der Verwirklichung der Revolution zu störenden
Hindernissen in der politischen Strategie. Der Reformismus wird von ihm ebenfalls als hindernd empfunden und bekämpft, weil er den Lauf der Geschichte nach der Ideologie stört, obwohl die Lage der Arbeiterschaft durch Reformen verbessert wird. So behauptet Lenin, daß das Proletariat von sich aus keine unabhängige Ideologie erschaffen würde und verneint so die von Camus als Ideal vertretene „spontanité des masses“ als Antrieb der Sendung des Proletariats. „La théorie, dit-il, doit se soumettre la spontanéité*.“ Er verlangt „Berufsrevolutionäre“ und ideologische Führer. Diese müssen auch zuerst organisiert werden, dann das Volk. Damit steht ein kleine Gruppe von Kadern und Ideologen, denen das Volk zu gehorchen hat, an der Spitze der Revolution. Von der ursprünglichen Sendung des Proletariats, das die eigentliche revolutionäre Kraft darstellte bleibt nichts übrig. Es ist nur noch ein quantitatives Machtinstrument, das von „oben“ gesteuert wird. David Sprintzen erläutert: „Since for him questions of metaphysics and morals were essentially resolved in advance, being summed up in the doctrine of the revolution, the only important issues that remained were strategy and tactics. [. . . ]Before the task of organizing the revolution, all other matters were inconsequential. Moral scruples impede revolutionary action. Even more, the revolution is not a matter of personal expression or of collective self-determination. Spontanous protest on its own leads nowhere. The revolution must be organized, and it must have a theory that is strategically useful and believable to the followers.“

4.2 Der kommunistische Staat

Nach der Überlegung zum Wie der Revolution kommt die Frage nach dem
Aussehen und der Zukunft des Staates, der in seiner bürgerlichen Form auf
Autorität und Unterdrückung fußt. Camus schreibt, daß schon Friedrich Engels erkannte, daß der autoritäre Staat und die klassenlose, freie Gesellschaft nicht einher gehen können, und die Auslöschung des Staates nach dem Verschwinden der Klassengesellschaft zwingend ist. Daher verwirft Lenin die „konkrete Autorität“ Der proletarische Staat im Gegensatz zum bürgerlichen Staat ist nach der Umsetzung der klassenlosen Gesellschaft nicht mehr nötig und löst sich folglich auf. Voraussetzung für die klassenlose Gesellschaft ist jedoch die Diktatur des Proletariats. Sie zerstört die letzten Überbleibsel der bürgerlichen Machtstrukturen durch Enteignung und Sozialisierung der Produktionsmittel und der Bekämpfung bürgerlichen Widerstands. So sehr Lenin das Sterben des proletarischen Staates auch proklamiert, kommt er laut Camus trotzdem zu einer Legitimierung einer zeitlich nicht begrenzten Weiterführung des doch eigentlich provisorischen Staates. Um ein Scheitern wie bei der Pariser Kommune zu verhindern, die blutig niedergeschlagen wurde, hält Lenin auch die unbegrenzte Erweiterung der Befugnisse dieses Staates für rechtens. „[. ] Lenin affirme, en effet, que le pouvoir est nécessaire pour réprimer la résistance des éxploiteurs [. ]. “ Die Macht rückt also in den Mittelpunkt allen Handelns und Denkens. Damit nimmt der Staat eine völlig neue Mission an, die bei Marx und Engels nicht vorgesehen war. Findet man die entsprechenden Begründungen, dann kann man die Diktatur des Proletariats endlos ausdehnen. Es liegt auch nicht in der Hand des Volkes, darauf Einfluß zu nehmen. Den Widerspruch in der Ideologie und der sozialistischen Realität legt Camus folgends dar: „ Ou bien ce régime a réalisé la société socialiste sans classes et le maintient d’un formidable appareil de répression ne se justifie pas en termes marxiste. Ou il ne l’a pas réalisée, la preuve est faite alors que la doctrine marxiste est erroné et qu’en particulier la socialisation de moyens de production ne signifie pas la disparation des classes." Somit tritt der Staatssozialismus eines Ferdinand Lassalle bei Lenin zutage. Im Gegensatz zu Marx stellt für Lassalle der Staat eine „Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen“ dar, der dazu dient, die Menschen zu erziehen. Die Erziehung der Menschen wird später ein wichtiges Instrument der Machterhaltung. Das offizielle Hauptargument für die Aufrechterhaltung des Staates steht unter dem sozialen Vorzeichen des allgemeinen Wohlstandes. Erst wenn die Devise „Jeder nach seinen Bedürfnissen“ erfüllt ist, also zum Beispiel alle Wohnungen mietfrei sind, das
Ziel erreicht ist, dann stirbt der Staat samt seiner Autorität ab. Schließlich leugnen die Machthaber sogar, jemals den tatsächlichen Eintritt , die Realisierung der klassenlosen Gesellschaft, das Paradies der Arbeiter und Sozialisten, versprochen zu haben. An diesem Punkt geht laut Camus das Prinzip der Freiheit endgültig zugrunde. Als historische Beweise dafür nennt er die Einschränkung der Autonomie der Sowjets, den Kampf gegen den Anarchisten Machno in der Ukraine und die blutige Niederschlagung des Matrosenaufstands 1921 durch die bolschewistischen Regierungskräfte.

4.3 Der Übergang zur Totalität

Doch die Machthaber gehen noch einen Schritt weiter: Sie stellen den Anspruch, die ganze Welt zu „bekehren“, in ihren Worten, jede Ungerechtigkeit , Ausbeutung und kapitalistische Struktur zu zerstören. Daraus folgt auch die stetige Vergrößerung des Machtapparats zur Bewältigung dieser Anforderung und die Vernachlässigung der
eigentlichen Probleme der Bevölkerung. Dieses Weltmachtstreben nennt Camus den „ Imperialismus der Gerechtigkeit“ und dieser verlangt entweder Sieg oder Niederlage. Die Doktrin wird eins mit der Prophezeiung. Die entfernte Gerechtigkeit rechtfertigt die Ungerechtigkeit zur Bekämpfung der Ungerechtigkeit. Der totale Frieden, die totale Gleichheit und Gerechtigkeit sind mystische Ziele, die außerhalb des Jetzt stehen: „La mystification pseudo-révolutionnaire a maintenant sa formule: il faut tuer toute liberté pour conquérir l’Empire et l’Empire un jour sera la liberté. Le chemin de l’unité passe alors par la totalité. “
Zusammenfassend gesagt: Die Prophezeing ist nicht beweisbar und weist die
klassenlose Gesellschaft ans Ende der Geschichte. Da aber Probleme auftauchen, wird keine Aussage mehr über das Erreichen dieses Zustands gemacht, allerdings fordert man dann die Erfüllung des allgemeinen Wohlstands und die weltweite Einführung des Kommunismus, bevor man den sozialistischen Staat abschafft, der die Übergangsstufe darstellt. So konstruieren sich die Machthaber eine zeitlich nicht eingeschränkte Option auf die alleinige Macht

5.0 „La Totalité“

Auch hier vergleicht Camus wieder die Revolution und ihre Ausführungen mit der Religion. Diesmal zieht er den Vergleich in Bezug auf den Totalitätsgedanken. Die Totalität ist das Verlangen nach der vollkommenen Einheit aller Menschen in Form einer Heilserwartung, sei es das Ende der Geschichte oder das himmlische Gottesreich. Im real existierenden Marxismus-Leninismus in seiner Umwandlung zum Stalinismus in Rußland wird ähnlich dem Christentum die Gesamtheit der Menschen, die Kollektivität über das Individuum gestellt. Der einzelne Mensch muß das Leid ertragen, um eines Tages allen Menschen die totale Freiheit zu ermöglichen. Die langsame Verknechtung des Individuums erst zugunsten der Aufrechterhaltung der Theorie, dann zur Verwirklichung dieser in ihrer Pervertierung zum Machtstreben findet in dem Anspruch der Totalität ihre Vollendung. Camus nennt das, „[. . . ] appeler la liberté la servitude totale. “ .

5.1 Die Dimensionen der Totalität

Ist der Mensch zwar jetzt befreit vom Glauben an Gott und jeder anderen
Transzendenz, so muß er sich nun vor der Partei niederwerfen. Er ist gezwungen, sich dem Lauf der Geschichte zu unterwerfen: „La pensée historique devait délivrer l’homme de la sujétion divine; mais cette libération exige de lui la soumission la plus absolue au devenir. “ Die Totalität erstreckt sich auf Raum ,Zeit und Mensch . Der Raum wird durch Kriege erobert, die Zeitvorstellung wird absurd, weil kein Ende der Geschichte in Sicht ist , und der Mensch wird durch Kontrolle und Unterdrückung Werkzeug der Totalität. Die konkrete Form der Totalität ist der universale Staat. Er kann nur unter zwei Bedingungen existieren, anderenfalls wird er durch andere Nationen mit anderen Systemen bekämpft: Entweder es finden in allen größeren Ländern zu nahe beieinander liegenden Zeitpunkten Revolutionen statt, so daß überall gleiche Ziele gelten, oder die Revolutionäre müssen die bürgerlichen Nationen im Krieg besiegen. Die erste Bedingung ist an dem Eingreifen der kapitalistischen Bewegungen gescheitert, obwohl die revolutionären Kräfte in Rußland, Deutschland, Italien und Frankreich im Jahre 1917 sehr stark waren. So bleibt nur der Krieg als Weg zum Ziel. Der Kalte Krieg, die ständige Verteidigung gegen die Feinde lassen die Revolution stocken und kehren sie in einen Apparat von Kontrolle, Strategie und Wirklichkeitsverleugnung um. Dies sind falsche Prinzipien. Hier mahnt Camus zur Umkehr: „Si elle ne renonce pas à ses principes faux pour retourner aux sources de la révolte, elle signifie seulement le maintien pour plusieurs générations, et jusqu’à la décomposition spontanée du capitalisme, d’une dictature totale sur des centaines de millions d’hommes; ou si elle veut précipiter l’avènement de la cité humaine, la guerre atomique dont elle ne veut pas et après laquelle toute cité, au demeurant, ne
rayonnerait que sur des ruines définitives. “

5.2 Die Auswirkungen des Totalitätsstreben auf die Individuen oder die Kennzeichen des rationalen Terrors

Die „nature humaine“, das Irrationale, lebt nicht allein von der Geschichte,
deshalb ist sie der „ cité universelle“ feindlich. Kultur, Kunst und Traditionen
passen nicht in die Doktrin, solange sie sich ihr nicht völlig unterordnen. So wird die menschliche Natur geleugnet. Der Mensch muß geformt werden, das Mittel dazu ist die Propaganda. Je weniger ein Mensch von seiner Natur behält, desto formbarer ist er. Somit wäre er der Idealbürger, da er ganz auf der Linie der Partei ist. Nach dem freudschen Schema bedeutete dies, daß der Mensch lediglich aus sozialem und rationalem Ich bestehen sollte, und daß das unberechenbare Unbewußte getilgt wird. Der Tod als stärkstes irrationales Erlebnis im Leben eines Menschen muß daher auch einbezogen werden. Ein zum Tode Verurteilter wird nur der Öffentlichkeit vorgeführt, wenn er seine Strafe als gerecht erklärt. Die Freundschaft, ein elementarer Teil des menschlichen Lebens, fällt auch der Verformung durch das Regime zum Opfer. Es zählt nur die „politische Freundschaft“ für die Sache der Partei. Persönliche Bindungen dürfen nicht stärker sein als die Bindung an die Lehre des Regimes. Die Solidarität mit anderen Menschen erstreckt sich lediglich auf den Kampf gegen die Feinde außerhalb des Reiches. Die Liebe wird zu einem Abstraktum, konkrete Liebe zu einem Menschen widerspricht dem Bild des zukünftigen, perfekten, befreiten Menschen. Es gibt nur noch das Reich der Sachen, denn das Reich der Menschen ist untergegangen. Das Denunziantentum ist die Konsequenz aus diesen Umständen. Die Beziehung zwischen den Menschen weicht dem Monolog der Propaganda und der Polemik. So wird auch das reale Leben abstrakt wie das Ende der Geschichte. Die Beschäftigung mit der Psyche des Menschen dient allein der Verbesserung der Methoden , die diesen umformen sollen, das heißt den Foltermethoden. Die oben angeführten Umwandlungen im menschlichen Dasein nennt Camus die Kennzeichen des rationalen Terrors.

6.0 „Le Procès“ oder die potentielle Schuld

Als man schließlich feststellt, daß Totalität nicht gleich Einheit ist, rückt der
Mensch immer mehr ins Zentrum der Schuldzuweisung durch die Partei. Stalin räumt während der großen Säuberung 1936-1938 zum Zwecke der alleinigen Machterlangung seine Gegner, vor allem die Revolutionäre aus den ersten Jahren unter Lenin, in Schauprozessen aus dem Weg . Die Religion der Geschichte lebt am Ende von Schuld und Unschuld, die von willkürlichem Ermessen abhängig sind. Die Revolte hat dieses Recht zu strafen nicht. Marx glaubte an den guten Willen der Geschichte, „la bonne volonté“, der unausweichlich zur klassenlosen Gesellschaft führt. Wenn dies sich nicht erfüllt, muß die Schuld also beim Menschen liegen. Die Vertreter der Geschichtlichkeit strafen jeden Mißerfolg. Der Glaube an sie gekoppelt mit der Aufgabe eigener Interpretationen der Geschichte kann den Einzelnen vor dem Prozeß retten, tut dies jedoch nicht unbedingt. Selbst der absolute Glaube reicht nicht aus, „es richtig zu machen“. Jeder ist potentiell schuldig. "Nothing is more successful in stamping out revolt than a sense of guilt. Individuals must be made to realize that they are nothing by themselves. No wonder the importance of making pride a sin. The unquestioning dominization of a church requires the institution of such guilt, so that the citzenry will feel in advance that they deserve what they get. The church has long known that. And so does the party. “ Camus gibt eine philosophische Definition des Terrors: „[...] [L’objectivité de culpabilité] se résume dans une subjectivité interminable qui s’impose aux autres comme objectivité [...]. “ Das objektive, schuldzuweisende System duldet keine Gleichgültigkeit der Doktrin gegenüber. Neutralität ist gleichbedeutend mit Regimefeindlichkeit. An dieser Stelle ist die Revolution soweit, daß sie ihren Ursprung, die Revolte tötet, um sich selbst am Leben zu halten. Dadurch tötet sie jedoch sich selbst, ist sich dem aber nicht mehr bewußt oder will es sich nicht bewußt machen , weil
schon längst andere Ziele gelten als Freiheit: nämlich die Macht. „Ici s’achève l’itinéraire surprenant de Prométhée. Clamant sa haine des dieux et son amour de l’homme, il se détourne avec mépris de Zeus et vient vers les mortels pour les mener à l’assaut du ciel. Mais les hommes sont faibles, ou lâches; il faut les organiser. Ils aiment le plaisir et le bonheur immédiat; il faut leur apprendre à réfuser, pour se grandir, le miel des jours. Ainsi,Prométhée, à son tour, devient un maître qui enseigne d’abord, commande ensuite. La lutte se prolonge encore et devient épuisante. Les hommes doutent d’aborder à la cité du soleil et si cette cité existe. Il faut les sauver d’eux-mêmes. Le héros leur dit alors qu’il connaît la cité, et qu’il est seul à la connaître. Ceux qui en doutent seront jetés au désert, cloués à un rocher, offerts en pâture aux oiseaux cruels. Les autres marcheront désormais dans les ténèbres, derrière le maître pensif et solitaire. Prométhée, seul, est devenu dieu et règne sur la solitude des hommes. Mais, de Zeus, il n’a conquis que la solitude et la cruauté; il n’est plus Prométhée, il est César. Le vrai, l’eternel Prométhée a pris maintenant le visage d’une de ses victimes. Le même cri, venu du fond des âges, retenit toujours au fond du désert de Scythie. “

7.0 Die Kritik von Francis Jeanson an Camus‘ Werk

Camus‘ Essai „L’Homme Révolté“ stieß auf großen Widerspruch gerade innerhalb der kommunistischen Linken um Jean Paul Sartre. In seiner Zeitung „Les Temps Modernes“ wurde im Mai 1952 eine Kritik von Francis Jeanson abgedruckt, die Anlaß für einen heftigen Disput zwischen Camus und den autoritären Kommunisten gab. Diese Kritik ist nicht nur sachlich, sondern auch sehr sarkastisch und persönlich angelegt wie schon der Titel zeigt: „Albert Camus ou l’âme révolté“ . Jeanson beginnt seine Kritik mit Zitaten aus einigen Lobreden über das Essai. Er fragt nach dem Geheimnis von Camus‘ Erfolg und impliziert mittels einer Frage eine Schwammigkeit und Vagheit in dessen Werk, das so unterschiedlich denkende Menschen in ihrer Begeisterung vereint: „Ou bien cette satisfaction générale s’expliquerait-elle par une certaine inconsistance de sa pensée, qui la rendrait indéfiniment plastique et malléable, apte à recevoir maintes formes diverses ?“ Er wirft ihm einen vom Anarchismus belebten vagen Humanismus vor, begleitet von einem starken Hang zur Formalität und der schönen Worte: „Nous plaindrons-nous que sa protestation soit trop belle?Oui, trop belle, trop souveraine, trop sûre d‘elle même, trop accordé à soi. “ Bei der Analyse der metaphysischen Revolte konzentriere sich Camus lediglich auf das Metaphysische, kümmere sich aber nicht um die historischen und ökonomischen, also die materialistischen Hintergründe. Laut Jeanson spricht er der Geschichte jeglichen Einfluß auf das Entstehen einer Revolution ab und reduziert den Begriff Revolution auf die Vergöttlichung des Menschen. Er findet Camus‘
Geschichtsauffassung merkwürdig („ étrange “), abgetrennt von jeglicher
konkreten Situation. Es sei ein reiner Dialog von Ideen. Auch sei Camus Marx gegenüber unbarmherzig und entschuldige ihn nur , um ihn erneut anzugreifen. Jeanson kritisiert, daß er sich nicht richtig mit Marx auseinandergesetzt habe. In seinem Abschnitt über den rationalen Terror greife Camus das revolutionäre Phänomen ungerechtfertigterweise an, ohne auf die Umstände seines Auftretens, seiner Begründer und seiner Veränderungen einzugehen.
Jeanson ist sich nicht klar über Camus‘ Ziel, dessen Revolutionsgeschichte sei falsch und seine Diskurse über die Ideologien abenteuerlich und schikanös („ les traitements les plus aventureux et les plus cruelles brimades“ ).
Ein anderer Vorwurf ist der, daß Camus die Wirksamkeit („efficacité“) verurteilt und sich so alle möglichen Aktionsformen versperrt. „[. . . ] il faut agir, bien sûr, mais simplement pour agir et sans en attendre aucun résultat, sans nourrir l’illusion de donner un sens à ce qui n’en saurait avoir. “ „La suggestion de Camus, finalement, est qu’il y a un mystère de l’inefficacité, et
qu’il suffit d’atteindre à l’extrème de celle-ci pour la voir miraculeusement
s’inverser et devenir la << veritable>> efficacité. “ Jeanson macht darauf aufmerksam, daß auch gerade die feindlichen Mächte, der Kapitalismus, für das Scheitern der Revolutionen verantwortlich sind und nicht das Kräftemessen von Revolte und Revolution. Die Revolte scheitere nur deshalb nicht, weil sie nichts Konkretes plane: „Ainsi le révolutionnaire est-il à la fois la victime et la dupe de Dieu, parce qu’il projette de l’égaler en puissance et qu’il n’y saurait évidemment parvenir. Le révolté, par contre, est la victime qui se dresse dans un permanent défi: celle qui ne donne pas à Dieu la satisfaction de contempler ses échecs, -- car elle ne projette rien, et ne saurait donc échouer. “ Camus nörgele insbesondere über das „historische Böse“ im Kapitel „La révolte historique“. Überhaupt stelle das Buch ein manichäistisches System dar, das allein auf der Dualität von Gut und Böse beruhe, wobei sich das Böse in der Geschichte manifestiere und das Gute irgendwo außerhalb davon. Man sei gezwungen, sich gegen die Geschichte zu entscheiden, obwohl sich ihr niemand entziehen kann: „L’espoir de Camus serait-il vraiment de supprimer <<le cours du monde>> par le refus de toute entreprise dans le monde? Il reproche aux staliniens ( mais aussi à l’existentialisme...) d’être totalement prisonniers de l’histoire: mais ils ne le sont pas plus que lui, ils le sont seulement d’une autre manière. “ Jeanson behauptet, daß die Geschichte nur durch den Menschen existiert ,und daß,
wenn man sich auf gewisse Weise außerhalb von ihr befindet, doch in ihr ist. “Le <<cours du monde>> est à la fois notre prison et notre œuvre [...] nous ne cessons de la [ l’histoire] faire, mais elle nous fait, aussi [...]. “ Abschließend kommt Jeanson zu dem Ergebnis, daß es sich um eine „ pseudo-philosophie d’une pseudo-histoire des <<révolutions>>“ handele.

8.0 Anarchismus, libertärer Sozialismus und Syndikalismus als Alternativen zum autoritären Sozialismus

Camus hat sich zwar nie ausdrücklich zu anarchistischen Tendenzen bekannt, ist allerdings eindeutig von diesen Vorstellungen beeinflußt. In seiner politischen Arbeit unterstützte er vor allem Syndikalisten, da deren direkte Aktionen die Lage der Arbeiter sofort verändern und nicht ein in unbestimmter Zukunft liegendes befreites Reich über alles stellen. Horst Wernicke belegt diese Unterstützung :„Wie Herbert Lottmann in seiner Camus -Biographie berichtet, waren die „ libertaires“, die Syndikalisten von der revolutionären Linken, auch die exilierten spanischen Republikaner bis in seine letzten Tage
hinein immer seine treuen Freunde, die sich auf ihn verlassen konnten und denen gegenüber Camus voller Sympathie und Vertrauen war, die er unterstützte, wo er es nur konnte. Sein anarchistischer Individualismus war es auch, der ihn die Kriegsdienstverweigerer in den fünziger Jahren unterstützen und verteidigen ließ. “Definiert man Anarchismus, Syndikalismus und libertären Sozialismus, die einander sehr ähnlich sind, sieht man die Parallelen zu seinem Werk „L’Homme révolté“:
Der Anarchismus ist ein sozialphilosophisches und politisches Denkmodell, das jegliche Form von Herrschaft über Menschen durch andere Menschen , also zum Beispiel Staat und Kirche ablehnt. Uneingeschränkte Freiheit nach den Prinzipien Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität dienen als Grundlage des Lebens ohne Staat, das dezentral und selbstverwaltet sein soll.
Der Syndikalismus lehnt die Partei und den parlamentarischen Kampf als politische Grundlage der Arbeitervertretung ab. Vielmehr tritt er für Selbstverwaltung als ein Mittel der direkten Aktion in den Betrieben selbst ein und organisiert die Arbeiter in Syndikaten. Er lehnt ebenfalls jede Zentralgewalt ab.
Der libertäre Sozialismus glaubt gleichsam nicht an eine Schaffung einer
freiheitlichen , gerechten Lebensform allein durch die Vergesellschaftung der
Produktionsmittel. Die Freiheit des Individuums, die Grundrechte und eine aktive Mitwirkung aller Menschen in zum Beispiel Rätesystemen sind der Weg zu dieser Lebensform. Der Anarchismus und gerade sein Vertreter Pierre Joseph Proudhon erkannten schon früh die Gefahren des Marxismus. „Seine [Proudhons ] Revolte richtete sich auch gegen die revolutionären Parteien – vor allem die Marxisten, diese ,Zukunftsregierungscanaillen‘-, die in seinen Augen eines Tages die Freiheit des Menschen zugunsten einer fragwürdigen, blinden Gerechtigkeit verraten würden. “ Die Ähnlichkeit zwischen Camus‘ Idealbild vom Revoltierenden und dem des Anarchisten ist sehr groß. Horst Wernicke erläutert weiter dazu: „Ziel und Motivation des Anarchismus, so wie er sich bei Proudhon und seinem Schüler Bakunin vor allem darstellt, finden sich in Camus‘ „Revolte“-Denken wieder, das die Grundzüge dieses Menschen und dieses gemeinschaftlichen, solidarischen Lebens entwirft und auch den Einfluß Rousseaus noch einmal deutlich werden läßt. Der Anarchist und der „homme révolté“ protestieren gegen jede Art von Diktatur, sie sei „cäsarisch“ oder die des Proletariats, und wollen die Gewalt des „Staates“ ersetzen durch die nicht manipulierte Gemeinschaft der Einzelnen ; darin liegt ein radikaler Unterschied zum orthodoxen Kommunismus. Der „révolté“ im Sinne Camus‘ und sein Bruder, der Anarchist, stehen im gemeinsamen Kampf gegen den deformierenden Staatsapparat und die Gesellschaft einander entfremdeter Menschen und für die Übereinstimmung und das gute Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem „Nächsten“ und zur Natur, für eine Autonomie in allen Lebensbereichen gegen jede Kollektivität. “ Camus vertritt insbesondere auch den unblutig eingeführten Sozialismus in Skandinavien, wo die Gewerkschaften und Ombudsmänner großen Einfluß auf das politische Geschehen haben. “Camus praises the political systems of the Scandinavian countries , where socialism has been achieved without recourse to totalitarian means. Revolutionary syndicalism comes close to being an ideal manifestation of revolt, because it proceeds from the individual to the group, rather than being a mass organization that submerges the needs of the individual. “ So scheinen Anarchismus , Syndikalismus und libertärer Sozialismus die einzigen
Möglichkeiten zur Umsetzung der Revolte zu sein. Zwar sind gewisse
anarchistische Strömungen auch in Terror umgeschlagen, wobei sie sich allerdings gegen einzelne Personen mit hoher Machtposition (Zar, hochrangige Politiker, etc. ...) richteten, doch gab es schon zu Beginn der anarchistischen Strömungen eine Spaltung zwischen terroristischen und nicht-terroristischen Anarchisten. Es bleibt allerdings zu bezweifeln, ob sich Syndikalismus und Anarchismus in der heutigen immer noch sehr kapitalistisch geprägten Welt durchsetzen könnten, ausgenommen der gemäßigteren libertären sozialistischen Strömungen , ohne von außen gewaltsam zerstört zu werden ( siehe zum Beispiel Spanischer Bürgerkrieg, Ukraine ). Eine Umwandlung zum totalitären Streben wäre aber nicht möglich, denn einer der obersten Leitsätze ist: Der Weg ist das Ziel.

9.0 Zusammenfassung

Camus will also in seinem Essai die Degeneration der metaphysischen Revolte, in der sich der Mensch gegen den Tod und die absurden Lebensumstände auflehnt, zur unterdrückerischen Revolution aufweisen. Die Revolte sagt nein zur Unterdrückung und ja zu Solidarität und Freiheit. Er erklärt zuerst Marx Vorstellungen von der Revolution und den Marxismus. Dann veranschaulicht er Lenins Veränderungen der Doktrin und endet schließlich mit dem Stalinismus als letzte Konsequenz der Degeneration. Die Ursprünge des marxistischen Messianismus liegen in der linearen Geschichtsauffassung der Christen und dem bürgerlichen Fortschritts- und Wissenschaftsglauben, die Gott durch den Menschen ersetzen. Da der Marxismus allerdings einige politisch-wirtschaftliche Entwicklungen falsch einschätzt, muß das Aktionsprogramm geändert werden. Die Arbeitsteilung wird trotz allem durch die zunehmende Komplexität der Technik
unausweichlich, das Proletariat wächst nicht unbeschränkt, die nationalen
Schranken fallen nicht und das Kapital wird nicht so stark durch Krisen
geschwächt. Das führt zur Beschneidung der Sendung des Proletariats, der eine straffe Organisation durch Eliten vorgezogen wird. Durch die oben erwähnten Fehleinschätzungen verlagert sich die Widerkunft bzw. Prophezeiung der klassenlosen Gesellschaft in unbestimmte Zeit. Camus dementiert die Wissenschaftlichkeit des Marxismus, indem er den Widerspruch der Dialektik und dem Ende der Geschichte aufdeckt und die Prophezeiung als wissenschaftlich nicht beweisbar entlarvt. Es gibt keine Ansätze zur Vermeidung von Entfremdung und der direkten Änderung der Lebensumstände. Wo Wissenschaft und Wirtschaft durch nicht vorhersehbare Entwicklungen nicht mehr ins System passen , bleibt nur
noch der Glaube an die Prophezeiung. Die Nihilisten, die Werte wie Maß und
Menschlichkeit nicht anerkennen, übernehmen die Führung der Massen. Mit Lenin wird das militärische Imperium eingeführt, in dem das Dogma der Effizienz und der Glaube oberstes Gebot sind. Der weltumfassende Imperialismus der Gerechtigkeit heiligt alle (ungerechten ) Mittel. Der kommunistische Staat als Diktatur des Proletariats nur vorübergehend vorgesehen, wird von Lenin ohne zeitliche Einschränkung unter dem Vorwand des allgemeinen Wohlstands und der weltweiten Gerechtigkeit legitimiert. Diese Totalität des Staates stellt den Lauf der Geschichte, der als letztes Element des Marxismus übriggeblieben ist, über alle Menschlichkeit und ist Charakteristikum des Stalinismus. Da Totalität aber nicht gleich Einheit ist, beansprucht der Stalinismus die totale Kontrolle über die Menschen, indem er ihn als letzten Feind denunziert, der dem „guten Willen“ der Geschichte im Wege steht. Der rationale Terror wird gekennzeichnet durch die Zerstörung der irrationalen, das heißt unberechenbaren Elemente des Menschen in der Form von zwischenmenschlichen Beziehungen, die nicht im Dienste der
kommunistischen Politik stehen. Diese negative Bild des Kommunismus stößt natürlich auf harsche Kritik bei den autoritären Linken, wie zum Beispiel Francis Jeanson , der Camus teils berechtigt, wenn auch auf sarkastische Weise kritisiert. Zu metaphysisch, zu abgehoben von der Geschichte als Auslöser einer Revolution sei sein Revoltedenken. Die Reduktion der Revolution auf die Vergöttlichung des Menschen sei falsch. Camus versperre sich alle Möglichkeiten der Aktion, indem er die Effizienz ablehne. Die
Revolte im Gegensatz zur Revolution scheitere nicht, weil sie nicht konkret
handele. Weiter sei das Buch zu sehr auf die Dualität von Gut (Revolte/Geschichtsunabhängig) und Böse (Revolution/Geschichtsabhängig)
konzentriert. Abschließend kommt Jeanson zu dem Ergebnis, daß Geschichte und Mensch wechselseitig agieren, der Mensch macht die Geschichte und lebt in ihr. Vergleicht man nun die libertären, anarchistischen Ideen mit Camus‘ Idee vom Revoltierenden, so entdeckt man, daß beide für Solidarität, Gerechtigkeit und Individualismus stehen. Der Weg über deformierende Institutionen fällt weg. Das so wichtige Maß bei der realen Umsetzung findet sich beim Anarchismus in der Treue zu den Prinzipien. Mit Gewalt und Herrschaft kann kein gewaltloses und freies Zusammenleben entstehen; dem ist sich der Anarchismus von Anfang an bewußt. Beide erkennen niemals über sich stehende Autoritäten an. So ist der Kreis beginnend bei der Revolte , abschließend bei den Aktionsformen der libertären Bewegung , geschlossen.. Es bleibt weiterhin zu untersuchen, inwieweit eine Verquickung dieser beiden Ideen in der realpolitischen Form Erfolg haben würde.

 

9.0 Bibliographie der benutzten Literatur

CAMUS, Albert, Der Mensch in der Revolte,


BERÜHMTE ZITATE

Leben und Mensch
«Leben heisst handeln.»
«Wollen heisst Widersprüche wecken.»
«Das Leben ist naturgemäss niemals leicht.»
«Stets werde ich mir selbst ein Fremder sein.»
«Das Leben verlieren ist keine grosse Sache; aber zuschauen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich.»
«Der Mensch ist nichts an sich. Er ist nur eine grenzenlose Chance. Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für diese Chance.»

Freiheit, Liebe, Hoffnung und Phantasie
«Man ist immer auf Kosten eines anderen frei.»
«Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten.»
«Die Liebe ist Ungerechtigkeit, aber die Gerechtigkeit genügt nicht.»
«Einen Menschen lieben heisst einzuwilligen, mit ihm alt zu werden.»
«Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung.»
«Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können. Der Humor über das was sie sind.»

Politik, Gewalt und Strafen
«An Kaisern fehlt es uns nicht, nur an Persönlichkeiten.»
«Grausamkeit empört, Dummheit entmutigt.»
«Warte nicht auf das Jüngste Gericht. Du stehst jeden Tag vor deinem Richter.»
«Die Strafe, die züchtigt, ohne zu verhüten, heisst Rache.»
«Es ehrt unsere Zeit, dass sie genügend Mut aufbringt, Angst vor dem Krieg zu haben.»
«Jede einem Menschen zugefügte Beleidigung, geleichgültig, welcher Rasse er angehört, ist eine Herabwürdigung der ganzen Menschheit.»

Christentum
«Ich werfe dem Christentum vor, dass es eine Lehre der Ungerechtigkeit ist.»
«Christus mag für jemanden gestorben sein, aber jedenfalls nicht für mich.»
«Und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.»
«Wenn ein spanischer Bischof politische Hinrichtungen segnet, ist er kein Bischof mehr und kein Christ, ja nicht einmal ein Mensch; dann ist er ein Hund, genau so gut wie jeder, der von der hohen Warte einer Ideologie aus die Hinrichtung befiehlt, ohne die Arbeit selbst zu verrichten.»

Wissenschaften
«Ein Intellektueller ist ein Mensch, dessen Geist sich selbst beobachtet.»
«Übersetzer sind verwegene Kämpfer, die den Turm von Babel angreifen.»
«Man sollte auch gute, ja, ausgezeichnete Bücher verbieten, bloss damit sie mehr gelesen und beachtet werden.»
«Die Werke von Kopernikus und Galilei standen bis 1822 auf dem Index. Drei Jahrhunderte Starrsinn, das ist hübsch.»
«Die grösste Ersparnis, die sich im Bereich des Denkens erzielen lässt, besteht darin, die Nicht-Verstehbarkeit der Welt hinzunehmen - und sich um den Menschen zu kümmern.»

Andere Aussprüche
«Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst.»
«Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich.»
«Das echte Gespräch bedeutet: aus dem Ich heraustreten und an die Tür des Du klopfen.»
«Die meisten grossen Taten, die meisten grossen Gedanken haben einen belächelnswerten Anfang.»
«Äussere Ordnung ist oft nur der verzweifelte Versuch, mit einer grossen inneren Unordnung fertig zu werden.»




Kleines Lexikon der sozialen Dreigliederung

Mit diesem kleinen Lexikon läßt sich an einzelnen Beispielen gut einschätzen, was eine soziale Dreigliederung zur Erneuerung unserer Gesellschaft beitragen kann. Bei manchen Stichworten wird zusätzlich auf News, Essays und Initiativen zum jeweiligen Thema verwiesen.

Ein umfangreicheres Lexikon mit zahlreichen Zitaten finden Sie bei Werner Breimhorst

 

Charakteristisch für die Anthroposophie ist die Überzeugung, daß jeder Mensch die geistige Welt erkennen kann, wenn er nur entsprechend an sich arbeitet. Die Anthroposophie zielt aber nicht nur auf die eigene Weiterentwicklung. Viele konkreten Umsetzungen im pädagogischen, heilpädagogischen, medizinischen und landwirtschaftlichen Bereich zeigen, daß geistige Erkenntnisse auch praktisch relevant werden können. Weniger bekannt ist der aus der Anthroposophie hervorgegangene Ansatz der sozialen Dreigliederung, der Wege zu einer sozialen Umgestaltung in Richtung kulturelle Vielfalt, solidarische Wirtschaft und demokratische Grundrechte aufzeigt.
Könnte es sein, daß die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft auf die Interessen der Produzenten die Hauptursache der Arbeitslosigkeit darstellt? Diese Frage ist vielleicht ungewöhnlich. Die bisherigen Ansätze scheinen aber nicht viel gegen die Arbeitslosigkeit geholfen zu haben. Angenommen, die Arbeitslosigkeit liegt an falschen Prioritäten: Wie läßt sich dann dafür sorgen, daß die Konsumenten die eigentlichen Arbeitgeber werden?
Eine Assoziation ist ein Zusammenschluß von Konsumenten, Händlern und Produzenten mit dem Ziel, die Preise so zu beeinflussen, daß alle Beteiligten damit auskommen können.
Das Bevölkerungswachstum ist eher ein Symptom als eine Ursache der Armut - und eine staatliche Familienplanung gehört eher zum Problem als zur Lösung. Zu den Ursachen des Bevölkerungswachstums zählen auch die Benachteilung der Frauen und der Mangel an wirtschaftlicher Solidarität. All diese Ursachen liessen sich gut überwinden, ohne die Menschenwürde anzutasten. Bis es so weit ist, lassen sich die negativen Folgen des Bevölkerungswachstums durch den Ökolandbau viel besser lindern als etwa durch die Gentechnik.
Das Bevölkerungswachstum ist eher ein Symptom als eine Ursache der Armut - und eine staatliche Familienplanung gehört eher zum Problem als zur Lösung.
Zu den Ursachen des Bevölkerungswachstums zählen - neben der Benachteilung der Frauen - auch der Mangel an wirtschaftlicher Solidarität. Entgegen der Behauptung totalitärer Staaten lassen sich diese Ursachen gut überwinden, ohne die Menschenwürde anzutasten.
Bis es so weit ist, lassen sich die negativen Folgen des Bevölkerungswachstums durch den Ökolandbau viel besser lindern als etwa durch die Gentechnik. Daß dies bei der UNO noch nicht so richtig eingesehen wird, liegt vor allem daran, daß an entscheidenden Stellen Menschen stehen, die ihr Geld vorher in der Gentechnikbranche verdient haben - und wahrscheinlich noch verdienen.
Der Boykott ist zu einer beliebten Waffe der Zivilgesellschaft gegen die Übermacht der Großkonzerne geworden. Aber auch innerhalb des Wirtschaftslebens selbst kommt dem Boykott eine zentrale Funktion zu - anstelle von Streiks.
Eine soziale Dreigliederung macht die Parteiherrschaft überflüssig. Durch die Rückbesinnung des Staates auf seine eigentlichen Aufgaben wird eine wirkliche Demokratie möglich.
Unser Eigentumsrecht wird erst dann aufhören, der Gesellschaft zu schaden, wenn es - wie die Urheberrechte - zeitlich begrenzt ist. Dem steht noch das römische Recht entgegen, mit seiner Tendenz, das Eigentum zu verabsolutieren. Dies hat positive Auswirkungen gehabt, weil es der Individualität freien Lauf gegeben hat. Die Bindung an der Familie durch das Erbrecht schränkt aber diesen individuellen Charakter wiederum ein. Dieser Rest an Kollektivismus hindert uns daran, das Eigentum wirklich an die individuellen Fähigkeiten zu binden.
Eine Entstaatlichung der Wirtschaft heißt nicht, daß man die Preise dem Zufall überläßt, sondern daß es Aufgabe der Wirtschaft selber ist, das Angebot aktiv an die Nachfrage anzupassen. Ein erster Schritt dorthin sind Faire Preise wie beim Fairen Handel, wo sich die Konsumenten nach den Preisen richten, die Produzenten zum Leben brauchen. Den gewonnenen Spielraum können dann die Produzenten nutzen, um ihr Angebot besser anzupassen.
Wenn Sie Geld verdienen wollen, sind Sie hier richtig - um Ihren Horizont zu erweitern. Hier geht es nämlich um die Frage, wie Geld in der Wirtschaft wirkt - und um die Frage, wie man dafür sorgen kann, daß es nur zum besten der Wirtschaft wirkt. Dazu braucht das Geld eine Laufzeit, die an den brauchbaren Produktionsmitteln gekoppelt ist, damit es an der realen Wirtschaft gebunden bleibt und nicht anfängt, sich zu verselbständigen.
Zur Wirtschaft gehört auch die Währung, die daher weder von einer nationalen noch von einer europäischen Zentralbank verwaltet werden kann.
Globalisierung bedeutet einerseits Weltwirtschaft, was meist nicht so sehr eine gemeinsame Wirtschaft als eine Überwindung der schwachen durch die starken Volkswirtschaften bedeutet. Andererseits meint Globalisierung die Ökonomisierung der Welt und damitdie Tendenz, alles zur Ware zu machen. Diese recht problematischen Entwicklungen lassen sich nur durch eine Stärkung des Fairen Handels und der Zivilgesellschaft umkehren.
Es gehört zur Unabhängigkeit der Justiz, daß Richter gar nicht vom Staat eingesetzt werden können, soweit es um Fragen des Straf- und Zivilrechts geht.
Konservatismus hat zum Ziel, eingebürgerte Gesellschaftsverhältnisse zu bewahren und zu konservieren. Für die Dreigliederung und Anthroposophie mit einer evolutionären Geschichtsauffassung ist dieser Versuch eine Sünde gegen die Menschheit.
Eine Korporation ist ein Zusammenschluß von Menschen auf Grund einer gemeinsamen Kultur, Sprache, Religion, Weltanschauung, Pädagogik oder auch desselben Berufes. Durch ihre Einseitigkeit oder ihren Vorbildcharakter beleben sie das Geistesleben.
Die vorhandenen Korruptionsindexe erfassen nur die illegale Korruption. Nimmt man die legale Korruption dazu, würden Länder wie die Vereinigten Staaten an der Spitze stehen.
Der Liberalismus steht für geistige Freiheit, so wie die Dreigliederung, aber er steht auch für Freiheit der Wirtschaft, im Sinne des freien, ungeregelten Markts, wo nur Angebot und Nachfrage die Produktion regeln, und im Sinne des Kapitalismus.
Der Nationalismus kann nur zerstören. Nation heißt soziales Chaos - ein heilloses Durcheinander von Kultur, Staat und Wirtschaft.
Liste aller Stichworte
Der Rassismus stellt nicht nur eine Rasse über die anderen, sondern auch die Rasse über das Individuum.
Reinkarnation meint die Tatsache, dass der Mensch mehrere Erdenleben durchmacht. In Indien und anderswo ist der Gedanke der Reinkarnation sehr präsent. Im Westen herrschen dagegen Religionen, die den Gedanken der Reinkarnation mehr oder weniger ausgerottet haben und dadurch dem Materialismus zum Siegeszug verholfen haben. Der positive Aspekt des Ausblendens der Reinkarnation ist der weit stärker entwickelte Sinn für individuelle Freiheit. Richtig individuell wird aber der Mensch erst, wenn er trotz gesteigerter Individualität wieder Zugang zur Idee der Reinkarnation findet, weil dies ihn vor der Vereinnahmung durch ein bestimmtes Volk oder ein bestimmtes Geschlecht schützen kann.
Nicht das Geld, was eingespart oder angelegt ist, arbeitet für die Rente, sondern die nächste Generation. Wer in freie Bildung investiert, sorgt dafür, daß sie es leichter hat, die ältere Generation mitzutragen. Mehr Bildung durch mehr Schenkung ist daher die beste Rentenreform.
Schulfreiheit heißt nicht die Abwesenheit von Schule, sondern die freie Wahl der Schule. Sie schließt die Abschaffung der staatlichen Lehrpläne ein.
Der Sozialismus hat seinen Ursprung in einem berechtigten Ideal, der Brüderlichkeit. Er läßt sich aber nicht realisieren ohne die beiden anderen Ideale der Gleichheit und Freiheit dazu zu nehmen.
Der Staat ist aus der Machtsucht der Fürsten erwachsen und hat alle gesellschaftlichen Bereiche zentralisiert: Alle rechtlichen Beziehungen monopolisiert und das Geistesleben und Wirtschaftsleben reglementiert.
Bei einer reellen Steuerreform wäre es mit einer gestaffelten Ausgabesteuer möglich, die Steuerlast gerecht zu verteilen und gleichzeitig das Steuersystem radikal zu vereinfachen.
Subventionen soll sich die Wirtschaft selber geben, statt den Markt für allmächtig zu halten - und trotzdem nach staatlichen Subventionen zu schreien.
Der Terrorismus wird oft auf eine Art bekämpft, die ihn nur bestätigt und verstärkt. Wer dem Terrorismus den Krieg erklärt, gibt sich eigentlich geschlagen. Wer den Terrorismus als Vorwand nimmt, um Minderheiten zu kriminalisieren, schafft ihm nur Sympathien. Dies gilt nicht nur für die derzeitige US-Regierung, sondern auch für die europäischen Anhänger eines Kopftuchverbots. Sie halten sich für Vorkämpfer der Freiheit, verbauen aber den anderen den eigenen Weg zur Freiheit.
Eine wirkliche Therapiefreiheit setzt eine Entstaatlichung der Arztausbildung voraus. Diese Verstaatlichung trägt wesentlich zur heutigen Kostenexplosion im Gesundheitswesen bei. Die konventionelle Medizin dient eben weniger den Patienten als den Pharmakonzernen.
Werbung gibt es überall da, wo die Wirtschaft nicht mehr dient, sondern sich bedient. Die Bedeutung der Werbung ist symptomatisch für unsere Produzentenwirtschaft, wo die Initiative von den Unternehmen ausgeht und ein Heer von Kaufleuten, Psychologen und Künstlern allein damit beschäftigt ist, dem Kunden das Gegenteil zu suggerieren. Es gibt kaum etwas Traurigeres als sich Künstler anzuhören, wenn sie die Werbung in Schutz nehmen, mit dem Argument, sie würden davon leben. Wer von Entwicklungshilfe lebt, kommt wenigstens nicht auf die Idee, die Subventionspolitik der Industrieländer zu loben. Das Einzige, was die Werbung adeln kann, ist das gesellschaftliche Engagement einiger Firmen. Gemeint ist nicht das Sponsoring, das nichts weiter ist als versteckte Werbung, sondern der Einsatz für einen fairen Handel.
Die Zivilgesellschaft ist dabei, neben Weltwirtschaft und Weltpolitik eine dritte globale Kraft zu werden.

Sylvain Coiplet

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- Wenn ich Antonio Gramski heutzutage antworten müßte...Würde ich auf seine Behauptung - die Anarchisten müßten freier in Ihrer Denkweise werden antworten: - Das doch wohl offensichtlich die Kommunisten die größeren Sturköpfe sind und waren! - Aber urteilt selbst:  - Hier nun also philosophische Texte von -

Antonio Gramsci

Antonio Gramsci

1891 - 1937

 

29. Jan 1916

Sozialismus und Kultur

29. Jul 1917

Die russischen Maximalisten

24. Nov 1917

Die Revolution gegen das Kapital

16. Mär 1918

Ein Jahr Geschichte

4. Mai 1918

Unser Marx

25. Jul 1918

Utopie

14. Sep 1918

Das Werk Lenins

5. Feb 1919

Ein Sowjet in Turin

4. Juni 1919

Italien und Rußland

28. Jun/5. Jul 1919

Der Staat und der Sozialismus

12. Juli 1919

Die Eroberung des Staates

2. Aug 1919

Arbeiter und Bauern

11. Okt 1919

Gewerkschaften und Räte

25. Okt 1919

Die Gewerkschaften und die Diktatur

17. Jan 1920

Die historische Funktion der Stadt

14. Feb 1920

Das Arbeitsinstrument

20. März 1920

Die deutsche Revolution

3./10. Apr 1920

Rede an die Anarchisten

5. Juni 1920

Der Fabrikrat

12. Juni 1920

Gewerkschaften und Räte

14./28. Aug 1920

Das Programm des Ordine Nuovo

4./9. Sep 1920

Die kommunistische Partei

15. Jan 1921

Eine Mahnung

11. März 1921

Italien und Spanien

30. März 1921

Die Revolution in Deutschland

13. Mai 1921

Sozialistisch oder kommunistisch?

23. Jul 1921

Volksaufstand

20. Sept 1921

Die Hauptverantwortlichen

15. Jan 1922

Ein Jahr

23. Mai 1922

Die Erfahrung der Metallarbeiter spricht für eine allgemeine Aktion

21. Feb 1924

Das Problem Mailand

1. Sep 1924

Die italienische Krise

1. Nov 1924

Die Partei des Proletariats

20. Jan 1926

Der Parteitag von Lyon – Rede vor der politischen Kommission

Okt 1926

Brief an das ZK der KPdSU(B)

 ...und wenn wir schon mal beim Kommunismus sind...

http://www.home.no/mattick/mattick.JPG

Texte von "Paul Mattick"! - Die wegen der  Finanzkrise (2008 - 2009 - Untergang???) - wohl leider wieder aktuell sind?


Anton Pannekoek

Anton Pannekoek

1873 - 1960

Dez 1902

Die Stellung und Bedeutung von J. Dietzgens philosophischen Arbeiten

 

1906

Religion und Sozialismus. Ein Vortrag.

 

1906

Ethik und Sozialismus und Umwälzungen im Zukunftsstaat

 

1907

Der Kampf der Arbeiter

 

12. Nov. 1910

Dietzgenismus und Marxismus

 

17. Dez. 1910

Gewerkschaftliche Demokratie

 

25. Feb. 1911

Marx der Ethiker

 

Okt. 1911

Die Abschaffung des Eigentums, des Staates und der Religion

 

11. Nov. 1911

Massenaktionen

 

12. Aug. 1912

Der Instinkt der Massen

 

1912

Massenaktion und Revolution

 

1913

Marxistische Theorie und revolutionäre Taktik

 

19. Juli 1913

Der Krieg und die Sozialistische Wissenschaft

 

29. Nov. 1913

Der Deutsche Syndikalismus

 

4. Juli 1914

Partei und Masse

 

Januar 1916

Der Imperialismus und die Aufgaben des Proletariats

 

1918

Die Teilung der Beute

 

1919

Das Wilsonsche Programm

 

1920

Der neue Blanquismus

 

Juni 1934

Die Zusammenbruchstheorie des Kapitalismus

 

Mai 1947

5 Thesen über den Kampf der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus

 

Die Marxisten

 


Otto Bauer

Ernest Belfort Bax

August Bebel

Julian Borchardt

Amadeo Bordiga

Heinrich Brandler

Cajo Brendel

Nikolai Bucharin

Tony Cliff

Joseph Dietzgen

Hal Draper

Herman Gorter

Antonio Gramsci

Henryk Grossmann


Duncan Hallas

Rudolf Hilferding

Max Hölz

Willy Huhn

Karl Kautsky

Karl Korsch

Antonio Labriola

Paul Lafargue

Wladimir Lenin

Paul Levi

Karl Liebknecht

Wilhelm Liebknecht

Georg Lukács

Rosa Luxemburg

Ernest Mandel

Tom Mann

Julius Martow

Karl Marx + Friedrich Engels

Paul Mattick

Franz Mehring

Anton Pannekoek

Georgi Plechanow

Evgenij Preobraschensky

Karl Radek

John Reed

Isaak Iljic Rubin

Otto Rühle

Victor Serge

Jakob Stern

Josef Strasser

Hermann Teistler

August Thalheimer

Leo Trotzki

Clara Zetkin

 

deutsches Archiv der Schriften des

Ernesto Che Guevara

1928 - 1967

     [Che-Portrait]
     

Reden, Schriften, Briefe u.a.:

 

Links zum Thema Che Guevara!

[PDF]

Che Guevara leitete 1959 das Gefängnis von La Cabana. Er war ...

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Che Guevara war maßgeblich an der Schaffung von Konzen- ... Che Guevara wurde 1961 Wirtschaftsminister. Sein realitätsblinder ...

 

Che Guevara – eine große Lüge- Internationale Gesellschaft für ...

Der kubanische Revolutionsheld Huber Matos über die Instrumentalisierung Che Guevaras durch Fidel Castro, das manipulierte Bild des Westens von der ...

km 21.0 - Interview mit Antonio Negri

Der Philosoph ANTONIO NEGRI enthüllt die Blaupausen der grenzenlosen Weltmacht. Sie empfangen uns in einer bizarren Situation, Professor Negri. ..

 

 

http://media.de.indymedia.org/images/2007/05/178810.jpgBild - Indymedia

 

Die freie Gesellschaft

Das Ziel der Marxisten ist nicht die Arbeiterrätegesellschaft, sondern die freie Gesellschaft. Die demokratische Arbeiterrätegesellschaft ist nur eine notwendige Übergangsform für die freie Gesellschaft.

Hier wird es keine Arbeiter mehr geben, sondern nur noch gleichberechtigte Menschen die nach dem Prinzip leben, „Jedem nach seinen Bedürfnissen, Jedem nach seinen Fähigkeiten". Das wird aber letztlich nur möglich sein, wenn das Geld, der Leistungsdruck und der Staat als Kontrollorgan abgeschafft sind. Und hier erkennt man schon das Problem, warum man diese Gesellschaft nicht direkt einführen kann, wie es die Anarchisten wollen. Anfangs werden noch einige Kapitalisten oder Kapitalistenhelfer trotz ihrer kleinen Minderheit von 5% in Europa im Untergrund alle Hebel in Bewegung setzen, um ihre Entmachtung wieder rückgängig zu machen.

Außerdem kann die freie Gesellschaft nicht mit „ordre de mufti" von oben eingeführt werden. Wir haben doch alle die Erfahrung gemacht, dass man einen Kapitalismusanhänger kaum von der Arbeiterräterepublik überzeugen kann, und sei er schon seit 40 Jahre Arbeiter. Die Ideen der Herrschenden sind immer noch die herrschende Meinung. Die Herrschenden verbreiten ihre Meinungen mit der „Millionäspresse". Der Verleger muss auch wie alle Kapitalisten eine Millionen besitzen, um eine Zeitung drucken zu können. Die Werbung wird da nur geschaltet, wenn sie staatstragend ist, wenn sie beispielsweise auf Seiten Israels ist. Ausnahme bildet jetzt das Internet, aber denen glaubt der Uninformierte einfach nicht. Das Internet führt noch eher zu kleinbürgerlichen Theorien wie Geld- 3.- Weg- oder Verschwörungstheorien, denn zur Emanzipation. Jedenfalls führen die Infos der unterdrückten Nachrichten nur im Kleinbürgertum wie z.B. über die „Online-Überwachung" zu stärkeren Demos wie 1984 mit der Volkszählung, aber immerhin. Im Arbeiterbereich bleibt die Mobilisierung zu Internetzeiten eher unter denen, der 70 er Jahre. Das hat noch mit der 68-Bewegung zu tun.

In Deutschland ist sie noch weit hinter den Wirtschaftskrisen zurückgeblieben. Aber viele andere Länder sind ja schon viel weiter, gibt es schon viel mehr von der reformistischen Gewerkschaftsführung unabhängige emanzipierte Kämpfe, und dabei wirft auch der Arbeiter ganz schnell seine alte Weltanschauung über Bord und lernt aus dem Internet. Über Ägypten und Griechenland sind wir hier ja schon bestens informiert. In Italien wurden schon bei den Betriebsbesetzungen bei INNSE Mailand, IVECO Suzzara, in der Schweiz bei Officine von Bellinzona und Borregaard-Attisholz
bei Solothurn und in Spanien bei Holcim Torredonjimeno erste Erfahrungen mit Streikräten gesammelt. In England ist die Bewegung mit eine ganzen Reihe von Streiks der nicht rituellen Art, mehrere heftige Konfrontationen bei Demonstrationen und Kundgebungen der allerjüngsten Zeit schon eine ganze weiter als hier, so dass die Polizei für den Sommer schon Unruhen erwartet.

In all diesen Kämpfen wurden schon demokratische Streikräte gewählt, die noch in der Phase der Doppelherrschaft in Arbeiterräte verwandelt werden. Sie handeln auch nach den drei Prinzipien

  • jederzeitige Abwählbarkeit
  • höchstens einen Facharbeiterlohn verdienen und
  • an die Beschlüsse der Basis gebunden sind.

 

 

Bis dahin wird alles spontan verlaufen, wie wir das bei der Untersuchung der Geschichte der Rätedemokratiebewegung nachgewiesen haben. Die emanzipierte Arbeiterbewegung wird in revolutionären Verhältnissen die Partei, die ihre objektiven Interessen vertritt, aufbauen (Russland, Portugal), also nicht die Parteien, die andere Staaten mit kleinbürgerlicher Führung vertreten. Diese revolutionäre Arbeiterpartei wird die objektiven Interessen vorantreiben und nach der Machtübernahme durch die Arbeitermassen sehr schnell in einer Basisplanwirtschaft gleichen Lohn in allen Arbeiterstaaten und Austausch der Patente einführen damit auch in allen Arbeiterstaaten nach einer Übergangszeit die gleiche Bedingungen herrschen. Nun herrscht nicht mehr  die kleine Minderheit der 5% Kapitalisten über die große Mehrheit der 85% Arbeiterklasse, sondern umgekehrt, die große Mehrheit der Arbeiter herrscht dann über die kleine Minderheit. Die Arbeiter unter sich und mit dem größten Teil des 10% Kleinbürgertums sind dann basisdemokratisch organisiert, zusammen unterbinden sie aber dem Kapital, andere ausbeuten zu können, von ihrer Wertschöpfung den Mehrwert zu unterschlagen, sie üben ihnen gegenüber also noch eine Diktatur aus. Dies meinte Marx mit dem missverständlichen Begriff der „Diktatur des Proletariats", nicht das, was Stalin dann daraus machte, seine Diktatur über die Arbeiterklasse.

Da aber nun die Arbeitenden selber über das Produktionskapital und seine Verwendung verfügen und das Privatvermögen auf eine kleine Höhe von ihnen begrenzt wird, wird der ehemalige Kapitalist dann wie alle anderen auch selber arbeiten müssen. Die 85% (Europa) umfassende Arbeiterklasse wird dadurch innerhalb kürzester Zeit die anderen Klassen zu sich herabziehen und in sich integrieren. Wenn die Arbeiterklasse dann die ganze Gesellschaft umfasst, wird es keine Klassengegensätze mehr geben. Keine Profitinteressen treiben mehr die Menschen auseinander, der Mensch kann endlich nach der Vernunft seine Entscheidungen treffen, er tritt ins Zeitalter der Vernunft ein.

Die historische Mission des Geldes, der Staaten und der Arbeiterpartei hat sich damit erfüllt. Der Staat ist abgestorben. Diese Situation wird umso schneller erreicht werden, je mehr Länder diesen Reifegrad erreichen. Bei der Globalisierung der Wirtschaftskrise und der Kriege wird dieser Punkt sehr schnell, innerhalb von eins, zwei Generationen nach der ersten Revolution erreicht werden.

Es gibt keine Arbeiter mehr und keinen Kapitalisten mehr, es gibt nur Menschen, wir leben dann nach dem Prinzip „Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Das nennen wir Marxisten „Kommunismus", wie in einer Kommune, du arbeitest oder nicht, was Du willst, morgens Arzt, nachmittags Kindergärtner und in einem Jahr schaust Du Dir Amerika an und arbeitest in Peru nach dem Studium als Archäologe. Wenn Du eine neue Küche brauchst für Dein Haus, gehst Du zur städtischen Lagerverwaltung und der Verwalter wird für Dich eine schöne raussuchen und noch ein besseres Fahrrad, alles ohne Geld.

Wie das, dann wird doch niemand mehr arbeiten wollen?

Engels hat in seiner Untersuchung „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen" festgestellt, dass der Mensch durch die Arbeit (nicht Lohnarbeit) zum Menschen wurde. Wenn Du faul auf dem Sofa rumliegst, fühlst Du doch nur das Tierische in Dir. Du wirst dann Mensch, wenn Du schöpferisch bist. In einem Phoenix-Film über einen brasilianischen Indianerstamm baut ein angesehener Blasrohrbauer einem Jungen ein Blasrohr und zeigt ihm die recht komplizierte Fertigung, für null Euro, denn Geld kennen die überhaupt nicht. Nicht wegen 3,50 Unzen, sondern einfach nur aus Spaß, für die Anerkennung oder die Liebe oder Solidarität seines Stammes. Wenn er wegen des Spaßes arbeitet, wird doch der Mensch zu viel größeren Entwicklungen fähig sein, als wenn er für Drei, Fünfzig arbeiten würde.

Na gut, aber der eine Mensch ist doch genialer als der Fensterputzer, das müsste man doch honerieren.

In einer freien Gesellschaft sind alle Menschen Genies. Unser Gehirn ist nur zu 10% ausgelastet, warum? Von Geburt an kann jeder Mensch singen und malen. Im Kapitalismus werden alle Fähigkeiten wegen der Zweckorientiertheit kaputt gemacht. Schon das Schulsystem muss die Kinder in Elite, Handarbeiter und Überflüssige aussortieren. Da wird alles Geniale abgetötet. In der portugiesischen Revolution 1974 haben sie eine Arbeiteruniversität gegründet, da haben die Arbeiter die griechischen Philosophen studiert oder die Relativitätstheorie.

Außerdem gibt jeder das was er kann, ohne Profit da brauchen wir keine Aufrechnung mehr.

Und wer macht die Kanalisation sauber?

Der Mensch ist von Natur aus ordentlich und hat es gerne, wenn alles um ihn herum übersichtlich ist. Da sammelt der Mathematiker auch nachmittags um das Haus den wenigen Müll ein. Außerdem gibt es viel mehr Roboter und den Rest kann man sich im Wohnblock aufteilen. Wenn man hochkonzentriert schwierige Probleme löst, führt man gerne zwischendurch zur Entspannung auch mal stupide Arbeiten aus.

Es wurde ausgerechnet, wenn man sich auf das Notwendige beschränken würde, würde man weltweit nur 2 Stunden pro Tag arbeiten müssen. Wenn die ganze überflüssige Arbeit wie Waffenproduktion, Kriegsspiel, Werbung, Patentamtsarbeit, Reparatur von Billigware, Krankenpflege von sozial Kranken, Bau von Luxusautos und Luxusyachten, Transport wegen Zollersparnis und und und wegfallen würde, könnte man viel mehr Zeit für die Kindererziehung, für Hobbys und Weiterbildung verwenden, so, dass man letztlich den Unterschied zwischen Arbeit und Hobby feststellen könnte. Die Unterteilung in Kopf- und Handarbeit ist auch aufgehoben. Der Arbeitsablauf wird nicht mehr in Sekundenschritten unterteilt und Du behälst den Überblick über den gesamten Produktionsvorgang.

Und wenn alle ein Porsche wollen?

Die Ware hat nicht mehr die Form eines Befriedigungsersatzes. Wenn im Kapitalismus jemand Porsche fährt, steigt seine Anerkennung. In der freien Gesellschaft werden die Menschen wahrscheinlich gar keinen Porsche mehr bauen, aber das entscheiden sie ja selber. Sollte einer noch einen alten Porsche haben, werden die Menschen denken, „Oh, ein Angeber mit einem Penisersatz. Dem wollen wir doch den letzten Therapeuten empfehlen." Die gesellschaftliche Anerkennung fällt auf Null.

Warum gibt es keinen Staat mehr? Es muss doch weiter ein Wirtschaftsministerium oder einen Familienminister geben?

Verwaltungen, die das Wirtschaften organisieren usw. wird es natürlich geben. In der Naturgesellschaft werden all diese Aufgaben auch gesellschaftlich abgestimmt und vom gewählten Häuptling umgesetzt. Staaten gab es erst mit den Klassengesellschaften und Nationalstaaten mit Pass und Staatsbürgern erst mit dem Kapitalismus. Die Aufgabe des Staates ist die Kontrolle der unterdrückten Klasse durch das Innenministerium, die Justiz und den Geheimdienst.

In der Naturgesellschaft stand der Mensch im Widerspruch zur Natur, in den Klassengesellschaften steht der Mensch im Widerspruch zum Mensch und in der freien Gesellschaft aber wird der Mensch mit sich in Harmonie leben können. In der Naturgesellschaft herrschte noch Mangel, deshalb konnten die basisdemokratischen Verhältnisse sich nur innerhalb des Stammes durchsetzen. Der Kapitalismus leidet am Überfluss, da können wir leicht eine Welt aufbauen, in der alle Menschen gleichberechtigt solidarisch zusammenleben, ohne Grenzen zwischen den Völkern und zwischen den Menschen.

Das ist ja wie im Schlaraffenland

Ja richtig. Aber das hier ist wie Tollhaus, zu Krieg sagen wir Frieden und wenn wir einen Hungerlohn verdienen, dann tun wir was für die Arbeitsplätze. In der WG oder Familie kochst Du gerne für alle Kaffee, aber im Kapitalismus hisst es, der nimmt mir einen Arbeitsplatz weg. Wenn weniger produziert wird, dann spricht man vom Gesundschrumpfen und wer die Wahrheit spricht, ist ein Verschwörungstheoretiker und ein Spinner. Es wird Milliarden für Satelliten ausgegeben für eine bessere Ernte und dann wird sie vernichtet, damit nicht zu viel auf den europäischen Markt angeboten wird und jeden Tag verhungern 30.000 Kinder, alles ganz logisch.

Es gibt ein Überfluss an Gütern, aber zu viel Armut für eine kaufkräftige Nachfrage. Dieser Widerspruch wird schon in der solidarischen Basisräterepublik aufgehoben und wenn kein Mangel mehr herrscht, braucht es auch kein Marktregulierungsmechanismus mehr, nur die Vernunft, das ist alles.(Norbert Nelte -Linkszeitung)

 

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Schritte in die falsche Richtung (John Holloway zu "Empire")

Holloway, John 2002: Change the World Without Taking Power: The Meaning of Revolution

 John Holloway

Der Schrei und die Arbeiterklasse (Buchbesprechung: John Holloway ...

[1] Folgende Texte von John Holloway haben wir übersetzt und im Wildcat-Zirkular veröffentlicht: »Capital Moves« in Nr. 21; »Der Abgrund tut sich auf: Aufstieg und Fall des Keynesianismus« und »Globales Kapital und Nationalstaat« in Nr. 28/29; Einleitung und Schlußfolgerung des Buchs »Global Capital, National State and the Politics of Money« in Nr. 30/31; »Vom Schrei der Verweigerung zum Schrei der Macht: Zur Zentralität der Arbeit« und »Krise, Fetischismus, Klassenzusammensetzung« in Nr. 34/35.

 

Texte

all4all.org | John Holloway: Unser Ort, unsere Zeit

John Holloway: Unser Ort, unsere Zeit. by - - 20.06.2007 15:24. Unser Ort, unsere Zeit, unsere Musik, unser Tanz. Unser Ort. Dies ist unser Ort. Nicht ihrer ...

 

 

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Abgesehen davon: Milton Friedman ist ein Produkt der Wall Street, ... Daraufhin folgte die Gegenrevolution mit Milton Friedman an der Spitze. ...



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Text 20.8 Die Landlosen Anarchismus

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Wenn der Name Milton Friedman fällt, dann sind die Begriffe Liberalismus und ... vielen Dank für den interessanten Text, den ich noch nicht zu Ende ...

Kulturkritik.net

Diskussionsforum zur Diskussion der wesentlichen Bereiche der b?rgerlicher Kultur und ihrer Politik.

 

Hütet euch vor uns, denn wir sind viele und ihr seid wenige / Von Arundhati Roy

Kampf dem Imperium - aber wie? Das ist eine große Frage, und ich habe keine einfachen Antworten. Was ist unter "Imperium" zu verstehen - die amerikanische Regierung (und ihre europäischen Satelliten), die Weltbank, der Internationale Währungsfonds, die Welthandelsorganisation, die Multis? Oder mehr? In vielen Ländern hat das Imperium Hilfsagenturen und gefährliche Begleiterscheinungen hervorgebracht: Nationalismus, religiöse Intoleranz, Faschismus und natürlich Terrorismus. Sie alle gehen einher mit der Globalisierung.

Ich möchte das erläutern. Indien, die größte Demokratie der Welt, steht gegenwärtig ganz oben auf der Liste der Globalisierer. Indische Regierung und Eliten heißen Privatisierung und ausländische Unternehmen willkommen. Es ist kein Zufall, daß der Premierminister, der Innenminister, der Minister für Kapitalflucht - jene Männer, die das Geschäft mit Enron unterzeichnet haben, die die Infrastruktur des Landes an ausländische Multis verkaufen, jene Männer, die Wasser, Strom, Erdöl, Kohle, Gesundheits- und Bildungswesen und Telekommunikation privatisieren wollen - durchweg Mitglieder oder Sympathisanten des RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh) sind, einer rechtsextremen Gruppierung, deren Anhänger als Bewunderer Hitlers und seiner Methoden auftreten.

Die Demontage der Demokratie wird mit dem Tempo und der Effizienz eines Strukturanpassungsprogramms durchgeführt. Forcierte Privatisierung und Arbeitsmarkt-"Reformen" vertreiben die Menschen von ihrem Land und aus ihren Jobs. Dieses Klima von Frustration und nationaler Desillusionierung ist, das zeigt die Geschichte, der ideale Nährboden für faschistische Ideologien. Die beiden Arme der indischen Regierung sind perfekt aufeinander eingespielt. Während der eine Arm eifrig dabei ist, große Teile des Landes zu verkaufen, dirigiert der andere einen wütenden Chor hindu-nationalistischer und religiös-faschistischer Stimmen. Er führt Atomtests durch, schreibt Geschichtsbücher um, brennt Kirchen nieder, zerstört Moscheen. Im März 2002 wurden in Gujarat zweitausend Muslime massakriert. Es war ein mit staatlicher Unterstützung durchgeführtes Pogrom. Muslimische Frauen wurden vergewaltigt und anschließend bei lebendigem Leib verbrannt. Geschäfte, Wohnhäuser und Moscheen wurden in Brand gesetzt.

Mythos freier Markt

Während Gujarat brannte, stellte der indische Premierminister auf MTV seine neuen Gedichte vor. Im Dezember 2002 wurde die Regierung, die das Morden organisiert hatte, mit einer satten Mehrheit wiedergewählt. Niemand wurde für den Genozid zur Verantwortung gezogen. Narendra Modi, der Architekt des Pogroms, stolzes Mitglied des RSS, hat seine zweite Amtszeit als Chefminister von Gujarat angetreten. Wäre er Saddam Hussein, würde CNN über all diese Greueltaten natürlich berichten. Weil er das aber nicht ist und weil der indische "Markt" globalen Investoren offensteht, ist das Massaker nicht Mal eine peinliche Randerscheinung. Mehr als hundert Millionen Muslime leben in Indien. Eine Zeitbombe tickt in unserem altehrwürdigen Land.

Die These vom freien Markt, der nationale Schranken überwindet, ist ein Mythos. Der freie Markt untergräbt die Demokratie. Der Abstand zwischen Reich und Arm wird immer größer, der Kampf um die Ressourcen immer aggressiver. Um ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen, um sich unsere Agrarprodukte anzueignen, das Wasser, das wir trinken, die Luft, die wir atmen, und unsere Träume, braucht die Globalisierung einen internationalen Verbund von loyalen, korrupten, autoritären Regierungen in den armen Ländern, damit unpopuläre Reformen durchgepeitscht und Aufstände niedergeschlagen werden können.

Die Globalisierung (oder, um es beim Namen zu nennen: der Imperialismus) braucht eine Presse, die so tut, als wäre sie frei. Sie braucht eine Justiz, die so tut, als spräche sie Recht. Gleichzeitig häufen die Länder des Nordens Massenvernichtungswaffen an: Es muß doch gewährleistet sein, daß nur Kapital, Waren, Patente und Dienstleistungen globalisiert werden. Nicht die Bewegungsfreiheit der Menschen. Nicht die Einhaltung der Menschenrechte. Nicht die Abkommen über das Verbot von Rassendiskriminierung, von chemischen und atomaren Waffen, über den Klimaschutz oder, Gott bewahre, über die Errichtung eines Strafgerichtshofs. Das alles ist das "Imperium": diese obszöne Anhäufung von Macht, dieser ungeheure Abstand zwischen Oben und Unten. Unser Kampf, unser Ziel, unsere Vision von einer anderen Welt muß es sein, diesen Abstand aufzuheben.

Wir stehen nicht schlecht da. Es hat wichtige Erfolge gegeben, vor allem hier in Lateinamerika. In Bolivien Cochabamba, in Peru der Aufstand von Arequipa. Und die Augen der Welt richten sich auf die Menschen in Argentinien, die darangehen, ihr vom Internationalen Währungsfonds zugrunde gerichtetes Land wiederaufzubauen. In Indien gewinnen die Globalisierungsgegner an Stärke. Und die schillernden Botschafter der Globalisierung - Enron, Bechtel, WorldCom, Arthur Andersen -, wo waren sie letztes Jahr, und wo sind sie jetzt?

Dennoch erleben viele von uns dunkle Momente der Verzweiflung. Wir wissen, daß unter dem Schirm des Anti-Terror-Krieges Männer in Anzügen fleißig ihren Geschäften nachgehen. Während Marschflugkörper am Himmel auftauchen, werden Verträge unterzeichnet, Patente angemeldet, Erdölpipelines gebaut, Bodenschätze geplündert, Wasservorkommen privatisiert - und George W. Bush ist entschlossen, Krieg gegen den Irak führen. Betrachtet man diesen Konflikt als eine unmittelbare Konfrontation zwischen dem "Imperium" und jenen von uns, die Widerstand leisten, so scheinen wir die Verlierer zu sein.

Man kann es aber auch anders sehen. Wir haben begonnen, das "Imperium" zu zermürben. Wir haben es vielleicht nicht, noch nicht, aufgehalten, aber wir haben es gezwungen, die Maske fallenzulassen. Das Imperium wird vermutlich in den Krieg ziehen, aber es präsentiert sich jetzt ganz offen - und es ist so häßlich, daß es nicht in den Spiegel sehen mag. Nicht einmal die eigene Bevölkerung kann es für sich gewinnen. Über kurz oder lang wird sich die Mehrheit der Amerikaner mit uns verbünden.

Vor wenigen Tagen kam in Washington eine Viertelmillion Menschen zusammen, die gegen einen Krieg im Irak demonstrierten. Und die Stimme des Protests wird lauter. Vor dem 11. September hatte Amerika eine verborgene Geschichte. Verborgen besonders vor den Amerikanern. Doch nun sind die Geheimnisse Amerikas Geschichte, und diese Geschichte ist allgemein bekannt. Heute wissen wir, daß die Argumente, die zur Einstimmung auf den Irak-Krieg dienen, Lügen sind. Besonders lachhaft ist die These, die Regierung wolle dem Irak die Demokratie bringen. Menschen zu töten, um sie vor Diktatoren oder ideologischer Verderbnis zu bewahren, ist ein alter Sport amerikanischer Regierungen.

Mickey Mouse und Mullahs

Niemand bezweifelt, daß Saddam Hussein ein Diktator, ein Mörder ist. Keine Frage, daß es den Irakern ohne ihn besser ginge. Allerdings ginge es der ganzen Welt besser ohne einen gewissen Mr. Bush. Er ist weitaus gefährlicher als Hussein. Es ist sonnenklar, daß Bush entschlossen ist, Krieg gegen den Irak zu führen - ohne sich um Fakten und Weltöffentlichkeit zu scheren. In ihrem Bestreben, Verbündete zu gewinnen, sind die Vereinigten Staaten bereit, Fakten zu erfinden. Die Farce mit den Waffeninspekteuren ist das aggressive, beleidigende Zugeständnis an eine verhunzte Form internationaler Etikette. Im Grunde hat der neue Irak-Krieg schon begonnen.

Was können wir tun? Wir können unsere Erinnerung aktivieren, aus der Geschichte lernen. Wir können unsere Stimme erheben, bis sie ein ohrenbetäubender Donner ist. Wir können die Exzesse der amerikanischen Regierung anprangern. Wir können Bush und Blair - und ihre Verbündeten - als die feigen Babykiller, Wasservergifter und kleinmütigen Fernbomber bloßstellen, die sie sind. Wir können auf millionenfache Weise zivilen Ungehorsam praktizieren. Mit anderen Worten: Wir können Schwierigkeiten machen. Wenn George W. Bush ausruft: "Ihr seid entweder für uns oder für die Terroristen", können wir dankend abwinken. Er soll wissen, daß die Völker der Welt nicht zwischen einer böswilligen Mickey-Maus und wildgewordenen Mullahs zu entscheiden brauchen.

Unsere Strategie sollte es nicht sein, das Imperium herauszufordern, sondern es zu zermürben. Ihm die Luft zum Atmen zu nehmen. Es zu beschämen. Es zu verspotten. Mit unserer Kunst, unser Musik, unserer Literatur, unserem Starrsinn, unserer Lebensfreude, unserer Phantasie, unserer ganzen Entschlossenheit - und unserer Fähigkeit, unsere Geschichten zu erzählen. Die Revolution der Globalisierer wird scheitern, wenn wir uns ihnen verweigern - ihren Ideen, ihrer Version der Geschichte, ihren Kriegen, ihren Waffen, ihrer Logik. Vergeßt nicht: Wir sind viele, sie sind wenige. Sie brauchen uns mehr als wir sie.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

http://www.faz.net/ IN/ Intemplates/ faznet/ default.asp?tpl=faz/ content.asp&rub={2D82590A-A70E-4F9C-BABB-B2161EE25365}&doc={A6277B82-22EC-4D20-93C4-3E2B2DCA68B3}

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2003, Nr. 30 / Seite 35


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Das Leben und Werk von Jack Kerouac

 http://www.britannica.com/blogs/wp-content/uploads/2007/09/image.jpg

http://imagecache2.allposters.com/images/pic/QUOMAG/MD114~People-Jack-Kerouac-Posters.jpgJack Kerouac war aus jenem seltenen Material gebaut, aus dem Legenden gesponnen werden

 

 

 


 

 

 

 http://www.worldpeace-conference.net/sydney/images/gallery/Gandhi_sepia.jpg

Pazifismus ... n dem "Typ des Pazifismus angezogen, so wie er von Leo Tolstoi und Mahatma Gandhi vertreten wurde, und von der Anwendung der Gewaltlosigkeit als einer

Gewaltfreiheit
Die prinzipielle Gewaltfreiheit, von [[Gandhi]] als [[Satyagraha]], d.h. Festhalten an der Wahrheit, von Luther King als ...

 

  

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Inhalt des Lexikons der Anarchie

Als Druckversion vergriffen - nun aber bald komplett und überarbeitet im Internet wieder zugänglich:


Personen

Siegbert Wolf: Améry, Jean • Wolfgang Eckhardt: Michail Aleksandrovič Bakunin • Jörg Auberg: Berkman, Alexander • Ulrich Klemm: Boétie, Etienne de La • Manfred Burazerovic: Brupbacher, Fritz • Siegbert Wolf: Buber, Martin • Michael Bovenschen: Cafiero, Carlo • Normann Stock/Wolfram Beyer: Camus, Albert • Stefan Blankertz: Cleyre, Voltairine de • Maurice Schuhmann: de Sade (Marquis de Sade), Donatien-Aldonze-François • Marianne Kröger: Einstein, Carl • Hans Ulrich Grunder: Faure, Sébastian • Hans Ulrich Grunder: Ferrer, Francisco • Ulrich Klemm: Friedrich, Ernst • Markus Henning: Godwin, William • Hans Ulrich Grunder: Goldman, Emma • Stefan Blankertz: Goodman, Paul • Gerhard Bauer: Graf, Oskar Maria • Hubert van den Berg: Gross, Otto • Hans Ulrich Grunder: Guillaume, James • Walter Fähnders: Holzmann, Johannes • Walter Fähnders: Jung, Franz • Richard Cleminson: Ibánez, Félix Martí • Werner Portmann: Koechlin, Heinrich Eduard • Heinz Hug: Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch • Siegbert Wolf: Landauer, Gustav • Chaim Seeligmann: Lazare, Bernard • Stefan Preuß: Lecoin, Louis • Johannes Hilmer: • Jörg Auberg: Macdonald, Dwight • Uwe Timm: Mackay, John Henry • Michael Bovenschen: Malatesta, Errico • Bernd A. Laska: Marsden, Dora • Michael Bovenschen: Meijer-Wichmann, Clara • Hans Ulrich Grunder: Michel, Louise • Hans Jürgen Degen: Michels, Robert • Walther L. Bernecker: Montseny, Federica • Ulrich Klemm: Morris, William • Heinz Hug: Mühsam, Erich • Manfred Burazerovic: Nettlau, Max • Václav Tomek: Neumann, Stanislav Kostka • Gerhard Senft: Oppenheimer, Franz • Lutz Roemheld: Proudhon, Pierre-Joeseph • Adi Rasworschegg: Ramus, Pierre • Bernd A. Laska: Reich, Wilhelm • Manfred Burazerovic: Reimers, Otto • Hans Ulrich Grunder: Robin, Paul • Hartmut Rübner: Rocker, Rudolf • Stefan Blankertz: Rothbard, Murray • Chaim Seeligmann: Scholem, Gershom • Bernd A. Laska: Stirner, Max • Henning Zimpel und Walter Fähnders: Streiter, Artur • Ulrich Klemm: Tolstoi, Leo N. • Rolf Raasch: Traven, B. (Ret Marut)Tucker, Benjamin R. • Hans Ulrich Grunder: Vernet, Madeleine • Václav Tomek: Vrbenský, Bohuslav • Hans Jürgen Degen: Weil, Simon • Gernot Lennert: Winstanley, Gerrard • Hans Ulrich Grunder: Wintsch, Jean • Siegbert Wolf: Witkop, Milly


Organisationen/Bewegungen

Walther L. Bernecker: Confederación National del Trabajo (CNT) • Gernot Lennert: Diggers • Walther L. Bernecker: Federación Anarquista Ibérica (FAI) • Hartmut Rübner: Freie Arbeiter Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten) • Uwe Brodrecht: Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA) • Michael Bovenschen: IAA • Hans Ulrich Grunder: Juraföderation • Chaim Seeligmann: Kibbuzbewegung • Hans Ulrich Grunder Mother Earth • Markus Henning: Provos • Chaim Seeligmann: Wiedertäufer (Anabaptisten) • Wolfram Beyer: War Resisters' International (WRI)


Sachthemen

Jochen Schmück: Anarchie, Anarchist und Anarchismus • Bernd A. Laska: Anarchismus, • Rolf Raasch: Anarchismus, Neo- • Ulrich Klemm: Anarchismusforschung, deutschsprachige nach 1945 • Wolfram Beyer: Anti-Militarismus • Ulrich Klemm: Antipädagogik • Will Firth: Esperanto • Lutz Roemheld: Föderalismus • Hubert van den Berg: Freie Liebe • Ulrich Klemm: Freiheit • • Michael Bovenschen: Haymarket • Masamichi Osawa: Japan • Chaim Seeligmann: Judentum und Anarchismus • Walter Fähnders: "Kampf" • Johannes Hilmer: Märzrevolution • Jörg Auberg: Marxismus • Rolf Raasch: Mexikanische Revolution • Hans Ulrich Grunder: Mother Earth • Stefan Blankertz: Pädagogik • Ulrich Klemm: Pädagogik (historisch) • Wolfram Beyer: Pazifismus • Gerhard Kern: Selbstverwaltung • Walther L. Bernecker: Spanischer Bürgerkrieg • Ulrich Klemm: Schulen, Weltliche • Dieter Scholz: Schwarze Fahne • Václav Tomek: Tschechischer Anarchismus • Stefan Blankertz: USA • Mina Grauer: Zionismus




 "Ökonomie des Schenkens"

Dieser Artikel erschien bei  www.kurskontakte.de

Im Dezember 2008 trafen sich im Lebensgarten Steyerberg Margrit Kennedy, Heide-Göttner-Abendroth und Johannes Heimrath, um einen ganzen Tag dem gemeinsamen Nachdenken über die auf den ersten Blick so utopisch wirkende, aber doch omnipräsente Ökonomie des Schenkens zu widmen. Der folgende Gesprächs­auszug ist ein erstes Ergebnis dieser auch filmisch dokumentierten, produktiven Zusammenkunft. Weitere Veröffentlichungen als Film und in Buchform werden in den nächsten Monaten folgen.



Johannes Heimrath: Bereits im Jahr 2006 saßen wir in dieser Konstellation auf einer Tagung zusammen und haben über ein neues Verständnis von Arbeit, Geld und Sozialstruktur nachgedacht. Damals war noch nicht abzusehen, dass das Finanzsystem einen so großen Zusammenbruch erleiden würde. Unsere Themen waren 2006 noch völlig exotisch, heute ist viel mehr Offenheit in der Bevölkerung da, Wirtschaft anders zu denken.

Margrit Kennedy: Mich fasziniert immer, dass die Globalisierung erst durch Geld möglich war, doch gleichzeitig hat sie zu der Einsicht geführt, dass wir wieder kleinere Wirtschaftsräume brauchen, weil wir sehen, dass das einseitige Verständnis von Kultur und Wirtschaft mit seinem „größer ist besser“, das sich über den Globus ausbreitet, viel Leid im lokalen Bereich mit sich bringt. Heute wird vielen Menschen klar: Wenn sich die Gier nach immer mehr Geld und immer größeren Gewinnen wie ein Krebs über den Globus ausbreitet, müssen wir erst wieder das Kleinteilige schätzen lernen. Mir geht es jetzt darum, beides zusammenzubringen, dass wir einerseits -, Dank unserer Kommunikationstechnologie – das Gefühl haben können, zu einem „Menschheitskörper“ zu gehören, der sich über die ganze Erde hinweg gebildet hat, und zugleich die eigene Region zu spüren und zu stärken. Ich arbeite heute beispielsweise mit einem globalen Netzwerk von Partnern, die alle auf vielfältige Art und Weise regionale Probleme lösen möchten.

Heide Göttner-Abendroth: Ich würde unsere Diskussion gerne mit der Frage nach dem Wesen des Geldes, wie es heute international kursiert, beginnen. Margrit hat es als Krebsgeschwür bezeichnet. Für mich ist es wichtig, klarzustellen: Niemand lebt vom Geld, obwohl das Millionen Menschen glauben. Stattdessen leben wir von den Lebens-Mitteln, die von der Erde kommen, und wir leben durch gute Beziehungen und Gemeinschaft. Das sind Qualitäten, die durch die Mütter ins Leben jedes Einzelnen treten. Die Natur und die Mütter schenken das, was das Leben ermöglicht, deshalb spreche ich von einer „Ökonomie des Schenkens“. Noch niemand hat der Natur Geld für ihre Geschenke gegeben. Ich darf es mal metaphorisch sagen – diese Geschenke kommen von der Mutter Erde. Und des weiteren stammen die Geschenke, die in unserer Gesellschaft kursieren, wesentlich aus der Arbeit der Frauen. Sie schenken Leben und arbeiten 20 Jahre lang, bis das Wesen, dem sie das Leben geschenkt haben, groß geworden ist. Laut einem UNO-Bericht werden zwei Drittel der Arbeit auf der Erde von den Frauen geleistet, das meiste davon unentgeltlich. Das ist ein riesiger Bereich des Schenkens, deshalb existiert die Ökonomie des Schenkens bereits, wir leben beständig darin. Darüber hinaus existiert ein reicher Strom von Geschenken von Menschen, die in großen Wirtschaftsbetrieben arbeiten und den Mehrwert ihrer Arbeit nicht erhalten, sondern weitergeben. Ihr Strom an Geschenken fließt von unten zu ein paar wenigen Menschen, die an der Spitze der Gesellschaft stehen. Deshalb ist die heutige Ökonomie eine parasitäre Ökonomie, die diese Geschenke absaugt, sie zu erzwungenen Geschenken macht und großes Interesse daran hat, die riesige Schenk­ökonomie unsichtbar zu machen. Alle, die idealistisch arbeiten, bereiten Geschenke, die unsere Gesellschaft ernähren und erhalten Wenn wir diese Perspektive einnehmen, kommen wir der Schenkökonomie auf die Spur.

Margrit Kennedy: Das möchte ich gerne mit Zahlen unterfüttern. Das statistische Bundesamt hat einen Vergleich angestellt zwischen der offiziellen Statistik, die aussagt, was Frauen an Arbeit, die in der Leistung der Kindererziehung stecken. Jedes Jahr leisten Frauen soviel wie die gesamte deutsche Industrie ohne den Bausektor.
Ich finde die Forderung, Frauen oder Männer für ihre Arbeit bei der Kindererziehung zu bezahlen, problematisch, da bietet aus meiner Sicht das bedingungslose Grundeinkommen eine bessere Lösung …

Heide Göttner-Abendroth: Ich kenne auch die Argumente in bestimmten Kreisen der Frauenbewegung, in denen Geld für Hausarbeit gefordert wird. Das könnte durchaus ein kleiner, sinnvoller Zwischenschritt sein, aber solche Schritte bleiben systemimmanent und in alten Strukturen verfangen, wenn sie nicht von der Vision einer anderen Gesellschaft getragen sind. Steht jedoch diese Vision bewusst im Vordergrund, kann jeder Schritt dazu dienen, sie Wirklichkeit werden zu lassen.
Die Ökonomie des Schenkens ist nicht einmal „nur“ eine Vision, sie ist bereits Praxis. Sie wird auf der ganzen Welt als lebensfördernde Arbeit in Grundzügen ähnlich praktiziert. Die gesamte globalisierte Geld- und Marktwirtschaft lebt davon. Die Ökonomie des Schenkens ist auch nichts Lokales oder nur auf die Frauen Bezogenes. Wenn wir uns das bewusst machen, erkennen wir ein neues Paradigma von Gesellschaft, in dem ein neues Paradigma von Ökonomie eine entscheidende Rolle spielen wird. Das neue lässt kritisch analysierend das alte Paradigma hinter sich, versucht den Dingen, wie sie heute sind, an die Wurzel zu gehen.

Margrit Kennedy: Was wir im Moment erleben, ist ja nicht nur eine kleine Krise, sondern eine tief greifende Erschütterung unseres Geldssystems. Wenn man sieht, wie die Banken mit staatlichen Geschenken gerettet werden, erleben wir Zwangsgeschenke des Steuerzahlers, um dem System das Überleben ermöglichen. Politiker und Banker konzentrieren sich auf bessere Kontrollen, um die Auswüchse des Systems zu begrenzen, stellen es selbst aber nicht in Frage. Wir werden eine harte Lernerfahrung machen müssen, wie hart, das hängt davon ab, wie schnell wir die wirklich fundamentalen und systemimmanenten Dinge ändern können.

Johannes Heimrath: Die sogenannten Rettungspakete kommen mir vor wie kleine Bollwerke zur Lawinen­abwehr an einem steilen Berghang. Jeder weiß, dass die Schneemassen übermächtig sind und die Lawine eher früher als später losberechen wird. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen, mit denen wir in unseren globalen Netzwerken im Gespräch sind, nicht an der kleinen Lawinenabwehr bauen wollen, sondern sie arbeiten daran, wie man nach der Lawine das Dorf auf der anderen Seite des Tals wieder aufbauen kann.
Wie muss unser Denken sein, wenn das gelingen soll? Wie lernt eine Gesellschaft, mit Freiheiten umzugehen, welche Bildungsaufgabe steht uns bevor?

Margrit Kennedy: Ich habe den Eindruck, es geht vor allem um einen anderen Umgang mit Zeit. „Zeit ist Geld“ – das halte ich für Unsinn. Das, was Gott uns geschenkt hat, die Zeit – dürfen wir das vermarkten? Ich glaube, wir brauchen eine völlig neue Definition von Reichtum. Wer Geld hat, soll reich sein? Das ist der größte Unfug, mit dem wir durch unser gehetztes Leben ziehen. Wir sind herausgefordert, eine attraktive Zukunftsvision zu entwickeln. Sie kann einen neuen Umgang mit Zeit, eine neue Definition von Reichtum, einen neuen Umgang mit Politik, unseren gemeinschaftlichen Anliegen und Spiritualität umfassen.

Heide Göttner-Abendroth: Die Krise des alten Paradigmas ist eine Krise des kapitalistisch geprägten Patriarchats. Der Kapitalismus ist gerade erst 500 Jahre alt, patriarchale Strukturen sind nicht älter als 3000 bis 4000 Jahre. Patriarchale Gesellschaften sind so aufgebaut, dass die einen den anderen dienen müssen, sie basieren auf Hierarchie. Heute dient die unter der kapitalistischen Wirtschaft unsichtbar liegende Schenkökonomie den Herrschenden, der Macht und dem Reichtum in den Händen Weniger. In unserer Gesellschaft finden sich alle Werte, die zum Prinzip der Herrschaft gehören: Herrschaft nimmt, ohne zurückzugeben, entwickelt Strategien zur Herrschaftserhaltung und produziert Ideologien wie den heutigen Irrglauben, dass die Menschen von Arbeitsplätzen und Geld leben würden. Das ist für diesen Zusammenhang meine Analyse des Ist-Zustands, des kapitalistischen Patriarchats.
Zur Klärung kurz zwei Punkte, zunächst zum Begriff der Strategie: Heute kann man an unserem globalen Geldsystem sehen, dass Herrschaftswissen strategisches Denken ist, ebenso wie Kriege strategisches Denken verlangen. In gewisser Weise sind wir Zeugen eines organisierten Wirtschaftskriegs, der dem Krieg durch eine Militärmacht gleicht. Und zur Klärung des Begirffs „Patriarchat“: Es ist die Herrschaft weniger über alle anderen. Das hat nichts mit Männern versus Frauen zu tun, sondern es geht um ganze Gesellschaftsformen, eben der patriarchalen versus der matriarchalen Gesellschaftsformen, wobei die patriarchale Gesellschaftsform alle anderen beherrscht und ausbeutet.

Margrit Kennedy: Die Art und Weise, wie das Geldsystem uns ausbeutet, muss zunächst einmal mit dem Verstand begriffen werden. Wenn wir verstanden haben, dass das System nur auf exponentiellem Wachstum basiert, können wir auch körperlich spüren, dass es ungesund ist, denn exponentielles Wachstum ist nicht Teil unseres Zellwissens. Die Erfahrung des Schenkens aber wohl. Wir wünschen uns tief in unseren Herzen, anderen etwas zu schenken. Das muss gelebt werden können! Hier im Lebensgarten Steyerberg erfahre ich das seit 20 Jahren immer wieder. Dadurch entsteht eine neue Lebensqualität, von der ich heute sage: Das ist eigentlich das Normale.

Heide Göttner-Abendroth: Auf der Grundlage, dass Schenken eben eine normale menschliche Haltung ist, formuliert Genevieve Vaughan – als die Urheberin dieser Ideen – ihre Gedanken von der Ökonomie des Schenkens. Ein Kind kann das, was die Mutter schenkt – das Leben und viele Jahre der Pflege und Begleitung – nicht zurückgeben, und die Mutter erwartet das auch gar nicht. Aber wenn sie erwachsen sind, schenken die Kinder das Gleiche wiederum ihren Kindern. Wenn wir etwas aus freiem Herzen schenken, erwarten wir nicht, dass es zurückkommt. Das ist kein Tausch, der durch das Äquivalent Geld bestimmt werden kann, sondern das transitive Weiterreichen von Geschenken. So funktioniert nach Genevieve Vaughans Erkenntnissen das Paradigma des Schenkens. Deshalb formuliert sie den Ausstieg aus dem Tausch-Paradigma zum Paradigma des Schenkens als der natürlichen und allen anderen zugrunde liegenden Wirtschaftsweise. Die Geschenke der Mütter liegen obendrein nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der geistig-seelischen Ebene. Jede Mutter schenkt ihrem Kind die Sprache. In diesem Sinne schenken die kreativen Menschen der Gesellschaft unendlich viel durch Literatur, Kunst, Musik, Gestaltung oder Erfindungen. Nur wird das nicht als Geschenk wahrgenommen, sondern für die herrschende Ökonomie zählt nur, ob man mit etwas Geld machen kann.

Johannes Heimrath: Die Schwierigkeit heute besteht darin, das Selbstverständliche sichtbar zu machen. Als wir gestern nach Steyerberg kamen, hatte ich das gute Gefühl von Normalität: Genau so leben moderne Menschen sinnvoll zusammen! Jeder hat seinen eigenen Lebensraum und möchte zugleich zu etwas Größerem, Gemeinsamem beitragen, in dem jeder wertgeschätzt wird. Trotz dieser augenscheinlichen Normalität ist Steyerberg heute immer noch eine Insel, eine große Ausnahme. Wie finden wir also zu einer Kommunikationsfähigkeit, die verdeutlichen kann, warum diese Gemeinschaften und Nachbarschaften, die auf gegenseitiger Wertschätzung und dem Schenken basieren, das Normale und Natürliche sind? Es geht hier um etwas ganz Unspektakuläres.
Ich finde es zum Beispiel schwierig, dass ich ­meine Wertschätzung gegenüber einer Designleistung in unserer heutigen Gesellschaft kaum äußern kann. Nehmen wir die Teekanne auf diesem Tisch, ich schätze das Design dieser schönen Glaskanne. Jemand hat mir mit dieser Kanne etwas von seiner Gestaltungsfähigkeit geschenkt, und ich möchte gerne meine Wertschätzung an ihn weitergeben. Aber das geht nicht, denn die Kanne ist eine Ware. Hat man sie für Geld im Laden erworben, wird dieser Akt in der Regel vom Gefühl des Anspruchs, ein funktionstüchtiges Objekt zu erhalten, begleitet, nicht vom Gefühl des Beschenktseins. Es ist eine spannende Frage, warum die Wertschätzung gegenüber einer Sache verlorengeht, warum wir das ursprüngliche Geschenk desjenigen, der sie gestaltet hat, vergessen, sobald der Wert einer Sache in Geld bemessen wird.

Heide Göttner-Abendroth: Was passiert denn, wenn Geschenke zu Waren gemacht werden? Wenn ich ein Ding schenke, gebe ich mehr als das Ding, es ist eigentlich nur ein Symbol für alles, was ich an Emotionalem und Intellektuellem mitschenke. Als Waren werden die Geschenke zu toten Gegenständen, jedes emotionalen Werts entkleidet, sie werden mit einem Geldwert verglichen. Und das ist bereits ein Raub, denn das Ding ist mehr wert, als mit Geld beschrieben werden könnte. Gegenstände, Handlungen oder Dienstleistungen werden für den Tausch frisiert, ihrer ideellen Seite entkleidet und dann in der Reklame wieder mit einem emotionalen Pseudo-Wert versehen. Wenn man dann kauft, bekommt man nur ein totes Ding und wird betrogen.
Umso schlimmer, wenn dem Geld auch noch ein Wert zugemessen wird. Es wird so getan, als ob das Geld eine Ware ist, das man auch kaufen und verkaufen kann, und das einen Preis hat. Aber das stimmt nicht. Denn Geld ist nur ein abstraktes Äquivalent, aber keine kaufbare Ware. Mit dieser Täuschung setzen dann alle Probleme ein, die wir mit unserer völlig absurden, aufgeblasenen Geldökonomie haben – wie jetzt mit der „Bankenkrise“ zu erleben ist.

Margrit Kennedy: Weil wir alles als Ware betrachten, hängen die Ökonomen an ihren alten Theorien. Auch Geld ist für sie eine Ware, du zahlst etwas für Geld. Warum auch nicht? Oberflächlich betrachtet erscheint das sinnvoll. Erst wenn man tiefer gräbt, stößt man auf das Zins- und Zinseszinsphänomen, auf das exponentielle Wachstum und den Druck, der auf allen lastet, die einen Kredit mit Zins zurückzahlen müssen, die immer mehr produzieren müssen in der Spirale des „immer mehr und immer mehr“, die uns dazu geführt hat, wo wir heute sind. In Sekundenschnelle jagen heute Millionenbeträge um den Erdball, und was die Realwirtschaft aufbringen kann, ist viel zu wenig, um den Zins zu bedienen, da bleibt nur noch die Gewinnerzeugung in der Geldspekulation.
Das Verrückte ist, dass weder bei denen, die draufzahlen, noch bei den wenigen Profiteuren die Funktionsweise des Systems bekannt ist. Manchmal erhalte ich die Gelegenheit, mit jemand von den oberen Zehntausend zu sprechen und versuche, ihnen den Widersinn des Geldsystems zu erklären, aber dann winken viele ab und sagen, das sei alles so komplex, dass man es überhaupt nicht verstehen könne. Also lassen wir es weiter existieren. Es ist den meisten schon zur zweiten Natur geworden, wenn es um's Geld geht, den „Ich verstehe es einfach nicht“-Gang einzulegen. Dabei kann jeder offene Mensch in fünf Minuten verstehen, worum es geht.
Aber jetzt bricht – nach der Finanzsphäre – gerade die Wirtschaftssphäre zusammen. Und ich denke, dieser Zusammenbruch wird so viel kosten, dass die Letzten aufwachen werden und sich die Theorie und die Praxis verändern wird, während gleichzeitig viele Geldmythen enttarnt werden.
Das Buch „Gewaltmetall Gold“ von Paul C. Martin, zeigt beispielsweise, dass das Geld nicht etwa erfunden wurde, um den Tausch zu ermöglichen, sondern um Armeen zu bezahlen und ein bestimmtes Staatsmodell aufrecht zu erhalten. Heute sieht man dieses Prinzip an den USA. Der Rest der Welt erlaubt, dass dieses Land Papier bedruckt, kleine grüne Dollarscheine, mit denen es alles kaufen kann. Wir geben diesem Land die Macht, indem wir diesen absurden Raub zulassen.

Heide Göttner-Abendroth: Ich möchte nur daran erinnern, wie Europa seinen Vorsprung gegenüber der ganzen Welt entwickeln konnte: durch den weltweiten Kolonialismus, die Ausräuberung der Goldschätze der indigenen Völker und das Horten von Gold aus allen Kontinenten. Etwas Vergleichbares hat es früher nicht gegeben.

Margrit Kennedy: Doch Hortung von Gold und Geld gibt es seit Jahrtausenden durch die Entwicklung der Kriegsmaschinerie. Noch heute arbeitet mehr als die Hälfte aller Ingenieure für den Krieg, also für den Tod.

Johannes Heimrath: Ich möchte noch einmal auf Wert und Wertschätzung zurückkommen und auf unser Gespräch über die Entstehung von Geldwert. Ich denke gerade an eine neolithische Gesellschaft, z. B. in Irland im 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, als die drei großen Sonnentempel im Boyne-Valley entstanden sind. Das konnte nur eine arbeitsteilige Gesellschaft leisten, die neben Fladenbrot auch noch solche Kunstwerke herstellen konnte. Es ist nicht bekannt, dass dort in irgendeiner Form eine Entlohnung stattgefunden hat. Die Gesellschaft als Ganze war in der Lage, alle Menschen zu ernähren. Auch die, die Arbeit verrichtet haben, die nicht unmittelbar dem Nahrungserwerb diente. Wie findet denn hier die Wertschätzung statt, die nicht dem patriarchalen Modell entspricht?

Heide Göttner-Abendroth: In dieser Zeit existierte eine völlig andere gesellschaftliche Organisationsform, eben die matriarchale. Sie basierte auf Gesellschaften ohne Herrschaft und Hierarchie, in der die Mütter im Zentrum stehen, bzw. die Werte, die mit Mütterlichkeit verknüpft sind. Daraus folgt eine bestimmte soziale Ordnung, aus der eine Ökonomie in Kreisläufen des Schenkens hervorgeht. Alle Mitglieder eines Clans geben der Clanmutter oder Matriarchin alles, was sie erwirtschaften, seien es die Feldfrüchte oder Geld, und sie verteilt es an die Mitglieder des Clans als Geschenke von allen an alle.Dieses Prinzip wird nicht nur im Clan, sondern auch auf der Ebene einer Dorf- oder Stadtkultur angewendet. Dabei werden die Überschüsse aus gutem Wirtschaften in einer Festkultur der gesamten Dorfgemeinschaft geschenkt. Denn es gehört zur Ehre eines Clans, diejenigen Feste, für die er Verbindlichkeit übernommen hat, so reich wie möglich zu gestalten und sich schenkend zu verausgaben. Der Gegenwert ist Ehre, soziales Ansehen. Das klingt jetzt wie ein sozialökonomisches Muster, das nur auf der kleinen lokalen Ebene funktioniert, aber es wurde sogar auf der Ebene von Geschenke-Weitergeben und Kommunikation zwischen verschiedenen Stämmen in großräumigen Gebieten angewendet. Bei den Irokesen-Stämmen der berühmten Liga existierte beispielsweise eine weite Gebiete Nordamerikas umspannende Geschenke-Ökonomie. Oder man denke an den Kula-Ring, einen Schifffahrts-Ring, den mehrere Stämme in Melanesien organisiert hatten: Die ringförmige Schiffsroute umfasste viele Inseln über 2000 Seemeilen hinweg. und über dieses Netz mit gro­ßen Distanzen wurde Muschelschmuck als Geschenk ausgetauscht und Freundschaften gepflegt. Das sind zwei Beispiele aus matriarchalen Gesellschaften, wobei die ökonomischen Muster ohne eine Spitze, die alles rekrutiert und an sich reißt, funktionieren. Die Güter werden im Geschenke-Kreislauf weitergegeben, wobei das Schenken immer mit Liebeszuwendung verbunden ist.
Matriarchate waren und sind bedürfnisorientierte Gesellschaften, und ihre lange Stabilität durch die Kulturgeschichte zeigt, dass exponentielles Wachstum von Geld und Wirtschaft gar nicht zu den Grundbedürfnissen der Menschen zu gehören scheint. Hingegen gehören zu den menschlichen Grundbedürfnissen Sicherheit und Balance.

Johannes Heimrath: Gesellschaften, die über Jahrtausende hinweg solche Prinzipien nicht verraten haben, sind ganz schwer auf uns zu übertragen. Ich stelle mir gerade einen Wolkenkratzer vor: Ist so etwas als Gemeinschaftswerk vorstellbar? Versuchen wir mal, uns einen Wolkenkratzer zu denken, der auf Schenkökonomie basiert.

Heide Göttner-Abendroth: Wolkenkratzer sind spitz und hoch, diese Architektur entspricht symbolisch der Spitze der Hierarchie von patriarchalen Gesellschaften.
Deshalb sind sie ja auch Statussymbole von Banken, Konzernen und Machthabern.

Johannes Heimrath: Gibt es denn ein Bedürfnis des Menschheitskörpers nach Wolkenkratzern, oder gibt es ein Bedürfnis nach dieser ganz einfachen Normalität, wie wir sie hier in Steyerberg erfahren?

Margrit Kennedy: Viele Menschen, die uns besuchen, sagen: Ihr lebt eine Utopie. Aber stattdessen, finde ich, leben wir etwas ganz Normales. Ich glaube, dass wir nur durch Beispiele weiterkommen. Gemeinschaften und in der Praxis funktionierende Regionalwährungen sind gute Beispiele, die alle ermutigen. Wenn die Menschen im praktischen Tun begreifen, was wirklicher Reichtum ist, was wirkliche Beziehung ist, werden sie das in die Welt hinaustragen und bei anderen Denkprozesse auslösen, so dass sie verstehen, was denn tatsächlich die menschlichen Bedürfnisse sind.

Heide Göttner-Abendroth: Aber in diesem Stadium sind wir noch nicht angekommen, viele Menschen sagen heute noch: Mein Bedürfnis ist, viel Geld zu haben.
Johannes Heimrath: Haben wir denn ein echtes Bedürfnis nach einem Wolkenkratzer?

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Gesellschaften sind bedürfnisorientiert, sie machen eine biologische Grundtatsache, dass Frauen die Menschheit gebären, zu einem gesellschaftlichen Modell. Im Gegensatz dazu sind patriarchale Gesellschaften machtorientiert. Sie erfüllen nur die Bedürfnisse der herrschenden Elite. Über die Bedürfnisse der anderen wird hinweggegangen, sie werden fortgesetzt nicht erfüllt.Daraus entsteht dann Suchtverhalten, die Sucht nach Geld und Ware, erzeugt durch die psychische Verarmung, die das System mit sich bringt.
Die Bedürfnisse, die matriarchale Gesellschaften befriedigen, sind die Bedürfnisse nach Liebe, Anerkennung, Schutz und Kreativität. Eine Kultur der Beziehungen kann all das erfüllen. Und das ist nicht etwa „archaisch“, sondern diese Bedürfnisse sind elementar, sie sind immer da und werden bis zu einem gewissen Grad von den Müttern selbst in patriarchalen Gesellschaften erfüllt. Auch der Ausdruck von Spiritualität gehört zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen, ebenso der Wunsch, vielleicht ein fantastisches Gebäude zu bauen. Es bringt ja Freude, schöne Architektur zu schaffen! Aber einen Wolkenkratzer zu bauen, in dem eine Bank oder ein Konzern ausbeutend hoch über den anderen sitzt, ist meiner Ansicht nach kein elementares menschliches Bedürfnis.

Margrit Kennedy: Die Wolkenkratzer sind die Slums von Morgen, der reine Ausdruck von Macht nach dem Motto „Wer hat den Längsten?“.

Heide Göttner-Abendroth: Das Bedürfnis nach immer mehr Macht haben nur die Herrschenden, sie befällt der Wahn, dass diese immer größer werden und ewig wachsen muss. Der Wahn, dass man Herrschaft nur durch Wachstum aufrechterhalten kann, führte schließlich zum Fall aller großen Weltreiche.

Johannes Heimrath: Eine Kultur der Wertschätzung, der Bedürfnisachtung und des Selbstausdrucks – das wär wohl eine „normale“ menschliche Gesellschaft. Ich komme noch einmal zurück auf die Sonnentempel im Tal des Boyne. Die Gesellschaft, die sie geschaffen hatte, musste unheimlich leistungsfähig sein. Darin drückt sich ein Bedürfnis aus, nach etwas, das uns heute an diesen Bauwerken tief beeindruckt. Sie rühren eine andere Frequenz in uns an, als eine ägyptische Pyramide, die einen Einzelnen überhöht. Was ich an dieser Frequenz wahrnehme, hat mit Zyklen zu tun. Eine zyklische Technologie erschafft runde Tempel und Werkzeuge wie eine Steinmühle, die perfekt funktionieren und im Grunde nicht verbessert werden können. Auch wir können heute nichts anderes tun, als einen Motor vor die Mühle hängen, aber das Prinzip zweier sich reibender Steine ist so alt wie die Jungsteinzeit und braucht kein „Wachstum“. Die Mühle ist für mich ein Sinnbild für den Unterschied der Kultur der Tempel zur Kultur der Wolkenkratzer. Ich kann diesen Unterschied nicht gut in Worten ausdrücken …

Heide Göttner-Abendroth: Avebury, Newgrange und andere neolithische Bauwerke sind großartige Werke, die eine hohe Meisterschaft voraussetzen. Damals gab es Städte mit bis zu 10.000 Einwohnern, aber sie wollten keine Pyramide und keinen Wolkenkratzer bauen. Ihre Bauwerke wurden von der Gemeinschaft geschaffen und dienten der Gemeinschaft. Der gesamte Kreislauf von Lebens, Tod und Wiedergeburt wurde dort gefeiert. Deshalb sind neolithische Stätten wie die großen Gräber und Tempel rund oder oval, sie bilden den Uterus der Mutter Erde nach. Aus dem Gedanken der Wiedergeburt aus dem Schoß der mütterlichen Erde ehren sie die Ahnen – denn diese werden ja wiederkehren – und schaffen solche großen Anlagen als Ahnentempel für die ganze Gemeinschaft, während die ägyptische Pyramide nur einem einzelnen, vergöttlichten Pharao dient.

Margrit Kennedy: Wie funktionierte denn damals die Arbeitsteilung ohne Geld? Das ist eine entscheidende Frage, denn wir werden ja nicht in die volle Selbstversorgung zurückkehren, sondern auch nach der Krise eine arbeitsteilige Zivilisation bleiben.

Heide Göttner-Abendroth: Subsistenz heißt doch nicht, dass jeder nun seine eigenen Kartoffeln anbaut. Es heißt, dass eine Region alles erzeugt, was für das Leben in dieser Region gebraucht wird, und das wird in einer differenzierten, arbeitsteiligen Gesellschaft in dieser Region organisiert sein.

Margrit Kennedy: Ins Unreine gesprochen: Das Monopol der Zentralbank wird abgeschafft, so dass viele Regionalwährungen entstehen, damit in einer arbeitsteiligen Gesellschaft die Menschen in den Regionen miteinander kooperieren können, und im überschaubaren Rahmen experimentieren die Menschen mit Schenkökonomie … Aber wo hört das Geld auf, und wo hört der Tausch auf? Ich denke, wir werden auch weiterhin Regionalgeld und internationale Zahlungsmittel brauchen.

Heide Göttner-Abendroth: Ja, wir gehen vom Ist-Zustand aus und fragen uns angesichts dessen, wie die matriarchalen Gesellschaftsmuster funktionieren, und was sie uns lehren könnten. Wenn wir sie wieder einführen wollen, geht das über viele kleine, vernünftige Schritte.
Meine Forschung hat mich überzeugt, dass ein hoher Grad an Arbeitsteilung auch ohne Geld möglich ist, das sehen wir an Beispielen wie dem Tempel von Newgrange im Boyne-Valley. Hier ging es nicht darum, Individuen zu bezahlen, weil niemand individuell seine Existenz bestreiten musste. Diese großen Bauwerke sind entstanden aus der Verknüpfung von großen Clans in vielen dort lebenden Dörfern und Städten. Die Bauten sind ja auch nicht über Nacht entstanden, sondern ihr Entwurf wurde über Generationen tradiert als das Symbol des Kosmos auf Erden. Hat man einmal das Symbol gefunden, wie man Kosmos und Erde in einer Architektur abbildet, so wurde das über Jahrhunderte weiter tradiert. Deshalb entstanden diese Bauten über Generationen, über Jahrhunderte hinweg. Dass die Umsetzung dieser Symbole ohne Geld möglich war, hatte mit der Sozialordnung und mit der spirituellen Glaubenswelt zu tun.

Margrit Kennedy: Es gehörte dazu, dass die Menschen sich gegenseitig kannten. Das ist bei 6 Milliarden Menschen, die wir heute sind, nicht mehr gegeben. Wie kommt man dann dahin, dass das, was essenziell in der Kultur, die Newgrange erschaffen hat, vorhanden war – dass man etwas schafft, das größer ist als der Einzelne – wieder entstehen kann?

Johannes Heimrath: Der Clan-Gedanke lässt sich durchaus in die Moderne übersetzen. Heute ist ein Clan nicht mehr ein Haufen Leute, der in einem Langhaus lebt, sondern unter Umständen ein weit über die Welt gespanntes Netzwerk Gleichgesinnter. Mein „Clan“ beispielsweise existiert weltweit, und mit dem bringe ich doch Dinge zuwege, ganz ohne Geld, die absolut erstaunlich sind, beispielsweise die Organisation eines großen internationalen Kongresses. Auch Heides weltweiter „Clan“ hat zum Gelingen eines Kongresses beigetragen. Wir bringen Kompetenzen zusammen, nutzen neue Kommunikationsmöglichkeiten, und es bilden sich Kreise, deren Mitglieder sich gegenseitig wertschätzen und bedingungslos unterstützen.

Heide Göttner-Abendroth: Auch im traditionellen Clanwesen kann ein Clan ein paar tausend Leute umfassen, die sich nicht mehr persönlich kennen.Wir stellen uns das immer zu klein vor. Über Verwandtschaftsverhältnisse waren bis zu 10.000 Menschen miteinander vernetzt, die, ohne sich persönlich zu kennen, gemeinschaftlich handeln konnten. Dieses Prinzip lässt sich auf moderne Wahlverwandtschaften übertragen, natürlich nicht eins zu eins. Aber die Werte und Haltungen die ein solches traditionelles Clanwesen zusammenhielten, lassen sich übertragen.

Johannes Heimrath: Ja, lasst uns diesen Werten anhand konkreter Beispiele nachgehen. Ich frage ­beispielsweise Heide: Warum schenkst du einen großen Teil deiner Lebensenergie diesem Menscheitskörper, indem du ihn mit deinen Forschungen und Publikationen nährst? Das tust du ja offenbar aus einer Selbstlosigkeit heraus, denn dieser Menschheitskörper gibt dir nicht das, was du unmittelbar zum Leben brauchst. Ist es nicht so, dass das Schenken nicht daran denkt, was es zurück­bekommt?

Heide Göttner-Abendroth: Ich denke nicht daran, was ich dafür bekomme, ich habe nur irgendwann erstaunt festgestellt, dass ich einen geistigen Clan habe, der über die ganze Welt ausgebreitet ist. Genevieve Vaughan sagt: „gift creates bonds“, Geschenke erzeugen Beziehungsgefüge. Ihr schenkt ja auch geistige Produkte, und das schafft Verbindungen zu all euren Freundinnen und Freunden. Das ist ein Kreislauf, der uns schützt und stärkt.
Die geistige, mütterliche Haltung des Schenkens, das Transitive des Schenkens geht nicht ins Uferlose, wir schenken in dem Rahmen, in dem unser geistiger Clan existiert und funktioniert. Denn wir verausgaben uns nicht völlig, wir veranstalten auch kein permanentes Weihnachtsfest.
Margrit Kennedy: Ja, wir tun es für uns selbst, und auf wunderbare Art und Weise bringt das Leben es wieder.
Johannes Heimrath: Das ist kein Altruismus, und es ist auch keine Egozentrik.

Heide Göttner-Abendroth: Das mütterliche Modell steht jenseits von Altruismus und Egozentrik, es hat mit den Werten und der Haltung des kreativen Schenkens zu tun. Mutterschaft ist keine sentimentale Kategorie, sondern eine ökonomische. Alle Arbeit der Mütter, der biologischen Mütter wie der symbolischen Mütter und deren geistige Gaben, könnte man in Geld gar nicht bezahlen, und dennoch ist es Ökonomie.
Johannes Heimrath: Aber würdest du die mütterliche ­Liebe als Ökonomie betrachten?

Heide Göttner-Abendroth: In mütterlichen Gesellschaften ist das nicht getrennt. Im Matriarchat ist Liebe gleich Ökonomie, erst das Patriarchat macht diese künstlichen Trennungen.

Johannes Heimrath: Das wäre eine Ökonomie der Liebe, in deren Mittelpunkt Vertrauen steht und ein Gefühl der Fülle …
Margrit Kennedy: Wenn du Fülle erfährst und daraus handelst, erhälst du auch Fülle zurück.

Heide Göttner-Abendroth: In unserer Gesellschaft wird alles zu einem knappen Gut gemacht. Auch Zuwendung wird nur knapp gegeben, um die Menschen abhängig zu machen. Fülle aber lässt niemanden abhängig werden. Wo kommt denn diese Fülle her? Sie kommt aus der unerschöpflichen Natur. Deshalb möchte ich vorschlagen, dass wir im letzten Abschnitt unseres Gesprächs unser Augenmerk auf die Subsistenzperspektive legen. Darin liegt auch ein spirituelles Prinzip, denn im Matriarchat versteht man das Leben so, dass es von der Göttin Erde und vom göttlichen Kosmos kommt, und die Beziehung zur mütterlichen Erde wird in warmen Begriffen benannt. Dies ist die Basis für eine Ökonomie der Beziehungen, es ist zugleich ein spirituelles System.

Johannes Heimrath: Wenn diese Dimension hier so klar ausgesprochen wird, findet eine Spiritualisierung der Ökonomie statt. Das in einer desakralisierten Welt zu formulieren, ist ausgesprochen schwierig.

Heide Göttner-Abendroth: Es scheint nur so, als seien wir alle weit entfernt von einer Ökonomie des Schenkens mit ihrem spirituellen Gehalt. Man muss sich immer wieder ins Bewusstsein rufen: Wir praktizieren sie bereits, sonst könnte kein Leben existieren. Dann erscheinen das Matriarchat und eine spirituelle Ökonomie nicht als etwas Fernes, sondern wir leben es ja bereits. Die matriarchale Vision ist nichts Fremdes, es geht darum, sie im Leben zu erkennen. Und wenn diese Werte einmal erkannt sind, zeigen sie sich erstaunlich resistent gegen Angriffe von außen. Dazu eine kleine Anekdote, die ich aus der matriarchalen Stadt Juchitàn in Mexiko – wo Veronika Bennholdt-Thomsen geforscht hat – erzähle:
Diese Gesellschaft basiert auf regionalen Märkten, und die Händlerinnen sind die Frauen. Sie kaufen nicht dort ein, wo es am billigsten ist. Die Frauen verstehen sich nicht als Konkurrentinnen, sondern sie kaufen jeweils bei ihren Freundinnen ein, um Beziehungen zu pflegen. Es geht also nicht um Tausch, sondern um ein System der Bindungen.
Nun wollte die amerikanische Warenhauskette WalMart in Juchitàn Fuß fassen, und wir Ethnologinnen und Matriarchatsforscherinnen glaubten schon, das sei der Untergang dieser Kultur. So schien es auch, denn in den ersten Tagen waren die Regale des WalMart-Supermarkts völlig leergeräumt, alles war ausverkauft. Der Supermarkt machte in den ersten paar Tagen einen riesigen Umsatz. Doch dann blieben die Käuferinnen aus, und nach zwei Wochen ging keine einzige mehr in den Supermarkt, er war uninteressant geworden. Wir fragten eine Frau aus Juchitàn nach dem Grund, und sie sagte: Ich kann dort keine Gespräche führen, ich kann nicht mit meinen Freundinnen reden, ich kann nichts anderes tun als bezahlen! Nach einer Weile musste WalMart dort schließen.
Es ist ein Beispiel, das zeigt, dass Ökonomien des Schenkens auch im größeren Maßstab und in einer modernen Welt funktionieren können. Margrit, wenn eure ganze Region so ähnlich wäre wie der „Lebensgarten Steyerberg“, hättet ihr viele Probleme weniger. Eure Kinder und Jugendlichen könnten in der Region sinnvolles Lernen und sinnvolle Arbeit finden, und man könnte mit einer auf Schenke-Beziehung basierenden Wirtschaft experimentieren.

Margrit Kennedy: Eine Region als einen wahlverwandten Clan zu begreifen, ist ein spannender neuer Gedanke für mich. Im ersten Moment kam er mir total unrealistisch vor, weil ich in großen Regionen und Nationalstaaten denke. Aber auch in dieser Arbeit geht es darum, den kleineren Einheiten möglichst viele Gestaltungsmöglichkeiten zu geben.

Johannes Heimrath: Ich denke oft an ein Europa der Regionen. Das kann sich von innen heraus entwickeln, unabhängig von den jetzt existierenden Staaten. Regio­nen begreifen sich als eigene Identität und beginnen, von innen heraus eine auf Beziehung basierende Sozial- und Wirtschaftsstruktur zu entwickeln. So entstünden von selbst politische Einheiten, eigentlich nach einem anarchischen Prinzip, aber ich würde lieber von einer „Arché“ statt von Anarchie sprechen. Ich kreiere jetzt mal das Wort „archisch“ – eine „archische“ Gesellschaft, das ist eine Gesellschaft, die sich ihrer Ursprünge bewusst ist.

Heide Göttner-Abendroth: Den Arché-Gedanken finde ich wunderbar. Matriarchat übersetze ich mit: „am Anfang die Mütter“. Denn das griechische Wort arché heißt Anfang, Ursprung und Schoß und keineswegs nur „Herrschaft“ – siehe beispielweise „Archäologie“: die „Lehre von den Anfängen“.
In solchen neuen Regionen könnten sich die Menschen das Recht auf ihre eigene Gestaltung ihres Lebens zurückholen. Ein Staat ist dann gar nicht mehr nötig. Wir brauchen keinen Staat, sondern Gemeinschaften und unabhängige Regionen und die Vernetzung von solchen Regionen zu größeren, egalitären Gebilden. Es klingt zwar utopisch, aber zugleich wäre es das Normale und Natürliche: blühende Regionen mit vielen lebendigen Gemeinschaften, die sich international vernetzen.

Johannes Heimrath: Das ist eine schöne Vision für eine lebensfördernde Kultur der Gegenwart. Lasst sie uns weiter pflegen.




Literaturhinweise: Heide Göttner-Abendroth: Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft. Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik, Drachen Verlag, Klein Jasedow 2008.
Margrit Kennedy, Bernard A. Lietaer: Regionalwährungen: Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand, Riemann Verlag, München 2006.


 
 

 


Die Grafik

 

George Orwell (1903-1950)

George Orwell alias Eric Arthur Blair wurde am 25. Juni 1903 in Motihari (Bihar, Indien) geboren und starb am 21. Januar 1950 in London an Tuberkulose. Seine sprachlich geschliffenen und politisch engagierten Essays und Romane entfalten ein scharf konturiertes Panorama der ersten Jahrhunderthälfte. Der Slogan Big Brother is watching you aus seinem Meisterwerk 1984 wurde zu einer stehenden Wendung für total(itär)e Überwachung.

George Orwell Der Sohn eines britischen Kolonialbeamten besuchte eine Eliteschule in Eton, diente von 1922 bis 1927 in der Indian Imperial Police in Burma und kehrte dann nach England zurück. Mit dem Wunsch, Schriftsteller zu werden, lebte Orwell mehrere Jahre in Paris und in London. In seinem literarischen Debüt Down and Out in Paris and London (1933) resümierte er die Erfahrungen dieser Zeit und schilderte illusionslos das Obdachlosenmilieu. Autobiographisch gefärbt war auch Burmese Days (1934), eine Anklage gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien und den Imperialismus im allgemeinen. Eine gesellschaftskritische Tendenz prägte auch das Sozialmelodram A Clergyman's Daughter (1935). Wie viele politisch interessierte Schriftsteller seiner Generation (Auden, Day Lewis) schloss sich auch Orwell 1936 den republikanischen Kräften im Spanischen Bürgerkrieg an. Aus seinem Erfahrungsbericht Homage to Catalonia (1938) sprach indessen tiefe Enttäuschung über die Querelen der Linken in Spanien, vor allem über die stalinistische Ausrichtung der Kommunisten. Einige Jahre später setzte sich die grimmige Fabel Animal Farm (1945) kritisch mit gesellschaftlichen Machtmechanismen auseinander. Und in seinem Welterfolg Nineteen Eighty-four (1948/49) verarbeitete Orwell sein pessimistisches Menschen- und Geschichtsbild in einem utopischen Roman, dessen Titel im Lauf der Jahre zum Inbegriff der philosophisch akzentuierten Science-fiction wurde. Das dort entworfene Bild einer totalitären Gesellschaft der Zukunft hat die Sowjetunion unter Stalin zum Vorbild und übertrifft in seiner Radikalität bei weitem Aldous Huxleys Brave New World (1932). Aus heutiger Sicht haben sich Orwells düstere Visionen zwar nicht konkret bestätigt, doch seine Prognose eines umfassend überwachten Staatsbürgers ohne geschützte Privatsphäre ist im fortschreitenden Medienzeitalter aktueller denn je.

   
Internet:   Die Zeit, Orwell Spezial, Sonderbeilage zum 100. Geburtstag.

 

NINETEEN EIGHTY-FOUR - Roman 1948/49

Zusammenfassung

Der Hauptprotagonist Winston Smith (Anspielung an den Vornamen Churchills) ist 39 Jahre alt, nicht besonders attraktiv, schmächtig und unauffällig. Er arbeitet im Wahrheitsministerium, wo er in der Abteilung für Geschichtszeugnisse (records, alle virtuellen Zeugnisse, d.h. die elektronischen Archive) arbeitet. In der fiktionalen Welt des Buches ist die Privatsphäre abgeschafft. Überall gibt es sogenannte Telescreens, die nicht nur ständig alles mit Mikrofonen und Videokameras beobachten, sondern auch noch unablässig Kriegspropaganda für den "grossen Bruder" abspulen. Dies ist der Code, die Personifizierung eines Diktators. Wahr ist, was Big Brother als wahr definiert. Dem Volk wird eingetrichtert, dass alles immer schon so war, wie es jetzt ist. Auch nur ansatzweise diese Sichtweise in Frage stellendes wird aus Zeitschriften und Büchern und damit aus dem Gedächtnis der Menschen systematisch entfernt. Smith selbst ist an diesem Prozess beteiligt, besteht doch seine Arbeit im Ministerium konkret darin, kontinuierlich alte Fakten so zu verfälschen, dass sie sich mit den aktuellen politischen Direktiven decken. Das MiniTrue, wie die Abkürzung für das Ministry of Truth lautet, stellt sich schnell als gemeiner Euphemismus heraus: seine Domäne ist in Wahrheit die Massenbeeinflussung und Meinungserzeugung. Das Ministry of Peace organisiert die permanenten Kriegsanstrengungen, denen der ganze Staat offiziell dient. Das Ministry of Plenty schmeisst die Wirtschaft und hat meistens Rationisierungen zu verkünden (plenty: Überfluss!). Das Ministry of Love schliesslich koordiniert die Rechtssprechung (engl. law!) und den Parteiterror.

Nach aussen hin verhält sich Winston ganz normal, aber in Gedanken lehnt er sich gegen den autoritären Staat auf. Er kauft sich heimlich ein Tagebuch, in das er seine Gedanken zu schreiben beginnt. Dabei versucht er immer, sich vom Televisor abzuwenden, sein Heft im toten Punkt der Kamera zu halten. Winston ist zwar verheiratet, hat aber keine Ahnung, was mit seiner Frau ist. Er lebt allein in einer Wohnung. Liebe ist im Staat sowieso unerwünscht und man könnte sagen, dass Kinder nur aus Pflicht gezeugt werden. Bei einer Versammlung aller Mitarbeiter seiner Abteilung zum sogenannten "Zwei- Minuten-Hass", der sich gegen Goldstein und dessen gefürchtete Untergrundorganisation, die «Brotherhood» richtet, entdeckt er ein junges Mädchen von ungefähr 27 Jahren, das sich hinter ihn setzt. Er fühlt sich irgendwie beobachtet und vermutet sogar, sie sei bei der gefürchteten Gedankenpolizei. Diese Vermutung bestärkt sich noch. Eines Tages geht er heimlich wieder in den Antiquitätenladen von Mr. Charrington, in dem er auch sein Tagebuch gekauft hat. Eigentlich ist dies den Angestellten in den Ministerien nicht gestattet, weil der Laden in einem Elendsviertel liegt und man sich dort nicht aufhalten darf. Im Laden kauft er einen Briefbeschwerer und unterhält sich mit dem Besitzer. Der zeigt ihm ein Zimmer im Obergeschoss, dass er früher mit seiner Frau bewohnte. Dort scheint es nicht einmal einen Televisor zu geben. Winston gefällt es dort sofort. Und als er den Laden verlässt, begegnet ihm wieder die junge Frau und er hat höllische Angst, dass sie ihn bespitzelt. Wer bei der Partei nämlich in Ungnade fällt, wird zur Unperson erklärt und alle Beweise seiner Existenz (sämtliche Urkunden, alle Zeitungsartikel etc.) würden getilgt oder abgeändert. Und was einem im Keller Nr. 101 des MiniLuv dann physisch genau passiert, hört man nur von Gerüchten.

Im zweiten Teil nimmt die Julia-Episode ihren Lauf. Als Winston Julia bei der Arbeit wieder begegnet, fällt sie gerade hin. Er will ihr aufhelfen, da ihr Arm verletzt scheint. So gelingt es ihr, ihm einen Zettel zuzustecken. Sogar diesen muss Winston heimlich lesen und überrascht wird auch der Leser durch die schlichte Botschaft: «Ich liebe dich». Nun versucht Winston natürlich, Julia näherzukommen. Doch ist das in einem diktatorischen Staat, der für Gefühle nichts übrig hat, schwer zu arrangieren. Heimlich müssen die beiden in einer Menschenmenge fast ohne die Lippen zu bewegen einen Treffpunkt ausmachen. Julia und Winston fühlen sich gezwungen, sich immer an verschiedenen Orten zu treffen, z.B. auf einer einsamen Waldlichtung, wo sie annehmen, dass es keine Telescreens gibt. Schliesslich entschliessen sie sich, sich im Zimmer bei Mr. Charrington zu treffen. Dort fühlen sie sich unbeobachtet. Auch Julia scheint nur nach aussen hin für die Partei zu sein. Nach einem verschwörerischen Zwinkern, wagt Winston Kontakt mit O'Brien, einem Mitglied der Inneren Partei, aufzunehmen. Winston glaubte nämlich schon länger, dass dieser eigentlich ein Mitglied der Brotherhood sei. Diese Annahme scheint sich zunächst zu bestätigen, als O'Brien Julia und Winston zu sich einlädt, wo er dies auch zugibt. O'Brien erzählt ihnen einiges über die Organisation und sie müssen allerlei Fragen beantworten, z.B. ob sie dafür töten oder Selbstmord begehen würden; kurzum was sie bereit wären, gegen die Partei zu tun. Das Pärchen bekennt, zu allem bereit zu sein. Einzig die Frage, ob sie sich auch trennen und einander nie wiedersehen würden, verneinen sie. Wenig später lässt O'Brien Winston heimlich "das Buch" übergeben. Einige Kapitel davon sind in Orwells Roman enthalten; es handelt sich um die theoretischen Grundlagen der Machtpolitik, wie sie die Big-Brother- Diktatur ausübt. Kurz darauf, als Julia und Winston wieder im Zimmer bei Mr. Charrington sind, bricht alles zusammen: Hinter einem Bild ist ein Televisor versteckt. Durch das Fenster kommen uniformierte Männer ins Zimmer und etwas später erscheint Mr. Charrington, der sich als Mitarbeiter der Gedankenpolizei entpuppt.

Seit diesem Ereignis hat Winston Julia nicht mehr gesehen. In seiner Haft bekommt er nur wenig zu essen. Als er sich einmal im Spiegel sieht, erkennt er die abgemagerte und fast zahnlose Gestalt kaum wieder. Er ist mit anderen Gefangenen in einer Zelle, wird aber oft verhört - meistens von O'Brien, der sich als loyales Mitglied der Inneren Partei entpuppt. Doch es bleibt nicht beim Verhör; es werden furchtbare Foltermethoden eingesetzt. Zum Beispiel wird Winston auf einem Stuhl festgeschnallt und wird manipuliert, muss möglichst das sagen, was O'Brien von ihm erwartet. Wenn er dies nicht tut, stellt O'Brien eine Skala nach oben und Winstons Körper wird bis zum absoluten Maximum gestreckt. So befiehlt ihm O'Brien nicht nur zu glauben, sondern überzeugt zu sein, 2 und 2 gebe 5. Wenn es die Partei wolle, könne es auch 6 oder 7 sein. Doch die furchtbarste Folter erfährt Winston im Kellerraum. Was eigentlich im Zimmer 101 passiert, weiss keiner der Gefangenen. Aber alle wissen, dass es das Schlimmste ist. Das Schlimmste ist individuell; jedem Mensch wird dort das für ihn Schlimmste auf der Welt vorgesetzt. Da dies für Winston Ratten sind, setzt man ihn einer Unzahl hungriger Nager aus. Ihn ergreift eine immense Panik, so dass er schliesslich schreit, sie sollen Julia nehmen, nicht ihn. Er hat sie verraten, obwohl sie sich doch geschworen hatten, dies nie zu tun. Nachdem er aufgehört hat, als Individuum zu existieren, wird er frei gelassen. Im Grossen und Ganzen lebt er seitdessen wieder normal, arbeitet wieder und trifft auch Julia noch einmal. Sie haben sich aber nichts mehr zu sagen, gestehen sich nur, dass sie jeweils den anderen verraten haben und trennen sich. Das Buch endet mit den Worten: «Er hatte den Sieg über sich selbst errungen. Er liebte den Grossen Bruder.»


Die drei Parolen

WAR IS PEACE
Die drei Superstaaten Eurasien, Südostasien und Ozeanien führen permanent Krieg. Dennoch haben sie nach dem Atomkrieg der 50er-Jahre eingesehen, dass sie einander nicht vernichten können (vgl. Abschreckungssituation im Kalten Krieg). Das Hauptgebiet von Eurasien ist Europa inkl. Russland, jenes von Ozeanien Nordamerika inkl. Grossbritannien und der Kern Südostasiens liegt in China. Daneben gibt es ein grosses Gebiet um den Äquator herum, auf das sich die Kriege konzentrieren. Hier werden billige Arbeitskräfte und unverzichtbare Rohstoffe ausgebeutet. Das Ziel der Kriege ist also nicht die Vernichtung des Gegners, sondern die Aufrechterhaltung der Kontrolle im Innern. Im "Buch" wird davon gefaselt, dass es das Ziel sei, Arbeitskraft zu zerstören, ohne den Lebensstandard erhöhen zu müssen. Daneben dient der Krieg und besonders der instrumentalisierte Hass als Legitimation für das in jeder Hinsicht harte Durchgreifen der Partei. Es gibt noch eine andere mögliche Interpretation für den Slogan, vor allem für den Frieden (siehe Anmerkungen zur Interpretation, Punkt 3).

FREEDOM IS SLAVERY
Freiheit und Gleichheit sind zwei konzeptionell metaphysische Begriffe, die seit 1789 eine wichtige Rolle im politischen Denken spielten. Gleichheit aber will die Partei mit allen Mitteln verhindern. Aus dem Buch: «In dem Augenblick, in dem Gleichheit infolge technischer Neuerung erstmals theoretisch möglich zu werden drohte, musste...» Ist nun wenigstens Freiheit erreicht? Kämpft man für eine wie auch immer geartete Freiheit gegen die anderen Staaten? Nein, denn es gibt keine Freiheit unter Big-Brother-Überwachung. Doch der Slogan wandelt diese für uns so schreckliche Aussage gleich in eine positive um. Freiheit sei gleichbedeutend mit Sklaverei. Möchtest du gerne versklavt werden? Freiheit ist ausser einer Worthülse ohnehin nichts, aber es ist besser, wenn man diese Worthülse mit einer komplett anderen Worthülse gleichsetzt, zwecks Verwirrung der Idee Freiheit, damit diese allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinde. Das ist letztlich ja auch der Zweck der Geschichtsfälschung: Die Wahrheit, dass die Partei einmal nicht regiert hat; die Wahrheit von den Weltkriegen und anderen geschichtlichen Prozessen zu vertuschen.

IGNORANCE IS STRENGTH
In der 1984-Diktatur soll man wohl vor allem gewisse Fakten ignorieren. Doch muss man auch seine Gefühls- und Gewissensregungen ignorieren, wenn sie der Parteimeinung widersprechen. Das Fremdwort Ignoranz bedeutet nun aber im Französischen, und auch im Englischen, eigentlich Unwissenheit. Es ist das Gegenteil der culture. Und tatsächlich zerstört ja die Propagandamaschine systematisch das, was wir heute "Zivilgesellschaft" nennen. Die durchgreifende individuelle Isolierung weist jedem sein Gefängnis in Form eines staatlichen Arbeitsplatz zu, von dem aus er überwacht werden kann. Die Macht unter Umständen gefährdende Gruppenbildungen werden so systematisch verunmöglicht. Wo ein Gespräch unter vier Augen möglich wäre, stehen Telescreens. Man resigniert, man stumpft ein, man wird zum Tier. Und das ist - nach Parteimeinung - die grösste Tugend.


Interpretation

Orwell war zwar Sozialist, doch wurde ihm in den späten Vierziger-Jahren klar, dass Stalins Sowjetunion weit weg von den sozialistischen Idealen war und dieser machthungrige Politiker sich genau so schrecklich wie Hitler seinerzeit aufführte. 1984 soll die Leser bewusst schocken, soll aufmerksam machen, wie leicht die Menschlichkeit zerstört werden kann und worin die Gefahren einer absolutistischen Herrschaft liegen. Der Grosse Bruder ist in seiner Beschreibung Stalin nachempfunden; allerdings kommt er nie persönlich vor. Es gibt aber eine Menge weiterer Gegebenheiten, die tatsächlich der politischen Praxis des Stalinismus dieser Zeit entsprachen, so z.B. dass Gegner in Arbeitslager geschickt oder gefoltert werden. Oder dass Kinder ihrer Eltern verraten, wie das auch im Nationalsozialismus der Fall war. Dies geschieht auch im Buch mit einem Nachbarn. (Obwohl nie ausgesprochen, fühlt sich Winston schuldig, sobald ihm seine Mutter nur in den Sinn kommt, hat er sie auch verraten?) Orwell geht durch seinen Televisor allerdings noch einen Schritt weiter. Ist Orwells These, dass Widerstand gegen totalitäre Regime nutzlos sei? Eher nein, schliesslich ist das Buch ja auch keine Prophezeiung der Zukunft, sondern eine Antiutopie, die man als Warnung verstehen kann. Der Ruin von Winston ist zwar in der Welt, die Orwell geschaffen hat, unvermeidlich, aber wir Menschen können die Bildung solcher Gesellschaften vermeiden, wenn alle daran arbeiten (würden), die Menschenwürde und die individuelle Freiheit intakt zu halten.

 

  • Der Abzählvers verklärt die für immer zerstörte Vergangenheit. Winston weiss, dass er als einer der letzten ein paar Strophen davon kennt; und ihm ist bewusst, dass dies bedeutete, dass in einer Generation den Vers niemand mehr kennen wird. Vom Inhalt her unspektakulär, geht es um die Kirchen von London, die möglicherweise abgerissen worden waren. Es fällt auf, dass es ausgerechnet die Geheimdienstagenten sind, die als einzige den kompletten Vers kennen. Bewahrt die Innere Partei also die wirklich wahren Fakten? Warum könnte das sinnvoll sein?
  • Im Kino beginnt eine Proletarierfrau zu schreien, als ein Massenmord gezeigt wird. «Zeigt das nicht den Kindern, hier hat es kleine Kinder im Saal», schreit sie, während sie abgeführt wird. Zum einen steht diese Frau symbolhaft für die Urmutter Eva, zum anderen als Gegenbeispiel zu Winston. Dessen Widerstand gründet auf der Vernunft (Kopf), der Widerstand der Proletarierin hingegen auf den Gefühlen (Herz). Warum aber konnte sich der Indo- Engländer Orwell kein Terrorregime denken, dass ohne Proletarier auskommt? Dass es eine innere Partei mit den wahren Herrschern und eine äussere Partei mit allen, die gerne herrschen würden, gibt, macht Sinn. Doch die dritte Kategorie der Proletarier nicht, denn auch sie müssten konsequenterweise überwacht werden.
  • Dass die Kriege so begrenzt und abgesprochen sind, und die drei Diktaturen so ähnlich, kann einem auf folgenden Gedanken bringen: Was wäre wenn die 3 Big Brothers in Wirklichkeit einer sind? Es hätte also so eine Art Stalin gegeben, dem das Kunststück gelang, weltweit alles unter Kontrolle zu bekommen, und er hätte sich dann wieder aufgespalten, um die Herrschaft für alle Zeiten zu konsoldieren. In diesem Falle bekäme die Parole War is Peace eine ganz andere Bedeutung: der Krieg müsste gar nicht stattfinden. Wo nämlich keine unabhängige Information möglich ist, kann man auch jahrelang von erfundenen Feldzügen sprechen, geht es doch ohnehin nur um die Heimfront. Eine von Orwells Hauptthesen ist ja, dass sich der eigentliche Krieg jeder Diktatur gegen innen richtet.
  • Für das Verständnis des Romans ist NewSpeek unwichtig. Der Grundgedanke dahinter ist aber recht interessant. Orwell stellt sich vor, dass man mit genug diktatorischem Druck sogar die Sprache neu erfinden kann. Anhand der geschilderten Beispiele im Anhang erkennt man, dass es bei dieser Sprache darum gehen würde, möglichst wenig Gedanken überhaupt zu ermöglichen. «Sprache ist Denken», meinte schon Parmenides. Sicher stört es einige Machthaber, dass man etwas sagen und das Gegenteil meinen kann. Vermutlich wäre es also das Ziel von NewSpeek, ironische Bemerkungen ein für allemal zu verunmöglichen.

 

BERÜHMTE ZITATE

Freiheit
«Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.»
«Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei und zwei vier ergibt. Wenn das garantiert ist, folgt alles andere von selbst.»

Politik
«Der Liberale ist ein Anbeter der Macht ohne Macht.»
«Man hat gewöhnlich nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen zwei Übeln zu wählen.»
«Die Schwäche aller linken Parteien ist ihre Unfähigkeit, etwas Wahres über die unmittelbare Zukunft zu sagen.»

Andere Aussprüche
«Mit fünfzig hat jeder das Gesicht, das er verdient.»
«Der ist der beste Lehrer, der sich nach und nach überflüssig macht.»
«Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.»

 

 

 Nicht alles was zählt, läßt sich zählen. . . Nicht alles was sich zählen läßt, zählt.

Heiratsdokumente, Sterberegister, Geburtsbücher, Verkaufsregister, Steuerlisten, überhaupt alles, was Papier ist mit Stempel und Schreiberei. Wenn das alles einmal verbrannt ist, dann weiß niemand mehr, wer er ist, wie er heißt, wer sein Vater war und was seinem Vater gehörte. Dann kommen keine Erben mehr angelaufen, die mit Papieren in der Luft herumwedeln. Dann seid Ihr die einzigen Erben, und dann bleibt ihr die einzigen Erben, weil niemand mehr etwas beweisen kann. Wozu braucht ihr dann Geburtsregister? Ihr habt Hunger und das ist Beweis genug, daß Ihr geboren wurdet und daß Ihr lebt. Und wozu braucht denn die Welt Heiratsregegister? Du lebst mit Deiner Frau zusammen, die Dich gern hat. Was braucht Ihr dann noch Papiere, damit Ihr es wißt?  B.Traven

 

 

 Thesen und Zitate
I. HANNAH ARENDT: WAS IST POLITIK?

Lit: Arendt, Hannah: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, hrsg. von Ursula Ludz, München/Zürich 1993

  • a) Die Haupt-Thesen Hannah Arendts
    • 1. "Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen." (S. 9)
    • 2. "Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinandersein der VERSCHIEDENEN." (S. 9)
    • 3.  "Der Ruin der Politik entsteht aus der Entwicklung politischer Körper aus der Familie, da in ihr die ursprüngliche Verschiedenheit ebenso wie die essentielle Gleichheit aller Menschen ausgelöscht ist." (S. 10)
    • 4.  "DER Mensch, wie ihn Philosophie und Theologie kennen, existiert - oder wird realisiert - in der Politik nur in den gleichen Rechten, die die Verschiedensten sich garantieren." (S. 11)
    • 5.  "Politik entsteht in dem ZWISCHEN-DEN-MENSCHEN, also durchaus AUSSERHALB DES Menschen, sie entsteht im Zwischen und etabliert sich als der Bezug, nicht als eigentlich politische Substanz." (S. 11)
    • 6.  "Politik organisiert die absolut Verschiedenen im Hinblick auf RELATIVE Gleichheit und im Unterschied zu RELATIV Verschiedenen." (S. 12)
    • 7. "Wenn man in unserer Zeit über Politik reden will, so muß man mit den Vorurteilen beginnen, die wir alle, wenn wir nicht gerade Berufspolitiker sind, gegen Politik hegen." (S. 13)
    • 8. "Diese Vorurteile, die uns allen gemeinsam sind, stellen selbst etwas Politisches im weitesten Sinn des Wortes dar ..." (S. 13)
    • 9. "Politik hat es ... auch immer und überall mit der Aufhellung und Zerstreuung von Vorurteilen zu tun, was aber nicht  besagt, dass es in ihr überhaupt um eine Erziehung zur Vorurteilslosigkeit ging, noch dass diejenigen, die sich um eine solche Aufklärung bemühen, selber von Vorurteilen frei wären." (S. 15)
    • 10.  "Auf die Frage nach dem Sinn von Politik gibt es eine so einfache und in sich so schlüssige Antwort, dass man meinen möchte, weitere Antworten erübrigten sich ganz und gar. Die Antwort lautet: Der Sinn von Politik ist Freiheit." (S. 28)
    • 11.  "Unsere heutige Frage entsteht aus sehr realen Erfahrungen, die wir mit Politik gemacht haben; sie entzündet sich an dem Unheil, das Politik bereits in unserem Jahrhundert angerichtet hat, und dem größeren, das aus ihr zu erwachsen droht." (S. 28)
    • 12. "Als solches hat das Politische so wenig immer und überall existiert, dass historisch gesprochen nur wenige große Epochen es gekannt und verwirklicht haben. Diese wenigen großen Glücksfälle der Geschichte aber sind entscheidend; nur in ihnen tritt der Sinn von Politik, und zwar sowohl das Heil wie das Unheil des Politischen voll in Erscheinung." (S. 41/42)
    • 13. Alle ideologischen politischen Bewegungen haben "die Vorstellung, dass die Freiheit der Menschen der historischen Entwicklung geopfert werden müsse, deren Prozeß von Menschen nur gehindert werden kann, wenn sie in Freiheit handeln und sich bewegen. ... In all diesen Fällen tritt an die Stelle eines wie immer gearteten Begriffes von Politik der moderne Geschichtsbegriff; politische Ereignisse und politisches Handeln werden in geschichtliches Geschehen aufgelöst, und Geschichte wird im wörtlichsten Sinne als ein Geschichtsfluß verstanden." (S. 42/43)
    • 14. "Für uns ist hier nur entscheidend, dass wir Freiheit selbst als etwas Politisches verstehen und nicht als den vielleicht höchsten Zweck politischer Mittel, und dass wir einsehen, dass Zwang und Gewalt zwar immer Mittel waren, um den politischen Raum zu schützen oder zu gründen oder zu erweitern, aber als solche gerade selbst nicht politisch sind. Sie sind die zum Phänomen des Politischen gehörigen Randphänomene und darum gerade nicht es selbst." (S. 53)
    • 15. "Die Vorstellung, dass es Politik immer und überall gäbe, wo es Menschen gibt, ist selbst ein Vorurteil, und das sozialistische Ideal von einem staatslosen, und das heißt bei Marx politiklosen, Endzustand der Menschheit ist keineswegs utopisch, es ist nur grauenhaft." (S. 79)
    • 16.  "Im Mittelpunkt aller Politik steht die Sorge um die WELT ... Politik bezweckt Änderung oder Erhaltung oder Gründung von Welt. ... Die Weltentfremdung der Neuzeit ist eingedrungen in die Politik mit Marx, der von der Selbstentfremdung des Menschen spricht. Entscheidend ist, dass Marx die Welt nur verändern wollte, um den Menschen zu erlösen, und zwar von der Welt." (S. 192)
  • b) Der rekonstruierte Begriff des Politischen
    • Unter Politik versteht Hannah Arendt: das existentiell freiheitsverwirklichende (10-15) und sich dabei um die Welt sorgende (16), reflektiv urteilende (7-9) Zusammen- und Miteinander-Handeln von ursprüngliche gleich(artig)en und zugleich absolut verschiedenen Menschen (1-6).
    • vgl. dazu Vollrath, a.a.O., S. 21: "Der enthusiastische Begriff des Politischen ... besagt recht eigentlich, dass das Politische, die politische Art der Verbandsbildung, das Einzige ist, was Menschen zu einem Gemeinsamen zusammenbringen kann, ohne dass sie dabei ihre Unterschiedlichkeit, die ihr Personsein ausmacht, aufzugeben hätten. Sie konstituieren das Politische als jenes Gemeinsame einer Welt zwischen sich als dasjenige, woran sie Anteil haben durch den Beitrag, den sie in ihrer Unterschiedenheit dazu leisten."
  • c) Mögliche Vorwürfe an Hannah Arendt
    • enthusiastisch? existentialistisch? apolitisch? (Freiheit als Sinn der Politik? Republikgründung als spontaner Akt des gemeinsamen Handelns? Radikale Authentizität der politischen Freiheit?)
    • idealistisch? un-realistisch? utopisch? (unter den Bedingungen des gegenwärtigen Zeitalters ohne Aussicht auf Realisierung?)
    • normativ? moralisierend? (kognitiv unzuverlässige und daher überholungsbedürfte Variante `der ehrwürdigen Figur des Vertrages´)
    • romantisch? (Versuch einer Wiederbelebung der antiken Polis?)
    • Bei genauerer Betrachtung treffen alle diese Vorwürfe nicht oder nur zum Teil zu. Näheres dazu später.


II.  HANNAH ARENDT: VORURTEIL UND URTEIL

In Fragmenten zu ihrer nie erschienenen "Einführung in die Politik", also einem politischem "Lehr"werk, schreibt Hannah Arendt vom "Vorurteil gegen Politik und was Politik in der Tat heute ist" bzw. vom "Vorurteil und Urteil", bevor sie schließlich die Frage aufwirft "Hat Politik überhaupt noch einen Sinn?" und diesen schließlich herauszuarbeiten versucht. Lassen wir Hannah Arendt in einer längeren Passage aus ihren erst seit 1993 zugänglichen Texten zur "Einführung in die Politik" selbst zu Wort kommen:

  • "Wenn man in unserer Zeit über Politik reden will, so muß man mit den Vorurteilen beginnen, die wir alle, wenn wir nicht gerade Berufspolitiker sind, gegen Politik hegen. Diese Vorurteile, die uns allen gemeinsam sind (die wir miteinander teilen, die uns selbstverständlich sind, die wir einander im Gespräch zuwerfen können, ohne uns erst umständlich über sie erklären zu müssen), stellen selbst etwas Politisches im weitesten Sinn des Wortes dar (- nämlich etwas, was einen integralen Bestandteil der menschlichen Angelegenheiten bildet, in deren Raum wir uns tagtäglich bewegen): Sie entspringen nicht dem Hochmut der Gebildeten und sind nicht dem Zynismus derer geschuldet, die zuviel erlebt und zuwenig verstanden haben. Wir können sie nicht ignorieren, weil sie sich in uns selbst zu Worte melden, und wir können sie nicht mit Argumenten beschwichtigen, weil sie sich auf unleugbare Realitäten berufen können und die wirklich bestehende gegenwärtige Situation getreulich widerspiegeln, und zwar gerade in ihren politischen Aspekten. (Dass Vorurteile eine so außerordentlich große Rolle im alltäglichen Leben und damit in der Politik spielen, braucht man an sich nicht zu beklagen, und man sollte auf keinen Fall versuchen, es zu ändern. Denn ohne Vorurteile kann kein Mensch leben, und zwar nicht nur, weil keines Menschen Klugheit oder Einsicht dazu ausreichen würde, all das neu zu beurteilen, worüber ihm ein Urteil im Laufe seines Lebens abverlangt wird, sondern weil eine solche Vorurteilslosigkeit eine übermenschliche Wachheit erfordern würde.) Dennoch sind diese Vorurteile keine Urteile. (Offenbar hat diese Berechtigung des Vorurteils als Maßstab des Urteilens innerhalb des alltäglichen Lebens ihre Grenzen.) Sie zeigen an, dass wir in eine Situation geraten sind, in der wir uns gerade politisch nicht oder noch nicht zu bewegen verstehen. Die Gefahr ist, dass das Politische überhaupt aus der Welt verschwindet. Aber die Vorurteile greifen vor; sie schütten das Kind mit dem Bade aus, verwechseln das, was der Politik ein Ende machen würde, mit Politik und stellen das, was eine Katastrophe wäre, hin, als wäre es in der Natur der Sache gelegen und daher unabwendbar. (Einer der Gründe für die Wirksamkeit und Gefährlichkeit von Vorurteilen liegt darin, dass sich in ihnen immer ein Stück Vergangenheit verbirgt. Bei näherem Zusehen ist ferner ein echtes Vorurteil daran zu erkennen, dass sich in ihm ein einmal gefälltes Urteil verbirgt, das ursprünglich einen ihm angemessenen legitimen Erfahrungsgrund hatte und zum Vorurteil nur wurde, weil es unbesehen und unrevidiert durch die Zeiten geschleppt wurde. ... Will man Vorurteile zerstreuen, so muß man immer das in ihnen enthaltene vergangene Urteilen erst einmal wieder entdecken, also eigentlich ihren Wahrheitsgehalt aufzeigen. Geht man an diesem vorbei, so können ganze Bataillone von aufklärenden Rednern und ganze Bibliotheken von Broschüren nichts erreichen, wie die schier unendlichen und unendlich fruchtlosen Bemühungen hinsichtlich solcher mit Vorurteilen ältester Art überladener Probleme wie des Negerproblems in den Vereinigten Staaten oder des Judenproblems deutlich zeigen. ... Das Wort Urteilen hat in unserem Sprachgebrauch zwei durchaus voneinander zu scheidende Bedeutungen, die uns doch, wenn wir sprechen, immer durcheinandergehen. Es meint einmal das ordnende Subsumieren des Einzelnen und Partikularen unter etwas Allgemeines und Universales, das regelnde Messen mit Maßstäben, an denen sich das Konkrete auszuweisen hat und an denen über es entschieden wird. In allem solchen Urteilen steckt ein Vor-Urteil; beurteilt wird nur das Einzelne, aber weder der Maßstab selbst noch seine Angemessenheit für das zu Messende. Auch über den Maßstab ist einmal urteilend entschieden worden, aber nun ist dies Urteil übernommen und gleichsam zu einem Mittel geworden, weiter urteilen zu können. Urteilen kann aber auch etwas ganz anderes meinen, und zwar immer dann, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, was wir noch nie gesehen haben und wofür uns keinerlei Maßstäbe zur Verfügung stehen. Dies Urteilen, das maßstablos ist, kann sich auf nichts berufen als die Evidenz des Geurteilten selbst, und es hat keine anderen Voraussetzungen als die menschliche Fähigkeit der Urteilskraft, die mit der Fähigkeit zu unterscheiden sehr viel mehr zu tun hat als mit der Fähigkeit zu ordnen und zu subsumieren. ... In jeder historischen Krise geraten erst einmal die Vorurteile ins Wanken, es ist auf sie kein Verlass mehr, und gerade weil sie, in der Unverbindlichkeit des `man sagt´, `man meint´, in dem begrenzten Raum, wo sie berechtigt sind und gebraucht werden, nicht mehr auf Anerkennung rechnen können, verfestigen sie sich leicht zu etwas, was sie von Haus aus ganz und gar nicht sind, nämlich zu jenen Pseudotheorien, die als geschlossene Weltanschauungen oder alles erklärende Ideologien die gesamte geschichtliche und politische Wirklichkeit zu begreifen vorgeben. Wenn es die Funktion des Vorurteils ist, den urteilenden Menschen davor zu bewahren, jedem Wirklichen, das ihm begegnet, offen sich exponieren und denkend gegenübertreten zu müssen, so erfüllen die Weltanschauungen und Ideologien gerade diese Aufgabe so gut, dass sie vor aller Erfahrung schützen, da in ihnen ja angeblich alles Wirkliche irgendwie vorgesehen ist. Gerade diese Universalität, die sie so deutlich von den Vorurteilen trennt, die immer nur partieller Natur sind, zeigt deutlich an, dass nicht nur auf die Vorurteile, sondern auf die Maßstäbe des Urteilens und auf das in ihnen Vor-Geurteilte kein Verlass mehr ist, dass sie buchstäblich unangemessen sind. Dies Versagen der Maßstäbe in der modernen Welt - die Unmöglichkeit, das, was geschehen ist und täglich neu geschieht, nach festen, von allen anerkannten Maßstäben zu beurteilen, es zu subsumieren als Fälle eines wohlbekannten Allgemeinen, sowie die mit dieser eng verbundene Schwierigkeit, für das, was geschehen soll, Prinzipien des Handelns anzugeben - ist oft als ein der Zeit inhärenter Nihilismus beschrieben worden, als eine Entwertung aller Werte, eine Art Götterdämmerung und Katastrophe der moralischen Weltordnung. All solche Interpretationen setzen stillschweigend voraus, dass Menschen das Urteilen überhaupt nur da zugemutet werden könne, wo sie Maßstäbe besitzen, dass die Urteilskraft also nicht mehr sei als die Fähigkeit, das Einzelne richtig und angemessen dem ihm zugehörenden Allgemeinen, über das man einig ist, zuzuordnen. ... Der Verlust der Maßstäbe, der in der Tat die moderne Welt in ihrer Faktizität bestimmt und durch keine Rückkehr zum guten Alten und keine willkürliche Aufstellung neuer Werte und Maßstäbe rückgängig gemacht werden kann, ist also eine Katastrophe der moralischen Welt nur, wenn man annimmt, Menschen wären eigentlich gar nicht in der Lage, Dinge an sich selbst zu beurteilen, ihre Urteilskraft reiche für ein ursprüngliches Urteilen nicht aus." (Arendt, Hannah: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, hrsg. von Ursula Ludz, S. 13-27. Es wurde versucht zwei Fragmente zusammenzulesen, wobei Fragment A zugrundegelegt, Fragment B in Klammern eingefügt wurde.)
Das was Hannah Arendt hier am Phänomen "Politik" über die Urteilskraft des Menschen schreibt, ist durch und durch phänomenologisch. Zunächst gilt es, die Lebenswelt der Vorurteile ernst zu nehmen, als vor-wissenschaftlichen Bereich des Meinens gelten zu lassen und ihr einen Wert zuzusprechen. Es gibt aber Zeiten, Zeiten der Krise, in denen die lebensweltlichen Vorurteile versagen, weil über die hinter ihnen stehenden Maßstäbe kein Konsens mehr erzielt werden kann und sie sich deshalb in Weltanschauungen und Ideologien verwandeln, die nicht mehr entlasten, sondern abhängig machen und so wie sie zusammenbrechen, auch die Menschen, die an sie geglaubt haben, in die Tiefe reißen. Dieser Prozeß kann nur dadurch verhindert werden, wenn frühzeitig ein Vertrauen in die Fähigkeit der eigenen kritischen Urteilskraft ausgebildet wird, das in Krisensituationen von Vorurteilen absehen, die grundsätzliche Frage, z.B. "Hat die Politik noch einen Sinn?" stellen, dabei alles Gemeinte in Frage stellen, so neu zum Eigentlichen, zum Wesen, zum Sinn - hier der Politik, nämlich "Der Sinn der Politik ist Freiheit" (Ebd., S. 28) - vorstoßen und diesen Sinn dann näher entfalten kann.
Auf die politische Bildung gewendet heißt dies nichts anderes, als den Schülern im politischen Unterricht und den Teilnehmern außerschulischer politischer Bildung ihre lebensweltliche Perspektivität bewusst zu machen und sie beispielhaft immer wieder Vertrauen in die Fähigkeit ihrer eigenen Urteilskraft gewinnen zu lassen, und sie dabei mit dem notwendigen Wissen zu konfrontieren, dass es ihnen möglich macht, einerseits weltanschauliche und ideologische Verengungen zu erkennen, andererseits den neu gewonnenen, tieferen Sinn eines Phänomens inhaltlich ausfüllen zu können.
Dabei werden sie zwangsläufig über "das Faktum menschlicher Pluralität" stolpern, das die Eigenschaft hat, Menschen in ihrem Harmoniebedürfnis zu verunsichern. Es geht um die Frage der "Einfühlung", wie Husserl es genannt hat, die Frage nach der intersubjektiven Mitteilbarkeit, die Möglichkeit der Verallgemeinerung der zunächst individuell gewonnenen Urteile. Diese Problematik muß deshalb eigens thematisiert werden muß. Hannah Arendt schreibt davon in ihrem Buch "Vita activa" im fünften Kapitel "Das Handeln":
  •  "Das Faktum menschlicher Pluralität, die grundsätzliche Bedingung des Handelns wie des Sprechens, manifestiert sich auf zweierlei Art, als Gleichheit und als Verschiedenheit. Ohne Gleichartigkeit gäbe es keine Verständigung unter Lebenden, kein Verstehen der Toten und kein Planen für eine Welt, die nicht mehr von uns, aber doch immer noch von unseresgleichen bevölkert sein wird. Ohne Verschiedenheit, das absolute Unterschiedensein jeder Person von jeder anderen, die ist, war oder sein wird, bedürfte es weder der Sprache noch des Handelns für eine Verständigung; ... Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen." (Arendt, Hannah: Vita activa, Stuttgart 1960, S. 164 f.)
Wer wirklich in Beziehung treten will, muß wahrhaftig sein, er muß sagen, wer er ist, woher er kommt, was für eine Lebenswelt er mitbringt und er muß Verständnis aufbringen können, für die Lebenswelt der anderen. Es geht im wahrsten Sinne des Wort um Toleranz um das Ertragen der Pluralität, der Verschiedenartigkeit. Nur so ist ein eigentliches Miteinander möglich.
 "Ohne diese Eigenschaft, über das Wer der Person mit Aufschluss zu geben, wird das Handeln zu einer Art Leistung wie andere gegenstandgebundene Leistungen auch. Es kann dann in der Tat einfach Mittel zum Zweck werden, sowie Herstellen ein Mittel ist, einen Gegenstand hervorzubringen. Dies tritt immer dann ein, wenn das eigentliche Miteinander gestört ist oder auch zeitweilig zurücktritt und Menschen nur für- oder gegeneinander stehen und agieren, wie etwa im Kriegsfall, wenn Handeln nur besagt, bestimmte Gewaltmittel bereitzustellen und zur Anwendung zu bringen, um gewissen, vorgefasste Ziele für sich selbst und gegen den Feind zu erreichen. In solchen Fällen, von denen die Geschichte der Menschheit so viel zu erzählen weiß, dass man sie lange Zeit für die eigentliche Substanz des Geschichtlichen überhaupt hielt, ist Sprechen in der Tat `bloßes Gerede´, nämlich ein Mittel unter anderen für die Erreichung des Zweckes, ob dies Mittel nun dazu dient, dem Feind Sand in die Augen zu streuen, oder dazu, sich selbst an der eigenen Propaganda zu berauschen."
Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen wird nochmals deutlich, dass es im politischen Lernprozess nicht darum gehen kann, dem Lernenden seine subjektiven Interessen oder die objektive Bedeutsamkeit dieser oder jener Werte deutlich zu machen, sondern ihn zu befähigen die Voraussetzungen seines Sprechens und Handelns, und damit auch seines Lernens bewusst zu machen, damit "Die Enthüllung der Person im Handeln und Sprechen" - so der Titel des ersten Abschnitts des besagten Kapitels in "Vita activa" - möglich wird, sowohl die der eigenen Person als auch die des anderen. In Bezug auf den Sinn der Politik, die Freiheit, heißt dies nach Hannah Arendt:
  • "Ursprünglich erfahre ich Freiheit im Verkehr mit anderen und nicht im Verkehr mit mir selbst. Frei SEIN können Menschen nur in Bezug aufeinander, also nur im Bereich des Politischen und des Handelns; nur dort erfahren sie, was Freiheit positiv ist und dass sie mehr ist als ein Nichtgezwungen-werden." (Arendt, Hannah: Kultur und Politik, in: Merkur, 120. Jg., 1958, H. 130, S. 1122-1145.)
Und das Gemeinsame ist schließlich auch "nicht die Identität der immer schon Geeinten", sondern "das, worauf sich Verschiedene und Unterschiedliche als das ihnen Gemeinsame geeinigt haben," (Vollrath, Ernst: Hannah Arendt, in: Ballestrem/Ottmann (Hrsg.): Politische Philosophie des 20. Jahrhunderts, Oldenburg 1990, S. 21.) eine "Gemeinsamkeit, deren Stiftungsgrund gerade die bewahrte Differentialität ist. Sie ist in die Operation der Urteilskraft selbst eingelassen" (Ebd., S. 23) und geht ihr im Grunde voraus: Um die Freiheit des Menschen aufrecht erhalten zu können, muß die Einsicht in das "absolute Verschiedensein jeder Person von jeder anderen, die ist, war oder sein wird" aufrecht erhalten werden, ebenso wie die Einsicht in das Aufeinander-Verwiesen-Sein, was Hannah Arendt die "zweite" oder die "politische" Geburt nennt. (Vgl. dazu die Arbeit von Patricia Bowen-Moor: Hannah Arendt´s Philosophy of Natality, London 1989.)


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Nichtder Mensch als solcher ist ein Raubtier, sondern nur der Mensch in Verbindung mit Reichtum ...



Von Johann Most

New York, 1887

Der Mensch ist unter den Raubtieren das schlimmste. Das ist ein Ausspruch, den heutzutage viele tun, der aber nur bedingungsweise richtig ist. Nicht der Mensch als solcher ist ein Raubtier, sondern nur der Mensch in Verbindung mit Reichtum. Je reicher der Mensch ist desto stärker ist seine Gier nach weiterem Vermögen. Solch ein Untier, welches man Eigentumsbestie nennen kann, und das gegenwärtig die Welt beherrscht, die Menschheit unglücklich macht und mit dem Fortschreiten der sogenannten "Zivilisation" an Grausamkeit und Schlingkraft gewinnt, soll im Nachstehenden gekennzeichnet und der Ausrottung empfohlen werden.

Blickt Euch um! In jedem sogenannten "Kultur"-Lande gibt es unter je hundert Menschen etwa 95 mehr oder minder vollendete Habenichtse und ungefähr fünf Geldprotzen.

Es ist nicht nötig, alle Schleichwege aufzusuchen, auf denen die Letzteren ihr Vermögen erworben haben. Der Umstand, daß sie Alles besitzen, während die Übrigen lediglich existieren, resp. vegetieren, läßt allein schon keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Wenigen auf Kosten der Vielen reich geworden sind.

Bald durch das direkte brutale Faustrecht, bald durch List, bald durch Betrug hat sich diese Rotte des Grund und Bodens und aller darauf befindlichen Güter bemächtigt. Vererbung und vielfacher Händewechsel haben diesem Raub einen "altehrwürdigen" Anstrich verliehen und dessen wahres Wesen verwischt; deshalb wird die Eigentumsbestie noch immer nicht als solche erkannt; sondern sogar mit heiliger Scheu respektiert.

Und doch sind Alle, welche nicht zu dieser Art gehören, deren Opfer. Jeder Sprößling eines Nichteigentümers (Armen) findet bei seinem Eintritt in die Welt jedes Fleckchen Erde besetzt. Es gibt keine Güter, die nicht einen "Herren" hätten. Ohne Arbeit entsteht aber nichts und um heutzutage arbeiten zu können, sind nicht nur Fähigkeit und Wille erforderlich, sondern auch Werkzeuge, Rohstoffe und Lebensmittel. Der Arme wendet sich daher notgedrungen an Jene, die alle diese Dinge in Hülle und Fülle besitzen. Und siehe da, es wird ihm seitens der Reichen die Erlaubnis erteilt, weiter zu existieren. Dafür hat er sich aber sozusagen seiner Kraft und Geschicklichkeit zu entäußern. Diese verwenden fortan seine vermeintlichen Lebensretter für sich. Denn Letztere spannen ihn einfach ins Joch der Arbeit; sie zwingen ihn, bis zur äußersten Grenze körperlicher und geistiger Anstrengung neue Schätze zu erzeugen, nach denen er aber nicht seine Hände auszustrecken berechtigt ist. Würde er sich lange besinnen wollen, solch' einen ungleichen Handel abzuschließen, so belehrte ihn doch bald sein knurrender Magen, daß der Arme hierzu keine Zeit hat.

Und da viele Millionen ganz in der nämlichen Lage sich befinden, wie er, so setzt er sich obendrein der Gefahr aus, daß sich, während er sich besinnt, hundert Andere um seine Stelle bewerben, so daß er neuerdings in der Luft hängt. Furchtbar schwingt seine Peitsche der Hunger über dem Kopfe des Armen. Um zu leben, muß er sein eigenes Ich täglich und stündlich freiwillig verkaufen.

Es waren entsetzliche Zeiten, als die herrschenden Klassen auf die Sklavenjagd gezogen waren und Jene, die in ihre Hände fielen, in Ketten schlugen und mit Gewalt zur Arbeit zwangen. Ungeheuerlich sah es aus in der Welt, als die christlich-germanischen Räuber ganze Länder stahlen, den Boden den Völkern unter ihren Füßen hinweg zogen und sie zum Frondienst preßten. Den Gipfel der Schmach aber hat erst die heutige "Ordnung" erzeugt: denn sie hat mehr als neun Zehntel der Menschheit um ihre Existenzbedingungen betrogen, in Abhängigkeit einer winzigen Minderheit versetzt und zur Selbsthingabe verdammt, gleichzeitig jedoch dieses Verhältnis dermaßen durch allerlei Formeln verhüllt, daß die Hörigen der Neuzeit - die Lohnsklaven ihre Rechtlosigkeit und Knechtschaft nur zum Teil erkennen und geneigt sind, sie dem Glücks-, resp. Unglücksfalle zuzuschreiben.

Diesen gräßlichen Zustand zu verewigen, das ist das einzige Streben der "vornehmen" Welt. Unter sich sind zwar die Reichen nicht immer einig; im Gegenteil sucht Einer den Anderen durch Handelskniffe, Spekulantenlist und Konkurrenzmaximen zu übervorteilen; allein dem Proletariate gegenüber stehen sie als eine geschlossene feindliche Masse da.

Ihr politisches Ideal ist daher - aller freisinnigen Redensarten ungeachtet - ein möglichst starker und ruppiger Büttelstaat.

Bettelt der Arme, der momentan außer Stande ist, sich an einen Ausbeuter zu verkaufen, oder den die Eigentumsbestie bereits zur Arbeitsunfähigkeit ausgeschunden hat, so sagt der satte Bourgeois, das sei Vagabundage, und er ruft nach Polizei; er verlangt Stockprügel und Zuchthäuser für den armen Teufel, der nicht zwischen Bergen von Lebensmitteln verhungern will.

Greift der Arbeitslose gar zur sonst so viel gepriesenen Selbsthilfe, tut er im Kleinen, was die Reichen täglich ungestraft im Großen tun, d.h. stiehlt er etwa, um existieren zu können, so sammelt die Bourgeoisie glühende Kohlen "sittlicher" Entrüstung über seinem Haupte und überantwortet ihn mit strenger Miene dem Staatszwinger, um ihn dort desto entschiedener (wohlfeiler) auszubeuten.

Verbinden sich die Arbeitsleute, um gemeinsam höhere Löhne, kürzere Arbeitstage u. dgl. zu ertrotzen - sogleich zetert das Protzentum, das sei Konspiration und müsse hintertrieben werden. Organisieren sich die Proletarier politisch, so ist das ein Verstoß gegen "göttliche Weltordnung", der durch Ausnahmegesetzgebung zu Nichte gemacht werden muß.

Denkt schließlich das Volk ans Rebellieren, so erschallt in der ganzen Welt ein Wutgeheul der Goldtiger ohne Ende. Sie lechzen nach Massakres und ihr Blutdurst ist unstillbar.

Das Leben des Armen gilt dem Reichen ohnehin für Nichts. Als Schiffseigner setzt ganze Bemannungen aufs Spiel, wenn es darauf ankommt, hohe Versicherungsprämien für halbverfaulte Fahrzeuge zu ergaunern. Schlechte Ventilation, zu tiefer Bau, mangelhafte Stützung usw. bringen jährlich vielen Tausenden von Bergleuten den Tod, erhöhen aber den Gewinn, daher es für die Grubenbesitzer dabei sein Bewenden hat. Nicht mehr kümmert sich Fabrikpascha darum, wie viele "seiner" Arbeiter von Maschinen zerrissen, durch Chemikalien vergiftet oder in Dunst und Schmutz langsam erstickt werden. Der Profit ist die Hauptsache.

Weiber sind billiger als Männer, daher saugt jeder kapitalistische Vampir mit ganz besonderer Vorliebe Weiberblut. Obendrein liefert ihm die Frauenarbeit wohlfeile Maitressen. Kinderfleisch ist das billigste; was Wunder, daß die Kannibalen der modernen Gesellschaft ständig ihre Zähne fletschen nach jugendlichen Opfern. Was haben sie darnach zu fragen, daß die armen Kleinen auf solche Weise verwahrlost und verkrüppelt werden! Während Tausende davon im zarten Alter, ausgemergelt und elend in die Grube sinken, steigen die Aktien. Das genügt!

Da die Bourgeoisie vermöge ihres Kapitals alle neuen Erfindungen nur für sich allein in Anspruch nimmt, hat jede neue Maschine, statt Arbeitszeitverkürzung und Erhöhung des Lebensglücks für Alle, nur Entlassung aus dem Geschäft für die Einen, Lohnherabsetzung für anderen, stärkere Verelendigung für das ganze Proletariat zur Folge. Wenn aber die Vermehrung der Produkte begleitet ist von einer zunehmenden Verarmung der Volksmassen, so muß die Konsumtion gleichzeitig abnehmen; es müssen Stockungen und Krisen eintreten. Eine Fülle von vorhandenen Schätzen in den Händen Weniger muß Hungertyphus unter der Masse erzeugen. Das Verkehrte, ja Wahnsinnige eines solchen Zustandes liegt auf der Hand. Die Protzen aber zucken mit den Achseln darüber. Das werden sie so lange treiben, bis über ihren Achseln ein wohlgeschlungener Strick alle Zuckungen endet.

Aber nicht bloß als Produzent wird der Arbeiter in der mannigfaltigsten Weise geschröpft, sondern auch als Konsoment. Sein kärgliches Einkommen suchen ihm zahlreiche Schmarotzer schleunigst wieder abzujagen.

Wenn die Waren bereits durch allerlei Börsen und Grossistenlager gewandert sind und durch verschiedenartige Makler- und Jobberprofite, durch Zölle und Taxen Preisaufschläge erfahren haben, kommen sie endlich zum Krämer, dessen Kunden fast ausschließlich Proletarier sind. Großkapitalisten "machen" d. h. ergaunern vielleicht 10 - 20 Prozent Gewinn bei ihren Umsätzen; der Krämer will mindesten 100 Prozent haben. Er bedient sich zur Erzielung dieses Resultats verschiedenartiger Kniffe; insbesondere treibt er die schamloseste Warenverfälschung. Verwandt mit diesen Betrügern sind die zahllosen Bierpantscher, Schnapsverderber und sonstigen Giftmischer, welche in alle großen Städten und industriellen Distrikten jede Gasse unsicher machen. Ferner sinnen die Hauspaschas ohne Unterlaß darüber nach, wie sie das Leben der Proletarier verbittern könnten. Die Wohnungen werden immer schlechter, die Mieten höher, die Kontrakte niederträchtiger. Mehr und mehr werden die Arbeiter zusammen gepfercht in Hintergebäuden, in Dachkammer und Kellerlöchern, die voll von Wanzen, feucht und moderig sind. Gefängniszellen sind häufig von zehnfach gesünderer Beschaffenheit.

Ist der Arbeiter beschäftigungslos, so lauert wiederum eine ganze Bande von Hungerspekulanten darauf, ihn vollends zu ruinieren. Pfandleiher und ähnliche Schufte borgen auf die letzten Habseligkeiten der Armen kleine Beträge zu hohen Zinsen. Deren Verträge sind gewöhnlich derart abgefaßt, daß sie nicht leicht eingehalten werden können; das verpfändete Gut verfällt und der Proletarier sinkt abermals um eine Stufe tiefer. Jene Halsabschneider aber sammeln sich in kurzer Zeit große Vermögen an. Sogar den Bettler betrachten viele Parasiten als eine rentable Figur. Jede Kupfermünze, die er sich mühselig verschaffte, erregt das Verlangen von Inhabern schmutziger Herbergen und Spelunken. Ja, selbst Diebe entgehen der kapitalistischen Ausbeutung nicht. Sie sind die Sklaven von raffinierten Hehlern und Unterschlupfgebern, welche ihnen gestohlene Wertsachen für eine Bagatelle abnehmen. Und jene armen Mädchen, welche die heutige Schandwirtschaft in die Arme der Prostitution getrieben, werden durch Bordellwirte und ähnliche Schmachgestalten ganz scheußlich geplündert.

So geht es dem Armen von der Wiege bis zum Grabe. Ob er produziert, ob er konsumiert; ob er existiert oder vegetiert; er ist stets umlagert von einer Schar von heißhungrigen Vampiren, die nach jedem Tropfen seines Blutes lechzen. Auf der anderen Seite stellt der Reiche nie sein Ausbeutungshandwerk ein, wenn er auch noch so wenig in der Lage ist, einen Grund für seine Habgier anzugebeben. Wer eine Million hat, will 10 Millionen haben; wer deren 100 besitzt, geizt nach einer Milliarde usw. Zur Habgier gesellt sich Herrschsucht.

Das Besitztum ist eben nicht nur ein Mittel zu immer weiterer Bereicherung, sondern auch eine politische Macht. Unter dem jetzigen Kapital-System ist die Käuflichkeit fast ein allgemeines Laster. Es handelt sich gewöhnlich nur darum, den richtigen Preis anzusetzen, um Diejenigen zu kaufen, welche geeignet sein können, durch Sprechen oder Schweigen, durch Schrift oder Druck, durch Gewaltakte oder durch was immer der Eigentumsbestie zu dienen. Sie ist vermöge ihrer goldenen Diktate die wahre allmächtige Gottheit.

Da werden in Europa und Amerika mehr als 500.000 Pfaffen unterhalten, um, wie in der "Gottespest" (No. 3 der 1. B.) nachgelesen werden kann, die Volksmassen ihres gesunden Menschenverstandes zu berauben. Daneben strolchen zahlreiche "Missionäre" von Haus zu Haus, um alberne Traktätchen zu verteilen oder sonstigen "geistigen" Unfug zu treiben. In den Schulen wird Alles aufgeboten, um das wenige Gute, welches die Lese-, Schreib- und Rechen Dressur allenfalls mit sich bringen könnte, möglichst hinfällig zu machen. Eine blödsinnige Malträtierung der "Geschichte" erzeugt jenen aufgeblasenen Dünkel, der die Völker verunreinigt und sie nicht erkennen läßt, daß ihre Bedrücker gegen sie längst sich geeinigt haben, und daß Im Grunde genommen die ganze bisherige Politik nur den Zweck hatte, die Macht der Herrschenden zu befestigen und die Ausbeutung der Armen durch die Reichen zu sichern.

Den Hausierhandel mit dem Loyalitäts- und "Ordnungs"-Fusel besorgen des Weiteren insbesondere die Schmierfinken der Tagespresse, zahlreiche literarische Geschichtsfälscher, die politischen Klopffechter eines tausendfältig verzweigten Vereins- und Versammlungslebens, Parlaments-Quatschmichel mit dem ewig süßlächelnden Gesichte, den stetigen Versprechungen auf den Lippen und dem Verrat im Herzen, und hunderterlei andere Politiker von mehr oder weniger Lumpazi-Vagabundus Qualität.

Speziell zur Verdunkelung der sozialen Frage sind ebenfalls ganze Schwadronen von Strauchrittern tätig. Die Professoren der Nationalökonomie spielen z. B. so recht die Leibkosaken der Bourgeoisie, indem sie das goldene Kalb als die wahre Sonne des Lebens preisen und die Gerbereien von Arbeiterfellen "wissenschaftlich" in allgemeine Wohltätigkeit an der Menschheit umlügen. Ein Teil dieser Schulpfaffen empfiehlt gleichwohl soziale Reformen, d. h. natürlich mit anderen Worten Prozeduren, bei denen der Pelz gewaschen aber nicht naß gemacht werden soll. Außerdem foppen sie noch die Arbeiter durch Empfehlung von Spar- und Bildungsrezepten.

Während die kapitalistischen Raubholde solchermaßen das Volk nasführen lassen, erweitern sie auf der anderen Seite ihren eigentlichen Gewaltmechanismus immer entschiedener. Es werden immer mehr Ämter errichtet. An die Spitze derselben stellen sich in Europa die Nachkömmlinge der ehemaligen Straßenräuber (die "Edelleute"), in Amerika die geschicktesten

Stellenjäger und geriebensten Gauner, welche mit ihrem eigentlichen Zweck, der autoritätsmäßigen Knebelung des Proletariats, auch noch die angenehme Beschäftigung von Kassendieben und Fälschern höheren Grades verbinden. Sie dirigieren ganze Armeen von Soldaten, Gendarmen, Polizisten, Spionen, Gefängniswärtern, Zollwächtern, Steuereinnehmern, Exekutoren usw. Die letzteren Gattungen des Bütteltums sind fast durchgängig dem nichtsbesitzenden Volke entnommen, auch werden sie selten besser als proletarisch entlohnt. Dennoch spielen dieselben mit großem Eifer die Spähaugen, Schnüffelnasen und Lauschohren, die Klauen, die Zähne und die Saugrüssel des Staates, welch' letzterer solchermaßen augenscheinlich nichts weiter ist, als die politische Organisation einer Rotte von Betrügern und Ausbeutern, die ohne eine solche Macht- und Tyrannisierungs-Maschinerie nicht einen einzigen Tag vor dem gerechten Zorn und Unwillen des geschundenen und geplünderten Volkes sich zu halten vermöchten.

In den meisten älteren Ländern ist dieses System natürlich auch in der äußeren Form am schärfsten zugespitzt worden. Es konzentriert sich der ganze staatliche Zuchtapparat in einer monarchischen Spitze. Die Repräsentanten der selben, die Gottesgnädlinge, sind denn auch der Ausbund aller Schurkerei. In ihnen sind sämtliche Laster und Verbrechen der herrschenden Klasse bis zum Ungeheuerlichsten verkörpert. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist der Massenmord (Krieg); wenn sie stehlen, (und sie stehlen oft) nehmen sie immer gleich ganze Länder und Hunderte, ja Tausende von Millionen. Die Brandstiftung in großartigem Maße dient ihnen nur zur Beleuchtung ihrer Greuel. In ihren Schädeln hat sich die Marotte festgesetzt, daß die Menschheit lediglich dazu da sei, um von ihnen geknufft und angespieen zu werden. Höchstens erachten sie es der Mühe wert, die schönsten Weiber und Mädchen "ihrer" Länder zur Befriedigung ihrer viehischen Lüste auszuwählen. Die Übrigen haben das Recht, "alleruntertänigst zu verrecken".

An direkter Brandschatzung nehmen diese gekrönten Raubmörder in Europa jährlich 200 Millionen Mark ein. Der Militarismus, ihr Kind, kostet, ganz abgesehen von den aus ihm entspringenden Verlusten an Gut und Blut, per Jahr weitere 4000 Millionen Mark, und eine gleiche Summe zählt man an Zinsen für die 80.000 Millionen Staatsschulden, welche die Halunken in verhältnismäßig kurzer Zeit gemacht haben. Somit kostet der Monarehismus in Europa jährlich 8200 Millionen Mark, d. h. mehr als 10 Millionen Arbeiter, respektive die Ernährer von 50 Millionen Menschen an Lohn einnehmen!

In Amerika nehmen die Stelle der Monarehen die Monopolisten ein. Und wenn sich in der angeblich "freien" Republik der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika der Monopolismus nur noch kurze Zeit so weiter entwickelt, wie in den letzten 25 Jahren, so werden gar bald nur noch Luft und Licht von der Monopolisierung verschont geblieben sein. 500 Millionen Acker Landes, ungefähr das Sechsfache der Bodenfläche von Großbritannien und Irland, sind im Laufe eines Menschenalters in den Vereinigten Staaten zur Hälfte den Eisenbahngesellschaften, zur anderen Hälfte Großgrundhesitzern (europäisch-aristokratischer Abstammung) zugefallen. - - - In wenigen Jahrzehnten hat Vanderbilt allein 200 Millionen Dollars sich ergaunert. Ein paar Dutzend seiner Raubkollegen stehen im Begriffe, ihn einzuholen. San Francisco ist vor 30 Jahren erst gegründet worden und heute gibt es daselbst schon 85 Millionäre! Alle bis jetzt entdeckten Lager von Kohlen und Metallen, alle Ölquellen, kurz alle Bodenreichtümer des ungeheuren herrlichen Landes gehören schon jetzt (nach kaum 100jähriger Etablierung der "Republik") nicht mehr dem Volke, sondern einer Handvoll von verwegenen Abenteurern und raffinierten Gaunern.

Vor dem Einflusse dieser Börsenkönige, Eisenbahnmagnaten, Kohlenbarone und Schlotjunker sinkt die "Souveränität des Volkes" buchstäblich in den Straßenkot. Diese Kerle haben die ganzen Vereinigten Staaten in den Taschen, und was sich da an scheinbar freier Gesetz- und Stimmgeberei breit macht, ist eitel Mummenschanz.

Wenn so etwas am grünen Holze geschieht, was soll da erst am morschen Gebälk werden? Wenn die junge amerikanische "Republik" mit ihren unerschöpflichen Naturreichtümern in so kurzer Zeit derart kapitalistisch verludert werden konnte, was braucht man sich da noch über die Eolgen länger wirkender Ursachen gleicher Art in dem altersschwachen verrotteten Europa zu wundern?!

Wahrlich, es scheint, als ob die amerikanische "Republik" vorläufig nur den einen kulturhistorischen Zweck gehabt hätte, dem Volke diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans durch krasse Tatsachen zu zeigen, welch ein Ungeheuer die Eigentumsbestie ist, und daß weder Bodenbeschaffenheit noch Ausdehnung des Landes, noch politische Gesellschaftsformen die Bösartigkeit dieses Raubtieres zu alterieren vermögen, ja daß dasselbe um so gefährlicher sich zeigt, je weniger Notwendigkeit für die individuelle Habgier von Natur aus gegeben ist. Möge die arbeitende Menschhcit daraus die Nutzunwendung schöpfen, daß dieses Ungeheuer nicht gezähmt oder ungefährlich oder gar gemeinnützig gemacht werden kann, sondern daß ihm gegenüber nur ein Heilmittel existiert: der unerbittliche. unbarmherzige und vollständigste Vernichtungskrieg!

Auf gütlichem Wege ist da nichts zu Erhoffen; höchstens hat das Proletariat Spott und Hohn zu gewärtigen, wenn es so kindisch ist, seinen TodEeinden mit Petitionen, Abstimmungen u. dgl. Harmlosigkeiten Respekt einflößen zu wollen.

Allgemeine Volksaufklärung, sagen manche, werde Wandel schaffen; allein dieser Rat bleibt wesentlich auch nur eine Phrase; denn die Volksaufklärung wird erst dann allgemein möglich sein, wenn die Hindernisse, die sich derselben gegenwärtig in den Weg stellen, beseitigt sind. Und das ist nicht eher der Fall, als bis das ganze heutige System von Grund aus zerstört ist.

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß in dieser Richtung gar nichts geschehen solle oder könne. Nein! Wer immer die Niederträchtigkeit der jetzigen Zustände erkannte, hat die heiligste Pflicht, überall seine Stimme zu erheben, um dem Volke über diese Dinge die Augen zu öffnen. Man muß sich aber hüten, diesen Zweck durch hochgelehrte Betrachtungen erreichen zu wollen. Möge das den ehrlicheren Männern der Wissenschaft überlassen bleiben, die auf solche Weise der sogenannten "gebildeten Welt" die Schminke der Humanität von der häßlichen Raubtierfratze kratzen. Die Sprache, welche das Proletariat verstehen soll, muß einfach und kräftig sein.

Wer diese führt, wird stets von der herrschenden Sippschaft der Aufreizung geziehen, grimmig gehaßt und verfolgt werden. Daraus können wir ersehen, daß die einzig mögliche und praktische Aufklärung aufreizender Natur sein muß. - Reizen wir also auf!

Zeigen wir dem Volke, wie es durch Land- und Stadtkapitalisten um seine Arbeitskraft betrogen wird; wie es Krämer, Haus- und andere Wirte um den kargen Lohn prellen; daß ihm Kanzel-, Press-, Partei- und andere Pfaffen den Verstand zu töten suchen; wie zahllose Büttel ewig bereit sind, es zu malträtieren und zu tyrannisieren - endlich muß ihm die Gedold ausgehen. Es wird rebellieren und seine Eeinde zermalmen.

Die Revolution des Proletariats, der Krieg der Armen gegen die Reichen, ist der einzige Weg, der zur Erlösung führen kann.

Aber, wenden Andere ein, Revolutionen lassen sich doch nicht machen. Gewiß nicht, aber vorbereiten kann man dieselben, indem man das Volk darauf aufmerksam macht, daß solche Ereignisse vor der Türe stehen, und indem man es herausfordert, sich zu rüsten.

Die kapitalistische Entwicklung, von welcher viele Theoretiker behaupten, daß sie bis zur völligen Austilgung aller kleinbürgerlichen Existenzen gediehen sein müsse, ehe die Vorbedingungen zu einer sozialen Revoultion gegeben seien, hat bereits einen solchen Höhepunkt erreicht, daß ihr weiterer Fortgang nahezu unmöglich geworden ist. Allgemein großindustriell kann nur dann produziert werden, und allgemeiner Großbetrieb auf dem Lande kann nur dann stattfinden, wenn die Gesellschaft kommunistisch organisiert ist und wenn - was sich im Ietzteren Fall ganz von selbst versteht- mit der Entwieklung der Technik der Verkürzung der Arbeitszeit und die Erhöhung des Verbrauchs gleichen Schritt halten.

Das ist auch leicht einzusehen. Da beim Großbetrieb 10 Mal, in manchen Eächern sogar 100 Mal mehr produziert wird, als die betreffendell Arbeiter an gleichwertigen Waren verbrauchen, so bekommt die Trommel alsbald ein Loch. Bisher ist die überschüssige Differenz deshalb weniger vermerkt worden, weil der weitaus größte Teil des sogenannten "Gewinnes abermals kapitalisiert, d. h. zu neuen kapitalistischen Anlagen verwendet worden ist, und weil die weitest entwiekelten Industriestaaten nach weniger fortgeschrittenen Ländern Ungeheure Warenmassen exportierten. Jetzt fängt die Sache aber an, in dieser Beziehung gewaltig ins Stocken zu geraten. Der Industrialismus hat überall ungeheure Fortschritte gemacht; damit kommen Ausfuhr und Einfuhr mehr und mehr ins Gleichgewieht und schon deshalb lohnen sich neue Kapitalanlagen immer weniger, ja sie werden unter solchen Umständen bald ganz und gar untunlich erscheinen. Ungeheure Weltkrisen werden dieses Mißverhältnis gar bald zum allgemeinen Verständnis bringen.

Somit ist Alles für den Kommunismus reif; es brauchen nur dessen interessierten Gegner, die Kapitalisten und ihre Helfershelfer, beseitigt werden. In der Zeit der, wie gesagt, bevorstehenden Krisen wird das Volk auch genügend zum Kampfe bereit gemacht werden. Und es handelt sich dann nur darum, ob überall ein gehörig geschulter rovolutionärer Kern vorhanden ist, der das Zeug dazu hat, die durch Arbeitslosigkeit und Elend aller Art zum Aufruhr getriebenen Volksmassen um sich zu kristallisieren und die so geformte gewaltige Kraft behufs Zertrümmerung des Bestehenden in das Spiel zu bringen.

Arbeiten wir also überall auf die Revolution hin, ehe es zu spät ist! Der Sieg des Volkes über seine Blutsauger und Tyrannen wird dann nicht ausbleiben können.

 

http://www.wahrheiten.org/blog/wp-content/uploads/2009/01/gegenstze_hoffnung.jpg

Angst ist das negierte Triebleben und tritt an den Menschen auf, die aufgrund ihrer »Lebenslage« deren Gewalt als Macht gegen sich erfahren müssen, an Menschen also, die in der Gewalt der Triebe stehen und zugleich noch im Gegensatz zu ihnen stehen (also Herrschaft erkennen können). Wird diese Angst wirklich - und das heißt auch körperlich - erkannt, so ist die Revolutionierung des »Seelenlebens« begonnen: aus dem Leiden wird Tätigkeit, - Widerstand gegen psychische Herrschaft. Und da letztlich jede Angst Existenzangst ist - entsteht so auch Widerstand gegen die herrschenden Existenzformen. Ein Mensch, welcher den Sinn seiner Angst nicht erkennt, ist zum ohnmächtigen Fühlen und Lieben gezwungen. Ihm wird sein Körper zur eigenen Tücke: wo er sich regt, da muß er verneint werden

 

Pfreundschuh, Wolfram

Psychiatrie

Was heißt da: Psychisch krank? (1982)

Die Formen kultureller Gewalt sind äußerlich und wirken innerlich, wenn sie akzeptiert werden – sie funktionieren so gut, wie die Schnur an einem Hampelmann: Wer akzeptiert, wie er gezogen wird, der muss sich nicht wundern, wie er sich bewegt.

Je unabhängiger sich die Menschen fühlen und geben, desto hinterhältiger wirkt ihr gesellschaftlicher Zusammenhang. Nach wie vor sind Menschen nicht wirklich Einzelwesen, die sich zu einer Gesellschaft aufsummieren. Sie sind nur darin Menschen, worin sie sich erkennen und anerkennen. Was sie ausmacht, ist das, was sie durch ihre Gesellschaft sind und was sie in ihr tun, was sie in dieser als Lebensbedingung vorfinden und was sie dort auch als Lebensbedingung erzeugen. Auch wenn sie den ganzen Tag mit einem Computerspiel verbringen, bezeugen sie ihre Gesellschaftlichkeit. Sie sind verstanden, bevor sie das Spiel verstehen, genutzt, bevor sie sich verausgaben können. So auch in ihrer sachlichen Existenz. Was ihre Lebensbedingung ausmacht, das leben sie, auch wenn sie dies nicht wissen.

Den isolierten Menschen kann es nicht geben. Und je individualisierter eine Gesellschaft ist, desto mächtiger ist der Druck, der auf den Individuen lastet. Ihm entweichen sie durch ihre Lebensburg, ihrem abgeschotteten Zuhause, einem Geflecht von Selbstbezogenheiten, die sie in einem Gemeinschaftssinn verstecken, in einem Familiensinn oder ähnlichem, der sich zur Erhaltung des Lebensraumes als Pflicht gegen jeden durchsetzen muss.

 

Pillen sind nicht nur Surrogate, sie sind praktische Lebensbekämpfung, Gewalt gegen die Wahrnehmung und ihre Organe. Die Psychiater vertreten mit ihren chemischen Knebeln die Macht einer Gesundheitsvorstellung, die im Körper nichts anderes bewirkt als die Fami1ie im Geist schon bewirkt hatte. Der Kreis hätte sich durch die psychiatrischen "Heilmittel" erst wirklich und zu einer Totalität der Lebensunterwerfung geschlossen. Die Psychopharmaka sind vom Wahnsinn nicht unterscheidbar. Oft erzeugen sie ihn auch erst wirklich, weil sie schon bei Krisen und Problemen jeder Art "empfohlen“ oder auch heimlich eingegeben werden (z.B. in Altenheimen und manchmal sogar auch schon in Kindergärten).

Quelle: www.kulturkritik.net 1978 „Arbeit am Wahnsinn

Die Anstalt - Psychiatrie für misshandelte Kuscheltiere

Allein machen sie dich ein!

Es geht daher nicht mehr nur um einzelne Menschen und auch nicht um die Ansammlung von einzelnen, sondern um eine gesellschaftliche Begeisterung, die sich in einem Zusammenhang von Menschen ausdrückt und bestätigt.

Es geht hier nicht um ein alternatives Leben (53), nicht um eine neue Familie, um eine kulturkritische Familie. Dies wäre sicher eine Sekte. Es geht um die Lebenszellen der Kultur, die sich nur als Teil des gesellschaftlichen Lebens so begreifen, wie sie auch seinem Zusammenhang entnommen ist. Der ganze Organismus hat viele Zellen. Es sind die Zellen vieler kleiner Wirklichkeiten, die auf eigenem Stoffwechsel beruhen, sich aber auch mit anderen Zellen austauschen. Wolfram Pfreundschuh

 

 
Psychopathen - Das verkannte Problem 

Da Psychopathen im Hinblick auf das, was sie tun können oder tun werden, um an die Spitze zu gelangen, keinerlei Beschränkungen kennen, werden unweigerlich alle Hierarchien an ihrer Spitze überwiegend mit Psychopathen besetzt. Hinter dem scheinbaren Irrsinn der Zeitgeschichte steht der tatsächliche Irrsinn von Psychopathen, welche darum kämpfen, ihre überproportionale Macht zu bewahren, während wir uns wie Schafe verhalten. Psychopathen fehlt ein genetischer Sinn für Reue oder Einfühlungsvermögen, und dieses Defizit lässt sich durch einen Gehirn-Scan (Hirnszintigraphie)nachweisen!

 Der folgende Artikel ist weitgehend aus zwei umfangreichen Artikeln extrahiert:


Twilight of the Psychopaths

The Trick of the Psychopath's Trade: Make Us Believe that Evil Comes from Others

Beide Artikel sind empfehlenswert. Beide Artikel beziehen sich auf das Buch Political Ponerology: A science on the nature of evil adjusted for political purposes von Andrzej Lobaczewski. Cattoris Artikel ist länger und enthält ein Interview mit den Herausgebern des Buches Laura Knight-Jadczyk und Henry See.

Ich mache mir die Mühe, diese Information weiterzugeben, weil sie mir endlich eine plausible Antwort zu einer lange unbeantworteten Frage gibt:Warum gibt es, egal wie viel intelligenter und guter Wille in der Welt existiert, so viel Krieg, Leid und Ungerechtigkeit? Es scheint keine Rolle zu spielen, welchen kreativen Plan, welche Ideologie, Religion oder Philosophie sich große Köpfe einfallen lassen, nichts scheint unser Los zu verbessern. Seit Anbruch der Zivilisation wiederholt sich dieses Muster wieder und wieder. Die Antwort lautet, dass die Zivilisation, so wie wir sie kennen, weitgehend das Werk von Psychopathen ist.

Sämtliche Zivilisationen, unsere eigene eingeschlossen, sind auf Sklaverei und Massenmord aufgebaut. Psychopathen haben eine überproportionale Rolle in der Entwicklung der Zivilisation gespielt, weil sie mit Lügen, Töten, Betrügen, Stehlen, Quälen, Manipulieren fest verbunden sind und anderen Menschen im Allgemeinen großes Leid zufügen ohne jegliche Reue zu fühlen. So können sie sich ihr eigenes Gefühl der Sicherheit durch Herrschaft verschaffen.

Der Erfinder der Zivilisation � der erste Stammeshäuptling, welcher eine Armee von gesteuerten Massenmördern mit Erfolg einer Gehirnwäsche unterzogen hat � war ziemlich sicher ein genetischer Psychopath. Seit dieser folgenschweren Entdeckung, dass andere Menschen bereit sind, sich zu unterwerfen, genossen Psychopathen im Kampf um die Macht innerhalb von Hierarchien � insbesondere Militärhierarchien � in der Zivilisation einen bedeutenden Vorteil gegenüber Nicht-Psychopathen.

Hinter dem scheinbaren Irrsinn der Zeitgeschichte steht der tatsächliche Irrsinn von Psychopathen, welche darum kämpfen, ihre überproportionale Macht zu bewahren. Und während ihre Macht immer stärker bedroht wird, bemühen sich die Psychopathen umso verzweifelter. Wir sind Zeugen der Vergötterung der Überwelt � der sich überschneidenden kriminellen Syndikate, die über der gewöhnlichen Gesellschaft und dem Gesetz lauern, gerade so wie die Unterwelt von unten lauert.

Während der letzten fünfzig Jahre haben Psychopathen nahezu die Gesamtkontrolle über alle Regierungszweige erlangt. Wenn Sie sorgfältige Beobachtungen anstellen, können Sie feststellen, dass, egal, wie illegal es ist, was ein moderner Politiker tut, ihn niemand wirklich zur Rede stellen wird. All die so genannten Skandale, von denen jeder einzelne eine authentische Regierung abgesetzt hätte, sind bloß Farcen, die für die Öffentlichkeit aufgeführt werden, um diese abzulenken, um sie glauben zu machen, dass die Demokratie noch immer funktioniere.
Einer der Hauptfaktoren bei der Frage, wie eine Gesellschaft von einer Gruppe pathologisch Abweichender übernommen werden kann, ist, dass die einzige Beschränkung des Psychopathen in der Teilnahme von empfänglichen Einzelnen innerhalb dieser Gesellschaft liegt. Für die aktivsten Abweichenden gibt Lobaczewski eine Durchschnittszahl von etwa 6% einer bestimmten Bevölkerungszahl an. (1% essenzielle Psychopathen und bis zu 5% anderer Psychopathien und Charakteropathien.) Der essenzielle Psychopath befindet sich in der Mitte des Netzes. Die anderen formen den ersten Rang im Kontrollsystem des Psychopathen.

Der nächste Rang eines solchen Systems besteht aus Individuen, die normal geboren wurden, aber entweder bereits verformt sind, weil sie durch familiäre oder soziale Einflüsse über einen langen Zeitraum psychopathischem Material ausgesetzt waren, oder weil sie durch psychische Schwäche beschlossen haben, für ihre eigenen selbstsüchtigen Ziele den Anforderungen für Psychopathie gerecht zu werden.
Laut Lobaczewski liegt diese Gruppe unter normalen Bedingungen zahlenmäßig bei etwa 12% einer bestimmten Bevölkerungszahl. Also sind etwa 18% jeder vorgegebenen Bevölkerung aktiv an der Schöpfung und Einführung einer Pathokratie beteiligt. Die 6%-Gruppe bildet den pathokratischen Adel und die 12%-Gruppe das neue Bürgertum, dessen größter Vorteil die eigene wirtschaftliche Situation ist. Wenn Sie das wahre Wesen des psychopathischen Einflusses verstehen, welches gewissenlos, emotionslos, eigennützig, kalt und berechnend ist, und frei von jeglicher moralischen oder ethischen Norm, packt Sie das Entsetzen, aber gleichzeitig beginnt plötzlich alles einen Sinn zu ergeben. Unsere Gesellschaft wird immer seelenloser, weil die Menschen, die an ihrer Spitze stehen und die ein Beispiel abgeben, seelenlos sind � sie haben buchstäblich kein Gewissen.

In seinem Buch Political Ponerology erklärt Andrej Lobaczewski, dass klinische Psychopathen selbst in gewaltlosem Wettbewerb Vorteile genießen, um die Ränge sozialer Hierarchien zu erklimmen. Weil sie ohne Gewissensbisse lügen können (und ohne Ausschlag bei Lügendetektoren, die den psychologischen Stress messen), können Psychopathen immer alles Notwendige sagen, um zu bekommen, was sie wollen. Vor Gericht können Psychopathen beispielsweise mit unschuldigem Gesicht extreme Lügen auf plausible Art erzählen, während ihre menschlich gesunden Gegner aufgrund einer emotionalen Veranlagung darauf beschränkt sind, nah an der Wahrheit zu bleiben. Zu häufig passiert es, dass der Richter oder die Geschworenen glauben, die Wahrheit müsse irgendwo in der Mitte liegen, und dann fällen sie Entscheidungen, die dem Psychopathen zugute kommen. Wie mit Richtern und Geschworenen verhält es sich ebenso mit jenen, die entscheiden müssen, wer in Konzern-, Militär- und Regierungshierarchien zu befördern ist oder nicht. Das Resultat davon ist, dass alle Hierarchien unweigerlich an der Spitze überwiegend mit Psychopathen besetzt werden. Da Psychopathen im Hinblick auf das, was sie tun können oder tun werden, um an die Spitze zu gelangen, keinerlei Beschränkungen kennen, sind diejenigen, die die Verantwortung tragen, im Allgemeinen pathologisch. Es ist nicht die Macht, die korrumpiert, es sind korrupte Einzelne, welche nach Macht streben.

Wie können wir zwischen Psychopathen und gesunden Menschen unterscheiden? Wie sieht das Portrait eines echten Psychopathen aus? Eine solch gefährliche Frage wurde fast noch nie mit Erfolg gestellt. Der Grund dafür liegt darin, dass wir den Fehler begehen, gesund mit normal zu verwechseln. Die menschliche psychologische Vielfalt ist die Gesundheit unserer Rasse. Es gibt keine Normalität, da sich gesunde Menschen stets über alle normalisierenden Standards hinaus entwickeln. Der Terrorismus, welcher Hierarchien nach jedem durchsucht, der von der Normalität abweicht, ist nichts anderes als Hexenverfolgung oder Inquisition. Sie dürfen nicht vergessen, dass Hierarchien aus solchen niederen Dramen Gewinn ziehen und ihre Opfer solange quälen, bis sie das �Böse� gestehen. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Kirche und der Staat durch Hexenverfolgung und Inquisition kontinuierlich bedeutende Einnahmen und Grundbesitz eingestrichen haben. Das hat sich über einen Zeitraum von zweihundertfünfzig Jahren fortgesetzt. Zehn Generationen von Europäern haben Verfolgung als das normale Leben angesehen. Lassen Sie uns nicht zu diesem Albtraum zurückkehren. Die Prüfung auf Normalität wird garantiert nach hinten
losgehen. Es gibt kein Normal. Aber es gibt ein Gewissen. Wir haben sehr wenig empirische Beweise für das Konzept, dass echte Psychopathie das Ergebnis von Missbrauch in der Kindheit ist, und sehr viele empirische Beweise dafür, dass sie genetisch bedingt ist. Das neurobiologische Modell gibt uns die größte Hoffnung darauf, in der Lage zu sein, selbst den gewieftesten Psychopathen zu identifizieren. Andere jüngere Studien führen zu ähnlichen Ergebnissen und Folgerungen: Psychopathen haben große Schwierigkeiten damit, verbales und nichtverbales, gefühlsbezogenes (emotionales) Material zu verarbeiten. Sie neigen dazu, die emotionale Bedeutung von Vorkommnissen durcheinander zu bringen, und das Wichtigste: Diese Defizite werden bei einem Gehirn-Scan (Hirnszintigraphie)sichtbar! Eine fehlende innere Verbindung zwischen dem fühlenden Herz und dem denkenden Gehirn ist feststellbar. Psychopathen sind unfähig, authentische, tiefe Emotionen zu fühlen. In der Tat hat sich dies bei Gehirn-Scans an Psychopathen gezeigt, welche von Robert Hare, einem kanadischen Psychologen durchgeführt wurden, der seine berufliche Laufbahn mit dem Studium von Psychopathie verbracht hat. Er legte zwei Kontrollgruppen jeweils zwei verschiedene Wortgruppen vor, eine Wortgruppe mit neutralen Worten ohne emotionale Assoziationen und eine mit emotional geladenen Worten. In der nicht-psychopathischen Kontrollgruppe leuchteten verschiedene Bereiche des Gehirns auf, während die Psychopathen beide Wortgruppen im gleichen Bereich des Gehirns verarbeiteten, und zwar in jenem Bereich, der mit der Sprache zu tun hat. Sie hatten solange keine emotionale Reaktion, bis sie intellektuell beschlossen, dass es besser wäre, eine zu haben, und dann brachten sie eine emotionale Reaktion hervor, nur zur Schau.

Das einfachste, klarste und echteste Portrait des Psychopathen wird in den Titeln dreier bahnbrechender Werke zu diesem Thema widergespiegelt: Gewissenlos von Robert Hare, The Mask of Sanity von Hervey Cleckley, und Menschenschinder oder Manager: Psychopathen bei der Arbeit (Snakes in Suits) von Robert Hare und Paul Babiak. Ein Psychopath ist exakt das: gewissenlos. Das Wichtigste, was hierbei nicht vergessen werden sollte, ist, dass dieses fehlende Gewissen hinter einer Maske der Normalität verborgen ist, welche oft so überzeugend ist, dass selbst Experten in die Irre geführt werden. Demzufolge werden Psychopathen zu Schlangen in Anzügen, die unsere Welt beherrschen. Psychopathen fehlt ein Sinn für Reue oder Einfühlungsvermögen gegenüber anderen. Sie können extrem charmant sein und sind Experten darin, mit Gesprächen ihre Beute zu umgarnen und zu hypnotisieren.

Sie sind außerdem unverantwortlich. Nichts ist jemals ihre Schuld; es gibt immer jemand anderen oder die Welt im Allgemeinen, welche schuld an all ihren Problemen oder ihren Fehlern ist. Martha Stout identifiziert in ihrem Buch The Sociopath Next Door den Mitleidstrick. Psychopathen benutzen Mitleid, um zu manipulieren. Sie überzeugen Sie, ihnen noch eine weitere Chance zu geben und niemandem zu erzählen, was sie getan haben. Ein weiterer Charakterzug � und ein sehr wichtiger obendrein � ist also ihre Fähigkeit, den Informationsfluss zu kontrollieren. Sie scheinen auch eine geringe Vorstellung von Vergangenheit oder Zukunft zu haben und leben gänzlich für ihre augenblicklichen Bedürfnisse und Wünsche. Aufgrund der trostlosen Qualität ihres Innenlebens, sind sie häufig auf der Suche nach neuem Nervenkitzel, alles vom Gefühl der Macht, andere zu manipulieren, bis zu illegalen Aktivitäten, einfach für den Adrenalinschub. Ein weiterer Wesenszug des Psychopathen ist, wie es Lobaczewski nennt, seine spezielle psychologische Kenntnis des normalen Menschen. Er hat uns studiert. Er kennt uns besser als wir uns kennen. Er weiß genau, wie er unsere Knöpfe drücken kann, um unsere Emotionen gegen uns zu verwenden. Doch darüber hinaus scheint er sogar eine Art hypnotische Macht über uns zu besitzen. Wenn wir anfangen, uns im Netz des Psychopathen zu verfangen, verschlechtert sich unsere Fähigkeit zu denken, sie wird trübe. Es scheint, als verzaubere er uns auf eine gewisse Art. Erst später, wenn wir uns nicht mehr in seiner Gegenwart befinden, außerhalb seines Bannkreises, kehrt die Klarheit der Gedanken zu uns zurück und wir fragen uns, wie es dazu gekommen ist, dass wir nicht in der Lage waren, etwas zu erwidern oder dem, was er getan hat, entgegenzuwirken.

Psychopathen lernen bereits in früher Kindheit, sich untereinander in einer Gruppe zu erkennen, und sie entwickeln eine Bewusstheit über die Existenz anderer Individuen, die ihnen ähnlich sind. Ebenso werden sie sich darüber bewusst, dass sie aus einer anderen Welt stammen als die meisten Menschen, von denen sie umgeben sind. Sie betrachten uns aus einer gewissen Distanz. Denken Sie einmal über die Konsequenzen folgender Aussage nach: Psychopathen sind sich gewissermaßen als Gruppe bewusst, sogar schon in ihrer Kindheit! Im Erkennen ihrer grund-legenden Unterschiedlichkeit zum Rest der Menschheit, neigen sie dazu, ihr Zugehörigkeitsgefühl gegenüber den anderen ihrer eigenen Art zu entwickeln, in diesem Fall gegenüber anderen Psychopathen.

Ihr eigenes verdrehtes Ehrgefühl zwingt sie dazu, zu betrügen und Nicht-Psychopathen und deren Werte zu verunglimpfen. Im Widerspruch zu den Idealen gesunder Menschen haben Psychopathen das Gefühl, dass das Nichteinhalten von Versprechen und Vereinbarungen normales Verhalten ist. Sie begehren nicht nur Macht und Besitz in dem Glauben, sie hätten das Recht dazu, einfach weil sie existieren und sich bedienen können, sie haben auch ein spezielles Vergnügen daran, Dinge an sich zu reißen und anderen wegzunehmen. Was sie stehlen, sich erschwindeln und erpressen können, sind weitaus süßere Früchte als jene, die sie mit ehrlicher Arbeit verdienen können.

Sie lernen auch sehr früh, wie ihre Persönlichkeit eine traumatisierende Auswirkung auf die Persönlichkeit von Nicht-Psychopathen haben kann, und wie sie diese Wurzel des Terrors ausnutzen können, um ihre Ziele zu erreichen. Stellen Sie sich nun vor, wie leicht Menschen, die im Hinblick auf die Existenz von Psychopathen völlig im Dunkeln tappen, von diesen Einzelnen geblendet und manipuliert werden können, wie diese in verschiedenen Ländern zu Macht gelangen, indem sie gegenüber der örtlichen Bevölkerung Loyalität vorgeben und gleichzeitig offensichtliche und leicht erkennbare physische Unterschiede zwischen Gruppen hochspielen (wie Rasse, Hautfarbe, Religion usw.). Psychologisch normale Menschen würden aufgrund von unwichtigen Unterschieden gegeneinander aufgewiegelt werden (denken Sie an Ruanda im Jahre 1994, denken Sie an Israelis und Palästinenser), während jene, die wirklich von der �Norm� abweichen und an der Macht sind, und die einen grundlegenden Unterschied zum Rest von uns aufweisen, ein fehlendes Gewissen haben und unfähig sind, Gefühle für andere Menschen aufzubringen, den Profit einheimsen und die Fäden in der Hand halten.

Wir blicken auf das endgültige, verzweifelte Grabschen nach Macht oder die Endphase (Endgame v. Alex Jones) von brutalen, gerissenen Truppen von CIA, Drogenschmugglern und Präsidentenkillern; Geld-waschenden, internationalen Bankiers und ihren Auftragsmördern � wirtschaftlicher und anderer Art; korrupten militärischen Auftragsnehmern und übereifrigen Generälen; Konzernverbrechern und ihren politischen Möglichmachern; Gehirnwäschern und Verstandesschändern, beschönigenderweise bekannt als Psy-ops und PR Spezialisten � kurz gesagt, die ganze Mannschaft erkennbarer Psychopathen führen unsere so genannte Zivilisation an. Und sie geraten in Panik. Warum befürchtet die Pathokratie, dass sie die Kontrolle verliert? Weil sie durch die Verbreitung von Wissen bedroht wird. Die größte Angst eines jeden Psychopathen ist es, erkannt zu werden.

Psychopathen leben ihr Leben in dem Wissen, dass sie völlig anders sind als andere Menschen. Tief im Innern wissen sie, dass ihnen etwas fehlt. Schnell lernen sie, ihr mangelndes Einfühlungsvermögen zu verbergen. Gleichzeitig studieren sie die Emotionen der anderen sorgfältig, damit sie Normalität imitieren können, während sie kaltblütig die Normalen manipulieren. Heute stehen wir dank neuer Informationstechnologien kurz davor, die Psychopathen zu demaskieren und eine Zivilisation von gesunden Menschen aufzubauen � eine Zivilisation ohne Krieg, eine Zivilisation, die auf Wahrheit beruht, eine Zivilisation, in der die heiligen Wenigen statt der diabolischen Wenigen den Machtpositionen entgegenstreben. Wir haben bereits das nötige Wissen, um psychopathische Persönlichkeiten zu diagnostizieren und sie von Machtpositionen fernzuhalten. Wir haben das nötige Wissen, um jene Institutionen aufzulösen, in denen Psychopathen vorzugsweise gedeihen � Militär, Geheimdienste, Großkonzerne und Geheimbünde. Wir müssen dieses Wissen einfach nur verbreiten, verbunden mit dem Willen, es zu gebrauchen, und das so weit und schnell wie möglich. Bevor dem Wissen und dem Bewusstsein über den pathologischen Menschen nicht die Aufmerksamkeit gewidmet wird, die es verdient, und bevor dies nicht zu einem Teil des Allgemeinwissens aller Menschen wird, gibt es keine Möglichkeit, irgendwelche Dinge auf wirksame und nachhaltige Art und Weise verändern zu können. Wenn die Hälfte der Menschen, die sich für die Wahrheit oder die Beendigung der Kriege oder die Rettung der Erde einsetzen, ihre Bemühungen, ihre Zeit und ihr Geld darauf verwendeten, Psychopathie bloßzustellen, könnten wir an ein Ziel gelangen.

Es könnte die Frage aufkommen, ob die Schwachstelle unserer Gesellschaft in unserer Toleranz gegenüber psychopathischem Verhalten begründet ist? Oder in unserem Unglauben, dass jemand den Anschein eines intelligenten Führers haben könnte und trotzdem betrügerisch und in seinem eigenen Namen agiert, ohne Gewissensbisse? Oder ist es bloß unsere Ignoranz? Wenn sich die allgemeine Wählerschaft nicht darüber bewusst ist, dass eine Kategorie von Menschen existiert, welche wir manchmal als beinahe menschlich empfinden, welche aussehen wie wir, welche mit uns arbeiten, welche in jeder Rasse und jeder Kultur zu finden sind, welche jede Sprache sprechen, aber kein Gewissen haben, wie kann die breite Öffentlichkeit sie dann davon abhalten, an die Macht der Hierarchien zu gelangen? Die allgemeine Ignoranz gegenüber der Psychopathologie könnte sich als Niedergang der Zivilisation erweisen. Wir stehen dabei wie grasende Schafe, während die Elite in Politik und Wirtschaft Armeen unserer unschuldigen Söhne und Töchter gegen künstlich fabrizierte Feinde schleudert, um im gegenseitigen Konkurrenzkampf um die pathologische Vorherrschaft Trillionen an Profit zu erzeugen. Fast jeder, der bisher Teil einer Organisation war, welche sich für soziale Veränderung einsetzt, hat wahrscheinlich die gleiche Dynamik beobachten können: Die gute und aufrichtige Arbeit vieler kann durch die Aktivitäten eines Einzelnen zerstört werden. Das verheißt nichts Gutes, wenn es darum geht, eine Art von Gerechtigkeit auf den Planeten zu bringen! Wenn Psychopathen an der Spitze politischer Hierarchien stehen, ist es in der Tat kein Wunder, dass friedliche Demonstrationen null Auswirkung auf das Ergebnis politischer Entscheidungen haben. Vielleicht ist es an der Zeit, uns auf eine andere Art zu regieren als durch massive, distanzierte Hierarchien?

Erst wenn 75% der Menschheit mit einem gesunden Gewissen begreift, dass wir einen natürlichen Feind haben, eine Gruppe von Menschen, die unter uns leben, die uns als machtlose Opfer ansehen und uns nach Belieben vertilgen, um ihre unmenschlichen Ziele zu erreichen, erst dann werden wir die notwendigen scharfen und sofortigen Maßnahmen ergreifen, um zu verteidigen, was menschlich wertvoll ist. Es wäre weise, psychologisch Abweichenden jedwede Machtposition überMenschen mit Gewissen zu entziehen. Punkt!

Es muss Menschen bewusst gemacht werden, dass solche Individuen existieren, und sie lernen können, wie sie diese und ihre Manipulationen erkennen können. Das Schwierige daran ist, dass man auch gegen seine eigenen Tendenzen wie Mitleid und Güte ankämpfen muss, um nicht selbst zur Beute zu werden. Das wirkliche Problem liegt darin, dass das Wissen über die Psychopathie und auf welche Weise Psychopathen die Welt regieren, bisher wirksam verborgen wurde. Menschen haben nicht das entsprechende, ausführliche Wissen, welches sie brauchen, um von der Basis weg nach oben eine echte Veränderung herbeizuführen. Immer wieder, in der gesamten Geschichte war der neue Chef wie der alte Chef.
Wenn es eine Arbeit gibt, die volles Engagement verdient, um der Menschheit in diesen dunklen Zeiten zu helfen, so ist es das Studium von Psychopathie und die Propagierung dieser Information so weit und schnell wie möglich. Es gibt nur zwei Dinge, die einen Psychopathen in die Knie zwingen können:

1. Ein größerer Psychopath.
2. Die gewaltlose, absolute Weigerung, sich der psychopathischen Herrschaft zu unterwerfen, egal, wie die Konsequenzen aussehen werden (gewaltloses Nichtbefolgen, Mahatma Gandhis Satyagraha). Lassen Sie uns Weg 2 wählen! Wenn Einzelne sich einfach hinsetzen und weigern würden, einen Finger zu rühren, um auch nur ein einziges Ziel der psychopathischen Agenda zu unter-stützen, wenn Menschen sich weigerten, Steuern zu bezahlen, wenn Soldaten sich weigerten zu kämpfen, wenn Regierungsbeamte und Konzerndrohnen und Gefängniswächter sich weigerten, zur Arbeit zu gehen, wenn Ärzte sich weigerten, die psychopathische Elite und ihre Familien zu behandeln, dann würde das ganze System mit einem kreischenden Halt zum Stillstand kommen. Echte Veränderung geschieht in dem Moment, in welchem sich eine Person in allen abschreckenden Einzelheiten über Psychopathie bewusst wird. Aus dieser neuen Bewusstheit heraus sieht die Welt ganz anders aus, und es können völlig andere Maßnahmen ergriffen werden. Mit dem Unterscheiden zwischen menschlichen und psychopathischen Eigenschaften entsteht die Grundlage von Verantwortung, auf welcher wir eine tragfähige Kultur aufbauen können.

Diesen Beitrag habe ich anonym per Mail erhalten.

Empfehlenswerte Literatur zum Thema:

Menschenschinder oder Manager: Psychopathen bei der Arbeit von Paul Babiak und Robert D. Hare von Hanser Wirtschaft

Gewissenlos. Die Psychopathen unter uns von Robert D. Hare und Karsten Petersen von Springer, Wien

Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage: Fallbeispiele und Lösungswege für ein wirksames Management von Gerhard Dammann von Haupt

Der Soziopath von nebenan. Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks von Martha Stout und Karsten Petersen von Springer, Wien

Die Masken der Niedertracht: Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann von Marie-France Hirigoyen und Michael Marx

Der Psychopath: Die Spezies in Politik und Wirtschaft mit Verachtung für Schwache von Advaita Maria Bach von MOKSHA Publishers (Audio CD)

Der Arschloch-Faktor: Vom geschickten Umgang mit Aufschneidern, Intriganten und Despoten in Unternehmen von Robert I. Sutton und Thomas Pfeiffer

Von dem zweiten Titel in dieser Liste gibt es hier eine Leseprobe.

aristo blog - nachrichten die man nicht überall findet - - Offene ...

Ich würde zum Thema - Psychopathen noch sämtliche Bücher von Arno Gruen empfehlen!WinkenG.F.


"Psychopathen sind oft schlau"

15. Febr. 2009 ... Ist das Böse im Gehirn zu sehen? Warum sind Gewalttäter meistens männlich? Gerhard Roth über menschliche Abgründe und wie man sie erkennen ...
www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonntag-Psychologie-Hirnforschung;...

 

 "Wenn du eine Frau siehst, denke, es sei der Teufel! Sie ist eine Art Hölle!"
(Papst Pius II., 1405-1464) 


Sechs Nazis

Gestern liefen 6 Nazis über die Straße.
Da kam plötzlich ein Auto und überfuhr 2.
Von welcher Marke war das Auto?
Opel
Und warum?
Opel:”Wir machen Deutschlands Straßen sauberer.”
Gehen sie über die nächste Straße.
Kommt wieder ein Auto und überfährt wieder 2 Nazis.
Welche marke war es diesmal?
BMW
Und warum?
BMW:”Freude am Fahren.”
Sagen sich die letzten 2 an der nächsten Straße:
“Wir sind doch (nicht) blöd. Du gehst 5 Meter vor mir, dann kann nur einer überfahren werden,
da Autos nicht so breit sind.”
Falsch gedacht: Es kommt wieder ein Auto und überfährt beide.
Welche Marke war es?
Toyota
Und warum?
Toyota:”Nichts ist unmöglich”
Und wer finanziert das alles?
Volksbanken-Reifeisenbanken (wir machen den Weg frei)

Kopiert diesen Text und helft bei der Aktion
“Nazifreies Deutschland”

gefunden bei woschod

 

Sie müssen gestoppt werden!»

Ein Gespräch mit Michael Moore über seinen neuen Film, über die Medien und die Gesellschaft unter dem Regime des Kapitalismus.


Von: Roland Rottenfusser


Quelle: Telepolis

 

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31492/1.html

 



 

 

 

Fotografie?

Da ich selber gerne fotografiere. - Hier ein Text zum Thema!  - Das Überleben wird auch in diesem Berufszweig immer schwieriger.

 

"Bildbände fotografieren: Brotlose Kunst", von B.Kannt

Früher war es so: Ein Fotograf fühlte sich geehrt, wenn ihn ein
renommierter Buchverlag anrief, um ein Buchprojekt zu realisieren. Der
Auftrag brachte Spaß, Renommee – und auch ausreichend Honorar. Doch die
"schönen Zeiten" sind vorbei. Warum, schildert ein FreeLens-Fotograf
aufgrund eigener und den Erfahrungen anderer Mitglieder.

Vor einiger Zeit waren die Bücher des Ellert & Richter Verlages,
der durch die "Weiße Reihe" bekannt wurde, so schön gestaltet und
gedruckt, daß die Mühe lohnte, daran zu arbeiten. Zudem gab es für den
Bildautoren fünf Prozent des Nettoverkaufspreises, der im
Buchverlagswesen übliche Prozentsatz. Davon zahlte der Fotograf alle
Kosten: Filme, Entwicklung und Reisekosten. Aber das rechnete sich
durch Imagegewinn und bei manchen Büchern auch durch gute Umsätze.

Dann brachte Ellert &Richter die "Billigreihe" heraus, große
Reisebücher zu einem Thema für 19,80 Mark. Mit diesem Konzept konnte
der Verlag Riesenumsätze machen – und die Autoren profitierten mit,
obwohl deren Honorare schon weit von den fünf Prozent entfernt waren.

Pro Buch gab es 53 Pfennig für die erste Auflage, danach 50 Pfennig.
Diese "Billigreihe" ist sehr erfolgreich und so werden immer mehr Bände
produziert, allerdings für die Fotografen zu immer halsbrecherischeren
Konditionen. Sie bekommen jetzt nur noch 40 Pfennig. Das bedeutet bei
einer Erstauflage von 15.000 Stück, daß der Fotograf seine kompletten
Reise-, Film- und Unterkunftskosten von 6.000 Mark bestreiten muß. Er
erhält nur noch etwa 2,16 Prozent vom Nettoverkaufspreis, ein schlicht
unakzeptabeler Prozentsatz.

Doch nicht nur die Honorare werden verschlechtert, sondern auch die
Vertragsbedingungen. Der Fotograf soll sämtliche Rechte abtreten,
weltweit. Der Fotograf soll dem Verlag die ausgewählten Fotos als
Sacheigentum überlassen. Der Verlag erhält das Recht, die Bilder an
Werbeagenturen weiterzuverkaufen. Natürlich gibt es dafür 50 Prozent
für den Fotografen (nach Abzug aller Kosten). Das Grausen auch bei
dieser Vertragspassage bekommt, wer weiß, wie unbefangen der Ellert
&Richter Verlag damit umgeht. Er verlangte schlappe 1.000 Mark von
einer Werbeagentur für ein Bild, daß dann in ganz Bayern auf große
Tafeln geklebt wurde. Dafür hätte jede ordentliche Fotoagentur 5.000
bis 6.500 Mark verlangt und bekommen.

Weitere Beispiele aus Verlagsverträgen, die FreeLens-Mitgliedern in
den vergangenen Monaten von renommierten Verlagen wie Bucher, Pro
Futura, Langenscheidt-Polyglott, Gräfe und Unzer vorgelegt wurden: Der
Bucher Verlag, vertreten durch den Südwest Verlag, freut sich, "den
geschätzten Autoren für einen Bildband gewonnen zu haben!" – genauer:
ein Kleinstführer mit 64 Seiten und etwa 100 Fotos. "Für die
Bebilderung bieten wir Ihnen ein einmaliges Pauschalhonorar an von
1.500 Mark. Sie übertragen dem Südwest Verlag für alle Ausgaben und
Auflagen sämtliche ausschließlichen Verlagsrechte an diesen Fotos. Der
Verlag ist berechtigt, Sonderausgaben, Buchklubausgaben,
Taschenbuchausgaben zu veranstalten, bzw. die Rechte für diese Ausgaben
sowie die verlagsüblichen Nebenrechte (Werbezwecke, Film, Fernsehen,
Radio, Vervielfältigung und Verbreitung von Mikrokopie- und CD-ROM oder
CD-I-Ausgaben oder ähnliche Formen des Electronic Publishing) im Rahmen
dieses Buches weiter zu übertragen. Wir hoffen auf eine gute,
partnerschaftliche Zusammenarbeit!"

Eine Partnerschaft bei 15 Mark pro Foto? Da können wohl nur
Hobby-Fotografen unterschreiben. Wenn man alle Rechte zusammenzählt,
die der Verlag erwirbt, dann bleiben pro Veröffentlichung höchstens
Pfennige übrig! Der Langenscheidt Verlag bietet in seinem Vertrag für
Polyglott-Reiseführer immerhin stolze 30 Mark pro Bild an. Natürlich
kassiert er damit die Rechte für "CDI, DVI, EBP, CD-ROM, Online oder
ähnlichen elektronische Medien", ist allerdings bereit, für die
CD-ROM-Nutzung nochmal 30 Mark pro Bild zu zahlen. Super! Es folgt ein
schöner Passus: "Für den Fall der Veröffentlichung und Verbreitung
einer oder mehrerer Lizenzausgaben erhält der Fotograf unabhängig
davon, wieviele verschiedene Lizenzausgaben erscheinen, ein einmaliges
Honorar in Höhe von 50 Prozent der im Vertrag genannte Honorarsumme."
Schönes Geschäft.

Besonders Großverlage versuchen, alle gängige Normen zu unterlaufen
und mit dem Mittel der Unkenntnis oder gar Angst zu operieren, um auf
die schnelle Tour Freischaffenden Copyrights zu Dumpingpreisen
abzutrotzen. Das geschieht auch durch Risikoteilung,
Mehrfachnutzungsrabatt, Mengenrabatt und ähnlichem. Es läßt sich leicht
denken, daß doch sehr viele KollegInnen im einsamen Kämmerlein durch
das Unterschreiben solcher Bedingungen zu diesem Zustand beitragen",
schrieb uns ein Kollege zu dem Polyglott-Vertrag. Man kann solche
Verträge ablehnen, Beispiele gibt es genug.

Oder ein Berliner Fotograf. Er schrieb dem Verlag zu seinem Vertrag
für "Tucholskys Berlin": "...ein unmoralisches Angebot, daß ich
ablehnen muß. Auf die erbetenen Nebenrechte brauche ich damit nicht
einzugehen. Ihr weist darauf hin, daß Ihr das Honorar der veränderten
Situation angepaßt habt. Verändert soll heißen: verschlechtert. Nur an
dieser Verschlechterung sind nicht wir Fotografen schuld, sondern die
Verlage selber. Aber wir sollen die Suppe auslöffeln und Euch mit
unserem Einsatz und Geld sponsern. Oder geht es Euch gar nicht so
schlecht, wie Ihr tut? Wenn nicht, wenn Ihr gut daran verdient, dann
ist euer Vertrag doppelt unmoralisch! 4 Prozent vom Nettoverkaufspreis
konntet Ihr damals anbieten. Jetzt sind es nur noch 2,16 Prozent! 4
Prozent muß das Ende der Fahnenstange bleiben, das müssen auch meine
Kollegen begreifen, die jetzt zu Euren Bedingungen arbeiten. Für
weniger kann man seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten."

Daß die Qualität bei alldem auf der Strecke
bleibt, stört die Verlage nicht. Ob der Fotograf schöneres Licht
abwartet, einen besseren Standort sucht oder einfach draufhält, ist
neuerdings offenbar egal. Die Verlage drucken Billigbücher in Großauflagen.
Die schlechten Verträge sind nur möglich, weil Fotografen sie
entweder nicht lesen oder ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Wem ein solcher
Vertrag ins Haus flattert, sollte ihn an FreeLens schicken und sich gut
überlegen, ob er ihn unterschreiben kann. Wer unterschreibt, sollte
nicht glauben, später an bessere Aufträge heranzukommen. Wenn
wir nicht aufpassen, dreht sich die Spirale weiter nach unten. Dann allerdings
hätten die Verlage Recht: Mit Fotografen kann man alles machen!

 B.Kannt


 

 

 




Presseerklärung
450 Künstler in Deutschland rufen auf:
Jetzt erst recht! "Unruhe stiften" gegen Schwarz-Gelb!

 

http://www.enrico111.com/page28/page24/files/page24_blog_entry0_2.jpg"Warum ist unsere Fahne schwarz?"

       

Schwarz ist ein Hauch von Verneinung. Die schwarze Fahne ist die Negation aller Fahnen. Sie ist die Negation der Nationalitäten, die die Menschen dazu treiben, einander zu zerfleischen und die Einheit der Menschen zu leugnen.

Schwarz ist ein Gefühl von Zorn und Wut angesichts aller im Namen der Treue zu irgendeinem Staat gegen die Menschlichkeit begangenen abscheuchlichen Verbrechen. Sie ist Zorn und Wut angesichts der Verhöhnung der menschlichen Intelligenz, die durch die Forderungen, Heucheleien und lächerlichen Schikanen der Regierungen verspottet wird.

Schwarz ist auch eine Farbe des Leids und der Traurigkeit; die schwarze Fahne, die die Nation leugnet, beweint auch deren Opfer, die zahllosen, durch äußere und innere Kriege zum Ruhm und für den Fortbestand eines blutigen Staates vernichteten Millionen Menschen. Sie beweint jene, denen die Arbeit weggenommen wird und die als Kostenfaktor bewertet werden, damit die Ermordung und Unterdrückung anderer Menschen bezahlt werden kann. Sie beweint nicht nur den physischen Tod, sondern auch die Verkümmerung des dem hierarchischen und autoritären System unterworfenen Geistes; sie beweint die Millionen von Neurosen, die ausgeschaltet werden, ohne je wieder die Möglichkeit zu haben, der Welt ihr Licht zu schenken.

Schwarz ist eine Farbe der Entschlossenheit, der Entschiedenheit, der Stärke, eine Farbe, bei der alle anderen Farben ins Licht gerückt werden. Schwarz ist das Geheimnis, welches das Keimen, die Fruchbarkeit, den ertragreichen Boden des entstehenden Lebens umgibt, das sich stets im Dunkel entwickelt, erneuert, verjüngt und fortpflanzt.

Das in der Erde verborgene Samenkorn, die wundersame Reise der Samenflüssigkeit, das verborgene Wachsen des Embryos, in der Gebärmutter werden alle von Schwärze unhüllt und beschützt. Howard Ehrlich - Reinventing Anarchy (1979)

        anarchy_lwh.gif (9977 bytes)

 

 

 

Heutzutage tummeln sich auf vom inkompetenten Staatsapparat genehmigten Neonaziveranstaltungen -  leider total verblödete, dämliche, geistig unterbelichtete Neonazivolldeppenvereinigungen & Naziparteimitglieder mit schwarzen Fahnen & bilden sogenannte "Schwarze Blöcke".

Zum Thema ein Link!Besiegelt

Nationalismus

Neonazis Ursprünglich bildeteten & bilden Anarchisten & Antifa - "Schwarze Blöcke"...Da Neonazis dies nun auch machen - sind Irrtümer & Vorurteile gegen Anarchisten programmiert. - Wenn es schon gesetzlich verboten, ist diesen gewalttätigen menschenverachtenden Dummschädeln die "Eier rauszureißen" - dann wäre das Mindeste - diesen braunen Fakern die schwarzen Fahnen - mit denen sie Anarchisten in den Dreck ziehen abzunehmen. -Andererseits stellt sich hier die Frage ob gebildete Menschen überhaupt Fahnen verwenden sollten? - Bevor also wegen Fahnen ein Kleinkrieg entsteht...sollte die "Intelligenz" doch lieber ganz auf Fahnen verzichten!

 

 

Dies ist ein offenes Experiment.
Ein in Worte fassen von dem, was bereits in der Luft liegt.
Je häufiger diese Erklärung gelesen, gedacht oder ausgesprochen wird, umso mehr wird ihre Energie sich in unserer Welt und Gesellschaft manifestieren.
Wenn du das Gefühl hast, was du hier liest, in dir wiederzufinden, mach es zu deinem Statement.
Finde Wege, die Erklärung zu lesen, sie zu teilen und in Aktion umzuwandeln.


ERKLÄRUNG KULTURELLER REVOLUTIONÄRE 2009

Kulturelle Revolutionäre in 2009…

_leben, handeln und arbeiten mit und nicht gegen die Natur
_wissen, dass Leben zu komplex ist, um es zu intellektuell zu verstehen
_schaffen und unterstützen lokale, autonome Ökonomien
_wertschätzen und bewahren Vielfalt aller Art
_wertschätzen und praktizieren gegenseitige Abhängigkeit, da sie wissen, dass nichts getrennt existiert
_betrachten sich als gleichwertig zu allen Lebensformen
_beschützen und unterstützen Leben
_lieben und unterstützen Kinder bedingungslos
_arbeiten an sich selbst, hin zu grösserer Bewusstheit
_kennen ökologische Prinzipien und integrieren sie in ihr Leben
_sehen Musik und Tanz als integrale Bestandteile ihres Ausdrucks und ihrer Kommunikation
_leben auf einer lebendigen Erde und betrachten sie als heilig
_wissen wie sie ihre Nahrung anbauen
_wissen ihr sinnliche Bewusstheit zu schätzen
_feiern das Leben
_kooperieren
_verlagern ihr Denken von ‘Entweder oder’ zu ‘Sowohl als auch’
_teilen ihr Wissen
_verstehen und integrieren Prozess als eine Art und Weise zu sein
_sind nicht mit ihrem Körper, ihren Gedanken oder Emotionen identifiziert
_sehen den Verstand als Werkzeug
_erkennen, dass es kein richtig oder falsch gibt
_sind nicht mit einem sozialen Etikett, ihrer Vergangenheit oder Zukunft identifiziert
_sind sich bewusst, dass die Essenz dessen was sie sind das Leben selbst ist
_übernehmen Verantwortung für ihre Emotionen
_sind sich ihrer Beziehungen zu ihrer lebendigen und scheinbar nicht-lebendigen Umgebung bewusst und wertschätzen diese
_wertschätzen und integrieren die Weisheit von Frauen
_wertschätzen und integrieren die Weisheit von indigenen Kulturen
_wertschätzen das Wissen von Generalisten
_sind sich über Wandel und Veränderung als eines der Kernprinzipien der Evolution bewusst
_arbeiten in Richtung Diversifikation und Dezentralisierung
_nehmen an dem Ort, an dem sie leben, Anteil und bauen Beziehungen zu ihm auf
_werden von abhängigen Konsumenten zu verantwortungsvollen Produzenten
_suchen nach Wegen, dass ihre Interessen und Talente sich entfalten können
_haben den Mut sich Gesetzen, die Selbstregierung, Selbstversorgung und Selbstbestimmung illegal machen, zu widersetzen und ihnen nicht zu folgen
_sind über das derzeitige Geldsystem informiert und identifizieren es als kontemporäre Form der Versklavung
_identifizieren und boykottieren biologische, kulturelle, soziale und philosophische Monokulturen
_boykottieren Monopole jeglicher Art
_stellen jeden in Frage, der eine einzelne Lösung vorschlägt
_wertschätzen Umwelt- und menschliche Ethik mehr als Profit Maximierung
_boykottieren Konzerne und Banken, die auf Profit Maximierung hinarbeiten
_fordern Land und Wälder als Gemeingut zurück
_fordern Wasser als Gemeingut zurück
_fordern biologische Vielfalt und Wissen als Gemeingut zurück
_sind sich bewusst, dass sie zu jeder Zeit am Prozess der Ko-Kreation teilnehmen
_erlauben dem Leben sich durch sie zu entfalten

Berlin, 03/2009

 

 

Kriegsmaterialexport: Erste Umfrageergebnisse – jede Hilfe zählt beim Kopf an Kopf-Rennen


Von: GSoA


Die Umfragewerte lassen unsere Herzen höher schlagen: Das Ja- und das Nein-Lager sind fast gleichauf! Im Moment sind 41 Prozent für die Initiative, 44 Prozent dagegen. Das bedeutet: Wir können und wollen diese Abstimmung unbedingt gewinnen! Jetzt heisst es sich Zeit zu investieren, um weitere Menschen zu überzeugen, damit wir die Abstimmung gewinnen. Unsere Gegner werden nun Millionen in den Abstimmungskampf buttern.

 

In den nächsten Tagen werden wir mehr als 100'000 zusätzliche Abstimmungsflyer drucken. Wir sind nun dringend auf Dich angewiesen, um diese Flyer zu verteilen.

 

• Hier findest Du die bis jetzt festgelegten Flyer-Termine: http://www.kriegsmaterial.ch/site/agenda

 

• Bestelle Postkarten, Flyer und Plakate und verteile das Kampagnenmaterial in deinem Freundeskreis: http://www.kriegsmaterial.ch/site/Material-Bestellen.html

 

• Schreib LeserInnen-Briefe wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Bei Interesse bekommst Du täglich ein Mail mit Presseartikeln, auf welche es sich lohnt zu reagieren. Anmeldung: andi(at)gsoa.ch

 

• Unterstütze die Initiative mit einer Spende: http://www.kriegsmaterial.ch/site/Unterstuetzen/Spenden/Spenden.html

 

• Tritt unserer Facebook-Gruppe bei: http://www.facebook.com/group.php?gid=156614661328

 

• Arbeite in einem Regionalkomitee mit. Kontaktiere uns, damit wir schauen können, was in deiner Region geplant ist und was wir gemeinsam anpacken können.

 

• Die Erklärung "Frauen gegen Kriegsmaterial-Exporte" kann hier unterzeichnet werden: http://www.frauen-gegen-waffen.ch/

 

• Bestelle das T-Shirt zur Abstimmung (gefährlich/ungefährlich) hier: http://www.facebook.com/group.php?gid=142123629727

 

Sonntag, 25. Oktober 2009

 

 

 

Playing for Change

Mit Musik die Welt verändern

Playing  for ChangeEs ist ein Wandel im Gange auf der Welt - egal wo man hinschaut, entdeckt man Um- und Durchbrüche aller Art.

Will man alle diese Entwicklungen auf einen einfachen Nenner bringen könnte man vielleicht sagen: Die Menschheit entwickelt sich weg von Trennung und Angst hin zu Einheit, Gemeinschaft und Vertrauen.

Einen musikalischen Ausdruck dieser Entwicklung bietet die wunderschöne Initiative "Playing for Change":

 

Die Idee

Playing for  ChangeDie Idee zu Playing for Change kam dem mit einem Grammy ausgezeichneten Produzenten und Toningenieur Mark Johnson in der U-Bahn:

"Ich war in einer U-Bahn in New York auf meinem Weg zur Arbeit, und da hörte ich diese beiden Mönche musizieren", erinnert er sich. "Sie waren von Kopf bis Fuß bemalt, ganz weiß und trugen Roben. Einer spielte auf einer Nylon-Gitarre und der andere sang in einer Sprache, die ich nicht verstand. Da waren etwa 200 Menschen, die anhielten um mehr zu sehen und nichtmal in ihre Bahn stigen. Einige hatten Tränen in den Augen. Und es fiel mir auf, dass hier eine Gruppe von Menschen ist, die normalerweise aneinander vorbei rennen würden, aber statt dessen kommen sie zusammen. Und es ist die Musik, die sie zusammenbrachte."

Zehn Jahre reiste Johnson von da an um die Welt: Vom Kathrina-verwüsteten New Orleans ins rassistische Südafrika, von der abgelegenen Schönheit des Himalaja in die religiöse Vielfalt Jerusalems. Überall spürte er musikalische Talente auf - oftmals Straßenmusiker aus den ärmsten Verhältnissen - und nahm ihre Musik mit Hilfe eines mobilen Tonstudios auf. Aufnahmen entstanden unter der Sonne und unter Straßenlaternen, in öffentlichen Parks, Plätzen und Promenaden ... in Türen, auf gepflasterten Straßen, inmitten hügeliger Pueblos.

Immer nahm er den gleichen Song auf - jedoch ohne dass die Musiker einander, kannten, sahen oder hörten. Erst am Ende wurden diese einzelnen Spuren dann zu einem tief beeindruckenden Ganzen zusammengeführt, so dass sie gemeinsam spielen konnten, auch wenn sie durch hunderte und tausende von Kilometern getrennt waren.

Die Philosophie

Playing for  ChangeDie Idee zu diesem Projekt entstand aus der Überzeugung, dass Musik die Macht hat, Grenzen und Entfernungen zwischen den Menschen zu überwinden. Egal, ob wir aus unterschiedlichen geografischen, politischen, wirtschaftlichen, geistigen oder ideologischen Hintergründen kommen - Musik hat die universelle Kraft diese Unterschiede zu transzendieren und uns als eine menschliche Rasse zu vereinen. Mit dieser Wahrheit fest in den Köpfen, machte sich das Team auf, um ihre Idee mit der Welt zu teilen.

 

Raum schaffen