Philosophie? In Wahrheit bin ich schon als Philosoph auf die Welt gekommen. Alles fing mit einem Schrei an. Dann bekam ich eine auf den Allerwertesten. Da keimte in mir die Frage was das alles soll? G.F.
 geroldflock.de Foucault, Michel: Was ist Aufklärung?, a.a.O., S. 50. 20 "Das zentrale philosophische Problem ist ..., was wir in ebendiesem Moment sind. Wobei heute das Ziel weniger darin besteht, zu entdecken, als vielmehr abzuweisen, was wir sind. Wir müssen uns das, was wir sein könnten, ausdenken und aufbauen, um die Art von politischem 'double-bind' abzuschütteln, der in der gleichzeitigen Individualisierung und Totalisierung durch moderne Machtstrukturen besteht. Abschließend könnte man sagen, daß das politische, ethische, soziale und philosophische Problem, das sich uns heute stellt, nicht darin liegt, das Individuum vom Staat und dessen Institutionen zu befreien, sondern uns sowohl vom Staat als auch vom Typ der Individualisierung, der mit ihm verbunden ist zu befreien. Wir müssen neue Formen von Subjektivität zustande bringen, indem wir die Art von Individualität, die man uns jahrhundertelang auferlegt hat, zurückweisen." Die Philosophie, was ist sie, wenn nicht eine Weise, nicht so sehr über das was wahr oder falsch ist zu reflektieren als über unser Verhältnis, zur Wahrheit. Man beklagt sich manchmal, daß es in Frankreich keine herrschende Philosophie gibt. Umso besser. Keine souveräne Philosophie, das stimmt; aber immerhin eine Philosophie oder besser: Philosophie als Aktivität. Denn Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem frei macht, was für wahr gilt, und nach anderen Spielregeln sucht. Philosophie ist jene Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all der Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, um anderes zu machen und anders zu werden als man ist. Unter diesem Gesichtspunkt waren die letzten dreissig Jahre eine Zeit intensiver philosophischer Aktivität. Die Interferenz zwischen der Analyse, der Forschung, der wissenschaftlichen bzw. theoretischen Kritik und den Veränderungen im Verhalten der Leute, in ihrer Art und Weise zu sein, in ihrem Verhältnis zu sich selbst und anderen ist bemerkenswert und war stets vorhanden. Ich sagte eben, daß die Philosophie eine Weise war, über unsere Beziehung zur Wahrheit zu reflektieren. Das muß vervollständigt werden; sie ist eine Weise sich folgendes zu fragen: wenn dies das Verhältnis ist, was wir zur Wahrheit haben, wie müssen wir uns verhalten? Ich glaube, daß gegenwärtig und von jeher eine bemerkenswerte und vielfältige Arbeit geleistet wird, die gleichzeitig unser Verhältnis zur Wahrheit und unsere Verhaltensweisen verändert. Und zwar verbinden sich dabei eine Reihe von Forschungen und ein Ensemble von sozialen Bewegungen auf komplexe Weise miteinander. Das ist das Leben der Philosophie selbst. Man versteht, daß einige über die gegenwärtige Leere jammern und wünschen, daß es in der Ordnung der Ideen ein wenig Monarchie gäbe. Aber die, die einmal in ihrem Leben einen neuen Ton, eine neue Weise zu blicken, eine andere Art zu tun gefunden haben, sie, so glaube ich, werden niemals das Bedürfnis verspüren zu (be)jammern, daß die Welt ein Irrtum und die Geschichte vollgestopft von Nicht-Existenzen ist und daß es Zeit sei, daß die anderen verstummen, um - endlich - die Glocke ihrer Verdammung zu hören... MICHEL FOUCAULT im Gespräch Intellektuelle? Intellektueller scheint mir ein seltsames Wort zu sein. Intellektuelle - ich habe noch nie welche getroffen. Ich habe Leute getroffen, die Romane schreibem und andere, die mit Kranken arbeiten. Leute, die ökonomische Analysen machen, und andere, die elektronische Musik komponieren. Ich habe Leute getroffen, die lehren, Leute die malen, und Leute, bei denen ich nicht so recht verstanden, ob sie überhaupt etwas machen. Aber Intellektuelle, nie. Ich habe indessen viele Leute getroffen, die über den Intellektuellen reden. Und durch vieles zuhören konnte ich mir ein Bild davon machen, was dieses Lebewesen sein mag. Das ist nicht schwer, es ist der, der schuld hat. Schuld an allem Möglichen: zu sprechen, zu schweigen, nichts zu tun, sich in alles einzumischen...Kurz, wo es um Rechtsfindung, Aburteilen, Verurteilen und Ausschließen geht, muß der Intellektuelle her. Ich finde nicht, daß die Intellektuellen zu viel reden, für mich gibt´s sie ja nicht. Ich finde, daß der Diskurs über die Intellektuellen stark um sich greift und wenig Anlaß zur Ruhe gibt. Ich habe eine gräßliche Angewohnheit. Wenn die Leute so daherreden, versuche ich mir vorzustellen, was das, umgeschrieben in der Realität ergäbe. Wenn sie irgendeinen "kritisieren", wenn sie vor seinen Ideen "warnen", wenn sie "verurteilen", was er schreibt, stelle ich sie mir in der idealen Situation vor, da sie alle Macht über ihn hätten. Die Wörter, die sie benutzen, lasse ich ihren Lauf zuück in einen ursprünglichen Sinn nehmen: "zerstören", "schlachten", "zum Schweigen bringen", "begraben". Und ich sehe den strahlenden Staat am Horizont, in dem der Intellektuelle im Gefängnis säße und natürlich aufgehängt würde, wenn er außerdem noch Theoretiker ist. Zugegeben, wir leben nicht in einem Regime, wo man die Intellektuellen zur Reisernte schickt; aber haben Sie nicht auch schon von einem gewissen Toni Negri reden gehört? Befindet er sich nicht im Gefängnis, insofern er ein Intellektueller ist? MICHEL FOUCAULT Wittgenstein sagte: Man sollte Abschied nehmen von einer Formulierung wie "ich denke" und statt dessen sagen, "dies ist ein Gedanke", und man tritt zu diesem Gedanken in Beziehung. Man könnte sogar pathetisch formulieren, man erfährt die Gnade oder die Möglichkeit, diesen oder jenen Gedanken zu ergreifen. [PDF] Weiterlesen...
...Autonomie ist derjenige Zustand der Integration, in dem ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen eigenen Gefühlen und und Bedürfnissen ist. Im Allgemeinen verstehen wir unter Autonomie etwas anderes, nämlich etwas, das mit der Behauptung der eigenen Wichtigkeit und Unabhängigkeit zu tun hat. Das gilt insbesondere für ein Selbst, das, bewusst oder unbewusst, der Ideologie des Herrschens entspricht. Deswegen dient das, was wir meistens als autonom beschreiben, einer auf Abstraktionen aufgebauten Idee des Selbst. Trotz der Rebellion, die von einem solchen Selbst ausgehen kann, reflektiert dieses nur die einschränkenden, entstellenden, selbstsüchtigen Kategorien von Eigenschaften, in welche Eltern, Schule und Gesellschaft uns gepresst haben. Was dann mit Autonomie bezeichnet wird, ist die Freiheit, sich und anderen ständig Beweise der Stärke und Überlegenheit liefern zu müssen. Ob es ein Beweisen für oder gegen die bestehenden Normen ist, macht keinen Unterschied. Das Wichtigste ist das ständige Beweisen-Müssen; es ist ein kriegerischer Zustand, weit entfernt von der Fähigkeit, das Leben zu bejahen. Demgegenüber ist es der Zugang zum Lebensbejahenden, zu den Gefühlen der Freude, des Leids, des Schmerzes, kurz des Lebendigseins, aus dem Autonomie, die ich meine, sich entwickelt. Arno Gruen Um wirklich frei zu sein, muß ein Mensch für Kant die Freiheit haben, sich ebenso für das Böse entscheiden zu können wie für das Gute, denn sonst besitzt die (vernünftige) Entscheidung für das Gute keinerlei Wert, und die Vorstellung einer persönlichen Leistung, eines Verdienstes verliert jeden Sinn. Frei sein heißt selbstbestimmt sein. Werde ich von etwas beherrscht, auf das ich keinen Einfluß habe, dann bin ich nicht frei. Folgt man dieser Denkweise, dann müssen sich vernunftbegabte Wesen ihre Wertvorstellungen selber geben. Werden diese von irgendeiner äußeren Instanz vorgegeben, ist man abhängig von dieser Instanz und somit nicht frei. Das meint Kant, wenn er sagt, daß Selbstbestimmung die Grundlage jeder Sittlichkeit sei. Sich auf Gedeih und Verderb einer äußeren Macht anzuvertrauen, sei es der nackten Natur oder einer transzendenten Macht, Gott oder der Natur, einer Instanz, die einem nach Belieben Befehle erteilen kann, bedeutet Fremdbestimmung, eine Form der Abhängigkeit von etwas, das sich meiner Kontrolle entzieht: Sklaverei. Ich, ich ganz allein, bin der Urheber meiner Wertvorstellungen. Selbstverständlich muß ich Gebote befolgen, aber ich bin frei, da diese Gebote, wie Rousseau lehrte, von mir selber geschaffen werden. Von außen kommende Befehle degradieren Menschen zu Sklaven oder Objekten; da Menschen, und nur sie allein, die Urheber von Wertvorstellungen sind, sind sie selber etwas überaus Wertvolles: Menschen für Zwecke zu benutzen, die nicht die ihren sind, sie also zu mißbrauchen, zu erniedrigen und zu demütigen, heißt ihr Menschsein an sich in Frage zu stellen, zu leugnen, daß sie Menschen sind; und das ist die abscheulichste Sünde überhaupt. Um die Unterdrückung, Versklavung oder Vernichtung eines Menschen zu rechtfertigen, muß ich mich darauf berufen können, daß ich all dies im Namen eines Wertes tue, der höher ist als der des Geschöpfes, dessen Freiheit ich verletze. Doch wenn es ex hypothesi keine solchen Werte geben kann - da alle Werte einer freien (vernünftigen) Entscheidung des Menschen entspringen -, dann bedeuten die gerade genannten Handlungen, daß man den höchsten Wert überhaupt in den Schmutz zieht - die endgültigen Ziele, die sich die menschliche Vernunft selber gesetzt hat: Vernunft und vernünftige Entscheidung sind der Inbegriff menschlicher Humanität, der Menschenwürde, und genau das ist es, was die Menschen, als freie Wesen, von den Tieren unterscheidet. Dies auch ist es, was in uns, wer immer wir sein mögen, so großen Ekel hervorruft, wenn wir Zeuge werden, wie unseresgleichen herumgestoßen, gequält, entmenschlicht und wie Vieh behandelt oder zu solchem gemacht werden. Was tut ein Künstler? Er erschafft etwas, er drückt sich aus, er kopiert nicht, er imitiert nicht, er überträgt nicht (das ist bloßes Handwerk). Er agiert, macht, erfindet; er entdeckt nicht, genausowenig wie er kalkuliert, deduziert oder argumentiert. Schöpferisch tätig sein heißt im Prinzip, ganz auf sich allein gestellt zu sein. Kunst ist nicht Nachahmung oder Abbildung, sondern Ausdruck; ich bin am ehesten ich selber, wenn ich etwas schöpfe - das, und nicht die Befähigung zu logischem Denken, ist der göttliche Funke, der in meinem Inneren glimmt; in genau diesem Sinne bin ich Gott zum Bilde geschaffen (sicut Deus). Mensch zu sein heißt nicht, zu begreifen oder vernünftig zu urteilen, sondern zu handeln. Zu handeln, zu machen, zu erschaffen und frei zu sein sind ein und dasselbe: Hier liegt der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Der Künstler erschafft etwas; er kopiert nicht, und er entdeckt auch nicht. Wenn wir spielen, dann erschaffen wir selber das Universum und seine Gesetze. Kinder, die "Indianer spielen", sind Indianer: Nichts hemmt sie. Die normalen Gesetze - gesellschaftliche, psychologische, ja sogar physikalische - sind außer Kraft gesetzt; wir können alles verändern, vielleicht sogar die Gesetze der Logik, ganz wie es unserer Phantasie beliebt. In dieser "noumenalen" Welt sind weder Phantasie noch Vernunft Grenzen gesteckt. In dieser Welt wird Tugend belohnt, Güte gefeiert, ebenso wie Schönheit und Wahrheit, und Sünde bestraft - anders als in der sogenannten wirklichen Welt. Kunst ist buchstäblich ein Spiel, sie ist Erfindung: eine Schöpfung aus dem Nichts, bei der wir die Inhalte der Welt und die Regeln, denen sie gehorcht, nach unseren eigenen, uneingeschränkten Wünschen und Vorstellungen gestalten. Auf diese Weise können wir, wann immer wir wollen, frei sein und der Tretmühle der physischen Existenz entrinnen. Dies ist die Welt der Kunst, der Sittlichkeit und der Vernunft. Ihre Wertvorstellungen werden nicht entdeckt, sondern geschaffen, und die Beziehung der Werte zueinander können wir nach Belieben bestimmen. Isaiah Berlin - Revolution der Romantik (Auszug)
Die Kunst hat keine Identität, die stärker wäre als die Umgebung, in der sie stattfindet. Sie ist ein kleiner Teil, der im Garten der Gegenwart die Zeit umbricht, ein dienlicher und mitarbeitender Teil, der es ermöglicht, etwas zu kompostieren in der Identität des Gegenwärtigen, um es bereit zu machen für eine Zukunft. Die Kunst ist eigentlich nur ein Agent, ein Pulver, das im viel wichtigeren Vorgang des Waschens zur Wirkung kommt. Nicht über seine Identität oder Sichtbarkeit, sondern eben über seine Funktion, sein bloßes Wirken.  Widerstandskultur! Widerstandskultur besteht im Bewusstsein, dass die Kultur der Menschen wesentlich weiter ist, als es sich mit einer kapitalistische Produktionsweise noch tragen und ertragen lässt. Sie besteht aus dem Kampf gegen die herrschenden Formen des Besitzes, dem Privatbesitz der Wertformen, auf der Basis einer Kultur des menschlichen Lebens, das diesen Formen sich entgegenstellen muss, um sich zu erhalten und zu verwirklichen und ihnen widerstehen muss, also um sich zu entfalten. Dieses Leben braucht keine Geldverwertungsanlagen, keine Gennahrung, keine Immobilienfonds und keine Energiekonzerne. Es hat längst die Mittel, sich im Einklang mit der Natur zu gestalten und die Anlagen zu bauen oder fortzuentwickeln, die ihm wirklich dienlich sind. Es gibt längst Produktionsautomaten, die den Großteil der nötigen Arbeit leisten könnten, die heute noch Menschen abverlangt wird, die z.B. zu einem großen Teil von chinesischen Arbeitern erbracht und importiert wird, weil diese Menschen noch billiger sind als der Preis, zu dem die Technologie der Weltmächte gehandelt wird. Und es gibt längst die Anlagen, die aus Gülle und Abfällen und aus Windkraft und Sonne den Strom erzeugen können, den wir benötigen. Sie müssen lediglich aus dem Geldhandel herausgenommen und ihrem Sinn und Zweck entsprechend produziert und vermittelt werden. Würde die Geldwirtschaft in eine Vertragswirtschaft gewendet, worin die Menschen die Produktion von Gütern aushandeln, welche sie zu ihrem Erhalt und ihrer Fortentwicklung benötigen, so wären alle Aufwände wesentlich geringer und die Erträge für die Menschen demzufolge weit höher. Würden die Mieten durch sozialen Wohnungsbau, durch Baugenossenschaften von VertragsarbeiterInnen aufgelöst werden, so könnten die Menschen den größten Teil ihrer Kraft für wichtigeres verwenden, als sie es zum Gelderwerb für ihre horrenden Mieten brauchen. Würden die Kommunen Produktionsanlagen besitzen und Verträge mit Landwirten und Bauern eingehen, die für ihre Produkte entsprechend entschädigt werden, so könnten die Arbeitsaufwendungen von ihnen auch so verteilt werden, wie die Produkte selbst. Es wäre auf diese Weise zumindest die Reproduktion der Menschen gesichert, so dass sie ohne Existenzangst sich an eine Mehrproduktion zur gesellschaftlichen Fortentwicklung machen und ihre eigenen Anteile für sich nutzen könnten. Die Vermittlungsmacht des Kapitals, wäre schlagartig beendet. Es will als Geldagentur zugleich eine Vermögens- und Arbeitsagentur sein und wäre durch die Unabhängigkeit der Menschen von solcher Agenturtätigkeit zweck- und sinnlos. Es braucht überhaupt keiner von den Menschen selbst unkontrolierbaren Macht. Große Projekte werden sowieso auch heute schon durch Verträge geplant und geregelt. Das Arbeitsvolumen macht nicht das Kapital aus. Aber das Kapital bestimmt das Arbeitsvolumen zu einem unverbindlichen Moment seiner Bereicherung. Es bildet hierdurch einen Reichtum an Geld, der sich immer mehr gegen die Menschen wendet, weil er eine Machtfülle erzeugt, die für sie keinen Sinn hat und auf Dauer daher nur ihr Geld entwertet. Dass wir das Kapital nicht mehr brauchen, das klingt für viele vielleicht wie ein Traum. Doch solche Träume sind der Stoff der realen Geschichte. Befolgen wir nur die Weisungen und Sprüche der Schuldentechnokratie, so bleiben wir fixiert auf die Macht der Geldwerte und werden zwangsläufig im unendlichen Geldbedarf des Kapitals versteinern. Widerstandskultur ist die Bewegung gegen diese Versteinerung. Sie ist nicht einfach Kultur, die von selbst Widerstand wäre. Sie verfolgt eine Politik gegen das politische Subjekt der bestehenden Verhältnisse, das fiktive Kapital, welches nicht nur ihre Arbeit, sondern auch die ganze Natur und Kultur der Menschen, den Inhalt ihres Seins beherrscht. ( Quelle: www.kulturkritik.net) Die "real existierende Gemeinschaft" verlangt bedingungslosen Gehorsam als Gegenleistung für die gebotenen oder versprochenen Dienste. Möchtest Du unseren Schutz genießen? Dann gib deine Freiheit ganz oder weitgehend auf. Suchst du echtes Vertrauen? Dann vertraue nur denen, die zur Gemeinschaft gehören. Sehnst du dich nach Verständnis? Dann rede mit Fremden und benutze keine fremden Sprachen. Willst du dich in deinen vier Wänden geborgen fühlen? Dann laß dich nicht mit Fremden ein, verhalte dich unauffällig und denk nicht soviel nach. Sehnst du dich nach Wärme und Geborgenheit? Dann bleib weg vom Fenster und öffne es nicht. De Haken dabei ist, daß die Luft bald unerträglich stickig wird, wenn man diese Anweisungen befolgt. Das Privileg, in einer Gemeinschaft zu leben, hat seinen Preis - und dieser ist nur solange unerheblich, wie die Gemeinschaft ein Traum bleibt. Die Währung, in der dieser Preis zu entrichten ist, heißt Freiheit; man könnte sie ebensogut "Autonomie", Recht auf Selbstbehauptung oder "Recht auf Individualität" nennen. Wie aich immer: man verliert etwas, gewinnt aber auch etwas hinzu. Auf Gemeinschaft verzichten; heißt auf Sicherheit verzichten; der Anschluß an eine Gemeinschaft bedeutet allerdings sehr bald den Verzicht auf Freiheit. Sicherheit und Freiheit sind gleich kostbare und gesuchte Werte, die man besser oder schlechter ausbalancieren, doch kaum je störungsfrei in Einklang bringen kann. Die real existierende Gemeinschaft wird nicht die ihrer Träume sein - eher die ihrer Alpträume: Sie wird ihnen neue Ängste und Unsicherheiten bringen, anstatt die alten zu lindern. Sie wird von ihnen verlangen, die Schwerter zu wetzen und rund um die Uhr auf der Hut; zu sein; sie wird sie jeden Tag wieder zum Kampf rufen, um die Fremden vor den Toren abzuwehren oder die Abtrünnigen in den eigenen Reihen aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. (Quelle - Zygmunt Baumann)
| | Torsten Bewernitz: Das Sein verstimmt das Bewusstsein Soundtrack: Daddy Longleg: „Crime“ „we never said we know a simple way we never said that everything's okay so fuckin governments shut up so goddamn know-it-alls piss off who the fuck knows what's going on who brings the food, the streets, the goods we are the workers, we know what's going on we should know how to organize!” (von „Barricadas”, Falling Down Records 2007) Um kaum einen Begriff ranken so viele linke Mythen wie um den des Bewusstseins. Ob Parteien, Gewerkschaften, NGOs (Nichtregierungsorganisationen) oder Autonome – unisono heißt es, um die Welt zu verändern, sei ein Bewusstsein der Verhältnisse notwendig. Insbesondere unter Studierenden und Intellektuellen dominiert daher ein Verständnis von Bewusstsein, nach dem dieses durch Lesen und Lernen zu erwerben sei. Die Folge sind Seminare, Bücher, Abendveranstaltungen oder Beiträge wie dieser (wobei dieser, um es vorweg zu sagen, nicht Bewusstsein schaffen will, sonder in der Tat belehren). DozentInnen, AutorInnen und ReferentInnen fühlen sich folglich als VermittlerInnen dieses Bewusstseins. Sie haben sich ausführlich mit einem Thema beschäftigt, gelten als ExpertInnen für einen bestimmten Bereich und vermitteln dieses weiter. Dieses Verständnis von ‚Bewusstsein’ definiert den Begriff als ‚politisch’. Unter den Tisch fällt das ökonomische Bewusstsein über die eigene Klassenlage. Das politische Bewusstsein kann sich als durchaus fatal erweisen, es muss keineswegs in ein Engagement führen, sondern es kann auch ein Bewusstsein sein, dass Neoliberalismus fördert oder sich als ‚nationales Bewusstsein’ artikuliert. Für Intellektuelle und Studierende, die einmal Intellektuelle werden wollen (den Autoren eingeschlossen) und insbesondere für PolitikerInnen, die nicht nur in Parteien zu finden sind, ist es wichtig, sich als VermittlerInnen von ‚Bewusstsein’ zu verstehen, schließlich bestimmt diese Aufgabe ihr eigenes Bewusstsein: Wir haben viel Zeit damit verbracht, uns selber weiterzubilden, Spezialisten zu werden und wollen unser erworbenes Wissen nicht für uns behalten oder sind überzeugt, dass unsere ‚Politik’ für alle richtig ist. In diesem Punkt unterscheiden sich Autonome nur unwesentlich von Sozial- oder auch Christdemokraten. Daran ist weniger falsch, als dieser Beitrag im Folgenden implizieren wird. Das erworbene und erarbeitete Wissen weiter zu geben ist moralische und oft auch ökonomische Rechtfertigung für die zeitliche Investition in die Bildung. Dieses nicht weiter zu vermitteln, würde die Idee der Bildung ad absurdum führen. Diese Aufgabe manifestiert das Bewusstsein der Intellektuellen. Allein: Vorträge etwa über die ‚Globalisierung’, Bewegungen am anderen Ende der Welt oder Organisationsstrukturen neonazistischer Organisationen präsentieren nur angelesenes und angeeignetes Wissen. Sie sind sinnvoll, denn die Struktur der WTO oder der G8 zu begreifen, kann helfen, die eigenen Verhältnisse in einen größeren Zusammenhang zu stellen und etwa den eigenen Arbeitsvertrag anders zu sehen, die Struktur neonazistischer Organisationen erklärt evtl., warum eine Kameradschaft ein Dorffest ausrichtet, Nachhilfeunterricht organisiert o.ä. Um eine solche Veranstaltung zu besuchen oder einen Beitrag oder ein Buch zu solchen Themen zu lesen, muss ich aber bereits eine Form von Bewusstsein haben, das Verständnis, dass diese Themen etwas mit meinem Alltagsleben zu tun haben: Wenn ich eine Veranstaltung über Strukturen einer neonazistischen Organisation besuche, ist mir bereits bewusst, dass Neonazis ein Problem sind, wenn ich ein Buch über ‚Globalisierung’ lese, weiß ich bereits, dass diese Auswirkungen auf mein Leben hat. Solche Beiträge prägen also gar nicht das Bewusstsein, denn es ist bereits vorhanden. Sie erweitern maximal mein Wissen und fördern das Bewusstsein des anwesenden Experten. Sind die ExpertInnen mal zur Abwechslung keine SozialwissenschaftlerInnen, sondern z.B. JuristInnen, ist das für meinen Alltag sogar sehr praktisch. Aber auch dann habe ich die Veranstaltung besucht oder das Buch gelesen, weil ich bereits von der Notwendigkeit dieser Informationen überzeugt war. Oder aber ich besuche die Veranstaltung aufgrund meines eigenen Bewusstseins als Intellektueller, ich fühle mich aufgrund meiner Identität verpflichtet, mich fortzubilden oder meinen Senf zum Thema abzugeben. Vielleicht möchte ich das sogar in kritischer Absicht, weil ich anderer Meinung als die ReferentIn bin und das kundtun möchte. Ich fürchte dann, dass die ReferentIn den anderen Anwesenden ein ‚falsches Bewusstsein’ vermitteln könnte. Das setzt voraus, dass wir unser Wissen für das bessere, kompetentere und letztendlich wahrere halten. Wenn die Gäste unserer Veranstaltung uns dann erzählen, dass der Nazi von nebenbei aber doch eigentlich ganz nett sei, weil er unsere Oma betreut oder unseren Sohn auf die Hüpfburg beim Stadtfest begleitet, wenn sie uns erklären, dass noch nie jemand von der WTO bei ihnen im Betrieb war, um eine neue Regelung einzuführen, dann halten wir das für („notwendig falsches“) Bewusstsein. Unser Sein als Intellektuelle hat unser Bewusstsein als BesserwisserInnen und KlugscheißerInnen bestimmt. Vielleicht aber haben unsere Gäste recht: Der Nazi von nebenan ist möglicherweise wirklich ganz nett, hat Spaß an der Betreuung meiner Oma, beginnt deswegen demnächst sein freiwilliges soziales Jahr und ist danach längste Zeit Nazi gewesen. Wir haben Wissen über die Strukturen der neonazistischen Organisationen, aber keine Erfahrung mit dem Nazi von nebenan. Und darauf kommt es an, wenn es darum geht, Bewusstsein zu entwickeln. Was wir als Bewusstsein verkaufen, ist blanke Ideologie. Das zeigt den Fehler an der ganzen Sache: Der Referent und ich haben genau das selbe Bewusstsein eines Intellektuellen, der Wissen angesammelt hat. Keiner von uns beiden kann mehr Bewusstsein schaffen als der oder die andere, wir präsentieren lediglich unser Wissen und unsere Meinungen. Die Übernahme dieses Wissens und dieser Meinungen halten wir dann für eine Erweiterung des Bewusstseins der weiteren Anwesenden. Das ist schlichtweg arrogant. Und diese Arroganz ist das Dilemma der modernen Linken. Anstatt davon auszugehen, dass die Zuhörenden oder Lesenden eine andere Form von Wissen haben (das ja unbestreitbar sprachlich verwandt ist mit dem Bewusstsein) und dieses mit dem unseren austauschen, glauben wir, durch unser ExpertInnen- Wissen Bewusstsein schaffen zu können oder sogar zu müssen. Wir verwechseln Bewusstsein und Bildung. Dadurch, dass jemand überwiegend mit Menschen verkehrt, die studieren und mit Theorie umgehen, entwickelt man das eigene Bewusstsein. Wer mit Menschen verkehrt, die das nicht tun, kennt vielleicht dennoch Menschen, die ein beeindruckendes Klassenbewusstsein an den Tag legen: Nicht- Studis oder Nicht-Intellektuelle, die noch nicht Marx oder Kropotkin gelesen haben. Die ‚linken’ Intellektuellen gehen davon aus, dass jedeR studiert, weil sie/er etwas wissen wollte, ‚um Dinge umzusetzen’. Da liegt der Hase im Pfeffer: Sie wollten vorher schon etwas umsetzen, hatten bereits eine Idee –und die kam nicht aus dem Nichts. Sie kam aus der Schulzeit, aus der Familie, aus der Kultur, im besten Falle aus der Erkenntnis, dass das vorherige Arbeitsleben einen nicht erfüllte. Darüber hinaus vermuten ‚linke Intellektuelle’, alle würden deswegen studieren, sie schließen, völlig illegitim, von sich auf alle. Studieren nicht die Meisten eher, um entweder einen Arbeitsplatz zu bekommen oder aber einen besonders gut dotierten? Es geht, davon bin ich überzeugt, den wenigsten Studierenden um Wissen als solches, sondern, gerade in Zeiten des Bologna-Prozesses, bedeutet es einfach eine Ausbildung für etwas, was man später mal machen möchte – Lehrer, Manager, Professor oder leitender Angestellter. Oder aber autonomer Kommunenbewohner, der sich durch (Schein-)Selbständigkeit oder Hartz IV finanziert. Woher kommt die Idee, dass letzterer Lebensentwurf besser wäre als der einer 16jährigen Hauptschülerin, deren Zukunftsvision ‚Hartz IV kriegen oder Superstar werden’ ist? Jener Hauptschülerin, die irgendwann einmal auf einem Privatsender auftauchte, wird das Bewusstsein abgesprochen, dass der autonome Kommunenbewohner in Scheinselbständigkeit haben soll. Sie basht Intellektuelle, argumentiert populistisch und wird vielleicht ‚rechts’. Hat sie deswegen weniger Bewusstsein? Nein! Wie viele ökonomische – und auf die kommt es an – linke Projekte scheitern genau daran? Weil Leute erst gar nicht mitmachen, weil der Scherbenhaufen ein Desaster nicht nur für eine Person, sondern für ein reales, ökonomisches Kollektiv – sei es eine Familie oder eine Kommune - ein Desaster darstellen könnte? Nicht umsonst betont z.B. die Streikforschung, dass über einen Streik nicht auf der Betriebsversammlung, sondern am Küchentisch entschieden wird, weil von einem ausbleibenden Lohn oder einer Entlassung nicht nur eine Person betroffen ist. Junge Linke, die vielleicht noch andere Finanzierungsquellen haben – sei es, dass sie immer wieder einen neuen Job finden oder aber Mama und Papa in der Hinterhand haben – spüren diese Bedrohung nicht dermaßen: Und darum ist die moderne Linke ein Jugendphänomen. Linke ökonomische Projekte scheitern oft genau an diesen verschiedenen Ansprüchen: Sobald eine ökonomisch attraktivere Lösung in Griffweite ist, ist das kollektive ökonomische Projekt von gestern: Man ist ja nicht weg, sondern immer noch in der Antifa, bei dem Anti-Atom- oder Kriegstreffen oder im Theoriezirkel und konstatiert dann am besten noch ein mangelndes Bewusstsein derjenigen, die dort nicht sind. Man ist enttäuscht von den GenossInnen, die bei der letzten Hausbesetzung oder Demo nicht dabei waren. Vielleicht waren sie ja arbeiten um sich oder ein Kollektiv zu ernähren? Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Deswegen muss die Frage erlaubt sein: Wie gehen die, die studiert haben, sich mit Theorie beschäftigen und eine ‚politische’ Alltagspraxis haben, mit denen um, die all das nicht haben? Sind das ‚Spießer’? Oder - noch schlimmer – ‚Prolls’? Mit denen man sich gar nicht auseinandersetzt? Die in der U-Bahn einfach nur nerven? Die andere Musik (Schlager) hören und Fußball besser als Yoga finden? Befinden wir uns in einer ‚linken Szene’, die prima miteinander klarkommt, weil da ja alle das richtige ‚politische’ Bewusstsein haben? Schmeißen wir Leute mit einer Deutschlandfahne auf dem Parker oder nach einem frauenfeindlichen Witz sofort aus dem autonomen Zentrum, damit wir nicht noch einmal Diskussionen führen müssen, über die wir doch schon vor 10 Jahren einen Konsens erreicht haben? Oder ganz polemisch: Haben wir unser gemütliches Plätzchen im Kapitalismus gefunden, in einer Wagenburg, einer Kommune oder einem besetzten Haus? Das alles sind Sachen, die ich durchaus gut finde, zu denen ich hin gehe, weil auch ich gerne Punk höre, mich mit Theorie auseinandersetze und auch glücklich bin, wenn ich nicht – wie am Arbeitsplatz – nach einer Kindesmisshandlung den nächsten Ruf nach der Todesstrafe hören muss oder rassistische Türkenwitze vor einem Fußballspiel. Aber das ist nicht das wahre Leben und oft langweilig. An dem Punkt wünsche ich manchmal, ich würde mich für Fußball interessieren und nicht nur für meine Arbeitsbedingungen. Ein schönes Beispiel für das Missverständnis zwischen politischem und ökonomischem Bewusstsein sind die Studierendenproteste gegen die Erhebung von Studiengebühren: Die GegnerInnen von Studiengebühren argumentieren, dass alle Studierenden gegen Studiengebühren sein müssten, weil dadurch weniger Bildung für viele erhältlich sei. Das soll auch für Konzernbesitzertöchter und Politikersöhne gelten. Wenn diese nicht gegen Studiengebühren seien, sei das falsches Bewusstsein. Das ist schlichtweg falsch. Das Kind des reichen Unternehmers hat ein immenses Bewusstsein davon, dass es selber keinen Schaden durch Studiengebühren hat, vielleicht sogar einen Nutzen, wenn weniger Arbeiterkinder studieren und die Lehrenden dadurch mehr Zeit für ihn oder sie. Notwendig falsch ist sein oder ihr Bewusstsein höchstens in dem Sinne, dass das Unternehmerkind automatisch davon ausgeht, später eine gehobene Position einzunehmen und keine ökonomischen Probleme zu haben. Hintergrund ist aber nicht, dass ihnen niemand erklärt hat, dass sie jederzeit plötzlich ArbeitnehmerInnen werden können, sondern, dass sie diese Erfahrung nie gemacht haben. Ihr Bewusstsein ist ihrer aktuellen Situation durchaus angemessen. Ein ganz anderes Beispiel: Stellen wir uns eine Ärztin vor, die aufgrund massiver geschlechtlicher Diskriminierung entscheidet, ihren Job in einer Klinik aufzugeben und sich selbstständig zu machen, um nicht weiter vom mangelnden Wohlwollen alter männlicher Chefärzte abhängig zu sein, die der Meinung sind, das Frauen nicht operieren können. Sie kommt aus besserem Hause, hat 1968 studiert, setzt sich für Minderheiten ein und liest Marx und Sartre. Mit der neuen eigenen Praxis sieht sie sich der Situation ausgesetzt, Büro- und Reinigungskräfte einzustellen. Diese erwarten einen gewissen Lohn, Urlaub etc., keineswegs bahnbrechende Forderungen, sondern die arbeitsrechtlich garantierten Mindeststandards. Dennoch fühlt sich die Ärztin nach einer gewissen Zeit über den Tisch gezogen, entwickelt eine entsprechende Aversion gegen Gewerkschaften und Parteien, die Gewerkschaftsforderungen unterstützen. Sie hatte guten Grund, selbstständig zu werden, spendet jährlich an Greenpeace oder amnesty international. Obwohl sie diese Praxen weiterhin beibehält, entwickelt sie ein Bewusstsein dafür, dass sie ihre Angestellten ausbeuten muss. Sie entwickelt ein Klassenbewusstein – und zwar das für sie durchaus richtige. Kein Grund, sie zu verachten, denn ihre Handlungsmotivationen sind vollkommen nachvollziehbar. Sie hat sich bei aller Sympathie für Befreiungsbewegungen und bei aller Empathie für soziale Gerechtigkeit durch ihr Leben und ihr Studium einen gewissen Lifestyle angeeignet (den Bourdieuschen Habitus), den sie nicht missen möchte und über den sie nicht hinaus denken kann. Darüber hinaus hat sie vielleicht Familie, die mit ernährt werden muss. Sie ist vielleicht mit den Ansprüchen in ihre Selbständigkeit hinein gegangen, eine Gemeinschaftspraxis mit egalitärer Bezahlung zu gründen. Es hat aber nicht gereicht, erstens, legitimer Weise, nicht für die Familie und zweitens, nicht so legitim, weil sie ihren Lebensstil nicht ändern wollte – zum Teil aber auch, folgt man dem Bourdieuschen Habitus-Begriff, weil sie nicht konnte. Ein kollektives Projekt, das so unsicher ist, dass es nach einigen Jahren scheitern könnte, kam gar nicht erst in Frage, denn das hätte das familiäre Kollektiv gefährdet. Ihre Klasseninteressen haben sich massiv verändert, und das war ökonomisch auch nicht anders möglich. Trotz dieses Verständnisses muss ich aber als Putzkraft in der selben Praxis gegen sie intervenieren, wenn ich auch nur einen Funken Bewusstsein habe. Einige der ReferentInnen und BesucherInnen linker Veranstaltungen und LeserInnen linker Bücher und Zeitschriften werden sich genau so entwickeln wie in diesem fiktiven Beispiel. Das Wissen aus den Veranstaltungen und Büchern steht ihnen nach wie vor zur Verfügung, ebenso das T-Shirt mit dem roten Stern, das Palästinenser- Tuch, der Kapuzenpulli und die anderen Symbole vermeintlich ‚linken’ Bewusstseins. Am notwendigen Verhalten ändern diese Symbole gar nichts. Falsches Bewusstsein haben sie dann, wenn sie trotz ihrer ökonomischen Position weiterhin jeder Lohn- und Urlaubsforderung nachgeben, weil sie sie politisch richtig finden. Dann würden sie so falsch liegen wie Studierende, die für einen Minimallohn in der Kneipe schuften und ihren Urlaubsanspruch vergessen. Nach dem Studium wird sich womöglich. herausstellen, dass die einstmals Liberalen prima ArbeitsrechtlerInnen sind und die Linken vorbildliche Ausbeuter werden. Ob sie jemals Marx oder Friedman gelesen haben oder auch nur eine einzige linke Info-Veranstaltung besucht haben, ob sie während des Studiums klassische Musik oder Punkrock gehört haben, hat darauf keinen Einfluss. Bewusstsein heißt eben nicht, zu wissen, was diese oder jene TheoretikerInnen mal gesagt haben oder wie die Weltwirtschaft funktioniert. Bewusstsein heißt, die eigene Lage zu erkennen und beurteilen zu können. Was sich heute Politik oder politisches Engagement schimpft, hat damit selten etwas zu tun. Im besten Falle wird sich der liberale Student einer Gewerkschaft anschließen und die linke Ärztin einem Arbeitgeberverband, um die entsprechenden Interessen besser durchsetzen zu können. In diesem Moment ist aus der Klasse an sich die Klasse für sich geworden. Es bestimmt eben nicht der/die (ideologische) TheoretikerIn das Bewusstsein, sondern allein das Sein, die blanken Rahmenbedingungen der eigenen Existenz. Wenn ökonomisch relevante Argumente mein Handeln motivieren, habe ich vielleicht ein schlechtes Gewissen, aber kein falsches Bewusstsein. Von jenen, die dieses Bewusstein haben, ein anderes Handeln einzufordern – und das ist das Geschäft linker Politik – kann keinen Erfolg haben. Wir sind auf uns selber gestellt. Notwendig ist nicht ein weiterer Vortrag, sondern ein Erfahrungsaustausch, damit wir nicht alleine da stehen. Die Hauptschülerin, die Ärztin und der arbeitende Familienvater waren eben doch begrenzt determiniert. Menschen sind nicht frei in der Gesellschaft des Kapitalismus und es ist absolut nicht sozialistisch oder anarchistisch, das zu behaupten: Wenn dem so wäre, bräuchte es kein Engagement für einen Anarchismus. Keine Entscheidung ist undeterminiert – das zu behaupten, ist letztendlich Ideologie. Menschen, die entsprechend anders entscheiden, diese Entscheidungen vorzuwerfen, ist autoritär. Die Existenz einer solchen Freiheit vorauszusetzen, würde erstens bedeuten, dass der Neoliberalismus mit seinem Diktum ‚Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied’ recht hätte: Wenn ich leide, bin ich selber Schuld. Ich alleine kann das ja ändern. Zweitens verkennt es vollkommen die Struktur des Kapitalismus(der klassische Fehler des Anarchismus), wenn der Mensch so frei wäre, ist seine Rolle im Kapitalismus seine freie Entscheidung: Ich werde wie die zitierte Hartz IV-Hauptschülerin ALG II-Empfänger – wie es die US-amerikanischen ‚Freegans’, die sich für AnarchistInnen halten, ausdrücken: „Wer arm ist und darunter leidet, ist selber Schuld’ – oder aber erfolgreicher Selbständiger: Dass das nicht funktioniert, merkt jedeR Arbeitslose sehr schnell. Wer nicht nur mit linken AnarchistInnen rumhängt, sondern auch mit (Schein-)Selbstständigen, Angestellten extrem kapitalistischer Firmen und Arbeitslosen, die nie studiert haben, merkt schnell, dass diese alle nie frei entschieden haben: Der Wunsch nach Freiheit und die philosophische Diagnose, der Mensch sei frei in seinen Entscheidungen, sind etwas sehr Unterschiedliches. Und nur den Wunsch braucht es, um Anarchist zu sein. Die Diagnose, es sei schon so, teilen die Ideologen des Neoliberalismus. Aus der Erkenntnis, dass das ‚Sein’ nicht zu Erkennen ist, zu schließen, dass es nicht existiere, ist genau so fehlerhaft wie zu behaupten, es sei auf eine bestimmte Weise. Diese Version von Freiheit wird zu einem egomanen Individualismus und dieser ist ein Hauptproblem heutiger anarchistischer PraktikerInnen. Das Rezept, das ich dagegen setze, ist der Austausch von Erfahrungen in einem ökonomischen Sinne. Diese entstehen nicht in einem wissenschaftlichen Theorieaustausch, sondern in einem Austausch der ökonomischen Abhängigkeiten und einer gemeinsamen Wehrhaftigkeit. In einer halbwegs egalitären Gesellschaft determinieren uns Dein, mein, Annas und Peters Bewusstsein und nicht nur das meine –woher um Himmels Willen soll das kommen? Aus Büchern? Das eigene ‚Bewusstsein’, das schon mal gar keines ist, wenn es einzig und allein meines ist, weil es dann partikular ist, erschient arg beliebig. Es ist dem populistischen Begriff der ‚Anarchie’ als Chaos und Terror nicht besonders fern. Eine heutige Freiheit des einzelnen Menschen zu konstatieren, ist nicht Grundannahme jeder anarchistischen Theorie und Praxis, es ist das Gegenteil: Es ist von hinten bis vorne Neoliberalismus. Solidarität entsteht nicht durch das Lesen von Büchern oder dem Hören von Musik. Das ist bestenfalls Mitleid. Wir können uns weder mit einem ‚israelischen’ noch einem ‚palästinensischen’ Volk noch mit einer indigenen Bewegung in Chiapas solidarisch erklären, weil Voraussetzung jeder Solidarität das Nachvollziehen der Ausbeutung anhand der eigenen Verhältnisse ist. Um uns mit Israel oder Palästina solidarisch zu erklären, müssten wir uns national definieren und entweder eine entsprechende Schuld oder eine entsprechende Situation erkennen. Allerdings können wir Ähnlichkeiten in staatlicher Repression und ökonomischer Ausbeutung erkennen, wenn wir mit den Menschen reden, und dort auch entsprechend solidarisch sein. Das ist das Faszinierende z.B. an der EZLN: Sie erzählen und machen Erfahrungen begreif- und vergleichbar. Die Ausbeutung in der Maquiladora mag intensiver sein als die im deutschen CallCenter: Nach einem Austausch erkenne ich gemeinsame Strukturen. Erst so kann ich solidarisch handeln. Für alles andere könnten wir auch in die Kirche gehen. Wenn Buch und Musik das Kriterium für Bewusstsein wären, dann täte es auch Die Bibel und der Choral – und dann täte es auch ‚Mein Kampf’ und Rammstein. Es ist klar, das so etwas fatal ist. Niemand bekommt von mir auch nur einen Hauch von Solidarität, weil er Bakunin liest und Slime hört. Das Sein bestimmt (und verstimmt) das Bewusstsein. Etwas marxistische Theorie täte dem Anarchismus auch in diesem Punkt ganz gut. (Quelle -www.grundrisse.net) |
 "GEIST & MACHT - Plädoyer für einen Weisenrat" Sind Angela Merkel oder Franz Müntefering, Edmund Stoiber oder Reinhard Bütikofer die weisesten Männer und Frauen in unserem Land? Intelligent, gewieft und durchsetzungsstark – gewiss. Belesen, sachkundig und ausgebuffte Meister des politischen Handwerks – sicherlich. Aber weise? Obwohl diese Frage in der aktuellen politischen Diskussion kaum jemals gestellt wird, halte ich ihre Beantwortung für enorm wichtig. Müsste man sie mit „nein“ beantworten, so stellt sich eine zweite Frage: Mit welchem Recht beanspruchen diese Damen und Herren, uns zu führen und Macht über uns auszuüben? Roland Rottenfußer fordert die Etablierung eines Weisenrats, der die Politiker berät und eine Kontrollfunktion ausübt – mit einem Blick auf die großen Zusammenhänge, die im Gerangel kurzfristiger Einzelinteressen oft verloren geht. Wer ist ein Weiser? Der chinesische Philosoph Lao Tse, legt hohe Maßstäbe bei der Definition dieser Spezies an:
„Der Weise hat keine Sorge um sich er hat Sorge um alle Menschen Er ist gut zu den Guten er ist gut zu den Schlechten denn Tugend ist Güte Er ist ehrlich zu den Ehrlichen er ist ehrlich zu den Unehrlichen denn Tugend ist Ehrlichkeit Der Weise lebt behutsam und demütig alle richten ihre Herzen auf ihn er achtet alle wie seine Kinder“ (Lao Tse: Tao Te King)
Ein bescheidenes, völlig selbstloses Wesen also, ausgestattet mit dem urchristlichen Bestreben, selbst noch Böses mit Gutem zu vergelten – passt diese Beschreibung auf Merkel, Platzeck & Co.?
Laotse stellt in allgemeinen Worten eine theoretische Maximalforderung auf. Etwas präziser wird Platon in seiner Beschreibung des Philosophenstaats. Er schildert nicht nur genauestens, welche Tugenden die Staatslenker auszeichnen müssten (Anspruchslosigkeit, Unbestechlichkeit, Gerechtigkeit), er stellt auch einen genauen Erziehungsplan auf, mit dem Ziel, dass nur die würdigsten Vertreter einer Generation an die Macht gelangen. Gymnastik, Musik, Auferlegung von Schmerzen, Entbehrungen und Prüfungen, die Ausbildung des Intellekts und Studium der Philosophie, Erfahrung und Gewandtheit im praktischen Leben – schließlich, frühestens mit 50 Jahren, ein Aufrücken in Führungspositionen aufgrund strenger Auslese. Die Betreffenden müssen besitz- und ehelos sein, in einer Art Mönchsgemeinschaft leben, ganz dem Wohl des Volkes und dem immateriellen Gewinn verschrieben: »Wir werden ihnen sagen, sie hätten genug Silber und Gold von Gott erhalten, das göttlichere Material läge in ihnen, sie benötigten daher nicht auch noch irdisches Gold.« Das hätte mal einer zu Gerhard Schröder sagen sollen, dem seine Kanzlerpension offenbar nicht ausreicht: „Sei bescheiden, der wahre Reichtum ist in dir!“
Vergleicht man das von Platon skizzierte Auswahlverfahren mit heute real existierenden Systemen (ich rede jetzt einmal nur von den westlichen Demokratien), so werden die Unterschiede deutlich. Wer, wie in Deutschland, eine klassische Parteikarriere durchläuft, wer Durchsetzungsfähigkeit, Verhandlungsgeschick, die Fähigkeit, Verbündete zu gewinnen, ein gewisses Selbstvermarktungstalent und Fingerfertigkeit auf der Klaviatur der Mediendemokratie besitzt, muss nicht notwendigerweise ein schlechter Mensch sein und zum Schaden des Volkes agieren. In einem System wie dem der USA, wo Wahlkampfkosten von Großkonzernen getragen werden und sich Präsidentschaftsanwärter durch Willfährigkeit gegenüber den Bedürfnissen der Privatwirtschaft qualifizieren, ist Demokratie dagegen weitgehend zur Farce degeneriert.
Die Frage Platons nach dem Vorhandensein von Weisheit und Integrität in der Staatsführung ist also wichtig, ja für das Gelingen einer „Weltinnenpolitik“ überlebenswichtig. Sollten die weisesten Männer und Frauen eines Landes selbst die Regierungsgeschäfte übernehmen? Trotz immer wieder gern genannter Beispiele wie Nelson Mandela, Michail Gorbatschow oder Vaclav Havel, verweisen doch die wenigen historisch überlieferten Positivbeispiele auf ein heikles Dilemma: Vermag der „Weise“ seine Weisheit im politischen Alltagsgeschäft zu bewahren? Geht nicht der ursprüngliche ethische Impuls, der ihn vor seiner Inthronisation zum Dissidenten gegen das herrschende System gemacht hat, unter dem Nerven zehrenden Trommelfeuer banaler „Sachzwänge“ verloren? Anstatt dass die Politik weise würde, könnte man befürchten, macht sie den Weisen politisch, entfremdet ihn von seiner inneren Wahrheit unter dem Anpassungsdruck einer negativ vorgeprägten Realität.
Müssen der Weise und der Herrscher aber stets ein und dieselbe Person sein? Wäre es nicht klüger, wenn die beiden ein arbeitsteiliges Team bilden würden? Der Herrscher als Handelnder, der dem Tagesgeschäft und seinen Erfordernisse gerecht wird, der Weise als sein Berater, ohne institutionell verankerte Macht, jedoch mit großem Ansehen im Volk, ausgestattet mit moralischer Autorität.
Gern erinnere ich mich an die eine Szene in dem Film „Gandhi“, in der der Mahatma, die „große Seele“, der geistige Vater des indischen Volkes, zu einer Konferenz der indischen Regierung eingeladen ist. „Es ist besser, dass du zurücktrittst“, sagt er knapp zum amtierenden Premierminister Nehru.“ Und Nehru trat tatsächlich zurück. Das Erstaunliche an dieser Szene ist, dass Gandhi zu diesem Zeitpunkt kein Regierungsamt inne hatte. Er sprach einzig aus dem Charisma seiner Integrität heraus, die er sich durch seinen persönlichen Mut und seine glaubwürdige Lebensführung erworben hatte.
Etwas weniger dramatisch gestaltete sich das Verhältnis von Ex-Kanzler Helmut Schmidt zu den bedeutendsten Schriftstellern und Intellektuellen seiner Zeit. Kurz vor der Stürmung der von Terroristen entführten Passagiermaschine in Mogadischu 1977, lud er die renommierten Romanschriftsteller Heinrich Böll („Gruppenbild mit Dame“) und Siegfried Lenz („Deutschstunde“) zu sich ein. Günter Grass war eingeladen, aber verhindert. Die Schriftsteller äußerten ihre Bedenken, ob die staatlich angeordnete Tötung von Terroristen ein ethisch legitimes Mittel sein konnte, um gegen den Terror vorzugehen. Schmidt ließ das Flugzeug trotzdem stürmen, sein Verhalten bewies aber einen gewissen Respekt gegenüber den „Weisen“ seines Landes.
Der König und sein weiser älterer Berater – diese beiden sind ein Archetypenpaar, tief eingesenkt in unsere unbewusste Bilderwelt. In zahlreichen Märchen und Mythen begegnen sie uns. Im Tarot entsprechen sie zwei Karten des großen Arkanums: „Der Herrscher“ und „Der Eremit“. Aragorn, der werdende König, und Gandalf, der Zauberer heißen sie in Tolkiens Welterfolg „Der Herr der Ringe“. Deren Vorbilder wiederum dürften der legendäre König Arthus und sein Mentor Merlin gewesen sein. Agamemnon, der Heerführer der Griechen im Trojanischen Krieg ließ sich von dem greisen Nestor beraten.
Christen und Juden finden in der Beziehung der Könige Saul und David zu dem Propheten Samuel ein aussagekräftiges Vorbild für das Funktionieren des klassischen Macht-Tandems. Samuel war nicht nur Berater der Potentaten, er war der Königsmacher und wusste sich stets tief verbunden mit dem göttlichen Auftrag. Er war es, der Saul zum ersten König Israels berief und salbte. Später entriss er ihm die Herrscherwürde wieder: „Weil du des Herren Wort verworfen hast, hat er dich auch verworfen, dass du nicht mehr König seist.“ An Sauls Stelle wurde ein „Nobody“, der junge Schafhirte David als König installiert. Die Erwählung erfolgte offensichtlich im Widerspruch zu allen äußeren Insignien der Autorität: Alter, Reichtum, hohe Geburt oder gesellschaftliche Stellung – nichts davon zeichnete David aus, lediglich „schöne Augen“ wurden ihm zugesprochen. Samuels Kommentar ist bedeutsam: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“ Man kann die Frage stellen, ob heute das „Herz angesehen“ wird, bevor jemand auf eine Machtposition gehievt wird.
Sind diese „Fallbeispiele“ auf unsere Zeit übertragbar? Sicherlich ist die Machtfülle der biblischen Propheten fragwürdig. Würden wir ernsthaft wüschen, dass die von uns gewählten Volksvertreter durch das Wort eines weißbärtigen Alten abgesetzt werden könnten, der für sich beansprucht, „von Gott gesandt“ zu sein? Entscheidend ist hier für mich der Aspekt der Beratung und Kontrolle der Macht durch eine zweite Instanz, die sich durch hohe Integrität und geistige Autorität auszeichnet. Diese Instanz ist in der Lage, die Wirrungen des politischen Tagesgeschäfts quasi von einer höheren Warte aus zu beobachten. Sie hat das Wohl des Ganzen im Auge: das der Machtlosen, der Unterdrückten und der zahllosen ungehörten Zukünftigen, unserer Kinder, Enkel und Urenkel.
Weise wie Merlin oder Samuel sind unbestechliche und nicht erpressbare Mahner, unbequem und sperrig, nicht durch Eigennutz motiviert, meist auch legitimiert durch das Vertrauen der Mehrheit ihres Volkes. Sie sind keine Päpste und Ayatollahs mit der Macht einer zementierten Institution im Hintergrund (für jene wäre eher die Tarotkarte „Hohepriester“ das Symbol), sondern freie, absolut unabhängige Geister. Ich nenne als ein Beispiel der jüngeren Vergangenheit gern den Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll, der sich nicht vor der Macht der veröffentlichten Meinung (der BILD-Zeitung) fürchtete und sich weder beim bundesdeutschen Establishment noch bei dessen erklärtem Gegner, dem Sowjet-Machtblock anbiederte.
Ich denke dabei auch gern an einen Helden meiner jugendlichen Literaturbegeisterung: Marquis Posa, der in Schillers „Don Carlos“ seinem König Philipp von Spanien mutig entgegentritt und ihm zuruft: „Geben Sie, was Sie uns nahmen, wieder. Lassen Sie, großmütig, wie der Starke, Menschenglück aus Ihrem Füllhorn strömen. (…) Ein Federzug von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit!“ Würde sich einer unserer Intellektuellen, unserer Künstler, Wissenschaftler und Religionsführer heute hinstellen und den Politikern so etwas ins Gesicht sagen: „Geben Sie, was Sie uns nahmen, wieder!“? Heute stehen ganz andere Personen vor den Thronen der Mächtigen und versuchen diese nach ihren Vorstellungen zu manipulieren. Ihre Botschaft heißt nicht: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“, sondern „Geben Sie Handelsfreiheit!“, will sagen: Liberalisieren Sie die Märkte, damit unserem Profitinteresse nichts entgegen steht. Wo ist ein Gegengewicht zu diesen Stimmen? Fehlt es uns an Persönlichkeiten vom Format eines Heinrich Böll in Deutschland, eines Pablo Neruda in Chile oder einer Arundhati Roy in Indien? Oder fehlt es den Mächtigen an Respekt, um den Weisen, die es wohl zu allen Zeiten in allen Ländern gab, wirklich zuzuhören?
Eine Geschichte zum Thema Respekt: Sonan Gyatso wurde 1543 in Tibet geboren. Jahrzehnte später wurde er zu einem weisen Lama, dessen Ruf bis weit über die Grenzen des Landes hinaus drang. Der Mongolenfürst Altan Khan hörte von dem Weisen. Viele Male lud der Herrscher Sonan Gyatso zu sich ein – zunächst vergeblich, bis dieser schließlich der Einladung folgte. Altan Khan reiste ihm bis an die Grenze seines Reiches entgegen, um seinen Gast in Ehren zu empfangen und ihn in seine Hauptstadt Koko Kotan zu geleiten. Sonan Gyatso begann sofort, den Herrscher spirituell zu unterweisen, und nach kurzer Zeit konvertierte dieser zum Buddhismus. Der Mongolenfürst verlieh seinem Lehrer den Titel Dalai Lama („Ozean der Weisheit“). Heute ist Sonan Gyatso (da seine Vorgänger diesen Titel noch nicht trugen) als der 5. Dalai Lama bekannt. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist die Wertschätzung, die der Mächtige dem Weisen entgegen brachte – symbolisch verdeutlicht in der Tatsache, dass er ihm bis an die Grenze seines Reiches entgegen kam.
Vom heutigen Dalai Lama, dem 14., stammt folgender Ausspruch: "Es könnte sich lohnen, eine Institution zu schaffen, deren grundsätzliche Aufgabe es ist, menschliche Angelegenheiten vom Standpunkt der Ethik aus zu überwachen – eine Gruppe von Persönlichkeiten mit den verschiedensten Hintergründen – angesehen wegen ihrer Integrität und ihrer Hingabe an fundamentale ethische und menschliche Werte – ihre Überlegungen könnten das Gewissen der Welt sein!" Ein Weisenrat, „das Gewissen der Welt“ – wäre dies nicht eine Überlegung wert? Da in großen, unüberschaubaren Staatsgebilden ein einzelner „Samuel“ oder „Merlin“ vielleicht mit der Betreuung aller (erfahrungsgemäß ziemlich unbelehrbaren) Politiker überfordert wäre, könnte eine Gemeinschaft der weisesten Frauen und Männer eines Landes vielleicht das Gegengewicht zu den Regierungen und Parlamenten bilden. Das Zitat des Dalai Lama verweist auf einen Welt-Rat. Man könnte aber ebenso an Räte auf allen Organisationsebenen denken: Europäische Gemeinschaft, Deutschland, Länderebene, kommunale Ebene. Je kleiner das Gebiet ist, für das sich ein Rat zuständig fühlt, desto leichter könnte er sogar zu organisieren sein.
Der Vorschlag ist an und für sich nicht neu. Erich Fromm schrieb 1976 in „Haben oder Sein“: „Ein oberster Kulturrat ist ins Leben zu rufen, der die Aufgabe hat, die Regierung, die Politiker und die Bürger in allen Angelegenheiten, die Wissen und Kenntnis erfordern, zu beraten. Dieses Gremium soll aus Vertretern der geistigen und künstlerischen Elite des Landes bestehen, aus Männern und Frauen, deren Integrität über jeden Zweifel erhaben ist.“ Erich Fromm beruft sich dabei auf eine Prämisse, die man auch in Zweifel ziehen kann: „Es besteht ein weitgehender Konsens darüber, wer die hervorragenden Repräsentanten des Geistes- und Kulturlebens sind.“ Wirklich? Würden zahlreiche potenziell geeignete Persönlichkeiten nicht von vornherein sehr stark polarisieren? Auch Erich Fromm räumt ein: »Die Schwierigkeit besteht nicht darin, Ratsmitglieder ausfindig zu machen, sondern im Auswahlverfahren, denn sie können weder durch allgemeine Wahlen ermittelt werden, noch sollte die Regierung sie ernennen.« Fromm kommt zu dem Schluss, dass man ja mit drei oder vier Personen beginnen und den Rat allmählich auf 50 bis 100 Mitglieder ausweiten könne. Letztlich befürwortet er also eine Selbst-Ermächtigung einer zunächst kleinen Gruppe von „Weisen“.
Einen von Bürgern gewählten Rat auf internationaler Ebene fordert dagegen der Stifter des „Alternativen Nobelpreises, Jakob von Uexküll. Er ist Begründer der „Initiative Welt-Zukunftsrat“ („World Future Council“). Von Uexküll argumentiert: „Um die Machtbalance in unseren Gesellschaften wiederherzustellen ist es notwendig, Institutionen zu schaffen, die Bürgerwerte auf allen Ebenen repräsentieren. In Zukunft könnten solche Institutionen national gewählt werden; in der Schweiz gibt es bereits eine Kampagne für einen ‚Zukunftsrat’ als dritte Gesetzeskammer. Dieses Modell wäre ebenso global umsetzbar. Bis dahin würde die Legitimation des von uns angeregten globalen Rates durch die generell anerkannten Werte und Ziele verkörpert – und durch den daraus resultierenden Nutzen.“
Jakob von Uexküll verfolgt im Gegensatz zu Erich Fromm von vornherein eine explizit politische Stoßrichtung: für die Bewahrung der Schöpfung, gegen den Ausverkauf der Zukunft unserer Kinder, gegen Konsumwahn und die Übermacht einer Ideologie wirtschaftlicher Effizienz. „Es fehlt eine Instanz, die an unsere gemeinsamen Wertvorstellungen als Weltbürger appelliert und unsere innere moralische Stimme anspricht, die kaum noch gehört wird im Missklang der rund um die Uhr ertönenden Konsum-Propaganda. Der Rat, den wir vorschlagen, würde an unsere Verantwortung erinnern: Bewahrer und Hüter der Erde für künftige Generationen zu sein. (…) Er würde den Zusammenhang aufdecken zwischen der Jagd nach wirtschaftlichen Gütern und dem Anwachsen sozialen Übels. So ein ‚Welt-Zukunfts-Rat’ (oder ‚Welt-Ethik-Rat’) würde aus angesehenen und aufgeschlossenen Persönlichkeiten unterschiedlicher Länder, Herkunft und Glaubensrichtungen bestehen. Er würde sich regelmäßig treffen, Anhörungen leiten und seine Beschlüsse und Empfehlungen zur Umsetzung veröffentlichen. Seine Macht wäre eine moralische – die allerdings nicht unterschätzt werden sollte.“ Ein solcher Weisenrat könnte eine Reihe von Dilemmata umgehen, die mit dem Thema „Macht und Weisheit“ untrennbar verbunden sind. Zunächst muss klar gestellt werden, dass hier kein „Gottesstaat“ nach dem Vorbild der iranischen Ayatollahs oder der Schreckensherrschaft der Calvinisten in der Schweiz gemeint ist. Eine Diktatur spiritueller Führer mit Unfehlbarkeitsanspruch nach dem Vorbild der Papst-Herrschaft im Vatikan ist das Gegenteil dessen, was ich hier empfehlen will. Überhaupt darf der Begriff des „Weisen“ nicht auf religiöse Führerschaft beschränkt werden. Künstler, Wissenschaftler, spirituelle Außenseiter, auch soziale und ökologische Aktivisten, die Vordenker von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) könnten mit einbezogen werden.
Wäre der Rat eine „elitäre“ Einrichtung, wie Erich Fromm suggeriert? In gewisser Weise ja, aber keine die gegen das Volk, von ihm unverstanden oder gar an ihm vorbei agieren dürfte. Die Frage der Volksnähe ist nicht leicht zu lösen. Denken wir z.B. an Günther Grass: Sein intellektueller Rang ist unbestritten, er ist auch eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und mutig in seinem öffentlichen Auftreten. Seine Werke, z.B. „Der Butt“, sind jedoch für breitere Bevölkerungsschichten, die der Rat zu vertreten hätte, schwer zugänglich. Was würde andererseits dabei herauskommen, wenn man alle Bürger eines Landes unter allen denkbaren Persönlichkeiten wählen ließe? Bekämen wir dann Bully Herbig statt Wim Wenders, Gottschalk statt Reich-Ranitzky?
In jedem Fall müssten die Kandidaten zusätzlich zu ihrer intellektuellen Kapazität mit einer gewissen Herzqualität ausgestattet sein und fähig sein, ihre Gedanken allgemeinverständlich auszudrücken. Der Grundsatz „alle Gewalt geht vom Volk aus“ müsste im Kern unangetastet bleiben, man muss ihn sogar durch Schaffung eines Gegengewichts gegen den Zugriff angemaßter Schattenregierungen aus dem Finanz- und Konzernmilieu schützen. Der Rat hätte keine Exekutivmacht, aber ein hohes Maß an moralischem Einfluss. Seine Legitimation stünde und fiele mit der Achtung der Mehrheit des Volkes. Mehr noch: Der Rat müsste die Liebe des Volkes besitzen, und das Volk die Liebe des Rates. „Alle richten ihre Herzen auf ihn, er achtet alle wie seine Kinder.“ (Lao Tse).
Damit soll nicht einer neuerlichen Entmündigung dieser „Kinder“ durch ihre „Ältesten“ das Wort geredet werden. Auch die Frage nach der Altersstruktur des Rates muss gestellt werden. Wäre nur an würdige ältere Herren wie Gorbatschow oder den Dalai Lama zu denken, oder kämen auch jüngere wie die Globalisierungskritikerinnen Arundhati Roy und Naomi Klein in Frage? Hätte eine Sophie Scholl nicht schon mit 21 Jahren die erforderliche Reife und Integrität besessen? Jakob von Uexküll fordert denn auch eine Dreiteilung des Rats. Neben den „Wise Planetary Elders“ vom Schlage eines Nelson Mandela sollen Pioniere und Vorreiter ein eigenes Gremium bilden. Ebenso wie als drittes ein Jugendrat, ohne den die Bezeichnung eines „Zukunftsrats“ wohl kaum legitim sein dürfte.
Das Projekt macht offenbar Fortschritte. Hamburg hat zugesagt, als Sitz des Welt-Zukunftsrats zur Verfügung zu stehen. 7000 NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) werden derzeit nach ihren Favoriten befragt. Wie aber steht es in Deutschland auf nationaler und regionaler Ebene? Mir jedenfalls sind keine derartigen Aktivitäten bekannt. Hier wäre noch Handlungsbedarf. Wie könnte man beginnen: Vielleicht mit einer kleineren Gruppe von „Weisen“, deren Mitglieder sich selbst und einander zunächst für geeignet halten und dann mit gutem Gespür für einen möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens weitere Mitglieder „rekrutieren“ könnten. Oder mit der Gründung eines Organisationskomitees, das sich auf mindestens eine angesehene Persönlichkeit (nach dem Vorbild Jakob von Uexkülls) berufen kann, die geeigneten Kandidaten nach einem vorgegebenen Verfahren ermittelt und für das Projekt gewinnt.
Wäre zu erwarten, dass Politiker und Wirtschaftsführer den Rat dieser Weisen überhaupt hören, geschweige denn befolgen würden? In keinem Fall dürfte der Rat die zu Beratenden nicht von vornherein als quasi „unter seinem Niveau“ betrachten. Selbst wenn dies, von einer intellektuell oder ethisch vermeintlich „hohen“ Warte aus zuträfe, wäre doch eine elitäre Attitüde dem Zweck der Veranstaltung abträglich. Es ist von einer Gleichwertigkeit aller Menschen (bei unterschiedlichem Aufgabenfeld) auszugehen und ein grundsätzlicher Respekt zu wahren: Der Weise ist „gut zu den Schlechten“ um es überspitzt (mit Lao Tse) zu sagen. Er definiert den Politiker oder Wirtschaftsführer nicht abschließend als „böse“, sondern als einen Menschen mit dem Potenzial zur Umkehr. Ohnehin vermag kein Appell Wirkung zu zeigen, wenn er sich nicht an das innewohnende (vielleicht vorübergehend verschüttete) „Licht“ wendet. Die Rede von Schillers Marquis Posa an König Philipp ist hier wiederum ein leuchtendes Beispiel: „Der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten. Des langen Schlummers Bande wird er brechen und wiederfordern sein geheiligt Recht. Zu einem Nero und Busiris wirft er Ihren Namen, und – das schmerzt mich, denn Sie waren gut.“
Dieses „Sie waren gut“ (zu einem Gewaltherrscher wie Philipp) mag naiv erscheinen, es ist aber die vielleicht einzig wirksame Einladung zur Umkehr, die dem (noch) Machtlosen zur Verfügung steht – bei Schiller geschickt gepaart mit einer subtilen Drohung, dass sich die Massen dereinst erheben könnten. Stellen wir uns vor, ein Vertreter des zu schaffenden Weisenrats würde vor den Regierungschef, den Präsidenten, den Vorstandsvorsitzenden hintreten und sagen: „Der Mensch ist mehr als das Stimm- und Konsumvieh, mehr als die manipulierbare Verfügungsmasse, die Sie aus ihm machen wollen. Es wird die Zeit kommen, in der er aus seiner hypnotischen Starre aufwacht und sich gegen Sie erhebt, um sein Recht auf Leben zurückzufordern. Er wird Ihren Namen in einem Atemzug mit den Tyrannen des 20. Jahrhunderts nennen, denn Sie haben die Zerstörung der Natur, das Massensterben der Menschen in der Dritten Welt, den durch Profitinteressen motivierten Krieg verursacht oder hingenommen. Das schmerzt mich, denn Sie hatten das Potenzial, ein guter Herrscher zu sein. Suchen Sie wieder die Verbindung zu Ihrem ursprünglichen konstruktiven Impuls, und zusammen können wir die Erde neu erschaffen.“ Dieser Text ist von Roland Rottenfußer - Hinter den Schlagzielen!

Wenn aber das Gesetz so beschaffen ist, dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann, sage ich, brich das Gesetz. Mach dein Leben zu einem Gegengewicht um die Maschine aufzuhalten. (Henry David Thoreau) Gert Heidenreich©2005
Nährstoff des Neides
Ich sei „Deutschland“, wurde mir zu meiner Überraschung kürzlich mehrfach unverlangt auf appellativen Werbeseiten vorgehalten. Kurz darauf teilte die Bundeskanzlerin Deutschlands mit, sie wolle mehr Freiheit wagen. Lese ich ihr Bekenntnis zusammen mit der Mitteilung, dass ich Deutschland sei, muß ich daraus schließen, daß meine Kanzlerin mehr Freiheit für Deutschland, also für mich, wagen will. Das ist schön. Einem altgewordenen 68 kann, meint man, nichts besseres versprochen werden. Ein wenig Skepsis nehme ich dann doch für mich in Anspruch. In Zeiten, in denen ich als Bürger nachhaltig gedrängt werde, nach vorn zu sehen, blicke ich als Privatmann gern zurück. Gern auch sehr weit. Im Vierten vorchristlichen Jahrhundert stoße ich auf den Satz: Man muss dafür sorgen, dass der Gegensatz der Reichen und Armen sich möglichst ausgleicht oder dass der Mittelstand wächst. Die Forderung stammt aus der Staatslehre des Aristoteles von Stageira, einem Werk, dessen anhaltende Aktualität mich immer wieder fasziniert. Ihm zufolge kommt es in der Demokratie auf zwei wesentliche Elemente an: Freiheit (Ελευθερια) und Gleichheit (Ισονομια), wobei erstere auch Unabhängigkeit meint und letztere sowohl Rechtsgleichheit als auch Gleichberechtigung. Beide Grundelemente erst erlaubten dem Menschen, sein Leben so zu führen, wie es ihm angenehm ist. Fügen wir der Vollständigkeit halber noch eine weitere aristotelische Forderung hinzu: Namentlich muss man bedacht sein, durch die Gesetze die Verhältnisse so zu regeln, dass niemand aufkommen kann, der allzu mächtig ist durch Anhang oder Reichtum. Nun fällt auf, wie weit wir es gebracht haben: In nahezu jeder Hinsicht versagt die gegenwärtige Gesellschaft vor den fast zweieinhalbtausend Jahre alten demokratischen Grundforderungen. Ja, träte heute einer wie Aristoteles auf und würde die Einlösungen oder Einhaltung seiner Regeln fordern, er wäre sofort mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er der Neidgesellschaft das Wort und den Standort Deutschland ins Abseits rede.
Ich habe seit Jahren mit wachsender Unruhe beobacht, wie in unserer Republik reflexartig das Wort Neid ausgestoßen wurde, wenn man auf den zerbrechenden, wenn nicht zerbrochenen sozialen Zusammenhang der Gesellschaft hinwies. Wenn man fragte, ob es eigentlich gerecht und nötig ist, Glücklosigkeit im öffentlichen Amte mit Abschiedssummen zu vergolden, die mancher Betriebskrankenkasse aus ihrer Zahlungsnot helfen würden. Dachte einer darüber nach, Vermögen zu besteuern, rief es aus vermögenden Etagen noch vor Kurzem herab: Neidsteuer! Nun wird eine Reichensteuer erwogen, gegen die sich nur deshalb nicht derselbe Neidvorwurf erhebt, weil die enttäuschenden Wahlergebnisse der CDU gezeigt haben, wo die Erträglichkeitsgrenze in Deutschland liegt. Man hält jetzt doch lieber erst einmal still, um nicht noch mehr Diskussion des krankhaften Gefälles zwischen Reich und Arm in Deutschland zu riskieren. „Wir sind Deutschland“? Ja, schon: die einen leben in der Krise, die anderen von ihr. Wurden in der Presse die astronomischen Abschlagszahlungen für entlassene Spitzenversager angeprangert, schrie sofort die Lobby der Vorstände: Neidgesellschaft! Denn auch ihr Versagen konnte eines Tags zur Debatte stehen. Darum ist der Wille zur Solidarität heute in den Chefetagen höher als der Wille zur Konkurrenz. Nun hält man lieber still, bequemt sich mancherorts sogar zur Einsicht, so mancher Manager habe sich wohl verstiegen. Was, wie wir nun wissen, nicht nur in finanzieller sond auch in libidinöser Hinsicht gilt. Auch hinter solchen Feststellungen wird gewiss Neid vermutet, so als würde ich das Geld denen neiden, die es – verdienen. Ist das wahr? Leben wir in einer Neidgesellschaft, repräsentieren wir sie? Empfinden wir die Gleichzeitigkeit von Spitzengewinnen und Massenentlassungen nur darum als pornografisch, weil wir den Vorstänen, Aufsichtsräten und Managern ihre Appanagen neiden? Und was meint es eigentlich, wenn uns unterstellt wird, wir schürten den Neid der Arbeitslosen auf die Spitzenverdiener?
Ein gerichtetes, missgünstiges Gefühl gegenüber Einzelnen oder Gruppen wegen eines Wertes, dessen Besitz dem Neider nicht gegeben ist. So definiert der Brockhaus den Neid. Schenkt man dem Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos Glauben, ist der Neid ein Übel, das die Seele martert, den Körper verdorren lässt, hohläugig macht, blass und dürr, und den Leib zerfrisst wie die Motte ein Kleid. Traditionell gehört der Neid zu den sieben Todsünden. Für den Apostel Paulus ist er ein Werk des Fleisches. Laut Friedrich Schiller aber hat er scharfe Augen, und Bertrand Russell zufolge bildet der Neid gar die Grundlage der Demokratie. Doch Russell gilt als Anarchist. Immerhin wissen wir, welche Farben diese Variante der Missgunst trägt: Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid, heißt es im Grimm’schen Märchen von Schneewittchens Stiefmutter. Die Dame wird aus Neid mehrere Mordanschläge unternehmen. Und auch hier soll heute die Rede sein von dem Zusammenhang, dem möglichen, zwischen Neid und Gewalt. Erschrecken Sie bitte nicht – ich will nicht in die Fußstapfen des Kollegen Hochhut treten, der mit seinem McKinsey-Stück angeblich das Leben deutscher Bänker bedroht; ich winke nicht mit der Idee des Tyrannenmords; aber ich will versuchen, öffentlich darüber nachzudenken, was mit unserer Gesellschaft los ist, die meiner Beobachtung nach wissentlich auf ihren Zerfall zusteuert. Also spreche ich nicht aus Neid auf jene, die verdienter oder unverdienter Maßen über großen Reichtum an Geld und Privilegien verfügen. Ich weiß auch nicht, ob es sich damit so verhält, wie Schopenhauer uns lehrt: Der Reichtum gleicht dem Seewasser – je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. Mag sein, er hat recht; mir fehlt die Erfahrung; ihm fehlte sie übrigens auch.
Ich spreche aus Sorge. Aus Furcht. Denn ich kann, zumal mit Blick auf die Geschichte, nicht glauben, dass die weithin empfundene Unsicherheit und die verbreitete Fassungslosigkeit angesichts von Vergeudung und unverhältnismäßig wachsenden Einkommensunterschieden auf Dauer von Geduld begleitet oder durch Kontrolle ruhiggestellt werden kann – jedenfalls durch keine Kontrolle, die sich noch mit den Prinzipien des Rechtsstaates vertrüge. Anders gesagt: ich fürchte mich vor einer Akkumulation von Unzufriedenheit, durchwirkt und verstärkt von Existenzangst; vor dem Überschlag des gegenwärtig deutlich zu vernehmenden Zorns in besinnungslose Wut. Gegen wen die sich richten würde, ist geschichtlich bis in unsere Zeit hinein hinreichend belegt: gegen alle. Niemand hat je für irgendwen Sicherheit garantieren können, wenn erst Zerstörung als gerecht, Gewalt als hilfreich galten. Da rettet dann keine Nachbarschaft. Wir haben sämtliche Bilder parat. Da wird nicht fein unterschieden zwischen politischen, sozialen, religiösen Motiven, zwischen Jungen und Alten, Kindern und Greisen. Ist erst einmal die Zivilisation entkräftet, erhebt sich Barbarei. Zerfällt das Regelwerk unseres Alltags, wird auch der Freund zum Feind. Nahezu jeder von uns ist derart gefährdet, nahezu jeder dafür talentiert. Auch Kultur schützt nicht. Denn das Hindernis für die Barbarei ist nicht die Kultur. Sondern die Zivilisation. Sind wir als zivilisierte Wesen nicht mehr gefordert, garantiere keiner für sich! In jedem, sieht er sich in die Enge getrieben, lauert ein Barbar.
Die Anfänge sind nicht spektakulär. Eine Emulsion aus Enttäuschung, Verbitterung und Resigniertheit gießt sich über das Land aus. Zurückgehende Wahlbeteiligung, Ansehensverlust der Demokratie und ihrer Institutionen, fehlende Vorbildlichkeit nicht nur in der Politik, gesellschaftliche Abstinenz der jungen Generationen, Ellenbogenmentalität und Verachtung von Solidarität, propagierter Egoismus, wachsende Korruption und Schlamperei, stetige Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen bei steigenden Gebühren – und nicht zuletzt die Marginalisierung der Bildung.
Wie auf einem Barometer lässt sich das Klima ablesen. Noch scheint es einigermaßen gut zu sein. Solange keiner ans Deckglas des Messinstrumentes klopft und die Nadel in den Unruhe-Bereich zuckt. Hie und da hört man Ermahnungen, kleine Empörung muckt auf, und weil für alles, was nicht wunschgemäß verläuft, die Globalisierung verantwortlich gemacht wird, gibt es auch öffentlich Globalisierungsgegner. Wo bleiben die Gegner unserer hausgemachten Selbstgefährdung? Welche der Volksparteien hat soziale Verhältnismäßigkeit, humanistisches Menschenbild und die Gleichheit der Chancen sich nicht nur auf die Fahne, sondern als zwingende Selbstverpflichtung in ihre Handlungsentwürfe geschrieben? Sich nur christlich zu nennen oder sozial oder demokratisch oder alles zugleich, kostet nichts und ist nicht mehr wert als des Kaisers neue Kleider. Die Megaphone verstärken jeden Text, und sei er noch so verlogen. Warum eigentlich sind die Gewerkschaften in einem Augenblick verstörend hoher Arbeitslosigkeit von einer programmatischen und rhetorischen Schwäche befallen, die man nur mit Entsetzen betrachten kann? Was ist mit einer Verwaltung los, deren Dienstleistung zunehmend darin besteht, die Arbeit, für die sie entlohnt wird, auf Steuerkosten nach außen zu verlagern, und die dann Beratung nennt, was nichts anderes ist als Minderung der eigenen Verantwortung bei Vervielfachung der öffentlichen Ausgaben? Hier ist weder Dienst, noch Leistung, und die Bedeutung von dienen, nämlich behilflich und nützlich sein, scheint ebenso verloren wie der Inhalt des Wortes Dienst: es meint die pflichtgemäße Ausübung einer Tätigkeit und nicht bloß die körperliche Anwesenheit am Arbeitsplatz.
Mühelos könnte der Katalog erweitert und spezifiziert werden. Jeder von uns kann Belege beitragen. Untereinander erzählen wir uns empörende Erfahrungen. Doch der private Diskurs der Beschwerde zerrinnt am Ende zur Gleichgültigkeit. Man kann ja nichts machen. Es ist jetzt nun einmal so. Und wer will schon als nöckernder Greis dastehen, der jammert, früher sei alles besser gewesen... Was aber, wenn es stimmt? Wenn nicht nur der alte Aristoteles um Vieles klarer gedacht hat als alle hochmögenden Kommissionen in Berlin? Wenn auch Verhältnisse, nicht alle freilich, wenn auch politische Reden, freilich nicht jede, wenn auch das Bildungsniveau, nicht bei allen freilich, mal besser waren, als sie heute sind? Muss man da nicht nöckern, auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen und sich dem Vorwurf auszusetzen, man nehme der Jugend den Mut zur Zukunft. Hilft man der jungen Generation, wenn man sie erst um ihre Chancen bringt und dann auch noch über die Zeit belügt, in der sie lebt?
Du sollst keine Angst machen, lautet eine der Regeln, die wir aus den Achtziger Jahren mitbekommen haben. Angst sei ein schlechter Ratgeber. Ja, als Ratgeber taugt sie nicht, aber als Anfang des Zweifels ist sie nicht schlecht. Im Übrigen wird derzeit so viel Angst gemacht wie noch nie. Die Spezialisten für Angst-Schlagzeilen können die Lettern nicht groß genug wählen, wenn es um die Abschläge bei den Renten geht, um die Ausbildungsabgabe, die angeblich Kleinbetriebe in den Ruin stürze. Um Benzinpreise, Medikamente, Pflegekosten. Über Geld wird andauernd geredet und geschrieben. Nur nicht über den Reichtum. Und seine politischen und gesellschaftlichen Folgen. Nicht darüber, dass die Jahre, in denen hier so viel und laut geklagt wurde, für die Superreichen eine ausgezeichnete Erntezeit waren.
Das private Gesamtvermögen aller, vom amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes gezählten Milliardäre stieg 2005 auf 2,2 Billionen US$. Die Liste der Milliardäre – es sind 691 – wird angeführt von Bill Gates: er gewann in diesem Jahr zu seinen 46,6 Milliarden US$ 4,5 weitere Milliarden hinzu. Unter den ersten zwanzig der Reichsten der Reichen – wir sprechen da von einem persönlichen Vermögen zwischen rund 15 und 50 Milliarden US$, ist auch Europa vertreten: zwei aus Deutschland, einer aus Frankreich, einer aus Italien namens Berlusconi, einer aus Schweden. Also keiner aus Russland, Großbritannien, Spanien. Aus den USA sind es 13, darunter die Mitglieder der Familie Walton, deren Gesamtvermögen dank Wal-Mart 90 Milliarden beträgt. Die Scheichs von Saudiarabien und Brunei sind in der Liste nicht geführt. Werden unsere top two, die Aldi-Brüder, öffentlich mit Neid betrachtet? Offenbar nicht. Erfolgreich arbeitende Unternehmer sind nicht umstritten. Es ist die Kaste der oberen Manager, die sich selbst in den letzten Jahren unbedenklich desavouiert hat. Korrupten Politikern und raffgierigen Gewerkschaftsbossen folgend, haben einige von ihnen dafür gesorgt, dass die Leitfiguren der Wirtschaft mit Scharlatanen gleichgesetzt werden, die mit einer Schamlosigkeit sondergleichen ihre luxemburgisierten Vermögen und Abfindungen vermehren und zugleich die Entlassung von Arbeitern und Angestellten als neue Freiheit zur Selbstverantwortung preisen.
Ich erinnere mich gut an meine jugendliche Frage: Warum verdienen denn die Direktoren soviel? Nun, weil sie eine so große Verantwortung und das ganze Risiko tragen, lautete damals, Anfang der Sechziger, die Antwort. Heute lacht die vereinte Republik über derart naive Auskünfte.
Was seither entstanden ist, sind keine Feindbilder – wie meine Generation sie ’68 ziemlich pauschal entworfen hat. Was entstand, ist schlimmer: eine Oligarchie der Zyniker, denen meines Wissens ein einziger deutscher Politiker eine schlüssige Argumentation entgegenstellte: Heiner Geißler, der seit den frühen 80er Jahren unbeirrt gegen Zynismus und menschenverachtende Wirtschaftsmodelle argumentiert. Bezeichnend, dass seine Argumentation ihn bereits vor zwei Jahrzehnten den Parteifreunden suspekt gemacht hat. Er ist in seinem Denken einfach nicht bestechlich genug. In einem Interview vom November 2004 stellt er Fragen und verlangt Antworten: „Wo bleibt der Aufschrei der SPD, der CDU, der Kirchen gegen ein Wirtschaftssystem, in dem große Konzerne gesunde kleinere Firmen mit Inventar und Menschen aufkaufen, als wären es Sklavenschiffe aus dem 18.Jahrhundert, sie dann zum Zwecke der Marktbereinigung oder zur Steigerung der Kapitalrendite und des Börsenwertes dichtmachen und damit die wirtschaftliche Existenz von Tausenden mitsamt ihren Familien vernichten?“ (Die Zeit, 11.11.2004)
Die Oligarchie derer, die via Kapital- und Marktsteuerung jederzeit die Zahl der Arbeitslosen erhöhen und mit Arbeitsverlagerung ins Ausland drohen können, haben längst mehr Einfluss auf die Politik, als der Demokratie gut tut. Ihre Dominanz wäre vermutlich weiterhin stillschweigend akzeptiert worden, hätten nicht zwei Faktoren die Lage geändert. Zum einen wurde die Erwartung an die rotgrüne Koalition in Berlin, bei notwendigen Reformen auf soziale Gerechtigkeit zu achten, so gründlich enttäuscht, dass man keine Neuauflage wollte. Zum andern haben die Oligarchen der Wirtschaft sich in einer Weise selbst bedient und über jede Kritik daran derart flegelhaft hinweggesetzt, dass sie inzwischen nur noch als gierig in jeder Hinsicht verschrien sind und ihre Glaubwürdigkeit als Fachleute eingebüßt haben. Was ihnen dazu einfiel, war nur, diejenigen, die auf ihre Gier hinwiesen, als Neider und Spießer zu denunzieren. Die Selbstbeschädigung dominanter Personen in Wirtschaft und Politik ist von destruktiver Wirkung auf die gesamte Demokratie. Ich halte diese Zerstörung von oben für wesentlich gefährlicher als die Zerschlagungslust autonomer Gruppen an der Basis. Flächendeckende Politikverdrossenheit ist noch die mildeste unter den sozialpsychologisch erfassbaren Folgerungen. Wer sich und sein Amt der Lächerlichkeit preisgibt, wie dies beispielsweise Exbundeskanzler Kohl und Ministerpräsident Koch in ihren Spendenaffären getan haben, hat dem Ansehen unserer Demokratie und ihrer Institutionen vermutlich mehr geschadet als alle Neonazis zwischen Eberswalde und Rosenheim. Von letzteren erwartet man nichts anderes als dummdreiste Verlogenheit. Von einem Kanzler oder Ministerpräsidenten jedoch muss das verlangt werden, was in der Staatslehre des Aristoteles Arete (αρετη) genannt wird. Ein Begriff, der Tugend und Tüchtigkeit, Können und Vortrefflichkeit verbindet, und zusammengefasst als Vorbildlichkeit übersetzt werden kann.
Wer als Staatsmann diese Arete durch Verlogenheit und windige Ausreden preisgibt, ja sich von ihr trennt, indem er Geldgeschäfte im Interesse der eigenen Partei falsch oder nicht angibt, der kann juristisch so unbelangbar sein wie ein Unschuldiger – der Schaden, den er dem Ansehen der politisch verantwortlichen Klasse seines Landes zugefügt hat, überragt jede zivil- oder strafrechtliche Dimension. Darum fordert Aristoteles: Die Hauptsache aber ist in jeder Verfassung, dass durch Gesetze und die ganze übrige Staatseinrichtung die Verhältnisse so geordnet sind, dass man sich an den Staatsämtern nicht bereichern kann.“ Wenn nämlich „die große Masse glaubt, dass die Regierenden sich am öffentlichen Gut vergreifen, dann schmerzt sie beides: von den Ehrenämtern ausgeschlossen zu sein und vom Gewinn.
Wenn heutzutage ein Lehrer seinen Schülern die Rechtssicherheit der Demokratie nicht mehr als erstrebens- und erhaltenswert empfehlen kann, weil sie ihm mit sardonischem Gelächter die Namen Kohl und Koch entgegenrufen; wenn sie ihm bei der Erörterung des Grund-Gesetzes, daß Eigentum verpflichte, ein ganzes Register mit Firmennamen vorhalten (Telecom, Siemens, Deutsche Bank, Electrolux) und begründet darauf verweisen können, wie solche Firmen ihre Arbeitnehmer aus Lohn und Brot und „der Politik vor die Füße werfen“ – wie Herr Stoiber es treffend ausdrückt; dann gerät diese Jugend in Gefahr, für ihre Begeisterungsfähigkeit und den altersgemäßen Hochmut andere Felder zu suchen, wo sie etwas oder jemanden findet, dem sie Achtung entgegenbringen kann. Ich bin überzeugt, dass jede Generation hinter ihrer natürlichen Ablehnung von Autorität nicht nur nach Identifikation mit selbst gewählten Leitfiguren strebt, sondern auch nach Persönlichkeiten in der politischen Klasse sucht, die achtbar wären. Findet sich die Arete aber nirgends, versagt Aristoteles zufolge auch die Erziehung. Und versage sie, so erwachse daraus ein Schaden für die Verfassung. Wie eigentlich soll man einem jungen Menschen von Anfang Zwanzig, der nach Abschluss seiner Ausbildung keine sinnvolle Betätigung findet, beweisen, dass er in der bestmöglichen aller Staatsformen lebt? Und selbst wenn er das in Bezug auf die Freiheit noch glaubt – was soll er in Bezug auf die zweite Säule der Demokratie, die Gleichheit, denken, wenn er sieht, wie Firmenvorstände, die aufgrund von Misswirtschaft, Begünstigung, Vorteilsnahme oder Planungsunfähigkeit ihren Posten räumen müssen, dabei Abfindungen in einer Höhe mitgehen lassen, die er vermutlich bis zum Rentenalter nicht zusammenverdienen kann; – was schließlich von der dritten Säule der Demokratie, der Gerechtigkeit, wenn er doch weiß, wie Spendenvertuschung und Steuerhinterziehung geradezu sportlich betrieben werden, weil nur der geringste Teil je einer juristischen Ahndung anheimfällt; – und was von der charakterlichen Eignung von Politikern, wenn er hört, dass schwarze Gelder wahrheitswidrig als jüdische Vermächtnisse ausgegeben werden, in der Hoffnung, die Justiz werde dann nicht nachfragen. Diese abgefeimte Form des Antisemitismus, die den Holocaust als Tabuzone mißbraucht, hat ihren hessischen Urheber nicht einmal die Wählbarkeit gekostet.
Wird ein junger Mensch mit diesen Erfahrungen nicht zu Recht fragen: was bitte soll an dieser Demokratie frei, gleich und gerecht sein? Wo ist da noch Vorbildlichkeit? Warum soll das die beste gesellschaftliche Organisationsform sein? Und wofür soll ich mich engagieren, wenn die Werte der Demokratie ihren Repräsentanten so wenig bedeuten? Wir müssten längst in breitem Maße diese Diskussion führen, die durchaus zum Vorteil der Demokratie zu bestehen ist, wenn wir die Schäden und die Schwächen benennen und öffentlich auf Abhilfe sinnen. Doch was geschieht? Wir diskutieren den neuen Konsens der Großen Koalition, der nun, da wir ja alle Deutschland sind, die Verwerfungen der Gesellschaft glattreden soll. Wer damit nicht zufrieden ist, gerät erneut ins Lager der Neider. Neid war schon immer das Schlag-Wort, mit dem es gelang, den Denkbann über die notwendigen Fragen zu verhängen. Auch in den nicht bibelfesten Zeitgenossen erhält sich geradezu archetypisch das Wissen vom Brudermord des Kain an Abel, der aus Neid darauf geschah, dass Gott Abels Opfer annahm, das von Kain aber nicht. Neid wird dadurch nicht nur als eine Schwäche unterstellt, die wir nicht eingestehen wollen: wer möchte schon als missgünstig angesehen werden – sondern der Neider gilt als gleichsam prädestiniert für Brudermord, den ersten und schlimmsten aller Morde. Selbstverständlich wissen das diejenigen, die mit dem Wort Neid Erörterungen ersticken wollen, deren Ergebnisse für sie nicht erfreulich wären. Da sie die Information nicht kontrollieren können, streben sie nach Kontrolle über die Schlussfolgerungen.
Die Zustände liegen in Form von Zahlenwerken auf dem Tisch – man teilt uns ja die Abfindungssummen für Inkompetenz oder Käuflichkeit in der Presse mit. Wir erfahren genau, wie viele Angestellte von der Deutschen Bank in den Jahren immer neuer Rekordgewinne entlassen worden sind. Wer aber die Zahlen in einen argumentativen Zusammenhang bringt, wird bezichtigt, er schüre den Neid. Wo geschürt wird, muss Glut sein, und wo Glut ist, war zuvor ein Feuer. Wie wäre es denn, wenn man aus den Gewinnen des Geldinstituts, dividiert durch die gleichzeitigen Entlassungen seines Personals, einen Zynismusfaktor errechnete? Ich weiß, dass der sich eigentlich Dividende nennt. Aber der vorgeschlagene Begriff träfe die Sache doch besser. Und vielleicht würden die Anleger des kürzlich geschlossenen Imobilienfonds dann begreifen, welcher Art Institut sie ihr Geld anvertraut haben.
Wer nährt den Neid? Wer spielt mit dem Feuer? Wer sind die Neidproduzenten? Jene, die wie ich hier darüber sprechen, dass der Titel Skandal für die uns allen bekannten Tatsachen eine Verharmlosung ist – oder jene, die sich maßlose Jahreseinkomen genehmigen lassen und dann noch erklären, verglichen mit amerikanischen Managern seien sie arme Schlucker. Wenn einige, weil sie allzu frech in die Kasse gegriffen haben, dann doch wie aus Versehen vor einem Gericht erscheinen müssen, feixend und mit hochgestreckten Victory-Fingern, habe ich den Wunsch, ihnen ein Gedicht von Erich Kästner vorzulesen; Ansprache an Millionäre heißt es, weil Milliardäre damals nicht vorstellbar waren. Ein Neidgedicht, in dem die Angesprochenen lesen: Warum wollt ihr solange warten, / bis sie euren geschminkten Frauen / und euch und den Marmorpuppen im Garten / eins über den Schädel hauen? (...) Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern. / Ihr habt das Geld und die Macht genommen. / Warum wollt ihr die Welt nicht ändern, / bevor sie kommen? (...) Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig. / Ihr sollt euch keine Flügel anheften. / Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig. / Wir sprechen von Geschäften. Das Gedicht, sehr viel länger und mit noch heftigeren strophischen Drohungen, stammt aus den frühen Zwanziger Jahren.
Die politischeThese teilt Kästner mit Rolf Hochhuths McKinsey-Stück: die Akkumulation von Geld und Einfluss in einer Oligarchie bei gleichzeitigen Einschnitten ins Volkseinkommen führt notwendig erst zum Bedürfnis nach einem Aufstand gegen die Oligarchen und schließlich zu kollektiver Gewalt. Das will uns, vor allem in der Weise, wie Hochhuth es auf die Bühne gebracht hat, trotz Verständnis für den zugrunde liegenden Zorn etwas naiv vorkommen. In der Spaßgesellschaft ist weit und breit keine charismatische Person, kein revolutionärer Text, geschweige denn eine Bewegung sichtbar, die sich in der Lage sähe, das wachsende Potential an Zorn und Verbitterung zu einem Fanal zu bündeln. Auch sind die Institutionen des Rechts hierzulande so intakt, dass Jakob Burckhardts These vom Tyrannenmord nicht anwendbar ist. Dennoch stellt sich die Frage, wie lange das so bleibt, ob der unterstellte Neid sich nicht sehr rasch in konkreten Neid verwandeln kann, und was daraus folgen würde. Die Politologin Antje Schrupp stellt in ihrer Untersuchung des Neidgefühls fest: Neid, so wie er hierzulande kulturell verstanden wird, hat etwas mit Privilegien zu tun und mit der Vorstellung, dass den Menschen die Dinge, die sie haben dürfen, irgendwie zustehen müssen, dass sie ein Recht auf bestimmte Dinge haben und auf andere Dinge nicht. (...) Neid entsteht dann, wenn die Zuteilung der Privilegien mit diesen Rechten nicht übereinstimmt. Das heißt: der Neid erwischt uns an der Schaltstelle zwischen Recht und Unrecht in unserer Empfindung. Damit wäre er eine soziale Triebkraft auf dem Weg zur subjektiven Gerechtigkeit – und genau so wird er in der linken Theorie auch gesehen. Alle politischen und sozialen Errungenschaften verdanken sich dem kreativen Potential des Neides. Nicht nur die Arbeiterbewegung – auch der Kapitalismus, dessen Motor, der Wettbewerb, darauf beruht, dass jeder mindestens so viel haben will, wie der andere. Um zu sehen, wie gut das funktioniert, genügt es, einige Werbespots im Fernsehen auf ihre Wirkungsweise hin zu betrachten.
Jahrzehnte lang sicherte ein austariertes Gefüge von Maßnahmen den sozialen Minimalausgleich; der Staat hatte ein Netz gespannt, für Erwerbslosigkeit, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit waren Auffangsysteme eingerichtet, die dem Einzelnen das Gefühl gaben, ein, so weit dies möglich ist, gesichertes Leben zu führen. Jeder war nach Maßgabe seiner Fähigkeiten in die Pflicht für alle eingebunden – jedenfalls gemäß der akzeptierten Theorie. Dieses Gefühl verschwindet, seit der Schritt vom Kapitalismus zum Realkapitalismus vollzogen wurde. Plötzlich werden Gewinne nicht mehr der Unternehmenssicherung zugeschlagen, sondern in geradezu asozialem Maß argmentativ dafür benutzt, im kommenden Jahr auf Kosten der Arbeitsplätze eine noch höhere Gewinnmarge anzustreben. Gewinn durch Existenzvernichtung, heißt das Programm. Weg mit dem Menschenballast. Die daraus entstehenden Kosten werden sozialisiert, mögen auch die Leistungsmöglichkeiten der Gesellschaft dadurch überfordert werden. Die Folgen dieser Verwahrlosung von Unternehmensmoral sind unvermeidlich: der Staat muß seine gewährten Hilfen auf mehr Menschen verteilen, also pro Schicksal verringern. Sinkende Steuereinnahmen schmälern die möglichen Leistungen noch einmal, und die Unternehmen können in Ruhe zusehen, wie durch ihre Gewinnmaximierung die Politik in Rechtfertigungsdruck gerät. Die Parolen wechseln von den Sachzwängen zur Globalisierung, und die Tatsache, dass die Schwächsten der Gesellschaft überhaupt keine Wahl haben, sich gegen die Beschneidung ihrer Interessen zu wehren, dass man ihnen gleichsam mitten in der Demokratie die Freiheit nimmt, wird mit der Formel bemäntelt: Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit. Kaum jemandem fällt noch auf, dass dies wortwörtlich die zynische Parole des DDR-Realsozialismus gewesen ist, mit dem er sich gegen den individuellen Freiheitsbegriff der westlichen Demokratien abgesetzt hatte. Der Satz ist für Realkapitalisten offenbar ebenso gut brauchbar.
Ist das nun bloß eine Verwirrung der Begriffe aufgrund einer verworrenen Vereinigung? Wohl kaum. Es deutet eher auf eine Ähnlichkeit im Selbstverständnis von heutigen Unternehmern und damaliger Nomenklatura: Die da unter müssen sowieso tun, was wir hier oben beschließen; denn wir gestalten ihr Schicksal. Die Behauptung, man könne Sachzwängen nur folgen, ohne sie vorher interpretieren zu müssen; die Unterstellung, jeder Protest gegen das Verfahren der sogenannten Reformen entspringe dem Neid; die Preisgabe des Freiheitsbegriffs an eine, im übrigen interessengesteuerte Definition von unausweichlichen Maßnahmen – all dies ist nicht nur ein philosophischer Verstoß gegen die Demokratie-Vorausset-zungen, wie Aristoteles sie erarbeitet hat. Es ist zugleich die Bankrotterklärung sozialdemokratischer Politik. Man stelle sich nur einmal vor, die Sozialdemokraten hätten das Glück gehabt, in solcher Lage aus der Opposition heraus argumentieren zu können. Ihre gesamte Rhetorik hätte ausgetauscht werden müssen. Was nicht heißt, ich wünschte mir für die Reformen einen noch konservativeren Vollzug. Man wird sehen, auf wessen Kosten der neue Konsens geht. Ich nehme den üblichen Einwand vorweg und gebe zu: nein, besser machen kann ich es freilich nicht. Ich habe mich wohlweislich niemals an eine solche Stelle wählen lassen. Das heißt nicht, Augen, Ohren und Mund zu verschließen. Vergessen wir nicht: Aristoteles war kein Staatsmann, er hielt Vorlesungen. Er dachte nach. Er beobachtete, zog Folgerungen. Und behielt stets die Zukunft, also die Jugend, folglich die Frage der Erziehung im Blick.
Die empfindlichste Stelle der Demokratie sind die Demokraten. Das heißt, die Demokratie bedarf einer Mehrheit von Menschen, die entscheidungsfähig sind. Das griechische Wort dafür heißt kritikós (κριτικοσ). Demokraten müssen kritisch sein können. Das bedeutet, sie bedürfen hinreichender Kenntnisse und der Fähigkeit, sie anzuwenden. Hierfür braucht es Geistesbildung. Demokratie ist durch Dummheit in Gefahr zu bringen. Mit Bildung meine ich nicht die Anhäufung von für kanonisch erklärten Kenntnissen – die allerdings nicht schadet. In meinem Verständnis ist Bildung die Verwandlung von Wissen in Bewusstsein.
Rund hundert Jahre vor Aristoteles hat Demokrit von Abdera, der die schönsten Sätze der Antike über die Erziehung verfasst hat, gesagt: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Er war es auch, der wusste: Es gibt gelegentlich Verstand bei den Jungen und Unverstand bei den Alten. Aber seinen unauffälligsten Satz – Mehr Leute werden durch Übung tüchtig als durch Anlage – greift die Bildungstheorie des Aristoteles auf, wo er sagt: Man muss in jeder Fähigkeit und Kunst zur Ausübung vorgebildet und vorher geübt worden sein, und so offenbar auch für das tugendhafte Verhalten. Daraus leitet er das Schulmonopol des Staates in der Demokratie ab: Dass sich der Gesetzgeber in erster Linie um die Erziehung der Jungen kümmern muss, wird wohl niemand bestreiten. Wo es in den Staaten nicht geschieht, da erwächst auch ein Schaden für die Verfassung. Die Menschen müssen ja im Hinblick auf die jeweilige Verfassung erzogen werden. Ich glaube, es ist nicht nötig, auszuführen, worin der Gegensatz zwischen unserer Lage im Bildungssystem und den genannten Grundforderungen besteht. Auch dass die Erziehungsaufgabe des Staates nicht den Vorrang hat, den sie haben müsste, weiß jeder. Ebenso, dass Schule nicht Ersatz bieten kann für das Gespräch am häuslichen Tisch, das vielerorts verstummt ist. Die Lebensbildung findet nach wie vor in der Familie statt. Wo in dieser aber nicht mehr der Austausch zwischen Elternerfahrung und Kinder-Neugier vorherrscht, sondern gemeinsames Stummsein vor der Glotze die Regel ist, wird der Schule das Gespräch überlassen. Sie aber kann das fehlende gleichsam automatische Lernen im Familienalltag nicht ersetzen. Etwas will ich hier noch hinzufügen, das bei Aristoteles, vermutlich weil es so selbstverständlich war, nicht vorkommt: Demokraten bedürfen der Phantasie. Sie müssen nämlich in der Lage sein, Alternativen zum augenblicklichen Zustand zu erdenken, zu gestalten oder zu verwerfen. Von dieser Bewegung lebt Demokratie. Andernfalls verfällt sie zu einem bloßen Wettstreit um Besitzstands-Wahrung. Die Phantasie nun, mit der jeder Mensch geboren wird, ist nicht beliebig verfügbar, sie muss trainiert werden wie ein Muskel. Neurophysiologen sagen: das beste Training ist Lesen.
Auch hierzu muss ich keine weitere Beschwerde führen, jeder weiß, wie es darum steht und was die Folgen sind. Nur so viel an eigener Beobachtung: Lese ich an Schulen aus meinen Büchern, soll sich zumeist ein Gespräch anschließen, das ich gern führe. Zunehmend lästig wird, dass wir uns auf nichts mehr verständigen können. Selbstverständlich ist das keine Frage der Intelligenz. Im Gegenteil, mir kommen die Schüler schneller, wendiger im Geist vor, als wir es waren. Was fehlt, sind Kenntnisse, auf deren Grundlage wir kommunizieren könnten. Nicht einmal die Geschichten des Alten und des Neuen Testaments lassen sich mehr voraussetzen. Komme ich auf Sagen, auf Märchen zu sprechen, rede ich in blanke Gesichter. Man kann der Ansicht sein, dies sei nur ein Problem der Literatur, die sich ja, weil sie anders nicht kann, immer bezieht auf die Fülle der sprachlichen Kultur und ihre vorangegangenen Autoren. Wenn das nicht mehr verstanden wird, wenn also unser Schreiben auf keinen Kontext in den Köpfen der Leser mehr trifft – dann bleibt bloß noch Zeitvertreibliteratur. Es geht mir aber nicht um die Frage, ob wir vielleicht vor dem Ende der Literatur stehen, sondern darum, wovon das Gespräch zwischen den Generationen handeln kann. Regelmäßig frage ich Schüler nach dem, was nötig sei für persönliches Glück. Es kommt dann der übliche Katalog, immerhin stets beginnend mit einer gelungenen, erfüllenden Beziehung. Gesetzt den Fall aber, dass all das nicht eintrifft? Keine Liebe, keine schönen Dinge, kein Geld, kein Haus, keine Reisen? Wenn wir dann alle aufgezählten materiellen Glücksattribute zurückgewiesen und abgelegt haben – was ein schöner Grundkurs in Phantasie ist – geraten wir oft in ein längeres Gespräch über das, was uns niemand nehmen kann, was wir in uns tragen an Musik, Bildern, Geschichten. Hier kann man hören, wie viel diese junge Generation eigentlich könnte: so klug und sanft über das Leben nachdenken konnten wir in diesem Alter nicht. Durch solchen Diskurs kommen wir zurück auf die Frage der Bildung, und ich greife zu meinem Demokrit: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Nun wissen vielleicht manche besser, wie hilfreich es sein kann, im Kopf Bücher mit sich herumzutragen.
Es ist ein ebenso großes Verbrechen an den Jugendlichen, sie nicht an die Möglichkeiten ihrer Phantasie heranzuführen wie ihnen keine Ausbildungsplätze anzubieten. Es ist ein Verbrechen, kein Versäumnis. Es ist, als ob man ihnen ein Bein oder einen Arm abschlüge. Und es ist für den Bestand der Demokratie geradezu grob fahrlässig, wenn wir Wähler heranwachsen lassen, die aufgrund mangelnder Bildung und mangelnder Phantasie ihre möglichen Fähigkeiten zur Entscheidung verfehlen. Täuschen wir uns nicht: je geringer die Lust an der Ausübung des Wahlrechts, umso stärker die mögliche Attraktion simpler, scheinbar griffiger Politikmodelle. Ideologie und Gewalt profitieren stets von Ratlosigkeit, Neid, Verzweiflung, Bildungsmangel und ungerichteter Begeisterungsfähigkeit. Es muss daraus keine Bewegung entstehen. Schon wachsende Unruhe kann eine Demokratie an den Rand ihrer Selbstzerstörung treiben, weil sie zum eigenen Schutz Methoden ergreift, die ihre Freiheitlichkeit beschädigen. Ich erinnere mich gut an die späten Siebziger, als die Bundesrepublik zur Bekämpfung der RAF sich fast in jenen Staat verwandelte, den die Terroristen sich als Feindbild erfunden hatten. Auch heute gilt: wirksame Terror-Bekämpfung beschädigt immer zugleich die bürgerlichen Freiheiten. Also muss auch hier der vorauslaufenden politischen Vermeidung von Gewalt alle Priorität zukommen. Aber das ist ein anderes, weites Feld. – Nehme ich abschließend zusammen: den Übermut der Ämter mit dem Zynismus der Funktionäre; den Verlust von Vorbildlichkeit in der Politik mit der Schwäche der demokratischen Institutionen; die Bildungsmisere mit dem Chancenmangel der jungen Generation – dann kann ich nicht anders: ich muss daraus Alarmzeichen lesen und sie auch so benennen. Nicht aus Neid auf die Milliardäre. Nicht aus Nostalgie für die Revolte meiner Jugendzeit. Sondern aus Sorge. Ich möchte gern gewissenhaft und mit dem notwendigen Maß an Rechtssicherheit und Ruhe nachdenken dürfen und, auf der Kraft des Wortes insistierend, meinen Beruf ausüben. Ich bin nicht bereit, für ein paar Spitzenegoisten und die Laufruhe ihrer Zwölfzylinder das Feuer an meiner Haustür zu riskieren. Ich bin ein spießiger Demokrat. Nicht neidisch. Aber an Frieden interessiert.
In Folgenden finden Sie das Bild unter elproyectomatriz.wordpress.com/.../Eduardo Galeano (1940-)DAS BEKENNTNIS DER BOMBEN - 1999 1. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in der NATO entladen eine Sintflut von Raketen auf Jugoslawien bzw. das Wenige, das von Jugoslawien geblieben ist. Nach offizieller Lesart setzen sich die Angreifer für die Rechte des albanischen Volkes im Kosovo ein, das Opfer der "ethnischen Säuberung" durch die Regierung Milosevic ist. Nach Aussagen von Präsident Clinton, konnten die westlichen Demokratien angesichts dieser "unannehmbaren humanitären Katastrophe" nicht die Arme verschränken. Die fürchterlichste "ethnische Säuberung" und die aller "unannehmbarste humanitäre Katastrophe" der Geschichte der Amerikas im 20.Jahrhundert geschah in den letzten Jahrzehnten in Guatemala, vor allem in den 80er Jahren. Die guatemaltekischen Indigenas waren die Hauptopfer dieses Massakers: es gab hundertmal mehr Tote als in Kosovo und doppelt so viele Vertriebene. Während seiner letzten Reise nach Mittelamerika hat Präsident Clinton um Vergebung gebeten für die Unterstützung, die sein Land den Schlächtern der Indigenas gab, den Militärs, die von den Vereinigten Staaten ausgebildet, bewaffnet und beraten worden waren. Warum verlangt Clinton nicht von Milosevic, diese erfolgreiche Doktrin des Händewaschens ebenfalls anzuwenden? Die Bombardierungen könnten im Tausch für eine förmliche Verpflichtung eingestellt werden, sagen wir 2012 oder 2013 die Leichen im Kosovo um Vergebung zu bitten, womit alles gut wäre, die Angelegenheit erledigt, die Sünde gesühnt. Und weiter mit dem Morden. 2. Der US-Präsident war in einen Sex-Skandal verwickelt und Robert de Niro und Dustin Hoffman erfanden einen Krieg, um die Aufmerksamkeit des werten Publikums abzulenken. In dem Film "Wag the dog" wurde dieser fiktive Krieg im Namen der Rettung des albanischen Volkes geführt. Jetzt wird der Film mit anderen Mitteln fortgesetzt, wiederum im Namen der Rettung des albanischen Volkes. So ist das im Kino: die Flugzeuge, die aussehen, als ob sie aus Hollywood kämen, starten und Nacht für Nacht gehen Feuerwerke am Himmel über Jugoslawien hoch. Wie bei den Bombardierungen Iraks gehören Bilder von den toten Feinden nicht zu dem Spektakel; und eigene Tote gibt es keine. Solange die Angriffe aus der Luft stattfinden, wird dieser Krieg weiter vorgeben, ein virtueller zu sein. Würden die Truppen auf dem Boden einmarschieren und kämen die ersten Helden in Särgen in die angreifenden Länder zurück, wäre das eine ganz andere Geschichte. 3. Derweil feiert die NATO ganz gross ihren 50.Geburtstag. Die Tassen hoch! Das ist die teuerste Geburtstagsfeier der Geschichte: ohne den Wert der Leben und der Güter mit zu rechnen, die in Jugoslawien vernichtet werden, denn schliesslich gibt es keinen Feind, der sein Unglück nicht verdiente. Jede Bombennacht kostet 330 Millionen US-$. Nach einer Berechnung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30.März haben die Vereinigten Staaten in der ersten Nacht dieses Krieges soviel Geld ausgegeben wie die gesamte Hilfe ausmacht, die Clinton den mittelamerikanischen Ländern versprochen hat, die vom Hurrikan Mitch zerstört worden sind. Nicht umsonst. Einige fragten schon, zu was die NATO zu gebrauchen sei, nachdem die kommunistische Bedrohung in Osteuropa verschwunden war. Der Geschäftsführer des Unternehmens, Javier Solana, hat es übernommen, solche Zweifel zu zerstreuen. Vor zwanzig Jahren hat Solana "Nein zur NATO!" geschrieben, vor zehn Jahren sagte er, als der Krieg der USA gegen den Irak begann, namens der spanischen Regierung den historischen Satz: "Wir sind benachrichtigt worden, aber nachträglich." Und jetzt erklärt er uns, dass die NATO "den Frieden verteidigt" - für eine Million US-$ pro Rakete. 4. Die Grossmächte praktizieren das Verbrechen und empfehlen es. Niemand hat das Gesetz so häufig gebrochen. Bomber-Staaten lachen über das internationale Recht und über das eigene Gründungsdokument der NATO. Gegen einen blutigen Diktator wie Milosevic, sagen sie uns, ist alles erlaubt, auch das Verbotene. Gegen Milosevic? Im Fernsehen sieht man den sogenannten Hitler des Balkans jedenfalls gesund und munter. Wer leidet, das sind die Leute. Auch die Kriege gegen den Irak, die alle Gesetze, die es je gab und die es je geben wird, verletzt haben, sind mit der Notwendigkeit gerechtfertigt worden, Saddam Hussein zu stürzen. Die Jahre Vergehen, eine Bombardierung nach der anderen, und der sogenannte Hitler des Mittleren Ostens regiert weiter, als ob nichts geschehen wäre. Wie viele IrakerInnen sind dagegen gestorben? Nach offiziellen Angaben der Vereinigten Staaten (US Bureau of the Census, Januar 1992) sind 145.000 IrakerInnen und 124 US-AmerikanerInnen im Krieg von 1991 gefallen. Wie viele mehr leiden unter der Blockade, die theoretisch den Diktator zu Fall bringen soll? Wie viele werden vom Hunger bestraft, der von den internationalen Wirtschaftssanktionen erzwungen wird? Nach dem letzten Bericht des Roten Kreuzes hat sich in diesem Jahrzehnt die Anzahl der Kinder, die mit Untergewicht auf die Welt kommen, versechsfacht. 5. Und wenn es doch wahr wäre, dass die "ethnischen Säubrungen" der NATO das Herz zerreissen? Das jedes Mittel recht ist, um die bedrohten Minderheiten vor der Ausrottung zu schützen? Das wäre bewegend. Aber wenn dem so ist, weshalb bombardiert die NATO dann nicht die Türkei? Praktiziert die Türkei nicht die systematische Säuerung des kurdischen Volkes? Weshalb verdient Jugoslawien Bestrafung und die Türkei Beifall? Vielleicht weil die Türkei zur Familie gehört, ein Mitgliedsland der NATO ist; oder vielleicht mehr noch, weil die Türkei einer der wichtigsten Kunden der westlichen Rüstungsindustrie ist. 6. Dieser Krieg ist wie alle Kriege ein gigantisches Schaufenster für die Ausstellung und den Verkauf von Waffen. Die F-117 (Tarnkappenbomber), die ihre zerstörerische Karriere mit der Ermordung von PanameñerInnen Ende 1989 begonnen hat, ist nach wie vor der Star. Ein Stolpern gibt es in jeder Karriere, nicht alle Werbekampagnen sind erfolgreich: ausgerechnet ein Exemplar dieser angeblich unsichtbaren Wunderwaffe hat sich sehen lassen und ist abgeschossen worden. Das hat die US-amerikanischen SteuerzahlerInnen 45 Millionen US-$ gekostet, abgesehen vom Wert der Waffen, die der Vogel mit sich führte. 7. Dieser Krieg dient wie alle Kriege dazu, die Militärausgaben zu rechtfertigen. Die grossen Westmächte, die bis an die Zähne bewaffnet sind, brauchen Kunden und sie brauchen Feinde. Vor gar nicht langer Zeit, Anfang diesen Jahres, als der zweite Krieg gegen den Irak zu Ende ging, warnten die Generäle des Pentagon: Unser Vorrat an Raketen geht zu Ende. Sofort kündigte Präsident Clinton an, dass er den riesigen Kriegshaushalt, der 15% des gesamten US-Staatshaushaltes ausmacht und, niemand weiss weshalb, Verteidigungshaushalt genannt wird, um 12 Millionen US-$ aufstocken würde. 8. Die NATO entstand als bewaffneter Arm der Vereinigten Staaten in Europa. Obwohl Russland niemanden mehr bedroht, wächst die NATO weiter und mit ihr wachsen die Hegemonie Washingtons und der Markt für die US-amerikanische Rüstungsindustrie. Um gute Führungszeugnisse zu bekommen, sind Polen, Ungarn und die Tschechische Republik der NATO beigetreten und Käufer von neuen Waffen in den USA geworden. Die Bösen von gestern beweisen, dass sie die Guten von heute sind, indem sie ihre Kriegsarsenale erneuern, um das Operationsniveau zu erreichen, das die NATO fordert. Damit der US- Kongress zustimmt, schmieren die Lockheed Corporation und andere Industrien des Todes die Abgeordneten ganz legal. 9. Neulich hat es in Grossbritannien einen Skandal gegeben. Es wurde bekannt, dass die berühmtesten Universitäten, die frömmsten Wohltätigkeitsorganisationen und die wichtigsten Krankenhäuser die Pensionsfonds ihrer Angestellen in der Rüstungsindustrie investieren. Die Verantwortlichen für die Bildung, die Wohltätigkeit und die Gesundheit erklärten, dass sie ihr Geld in den Firmen investieren, die die höchsten Gewinne machen und dass dies eben genau die Unternehmen der Rüstungsindustrie sind. Ein Sprecher der Universität von Glasgow hat es ganz klar ausgedrückt: "Wir treffen keine moralischen Entscheidungen. Uns interessiert, ob die Investitionen rentabel sind, nicht ob sie ethisch sind. "Wenn die Bomben, die auf Jugoslawien fallen, nicht nur explodieren und töten, sondern auch sprechen könnten, würden sie dann die Wahrheit bekennen? "Ihr Herren Bomben, seid Ihr die tödlichen Instrumente des Guten?" - "Bitte ein wenig mehr Respekt, mein Herr, wir sind ein gutes Geschäft." La Jornada, 10. April 1999 HILFE, HERR DOKTOR, ICH FINDE KEINEN SCHLAF! - 2000 Sechs Fliegen brummen in meinem Schädel und lassen mich nicht schlafen. Der Schwarm ist in Wahrheit viel grösser, aber ich sage sechs, um mich kurz zu fassen. Nun beschreibe ich einige der Ängste, die mich nachts plagen. Absolut kein Fliegendreck, wie man gleich sehen wird. Immerhin geht es um das Schicksal der ganzen Welt. 1. Wird die Welt ohne Lehrer auskommen müssen? Nach einem Bericht der Zeitung The Times of India gibt es in der Stadt Muzaffarnagar, im Westen des Bundesstaates Uttar Pradesh, eine Schule des Verbrechens, die sich grosser Beliebtheit erfreut. Dort wird den Jugendlichen eine Ausbildung auf höchstem Niveau geboten, dank derer man leicht zu Geld kommen kann. Einer der drei Direktoren, der Pädagoge Susheel Mooch, leitet einen Speziallehrgang, in dem neben anderen Fächern die Gegenstände Menschenraub, Erpressung und Hinrichtung unterrichtet werden. Seine beiden Kollegen widmen sich eher herkömmlichen Lernstoffen. Für alle Klassen sind Praktika vorgeschrieben. Zum Beispiel wird das Fach Diebstahl auf Autobahnen und Landstrassen auch ausserhalb des Schulgebäudes gelehrt: Die Schüler müssen in geduckter Stellung vom Strassenrand aus einen Metallgegenstand auf das von ihnen gewählte Auto werfen. Sobald der Fahrer auf das Geräusch aufmerksam geworden ist und den Wagen anhält, fallen die Schüler unter Aufsicht der Lehrkraft über ihn her. Laut Auskunft der Direktoren erfüllt die Schule ein Bedürfnis des Marktes und eine soziale Funktion. Der Markt verlangt eine immer höhere Spezialisierung auf dem Gebiet des Verbrechens, und die Erziehung zum Kriminellen ist die einzige, die den Jugendlichen eine gutbezahlte und dauerhafte Arbeit garantiert. Ich fürchte sehr, sie haben Recht. Und mich schreckt die Vorstellung, dass das Beispiel in Indien und überall sonst auf Erden Nachahmer finden könnte. Was wird, frage ich mich, aus den armen Lehrern in den traditionellen Schulen, die schon jetzt mit Hungerlöhnen und dem geringen oder gänzlich fehlenden Interesse ihrer Schüler bestraft sind? Wie vielen Lehrern wird es gelingen, sich umschulen zu lassen und den Erfordernissen der modernen Gesellschaft gerecht zu werden? In meinem Bekanntenkreis ist keiner dazu imstande. Ich weiss mit Sicherheit, dass sie unfähig sind, auch nur einer Fliege etwas zu Leide zu tun, und ihr Talent reicht nicht einmal aus, um eine allein stehende lahme alte Frau zu überfallen. Was werden diese Nichtsnutze in der Welt von morgen unterrichten? 2. Wird die Welt ohne Präsidenten auskommen müssen? Man sagt, sagt man, sagte jemand, dass der Präsident eines lateinamerikanischen Staates eines Tages nach Washington fuhr, um die Auslandsschulden neu zu verhandeln. Nach seiner Rückkehr gab er den Bürgern seines Landes eine gute und eine schlechte Nachricht bekannt: "Die gute Nachricht ist die, dass unsere Schulden bis auf den letzten Centavo getilgt sind. Die schlechte, dass alle Einwohner unser Land binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müssen." Die Länder gehören ihren Gläubigern. Die Schuldner schulden Gehorsam. Und gutes Benehmen zeigt man, indem man den Sozialismus praktiziert, aber den verkehrten Sozialismus, bei dem die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden. "Wir machen brav unsere Hausaufgaben." Diesen Satz habe ich, binnen weniger Monate, von Carlos Menem, damals noch Präsident Argentiniens, und von seinem mexikanischen Kollegen Ernesto Zedillo vernommen. Bei dem Tempo, das wir vorlegen, wird bald auch die Luft privatisiert sein, und dann werden die Experten eintreffen und erklären, dass diejenigen, die Luft gratis verbrauchen, ihren Wert nicht zu schätzen wissen und es deshalb nicht verdienen zu atmen. Alles oder fast alles ist privatisiert, beispielsweise in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko. In diesen Ländern hiess es, um die Auslandsverschuldung loszuwerden, müsse eben privatisiert werden - und heute sind ihre Schulden doppelt so hoch wie vor zehn Jahren. Und das ist ein weiterer Grund meiner Angstzustände: Ich ahne, dass die Gläubigerbanken eines Tages die Präsidenten rauswerfen und dass dann die Bankiers deren Platz einnehmen, mit der Losung: Schluss mit den Mittelsmännern! Und Nacht für Nacht wälze ich mich im Bett und frage mich, was aus all diesen Leuten werden soll. Wo wird eine so hoch qualifizierte Arbeitskraft wohl unterkommen? Werden die Präsidenten jeden Job annehmen? Vor McDonalds steht schon eine lange Schlange Arbeitssuchender. 3. Wird die Welt ohne Gesprächsstoff auskommen müssen? Die spektakuläre Entwicklung der Technologie hat es ermöglicht, dass alle globalen Weltbürger mehr als 365 Tage lang, das ganze Jahr 1998 hindurch und sogar noch 1999, voller Spannung das grosse Ereignis des ausgehenden Jahrhunderts verfolgen durften: die sexuellen Heldentaten der Monica Lewinsky im ovalen Saal des Weissen Hauses. Die globalisierte Lewinskysierung hat es jedem von uns, noch im entlegensten Winkel der Welt, gestattet, noch am kleinsten Detail dieses wahren Menschheitsepos als Leser, Zuseher und -hörer teilzuhaben. Die grossen Kommunikationsmedien haben uns tausende Möglichkeiten geboten, zwischen ein und demselben Thema zu wählen. Aber das ist vergangen, so wie das Alte Griechenland und das Römische Reich vergangen sind, und seither wissen die grossen Zeitungen, die riesigen Fernsehkanäle und Rundfunkanstalten nicht mehr, worüber sie berichten sollen. Ich hatte die Hoffnung, dass ein weiteres Sexgate ausbrechen würde, als mir jemand erzählte, er habe aus gut informierten Kreisen erfahren, Aussenministerin Madeleine Albright werde den Präsidenten wegen sexueller Belästigung verklagen. Aber dann habe ich nie mehr was darüber gehört, und ich werde den Verdacht nicht los, dass es sich um ein gemeines Gerücht gehandelt hat, unwürdig, im Mittelpunkt universeller Aufmerksamkeit zu stehen. Auch das raubt mir den Schlaf, jetzt, wo die Journalisten sich soziale Kommunikatoren nennen: Was werden sie der Gesellschaft kommunizieren? Wovon werden sie ihren Lebensunterhalt bestreiten? Noch eine Menge Arbeitsloser, die auf der Strasse landen? 4. Wird die Welt ohne Feinde auskommen müssen? Die Vereinigten Staaten und ihre Bündnispartner in der Nato haben schon seit geraumer Zeit keinen Krieg mehr fabriziert. Die Todesindustrie wird langsam nervös. Die ungeheuren Militärausgaben bedürfen ihrer Rechtfertigung, und die Waffenproduzenten finden keine Gelegenheit, ihre neuen Modelle vorzustellen. Gegen wen wird sich der nächste humanitäre Einsatz richten? Wer wird der nächste Feind sein? Wer wird im nächsten Film den Bösewicht geben, wer den Satan in der kommenden Hölle? Das macht mir grosse Sorgen. Ich habe nachgelesen, welche Gründe angeführt wurden, um den Irak und Jugoslawien zu bombardieren, und bin zum alarmierenden Schluss gekommen, dass es ein Land gibt, ein einziges, das alle Voraussetzungen erfüllt, alle, wirklich alle, um in Schutt und Asche gelegt zu werden. Dieses Land ist der Hauptverursacher für die Instabilität der Demokratie auf dem ganzen Planeten, aufgrund seiner alten Gewohnheit, Staatsstreiche und Militärdiktaturen zu fabrizieren. Dieses Land stellt eine Gefahr für seine Nachbarn dar, die es seit jeher häufig überfällt. Dieses Land produziert, lagert und verkauft die grösste Menge an chemischen und bakteriologischen Waffen. In diesem Land gibt es den weltweit grössten Drogenmarkt, und in seinen Banken werden Milliarden Dollar aus dem Drogengeschäft weissgewaschen. Die nationale Geschichte dieses Landes ist ein langer Krieg ethnischer Säuberung, zuerst gegen die Ureinwohner, dann gegen die Schwarzen; und dieses Land ist, erst vor ein paar Jahren, hauptverantwortlich für einen ungehemmten Völkermord gewesen, bei dem 200 000 Guatemalteken ausgerottet worden sind, zum überwiegenden Teil Maya-Indianer. Werden sich die Vereinigten Staaten selbst bombardieren? Werden sie sich selbst überfallen? Werden sie so konsequent sein und gegen sich so vorgehen, wie sie gegen andere vorgehen? Tränen benetzen mein Kissen. Gott möge ein solches Unglück von dieser grossen Nation abwenden, die niemals bombardiert worden ist. 5. Wird die Welt ohne Banken auskommen müssen? Am 14. Dezember 1998 veröffentlichte das Wochenmagazin Time den Bericht des US-Kongresses über das Verschwinden von 100 Millionen Dollar, die aus dem Rauschgifthandel in Mexiko stammten. Der Parlamentsausschuss, der die Angelegenheit untersucht hat, kam zu dem Ergebnis, dass es die Citibank war, die jenen märchenhaften Drogenschatz durch fünf Länder gelotst sowie Phantomfirmen und Phantasienamen erfunden hatte, um jede Spur zu verwischen. Die nordamerikanischen Gefängnisse, die weltweit am meisten bevölkerten, sind voll mit jungen, armen, schwarzen Drogensüchtigen; aber die Citibank, leuchtender Stern am Firmament der Finanzwelt, wurde nicht eingesperrt. Ehrlich gesagt ist auch niemand auf die Idee gekommen. Trotzdem, die Lektüre des Untersuchungsberichts hat mich nachdenklich gemacht. Es stimmt zwar, dass diese grosse Bank weiterhin in Freiheit wachsen und gedeihen kann. Und dass die Seife Citibank, das Waschpulver Banque Suisse, der Fleckenlöser Bahamas und viele andere Marken, die in den besten Weisswaschsalons verwendet werden, nach wie vor Rekordverkäufe auf dem Weltmarkt für Reinigungsartikel erzielen, und zwar völlig unbehelligt. Aber ich kann nicht anders, ich muss an die Gefahr denken, die da lauert. Was würde geschehen, wenn man eines schönen Tages aufhörte, die Drogenindustrie mit einem Krieg gegen die Drogensüchtigen zu bekämpfen, der die Opfer bestraft? Wenn also die Waffen ihr Ziel änderten, weiter nach oben gerichtet würden? Was würde jetzt, wo die Wirtschaft verstorben ist und nur die Finanzen existieren, aus einer Welt ohne Banken? Und was aus dem armen Geld, wenn es dazu verurteilt ist, durch die Strassen zu streunen, wie die Obdachlosen? Beim blossen Gedanken daran krampft sich mein Herz zusammen. 6. Wird die Welt ohne Welt auskommen müssen? Irgendwann im Oktober 1998, mitten im Zeitalter Lewinsky, stiess ich auf eine unbedeutende Notiz, die am unteren Rand auf irgendeiner Seite irgendeiner Zeitung versteckt war. Drei Umweltorganisationen - WWF International, New Economics Foundation und World Conservating Monitoring Centre - hatten herausgefunden, dass die Welt in den letzten dreissig Jahren fast ein Drittel ihrer natürlichen Reichtümer verloren hat. Das sei die grösste Umweltkatastrophe seit der Zeit der Dinosaurier, und die Wiederbeschaffung der ausgerotteten Pflanzen und Tierarten würde nicht weniger als fünf Millionen Jahre in Anspruch nehmen. Seit ich diese kleine Notiz gelesen habe, hat eine neue Unruhe von mir Besitz ergriffen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Pflanzen und Tiere einmal über uns das Jüngste Gericht halten werden. In meinen Wahnvorstellungen sehe ich uns alle vor Anklägern stehen, die mit Pfote oder Zweig auf uns deuten: "Was haben Sie aus diesem Planeten gemacht? In welchem Supermarkt haben Sie ihn gekauft? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, uns zu misshandeln und zu vernichten?" Und ich sehe ein Hohes Gericht aus Gewürm und Kraut, das die Spezies Mensch zu ewiger Verdammnis verurteilt. Werden wir zu Recht für unsere Sünden büssen? Werde ich meine Ewigkeit in der Hölle absitzen, in Gesellschaft erfolgreicher Unternehmer, die den Planeten ausgelöscht haben, und ihrer bestechlichen Politiker und Kriegsführer und Marketingexperten, die Gift in grünem Cellophan verkaufen? Mich plagen kalter Schweiss und Schüttelfrost. Früher war ich der Meinung, das Jüngste Gericht sei eine Sache Gottes. Schlimmstenfalls würde ich einst auf dem ewigen Grill zusammen mit Massenmördern, Talkshowtanten und Literaturpäpsten geröstet werden. Heute kommt mir so ein Schicksal vergleichsweise harmlos vor. August 2000 DAS THEATER VON GUT UND BÖSE - 2001 In dem Kampf zwischen Gut und Böse, sind es immer die Menschen die zu Opfer werden. Die Terroristen haben Arbeiter aus 50 Länder getötet, in New York und in Washington, im Namen des Guten gegen das Böse. Und, im Namen des Guten gegen das Böse, schwört Bush Rache: "Wir werden das Böse auf dieser Welt eliminieren," verkündet er. Das Böse eliminieren? Was würde aus dem Guten ohne das Böse werden? Es sind nicht nur religiöse Fanatiker die Feinde brauchen um ihren Irrsinn zu rechtfertigen. Die Waffenindustrie und das riesige Militärapparat der Vereinigten Staaten brauchen ebenfalls Feinde, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Gut und Böse, Böse und Gut, die Akteure wechseln Masken, Helden werden zu Monster, und die Monster werden zu Helden, je nachdem wie es jene verlangen, die das Drama schreiben. Daran ist nichts Neues. Der deutsche Wissenschaftler Werner von Braun war böse als er die V-2 Raketen erfand, die Hitler auf London feuerte, aber er wurde an dem Tag gut als er seine Talente in die Dienste der Vereinigten Staaten stellte. Stalin war gut während des Zweiten Weltkrieges, und später böse, als er dazu überging, das Böse Imperium anzuführen. Während des Kalten Krieges schrieb John Steinbeck: "Vielleicht braucht die gesamte Welt Russen. Ich möchte wetten, dass sie auch in Russland Russen brauchen. Wahrscheinlich nennen sie sie dort Amerikaner." Später wurden die Russen gut. Jetzt sagt Putin auch: "Das Böse muss bestraft werden." Saddam Hussein war gut, und die chemischen Waffen die er gegen die Iraner und Kurden einsetzte, waren gut. Später wurde er böse. Er wurde Satan Hussein genannt, als die Vereinigten Staaten - die Panama überfallen hatten - Irak überfielen, weil Irak Kuweit überfallen hatte. Bush der Vater führte jenen Krieg gegen das Böse an. Mit dem humanitären und mitfühlendem Geist den seine Familie charakterisiert, tötete er mehr als 100.000 Iraker, die meisten von ihnen Zivilisten. Satan Hussein ist immer noch das, was er war, aber dieser Menschheitsfeind Nr.1 ist auf die Kategorie Nr.2 abgesunken. Die Geissel der Welt heisst nun Osama bin Laden. Die Central Intelligence Agency (CIA) brachte ihm alles bei, was er über Terrorismus weiss: Bin Laden, von der US-Regierung geliebt und bewaffnet, war einer der grössten "Freiheitskämpfer" gegen den Kommunismus in Afghanistan. Bush der Vater war Vizepräsident, als Präsident Reagan sagte, dass diese Helden "das moralische Äquivalent zu den amerikanischen Gründerväter" seien. Hollywood stimmte dem Weissen Haus zu. Es war der Zeit, als Rambo 3 gedreht wurde: die afghanischen Muslims waren die guten Jungs. Jetzt sind sie die Bösesten der Bösen, in der Ära Bush' des Sohnes, 13 Jahre später. Henry Kissinger war einer der ersten die auf die neue Tragödie reagierten. "Jene die ihnen Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung gestellt haben, sind genau so schuldig wie die Terroristen," urteilte er mit Worte, die Präsident Bush wenige Stunden später wiederholen sollte. Wenn das so ist, dann müsste man zuallererst Kissinger bombardieren. Er würde mehr Verbrechen für schuldig befunden werden als bin Laden und alle Terroristen auf der Welt verübt haben. Und in viel mehr Länder: im Dienste der verschiedenen U.S.-Regierungen, stellte er "Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung" für den Staatsterror in Indonesien, Kambodscha, Zypern, Iran, Südafrika, Bangladesh und in den südamerikanischen Länder, die unter dem Schmutzigen Krieg des Condor-Planes gelitten haben. Am 11. September 1973, genau 28 Jahre vor den heutigen Flammen, brannte der Regierungspalast von Chile. Kissinger hatte Salvador Allendes Epitaph - und der chilenischen Demokratie - bestimmt, als er die Wahlergebnisse kommentierte: "Ich wüsste nicht, warum wir tatenlos zusehen sollten, wie ein Land marxistisch wird, bloss weil seine Bevölkerung unverantwortlich ist." Verachtung für den Willen des Volkes ist eins der vielen Aspekte, in denen Staatsterrorismus und privater Terrorismus miteinander konkurrieren. Nur um ein Beispiel zu liefern, die ETA, die im Namen der Unabhängigkeit des Baskenlandes Menschen ermordet, verkündete durch einen ihrer Sprecher: "Rechte haben nichts mit Mehrheiten und Minderheiten zu tun." Heimischer Terrorismus und hochentwickelter technologischer Terrorismus sind sich sehr ähnlich, der Terrorismus der religiösen Fundamentalisten und der Marktfundamentalisten, der der Verzweifelten und der der Mächtigen, der der freilaufenden Verrückten und der der uniformierten Professionellen. Alle teilen sie dieselbe Verachtung für menschliches Leben: die Mörder der 5000 Bürger unter den Trümmern der Zwillingstürme, die wie auf Sand gebaute Burgen zusammenbrachen, und die Mörder von 200.000 Guatemalteken, grösstenteils Indigenas, die ausgelöscht worden sind, ohne dass das Fernsehen oder die Presse der Welt ihnen auch nur die kleinste Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Sie, die Guatemalteken, wurden von keinem muslimischen Fanatiker geopfert, sondern von Terroristensoldaten, die von aufeinanderfolgenden US-Regierungen "Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung" erhalten haben. All jene die in den Tod verliebt sind, teilen auch ihre Bessesenheit mit der Reduzierung sozialer, kulturellen und nationaler Konflikte auf militärische Begriffe. Im Namen des Guten gegen das Böse, im Namen der Einzigen Wahrheit, lösen sie alles indem sie zuerst töten und später fragen. Und auf diese Weise füttern sie letzten Endes den Feind den sie bekämpfen. Es waren die Greueltaten des Leuchtenden Pfades, die zu einem grossen Teil den Nährboden für Präsident Fujimori bereitet haben, der mit beachtlicher Unterstützung seitens des Volkes ein Terrorregime aufbaute, und Peru zum Preis einer Banane verkauft hat. Es waren die Greueltaten der Vereinigten Staaten im Mittleren Osten, die zu einem grossen Teil den Nährboden für den Heiligen Krieg des Terrorismus im Namen Allahs bereitet haben. Auch wenn der Anführer der Zivilisation nun zu einem neuen Kreuzzug drängt, ist Allah der Verbrechen die in seinem Namen verübt werden nicht schuldig. Letzten Endes hat Gott nicht den Nazi-Holocaust gegen Jehovah´s Gläubige befohlen, und es war nicht Jehovah der die Massaker von Sabra und Chatila, oder die Vertreibung der Palästinenser von ihren Ländern angeordnet hat. Sind Jehovah, Allah und Gott nicht drei Namen für die selbe Gottheit? Eine Tragödie der Missverständnisse: Man weiss nicht länger, wer wer ist. Der Rauch der Explosionen ist Teil eines viel riesigeren Rauchschleiers, der uns am Sehen hindert. Von Rache zu Rache, zwingt uns der Terrorismus ins Grab. Ich betrachte ein kürzlich veröffentlichtes Photo: auf einer Mauer in New York hatte eine Hand geschrieben: "Auge um Auge lässt die Welt erblinden." Die Spirale der Gewalt erzeugt Gewalt, und auch Verwirrung: Trauer, Furcht, Intoleranz, Hass, Wahnsinn. In Puerto Alegre am Anfang dieses Jahres, warnte der Algerier Ahmed Ben Bella: "Dieses System, das schon Kühe wahnsinnig gemacht hat, treibt auch die Menschen in den Wahnsinn." Und die Wahnsinnigen, wahnsinnig im Hass, handeln genauso wie die Mächte, die sie schaffen. Ein drei Jahre altes Kind namens Luca, kommentierte neulich: "Diese Welt weiss nicht wo ihr Zuhause ist." Er sah sich eine Landkarte an. Er hätte sich eine Nachrichtensendung ansehen können. La Jornada, 21. September 2001 DER KRIEG - 2003 Ich werde neugierig sein. Mitte letzten Jahres, als dieser Krieg noch ausgebrütet wurde, erklärte George W, Bush: "Wir müssen bereit sein, in jedwedem dunklen Winkel dieser Erde anzugreifen". Der Irak ist also ein "dunkler Winkel" dieser Erde. Glaubt Bush etwa, die Zivilisation sei in Texas entstanden und seine Landsleute hätten die Schrift erfunden? Hat er niemals von der Bibliothek von Niniwe gehört, nie vom Turmbau zu Babel, noch von den hängenden Gärten Babyloniens? Kennt er nicht mal eines der Märchen aus 1001 Nacht von Bagdad? Wer hat ihn zum Präsidenten des Planeten gewählt? Mich hat niemand an die Urnen gerufen, Sie etwa? Würden wir einen tauben Präsidenten wählen? Einen Mann, der unfähig ist auf etwas anderes zu hören, als auf das Echo seiner eigenen Stimme. Taub gegen den Donner von Millionen und Abermillionen Stimmen, die in den Strassen der Welt dem Krieg den Frieden erklären? Er war nicht einmal fähig, sich den liebevollen Rat von Günther Grass anzuhören. Der deutsche Schriftsteller verstand, dass Bush das Bedürfnis hatte, seinen Vater zu beeindrucken. Der empfahl ihm, einen Psychoanalysten aufzusuchen, statt den Irak zu bombardieren. 1898 erklärte Präsident William McKinley, Gott habe ihm den Befehl gegeben, die Philippinen zu behalten, um seine Einwohner zu zivilisieren und zu christianisieren. McKinley erklärte, er spräche während seiner mitternächtlichen Spaziergänge um das Weisse Haus mit Gott. Über ein Jahrhundert später erklärt Bush, Gott sei bei der Eroberung des Irak auf seiner Seite. Wann und wo ereilte ihn das göttliche Wort? Und warum hat Gott wohl so widersprüchliche Befehle an Bush und den Papst erteilt? Man erklärt den Krieg im Namen der internationalen Gemeinschaft, die den Krieg satt hat und, wie aus Gewohnheit, erklärt man den Krieg im Namen des Friedens. Es sei nicht wegen des Öls, sagen sie, wenn der Irak aber Radieschen produzierte, wem würde es dann wohl einfallen, in ihn einzufallen. Haben Bush, Cheney und die süsse Condoleezza Rice tatsächlich auf Ihre hohen Posten in der Öl-Branche verzichtet? Woher kommt der Groll Tony Blairs auf den irakischen Diktator? Es wird doch wohl nicht wegen der vor 30 Jahren von Saddam Hussein verstaatlichten britischen Irak Petroleum Company sein? Auf wie viele Ölquellen hofft José María Aznar bei der bevorstehenden Beuteteilung? Die Öl-trunkene Konsumgesellschaft hat panische Angst vor Entzugserscheinungen. Im Irak ist das schwarze Elixier am leichtesten zu fördern und womöglich sogar am reichhaltigsten vorhanden. Auf einer Friedensdemonstration in New York fragte ein Transparent: "Warum liegt unser Öl unter ihrem Sand?" Die USA haben für die Zeit nach ihrem Sieg eine lange Besatzung angekündigt. Ihre Generäle werden sich darum kümmern, die Demokratie im Irak zu etablieren. Wird es eine Demokratie sein, wie jene, die sie Haiti, der Dominikanischen Republik oder Nicaragua geschenkt haben? Sie haben Haiti 19 Jahre lang besetzt und gründeten eine Militärherrschaft, die in der Diktatur François Duvaliers endete. Sie haben die Dominikanische Republik 9 Jahre lang besetzt und gründeten die Militärherrschaft, von Rafael Leónidas Trujillos. Sie haben Nicaragua 21 Jahre lang besetzt und gründeten die Diktatur der Familie Somoza. Die Dynastie der von den Marines auf den Thron gesetzten Somozas dauerte ein halbes Jahrhundert an, bis sie 1979 vom Volkszorn weggefegt wurde. Damals besprang Präsident Reagan sein Pferd und schickte sich an, sein von der Sandinistischen Revolution bedrohtes Land zu retten. Nicaragua, eines der ärmsten unter den armen Ländern, besass damals 5 Aufzüge und eine kaputte Rolltreppe. Reagan aber beschwor, Nicaragua sei eine Gefahr und während er sprach, zeigte das Fernsehen eine sich von Süden her langsam rot einfärbende Karte der Vereinigten Staaten, die eine bevorstehende nicaraguanische Invasion illustrieren sollte. Kopiert Bush Reagans Panik spähende Reden? Sagt er einfach dort Irak, wo Reagan Nicaragua sagte? Die Zeitungen titelten am Vorabend des Krieges: "Die USA sind darauf vorbereitet, dem Angriff zu widerstehen" Die Verkaufszahlen von Isolierband, Gasmasken und Strahlenschutztabletten explodieren. Warum hat der Henker mehr Angst als das Opfer? Ist es auf kollektive Hysterie zurück zu führen oder erzittert er vor den Konsequenzen seines Handelns? Was ist, wenn das irakische Öl die Welt in Brand steckt? Ist dieser Krieg nicht genau jenes Vitamin, das der internationale Terrorismus benötigt? Sie behaupten, Saddam Hussein ernähre die Fanatiker von Al-Kaida. Züchtet man Krähen, damit sie einem die Augen aushacken? Die islamischen Fundamentalisten hassen ihn. Ein Land, in dem Hollywood-Filme gesehen werden, in dem an vielen Oberschulen Englisch gelehrt wird und eine muslimische Mehrheit nicht verhindert, dass sich Christen mit dem Kreuz auf der Brust zeigen, in dem es nicht selten ist, dass man Frauen in Hosen und gewagten Blusen sieht, ist des Teufels. Unter den Terroristen, die die Türme von NY zum Einsturz brachten war kein Iraker. Fast alle waren aus Saudi Arabien, dem weltbesten Kunden der USA. Auch Bin Laden, der, von Satelliten verfolgt zu Pferde durch die Wüste flieht und. immer bereitwillig zur Stelle ist, wenn Bush seine Dienste als professionelles Ungeheuer braucht, ist Saudi. Wussten sie, dass Dwight D. Eisenhower 1953 erklärte, der Präventivkrieg sei eine Erfindung Adolf Hitlers? Er stellte fest: "Mal ehrlich, ich würde keinen ernstnehmen, der mir eine derartige Idee unterbreiten würde." Die USA sind das Land, das die meisten Waffen auf der Welt herstellt und verkauft. Sie sind auch die einzige Nation, die je Atomwaffen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt hat. Und sie sind immer im Krieg gegen irgendjemand, schon aus Tradition. Wer bedroht also den universellen Frieden? Der Irak hat 17 UN-Resolutionen missachtet, Israel 64. Wird Bush nun seine treuesten Verbündeten ausbomben? Der Irak wurde 1991 durch den Krieg von Bush Vater zerstört. Seitdem wird er durch die Blockade ausgehungert. Welche Massenvernichtungswaffen kann dieses massiv zerstörte Land verstecken? Israel hält seit 1967 palästinensische Gebiete besetzt und zählt auf Atomwaffen, die im Straffreiheit gewährleisten. Pakistan, ein anderer treuer Alliierter und notorisches Terroristennest protzt mit seiner Atommacht. Könnte auch der irakische Feind diese Waffen besitzen? Wenn er tatsächlich welche besässe, wie Nordkorea erklärt sie zu haben, würden sie sich dann trauen, ihn anzugreifen. Und die chemischen und biologischen Waffen? Wer hat Saddam Hussein die Anlagen zur Herstellung und die Hubschrauber zum Abwurf jenes Nervengases geliefert, mit dem die Kurden massakriert wurden? Warum zeigt Bush die Quittungen nicht? War Saddam in jenen Jahren des Krieges gegen den Iran und gegen die Kurden weniger Diktator als heute? Sogar Rumsfeld besuchte ihn damals freundschaftlich. Warum macht man sich erst jetzt und nicht schon damals Sorgen um das Schicksal der Kurden? Und warum nur die Irakischen und nicht die noch zahlreicheren kurdischen Opfer in der Türkei? Rumsfeld, der amtierende Verteidigungsminister kündigte an, gegen den Irak nicht-tödliche Gase zu verwenden. Werden sie so wenig tödlich sein wie diejenigen, die Putin letztes Jahr in dem Moskauer Theater verwendeten und die über 100 Geiseln das töteten? In der UNO wurde Picassos Guernica tagelang verhängt, damit die unschöne Szene Collin Powells Hornsignal zum Kriegsbeginn nicht störte. Angesichts der Zensur, an die sich die Kriegsberichterstatter zu halten haben, fragt sich, wie gross der Vorhang sein muss, der das Gemetzel im Irak verdecken soll? Was wird mit den Seelen der Irakischen Opfer geschehen? Dem religiösen Berater des Präsidenten und himmlischen Haudegen Reverend Billy Graham zufolge, ist der Himmel eher klein: er misst gerade einmal 1.500 Quadratmeilen. Nur wenige werden Eingang finden. Und raten sie mal, welche Nation schon fast alle Eintrittskarten gekauft hat? Und noch eine letzte Frage, die ich John Le Carré bitte, mir auszuleihen: "Werden sie viele Menschen töten, Papa?" - "Keinen, den Du kennst, Liebling. Nur Ausländer." BERÜHMTE ZITATE «Waffenproduzenten brauchen den Krieg, so wie die Produzenten von Regenschirmen Regen brauchen.» «Heute nennt sich der Kapitalismus Marktwirtschaft, der Imperialismus nennt sich Globalisierung, und Zynismus ist die einzige Form von Realitätssinn, die es noch gibt.» «Die Schönheit ist nur schön, wenn man sie verkaufen, die Justiz nur gerecht, wenn man sie kaufen kann. Die Art, wie wir leben sollen, führt zum Tod des Planeten; genauso wie die für die Beschleunigung der Bewegung erfundenen Maschinen zum Stillstand und die für das Zusammenkommen von Menschen entstandenen Städte zur gegenseitigen Isolierung führen. Die Worte verlieren ihren Sinn, während das Meer sein Grün und der Himmel sein Blau verliert - beides liebenswürdigerweise gemalt von den Algen, die seit drei Milliarden Jahren Sauerstoff an die Atmosphäre abgeben.» (Quelle - www.raffiniert.ch/)
Eduardo Galeano: DIE ERDE ALS SHOPPING CENTER - Das Konsumimperium - Es heisst, das Recht auf Überfluss, Privileg Weniger, ist die Freiheit aller. Diese Zivilisation lässt weder die Blumen, noch die Hühner, noch die Menschen schlafen. In den Treibhäusern sind die Blumen ständigem Licht ausgesetzt, damit sie schneller wachsen. In den Eierfabriken ist den Hühnern auch die Nacht verboten. Und die Menschen sind zur Schlaflosigkeit verurteilt, wegen dem Kaufzwang und der Beklemmung bezahlen zu müssen. Die Explosion des Konsums in der heutigen Welt verursacht mehr Lärm, als alle Kriege und macht mehr Krach, als alle Karnevals. Wie ein altes türkisches Sprichwort sagt, wer auf Rechnung trinkt, betrinkt sich doppelt. Die Vergnügungssucht betäubt und vernebelt den Blick; dieser grosse universelle Rausch scheint keine Grenzen, weder zeitlich noch räumlich, zu haben. Aber die Kultur des Konsums tönt laut, wie die Trommel, weil sie hohl ist; und wenn die Stunde der Wahrheit kommt, wenn das Getöse aufhört und das Fest zu Ende ist, erwacht der Betrunkene, allein, begleitet von seinem Schatten und den kaputten Tellern, die er bezahlen muss. Die Expansion der Nachfrage stösst an die Grenzen, die ihr das gleiche System setzt, das sie schafft. Das System braucht immer offenere und breitere Märkte, wie die Lungen Luft brauchen und gleichzeitig müssen sie spottbillig sein, wie die Rohstoffpreise und die Arbeitskraft. Das System spricht im Namen von allen, an alle richtet es ihre ge-bieterischen Befehle zum Konsumieren, unter allen verbreitet es das Kauffieber; aber kein Durchkommen: für fast alle beginnt und endet dieses Abenteuer vor dem Fernsehschirm. Die Mehrheit, die sich verschuldet, um Sachen zu be-sitzen, besitzt am Ende nichts als Schulden, die neue Verschuldungen hervorbringen und hört mit der Aufzehrung der Phantasien, die sich manchmal in ein Vergehen umsetzen, auf. Das Recht auf Verschwendung, Privileg von Wenigen, sagt, die Freiheit von allen zu sein. Sag mir, wieviel du ver-brauchst und ich sag dir, wieviel du wert bist. Diese Zivilisation lässt weder die Blumen, noch die Hühner, noch die Menschen schlafen. In den Treibhäusern werden die Blumen Dauerlicht unterworfen, damit sie schneller wachsen. In den Eierfabriken ist den Hühnern auch die Nacht verboten. Und die Menschen sind zur Schlaflosigkeit verurteilt, wegen der Kaufsucht und der inneren Unruhe dann bezahlen zu müssen. Diese Lebensweise ist nicht sehr gut für die Menschen, aber sie ist sehr vorteilhaft für die Pharmaindustrie. Die USA verbraucht die Hälfte der Beruhigungsmittel, Mittel gegen die Beklemmung und andere chemische Drogen, die legal in der Welt verkauft werden und mehr als die Hälfte der verbotenen Drogen, die illegal verkauft werden, was nicht wenig ist, wenn man bedenkt, dass die USA kaum fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. „Unglückliche Leute, die leben, um sich gegeneinander abzuschätzen“, bedauert eine Frau im Viertel von Buceo in Montevideo. Der Schmerz nicht mehr das zu sein, wie früher der Tango sang, hat sich in die Schande nicht zu haben, gewandelt. Ein Mensch, der arm ist, ist ein armer Tropf. „Wenn ihr nichts habt, denkt ihr, ihr taugt nichts“, sagt ein Junge im Viertel Villa Fiorito von Buenos Aires. Und ein anderer beweist in der dominikanischen Stadt von San Francisco de Macorís: „Meine Brüder arbeiten für die Marken. Sie leben, Etiketten kaufend und leben Blut und Wasser schwitzend, um die Gebühren zu bezahlen.“ Unsichtbare Gewalt des Marktes: Die Mannigfaltigkeit ist Feindin der Wirtschaftlichkeit und die Einförmigkeit befiehlt. Die Serienproduktion, auf gigantischer Ebene, setzt überall ihre Pflichtnormen des Konsums. Diese Diktatur ist ver-heerender als jede Einparteiendiktatur: Sie drückt der ganzen Welt eine Lebensweise auf, die die Menschen wie Fotokopien des beispielhaften Konsumenten reproduziert. Der beispielhafte Konsument ist der stille Mensch. Diese Zivilisation, die die Quantität mit der Qulität verwechselt, verwechselt die Korpulenz mit guter Ernährung. Gemäss der wissenschaftlichen Zeitschrift The Lancet, stieg in den letzten zehn Jahren die „ernstliche Fettleibigkeit“ um fast 30 % bei der jugendlichen Bevölkerung in den entwickeltsten Ländern an. Bei den nordamerikanischen Kindern nahm in den letzten 16 Jahren die Fettleibigkeit um 40 % zu, gemäss der kürzlichen Forschung des wissenschaftlichen Gesundheitszentrums der Universität von Colorado. Das Land, das die light Nahrung und light Getränke, die Essensdiät und die fettfreie Ernährung erfand, hat die meisten Fettleibigen der Welt. Der beispielhafte Konsument steigt nur aus dem Auto, um zu arbeiten und um fernzusehen. Vor dem kleinen Bildschirm sitzend, verbringt er vier Stunden täglich Plastikessen runterschlingend. Es triumphiert der als Essen verkleidete Abfall: Diese Industrie erobert die Gaumen der Welt und schlägt die Traditionen der örtlichen Küche kurz und klein. Die Sitten des guten Essens, die von weither kommen, haben in manchen Ländern tausende von Jahren Raffinesse und Vielfalt und sind ein kollektives Erbe der Menschheit, das sich auf irgendeine Weise auf dem Herd von allen befindet und nicht nur auf dem Tisch der Reichen. Diese Traditionen, diese Zeichen kultureller Identität, diese Feste des Lebens, werden auf blitzartige Weise durch den Ein-schlag des chemischen und einzigen Geschmacks zerstört: Die Globalisierung des Hamburgers, die Diktatur des weltweiten fast foods. Das weltweite Plastikessen, Werk von McDonald’s, Burger King und anderen Fabriken, verletzt erfolgreich das Selbstbestimmungsrecht der Küche: Heiliges Recht, denn im Mund hat die Seele eine ihrer Türen.
Der Fussballweltmeister von 98 bestätigt unter anderem, dass die Kreditkarte MasterCard die Muskeln stärkt, dass Coca-Cola ewige Jugend schenkt, und dass das Menü von McDonald`s in keinem Bauch eines guten Athleten fehlen darf. Die riesige Armee von McDonald’s schiesst Hamburger in die Mäuler von Kindern und Erwachsenen auf dem ganzen Planeten. Der doppelte Bogen dieses M`s diente während der kürzlichen Eroberung der Länder Ost-europas als Standarte. Die Schlangen vor McDonald’s in Moskau, 1990 mit Pauken und Trompeten eingeweiht, symbolisiert den Sieg des Westens mit so viel Beredsamkeit, wie mit dem Fall der Berliner Mauer. Ein Zeichen der Zeit: Dieses Unternehmen, das die Tugenden der freien Welt in sich trägt, verweigert seinen An-gestellten die Freiheit sich in einer Gewerkschaft zu organisieren. McDonald’s verletzt so ein legales, in vielen Ländern, in denen es operiert, bestätigtes Recht. 1997 versuchten sich einige ArbeiterInnen, Mitglieder von der vom Unternehmen so genannten Macfamilie, in einem Restaurant von Montreal in Kanada gewerkschaftlich zu organisieren: Das Restaurant schloss. Aber 98 erreichten andere Angestellten von McDonald’s in einer kleinen Stadt in der Nähe Vancouvers diese Eroberung, würdig für das Guiness-Rekordbuch. Die Massenkonsumenten erhalten Befehle in einer universellen Sprache: Die Werbung erreichte, was das Esperanto wollte und nicht durfte. Überall verstehen alle die Botschaften, die der Fernseher übermittelt. Im letzten Viertel des Jahrhunderts verdoppelten sich die Ausgaben der Werbung auf der Welt. Dank ihnen trinken die armen Kinder immer mehr Coca Cola und immer weniger Milch und die Freizeit wird zur Pflicht-Konsumzeit. Freie Zeit, Gefangenenzeit: Die sehr armen Häuser haben kein Bett, aber sie besitzen einen Fernsehapparat und der Fernseher hat das Wort. Auf Raten gekauft beweist dieses Tierchen die demokratische Berufung des Fortschritts: Niemand hört zu, aber es spricht für alle. Arme und Reiche lernen so die Tugenden des letzten Automodells kennen und Arme und Reiche erfahren die vorteilhaften Ratenzahlungen, die diese oder jene Bank anbietet. Die Experten verstehen es, Waren in Zaubereinheiten gegen die Einsamkeit zu verwandeln. Die Dinge haben menschliche Bestimmungen: Sie streicheln, begleiten, verstehen, helfen, das Parfüm küsst dich und das Auto ist der Freund, der niemals versagt. Die Kultur des Konsums machte aus der Einsamkeit den lukrativsten der Märkte. Die Öffnungen der Brust füllen sich, vollgestopft mit Dingen, oder davon träumend, es zu tun. Und die Dinge können nicht nur umarmen: Sie können auch Symbole des sozialen Aufstiegs sein, Passierscheine, um die Grenzen der Klassen-gesellschaft zu überwinden, Schlüssel, die verbotene Türen öffnen. Um so exklusiver, um so besser: Die Dinge wählen dich aus und retten dich aus der Massenanonymität. Die Werbung informiert nicht über das Produkt, das sie verkauft, oder seltene Male tut sie das. Das ist das wenigste. Ihre Funktion besteht in erster Linie in der Frust-kompensierung und Fantasien zu nähren: In wen möchten Sie sich verwandeln, wenn Sie diese Rasierlotion kaufen? Der Kriminologe Anthony Platt beobachtete, dass die Straftaten auf der Strasse nicht nur Folge extremer Armut sind. Sie sind auch die Frucht der individualistischen Ethik. Die gesellschaftliche Besessenheit des Erfolgs, sagt Platt, wirkt sich entscheidend auf die illegale Aneignung der Dinge aus. Ich hörte immer sagen, dass Geld nicht glücklich macht; aber jeder arme Fernsehzuschauer hat genügend Motive zu glauben, dass das Geld etwas ähnliches herstellt, dass der Unterschied eine Angelegenheit von Spezialisten ist. Gemäss dem Historiker Eric Hobsbawm beendete das zwanzigste Jahrhundert sieben Millionen Jahre menschlichen Lebens auf die Landwirtschaft konzentriert, seit Ende der Altsteinzeit die ersten Anpflanzungen auftauchten. Die Be-völkerung auf der Welt schliesst sich in Städte ein; die Bauern werden Bürger. In Lateinamerika haben wir verlassene Felder und enorme städtische Ameisenhaufen: Die grössten Städte der Welt und die ungerechtesten. Von der modernen Exportlandwirtschaft vertrieben und durch die Erosion ihrer Ländereien fallen die Bauern in die Vorstädte ein. Sie glauben, dass Gott überall ist, aber aus Erfahrung wissen sie, dass er sich um die Grosstädte kümmert. Die Städte versprechen Arbeit, Wohlstand, eine Zukunft für die Kinder. Auf dem Land sehen die Geduldigen das Leben vorbeiziehen und sterben gähnend; in den Städten geschieht das Leben und es ruft. Zusammengepfercht in ärm-lichen Behausungen entdecken die zuletzt Angekommenen zuerst, dass die Arbeit fehlt und die Arme überflüssig sind, dass es nichts umsonst gibt und dass die teuersten Luxusartikel die Luft und die Ruhe sind. Während das 14. Jahrhundert geboren wurde, sprach Kloster-Bruder Giordana da Rivalto in Florenz eine Lobrede auf die Städte. Er sagte, dass die Städte wuchsen, „weil sich die Leute gerne zusammentun“. Sich vereinigen, sich treffen. Jetzt, wer trifft wen? Trifft die Hoffnung die Wirklichkeit? Der Wunsch, trifft er sich mit der Welt? Und die Leute, treffen sie sich mit den Menschen? Wenn sich die menschlichen Beziehungen auf Beziehungen zwischen Dingen reduziert haben, wie viele Leute treffen sich mit den Dingen? Die ganze Welt neigt dazu, sich in einen grossen Fernsehbildschirm zu verwandeln, auf dem die Dinge sich an-schauen, aber nicht berühren. Die Waren im Angebot fallen ein und privatisieren den öffentlichen Raum. Die Bus- und Zugbahnhöfe, die bis vor kurzem Treffpunkt von Menschen waren, werden jetzt zu kommerziellen Ausstellungs-räumen. Das Shopping Zentrum, oder Shopping Meile, Schaufenster aller Schaufenster, drückt seine überwältigende An-wesenheit durch. Die Massen strömen in Wallfahrten zu diesem Gross-Tempel der Konsummesse herbei. Die Mehr-heit der Gottergebenen betrachtet in Extase die Dinge, die ihre Geldbeutel nicht bezahlen können, während sich die Minderheit der Käufer der ununterbrochenen und erschöpfenden Angebotsbombardierung unterwirft. Das Gedränge, das mit der Rolltreppe hoch und runterfährt, reist um die ganze Welt: Die Modellpuppen ziehen sich wie in Mailand oder Paris an und die Maschinen klingen wie in Chicago und um zu sehen und zu hören ist es nicht notwendig den Fahrpreis zu bezahlen. Die von den Dörfern im Inneren gekommenen Touristen, oder aus den Städten, die bisher noch nicht diesen Segnungen des modernen Glücks wert waren, stellen sich für das Foto am Fuss der bekanntesten internationalen Marken auf, wie sie früher am Fuss der Statue des Führers auf dem Platz posierten. Beatriz Solana beobachtete, dass die Bewohner der Vostädte ins Center, ins Shopping-Zentrum, herbeieilen, wie sie früher ins Zentrum eilten. Der traditionelle Spaziergang am Wochenende ins Zentrum der Stadt, tendiert dazu, vom Ausflug in diese städtischen Zentren ersetzt zu werden. Gewaschen und gebügelt und gekämmt, angezogen mit ihrer besten Galakleidung, kommen die Besucher auf ein Fest, auf das sie nicht eingeladen sind, aber sie können Zaun-gäste sein. Ganze Familien beginnen die Reise in der Raumkapsel, die ein Universum des Konsums durchläuft, in dem die Ästhetik des Marktes eine erstaunliche Landschaft von Modellen, Marken und Etiketten entworfen hat. Die Konsumkultur, Kultur des Flüchtigen, verurteilt alles zur mediatischen Nichtverwendung. Alles ändert sich schwindelerregend beim Rhythmus der Mode, zu Diensten der Notwendigkeit zu verkaufen gestellt. Die Dinge altern während eines Blinzelns um von anderen kurzlebigen Dingen ersetzt zu werden. Heutzutage ist das einzige, das bestehen bleibt, die Unsicherheit; die Waren, zur nicht-Dauer fabriziert, zeigen sich so flüchtig, wie das Kapital, das sie finanziert und die Arbeit, die sie schafft. Das Geld fliegt in einer Lichtgeschwindigkeit: Gestern war es dort, heute ist es hier, morgen wer weiss und alle Arbeiter sind potentiell arbeitslos. Paradoxerweise bieten die Shopping-Center, Königreiche der Flüchtigkeit, die erfolgreichste Illusion der Sicherheit. Sie widerstehen ausserhalb der Zeit, ohne Alter und ohne Wurzel, ohne Nacht und ohne Tag und ohne Erinnerung und sie existieren ausserhalb des Weltalles, ent-fernt der Turbulenzen der gefährlichen Realität der Welt. Die Besitzer der Welt benutzen die Erde, als ob sie ausschaltbar wäre: Eine Ware des flüchtigen Lebens, die sich ausverkauft, wie sich, von kurz nach der Geburt an, die Bilder, die das Maschinengewehr des Fernsehers schiesst, und die Moden und die Idole, die die Werbung ohne Waffenruhe auf den Markt wirft, erschöpfen. Aber in welche andere Welt werden wir umziehen? Sind wir alle dazu verpflichtet das Märchen zu glauben, Gott habe den Planeten an einige Unternehmen verkauft, weil er schlecht gelaunt entschied, das Universum zu privatisieren? Die Konsum-gesellschaft ist eine Dummenfänger-Falle. Diejenigen, die das Heft in der Hand haben, täuschen vor es zu ignorieren, aber jeder, der Augen im Kopf hat, kann sehen, dass die grosse Mehrheit der Leute wenig konsumiert, sehr wenig oder notwendigerweise nichts, um die Existenz der wenigen Natur, die uns bleibt, zu garantieren. Die soziale Un-gerechtigkeit ist weder ein zu korrigierender Irrtum, noch ein zu überwindender Fehler: Sie ist eine grundlegende Notwendigkeit. Es gibt keine Natur, die in der Lage ist ein Shopping-Center in der Grösse des Planeten zu ernähren. Original : Eduardo Galeano : El imperio del consumo (2007) / Ecoportal Eduardo Hughes Galeano ist ein Journalist, Essayist und Schriftsteller, geboren 1940 in Montevideo, Uruguay . Mit zwanzig Jahren wurde er stellvertretender Chefredakteur der Marcha, einer Zeitschrift für Kultur und Politik in Montevideo. Später war er leitend bei mehreren linksgerichteten Zeitschriften tätig; 1976 ging er ins spanische Exil, wo er bis zum Ende von Uruguays Militärdiktatur 1985 verblieb. 1971 erschien die erste Fassung seines wichtigsten Werkes Las venas abiertas de América Latina (dt. Die offenen Adern Lateinamerikas), welches sich mit der Geschichte Lateinamerikas, insbesondere den Kolonialherrschaften alter und neuerer Prägung auseinandersetzt. Werke auf Deutsch: Die offenen Adern Lateinamerikas. Peter Hammer Verlag; Der Ball ist rund. Unionsverlag; Die Füße nach oben. Peter Hammer Verlag; ... Übersetzt vom Spanischen von Isolda Bohler, Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft für jeden nicht-kommerziellen Gebrauch: sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, dass der Text nicht verändert wird und dass sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden. www.tlaxcala.es Dank an Tlaxcala. Kürzlich fand ich darin ein Interview der italienischen Zeitschrift Una Citta mit Eduardo Galeano,einem der bekanntesten derzeitigen Schriftsteller ... Eduardo Galeano, uruguayischer Schriftsteller und Journalist, ist Autor von »Die offenen Adern Lateinamerikas«, »Erinnerungen des Feuers« und »Spiegel ... Der Krieg, Eduardo Galeano. Propaganda verdeckt die wahren Militärziele, Attac Deutschland ... von Eduardo Galeano Ich werde neugierig sein. ... Der Schriftsteller Eduardo Galeano, geboren 1940 in Montevideo (Uruguay), wurde in der BRD bekannt durch seine Veröffentlichungen "Die offenen Adern ... Die Gefängnisstrafen und die Erschießungen in Kuba sind sehr gute Nachrichten für die weltweit agierende Supermacht, die verrückt danach ist, ...  "Punk hat nichts mit deinem Aussehen zu tun, sondern mit deinen Vorstellungen, Einstellungen, Ideen...Wenn dir deine kleine Modenschau so wichtig ist, dann verpiss dich, weil der Szene hilfst du kein bisschen!" All die Probleme auf der Welt, über die wir uns aufregen, werden weniger werden, wenn wir aufhören, zu ihnen beizutragen. Wenn wir Veränderung fordern, müssen wir bereit sein, diese Veränderung zu vollziehen. Wenn Einzelne die Verantwortung übernehmen, sich selbst zu transformieren, dann ändert sich auch die Gesellschaft Schritt für Schritt. (Ray Cappo - Youth Of Today) Viele kamen allmählich zu der Überzeugung, einen großen Fehler gemacht zu haben, als sie von den Bäumen heruntergekommen waren. Und einige sagten, schon die Bäume seien ein Holzweg gewesen, die Ozeane hätte man niemals verlassen dürfen. (Aus "Per Anhalter durch die Galaxis") | |  Bild - Gerold |
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"Die Philosophie des Punk"
"Der berühmte sowjetische Psychologe Pavel Semenow hat einmal bemerkt, dass der Mensch seinen Wissensdurst auf zweierlei Art stillt: (1) Er beobachtet seine Umwelt und versucht das Unbekannte auf eine vernünftige und sinnvolle Art einzuordnen (das ist Wissenschaft); und (2) er reogarnisiert die bekannte Umwelt, um etwas Neues zu kreieren (das ist Kunst)."
Nach dieser Definition ist Punk eine Kunstform. Punk ist aber viel mehr, da er bestimmte Theorien und politische Gedanken mit eischließt. Bei dem Versuch zu verstehen was Punk ist, sind Vergleiche mit vorangegangenen künstlerischen Bewegungen hilfreich. Frühe Punks benutzten (vielleicht absolut unbewusst) viele revolutionäre Taktiken, die von früheren avantgardistischen, künstlerischen Bewegungen eingesetzt wurden: ungewöhnliches Aussehen, das Verwischen der Grenze zwischen Kunst und Alltag, die Gegenüberstellung von angeblich grundverschiedenen Dingen und Verhaltensweisen, die absichtliche Provokation der Zuschauer, der Einsatz von nicht ausgebildeten Akteuren, die drastische Reorganisation (oder Desorganisation) von anerkannten Auftrittstilen und - prozeduren.
Der am häufigsten gezogene Vergleich zwischen Punk und einer etablierten Kunstbewegung ist der Dada. "Dada, im Allgemeinen zwischen 1916 und 1922 angesiedelt, erlangte in Frankreich kurz nach dem Ersten Weltkrieg traurige Berühmtheit dafür, alle vorher existierenden sozialen und ästhetischen Werte abgelehnt zu haben." Es gibt mindestens drei mir bekannte Studien, in denen Punk als moderne Version von Dada dargestellt wird. Der Vergleich ist stichhaltig, obgleich ich glaube, dass den meisten Punks die dadaistische Kunst eher zuwider wäre. Beide sind zwar subversiv,aber Punk ist glücklicherweise weniger absurd und abstrakt, wenn es um Subversität geht.
Eine Bewegung, zu der der frühe Punk größere Ähnlichkeit aufweist, ist die Futuristische Bewegung. Der Futurismus wurde 1909 von Filippo Marinetti mit seinem Fundament und Manifest des Futurismus begründet, welches er in der mit hoher Auflage erscheinenden Pariser Tageszeitung Le Figaro publizierte, Wie andere Bewegungen der historischen Avantgarde war der Futurismus eine interdisziplinäre Bewegung, die visuelle Kunst, Literatur und Performance beinhaltete. Er hatte sich die Ablehnung der traditionellen Kunstformen, dem nicht-naturalistischen Ausdruck sowie der Einbeziehung des Publikums verschrieben. Diese Integration des Publikums ist ein wichtiges Bindeglied zwischen Kunst- und Punkbewegung, weil beide versuchen, die bestehende Barriere, die die Beziehung zwischen Künstler und Zuschauer prägt, zu durchbrechen.
"Als Teil der provokativen Punk-Taktik haben sich Akteure auf der Bühne übergeben, das Publikum angespuckt und aus Selbstverstümmelung resultierende Wunden zur Schau dargestellt - nachdem sie mit kaputten Flaschen, Angelhaken und Messsern geschnitten und sich Prellungen zugefügt hatten. Die Rolle des Publikums beinhaltete oft, fest installierte Sitze, Bierflaschen, Gläser und alles mögliche anderem das zufällig verfügbar war, nach den Auftretenden zu werfen."
Diese Art der Interaktion wurde in den frühen Jahren des Punk aktiv betrieben, inzwischen wird aber eine sehr große Trennung von Zuschauern und Künstlern immer deutlicher sichtbar. Dadurch, dass das Publikum stetig größer wird, orientieren sich Konzerte stärker an Unterhaltungsmaßstäben als an Interaktion. Kleine Konzerthallen lassen der Interaktion immer noch Freiräume, aber größere Auftrittsorte spiegeln einfach die Bedingungen eines typischen Rock´n´Roll-Konzertes wider. Außerdem sind die spezifischen Elemente von Punk-Auftritten, wie sie oben beschrieben wurden, extrem abgemildert worden. Wenn sie doch vorkommen, werden sie in aller Regel als Akte unoriginellen Schockwerts oder einfach als Sehnsucht nach der guten alten Zeit wahrgenommen, als es noch kein anderes Ziel gab, als Wut auszudrücken.
Die spätere Punkbewegung wurde auch von der Kleidung der Futuristen beeinflusst. Die Futuristen wollten ihre Antikunst-Botschaft auf die Straße bringen, indem sie schrille Kleidung, Ohrringe und Make-up trugen. Dies wurde später von den modeorientierten Punks der Londoner Kings Road imitiert. Man muss jedoch als wichtigen Unterschied festhalten, dass Punk sich über die "Schocktaktik" der bunten Haare und Hundehalsbänder hinaus weiter entwickelt hat und jetzt eine ziemlich geschlossene Philosophie besitzt, die wenig bis nichts mit einem bestimmten Kleidungsstil zu tun hat. Obwohl es damals wirklich wirkungsvoll war und auch heute noch Spaß macht, Leute durch sein Aussehen zu schockieren, ist es doch inzwischen wichtiger, mit Ideen zu schockieren.
Dieser knappe Vergleich des Punk mit avantgardistischen Kunstbewegungen (längere sind, wie gesagt, bereits erschienen) zeigt, das Punk weder in seinem Ausdruck und seinen Methoden noch in seiner Rebellion einzigartig war. Was nun noch fehlt, ist eine genaue und aktuelle Betrachtung dessen, wie die Punkszene aussieht und was sie in der heutigen Welt mitzuteilen hat.
"Zu Beginn möchte ich euch sagen, was Punk nicht ist - er ist keine Mode, keine bestimmte Art sich anzuziehen, keine vorübergehende Phase vorhersehbarer Rebellion gegen die Eltern, nicht der neueste "coole" Trend und auch nicht eine bestimmte Lebensform oder ein Lebensstil. In Wirklichkeit ist Punk eine Idee, die dir den Weg durchs Leben zeigt und dich motiviert. Die bestehende Punk-Gemeinschaft existiert, um diese Idee durch Musik, Kunst, Fanzines und andere Ausdrucksformen persönlicher Kreativität zu unterstützen und zu realisieren. Und was beinhaltet diese Idee? Denke selbstständig, sei du selbst, nimm nicht einfach das, was die Gesellschaft dir anbietet, schaffe deine eigenen Regeln, lebe dein eigenes Leben." (Mark Andersen) Rebellion ist eine der wenigen unstrittigen Eigenschaften von Punk. Sie ist unterschwellig in Sinn, Musik und Texten des Punk enthalten. Auch wenn jemand nicht lange genug dabei bleibt, um wichtige persönliche Erkenntnisse zu erlangen, wird doch "jeder", der sich mit Punk einlässt, normalerweise von irgendeiner Form der Rebellion motiviert, sei es gegen Eltern, Autoritäten oder gegen das System.
Das wichtigste (und vielleicht radikalste) Ziel für Punks ist, selbst Verantwortung zu übernehmen. Diese gilt zuerst einmal nur für sie selbst und dafür, das eigene Leben zu ordnen und zu meistern. Danach werden andere mit einbezogen. Doch worin genau bsteht diese Verantwortung? Den eigenen Kopf anzustrengen, Leuten mit Respekt zu begegnen, kein Urteil aufgrund von Äußerlichkeiten zu fällen, andere im Kampf um das Recht, "sie selbst zu sein", zu unterstützen, ja sogar mitzuhelfen, eine positive Veränderung in der Welt zu bewirken. (Mark Anderson)
Nicht alle Punks sind sich darüber einig, wie andere unterstützt und wie Veränderungen außerhalb der eigenen Kreise herbeigeführt werden können, aber sie alle sind sich über die Notwendigkeit der Veränderung einig. Da Punk inzwischen mehrheitlich aus Menschen besteht, die der weißen Mittelschicht entstammen und nicht mehr der weißen Unterschicht (oder anderen benachteiligten Gruppen), ist es heute ein wichtiger Schritt, die eigene privelegierte Stellung in der Gesellschaft abzulehnen. Wir sind die Erben der weißen Vorherrschaft und der patriarchalen und kapitalistischen Weltordnung.
Für die meisten Leute sind wir alle mit Drogen vollgepumpte, auf die Zerstörung jeglicher Zivilisation versessene Revolutionäre. Ist es da erstaunlich, wenn Punks geschlagen, in Streifenwagen gestopft und ins Gefängnis verfrachtet zu werden? Die Unrechtlliste ist so lang wie die Geschichte der miesen Presse, die Punkrock bekommen hat.
ANARCHISMUS - Eine alternative zu bestehenden Systemen. Was er ist und wieso er von Punks in der ganzen Welt übernommen wurde. Das Versagen der "gekauften" Politiker hat einer Gegenkultur den Weg geebnet, die die Vorstellung vertritt, dass es ohne diese Blutsauger besser ginge. - Jede Art von Regierung ist unerwünscht und unnötig. Es gibt keine staatliche Dienstleistung, die eine kleinere Gemeinschaft nicht auch selbst zur Verfügung stellen könnte. Wir brauchen niemanden, der uns sagt, was wir machen sollen, der unser Leben für uns organisiert, uns mit Steuern, Regeln und Bestimmungen belästigt und gleichzeitig von unserer Arbeit in Saus und Braus lebt.
"Schon früh in der Entwicklung dessen, was wir Zivilisation nennen, bemerkten ein paar Leute, dass sie ein leichtes Leben führen und reich werden könnten, indem sie andere für sich arbeiten ließen. Diese Leute setzten sich mit List oder nackter Gewalt als Häuptlinge, Shamanen, Könige oder Priester durch, Mit Hilfe von Drohungen und Aberglauben hielten sie die Leute auf Kurs. Hin und wieder revoltierten ihre Untertanen, und die Herrschenden ließen entweder gerade mal so viele Reformen zu, dass die Leute besänftigt wurden von neuen Herrschern ersetzt. Das ist das Wesen der Regierungen.
Punks huldigen dem Anarchismus als Alternative zu den existierenden Systemen und zu den fortwährenden, bislang auf jede Revolution gefolgten Zyklen der Unterdrückung. Eine Regierung (und allgemein eine Hierarchie) unterdrückt und beutet die von ihr regierte und beeinflusste Bevölkerung aus. Im Gegensatz zu anderen jugendlichen oder bürgerlichen Gegenkulturen lehnen Punks den Kommunismus und die linken Flügel der traditionell-demokratischen Regierungen genauso ab wie den Kapitalismus. Reformen der herrschenden Parteien werden oft als dirigistisch - also dem formalen Erhalt der Regierung dienlich - und als oberflächlich verurteilt. Reformen werden ihrer Ansicht nur zugelassen, um die Bevölkerung zu besänftigen, nicht um sie zu befreien. Was den Kommunismus angeht, so stimmen viele Punks dessen vorgeblicher Unterstützung von Frauenrechten und der Arbeiterklasse zu. Beide, Punks und Kommunisten, lehnen die kapitalistische Gesellschaft ab. Viele Punks haben schon an Demonstrationen teilgenommen, die von der Spartakistischen Liga, der Revolutionären Kommunistischen Partei und anderen marxistischen, lenistischen oder trotzkistischen Gruppen organisiert wurden. Anarchisten und alle, die sich die Geschichte näher betrachten, werden allerdings merken, das die kommunistische Realität bislang weit von den Zielen eines idealen anarchistischen Staates entfernt war.
Kommunistische Unterdrückung kann nicht nur anhand repressiver Regimes aus jüngster Vergangenheit belegt werden, sondern auch anhand des Kronstädter Aufstands von 1921, der ukrainischen anarchistischen Bewegung von 1918-21 und des spanischen Bürgerkriegs von 1936-39, in dem die Anarchisten verraten und vom totalitären kommunistischen Kräften niedergeworfen wurden. Kommunistische Regimes unterscheiden sich am Ende nicht notwendigerweise vom gestürzten Regime, zumindest nicht was den Umgang mit den beherrschten Untertanen anbelangt. Revolution sollte aus mehr als nur dem Wechsel von Herrschern bestehen. In diesem Jahrhundert hat der Begriff der Revolution die Bedeutung einer Umwälzung erlangt, die von einer professionellen Klasse kommunistischer Organisationen herbeigeführt wurde, um lediglich das kapitalistische System zu stürzen und es gegen ein ebenso oder schlimmer unterdrückendes System auszutauschen. In diesem Sinne sind Revolutionen zu einem Teufelskreis geworden: Die Unzufriedenen lehnen sich nur auf, um eine neue Klasse von Unzufriedenen zu schaffen. Der Kommunismus bringt nicht nicht den notwendigen Grad an Freiheit, den der Anarchismus schafft, und sollte deshalb nicht seinem vorgeblichen Feind - dem Kapitalismus - vorgezogen werden.
Die Punkbewegung entstand in den kapitalistischen, pseudo-demokratisch regierten Ländern. Kein Wunder also, dass der Kapitalismus mitsamt seinen Problemen zur eigentlichen politischen Zielscheibe von Punks wurde. Obdachlosigkeit, Klassendiskriminierung und die Ausbeutung durch Arbeit sind wohl nur einige Resultate eines auf Habgier gegründeten Systems. Denn obwohl es stimmt, dass das kapitaslistische System vielen seiner Mitglieder einen großen Luxus zugesteht, hängt dieser doch direkt mit der Ausbeutung jener zusammen, die einen solchen Luxus nicht haben. Der alte Glaube daran, man könne durch ehrliche und harte Arbeit reich werden, hat sich schon immer als Unsinn entlarvt. Wenn dem so wäre, wären viele der unteren Klassen, inklusive meiner Familie und mir, stinkreich.
In einer kapitalistischen Gesellschaft wird Erfolg über Reichtum und Waren definiert. Nach dieser Defintion ist die bürgerliche Mittelklasse "gut situiert", gut genug, um jeder Form radikaler Veränderung aus dem Weg zu gehen, da sie mit dem Status zufrieden ist und also Angst hat, "arm" zu werden. Selbst die materiell Armen, die eigentlich ihre wahre Situation verstehen sollten (und oft können), arbeiten in der Hoffnung auf bürgerlichen Luxus. Die Tatsache, dass in der Regel Stereoanlagen und Fernseher, nicht Nahrungsmittel gestohlen werden, zeigt, dass die meisten Menschen der Vorstellung unterliegen, ein besseres Leben bestünde aus mehr Geld und mehr Waren.
Ein gewisser Luxus und Geld können das Leben auf jeden Fall leichter machen. Aber Erfolg und Versagen nach diesem Schema zu beurteilen, hat gefährliche Auswirkungen. "Der Kapitalismus basiert auf einem theoretischen Modell, das davon ausgeht, das jeder bestrebt ist, seinen individuellen Profit zu maximieren. Im Großen und Ganzen haben sich die Menschen nach diesem Modell verhalten und dabei alle Dinge um sich herum in Waren verwandelt, die gekauft und verkauft werden können. Die Auswirkungen werden besonders anhand der gegenwärtigen ökologischen Gefahren und Katastrophen offensichtlich. Wenn Ökonomen den Wert eines Umweltprodukts errechnen, ohne dabe den dazugehörigen Verlust einzubeziehen, arbeiten sie auf eine Katastrophe für nachkommmende Generationen hin, von den Folgen für Pflanzen und Tiere ganz zu schweigen. Sein Extrem erreicht dieses Denken in Kriegszeiten, in denen sowohl Menschen als auch der Kampf zwischen ihnen warenförmig wird. Töten wird bedeutungslos. (New World Order) Dies ist ein sehr wichtiger Punkt, der vom Golfkrieg im Nahen Osten nur unterstrichen wird.
Eine gängige These besagt, dass Kapitalismus Kannibalismus ist. Diese Aussage soll versinnbildlichen, wie Konzernchefs oder Führungskräfte andere Menschen aus Profitgier ausbeuten. Dem Kapitalismus, so scheint es, liegt stets das Elend bestimmter Menschengruppen zugrunde. Während des Golfkrieges wurden Soldaten auf beiden Seiten nicht nur dazu benutzt, Profitverluste zu verhindern, sondern sogar, um das Geschäft zu beleben. Bestimmte Tatsachen dieses Krieges sind nicht zu widerlegen: Hundertausende unschuldige Menschen haben ihr Leben verloren. Eine ganze Zivilisation wurde zerstört. Im kapitalistischen Amerika hatte der Krieg aber ganz andere Auswirkungen: Es wurde kräftig verdient. Mit einem Blick auf den "Profit" waren die Erdölfirmen vielleicht die größten Gewinner. Die populäre Antikriegs-Parole "kein Blut für Öl" hätte daher wohl besser "kein Blut für den Profit" lauten sollen.
Es ist kennzeichnend für die Linke, das sie den Verlauf von Demonstrationen festlegt und nach strikten Regeln gestaltet. Man hatte die Strukturen von Autorität, Hierarchie und Profit beibehalten und also nicht erkannt, auf welche Weise gerade sie für den Konflikt im Golf verantwortlich waren: Der befehlshörige Gefreite hätte sich da ganz zuhause gefühlt. Die Botschaft der Demonstranten wae klar: Sag ihnen (auf möglichst demütige Weise), dass du wütend bist, dann geh heim und schau fern.
...Solange Menschen glauben, dass es möglich ist, die richtigen Führer zu wählen, wird die Legende von der Demokratie leider weiterleben. - Die "Legende von der Demokratie" ist auch die treibende Kraft, die progressive und linke Politik beherrscht. Es ist ein einfacher und verführerischer Glaube, irgendwo würden gute und ehrliche Politiker sitzen, die nur gewählt werden wollen, um endlich große und positive Veränderungen herbeiführen zu können. In Wirklichkeit ist es aber wohl eher so, dass nur solche Politiker als ernsthafte Kandidaten in Betracht kommen, die in Wort und Tat ihr Festhalten am Status Quo unter Beweis stellen. Selbst wenn es irgendeine Möglichkeit gäbe, gute Führer zu wählen, gibt es doch immer noch das Problem des Reformisten, der nicht glaubt, dass ein Individuum oder eine Gemeinschaft die eigenen Probleme je selbst wird lösen können. Stattdessen glaubt der Reformist an die Notwendigkeit der Autorität zu Wohle des Einzelnen. "Es ist ein Denkfehler, darauf zu zählen, dass die Regierung je Reformen mit dem Ziel durchführen wird, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, denn jede dirigistische Gesellschaft baut notwendig auf Klassenschranken und Ungleichheit auf. Die von den Linken favorisierten Reformen greifen also nur die Symptome des Systems, nicht die Krankheit selbst an. Probleme wie Obdachlosigkeit oder Armut werden angegangen, ohne deren Ursache im Wesen des Kapitalismus selbst zu suchen. Letzten Endes dient es nur den Interessen der herrschenden Klasse und des Staates, wenn Tausende von intelligenten und engagierten Individuen ihre ganze Energie in Scheinreformen stecken, die in keiner Weise an den herrschenden Machtstrukturen kratzen.
Ein Anarchopunk lehnt deshalb die Art, wie gegenwärtige Regierungen funktionieren, ab. - Die Anarchie ist die einzige Form politischen Denkens, die nicht versucht, das Individuum durch Gewalt zu kontrollieren. Punks verurteilen sowohl die rechten wie linken Parteien dafür, dass sie ihre Macht nutzen, um Menschen zu kontrollieren und ihnen etwas aufzuzwingen. Die Idee eines Staates bringt zwangsläufig mit sich, dass die Menschen ihm viele Aspekte ihres Lebens unterordnen - in manchen Fällen das Leben selbst. "Anarchie bedeute, staatliche Kontrolle abzulehnen; sie stellt den Anspruch des Individuums dar, ein Leben in persönlicher Freiheit und nicht eines der politischen Manipulation zu leben. - Kontrolle abzulehnen setzt allerdings ein gewisses Maß an persönlicher Verantwortung voraus. So sehr die Menschen auch von Regierungen schikaniert werden - unter ihen lebt es sich frei von aller Verantwortung, was am Ende vielleicht sogar bequemer ist. "Wer sich der Kontrolle verweigert, nimmt sein Leben selbst in die Hand. - Im Gegensatz zur landläufigen Vorstellung von Anarchie als Chaos ist genau das der Beginn persönlicher Ordnung...Anarchie bedeutet kein wirres Durcheinander, in dem sich jeder selbst der Nächste ist." - Anarchie ist vielmehr ein Zustand, in dem Individuen in gegenseitigem Vertrauen und Respekt zueinander leben.
Für Intellektuelle ist es sicher schwer und für den Durchschnittsbürger fast unmöglich, die Punkbewegung als revoltioäre Kraft ernstzunehmen. Die falsche Darstellung der Medien, Punk auf Drogenkonsum und Selbstverstümmelung zu reduzieren, hat die politische Wirkung von Punk nachhaltig geschwächt. Und doch hat sie nicht die Welle von anarchistisch motivierten Punks verhindern können, die erst vor kurzem entstand und bemüht ist, Theorie in Praxis umzusetzen.
Eine echte anarchistische Revolution und Gesellschaft kann nur entstehen, wenn die Menschen durch Einsicht und nicht durch Zwang dazu gebracht werden, die Freiheit anzunehmen. Anarchisten die gewalttätig gegen ihre Feine vorgehen, sind oft durch ihr Ego und weniger durch ihr Gefühl motiviert und wenden Gewalt an, wann immer ihnen danach ist. Pazifisten glauben, dass "Bücher zu verfassen oder Streitfragen zu diskutieren" die Menschen eher überzeugen kann, als einen "Molotow-Cocktail" zu werfen. Der Hauptgrund dafür, dass sich zahlreiche Anarchopunks als Pazifisten betrachten, liegt im Wesen der Anarchie selbst. "Aufgrund seiner Ideale, keinerlei Regierung und Unterdrückung zu dulden, ist anarchistische Gewalt mit den eigenen Zielvorstellungen noch schwerer in Einklang zu bringen als für andere politische Gruppen. Das Spiel mit romantischen Vorstellungen von revolutionärer Gewalt führt oft dazu, dass Leute früher als nötig begraben werden oder zu zumindest im Gefängnis landen...selbst wenn fast all ihre Gewalt eine genuine Form der Selbstverteidigung ist." (Quelle - The Philosophy of PUNK - Die Geschichte einer Kulturrevolte - Craig O´Hara)  Im Folgenden finden Sie das Buch unter: 
Im Folgenden finden Sie das Bild unter: www.augensound.de/bild9751-fotografie_mensche... "Wer nicht das Gemeinwohl als oberstes Prinzip seines persönlichen und gesellschaftlichen Verhaltens wählt, bleibt im Stadium der Unwissenheit und der Selbstentfremdung befangen. - Das Böse, das uns weltweit auf Schritt und Tritt begegnet, steht in direktem Zusammenhang mit der in der kapitalistischen Gesellschaft herrschenden Entfremdung, ein Begriff, den ich hier als gleichbedeutend für Unwahrheit bzw. Ignoranz anführe. - Dort wo es keine Moral gibt, kann auch keine wahre Erkenntnis entstehen, es kann nur Verwirrung und Lüge geben. - Die Moral ist nicht ein Zweig der Philosophie, sondern die erste Philosophie. Unter ethischem Verhalten verstehen wir nicht nur, aber vor allem die Bereitschaft, sich für ein Dasein- und Gesellschaftsmodell einzusetzen, das von vorneherein auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist, ein Ziel wiederum, das konstitutiv die Kategorie der sozialen Gerechtigkeit beinhaltet.
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Selbstverwaltung in ihrem umfassendsten und tiefsten Sinn bedeutet nicht nur die Aufhebung der Klassengesellschaft, auf Weltmaßstab ist sie gleichbedeutend mit Gewaltverzicht, freiwilliger Entwaffnung und Weltfrieden. - Der Sinn einer selbstverwalteten Gesellschaft liegt ja gerade darin, dass sie die Menschen zumindest von den Fesseln der sozialen Unterdrückung befreit. - Selbstbestimmung kann nur auf dem Weg der Basisdemokratie und der Selbstbestimmung erkämpft werden. - Jedes Land muß sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen, was natürlich nicht die internationale Solidarität ausschließt. Sie bleibt ein Grundbestandteil des Kampfes gegen den Imperialismus.
Nicht narzisstische und dogmatische Besserwisserei ist von Nöten, sondern ein mühsamer, langwieriger und geduldiger Lernprozess auf der Grundlage des gemeinsamen Dialogs und der gemeinsamen Suche nach dem rechten Weg.
Der Einsatz für das Gemeinwohl beginnt im Bereich der zwischenmenschlichen Verhältnisse. Wenn man hier versagt, wird es auch kein Gemeinwohl geben. Unser Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen ist der Prüfstein unseres moralischen Lernprozesses. Jemand, der nicht das spontane Bedürfnis empfindet, sich dem anderen gegenüber rücksichtsvoll zu verhalten, wird auch keine Rücksicht auf das Allgemeine nehmen und ausschließlich an sein Wohlergehen denken.
Was immer in der Welt geschieht, ist das Werk des Menschen, nicht das irgendeiner geheimnisvollen und allmächtigen Deus ex machina. Heleno Sana   Bild - Gerold
"Die Philosophie nicht als Denken sondern als Theater; auf vielfältigen, flüchtigen, augenblicklichen Bühnen, wo sich die Gesten, ohne sich zu sehen, Zeichen zuwerfen.
Sie wollen nicht wahrhaben, daß ihr Tun und Walten, ihr Tatendrang und ihre Hektik zum Quantifizierungsprozeß der bürgerlichen Ratio gehören. Auch wenn sich jeder von ihnen einbildet etwas Exklusives und Apartes zu sein:
Sie sind mitsamt nur eine getreue Reproduktion des herrschenden Allgemeinen, wie schon Adorno wußte: Die Welt, wie sie ist, wird zur einzigen Ideologie und die Menschen deren Bestandteil. " - Wir befinden uns mittendrin in Huxleys "Brave New World" und in Orwells "1984", nur ohne die Conditionierung Centers und Big Brothers, die den Lenkungs- und Uniformierungsprozeß zentral dirigieren. Heleno Sana
Konsumknechte: Bild - Gerold
Die Freiheit, auf die sie so stolz sind, ist eine von oben konzedierte, verwaltete und kontrollierte Freiheit, die an erster Stelle dem System dient und die ihnen im Grunde nicht gehört. Denn im Besitz des Systems befinden sich nicht nur das Geld und sonstige materiellen Güter und Ressourcen, sondern auch die Freiheit. Sie sind es allein dadurch, daß sie es ohne große Bauchschmerzen fertigbringen, im Zustand der permanenten Verdinglichung zu existieren. Und sie können mit dieser Zumutung nur leben, weil sie sich daran gewöhnt haben. Freiheit mit Konsumfreiheit gleichzusetzen. Wären sie innerlich frei, würden sie sich weigern, zu einem Konsumknecht herabgewürdigt zu werden, würden versuchen, sich für andere, sinnvollere, tiefere Daseinsoptionen einzusetzen, würden nicht die Internalisierung der Herrschaft, sondern die Revolte wählen.
Gerade weil sie sich restlos von den Fetischen und Götzen des Systems vereinnahmen lassen, bedarf es keiner Peitsche mehr, um sie unter Kontrolle zu halten. Warum Gewalt anwenden, wenn man durch mentale Manipulation die Möglichkeit hat, die Triebstruktur des Menschen schon "ab ovo" fehlzuleiten? Dort, wo die Individuen durch Selbstrepression ihre wahren Bedürfnisse zurückstellen und solche wählen, die dem System genehm sind, wird Repression in herkömmlichem Sinn überflüssig.
Ihre Passivität legt, die Vermutung nahe, daß sie sogar heilfroh sind, an der Leine geführt zu werden, froh, daß alles friedlich verläuft und daß es im Gegensatz zu anderen turbulenten und rohen Zeiten keine dramatischen Konfrontationen mehr zwischen Herrschern und Beherrschten gibt.
Ich gehe zurecht oder zu unrecht davon aus, daß dort, wo ein auf Selbstentfremdung beruhendes Glücksmodell dominiert, irgendwann alles schiefgehen muß. Die geschichtliche Erfahrung lehrt uns immer wieder, daß Menschen, die sich mit billiger und sinnloser Unterhaltung abspeisen lassen, auch für weniger harmlose Dinge mobilisierbar und bereit sind, als Kanonenfutter für Militarisnus, Rassismus, Vaterländerei und ideologischen oder religiösen Fanatismus zu dienen.
Es ist die alltägliche Banalität - so meine ich-, aus der die Banalität des Bösen hervorgeht. Ohne die aktive Beteiligung oder zumindest stille Duldung der großen Menschenmenge, die aus Prinzip Ja und Amen zu allem sagen, hätte das Böse keine Chance sich durchzusetzen.
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Sie sind freilich die ersten, die sich beklagen, wenn das Kollektiv von einer Katastrophe heimgesucht wird, die ersten, die sich beeilen, sich die Hände in Unschuld zu waschen. Verantwortlich sind immer die anderen, genauer: die Führer und Machtapparate, denen man vor der Katastrophe entweder zugejubelt oder sie toleriert hat. Diese selbstzufriedenen, harmlosen und unschuldigen Menschen, die nichts anderes tun, als sich mit allem zu arrangieren, sind weiterhin da, und weiterhin sind sie die zuverlässigsten und ergebensten Verbündeten des Systems. Heleno Sana
Für die meisten Menschen der Konsumgesellschaft erschöpft sich der Sinn ihres persönlichen Schicksals darin, sich einen möglichst lukrativen und bequemen Status innerhalb des Systems zu verschaffen. Eine solche reflexartige und unkritische Übernahme der waltenden Werte gehört zur gängigen Haltung des Einzelnen, ebenso wie die ihr zugrunde liegende Ansicht, daß Selbstverwirklichung nur unter den vom System diktierten Spielregeln möglich ist. Die Dressierbarkeit des Menschen ist in diesem demokratischen Europa sehr groß geworden; Menschen, welche leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das Herdentier, sogar höchst intelligent, ist präpariert. Das ist es, was das System immer gewollt hat: saturierte und stumm gewordene Sklaven, die außer dem täglichen Quantum an Konsum und Kitsch nichts verlangen. Heleno Sana Kaum zu bezweifeln ist, dass in einer rational und human organisierten Gesellschaftsordnung die Menschen rücksichtsvoller und friedlicher miteinander umgehen werden als in einem System, das, wie der Kapitalismus, wesensmäßig inhuman und irrational ist. Wir sagen nicht, das der Kapitalismus schuld an allen Konflikten der Welt ist; ebenso wenig, dass die Aufhebung der kapitalistischen Ordnung automatisch zu einer Weltidylle führen würde. Wir sagen lediglich, dass die strukturelle Gewalt, die dem Kapitalismus innewohnt, unvermeidlich zu einer immanenten, nie aufhörenden Erzeugung sowohl von zwischenmenschlicher wie gesellschaftlicher Aggressivität führt. Heleno Sana
 Die Aristokratie kannte gelegentlich Korruption und Bestechung. In der Demokratie wird die Bestechung zum Prinzip. Alexis de Tocqueville  Philosophie zum politischen Dilemma: (DIE POSITIVEN NICKER?) "Sich anpassen: Das ist die Generalanweisung! Sich wieder & wieder (und für immer) anpassen. Sich den gegebenen Tatsachen, den wirtschaftlichen Sachzwängen, den Konsequenzen dieser Sachzwänge anpassen, als ob die Konjunktur an sich schicksalhaft wäre, die Geschichte abgeschlossen & die Epoche entgültig erstarrt. Sich der Marktwirtschaft anpassen, das meint eigentlich: der Spekulationswirtschaft. Sich den Folgen der Arbeitslosigkeit anpassen, das bedeutet übersetzt: Ihrer schamlosen Ausbeutung. Sich der Globalisierung anpassen heißt mit anderen Worten: der ultraliberalen Politik, die sie steuert. Sich der Wettbewerbsfähiglkeit anpassen bedeutet: der Opferung aller mit dem Ziel, einen Ausbeuter den Sieg über einen anderen Ausbeuter davontragen zu lassen beide Spieler desselben Spiels. Sich selbstverständlich der Arroganz, der Dummheit , ihren göttlichen Hoheitsrechten anpassen...Sich in Wahrheit jenem dumpfen Klima der Repression anpassen, in dem man nur kämpfen kann, wenn man auf das verzichtet, wofür man kämpft." Viviane Forrester 
Gefängnisse Das Gefängnissystem, also das repressive, auf Sühne ausgerichtete Gefängnis, entstand recht spät, nämlich praktisch erst Ende des 18. Jahrhunderts. Davor diente das Gefängnis nicht dem Vollzug gesetzlich festgelegter Strafen. Man sperrte Menschen lediglich ein, um sie bis zu ihrem Prozess festzuhalten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ging es nicht um Strafe. Als Repressionssystem schuf man das Gefängnis, weil man glaubte, Kriminelle dort umerziehen zu können. Nach einem Aufenthalt im Gefängnis werde der Häftling durch eine Domestizierung nach Art des Militärs oder der Schule zu einem Menschen, der die Gesetze achtet. Es ging im Gefängnis also um die Produktion gehorsamer Individuen. Schon in der allerersten Zeit erkannte man, dass dieses Gefängnissystem nicht zu den erwünschten Ergebnissen führte, sondern genau die entgegengesetzten Folgen zeitigte. Je länger ein Mensch im Gefängnis blieb, desto geringer der Umerziehungserfolg und desto stärker seine Kriminalisierung. Die Produktivität war nicht nur gleich null, sie war negativ. Deshalb hätte das Gefängnissystem eigentlich verschwinden müssen. Aber es blieb und ist bis heute geblieben. Und wenn wir fragen, was wir an die Stelle des Gefängnisses setzen sollen, gibt niemand eine Antwort.
Warum sind die Gefängnisse trotz ihrer negativen Produktivität geblieben? Ich glaube, gerade weil sie Kriminelle produzieren und weil Kriminalität in den uns bekannten Gesellschaften einen gewissen ökonomischen und politischen Nutzen hat. Diesen ökonomischen und politischen Nutzen der Kriminalität können wir leicht erkennen. Je mehr Kriminelle, desto mehr mehr Verbrechen. Je mehr Verbrechen, desto größer die Angst in der Bevölkerung. Und je größer die Angst in der Bevölkerung, desto akzeptabler und wünschenswerter das System der polizeilichen Kontrolle. Die Existenz dieser permanenten kleinen inneren Gefahr gehört zu den Voraussetzungen für die Akzeptanz des Kontrollsystems. Deshalb räumt man der Kriminalität in Presse, Radio und Fernsehen aller Länder der Erde so viel Platz ein, als wäre sie jeden neuen Tag eine Neuigkeit. Seit 1830 finden sich in allen Ländern der Erde immer wieder Kampagnen zum Thema der wachsenden Kriminaltät, obwohl diese Behauptung niemals bewiesen wurde. Die unterstellte Präsenz, die Bedrohung, die Zunahme der Kriminalität ist ein Faktor in der Akzeptanz der Kontrollen. Aber das ist noch nicht alles. Kriminalität hat wirtschaftlichen Nutzen. Denken sie nur an die äußerst lukrativen unsauberen Geschäftszweige, die in den Bereich des kapitalistischen Profits gehören und ihren Weg über die Kriminalität nehmen. Zum Beispiel die Prostituiton. In allen Ländern Europa (ich weiß nicht, ob das in Brasilien auch so ist) liegt sie bekanntlich in den Händen so genannter Zuhälter, die alle schon einmal im Gefängnis waren und nun die Aufgabe haben, die im Bereich des sexuellen Vergnüens erzielten Profite in Richtung ökonomischer Kreisläufe wie des Hotelwesens und auf Bankkonten zu lenken. Durch die Prostitution ist das sexuelle Vergnügen in der Bevölkerung kostspielig geworden, und das System der Zuhälter gestattet es, den aus dem sexuellen Vergnügen gezogenen Profit in gewisse Kreisläufe einzuspeisen. Waffenhandel, Drogenhandel und eine ganze Reihe unsauberer Geschäfte, die in der Gesellschaft aus diversen Gründen nicht direkt betrieben werden können, nehmen ihren Weg über die Kriminalität und werden durch sie gesichert. Bild - Gerold
Außerdem hatte die Kriminalität im 19 Jahrhundert und auch noch im 20.Jahrhundert ganz massive Bedeutung für eine Reihe politischer Operationen wie das Brechen von Streiks, die Infiltration der Gewerkschaften oder den Personenschutz für mehr oder weniger ehrenwerte Führer politischer Parteien. Wir haben hier also eine ganze Reihe ökonomischer und politischer Institutionen, die auf der Basis der Kriminalität funktionieren, und insofern hat das Gefängnis, das Berufsverbrecher fabriziert, durchaus einen Nutzen und eine Produktivität. Das Ziel des Gefängnisses sei es nicht aus-, sondern einzuschließen; seine politische Bedeutung liege nicht so sehr in der Freiheitsberaubung und Einsperrung als vielmehr darin, nützliche und gehorsame Individuen zu produzieren. Im Gefängnis materialisiere sich eine Machttechnologie, die ebenso in einer Vielzahl anderer gesellschaftlicher Bereiche wirksam sei. Das Gefängnis ist Teil einer Maschinerie, welche die gesamte Gesellschaft durchzieht und diese tendenziell selbst in einen Kerker-Archipel - verwandelt. "Das das Zellengefängnis (...) zur modernen Strafanlage geworden ist - was ist daran verwunderlich? Was ist daran verwunderlich, wenn das Gefängnis den Fabriken, den Schulen, den Kasernen, den Spitälern gleicht, die allesamt den Gefängnissen gleichen? Michel Foucault Mumia Abu-Jamal: AUS DER TODESZELLE Erzählt mir nichts vom Schattenreich des Todes. Ich lebe dort. Im Landkreis Huntingdon im mittleren Süden Pennsylvanias steht ein hundert Jahre altes Gefängnis. Seine düsteren gotischen Türme verheißen nichts Gutes, zu ihren Füßen meint man den Hauch des finsteren Mittelalters zu verspüren. Wie ich verbringen ungefähr 78 andere Gefangene täglich 22 Stunden in zwei mal drei Meter groben Zellen. Die verbleibenden zwei Stunden dürfen wir unter der Kontrolle der Wachtürme draußen verbringen, in einem Käfig aus Maschendraht. Willkommen in den Todeszellen von Pennsylvania. Ich kann es immer noch nicht fassen. Vor ein paar Jahren hat der Oberste Gerichtshof von Pennsylvania das Todesurteil gegen mich mit den Stimmen von vier Richtern bestätigt (drei nahmen an der Sitzung nicht teil). Als schwarzer Journalist, der in jungen Jahren ein ”Black Panther” war, habe ich mich intensiv mit der langen Geschichte der legalen Lynchjustiz an AfrikanerInnen in Amerika beschäftigt. Ich erinnere mich an eine Titelseite der Black-Panther-Zeitung mit dem Zitat: ,,Kein schwarzer Mann hat Rechte, die ein weißer Mann respektieren müßte". Es wird Richter Roger Taney zugeschrieben, dem damaligen Vorsitzenden des Obersten US-Bundesgerichts, und es soll in dem berühmt-berüchtigten Dred-Scott-Prozeß gefallen sein, in dessen Verlauf das Gericht befand, daß weder AfrikanerInnen noch ihren ”freien” Abkömmlingen verfassungsmäßige Rechte zustünden. Kaum zu glauben, aber wahr. Vielleicht bin ich naiv, vielleicht auch einfach nur dumm - aber ich habe trotz allem fest daran geglaubt, daß man sich in meinem Fall an das Gesetz halten und das Urteil revidieren wurde. Wirklich! Trotz des brutalen Massakers vom 13. Mai 1985 in Philadelphia gegen MOVE, das der Verhaftung Ramona Africas vorausging, trotz der nie geahndeten, blutigen Polizeimorde an Eleanor Bumpurs, Michael Stewart, Clement Lloyd, Allan Blanchard und an zahllosen anderen AfroamerikanerInnen von New York bis Miami, ich glaubte daran. Selbst angesichts der aktuellen Welle massiven Staatsterrors gegen Schwarze meinte ich noch, daß meine Berufung erfolgreich sein würde. Tief in mir hielt ich noch immer an dem Glauben an die Gesetze der Vereinigten Staaten fest, und ich war fassungslos, als ich schließlich realisierte, daß die Berufung wirklich abgewiesen worden war. Intellektuell hatte ich zwar begriffen, daß die amerikanischen Gerichte ein Sammelbecken des Rassismus sind und historisch betrachtet schwarze Angeklagte vor allem als Feinde behandelt hatten. Doch die lebenslange Propaganda über ”Gerechtigkeit” in Amerika hat auch bei mir ihre subtile Wirkung nicht verfehlt. Um die Wahrheit zu erkennen, die hinter schwarzen Roben und Versprechungen von gleichen Rechten verborgen ist, brauche ich mich eigentlich nur im eigenen Land umzusehen: 40 Prozent der zum Tode Verurteilten waren im Dezember 1994 Schwarze, in Pennsylvania waren es sogar 111 von 184 Personen, also über 60 Prozent. Dagegen machen Schwarze insgesamt nur knapp über 9 Prozent der Bevölkerung Pennsylvanias aus und etwas weniger als 11 Prozent der US-amerikanischen Gesamtbevölkerung. Es ist, wie gesagt, schwer, der Propaganda über ”Gerechtigkeit” nicht aufzusitzen, aber gemeinsam können wir es vielleicht schaffen. Wie? Sehen wir uns nur einmal dieses Zitat eines führenden Anwalts aus Philadelphia namens David Kairys an, das ich in einer juristischen Veröffentlichung von 1982 gefunden habe: ,”Das Recht ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.” Ein solcher Satz wirft ein grelles Licht auf die Funktionsweise von Gerichten, sei es nun heute oder vor 138 Jahren im Fall Dred Scott. Es geht nicht um ”Recht” es geht um ”Politik mit anderen Mitteln”. Liegt darin nicht die ganze Wahrheit? Ich kämpfe weiter gegen das ungerechte Urteil gegen mich. Vielleicht gelingt es uns ja, einige der gefährlichen Mythen zu zerstören, die unserem Denken übergestülpt worden sind - zum Beispiel der Mythos vom ”Recht” auf ein nicht befangenes und unparteiisches Geschworenengericht mit Geschworenen ”aus unserer Mitte” (jury of our peers), der Mythos vom ”Recht”, sich selbst zu verteidigen, oder gar der Mythos vom ”Recht” auf einen fairen Prozeß. All dies sind nämlich nicht wirklich Rechte, sondern Privilegien der Mächtigen und der Reichen. Für die Schwachen und die Armen sind sie Seifenblasen, die zerplatzen, sobald man nach ihnen greift und sie als etwas Reales, Substantielles für sich in Anspruch nehmen will. Erwartet nicht, daß euch die Medien hierüber informieren. Sie können es nicht, denn die Interessen von Medien und Regierung und auch von den Großkonzernen, in deren Dienst beide stehen, sind zu eng miteinander verflochten. Aber ich kann es. Und ich werde es tun, selbst wenn ich gezwungen bin, es aus dem Schattenreich des Todes heraus zu tun. Aus der Todeszelle - Mumia Abu-Jamal. (Dezember 1994) Aus dem Buch: Mumia Abu-Jamal / ... aus der Todeszelle Bücher zu Mumia Abu-Jamal im Atlantik-Verlag Freiheit für Mumia Abu-Jamal Philosophie: Wenn unsere Wachsamkeit nachläßt, wenn wir unsere demokratischen Institutionen nicht verstärken, dem Staate aber durch das interventionistische "Planen" zusätzliche Macht verschaffen, dann kann es leicht geschehen, daß wir unsere Freiheit verlieren. Wenn aber die Freiheit verloren ist, dann ist alles verloren, das "Planen" eingeschlossen. Denn warum sollten Pläne für die Wohlfahrt ausgeführt werden, wenn das Volk keine Möglichkeit hat, diese Pläne durchzusetzen? Nur die Freiheit kann die Sicherheit sichern. Karl Popper
Es gibt direkte Beziehungen zwischen Einsamkeit und Geselligkeit: wenn ein menschliches Wesen nicht ganz gut allein sein kann, kann es nicht mit anderen zusammensein. Es gibt einen Rhythmus zwischen der Einsamkeit der Differenz und der Geselligkeit in der Gesellschaft, und diesen Rhythmus spüren wir nicht, weil wir die Erfahrung des Alleinseins mit uns selber so gestört ist. Andererseits können wir heute diesen Rhythmus in einer Weise erfahren, die früher unmöglich war, weil sich in der westlichen bürgerlichen Gesellschaft unermeßliche Möglichkeiten aufgetan haben: leben in einer fragmentierten Gesellschaft. Heute gibt es Gelegenheiten, den organischen Bindungen von Religion, Familie, Arbeit und Gemeinschaft zu entkommen, die früher viele Gesellschaften zusammengehalten haben - wenn schon nicht wirklich gänzlich, zumindest als ein gemeinsames Ideal.
Wir fangen heute an, ohne die Liebe zum Organischen auskommen zu können. Riesige Bürokratien werden nicht mehr durch organische Solidarität zusammengehalten, wie Durkheim als erster ausgeführt hat; Familie und Arbeitsplatz sind nicht mehr sogar physisch im selben Haushalt verbunden, wie sie es im 18. Jahrhundert in der Stadt und auf dem Land waren. Religion spielt nicht mehr die integrierende Rolle, die sie im traditionellen katholischen oder jüdischen Leben spielte. Anstatt diese Veränderungen als Zeichen des gesellschaftlichen Verfalls zu beklagen, sollten wir sie akzeptieren und versuchen zu sehen, wozu sie gut sein können. Mir scheint, daß sie neue Möglichkeiten sowohl für die Einsamkeit wie für die Geselligkeit bringen. Der Verlust organischer Bindungen bedeutet, daß soziale Beziehungen mehr und mehr zur Sache freiwilliger Wahl werden könnten. Michel Foucault
KRIEG! "Die Bourgeoisie wäre sich nicht treu geblieben, wenn sie aus dem Krieg nicht eine Quelle von Profit gemacht hätte. Denn Krieg ist nicht nur Zerstörung, sondern auch Geschäft; deshalb stecken hinter allen Kriegen in mehr oder weniger großem Ausmaß die Interessen und Lobbies der Rüstungskonzerne. Nicht nur Krieg, sondern die bloße Existenz von Armeen setzt Waffenproduktion voraus. Aber die Kapitalisten brauchen den Krieg nicht nur, um Profite zu erzielen. Dies anzunehmen hieße ihr Motivationsspektrum zu verharmlosen und zu unterschätzen. Sie brauchen ihn auch und an erster Stelle, um ihre Herrschaft notfalls mit Waffengewalt zu sichern und auszudehnen. Der von der neoliberalen Schule mit allen möglichen Mitteln forcierte Globalisierungsprozess schließt auch und a priori die restlose Ausplünderung der Natur auf einer immer höher werdenden Stufenleiter ein. Der Kapitalismus hat der Natur den Krieg erklärt, und um diesen von ihm aus Profitgier und Willen zur Macht entfesselten Krieg zu gewinnen, nimmt er eiskalt die allmähliche, aber sichere Vernichtung des Kosmos, des menschlichen Habitats und das Ende der gesamten Zivilisation in Kauf. " Die Gefahr des Krieges sowohl in intensiver wie extensiver Hinsicht hat stark zugenommen. Neben den unzähligen bewaffneten Auseinandersetzungen konventioneller Art, die Jahr für Jahr in den Ländern der Dritten Welt stattfinden, ist die ganze Menschheit potentiell von Kriegen planetaren Ausmaßes bedroht. Die Bourgeoisie propagiert formell den Frieden, reell hat sie immer wieder den Krieg praktiziert. Heleno Sana Krieg und Frieden - Rudolf Rocker  Jede Wirtschaft, auch wenn sie in der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ihre Basis hat, schafft in normalen Zeiten eine Menge Dinge, die sowohl für das Einzelwesen als auch für die Gesellschaft als ganzes unentbehrlich sind und beiden zum Vorteil gereichen. Auch die heutige Wirtschaftsordnung macht von dieser Regel keine Ausnahme. Man hat das heutige System unlogischerweise als Kapitalismus bezeichnet und dieser Namen ist ihm verblieben, wie das so häufig mit falschen Wortbildungen geschieht. In der Wirklichkeit ist jede menschliche Arbeitsbetätigung welche Formen sie immer annimmt, auf Kapital angewiesen und könnte ohne solches überhaupt nicht bestehen. Als Kapital sind alle natürlichen Reichtümer eines Landes zu bewerten wie Erze, Minerale, Öl, Kohle, der Grund und Boden und seine mannigfachen Bestandteile über und unter der Oberfläche und alle Erzeugnisse menschlicher Arbeit, die ja nichts anders als eine künstliche Umformung der Naturprodukte für bestimmte menschliche Zwecke sind. Der Wesenskern der heutigen Gesellschaftsform ist nicht der Besitz des Kapitals, sondern seine Monopolisierung durch privilegierte Minderheiten auf die Kosten breiter Volksmassen, die durch diesen Zustand der Dinge in wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit geraten und jedes Bestimmungsrecht über den Gebrauch ihrer Arbeitserzeugnisse verlieren. Es ist dieser Zustand, gegen den der Sozialismus ankämpft, der ja vornehmlich die Monopolisierung des Kapitals verwirft und eine gerechte Verteilung der Arbeitserzeugnisse anstrebt, was nur durch einen Zustand, wo alle Ergebnisse wirtschaftlicher Betätigung der Gesellschaft als Ganzes, das heißt jedem ihrer Mitglieder in gleicher Weise zugute kommen. Es ist der Monopolismus der Wirtschaft, der überwunden werden muss, wobei es ganz gleichgültig ist, ob es sich um Privatmonopole oder Monopole des Staates handelt. In der Wirklichkeit, ist der sogenannte Staatskapitalismus ein noch viel größeres Hindernis für eine natürliche Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens, da er alle Unzulänglichkeiten und Gebrechen des Privatkapitalismus auf die Spitze treibt und ihre Beseitigung schwieriger macht, wie wir dies heute in Russland und allen anderen Ländern, die seiner Obhut unterstehen, so deutlich beobachten können. Doch von welcher Seite man die Sache immer betrachten mag, so bleibt die Tatsache bestehen, dass jede Wirtschaft, auch die kapitalistische, in normalen Zeiten eine Menge von Dingen hervorbringt, welche die Erhaltung der Gesellschaft gewährleisten und ihr daher unbedingt von Nutzen sind. Jedes Haus, das gebaut wird, jede Verbesserung der Transport- und Verkehrsmittel, nicht zu reden von den zahllosen Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens, repräsentieren ein angelegtes Kapital, das der Gesellschaft zu Nutzen kommt und ihre Existenzbedingungen fördert. Das Kapital aber, das in Kriegszeiten und für Kriegszwecke angelegt wird, dient lediglich den Zwecken der Zerstörung. Je größeren Umfang der Krieg annimmt, je länger er dauert, desto ungeheuerlicher sind die Summen an natürlichen Rohstoffen und menschlichen Arbeitsprodukten, die er nutzlos verschlingt. Das Kapital, das für den Krieg angelegt wird, schafft keine neuen Werte, sondern zerstört oft in wenigen Monaten unschätzbare Werte, deren Herstellung häufig die Arbeit vieler Generationen erforderte. Die vergangenen beiden Weltkriege haben uns in dieser Hinsicht einen Anschauungsunterricht gegeben, der unmissverständlich ist. Dass man dies bis heute noch nicht begriffen hat, macht der menschlichen Intelligenz keine Ehre und zeigt, dass das bekannte Wort des schwedischen Kanzlers Oxenstierna "Du begreifst nicht, mein Sohn, mit wie viel Unvernunft die Welt regiert wird", seine Gültigkeit noch nicht verloren hat. - Bäume wurden gefällt, um den Zwecken des Krieges zu dienen und häufig, ohne dass man für neue Anpflanzungen Sorge tragen konnte. Solche frevelhaften Verwüstungen der Natur aber führen nicht selten zu einer Veränderung des Klimas und vermindern die Ertragsfähigkeit weiter Landflächen. Man tröstet sich häufig mit dem Gedanken, dass durch die Verwendung atomistischer Kräfte eine Erschöpfung der heutigen Betriebsstoffe leicht ausgeglichen werden könnte, was auch sehr wahrscheinlich ist. Doch darf man dabei nie außer acht lassen, dass diese neu entdeckten Kräfte vorläufig nur den Zwecken der Zerstörung dienstbar gemacht werden.
Ich habe in einem früheren Artikel davon gesprochen, dass der blinde Glaube an die unbegrenzte Ertragsfähigkeit der Erde nur eine Illusion war, die längst widerlegt wurde. Doch dieses gilt nicht bloß für die Erträgnisse der Landwirtschaft, sondern auch für die Rohstoffe der Erde, von denen viele nur in beschränkten Mengen vorhanden sind und häufig nur in bestimmten Teilen der Erde gefunden werden. In keiner Zeit aber werden lebenswichtige Rohstoffe so sinnlos und in einer geradezu empörenden Weise verschwendet wie gerade in Perioden des Krieges. Ungeheure Ölvorräte, die kommenden Generationen als Betriebsstoff hätten dienen können, wurden während der vergangenen beiden Weltkriege dem Werk der Zerstörung geopfert und können nicht mehr ersetzt werden, da sich die Ölquellen ebenso erschöpfen wie die Kohlevorkommen. Ungeheure Mengen wertvoller Metalle und Minerale wurden zwecklos vergeudet und einer nützlichen Verendung entzogen. Doch über ihre praktischen Anwendungsmöglichkeiten in der Industrie, Landwirtschaft und vielen anderen Gebieten menschlicher Betätigung wissen wir noch immer sehr wenig und sind fast nur auf Vermutungen angewiesen, die erst durch eine lange Reihe von Experimenten und praktischen Erfahrungen erprobt werden müssen. Vorläufig aber können wir nur mit dem rechnen, was uns heute wirklich zur Verfügung steht. Die phantastische Verwüstung kostbarer Rohstoffe und materieller Reichtümer, die uns nach zwei Weltkriegen als Erbschaft verbleiben ist, ist ohne Zweifel ein gewaltiges Hindernis, um die Aufgaben zu erfüllen, die uns durch die große Wandlung der allgemeinen Weltlage gestellt wurden und von deren Lösung die nächste Zukunft der Menschheit abhängig ist. Das größte Hindernis aber, dem wir heute begegnen, ist die heillose geistige Verwirrung,in die wir geraten sind und die durch den blinden Fanatsimsu der PARTEIEN und die BLÖDEN Schlagworte der MACHTPOLITIKER aller Gattungen fortgesetzt genährt und vergrößert wird. Nur ganz wenige begreifen heute die ganze Tragweite der Situation, in der wir uns befinden und dass wir an einem Wendepunkt der Geschichte angelangt sind, von dem es kein Zurück gibt. Wir müssen uns mit den Verhältnissen abfinden, die durch menschliche Blindheit verursacht wurden und Wege finden, die zu einem neuen Aufstieg führen können. Jedes Vorschreiten auf den ausgetretenen Pfaden der Vergangenheit kann nur das Verhängnis vergrößern, das uns heute immer mehr, das uns heute von allen Seiten bedroht.
Wir begreifen heute immer mehr, dass die Menschen des Zeitalters der Industrialisierung seine Bedeutung völlig verkannt haben und zu Schlüssen gelangten, die nicht wenig zur Entwicklung der heutigen Lage beigetragen haben. Sogar die schlimmste Tyrannei beruht nicht ausschließlich auf physischer Gewalt und ist gezwungen durch bestimmte ideologische Vorstellungen den Menschen den Glauben zu vermitteln, dass ein gegebener sozialer Zustand in der Natur der Dinge begründet ist und nicht geändert werden kann. Je besser ihr dies gelingt, desto gesicherter ist ihre Existenz. Solche Vorstellungen, die stets auf halben Wahrheiten beruhen, die immer gefährlicher als bewusste Lügen sind, haben in der Regel einen stärkeren Einfluss auf das Denken der Menschen als die wirklichen Zustände, aus denen sie geboren wuden.
 Das zeigte am besten die Lehre des Pfarrers Robert Malthus, die jahrzehntelang einen unheimlichen Einfluss auf das seiner Zeitgenossen ausübte. Dass Malthus die Bevölkerungsfrage in den Bereich seiner sozialen Betrachtungen gezogen hatte, war ein Verdienst, das ihm niemand bestreiten wird; allein die Schlüsse, die er daraus zog, waren sicherlich die größte geistige Verirrung, zu der ein Mensch gelangen konnte. Im Lager der Sozialisten hat man diese Vorstellungen dann auch nie geteilt und suchten nach Mitteln und Wegen, um einer Gefahr vorzubeugen, die erkannt war. Malthus aber wusste mit seiner Erkenntnis nichts besseres anzufangen, als die schreiendsten Missstände des industriellen Zeitalters zu rechtfertigen und als unumgänglich zu verteidigen. Was er den Menschen zu sagen hatte, war, dass der Tisch des Lebens nicht für alle gedeckt wurde und die Überzähligen verdammt waren, im Elend zu verkommen oder durch Krieg und Seuchen hinweggerafft zu werden. Spätere Biographen von Malthus haben ihn als Menschen von großer Herzensgüte geschildert. Vielleicht ist das richtig, denn das menschliche Denken erzeugt oft recht sonderbare Missgeburten. Das ändert jedoch nichts an der Tastsache, dass seine Lehre das menschenfeindlichste Gebilde war, das je erdacht wurde. Seine berüchtigten Worte: Steh auf und geh in den Tod, denn Du gehörst zu den Überzähligen, für die kein Platz gedeckt ist, können wohl kaum anders verstanden werden. Malthus war durch das lichtvolle Werk "William Godwin`s" Politische Gerechtigkeit zur Abfassung seiner Arbeit über die Bevölkerungsfrage veranlasst worden und versuchte dort den Beweis zu erbringen, dass, wenn sogar eine denkbare vollkommene Gesellschaft im Sinne Godwin´s möglich wäre, diese im Laufe weniger Generationen wieder in den alten Zustand zurückgeworfen würde und zwar auf Grund des ungleichen Verhältnisses zwischen einer stets zunehmenden Bevölkerung, und ihren Ernährungsmöglichkeiten. Dieses Verhältnis war für ihn ein Naturgesetz, das durch keine menschliche Einsicht geändert werden konnte. Ein Beweis, dass Malthus das Wesen der menschlichen Kultur überhaupt nicht begriffen hatte, die ja nichts anders ist, als ein bewusstes Eingreifen des menschlichen Denkens in das Walten der Naturkräfte und der Versuch, diese Kräfte seinen eigenen Zwecken dienstbar zu machen. Rudolf Rocker
Besitz: Über die Problematik des Besitzes sagte "Rousseau", dass kein Bürger wohlhabend genug sein darf, um einen anderen zu kaufen, und keiner zu arm, um gezwungen zu sein, sich zu verkaufen.

Kommunikation ist das Wesen der Freiheit. Zwang kann nicht überzeugen. Macht die Menschen weise und ihr macht sie frei.
"Gegen die Internationale des Schreckens, die der Neoliberalismus darstellt, müssen wir die Internationale der Hoffnung aufstellen. Die Einheit, jenseits der Grenzen, Sprachen, Hautfarben, Kulturen, Geschlechter, Strategien & Gedanken, all derer, denen eine lebende Menschheit lieber ist. Die Internationale der Hoffnung. Nicht die Bürokratie der Hoffnung, nicht die Kehrseitem die dadurch dem so ähnlich ist, das uns zerstört. Nicht die Macht mit neuem Zeichen, in neuen Kostümen. Ein Atemzug, ja ein Atemzug der Würde. Eine Blume, ja eine Blume der Hoffnung, Ein Lied, ja ein Lied des Lebens. Die Würde ist jedes Vaterland ohne Nationalität, jeder Regenbogen, der gleichzeitig eine Brücke ist, jenes Murmeln des Herzens egal wessen Blut es belebt, jene rebellische Ehrfurchtslosigkeit, die Grenzen, Zölle & Kriege verhöhnt. - Die Hoffnung ist jene Aufsässigkeit, die Konformismus & Niederlagen ablehnt. - Das Leben ist das was sie uns schulden." Subcommandante Marcos "Bhaiji Bhai, wann wirst du dich auflehnen? Wann wirst du aufhören zu warten? Wann wirst du sagen "GENUG!" Wann wirst du uns deine ganze klingende , unbezwingliche Kraft zeigen? Wann wirst du mit dem Glauben brechen? Oder wird der Glaube dich brechen? STAAT - _Wer ein Tier aufhalten will, bricht ihm die Glieder. Wer ein Land aufhalten will, bricht seinem Volk das Rückgrat. Du raubst ihm den Willen. Du zeigst, dass du absoluter Herr über sein Schicksal bist. Du machst klar, dass du selbst letztlich über Leben und Tod entscheidest, über Gedeih und Verderb. Als Beweis demonstrierst du, was du alles kannst und wie mühelos. Wie mühelos du einen Knopf drücken und die Erde vernichten kannst. Dass du jederzeit Krieg anfangen oder Frieden schließen kannst. Dass du dem einen den Fluss wegnehmen und ihn einem anderen geben kannst. Das du eine Wüste begrünen und einen Wald fällen und woanders anpflanzen kannst. Mit willkürlichen Launen zerrüttest du den Glauben eines Volkes an uralte Dinge - an Erde, Wald, Wasser, Luft. - Wenn das getan ist, was bleibt ihnen dann noch? Nur du. Sie werden sich an dich wenden, denn du bist alles was sie haben. Sie werden dich lieben, während sie dich gleichzeitig verachten. Sie werden dir vertrauen, obwohl sie dich kennen. Sie werden dich wählen, während du den letzten Atemzug aus ihnen herauspresst. Sie werden trinken, was du ihnen zu trinken gibst. Sie werden atmen, was du ihnen zu atmen gibst. Sie werden wohnen, wo du ihre Habe fallen läßt. Sie müssen es. Was sollen sie sonst tun? Es gibt kein Gericht, an das sie sich wenden könnten. Du bist ihre Mutter und ihr Vater. Du bist der Richter und die Geschworenen. Du bist die ganze Welt. Du bist Gott. Macht wird gestärkt nicht durch das, was sie zerstört, sondern auch durch das, was sie schafft. Nicht nur durch das was sie nimmt, sondern auch durch das, was sie gibt. Und Machtlosigkeit wird bestätigt nicht nur durch die Hilflosigkeit der Verlierer, sondern auch durch die Dankbarkeit derer, die etwas gewonnen haben (oder das zumindest glauben). Diese kalte zeitgenössische Form der Macht verbirgt sich zwischen den Zeilen nobel klingender Sätze in demokratisch klingenden Verfassungen. Sie wird von den gewählten Vertretern eines scheinbar freien Volkes ausgeübt. Doch hat kein Monarch, kein Despot, kein Diktator zu irgendeiner Zeit der Menschheitsgeschichte solche Waffen zur Verfügung gehabt. 
Tag für Tag, Fluss für Fluss, Wald für Wald, Berg für Berg, Rakete für Rakete, Bombe für Bombe - fast ohne dass wir es merken - wird uns das Rückgrat gebrochen. Staatsmänner/Frauen verwirren das Denken, das Eier mit Hühnern, Milch mit Kühen, Nahrung mit Wäldern, Wasser mit Flüssen, Luft mit Leben und die Erde mit der Existenz des Menschen verbindet. - Können wir das entwirren? Vielleicht. Zentimeter für Zentimeter. Bombe für Bombe. Damm für Damm. Ob man den Staat liebt oder hasst, ob man ihn will oder nicht, man sollte wenigstens begreifen, welchen Preis man für ihn zahlt. Den Mut haben zuzusehen, wenn Schulden beglichen und Bücher in Ordnung gebracht werden. - Unsere Schulden. Unsere Bücher. Nicht ihre. - Seid da. Arundhati Roy Das Leben ruft! 
...Das Wort Revolution im weitesten & wirklichen Sinn bedeutet Rückkehr zum Ausgangspunkt, Umwandlung, Wechsel. - In diesem Sinn ist Revolution die Seele der ganzen unendlichen Materie. - Alles läuft tatsächlich in der Natur in ewigem Kreislauf, alles wandelt sich um, aber nichts wird geschaffen oder zerstört... Wenn also die Revolution das Gesetz der Natur ist, die das Ganze ist, muß sie ebenso unvermeidlich das Gesetzt der Menschheit sein, die ein Teil (dieses Ganzen) ist...Wenn einmal die ihr entgegengestellten materiellen Hindernisse niedergeschlagen sind & sie freien Lauf hat, wird die Revolution unter den Menschen Gleichgewicht, Ordnung, Frieden, Freiheit & Glück zu verwirklichen wissen... Für eine Internationale der Hoffnung, für einen neuen gerechten & würdigen Frieden; für eine neue Politik, für die anarchistische Direktdemokratie, für die politischen Freiheiten; für die Gerechtigkeit, für ein würdiges Leben & Arbeiten, für die Zivilgesellschaft, für volle Rechte der Frauen in allen Bereichen, für den Respekt gegenüber älteren Menschen, Jugendlichen und Kindern, für die Verteidigung & den Schutz der Umwelt; für die Intelligenz, für die Kultur, für die Bildung, für die Toleranz, für das Einschließende, für das Gedächtnis, für die Menschheit." Subcommandante Marcos Das Ende der Gemütlichkeit. - Nicht der schönen, neuen Weltordnung, die uns die Mächtigen in bunten Farben ausmalen, gehen wir entgegen; was uns vielmehr erwartet, ist ein riesiges, in solchem Ausmaß nie dagewesenes Weltchaos. Nicht der Morgenröte eines weltgeschichtlichen Neubeginns wohnen wir derzeit bei, sondern den letzten Atemzügen eines untergehenden Zeitalters. Und die Weltherren sind nicht Schutzengel, die die Menschheit retten sollen, sondern apokalyptische Reiter, Boten der Finsternis und des Verfalls, Bankrotteure eines sich im Konkurszustand befindlichen Planeten. Mehr denn je könnten wir mit Nietzsche sagen:...diese Welt, inder wir leben, ist ein Irrtum.
Die westliche Zivilisation hat sich trotz ihrer imponierenden Produktions- und Konsumziffern als ein kolossales, nicht wieder gutzumachendes Fiasko erwiesen. Man kann eine Zeitlang Bilanzen frisieren und falsche Buchführung betreiben, aber langfristig wird der Betrug selbst dem naivsten Wirtschaftsprüfer auffallen. Nicht Freiheit, nicht Gerechtigkeit, nicht Menschlichketi und sonstige von der Moderne verkündete Ideale haben sich durchgesetzt, sondern ihr genaues Gegenteil. Schöner und menschenwürdiger sollte die Welt werden, häßlicher und erbarmungsloser ist sie geworden. Die Kriege, die Gewalt, das Elend sollten für immer verschwinden, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegermächten versichert. Längst wissen wir, daß sich dies alles nur vermehrt hat.
Untergehende Zivilisationen und Systeme pflegen sich von der weltgeschichtlichen Bühne mit Mord und Totschlag zu verabschieden. Die nationalen und regionalen Kriege, die im Herzen Europas und in anderen Erdteilen ausbrechen, die Massaker an wehrlosen Minderheiten und die Jagd auf arme Flüchtlinge sind nur die Vorboten eines sich anbahnenden Weltbrands. Die Supermoderne wird zusehends zur Superkatastrophe, der Weltgeist Hegels stirbt tagtäglich inmitten eines makabren Finales von Drogensucht, Kriminalität, Gewalt, Korruption, Zynismus, Verelendung, Entfremdung, Rassismus, Seuchen, ökologischem Kollaps und allgemeiner Zerstörung - Barbarei in Gestalt von Saturiertheit und Dekadenz.
Das System scheint nicht mehr in der Lage, sich zu regenerieren, es kann nur zugrunde gehen. Wir alle sind Schiffbrüchige einer Zivilisation, die im Begriff ist, das Schicksal der Titanic in kosmischem Ausmaß zu erleben, auch wenn die Steuermänner von der Kommandobrücke aus den Passagieren einreden wollen, sie hätten alles im Griff. Insgeheim herrscht schon die Moral des "Rette sich, wer kann". Deshalb das Unbehagen, das sich überall breitmacht, die Angst, die die Menschen zunehmend ergreift. Die Menschheit befreite sich von der Tyrannei totalitärer Ideologien, um unter die Tyrannei einer mißbrauchten und falschen Freiheit zu geraten. Es waltet wieder das Gesetz der Willkür und der Unterdrückung, und was sich als Geist der Freiheit gebärdet, ist im Grunde der Vormarsch der Konterrevolution in Richtung auf einen neuen Faschismus. Und wie schon einmal in den zwanziger und dreißiger Jahren überall dieselbe Feigheit, dasslebe "appeasement", dieselbe Bereitschaft, sich der Macht zu beugen und ihr zu dienen.
Nie wurde soviel verdrängt, soviel geschwiegen, gelogen und betrogen. "Was ist Ungerechtigkeit?" fragte Carlyle. Seine lapidare Antwort: "Ein anderer Name für Unordnung". Die Aussage gilt weiterhin, und deshalb ist jedes Wort der Mächtigen über eine neue Weltordnung eine Lüge. Wie können Politiker, die es nicht geschafft haben, ihre hauseigenen Probleme in Ordnung zu bringen, die Unverfrorenheit besitzen, sich als Weltlenker aufzuspielen?
Es gibt nur eine Logik, und die Logik der Ungerechtigkeit besteht darin, Zwietracht, Mißstände, Konflikte und Kriege zu erzeugen. Die "brave new world", die man uns vorgaukeln will, kann nur in einer Götterdämmerung enden, denn das, was aus dem Bösen geboren wurde, muß auch einen bösen Ausgang nehmen. Und auch die Kumpanen von heute, die sich zu einer Art Syndikat zusammengetan haben, um die Welt unter sich aufzuteilen und auszubeuten, werden eines Tages wieder zu Feinden werden und die Pistolen, die sie jetzt noch versteckt tragen, von neuem ziehen. Deshalb rüsten sie alle weiter, trotz Freundschaftsbeteuerungen.
Man kann unter diesen Voraussetzungen Geschäfte machen und die Menschen korrumpieren, aber nicht eine tragfähige und sinnvolle Weltordnung herbeiführen. Die Welt ist mehr als ein Warenlager, die Kunst des Staatswesens mehr als die Führung eies Konzerns. Und gerade weil die heutigen Politiker nichts anderes als Befehlsempfänger der großen Interessenverbände und des Big Business sind, werden sie es nicht schaffen, die Probleme der Menschheit zu bewältigen. Die Antike brachte große Staatsmänner und Philosophen hervor, das Mittelalter fromme Mystiker und Theologen, die Renaissance Universalmenschen unser Zeitalter vor allem Krämerseelen, wie schon Rousseau erkannte: "Die antiken Politiker sprachen unentwegt von Sitten und von Tugend, die unseren sprechen nur von Geld und Kommerz."
Was sich jetzt vor unseren Augen abspielt, ist der Bankrott der aus dem bürgerlichen Wertesytem hervorgegangenen instrumentellen Vernunft. Der Versuch, das menschliche Dasein auf Kommerz, Kalkül und Konsum zu reduzieren, ist weitgehend geglückt, und die Menschheit ist hoffnungslos gescheitert, auch wenn die Höflinge und Söldner des Systems weiterhin von gewonnenen Schlachten berichten. Hobbes, der erste Theoretiker des bürgerlichen Staates, hatte sich eingebildet, man könne ein Gemeinwesen auf der Grundlage des Egoismus und des Genusses gründen und ewig aufrechterhalten.
Jetzt wissen wir, daß die friedliche und segensreiche Ordnung, die er mit seinem Leviathan zu sichern trachtete, den Krieg aller gegen alle entfesselt hat, den er überwinden wollte. Nicht die Wilden haben sich als Feinde der Menschheit erwiesen, wie Hobbes meinte, sondern die Zivilisierten, die Träger und Gestalter des bürgerlichen Zeitalters.
Der institutionalisierte Herrschaftsprozeß, der das System organisiert hat, kann keine Weltordnung zustande bringen, weil die Fundamente, auf die sich diese Ordnung stützen soll, selbst der Inbegriff der Unordnung sind. Die Sieger von heute, die hochmütig und schadenfroh den Untergang des real existierenden Sozialismus und die Auflösung der Sowjetunion bejubeln, ahnen kaum, daß auf sie ein ähnliches Schicksal wartet. Auch sie sich eines Tages für ihre Untaten verantworten müssen. Man kann nicht ewig die Menschen schinden, belügen, demütigen und ihre Würde mit Füßen treten. Irgendwann bestätigt sich immer, was Babeuf schrieb: "Die Gerechtigkeit des Volkes vollzieht sich nur langsam und oft zu spät, aber wenn sie sich in Bewegung setzt, ist sie groß und überwältigend wie es selbst, handelt rasch und erbarmungslos. Die Stunde der Wahrheit nähert sich, das Ende des zweiten Millenniums wird aud das Ende der Gemütlichkeit sein. Heleno Sana
...dann ist er zu Haus geblieben, und hat ein Buch geschrieben: wie man revoluzzt und dabei noch Lampen putzt...Erich Mühsam Ein menschliches Wesen ist ein Teil des Ganzen, das wir Univers um nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Es erfährt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle, als etwas vom übrigen Getrenntes - eine Art optische Täuschung seines Bewußtseins. Diese Täuschung ist für uns eine Art Gefängnis, das uns auf unsere persönlichen Bedürfnisse und die Zuneigung zu einigen uns nahestehenden Personen einschränkt. Es muß unsere Aufgabe sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Kreis unseres Mitgefühls ausweiten, so daß es alle lebenden Geschöpfe und die gesamte Natur in ihrer Schönheit umfaßt. "Man mache alles so einfach wie möglich, jedoch nicht einfacher." Albert Einstein
Bild - Erich Mühsam

Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein. »Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!«
Sehen Wir denn zu, wie diejenigen es mit ihrer Sache machen, für deren Sache Wir arbeiten, Uns hingeben und begeistern sollen.
Ihr wißt von Gott viel Gründliches zu verkünden und habt jahrtausende lang »die Tiefen der Gottheit erforscht« und ihr ins Herz geschaut, so daß Ihr Uns wohl sagen könnt, wie Gott die »Sache Gottes«, der Wir zu dienen berufen sind, selber betreibt. Und Ihr verhehlt es auch nicht, das Treiben des Herrn. Was ist nun seine Sache? Hat er, wie es Uns zugemutet wird, eine fremde Sache, hat er die Sache der Wahrheit, der Liebe zur seinigen gemacht? Euch empört dies Mißverständnis und Ihr belehrt Uns, daß Gottes Sache allerdings die Sache der Wahrheit und Liebe sei, daß aber diese Sache keine ihm fremde genannt werden könne, weil Gott ja selbst die Wahrheit und Liebe sei; Euch empört die Annahme, daß Gott Uns armen Würmern gleichen könnte, indem er eine fremde Sache als eigene beförderte. »Gott sollte der Sache der Wahrheit sich annehmen, wenn er nicht selbst die Wahrheit wäre«? Er sorgt nur für seine Sache, aber weil er Alles in Allem ist, darum ist auch alles seine Sache! Wir aber, Wir sind nicht Alles in Allem, und unsere Sache ist gar klein und verächtlich; darum müssen Wir einer »höheren Sache dienen«. Nun, es ist klar, Gott bekümmert sich nur um's Seine, beschäftigt sich nur mit sich, denkt nur an sich und hat nur sich im Auge; wehe Allem, was ihm nicht wohlgefällig ist. Er dient keinem Höheren und befriedigt nur sich. Seine Sache ist eine - rein egoistische Sache.
Wie steht es mit der Menschheit, deren Sache Wir zur unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines Andern und dient die Menschheit einer höheren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit fördern, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Damit sie sich entwickle, läßt sie Völker und Individuen in ihrem Dienste sich abquälen, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, dann werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine - rein egoistische Sache?
Ich brauche gar nicht an jedem, der seine Sache Uns zuschieben möchte, zu zeigen, daß es ihm nur um sich, nicht um Uns, nur um sein Wohl, nicht um das Unsere zu tun ist. Seht Euch die übrigen nur an. Begehrt die Wahrheit, die Freiheit, die Humanität, die Gerechtigkeit etwas anderes, als daß Ihr Euch enthusiasmiert und ihnen dient?
Sie stehen sich alle ausnehmend gut dabei, wenn ihnen pflichteifrigst gehuldigt wird. Betrachtet einmal das Volk, das von ergebenen Patrioten geschützt wird. Die Patrioten fallen im blutigen Kampfe oder im Kampfe mit Hunger und Not; was fragt das Volk darnach? Das Volk wird durch den Dünger ihrer Leichen ein »blühendes Volk«! Die Individuen sind »für die große Sache des Volks« gestorben, und das Volk schickt ihnen einige Worte des Dankes nach und - hat den Profit davon. Das nenn' Ich Mir einen einträglichen Egoismus.
Aber seht doch jenen Sultan an, der für »die Seinen« so liebreich sorgt. Ist er nicht die pure Uneigennützigkeit selber und opfert er sich nicht stündlich für die Seinen? ja wohl, für »die Seinen«. Versuch' es einmal und zeige Dich nicht als der Seine, sondern als der Deine. Du wirst dafür, daß Du seinem Egoismus Dich entzogst, in den Kerker wandern. Der Sultan hat seine Sache auf Nichts, als auf sich gestellt - er ist sich Alles in Allem, ist sich der einzige und duldet keinen, der es wagte, nicht einer der »Seinen« zu sein.
Und an diesen glänzenden Beispielen wollt Ihr nicht lernen, daß der Egoist am besten fährt? Ich Meinesteils nehme Mir eine Lehre daran und will, statt jenen großen Egoisten ferner uneigennützig zu dienen, lieber selber der Egoist sein.
Gott und die Menschheit haben ihre Sache auf Nichts gestellt, auf nichts als auf Sich. Stelle Ich denn meine Sache gleichfalls auf Mich, der Ich so gut wie Gott das Nichts von allem Andern, der Ich mein Alles, der Ich der Einzige bin.
Hat Gott, hat die Menschheit, wie Ihr versichert, Gehalt genug in sich, um sich Alles in Allem zu sein: so spüre ich, daß es Mir noch weit weniger daran fehlen wird, und daß Ich über meine »Leerheit« keine Klage zu führen haben werde. Ich bin [nicht] Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem Ich selbst als Schöpfer Alles schaffe.
Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist! Ihr meint, Meine Sache müsse wenigstens die »gute Sache« sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber Meine Sache, und Ich bin weder gut noch böse. Beides hat für Mich keinen Sinn. Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache »des Menschen«. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist - einzig, wie Ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!
Max Stirner: der Einzige und sein Eigentum
www.anarchie.de  DAS PRINZIP MAFIA
Die Zerstörung der Autonomie, der Möglichkeit zur Selbstorganisation scheint mir die Grundlage jedes Systems des Ausbeutung und Unterdrückung zu sein.
Jeder Angreifer, jeder Räuber, jeder Mörder stört natürlich den Lebenszusammenhang seines Opfers. Meist wird er dies bewusst tun, um die Möglichkeiten des Opfers zur Flucht, zur Verteidigung, zur Erholung, zur Neuorganisation zu verringern.
Ein erfolgreicher Räuber oder eine Räuberbande wird vielleicht irgendwann dazu übergehen, das Gewaltverhältnis zu seinen Opfern zu institutionalisieren. Er bietet an, seine Opfer am Leben zu lassen, wenn Sie ihm regelmässig Tribut zollen. Wenn die Räuber auch noch "Schutz" vor anderen Banden anbieten, wird der Räuber wird von der zeitweiligen Heimsuchung zum institutionalisierten Machthaber.
Im Lauf der Jahre und der Generationen nimmt das Verhältnis der Ausbeutung auch in den Köpfen der Ausgebeuteten den Charakter von Rechtmässigkeit an.
Angehörige der herrschenden Klasse (die frühere Räuberbande) werden einzelne Angehörige der unterdrückten Bevölkerung, die sich dafür eignen, als "Aufseher", "Hilfswillige", "Büttel" oder "Beamte" anstellen und dafür entsprechend privilegieren. Die Unterdrückten werden die Herrschaft irgendwann dann als gerecht empfinden, wenn sich die Herrscher etwas mit "übermässiger" Grausamkeit zurückhalten und so etwas wie "Rechtssicherheit" installieren und aufrechterhalten. Ein Staatswesen ist entstanden.
Je mehr sich der Wohlstand entwickelt, um so mehr werden die Herrschenden versuchen, bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen zu vermeiden, die diesen gefährden könnten. Sie werden gewisse Zugeständnisse an Mitspracherecht machen, und es einigen befähigten Angehörigen der Unterklasse ermöglichen, sozial bis in ihre Reihen aufzusteigen.
Trotzdem gehört zum Beispiel in der Bundesrepublik noch ein grosser Teil des allgemeinen Reichtums an Grund und Boden den Nachkommen jener Adligen, die sich diese Schätze einst durch nackten Mord und Totschlag angeeignet haben.
Es ist ein Gewaltverhältnis (Staat) entstanden, das auf der Zerstörung von Autonomie, auf dem Abschneiden von Lebensgrundlagen den beruht und ich will hier von Mafiasystem sprechen.
Dieses System beruht auf der Zerstörung der Selbstorganisation der Beherrschten in vielerlei Hinsicht.
Sind ein derartiger Staat und seine "Legalität" erst einmal etabliert, so besteht natürlich keinerlei Interesse, daß jemand wieder die Sprache auf die einst und immer noch zugrundeliegenden Gewaltverhältnisse bringt. Hier wird Selbstorganisation verhindert, denn es besteht kein Zugang mehr zur Lebensgrundlage der Sprache.
Das Mafia-Prinzip scheint mir eines der grundsätzlichen Muster unserer Gesellschaft zu sein. Von der engen Verbindung unserer herrschenden Klasse zum organisierten Verbrechen möchte ich hier zunächst nicht sprechen. Unsere Staatsform leitet sich geschichtlich vom Feudalismus als institutionalisiertem Raub ab. Die Mafia kann kein Leben und Wirtschaften außerhalb ihrer Organisation dulden. Allenfalls ein Leben als besitz- und rechtloser Verstossener "in den Wäldern", das als abschreckendes Beispiel für die anderen dienen kann. "Du kannst Geschäfte machen, aber nicht auf eigene Rechnung!". (Lebensgrundlage "Austausch")
Jedes Beispiel gelebter Autonomie stellt natürlich eine potentielle Verlockung und Utopie für alle Beherrschten dar und ist somit eine echte Bedrohung für das System und seinen "Konsens" sowie für sein "Tabu".
Hier fällt einem natürlich sofort das unglaubliche Wüten der Supermacht USA gegen ein kleines Land wie Nicaragua ein. Oft wird die Autonomie dadurch zerstört, daß ihre Grundlagen, nämlich die natürlichen Lebensgrundlagen der Bevölkerung zerstört werden. Dies kann geschehen, indem eine bäuerliche Bevölkerung durch Grossgrundbesitzer von ihrem angestammten Grund und Boden vertrieben und damit erst zur Ausbeutung in den Fabriken oder Bergwerken verfügbar gemacht wird.
Auch in unserem Land wird der Bevölkerung der freie Zugang zu Grund und Boden von der besitzenden Klasse verwehrt: wer hier leben will muß schon den halben Monat arbeiten, um seine Miete aufzubringen.
Ebensowenig wie die äussere, sowenig kann die Mafia bei den von ihr beherrschten die innere Autonomie dulden. Ein gesundes, in sich selbst ruhendes Selbstbewußtsein der Beherrschten kann nicht im Sinne der Herrscher liegen. Die Mafia, die sich in einem Stadtviertel ihren Einfluß zu sichern sucht, wird zunächst einmal einige ihrer zukünftigen Opfer umnieten oder zusammenschlagen lassen. Der Bevölkerung wird so der "Schneid abgekauft". Der klassische Staat bedient sich für diese Zwecke der Kirche und der Schule, um von der täglichen Demütigung der Arbeitswelt abzusehen. (Lebensgrundlage "Selbstbewusstsein", "Identität")
Das "Leistungsprinzip" leistet es in unserer Gesellschaft, dem einzelnen das Rückgrat zu brechen, ihn zum Versager zu stempeln. Das Einbleuen dieses Prinzips und nicht das "Lernen" ist auch auch der Zweck unserer Schule, wie wir sie kennen und das wird auch kein CSU'ler abstreiten. Selbstbewusstsein wird in unserer Gesellschaft nur dem gewährt, der irgendwie an Kohle rankommt und dies auch zeigen kann. (Markenbewußtsein bei Kindern)
Dem Individuum, dessen Selbstbewusstsein zerstört oder in seiner Entwicklung blockiert wurde, wird von der Gesellschaft eine Ersatzidentität als Mitglied der Gruppe angeboten. Typisch ist die "Erziehung zum Mann" beim Militär oder andere Initialisationsrituale. Die Initialisation in die Gesellschaft durch körperliche Verstümmelung wie die Beschneidung der Geschlechtsteile von Mann und Frau in vielen "Kulturen" scheint mir auch hierher zu gehören.
Die eigenen Verstümmelungen können oft nur ausgehalten werden, indem die Gefühle des Schmerzes und der Wut über das Erlebte innerlich abgetötet werden. "Mir hats nicht geschadet!". Diese Verhärtung versetzt den Verstümmelten selbst wieder in die Lage andere mitleidlos zu morden zu verstümmeln, ja sie verschafft ihm vielleicht sogar Lust daran. (Traumatisierter Traumatisierer). Dies verbindet die typische Opfer und Täter-Mentalität.
Der Sklave und der KZ-Häftling trägt sein Brandmal und seine Nummer, das Mitglied der japanischen Yakuza-Gang beweist seine Loyalität gegenüber dem Boss mit seinem abgeschnittenen Finger. Der Priester opfert seine Sexualität. Im alten China wurden die Füsse der Frauen verkrüppelt usw.. Das eigene Ich wird dem übergestülpten Gesellschafts-Ich aufgeopfert.
Einige Beispiele, wo Herrschaft und Ausbeutung auf der Verhinderung des selbstorganisierten Zuganges zu den Lebensgrundlagen ausgeübt werden, möchte ich hier nur ganz kurz und punktartig ansprechen: Grund und Boden Geld - Produktion und Tausch Sprache als Mittel der Verständigung Wissenschaft Selbstbild und Selbstbewusstsein Erziehung Spiritualität und Religion Kunst und Kultur Gentechnik - Patentierung von Lebewesen - Privatisierung des Genpools des irdischen Lebens Sexualität und Rollenbilderwww.anarchie.de
UTOPIE Die schönste Utopie ist zu nichts nutze, wenn das entsprechende Bewußtsein fehlt, das den Menschen befähigt, die Utopie Wirklichkeit werden zu lassen. Utopie (Thesen für eine Diskussion) Einleitung:
Die schönste Utopie ist zu nichts nutze, wenn das entsprechende Bewußtsein fehlt, das den Menschen befähigt, die Utopie Wirklichkeit werden zu lassen.
Nach meiner Auffassung benötigt eine politische Diskussion, die sich mit Zukunftsfragen beschäftigt, einen Grundkonsens hinsichtlich Weltanschaulicher Fragestellungen. Dabei geht es zunächst um eine Abklärung: wie schauen wir uns denn diese Welt an, mit welchem Bewusstsein und welchen Denkgewohnheiten.
Eine Gesellschaftskritik, eine mehr oder weniger allgemeinverbindliche, gibt es heute nicht, wir müssen damit nochmal von vorne beginnen.
Das Einbeziehen von Weltbildfragen dürfte diese Gesellschaftskritik erheblich verändern.. Eine neue Weltsicht macht andere Grundübereinkünfte notwendig. Darüber was das bedeutet, muss man sich verständigen. Ich denke es gilt herauszufinden, warum die Menschheit zu blöd ist, ihren Kram geregelt zu kriegen und das wo es fast möglich erscheint mit entsprechender Maschinenpower eine paradiesische Welt aufzubauen.
Das ist natürlich keine neue Fragestellung, aber die traditionellen Antworten reichen heute nicht mehr aus.
Die Menschheit kann längerfristig nur dann überleben, wenn sie ihre Wertesysteme grundsätzlich ändert. Sie sollte ihr ganzes Wissen zusammennehmen, um daraus ein neues Gesellschaftsmodell zu formen.
Die Ausgangsthese ist die, dass eine Gesellschaft Utopien braucht, also Vorstellungen über die Art und Weise wie sie funktionieren soll. Zukunftsvorstellungen über die menschliche Gesellschaft beinhalten immer auch eine Wertediskussion, eine Analyse der herrschenden Werte und zukünftige Werte. Keine Gesellschaft kommt ohne Wertesystem aus. Welches Wertesystem streben wir an ?
Vermutlich bezieht diese Diskussion ihre Energie aus dem permanenten Widerspruch: Individuum und Gesellschaft. Deshalb kann sie niemals beendet sein. Ganz im Gegensatz zum derzeitigen Trend, Schluss mit Utopievorstellungen, einfach das zu leben bzw. vorzuleben, was man so anstrebt. Diese Einstellung dürfte auf schlechte Erfahrungen mit vergangenen Verheissungen zurückzuführen sein, in denen Utopie und Ideologie verschmelzen.
Ein neuer Ansatz kann deshalb nur im Bewusstsein dieses Zwiespalts gelingen.
Die 2. These ist die, dass wir als Menschen aufgrund unserer biologischen Ausstattung die Welt in der wir leben, wahrnehmen. Wie diese Wahrnehmung funktioniert, darüber gibt es heute Vorstellungen, die von den traditionellen gänzlich verschieden sind.
Spekulationen darüber, wie der Mensch die Realität wahrnimmt, sind Bestandteil der europäischen Philosophiegeschichte.(Erkenntnistheorie). Die auch heute gängige Vorstellung ist die, wir blicken alle auf denselben Bildschirm. Die Realität bildet sich in unserem Bewusstsein ab. Heute entwickelt sich bereits ein ganz anderes Modell: Wir setzen die Welt durch einen aktiven Vorgang in unseren Gehirnen zusammen nach individuellen Vorgaben; z.B. div. Lerninhalte.
Auf den ersten Blick sieht das nach nichts Besonderem aus. Im Klartext heisst das aber, dass jeder Mensch in seiner eigenen Wirklichkeit lebt und objektive Aussagen über die Wirklichkeit nur in Form von Modellen gemacht werden können.(Kosmos, Urknall, Zeit etc.). Selbstverständlich gilt das auch für die Wahrnehmung der Gesellschaftlichen Realität; sie ist subjektiv.
Dies ist das entscheidende Argument gegen alle Lehren, die eine einzige, möglicherweise auch ewige Wahrheit verkünden. Die Wahrheit ist relativ und hängt vom Standpunkt des Beobachters ab ( um es mit Einstein zu sagen ).
Der Blick auf den Tatbestand der Wahrnehmung erfordert demnach eine neue Herangehensweise bei der Entwicklung und Propagierung von Utopievorstellungen.
Auch der Hinweis auf Götter, Religionen, die Natur, oder die Wissenschaft macht aus einem menschlichen Gedanken keine allgemeingültige Wahrheit aus der dann Machtansprüche abgeleitet werden. z.B. die richtige und die falsche Linie bzw. Theorie.
Diese Gedankengänge sind nicht neu. Wir finden sie z.B. bei E. Kant.. Kants Gedanken werden so durch die moderne Hirnforschung untermauert.
Wenn wir als Menschen die "wahre" Realität schon nicht erkennen können, so verhält sich das mit der von Menschenhand gemachten Wirklichkeit ganz anders: auf sie haben wir Einfluss. (Kants 2. These).
Daraus folgern wir, alle Versuche, Tatbestände und Verhältnisse innerhalb der menschlichen Gesellschaft als Folge von Schicksal, Naturgewalten, oder Wetter, etc. wie Armut, Krieg, Hunger, Krankheit etc. darzustellen, können entlarvt werden.
Zwar ist das auch nicht neu aber durchaus aktuell. Zwei wichtigen Bereichen der Gesellschaft werden heute solche naturhaften Hintergründe zugeordnet, obwohl sie menschengemacht sind: die Wirtschaft und das Geld.
Das Bewusstsein von diesen Zusammenhängen ist notwendig, um klar zu machen, dass es nicht darum geht, eine neue Lehre zu verkünden oder eine alte Ideologie aufzupeppen.
Dies ist eine weitere Voraussetzung für einen neuen Ansatz.
Die 3. These soll sich auf die eben erwähnten (kulturell bedingten) Lerninhalte, die die Wahrnehmung beinflussen, beziehen.
Klammert man den Bereich der sensorischen Wahrnehmung aus, so kann man statt Wahrnehmung auch "die Sicht der Dinge" sagen. Diese Sicht wird geprägt vom jeweiligen Weltbild. Bekanntermassen ist dies von der jeweiligen Kultur abhängig. Das Weltbild beinhaltet auch die Basics mit denen wir unsere Existenz erklären: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin und wie sieht der Ort aus, an dem das stattfindet.
So war z.B. Himmel, Hölle und Schöpfung das entsprechende mittelalterliche Weltbild. Dass sich danach auch die Gesellschaft organisiert und strukturiert bis in den Alltag hinein, diese Sicht ist in unserer materialistisch geprägten Zeitepoche weitgehend verloren gegangen: Motor der Geschichte ist primär die Ökonomie und nicht die Ideen und Vorstellungswelten. Das Sein bestimmt das Bewusstsein und nicht umgekehrt.
Wie jedoch das Bewusstsein das Sein bestimmt, kann man sich folgendermassen vorstellen: Die Religion muss verwaltet und verkündet werden, also bringt sie die Institution Kirche hervor und alle anderen wie Klöster, Schulen, Armen- und Siechenhäuser, es werden Kathedralen und Häuser für die Pfaffen gebaut, es werden Gesetze formuliert, eine bestimmte Wirtschafts- und Geldordnung erlassen und eine Ordnungsmacht installiert. Die Religion materialisiert sich in gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen.
Heute ist es das naturwissenschaftliche Weltbild, welches die Religion abgelöst hat und unsere Gesellschaft strukturiert. (Inzwischen überlagert es alle anderen Kulturen).
Die Beschäftigung mit den Fundamenten dieses Weltbildes ist ebenfalls eine notwendige Voraussetzung für das Projekt Utopie.
Stichwortartig soll hier folgendes erwähnt werden :
"Alles Leben kommt aus der Materie" (Ursuppe) ist die Kernaussage der materialistischen Weltsicht. Geburt und Tod haben dadurch ihre spirituelle Bedeutung verloren. Dass der Mensch darauf mit Verdrängungsangst reagiert, ist in vielen Schriften analysiert worden, ebenso die Folgen auf sein Verhalten ("nach mir die Sintflut") und die Auswirkungen auf die Zukunft (Atommüll).
Verbunden mit der mechanistischen Weltauffassung (der Kosmos ist ein Uhrwerk) wird alles Lebendige zur Biomaschine. Die ganze Technik beruht auf diesem Weltmodell. Wenn aber das Modell mit der Wirklichkeit verwechselt wird, dann entsteht blindes Vertrauen in die Technologie. Gentechnik ist hier das Beispiel.
Die Idealisierung der aus dem Menschen herausgelösten unabhängigen Vernunft ( Descartes) im Kontext mit den vorher erwähnten Denkweisen entfremdet den Menschen von der Natur (dazu gehört auch seine eigene). Die Folgen sind bekannt.
Es gibt eine Reihe von Denkgewohnheiten, die als "naturgegeben" hingenommen werden und sich deshalb einer Untersuchung hinsichtlich ihrer Wirksamkeit auf menschliches Verhalten oder auf die Gesellschaft entziehen. Wem ist schon bewusst, dass auch der Zeit eine Idee zugrunde liegt. "Unsere" Zeit ist die Idee des Zeitstrahls mit Anfang und Ende.( Urknall ). Dies stützt erheblich unsere Vorstellung von Fortschritt (Fortschrittsglaube).
Bekanntlich funktioniert die wissenschaftliche Methode, das derzeitige Mittel mit dem wir die Welt erforschen und erklären, nach dem Prinzip, den Untersuchungsgegenstand auseinandernehmen, in seine Bestandteile zerlegen und mit Hilfe mathematischer und logischer Methoden wieder zusammenzubauen. Diese Methode ist keineswegs nur etwas für Wissenschaftler. Es ist die kulturell erworbene Art und Weise mit der wir die Welt beurteilen. Die Schule vermittelt uns das ( Aufsatz : beschreibe eine Unfallstelle (z.B.) ). Auch hier kommt nicht die Realität dabei heraus, sondern nur ein Abbild, ein Modell.. Die Erkenntnisse, die es z.B. über die Gene gibt , auf denen ja die Gentechnik beruht, werden als "wahr" angesehen, Zweifel, dass das Modell unvollständig sein könnte, kommen nicht auf.
Das Bewusstsein darüber (was tun wir da eigentlich) also die kritische Distanz ist wichtig, wenn der neue Ansatz wirklich neu sein soll.
Die Mikroelektronik wie sie heute die Menschliche Gesellschaft prägt wie einst die Dampfmaschine bedient sich bekanntlich der Ja/Nein- Logik. Abgesehen davon, dass jeder Organismus eine gut-schlecht, heiss-kalt etc.-Entscheidung im Bedarfsfall trifft, begünstigt diese mathematische Logik ("der Ausschluss des Dritten" -Aristoteles) als verinnerlichte Denkgewohnheit die entweder/oder- Entscheidung auch als "das ausschliessende Denken" bezeichnet. Es gibt nur das wahr oder nicht wahr.
Als Grundlage politischer Strategien ( richtig/falsch, Freund/Feind ) ist das völlig ungeeignet wie man an endlosen Grabenkämpfen und Abgrenzungen politischer Gruppen beobachten kann. Hier hat die Unfähigkeit mit Widersprüchen umzugehen ihre Ursache, weil die lebendige Wirklichkeit meistens ein ja-aber beinhaltet und selten eindeutig ist.
Aus der Geschichte ist uns dieser unvereinbare Gegensatz bekannt, in dem die einen meinen, der Mensch sei ausschliesslich ein Kulturwesen, während die andere Seite behauptet er sei ein Naturwesen. Heute lösen wir diesen Widerspruch auf, indem wir sagen: er ist beides - aber warum, dürfen wir das ? denn es gibt genügend Leute, die damit nicht einverstanden sind und hier den Begriff Biologismus ins Spiel bringen. Hierbei geht es um weltanschauliche Denkgewohnheiten.
Dieser Zusammenhang muss erst ins Bewusstsein gebracht werden. Insofern ist es Teil der Utopiediskussion .
Erwähnt werden müssen noch zwei Beispiele aus dieser Reihe. Komplexität und die statische bzw. dynamische Weltsicht.
" Die Welt wird immer komplexer". Sie war es immer schon nur scheint sie uns mit zunehmender Informationsfülle komplexer. Um das für uns durchschaubar zu machen, greifen wir auf gelernte Strategien zurück und das heisst wir begeben uns auf die Suche nach Ursache-Wirkungsketten mit den Mitteln der alten Physik (Newtonsche Mechanik). Diese Methode hat sich tausendfach bewährt. Die Ursache liegt in der Vergangenheit, die Wirkung in der Zukunft, also schön nacheinander, erst die Ursache, dann die Wirkung. Selbstverständlich ? Keineswegs. In lebendigen Systemen, dazu gehören auch Abläufe, Aktivitäten innerhalb der menschlichen Gesellschaft , ist das anders : Die "Wirkung" kann auch zurück auf die Ursache wirken. In der Maschinenwelt ist das eine ernste Funktionsstörung, in der lebendigen Welt der Normalfall. Schon haben wir ein Problem und blicken nicht mehr durch.
Noch etwas ist hier wichtig: lebendige Systeme sind dynamisch, einem steten Entwicklungsprozess unterworfen unser Weltbild aber ist statisch an der Newtonschen Mechanik orientiert. Ruhig ziehen die Planeten ihre geordneten Bahnen um die Sonne nach ewigen Naturgesetzen. Stimmt nicht ! Es ist das reinste Chaos und nichts bleibt wie es war; schlimmer noch , es ist nicht berechenbar, man kann nur mit gewissen Wahrscheinlichkeiten rechnen.
Obwohl das alles bekannt ist, ist der Umgang mit komplexen Problemen meistens reichlich linear und eindimensional. Der Glaube an die alte Physik und ihre Sichtweise sitzt tief, obwohl die moderne Grundlagenforschung längst weitergezogen ist. Man sucht immer noch nach möglichst einer Ursache für ein Problem - wer ist schuld - und erlebt die Welt in Einzelteilen. Arbeit, Freizeit, Familie. Schon in der Schule wird die Welt zerteilt: Deutsch, Rechnen, Erdkunde, Biologie.... Am Ende ist das Individuum von allem abgetrennt und in sich selber zerrissen, desorientiert.
Der individuelle menschliche wie auch gesellschaftliche Entwicklungsprozeß unterliegt ständiger Veränderung. Er ist dynamisch und schafft stets Neues aus dem Alten. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit für die Gesellschaft, sich ständig zu erneuern. Das Verständnis von Gesellschaftsordnung aber ist statisch und behindert jede Entwicklung. An seine Stelle soll ein dynamischer Ordnungsbegriff treten, in dem Ordnung aus der Vielfalt veränderlicher und miteinander verbundener Prozesse entsteht.
Mit dieser Aufzählung soll verdeutlicht werden, dass wir mit unserem traditionellen Weltbild nicht weiterkommen, weil es die komplexen und sich ständig veränderten lebendigen Wirklichkeiten nicht ausreichend beschreibt. Allerdings haben sich bereits Denkmodelle herausgebildet, mit der sich die Wirklichkeit besser beschreiben lässt. Die Kenntnis davon ist unabdingbar für jede Art von Zukunftsvisionen.
Die 4. These behauptet, dass wir uns in einem historischen Zeitabschnitt befinden, in dem Anzeichen für einen Epochewechsel auszumachen sind.
Kopernikus, Kepler, Galilei wollten nur bessere Katholiken sein. Was sie herausfanden, leitete eine neue Epoche ein. Vergleiche sind mit naturwissenschaftlichen Entdeckungen des 20.Jhdts. möglich : Relativitätstheorie (alles ist relativ), Quantenmechanik (im subatomaren Bereich gelten andere Gesetze ). Die Wirklichkeit ist nicht "wohl geordnet", sondern Chaos.
(Das schöne Freund-Feind- Gleichgewicht des Schreckens, Ost gegen West gibt es auch nicht mehr.)
Die Beschäftigung mit ökologischen Themen fördert am Beispiel der in der Natur vorkommenden vielfach vernetzten Prozesse das Denken in komplexen dynamischen Zusammenhängen. Mit neuen Methoden wie der Kybernetik lassen sich diese besser verstehen.
Die Ja/Nein-Logik wird erweitert durch die Fuzzy-Logik, einer Logik, die näher an der Wirklichkeit ist, weil sie Zwischenschritte zulässt. Also: etwas mehr richtig oder etwas weniger falsch und nicht bloss ja-nein.
Der Blick vom Mond auf die Erde fördert eine Gesamtschau auf die Menschheit und seine Rahmenbedingungen. Er birgt die Chance zu einem Emanzipationsschritt, durch den der Mensch eine höhere Abstraktionsebene erreichen könnte, indem er aus sich heraustritt und sich quasi von aussen betrachtet und sich fragt: Was bin ich und was tue ich ? Es ist das, was in der Hirnforschung schon begonnen hat: Das Gehirn erforscht sich selbst.
Epochewechsel ist immer ein Paradigmenwechsel, d.h. es findet ein Weltbildwandel statt und darauf sollen die hier aufgeführten Beispiele hinweisen.
Jede Zeitepoche bringt aber auch ihre spezifischen Gesellschaftsordnungen hervor, denen immer eine Entwicklungsphase von Ideen vorangeht. In diese Entwicklung können wir eingreifen. Dabei braucht nicht alles neu erfunden zu werden, es steht ein reichlicher Ideenpool zur Verfügung. Daraus gilt es ein Gedankengebäude zu errichten und öffentlich zu machen, denn nur was im öffentlichen Bewusstsein auftaucht, ist politisch relevant.
Wie werden diese neuen Gesellschaftsordnungen aussehen ?
Ein Hinweis ist an dieser Stelle notwendig: Weltbildfragen sind kulturabhängig. Das hier Gesagte bezieht sich deshalb (teilweise) auf den abendländischen Kulturkreis und kann deshalb beispielsweise nicht auf China übertragen werden. Trotzdem ist es denkbar ein globales Wertesystem zu entwickeln, in das alle Kulturen einwilligen können.
Die 5. These wendet sich dem Menschenbild zu.
Angesprochen wurde schon der Gegensatz Kultur-, NaturWesen. Die Entweder-oder Sichtweise hatten wir schon aufgelöst zugunsten einer sowohl als auch Entscheidung. Der Mensch ist also beides.
Der Mensch ist Teil der Natur und von ihr abhängig (Geld kann man nicht essen). Die aus diesem Bereich stammenden Grundbedürfnisse sollten optimal befriedigt werden. Das wä re die Forderung an eine zukünftige Gesellschaft. Ganz oben auf der Liste steht: Eine Garantie zur Sicherung der materiellen Existenz des Individuums.
Der Mensch im abendländischen Kulturkreis muß sich seiner Naturhaftigkeit bewußt werden. Die Grundlage allen Lebens ist auch seine Existenzgrundlage. Darin liegt auch seine Abhängigkeit von der Natur begründet
Die materiellen und geistigen Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit sich das Individuum kollektiv artikulieren und verantwortlich handeln kann. Indem es seine Selbstverantwortlichkeit erkennt und Verantwortung für den Zustand und die Qualität der Gesellschaft übernimmt.
Im Bereich wo der Mensch "Teil der Kultur" ist, gibt es entsprechende Grundbedürfnisse. Bildung, schöpferische Arbeit, Kommunikation etc. Darüber ist schon viel nachgedacht und geschrieben worden.
Was dabei allerdings meist vernachlässigt wird, ist die Tatsache, dass der Mensch ein Doppelwesen ist: der weibliche und der männliche Mensch. DER MENSCH damit ist (fast) immer der männliche gemeint. Das Menschenbild ist rein männlich. Unter dem Gesichtspunkt muss die ganze Bedürfnisdiskussion neu aufgerollt werden, weil anzunehmen ist, dass zwischen männlichen und weiblichen Bedü rfnissen zu unterscheiden ist. Das Ungleichgewicht zwischen männlichem und weiblichem Prinzip dürfte für viele Fehlentwicklungen verantwortlich sein. Die Natur ist weiblich. Solange der Mensch von seiner "Umwelt" spricht, die er z.B. nicht zerstören sollte, hat er es nicht begriffen, dass er mitten in dieser Welt steht, die Umwelt sich in ihm selbst befindet. Möglicherweise hat das Abgetrenntsein von der Natur mit diesem Ungleichgewicht zu tun..
Das Patriarchat ist ein uralter kulturü bergreifender globaler Ordnungsfaktor.
Allerdings ist die Diskussion immer noch stark geprägt von dem entweder-oder Prinzip, Matriarchat gegen Patriarchat.
Ein neuer Ansatz ist notwendig.
Ging es bisher wesentlich um Bewusstseinsinhalte, soll in der 6. These die Ökonomie angesprochen werden. Allerdings ist das Thema ohne Fachwissen kaum zu bearbeiten und sollte deshalb gesondert analysiert werden.
Viele glauben auch heute noch, dass mit der Marxschen Kapitalismuskritik bereits alles gesagt ist. Es scheint aber eher unwahrscheinlich, dass eine Theorie, die sich im 2.Jahrhundert ihrer Existenz befindet, immer noch volle Gültigkeit haben soll. Möglicherweise steht hier die schon erwähnte statische Weltauffassung dahinter, die sich gegen jede Entwicklung stemmt. Es wird immer noch als Tugend angesehen, wenn jemand an seiner einmal erworbenen Überzeugung festhält. Jedenfalls ist Kapitalismus eine in der Menschheitsentwicklung relativ neue Erscheinung. Marktwirtschaft und Geldordnung sind dagegen mindestens 6000 Jahre alt. Marktwirtschaft ist nicht gleich Kapitalismus. Diese Unterscheidung verschwimmt zusehens.
Der Vorschlag alle zu Enteignen und die gesamte Wirtschaft von Bürokraten steuern zu lassen, können wir abhaken, das hat nicht funktioniert. Was macht es heute für einen Sinn einen Unternehmer zu enteignen, dessen einziges Produktionsmittel ein PC ist und dessen einziger Angestellter er selbst ist ? Kapitalist und Prolet in einer Person, Profit und Ausbeutung eingeschlossen. Die Geißelung des Profits könnte sich als falsch erweisen. Ohne Gewinn läuft kein Geschäft, gibt es keine Entwicklung. Einen Gewinn auf dem Markt zu erzielen, demgegenüber steht dasselbe Eigeninteresse des Konsumenten, der möglich günstig kaufen will. Solange es eine freie Entscheidung bleibt, ist es in Ordnung.
Warum nicht ein System erfinden, in dem nicht die Reichen arm werden sollen, sondern die Armen reich ? Es geht nicht ? Es geht aus dem einfachen Grund, weil der Markt ein Menschenwerk ist und es kein Schicksal ist arm oder reich zu sein; aber es gibt einen natürlichen Mangel ? Keineswegs, es ist von allem genug da.
Wenn die Nordamerikaner beschliessen, wir fliegen auf den Mond, dann fliegen sie. Wenn die Deutschen sagen, wir machen jetzt einen Weltkrieg, dann machen sie den. Sie hätten auch sagen können: wir bauen jeder Familie auf diesem Globus ein Häuschen soviel hat nämlich der 2. Weltkrieg gekostet. ( die benötigten Handwerker waren damit allerdings auch weg ).
Das Ziel der menschlichen Produktivität muß sich an neuen Werten orientieren. Der materielle Wohlstand ist nicht oberstes Ziel, sondern das Wohlbefinden im Sinne echter Lebensqualität. Arbeiten, die unbedingt zum Leben notwendig sind, dürfen nicht unterbewertet werden,(wie z.B. Kindergebären, erziehen, ausbilden, Kranken und Altenpflege) statt die Arbeiten im Bereich der industriellen Produktion besser zu bezahlen.
Die industrielle Produktion muss in einen ökologischen Kreislauf integriert und nicht auf fortschreitendes Wachstum und den möglichst schnellen Verschleiss ihrer Produkte programmiert werden. Der Planet Erde ist kein "offenes System", er ist begrenzt; grenzenloses Wachstum ist eine tödliche Unmöglichkeit und doch ist es als Mechanismus in unser Wirtschaftssystem insbesondere in die Geldordnung eingebaut.
Erreicht werden kann dies unter anderem durch eine Neubestimmung des Geldes. Das Geld als öffentliches Tauschmittel und nicht als privates Macht-und Besitzmittel.
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks macht sich die Auffassung breit, die Wirtschaft wird von sogenannten Marktkräften gesteuert, als handele es sich um einen physikalischen Vorgang, in den man möglichst wenig eingreifen darf. Wie schon erwähnt ist es mit dem Geld das gleiche, es wird als eine unveränderliche Grösse angesehen, vergleichbar mit kg oder Meter.
Das muss als falscher Glaube entlarvt werden.
Danach ist der Eingriff auf Wirtschaft und Geldordnung erwünscht. Es gibt eine Reihe von diesbezüglichen Vorschlägen, die in die Utopiediskussion einbezogen werden sollten. Einschliesslich die sogenannte Bodenfrage, also die Frage: wem gehört die Erdoberfläche ?www.anarchie.de
Gleichheit? Gleichheit besteht darin, niemanden zu erniedrigen, zu benachteiligen und zu demütigen. Die Menschen sollten einander nicht einmal durch den Schatten irgendeiner äußerlichen, formalen Überlegenheit kränken. Weiter impliziert Gleichheit, niemanden das Recht auf ein materiell gesichertes und würdiges Dasein streitig zu machen. Gegen das Prinzip der Gleichheit zu verstoßen bedeutet Macht über andere Menschen ausüben, sei es direkt durch politische oder sonstige Ämter oder indirekt durch den Besitz von Dingen. Gleichheit, wie wir sie begreifen, bedeutet, die von der Natur bedingte Ungleichheit durch die Gesellschaft auszugleichen. Gleicheit hat wenig mit einer von oben verordneten Gleichmacherei, aber viel mit Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit zu tun. Eine Freiheit, die diese berechtigten Forderungen ausklammert, ist eine abstrakte, fiktive und letzendlich verlogene Freiheit. Denn wie frei sind eigentlich Menschen, die zwar ihre politischen Vertreter wählen können, aber trotzdem hungern und frieren? Welchen Wert hat Konsumfreiheit, wenn man nicht das Geld hat, um das zu erwerben was man zum Leben braucht? Und was bedeuten die mit allen möglichen Waren gefüllten Schaufenster und Regale für die Parias und Entrechteten, die keinen Cent in der Tasche haben? Und was die Werbung die zum Einkauf solcher Waren auffordert? Ein Hohn? Dort, wo das gesellschaftliche und private Vermögen einer kleinen Minderheit gehört, ist Freiheit vor allem Freiheit der Reichen zur Unterdrückung der Armen.
Freiheit erreicht man in erster Linie nur, mit sozialer Verantwortung, Solidarität und Mitmenschlichkeit. Eine Freiheit, die sich dieses moralischen Imperativs glatt entledigt und keine Augen für die Bedürfnisse der Benachteiligten und der in Not geratenen Menschen hat, ist keine wahre Freiheit, sondern eine Variante der Rücksichtslosigkeit. Ein Reich des Egoismus und des Materialsimus, in dem der Wert des Einzelnen durch die Höhe seines Bankkontos gemessen wird. Freilich: Damit kann man vielleicht die Habgier und andere niedrige Triebe des Menschen befriedigen, aber langfristig keine wirkliche freie und rationale Gesellschaftsordnung aufbauen, wie schon jetzt der besorgniserregende Zustand der Welt ahnen läßt. Daß es noch schlimmer werden kann, läßt sich unschwer voraussehen. Heleno Sana

"Die Welt ein Traum" Rafael Capurro Einleitung I. Reise in das Land der Phosphoren II. Cyberspace von seinen Wurzeln her III. Der Himmel auf Erden Schluß: Strategien der Weltflucht 
Hier geht es um die Philosophie von Bertolt Brecht! sammelpunkt.philo.at:8080/79/1/brechti.htm Bertold Brecht Den Nachgeborenen Ich gestehe es: Ich habe keine Hoffnung. Die Blinden reden von einem Ausweg. Ich sehe. Wenn die Irrtümer verbraucht sind Sitzt als letzter Gesellschafter Uns das Nichts gegenüber. (Berthold Brecht, dt. Schriftsteller, 1898-1956)
Bertolt Brecht, Dichter (1898-1956)
Michel Foucault ist für mich deshalb so bewundernswert, weil... - er die Aufmerksamkeit auf Dinge lenkt, die uns als „natürlich“ und „normal“ erscheinen und ihren Konstrukt-Charakter schon völlig verloren haben - er uns erklärt, daß man eine zugeschriebene Identität nicht als „Schicksal“ akzeptieren muß - er metaphysisches Denken aus seiner Philosophie verbannt - er herkömmliche Sichtweisen verkehrt, auf den Kopf stellt, hinterfragt und dadurch vollkommen neue Perspektiven eröffnet - seine Philosophie keinen Zustand des „vollkommenen Glücks“, keine vorgefertigten „Lösungen“ verspricht und somit realistischer ist - seine Bücher wunderbar geschrieben und spannend zu lesen sind - er den Blick zunächst auf das Alltägliche und kleine Strukturen richtet, um daraus globalere Zusammenhänge zu begreifen - er sich dafür einsetzt, daß die Ausgeschlossenen eine Stimme bekommen (z. B. die Individuen, welche nicht durch eine große Lobby oder Institutionen „repräsentiert“ werden) - seine Analysen einen wichtigen theoretischen Beitrag für die Queer-Bewegung, neue soziale Bewegungen und nicht-organisierten (z. B. anarchistischen) Widerstand leisten - er uns durch seine historischen Analysen einen kritischen Blick auf die Gegenwart ermöglicht - den Mut hatte, Sackgassen seines Denkens zu verlassen, geplante Projekte zu verwerfen, um neue Pfade zu finden Marc Jäger 
Links zur Philosophie: » Tagebuch fürs Wesentliche Diskussionsforum zur Diskussion der wesentlichen Bereiche der b?rgerlicher Kultur und ihrer Politik.Philosophische Büchereiwww.sterneck.net  DIE KOMPLIZENSCHAFT MIT GOTT Jean Baudrillard über Amerika, Terrorismus und das Ungleichgewicht des Schreckens Der französische Philosoph Jean Baudrillard über Amerika, das Wesen des Terrorismus und das Ungleichgewicht des Schreckens Aus der Rede von Sir Karl R. Popper: "Die zynische Geschichtsauffassung sagt, daß es - in der Geschichte, wie auch überhaupt - immer nur die Gier ist, die regiert: die Habsucht, die Geldgier, das Gold, das Öl, die Macht. So war es, sagt der Zyniker, und so wird es wohl immer sein; es ist so in der Despotie, und in der Demokratie ist es nicht viel anders - nur daß in der Demokratie die Heuchelei womöglich noch ärger ist. Ich halte diese Lehre nicht nur für falsch, sondern auch für unverantwortlich, gerade weil ein gewisse Plausibilität für sie zu sprechen scheint. Und ich halte es für eine dringende Aufgabe, sie zu bekämpfen." "Ich bin Optimist, der nichts über die Zukunft weiß, und der daher keine Voraussagen macht. Ich behaupte, daß wir einen ganz schwarfen Schnitt machen müssen zwischen der Gegenwart, die wir beurteilen können und sollen, und der Zukunft, die weit offen ist und von uns beeinflußt werden kann. Wir haben deshalb die moralische Pflicht, der Zukunft ganz anders gegenüber zu stehen, als wenn sie etwa eine Verlängerung der Vergangenheit und Gegenwart wäre. Die offene Zukunft enthält unabsehbare und moralisch gänzlich verschiedene Möglichkeiten.""Ich muß die Hauptpunkte meines Optimismus sofort näher erklären: 1. Ich wiederhole noch einmal: Mein Optimismus bezieht sich ausschließlich auf die Gegenwart und nicht auf die Zukunft. Ich glaube nicht, daß es so etwas gibt wie ein Gesetz des Fortschritts. Es gibt das nicht einmal in der Wissenschaft; auch nicht in der Technik. Der Fortschritt kann nicht einmal als wahrscheinlich bezeichnet werden. 2. Ich behaupte, daß wir im Westen gegenwärtig in der besten sozialen Welt leben, die es je gegeben hat - und zwar trotz des Hochverrates der meisten Intellektuellen, die eine neue Religion verkünden, eine pessimistische Religion, dergemäß wir in einer moralischen Hölle leben und an physischer und moralischer Verschmutzung zugrundegehen. 3. Ich behaupte, daß diese pessimistische Religion nicht nur eine krasse Lüge ist, sondern daß es nie vorher eine Gesellschaft gegeben hat, die so reformfreudig war wie unsere ... 4. Diese Reformfreudigkeit ist das Resultat einer neuen ethischen Opferbereitschaft, ..." "Was die Zukunft betrifft, so sollen wir also nicht versuchen zu prophezeihen, sondern nur versuchen, moralisch und verantwortlich zu handeln. Das macht es aber zur Pflicht, daß wir lernen, die Gegenwart richtig zu sehen und nicht durch die farbige Brille einer Ideologie. ... Die politische Freiheit - Freiheit von Despotie - ist der wichtigste aller politischen Werte. Und wir müssen immer bereit sein, für die politische Freiheit zu kämpfen. Die Freiheit kann immer verloren werden. Wir dürfen nie die Händen in den Schoß legen im Bewußtsein, daß sie gesichert ist." "Die politische Freiheit ist eine Voraussetzung unserer persönlichen Verantwortlichkeit, unserer Menschlichkeit: Jeder Versuch, einen Schritt zu einer besseren Welt zu machen, zu einer besseren Zukunft, muß von dem Grundwert der Freiheit geleitet sein."  Jean Baudrillard - Das perfekte Verbrechen "Das Perfekte Verbrechen" - das ist ein wenig ein Anklang an Nietzsches berühmten Satz vom Tod Gottes. Nur geht es nicht mehr um den Tod Gottes, sondern um die Ermordung der Realität. Genaugenommen handelt es sich nicht einmal mehr um Ermordung (mit der symbolischen Kraft des Mordes), sondern eher um Extermination, um Vernichtung. Denn die Ermordung Gottes hinterläßt Spuren (wir leben noch immer im Schatten dieses Urverbrechens), wohingegen die Vernichtung keinerlei Spuren hinterläßt, nicht einmal einen Leichnam. Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten. Und wir sind an einen Punkt gelangt, an dem die Frage nach dem Realen, nach dem Referentiellen, nach dem Subjekt, nach der Freiheit nicht einmal mehr gestellt werden kann. Es handelt sich also tatsächlich um eine Endlösung - nicht mehr um die physische der Vernichtungslager, sondern um die wörtliche und metaphorische einer gesamten Kultur, die (wie der Begriff Extermination schon sagt: exterminis) ihr eigenes Ende, ihren eigenen Tod, ihre eigene Realität bereits überschritten hat. Dies verweist auf die Hypothese von Elias Canetti, "daß von einem bestimmten Zeitpunkte ab die Geschichte nicht mehr wirklich war. Ohne es zu merken, hätte die Menschheit insgesamt die Wirklichkeit plötzlich verlassen; alles was seither geschehen sei, wäre gar nicht wahr; wir könnten es aber nicht merken. Unsere Aufgabe sei es nun, diesen Punkt zu finden, und solange wir ihn nicht hätten, müssten wir in der jetzigen Zerstörung verharren." Was ist zu diesem blinden Fleck zu sagen, zu dem Punkt, an dem alles kippt, an dem nichts mehr wahr oder falsch ist und alles in der Ununterscheidbarkeit von Anfang und Ende versinkt? Kann man die Dinge dort wieder aufnehmen, wo sie stehen geblieben sind, dort wo der Faden gerissen ist und wir auf die andere Seite des Spiegels geschleudert wurden? Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt, Rationalität. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. Das ist das perfekte Verbrechen. Doch mit dieser Aussage greife ich schon ein wenig vor, denn diese verbrecherische Perfektion könnte nur erreicht werden, wenn der Virtualisierungsprozeß der Welt bereits abgeschlossen wäre. Soweit sind wir -noch nicht, und wie im Kriminalroman ist das Verbrechen niemals perfekt. Unsere Situation ist eher die, wie sie Borges in seiner Fabel von Landkarte und Territorium beschrieben hat. Borges sieht Fetzen der Karte auf der Fläche des Territoriums vermodern. Doch in unserem Fall wäre es eher umgekehrt: Auf der Fläche der Karte, der virtuellen Abstraktion des Territoriums, treiben nur noch ein paar Fetzen des Realen. Und der Mörder in diesem "perfekten Verbrechen"? Nun, diesbezüglich stehen wir vor einem kriminellen Rätsel. Zu diesem ganzen Unternehmen der uneingeschränkten Aktualisierung der Welt, der Hyperrealisierung der Realität als Kennzeichen des virtuellen Zeitalters, findet sich kein Schuldiger - keine Klasse, keine Gruppe, kein Subjekt kann dafür verantwortlich gemacht werden. Dieser augenscheinlich irreversible Prozeß ist im Grunde der des Fortschritts und der Rationalisierung derDinge, nur ist er exponentiell und sozusagen chaotisch geworden, ja sogar zu einer Art Schicksal, in der die Gattung Mensch sich, wie es scheint, die Ecriture automatique der Welt zum Ziel gesetzt hat und damit ihr Verschwinden als solche. In dieser automatisierten virtuellen Realität verschwindet das Subjekt jedenfalls ganz und gar. Durch nichts wird die Existenz eines Subjekts länger gerechtfertigt, und ebenso wie der Sexus bei der Klonierung wird es in gewisser Weise zur nutzlosen Funktion. Subjektfunktion, sexuelle Funktion, kritische Funktion, moralische Funktion, politische Funktion, die Herrschaft des Virtuellen macht all diese Funktionen nutzlos. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß das Gesagte nur in der Vorwegnahme eines Systems gilt, das an seine Grenzen gelangt. Diese Virtualität scheint jedoch irreversibel. Treibt uns nicht jüngst durch Internet und Datenautobahnen ein unwiderstehlicher kollektiver Zwang zur uneingeschränkten Realisierung all unserer Möglichkeiten, zum Ausschöpfen all unserer Energien? Wir sind gefangen in einem gigantischen Countdown, dessen Zweckbestimmtheit wir nicht kennen, weil wir bereits über das Ziel hinausgeschossen sind. Wir befinden uns im Zeitalter der extremen Phänomene: Nachdem sie den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, den "dead point" einmal überschritten haben, wird ihre Entwicklung exponentiell und nimmt katastrophale Formen an. Von linearem Verlauf kann keine Rede mehr sein. Alles wird in einen Wirbel hineingezogen, der jede Beherrschung unmöglich macht - um so mehr, als in einer Welt wie der unseren, in der das Bestreben herrscht, alles sichtbar zu machen, nichts mehr vorhersehbar ist. Aber gerade zu dieser Sichtbarkeit, zu dieser absoluten Transparenz alles Realen tragen die virtuellen Prozesse bei. Ebenso wie zur Unmittelbarkeit und zur Augenblicklichkeit - etwa die Gleichzeitigkeit der weltweiten Information. Diese Gleichzeitigkeit aller Orte, aller in einem einzigen Augenblick zusammengefassten Zeitpunkte, hat etwas von einem "perfektem Verbrechen", dessen Opfer die Zeit ist. Die Echtzeit, das ist die "plus-quam-perfekte" Zeit, also ohne Erinnerung und ohne Zukunft. [Seien wir ganz klar:] Wenn das Reale verschwindet, bedeutet das nicht, dass es uns daran mangelt, ganz im Gegenteil. Es gibt zu viel vom Realen, alles wird real, und gerade dieses Übermass an Realität setzt der Realität ein Ende, wie auch das Übermass an Information der Information ein Ende setzt, wie auch das Übermass an Kommunikation die Kommunikation zum Scheitern bringt. Wir befinden uns durchaus nicht mehr in einer Problematik des Mangels und der Entfremdung, in der das Subjekt doch stets seinen Platz fand, in der die Dramaturgie von Subjekt und Objekt offen blieb. Selbst im Herzen des Simulakrums und der Simulation gibt es noch das Gegenbild des Realen und des Referentiellen,,de,r,Inszenierung, und damit die Möglichkeit einer Befreiung von der Entfremdung, die Möglichkeit für das Subjekt, seine Souveränität zurückzuerobern. Diese radikale Kritik war die der Situationisten, doch heute sind wir, wie ich glaube, in eine andere Welt gelangt. In eine Welt, in der alles - weit davon entfernt, entfremdet zu sein - unerbittlich realisiert ist, eine Welt, in der alles, was Traum war, Gedanke, Begriff, Phantasiebild, Utopie, imaginäre Projektion, in der all das unmittelbar operationalisiert, virtuell realisiert ist oder wird. Man wird nicht einmal mehr die Zeit haben, es sich vorzustellen, das Ereignis wird nicht einmal mehr die Zeit haben stattzufinden. Jede Negativität, jede gegensätzliche Realität wird ausgemerzt, selbst die Entfremdung wird ausgemerzt, zugunsten einer durch und durch positiven Welt, gesäubert von jeder Illusion, von jeder Negativität, frei sogar vom Tod. Diese reine, absolute Realität ist das, was ich das "perfekte Verbrechen" nenne. [Wie kann dieser Sprung in die virtuelle Realität besser beschrieben werden als mit ein Übergang von der Krise in die der Katastrophe? Krise bedeutetete immer ein gewisses Mass an Spannungen, Gegensätzen, Konflikten, also an Realem, und die Moderne hatte schon immer ein krisenhaftes Verhältnis zum Realen und zur Welt. Doch inzwischen sind wir nicht mehr in der Krise, sondern wir sind in einen katastrophalen Prozess eingetreten, nicht im Sinne einer materiellen Apokalypse, sondern im Sinne einer Entgleisung aller Spielregeln. Die Katastrophe ist das Hereinbrechen von etwas, das nicht mehr nach] den Regeln funktioniert, oder aber nach Regeln, die wir noch nicht kennen. Darin ist nichts gerade widersprüchlich oder irrational - alles ist aber durchaus paradox Jenseits des Endes, jenseits jeder Finalität anzugelangen bedeutet, in einen paradoxen Zustand zu geraten, in den der extremen Phänomene (das Übermass an Realität, das Übermass an Positivität, das Übermass an Ereignissen, das Übermass an Wahrheit etc), ein Zustand, in dem wir nicht mehr einschätzen können, was geschieht. In jedem Fall ist es zu spät, um sich mit einer Rehabilitierung des "Realen" und der daiit verbundenen traditionellen Werte zufriedenzugeben. Also mögen wir uns lieber auf das Spiel der irreversiblen Prozesse einlassen, auf das Spiel des Verschwindens, vorausgesetzt wir entdecken die Kunst des Verschwindens, also eine Art neue Spielregel, wodurch die Gattung Mensch endlich vollen Anteil an der Inszenierung ihres eigenen Verschwindens nehmen würde, statt der blossen Vernichtung ausgeliefert zu sein. Um diesem paradoxen Zustand der Dinge gerecht zu werden, brauchen wir ein paradoxes Denken, das nicht mehr irgendeinem Grundsatz der Wahrheit, der Kausalität, der normalen Diskursivität gehorcht, sondern die poetischen Einzigartigkeiten der Ereignisse in Rechnung nimmt und dessen Bestätigung grundlegend unmöglich ist. In diesem Sinne wird es zum radikalen Denken. Im Allgemeinen hält man es für die grösste Schwierigkeit, die Protokolle zu Versuchen und Prüfungen zu erstellen. Doch im Gegenteil: das grösste Problem liegt darin, sich so lange als möglich im rätselhaften Bereich des Denkens zu bewegen, im unlösbaren oder reversiblen Bereich der Hypothesen. Wir befinden uns nicht mehr in einem Universum der Lösung, des Sinns und der Wahrheit, sondern in dem einer endgültigen Unlösbarkeit, aufgrund des hartnäckigen, beharrlichen Widerstands der Ereignisse und der Sprache selbst gegen Sinn-und Interpretation. Nehmen wir die Sprache, die es sich zum Ziel setzt, zu bezeichnen, das Reale im Zeichen festzuschreiben. Nun, diese Sprache wird heute durch die numerischen, äußerst formalen Sprachen bedroht, die vom Trugbild einer transparenten und immer währenden Kommunikation getragen werden, und die sich gegen den Bilderreichtum der "natürlichen" Sprachen durchsetzen. Mit dem Binären und dem Digitalen werden gerade die Substanz der Sprache und ihre Komplexität ausgemerzt - als Sprache kann man das kaum noch bezeichnen. An der äussersten Grenze der völligen Berechnung, der völligen Kodierung des Denkens, wird die Sprache selbst zur nutzlosen Funktion. Erstmalig in der Geschichte liegt die Möglichkeit eines perfekten Verbrechens an der Sprache und des Verschwindens ihrer symbolischen Funktion vorhanden. Doch a contrario ist zu sagen: Was dieser destruktiven Virtualisierung am nachhaltigsten widersteht, sind gerade die Sprachen in ihrer Einzigartigkeit, in ihrer Unvergleichbarkeit. Eben weil sie nicht aufeinander zurückzuführen sind, sind sie nicht auf die Globalesprache und das Globaledenken zurückzuführen. In diesem Sinn sind die Würfel also noch nicht gefallen. Doch niemand kann vorhersehen, wer das letzte Wort haben wird. Wenn wir die Hyoothese auf tellen, dass es neben der Welt keinen Platz für ihr Abbild, so kann niemand vorhersehen, wer sich durchsetzen wird, die reale Welt oder ihre völlige Substitution durch das Virtuelle, was nichts anderes bedeutet als das Ende dieser Welt. Arthur Clarke erzählt von den Mönchen im tiefsten Tibet, deren Aufgabe es ist, die neun Milliarden Namen Gottes zu deklinieren, woraufhin die Welt zu Ende gehen soll. Die Mönche verzweifeln vor dieser Aufgabe und rufen die Techniker von I.B.M. zu Hilfe, die mit ihren Computern die Arbeit in ein paar Monaten erledigen. Natürlich glauben die Techniker keinen Augenblick an die Prophezeiung. Doch als sie nach getaner Arbeit den Abstieg aus den Bergen beginnen, sehen sie die Sterne am Firmament einen nach dem anderen erlöschen... Sind wir nicht in ein ähnliches Unternehmen der Ecriture automatique der Welt verwickelt, in die Erfindung eines artifiziellen Klones der Welt, das der Welt ein Ende setzen würde? Nun komme ich zum Kernpunkt: zur Illusion. Denn in allem bisher Gesagten verbarg sich eine Falle, und hinter der Vernichtung des Realen verbarg sich etwas weitaus Schlimmeres: die endgültige Beseitigung der Illusion. Darin besteht das eigentliche Verbrechen. Denn das Reale haben wir selbst erfunden, und dem, was man selbst erfunden hat, darf man schliesslich auch ein Ende setzen. Die Illusion hingegen, die radikale Illusion ist die der Welt und nicht unsere. Es ist die objektive Illusion und der objektive Zauber der Erscheinungen der Welt, die radikale Illusion, die unserer Macht nicht untersteht. Doch leider steht es in unserer Macht, sie zu vertilgen, dem gesamten Zyklus der Formen und Metamorphosen Einhalt zu gebieten, dem gesamten Spiel von Abwesenheit und Geheimnis, all den dualen und komplexen Bezügen, deren Regelhaftigkeit wir nicht einmal durchschauen, um all dies durch eine völlige Identifikation der Welt mit sich selbst zu ersetzen, durch eine exakte und artifizielle, vollkommen operationale Welt - eine perfekte Welt, eine Welt ohne Illusion, also eine Welt der völligen Desillusionierung. Man muss sich ganz klar machen, was unter dem Begriff der Illusion zu verstehen ist, denn ein anderer steht uns nicht zur Verfügung. Hier ist nicht die Illusion im konventionellen, mißbräuchlichen Wortsinn gemeint, die subjektive Illusion, gleichbedeutend mit Irrationalem, Täuschung und Trugbild, die oft mit dem Bösen und der Magie gleichgesetzt wird und durch Vernunft korrigiert werden muß. Die radikale Illusion dagegen besteht in der grundsätzlichen Nicht-Identifikation der Dinge mit sich selbst, in ihrem Abstand und ihrer Abwesenheit, in ihrer Konflikthaftigkeit, in ihrer inneren Spaltung. Trennung, die jede Beziehung des Selben zum Selben verarbeitet. Und was für die Dinge gilt, gilt auch für uns: Nichts ist jemals mit sich selbst identisch, wir selbst aber sind auch mit uns selbst identisch, ausgenommen im Schlaf und im Tod. Auch die Sprache bedeutet niemals das, was sie sagen will. Sie bedeutet immer etwas anderes oder gar nichts, aufgrund dieses Abstands von sich selbst, der auch der unsere ist - und gerade diese endgültige Alterität oder Andersheit ist es, die der Reduzierung des Selben auf das Selbe und der Systematisierung worin das Wesen des "perfekten Verbrechens" besteht, entgegenarbeitet. Was jede Reduzierung der Singularität und Vielgestaltigkeit auf das Identische verhindert, ist gerade die Illusion, nämlich jene, die den Dingen selbst innewohnt und nicht dem Bewusstsein des Subjekts. Es ist die "vitale Illusion", von der Nietzsche spricht. Denn die gesamte Lebensenergie entspringt der Tatsache, dass nichts mit sich selbst identisch ist und dass wir niemals mit uns selbst identisch sein werden. Wenn es nur das Selbe gäbe, befänden wir uns mitten in der Realität, in einer integralen Realität und einer uneingeschränkten Offensichtlichkeit der Dinge, das heisst in der absoluten Wahrheit - eine andere Bezeichnung für den Tod. Dies scheint glücklich rweise unmöglich zu sein. Ich kann mir kein System, kein Wertgebäude vorstellen, dem es gelingen könnte, diese grossartige materielle und lebenswichtige Illusion durch einen Effekt unbedingter Wahrheit zu kompensieren. Diese materielle Illusion, die also in der physikalischen Ordnung des Universums festgeschrieben ist, verdeutlicht sich uns am Licht der Sterne. Bekanntlich erreicht es uns erst nach langer Zeit, manchmal sogar, wenn der Stern bereits erloschen ist. Diese unausweichliche Verschiebung, dieser Abstand zwischen dem Stern und unserer Lichtwahrnehmung, diese Nicht-Gleichzeitigkeit, genau das ist ein Kern der objektiven und materiellen Illusion der Welt. Und dass sie besteht, ist ein Glück. Denn wenn wir das Licht aller Sterne augenblicklich und gleichzeitig wahrnehmen würden, entspräche das einem immerwährenden Tag, und ohne die Abfolge von Tag und Nacht wäre unser Dasein unerträglich. Diese Hypothese eines unausweichlichen Abstands gilt für alle Dinge, auch in unserem irdischen Mikrokosmos von Gegenständen und Lebewesen. Weder Gegenstände noch Wesen sind einander exakt gegenwärtig und einander damit auch nicht wirklich real. Also ist die Illusion allgegenwärtig. Sie ist die Spielregel des Universums. Aus der kosmologischen Hypothese des Urknalls und der Entstehung des Universums lässt sich ein weiteres Argument ableiten. Auf den Urknall folgt eine kosmische Abkühlung, aus der die Materie geboren wird. Doch diese ursprüngliche Materialisierung ist die von Materie und Antimaterie zugleich, in vollkommener Symmetrie. Erst später, durch einen Symmetriebruch, trennt sich die Materie von der Antimaterie, um die Welt zu erzeugen, in der wir leben. Also ist die Materialität unserer Welt eine beschränkte, einseitige Materialität, gesäubert von ihrer Antimaterie - und gerade diese eingeschränkte Form der Materie nennen wir die "objektive" Realität. Ich finde es spannend, rätselhaft und auch voller Ironie, zu erkennen, dass unsere Realität nicht der eigentliche Ausgangszustand ist, sondern das Ergebnis einer Vereinfachung, einer radikalen Reduzierung des Kosmos selbst. Wenn der objektive Status unserer "materiellen" Realität auf der Amputation seiner anderen "Hälfte" beruht, dann darf man wohl behaupten, unsere Welt ist eine endgültige Illusion. Im Gegensatz zu dieser "realistischen" Definition verstehe ich unter Illusion jenen für uns irrealen Bereich der Antimaterie, deren Macht so gross ist, dass sich, käme sie mit der Materie in Berührung, alles in großartiger Annihilation und absoluter Strahlung auflösen würde. So weit sind wir noch nicht, und doch kreist die gesamte Astrophysik um diesen unsichtbaren Nebel, von dem wir so gut wie nichts wissen - und um diese unfassbare Illusion, um diese unfassbare Abwesenheit kreisen vielleicht auch unser sogenanntes "reales" Universum, unsere Ereignisse, unsere Beziehungen, unsere Geschichte, stets beherrscht vom fatalen Bevorstehen ihrer Rückmutation. Denn, noch einmal: Wenn es das paradoxe Ergebnis dieses Symmetriebruchs ist, dass unser heutiges Universum in seiner eingeschränkten Materialität präzisen physikalischen Gesetzen gehorcht, dann lastet auf dieser Rationalität aufgrund der Ausklammerung der Antimaterie völlige Ungewissheit - die andere fatale Konsequenz daraus ist, daß unsere Materie, von ihrer Antimaterie "befreit", folglich dem zweiten Prinzip der Thermodynamik unterworfen ist, mit anderen Worten der Involution und der entropischen Regression. Das Wichtigste wäre es also, unsere Hypothesen über die Realität aus den Angeln zu heben und sie auf gesamtheitlicher Ebene neu zu entfalten, auf der sie unsere Grundsätze von Materialität, Realität und Rationalität radikal matt setzen würden. Das bedeutet im Grunde, die Spuren der Illusion wiederfinden, die Überreste eines Verbrechens, das schon im Urstadium verübt wurde: durch die Ausweisung der Antimaterie - metaphorisch gesprochen die Ablehnung des Bösen, der Negativität und des Todes zugunsten einer wahren, positiven und rationalen Welt, einer perfekten Welt, die das Urverbrechen in der Endlösung vollendet. Doch sind wir bereit, uns auf das paradoxe, katastrophale und ironische Spiel einzulassen, das uns diese objektive Illusion der Welt anzutragen scheint? Dies bedeutet nicht nur einen chaotischen Rückschritt des Realitätsprinzips, sondern auch mit dem Wissensprinzips. Dieses setzt nämlich eine Dialektik von Subjekt und Objekt voraus, ein Darstellungssystem, dessen Herr das Subjekt ist, er hat es nämlich selbst erfunden und versucht weiterhin die Welt dank konventionellen Spielregeln zu beherrschen. All dies setzt eine Vormachtstellung des Subjekts und einen entsprechend minderwertigen Status des Objekts voraus, das wissenschaftliche Objekt eingeschossen. Doch kaum ändern sich die Spielregeln oder werden schlechthin /ungewiss, schon ist das Objekt nicht mehr dekodierbar, nicht mehr wägbar mit unseren griffen, und schon wird das Wissen metaphysisch unmöglich - denn es beherrscht weder die Erscheinungen noch die Illusionen. Und diese Unmöglichkeit gilt nicht nur auf metaphysischer Ebene. Schon stehen die Wissenschaften im mikrophysikalen Bereich vor der Unmöglichkeit, dem Objekt einen definierten Status zuzuweisen. Das Objekt ist nicht mehr, was es einmal war. Es entzieht sich in allen Bereichen. Es erscheint nur noch in Form zufälliger und kurzlebiger Spuren auf den Bildschirmen der Virtualisierung. An der Spitze ihrer experimentellen Methodik, können die genausten Wissenschaften nur noch sein Verschwinden bestätigen. Dabei handelt es sich um eine Art List und ironische Vergeltung des Objekts, um ein Spiel, um eine Dispersionsstrategie - das Objekt treibt schliesslich mit den Messprotokollen des Subjekts sein Spiel, so dass dieses sogar seine Position als Subjekt verliert. Das ist das Ende jeder "objektiven" Dialektik, das Ende der traditionellen Dimension des Wissens. Bis vor kurzem hat die Wissenschaft im Grunde nichts anderes geleistet, als unter der Prämisse der möglichen Entzifferung der Welt ein beruhigendes Schema zu fabrizieren. Und zwar hat sie es ermöglicht, die Welt, die Atome, die Moleküle, die Teilchen, die Viren etc. zu "entdecken". Doch ,niemals ist die Hypothese aufgestellt worden, dass die Dinge, indem wir sie entdecken, zugleich uns entdecken, und dass dieses Entdecken eine Art dualer und reversibler Beziehung birgt. Das liegt daran, dass wir das Objekt nicht in seiner Alterität und in seiner Einzigartigkeit wahrnehmen. Wir glauben, die Dinge seien einfach da, passiv darauf wartend, entdeckt zu werden, etwa wie Amerika durch die Spanier - doch so ist es nicht. Wenn das Subjekt das Objekt entdeckt - seien es Viren oder primitive Gesellschaftsformen - vollzieht sich die umgekehrte und niemals harmlose Entdeckung des Subjekts durch das Objekt. Unsere Sicht von Entdeckung und Wissen ist einseitig, und immer in derselben Richtung. Doch zum Glück, oder zu unserem Unglück, gibt es Flammenrückschläge, in Gestalt äusserst beeindruckender Rückmutationen auf wissenschaftlicher, anthropologischer, pathologischer Ebene. Es scheint als hätten wir das Objekt aus seiner undurchsichtigen und harmlosen Ruhe gerissen, aus seiner Indifferenz, geborgen. Vor unseren Augen erwacht heute das Rätsel der Welt, zu mehr Kampf entschlossen, um sein Geheimnis zu wahren. Das Wissen ist ein Duell, und dieses erbitterte Duell zwischen Subjekt und Objekt führt dazu, dass das Subjekt seine zentrale und überlegene Stellung verliert - wobei das Objekt selbst für das Subjekt zum Horizont des Verschwindens wird. Es ist offensichtlich, daß diese neue Dramaturgie der klassischen Wissenstheorie entgegensteht. Die Realität selbst, die reale Welt, so wie wir sie domestiziert haben, stellt uns vor Probleme. Denn letztendlich verlieren die Information, die Tatsachen, die Ereignisse für uns ihren Gehalt. Die gefügige, übergefügige Realität beugt sich jeder Hypothese, bestätigt sie alle gleichermassen - so wie ein Terrorakt heute sowohl jedem beliebigen Menschen angelastet oder von allen gefordert werden oder rein zufällig sein kann. Es scheint, als sei der gegen jede Wahrheit indifferenten Realität das Wissen, das man aus ihrer Beobachtung und Analyse ableiten kann, völlig gleichgültig. All das ist ihr nur eine oberflächliche und vorläufige "Unvernunft" (im Heideggerschen Sinn). Die Realität selbst ist zur Simulantin geworden und verweist uns auf ihre grundsätzliche Unbegreiflichkeit, die nichts Romantisches oder Mystisches an sich hat, sondern eher in den Bereich des Ironischen gehört. Die Realität selbst ist zum Grenzphänomen geworden, welches das paroxystische Stadium erreicht hat und von selbst ins parodistische Stadium kippt - Ironie und Selbstparodie das letzte Aufblitzen, das uns die Realität sendet, bevor sie verschwindet, der letzte Wink, den uns das Objekt aus der Tiefe seines Geheimnisses heraus sendet. Auch hier handelt es sich nicht um die subjektive, kritische und romantische Ironie, sondern um eine objektive Ironie, verbunden mit der Ungewissheit, mit der Instabilität und der Reversibilität der Phänomene, mit dem vorwegnehmen der Wirkungen vor den Ursachen, mit dem Bruch jeder linearen Kausalität zugunsten von Kreisprozessen, von Sinnverkehrung, von abartigen Ereignissen, von ironischen Umkehrungen. Allgemeine Entgleisung, die das Werk des Systems selbst ist. Ein Übermass an Kompliziertheit und Perfektion führt schliesslich jedes System zur Selbstzerstörung durch Implosion. Die Übersättigung (an Realität, an Information, an Macht) führt zu einem Effekt der automatischen Rückmutation - gerechte Vergeltung der Ecriture automatique der Welt durch das System selbst. Dies wird durchaus nicht durch ein kritisches Subjekt bewirkt, das es zu umstützen oder zersetzen vermöchte. Diese These stammt noch aus einer Zeit, in der man es für möglich hielt, das Leben durch einen Fortschritt hin zu einer objektiven Realität des Sozialen, des Begehrens etc. zu verändern - das nannte man Revolution. Heute ist diese Sichtweise überholt. Wir haben es mit einem Prozess der Vollendung der Realität zu tun, der Überrealisierung und der Rückentwicklung: Nicht mehr das Subjekt revolutioniert das System, sondern das System bricht in sich zusammen und bewirkt seine eigene Zerstörung. Dies ist die "objektive Ironie". Das ist as Ende der messianischen Hoffnungen, doch uns bleibt jene Chance, die eine Art Schicksal der Systeme ist: Je mehr sie sich ihrer eigenen Perfektion annähern, desto mehr werden sie sich selbst vernichten. Diese Logik sieht man in der materiellen Produktion ebenso wirken wie in der Information, in ökonomischen oder politischen Strukturen. In den wissenschaftlichen Systemen erfindet das Objekt, je mehr es durch die experimentellen Verfahren in die Enge getrieben wird, um so mehr Strategien des Gegenangriffs, des Ausweichens, der Vergeltung. Als würde das Universum seinen eigenen Gesetzen zuwiderhandeln. Ein Zuwiderhandeln, das nicht moralischer Natur ist, wie wenn wir unseren menschlichen Gesetzen zuwiderhandeln, sondern paradox und ironisch, übernatürlich. Es ist, als würde uns etwas unwiderruflich entgehen. Ich sage unwiderruflich, weil es nicht mit dem relativen Voranschreiten unserer Wissenschaften verbunden ist, von denen man hoffen könnte, dass sie das, was ihnen entgeht, eines Tages schliesslich beherrschen werden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Je weiter sie voranschreiten, desto mehr entzieht sich das Objekt und wird schliesslich völlig unlösbar. Und es bleibt uns nicht einmal mehr die Frage, wohin es entschwunden ist. Das Objekt ist schlicht und einfach das, was dem Subjekt entgeht, das ist alles, was darüber zu sagen ist. So kann ich Ihnen kein Sekundenmass für die Dezimale der Planckschen Mauer nennen, jenseits derer es niemals irgendeine Erkenntnis über den Kosmos in seinen ersten Augenblicken geben kann; wir wissen, dass uns dies unwiderruflich verschlossen ist, weil selbst das Licht darin nicht existiert. Metaphorisch gesprochen gibt es ohne Zweifel ein analoges Geheimnis in jedem Gegenstand und jedem Lebewesen, das nichts mit irgendwelcher Transzendenz zu tun hat, sondern eben mit jener lebenswichtigen Illusion, von der wir gesprochen haben. Vom Standpunkt unseres Wissensapparates aus mag diese Feststellung niederschmetternd erscheinen und einen gewissen Pessimismus rechtfertigen, doch vom Standpunkt der Singularität, der Alterität, des Geheimnisses und der Verführung liegt darin im Gegenteil unsere einzige Chance. In dieser Hinsicht ist das "Perfekte Verbrechen" ein Buch von strahlendem Optimismus! Natürlich handelt es sich eher um einen tragischen Optimismus, wie er in Hölderlins Formel so gut zusammengefasst ist: "Wenn die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch". Übrigens müssten wir heute, da das Schicksal sich für uns in gewisser Weise umgekehrt hat, beinahe diese Formel umkehren und sagen: Wenn das Rettende wächst, wächst die Gefahr auch. Tatsächlich sind wir nicht mehr Opfer eines Übermasses an Schicksal, an Illusion und an Bedrohung, sondern Opfer einer Abwesenheit von Schicksal und eines Übermasses an Realität, an Sicherheit und an Effizienz so dass gerade das Übermass dessen, was uns rettet und schützt, heute mörderisch geworden ist. Darin liegt heute die Gefahr, in der Positivität, im bedingungslosen Heil durch die Technik. Doch gewiss steht dem etwas Unüberwindliches entgegen, und wir müssen als Anklang an den Satz von Hölderlin jenen zutiefst geheimnisvollen von Heidegger anführen: "Blicken wir in das zweideutige Wesen der Technik, dann erblicken wir die Konstellation, den Sternengang des Geheimnisses." Ein rätselhafter Aphorismus, denn er widerspricht Heideggers eigener Theorie über die Technik als Annektion und Wesensverlust - eine negative Ontologie, welche den gesamten Technizismus durchzieht, der (und das ist das "perfekte Verbrechen", von dem wir sprachen), zur endgültigen Beseitigung des Geheimnisses des Universums beiträgt, zur völligen Sichtbarkeit, zur absoluten Identifikation, mit anderen Worten zum Tod. Und dennoch schimmert durch diese Formel eine andere Hypothese: die einer übermächtigen Reversibilität, die sich letztendlich gegen den unerbittlichen Prozess der Desillusionierung durchsetzen würde. In dieser Hypothese gäbe es am äussersten Horizont der technischen Entwicklung etwas anderes, das Auftauchen einer anderen Spielregel. Der ironische Widerstand des Geheimnisses am Ende eines aussergewöhnlichen Anspruchs, es zu zerstören, zu eliminieren, zu vernichten. Letztlich ist die Technik vielleicht nur ein riesiger Umweg, der uns zur radikalen Illusion der Welt zurückführt - ein riesiger, von unserer Kultur erdacht Umweg, und damit ihre ureigenste Art und Weise des Auftauchens und des Verschwindens, an dessen Ende irgendein Ereignis möglich bleibt, doch davon wissen wir nichts. Wir wissen nichts von einem unvorhersehbaren Ereignis, das endlich jenseits der Metaphysik eintreten könnte und zu dem uns ironischerweise die Technik hinführen würde, in dem Masse gerade wo sie nach Heidegger die absolute Verwirklichung der Metaphysik ist. Wir haben keine Möglichkeit, zwischen den beiden Hypothesen zu wählen, die einander widersprechen und unvereinbar sind. Hier liegt also der Ort und der Kern allen radikalen Denkens, dessen Aufgabe angesichts einer Welt, die uns unbegreiflich gegeben worden ist, es sein muss, sie noch rätselhafter und unbegreiflicher zurückzugeben. Ich zitiere wieder Heleno Sana: Der Hyperindividualismus der Postmoderne geht einher mit dem Hass auf die universale Vernunft und auf die Kategorie der Totalität, vertritt einen rein ästhetischen "Pseudo-Anarchismus", der keinen kohärenten Ausweg aus der Sackgasse bietet, in der sich die Welt als Ganzes befindet. Heleno Sana ...oder wie Vittorio Hösle in seiner Abrechnung mit den Postmodernisten schreibt: "Die Kritik an den totalitären Momenten der eigenen Vergangenheit schlägt bei ihnen um in den vollkommenen politischen Indifferentismus, ja, in den offenen ethischen Nihilismus und Zynismus.
Die Kritik an der Moderne ist berechtigt. - Aber man darf nicht aus den Augen verlieren, dass alle Systeme, die, aus welchen Gründen auch immer, versucht haben, auf die Grundwerte der Moderne zu verzichten, kläglich gescheitert sind und einen Trümmerhaufen hinter sich gelassen haben, wie der Faschismus und zuletzt der bürokratische Sozialismus.)..
Politik ist der Entertainment - Zweig der Grossindustrie. (Frank Zappa)
Warum Selbstverwaltung? Weil dies das einzige Modell ist, das es schaffen kann, eine fruchtbare, repressionsfreie und sinnvolle Synthese zwischen den individuellen und den kollektiven Interessen herbeizuführen. Eine auf der Grundlage von Selbstverwaltung bestehende Gesellschaftsordnung würde in der Tat die harmonische Objektivierung zweier Grundtriebe des Menschen ermöglichen, die unter dem Kapitalismus sich in antithetischer Form artikulieren und einen unversöhnlichen Dualismus bilden: der Individual- und der Gesellschaftstrieb. Bild - Amnesty-International
Der Begriff Selbstverwaltung geht unter anderem von folgenden Prinzipien aus: a) Selbstbestimmung des Individuums sowohl als Einzelsubjekt wie als Sozialwesen; b) das Recht aller Menschen, an den kollektiven Belangen unter gleichberechtigten Bedingungen teilzunehmen; c) Solidarität als selbstverständliche Norm der zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen.. Modo negativo ausgedrückt: in einer auf dem Prinzip Selbstverwaltung organisierten Geselllschaft kann es keine Gesellschaftsgruppe oder Schicht geben bzw. kann keine solche entstehen, die in der Lage ist, sich zum Nachteil der anderen Gesellschaftsmitglieder Vorteile oder Privilegien zu verschaffen. ( Quelle - Heleno Sana) 
Selbstverwaltung, wie wir sie verstehen, ist nur ein anderer Name für direkte Demokratie oder Herrschaft des Volkes, wobei von Herrschaft im Zusammenhang mit einer selbstverwalteten Gesellschaft zu sprechen, ein Widerspruch in sich wäre. - Jedes Mal in der Tat, dass das Volk die Möglichkeit gehabt hat, frei zu handeln, hat es sich für die direkte Demokratie und das Rätesystem als Organisationsformen entschieden und gegen Zentralismus, Bürokratie, Elitenbildung, Hierarchisierung und andere Formen von vertikaler Bevormundung Stellung genommen.)
Flucht nach Innen Gerade, weil sich das Leben draußen als zunehmend ungeignet erweist, die Erfüllungssehnsüchte der Menschen zu befriedigen, ziehen sie sich immer mehr in ihren Innenraum zurück. Die Abgeschiedenheit zu suchen, muss im Prinzip nicht als negativ bewertet werden. Die Welt der Kultur in ihren verschiedenen Dimensionen hätte nicht entstehen können, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die stark oder verzweifelt genug waren, um sich vom gesellschaftlichen Betrieb zu entfernen und das Alleinsein zu wählen. Künstler, Philosophen, Literaten und Intellektuelle haben oft bewußt die Einsamkeit bevorzugt. Sie war dann Antriebskraft ihres Schaffensdrangs und ihrer schöpferischen Tätigkeit.
Aber das Eintauchen in den inneren Raum ist heute in erster Linie nicht durch das Bedürfnis nach poetischer Aktivität, Selbstläuterung oder geistiger Vervollkommnung bestimmmt, wie es in anderen Zivilisationsphasen häufig der Fall war, als das menschliche Dasein auf das engste mit moralischen und religiösen Kategorien zusammenhing. Der Drang nach Innen besteht heute im wesentlichen aus existentiellem Überdruss und seelischer Not. Mehr als Selbstbefreiung ist sie Zwangseinkerkerung und Flucht vor den immer unerträglicher, feindseliger und trostloser werdenden Gesellschaftsverhältnissen. Die Menschen ziehen sich zurück in ihre Subjektivität, weil sie sich von ihren Mitmenschen unverstanden, verlassen oder bedroht fühlen. Oder einfach, weil sie der abstrakten, unpersönlichen und allgegenwärtigen Nähe der Massen überdrüssig sind. Wenn der Mensch der Konsumgesellschaft seinen Blick nach außen richtet, findet er nichts weiter als ein immenses Vakuum. Die Suche nach innerer Einkehr verwandelt sich in eine Überlebensfrage. Daher das Bedürfnis, eine entgültige Schutzzone zu finden.
Die Bindung an unsere Mitmenschen wid immer seltener, wir fliehen ständig vor ihnen, versuchen immer krampfhafter ohne sie auszukommen, ein Unterfangen, das sich freilich als zwecklos entpuppt. Die anderen sind nicht nur weiterhin da; wir können auch nicht auf sie verzichten, sind auf sie nach wie vor auf Gedeih und Verderb angewiesen. Wir können sie laufend verfluchen, dennoch brauchen wir sie. Ohne sie tritt der Tod ein, der Tod unserer Seele, ein Vorgang, der unter Umständen zur physischen Selbstvernichtung oder zum Suizid führen kann. Suizid ist die erste Ursache eines gewalttätigen Todes. Irgendwo in der Welt nimmt sich alle 40 Sekunden ein Mensch das Leben. Die Zahl der Selbstmordopfer beträgt rund 800.000 pro Jahr. Nach wie vor trifft zu, was Karl Barth mit einfachen, aber bestechenden Worten zum Ausdruck gebracht hat. "Man kann nicht Mensch sein, außer zusammen mit anderen Menschen. - Ähnlich Gabriel Marcel: Das letzte Wort gehört der Beziehung zwischen Mensch und Mensch.
Eines steht fest: solange der Mensch an die heutigen gesellschaftlichen Strukturen gefesselt bleibt, wird er es nicht schaffen, seinen inneren Frieden zu finden. Dieses Ziel zu erreichen, setzt eine Aufhebung des herrschenden Systems voraus. Eine auf mörderischen Wettbewerb, Erfolgssucht, Geldgier und Machtbesessenheit ausgerichtete Gesellschaft kann nicht friedensstiftend sein. Sie ist vielmehr dazu verdammt, im Zustand des Krieges aller gegen alle zu leben.
Wahre Selbstverwirklichung ist mehr als Erfolg, Macht, Ruhm und sonstige Spielarten des gesellschaftlichen Glanzes. Sie ist per se mit der Wahl eines höheren Wertesystems verbunden. Die Menschen sind heute weitgehend unglücklich - auch wenn sie dies verdrängen oder nicht zugeben. -, weil sie wissen oder zumindest ahnen, dass sie ein Ersatz-Dasein führen, ein belangloses Dasein ohne Tiefe und ohne jegliche Transzendenz. Dies gilt nicht nur für die einfachen Menschen, sondern auch für die Oberschichten, die die Gesellschaft verwalten und führen.
Die Eindimensionalität, nicht die vielgepriesene Mannigfaltigkeit, ist das Hauptmerkmal der spätkaptitalistischen Gesellschaft. Das bürgerliche Zeitalter hat dem Menschen seine Illusionen genommen, hat ihm die Möglichkeit des Träumens entzogen. Auch wenn man Träumen will, stößt man trotzdem auf die Gitter des goldenen Käfigs und auf den erbarmungslosen Blick der Aufseher. Das Spontane ist die Freiheit selbst, und wenn jene erstickt wird, bleibt auch diese auf der Strecke, mögen die Medien und die Politiker das Gegenteil behaupten und vor Liberalismus, permissiver Gesellschaft und anderen hochtrabenden Begriffen sprechen. Unfreiheit und nicht Freiheit ist aus dem Wesen des bürgerlichen Zeitalters hervorgegangen. Repression statt Befreiung, Sterilität statt Erfüllung, Bestrafung und nicht Eros. Die natürlichen Bedürfnisse und Triebe des Menschen können zwar unterdrückt, aber nicht abgeschafft werden, und dort, wo jenes geschieht, melden sie sich früher oder später in irrationaler Fassung als Gewalt, Sadismus, Verfolgungswahn und andere neurotische Erscheinungen.
DER GEDEMÜTIGTE MENSCH Der Mensch int ein Gefangener des bürgerlichen Wertesystems geworden, Gefangener der urbanen Massengesellschaft, der Technik, der Wissenschaft, der Produktion und des Konsumterrors. Er existiert nur als Zuchtprodukt einer Entwicklung, die ihm Lebensfülle, Freiheit und Selbstverwirklichung verspricht, die aber in Wirklichkeit seinem Lebensdrang und sein ursprüngliches Sein kastriert. Das stolze und überlebensgroße abendländische Ich hat sein einstiges Selbstbewußtsein verloren und ist vom System zu einem abstrakten, jederzeit austauschbaren Funktionsträger degradiert worden: Leistungsmensch, Wähler, Verbraucher etc. Das ist das Ergebnis des von der Bourgeoisie eingeleiteten und durchgeführten Verdinglichungsprozesses, das Produkt von 500 Jahren borgeoiser und kapitalistischer Dressur.
Denn dies ist die letzte Form der Demütigung: dem Menschen das Bedürfnis nach Selbstwehr zu entreißen und ihn in ein resigniertes und demoralisiertes Opferlamm zu verwandeln. - "Das Gefühl der Machtlosigkeit ist die tiefste Form der Entfremdung, die unsere Kultur herstellt. Es hat gegen den Verwertungs- und Verdinglichungsprozeß der Moderne viele Aufstände gegeben, sowohl kulturgeschichtliche wie sozialpolitische: die Romantiker, die "poetes maudits", die Surrealisten, die sozialistischen Revolutionen. Aber das System hat bisher alles überstanden, die verschiedenen Revolten der Künstler, Einzelgänger und Unangepaßten entweder mit Geld korrumpiert oder unterdrückt. Aber auch das politisch motivierte Aufbegehren hat ausgespielt, wie zuletzt der real existierende Sozialismus Durch einen massiven Gehirnwäscheprozeß ist es dem System gelungen, den Menschen einzuhämmern, daß das Lebens- und Gesellschaftsmodell des westlichen Kapitalismus das Reich des Guten verkörpert. die "Good Society". Diese Gehirnwäsche ist freilich nicht mit terroristischen Methoden durchgeführt worden. Es gab keinen Big Brother, der von oben Befehle erteilte, wie unter Hitler oder Stalin. ES IST ZIEMLICH FRIEDLICH UND HARMLOS ZUGEGANGEN IN DEN LETZTEN FÜNFZIG jAHREN; EBEN DURCH DIE rEDUZIERUNG DES eINZELNEN ZUM kONSUMENTEN UND aUTOMATEN DES rEALEN.
Kein physischer Zwang, kein Terror im herkömmlichen Sinn wurde ausgeübt. Nein, die Menschen der "affluent society" werden nicht verhaftet und in einen dunklen Keller geworfen, es gibt keine pausenlose Verhöre. Die Zustimmung zum System folgt auf freiwilliger Basis, und eben dadurch kann man für das Ganze niemanden verantwortlich machen. Die Regierungen haben seit jeher das Volk mittels Festen, Veranstaltungen, Luxus, Exhibitionismus, Eitelkeit und Komfort betäubt, mit Leere gefüllt und mit Bagatellen bei guter Laune gehalten. Die in jeden Haushalt eingedrungene Unterhaltungsindustrie hat die Funktion übernommen, den Einzelnen von der tatsächlichen Trostlosigkeit seines Alltags abzulenken und ihm die Illusion zuvermitteln, daß er in einer zauberhaften Welt lebt. Die pausenlos ausgestrahlten Fernsehprogramme erlauben den Menschen, für einige Stunden ihrer grauen Wirklichkeit zu entfliehen und auf dem Bildschirm voyeurhaft zu erleben, was ihnen selbst in ihrem realen Dasein verweigert wird. Durch diese Instrumentalisierung der elektronischen Massenmdien als herrschaftserhaltende Instanz verwandeln sich die Freizeit und die Privatsphäre zu einer weiteren Möglichkeit, die unerfüllten Bedürfnisse des Menschen zugunsten des Systems umzufunktionieren. Die Existenz des Einzelnen ist heute im wesentlichen Sein-für-Anderes geworden, umfassende, tiefgreifende Fremdbestimmung, Der Hauptwiderspruch des bürgerlichen Systems besteht darin, eine angeblich optimale Ordnung auf der Grundlage der ständigen Bevormundung und Erniedrigung des Menschen sichern zu wollen. Die von den Apologeten des Systems bis zum Überdruß propagierte These, daß die bürgerliche Gesellschaft die Lebensbedingungen des Menschen enorm erleichtert und bereichert hat, ist im tieferen Sinn unhaltbar geworden. Sie gilt höchstens für bestimmte Aspekte des physischen und materiellen Daseins (Arbeitswelt, Komfort, Autos), aber keineswegs in psychischer, seelischer, humaner Hinsicht.
Zu fragen wäre: Wenn das Leben so toll geworden ist, wie erklärt sich dann, daß es mehr psychosomatische Kranke wie nie zuvor gibt und daß der Mensch sich zunehmend außerstande sieht, die Herausforderungen seines Daseins heil zu überstehen? Die bürgerliche Ideologoe beruht auf zwei grundsätzlichen Momenten: Lust als Endziel, Leistung als Endziel, Leistung als Mittel. Daher der Eifer, mit dem die Bourgeoisie daran geht, die äußeren Bedingungen der Welt von Grund auf zu veränden.
Um aber das Leben in vollen Zügen genießen zu können, muß man zuerst die nötigen Güter herstellen, Geld verdienen und sich im Gesellschaftsbetrieb gegen die anderen als leistungs- und konkurrenzfähiges Subjekt bewähren. Es fängt also alles mit der Selbstbestrafung des Leistungsdrucks an, mit dem Zwang, produktiv und erfolgreich zu sein. Während tatsächlich die Bourgeoisie in materieller Hinsicht die Weltverhältnisse unentwegt verändert (Produktion, Technologie), verwandelt sie sich gesellschaftspolitisch in eine statisch-regressive Klasse, die als Hauptziel nicht die Emanzipation des Menschen vor Augen hat, sondern die Sicherung ihrer Klassenherrschaft. Durch Warenaustausch und friedlichen Wettbewerb wollte die Bourgeoisie die Eintracht in der Welt herbeizaubern. In Wirklichkeit hat sie nichts anderes getan, als neue, immer raffiniertere Formen der Gewalt und der Zwietracht einzuführen.
Wir haben zwar eine operativ immer besser funktionierende Technik, aber zugleich eine immer schlechter funktionierende Gesellschaft. Wir besitzen mehr Maschinen und technische Apparate als je zuvor, und trotzdem sind wir zunehmend unfähig, dieses technologische Potential für eine rationale Gestaltung des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens einzusetzen. Die mit den raffiniertesten informationstechnischen Geräten und Datensystemen ausgestatteten Massenmedien liefern der Gesellschaft eine nie dagewesene Nachrichtenflut, und trotzdem wachsen Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. DAS BÜRGERLICHE ICH: eine Neurose Der Motor der bürgerlichen Gesellschaft ist die Angst. Daher die von ihr betriebene Planung des Schicksals und die Abtötung alles Spontanen. Angst vor dem Unerwarteten, vor dem von der bürgerlichen Ideologie selbst verherrlichten Fortschrittsprozeß. Deshalb hat das letzte Stadium der bürgerlichen Ära einen Menschentypus hervorgebracht, der sich durch innere Verunsicherung und nervöse Unruhe auszeichnet: Der hastende Mensch ist sicher nicht nur von Gier gelockt, die stärksten Lockungen würden ihn nicht zu so energischer Selbstbeschädigung veranlassen können, er ist getrieben, und was ihn treibt, kann nur Angst sein.
Der ganze technisch-wissenschaftliche und produktive Aktivismus der Neuzeit ist nichts anderes als der unbewußte Ausdruck einer tiefgreifenden Angstneurose, die der abendländische Mensch durch Leistung und Konsumfülle zu verdrängen versucht. Konsumfieber ist in Wirklichkeit nichts anders als Angst. U.a. die Angst etwas zu verpassen. Die Dinge sind so eingerichtet, daß 90 Prozent der Bevölkerung - die Arbeiter - den restlichen 10 Prozent als Lasttier dienen. Es ist wichtig, sich diese Wahrheit einzuprägen, bevor man das Volk über Gleichheit, Freiheit, demokratische Institutionen und andere Utopien belehrt, deren Verwirklichung eine vollständige Revolution der Arbeitsbedingungen voraussetzt. Daß die Benachteiligten sich ihre permanente Degradierung durch die Bevorzugten gefallen lassen, läßt erkennen, wie gründlich die "Umwertung aller Werte" in die Psyche des spätkapitalistischen Menschen eingedrungen ist und wie tief die Entfremdung in den unteren Schichten sitzt.
 WAS KULTUR SEIN SOLLTE In einer Zeit, in der überall die elementarsten Regeln der Humanität mißachtet und mit Füßen getreten werden, muß eine Kultur, die dieses Namens würdig ist, eine Kultur der "rücksichtslosen Kritik alles Bestehenden" sein. Alles andere ist erbärmliche Flucht in den vertrauten Elfenbeinturm und Komplizenschaft mit der herrschenden Misere. DAS REICH DES TODES Das Leben: ein monotones, standardisiertes Ritual von materiellem Wohlstand und tief sitzender Frustration, eine Mischung aus Lustgarten und Strafkolonie. Der von der Werbung und den Marketingstrategien verordnete Zweckoptimismus als Ausgleich für das täglich erlebte existentielle Vakuum und als Therapie gegen den sich immer wieder meldenden Schmerz. Die Parole lautet: sich mit möglichst vielen Surrogaten zu betäuben, um den Schrei der Seele zu überhören.
"Zu suchen haben wir nichts mehr - das Herz ist satt - die Welt ist leer. Novalis Das bürgerliche Zeitalter neigt sich seinem entgültigen Ende zu, wir wohnen jetzt seinen letzten Atemzügen bei. "Der "homo oeconomicus marschiert gegen die letzten Menschen, bekämpft die letzten Lebenden und will sie zum Tode bekehren. Danach werden nur die Stille der Friedhöfe, der graue Anbblick der verödeten Städte und die mit Abfall und Müll überlagerten Landschaften bleiben. Wir bewohnen schon das Reich der Toten, trotz der hektischen Betriebsamkeit, die wir zur Schau stellen." Paul Nizan
Man kann das gängige Leben mit voller Inbrunst genießen und trotzdem innerlich tot sein. Gerade weil der heutige Mensch seelisch am Ende ist, stürzt er sich in das Pseudo-Leben des Alltags, unternimmt Reisen, übt seinen Beruf aus, versucht, Karriere zu machen und Geld zu verdienen. Nur wenn die Nacht hereinbricht und er schlaflos in der Dunkelheit seines Zimmers Bilanz über sein Leben zieht, ahnt er vielleicht, wie es wirklich um ihn steht, auch wenn er am nächsten Tag wieder ritualmäßig sein Auto in Gang setzt und zu seiner instrumentellen Welt zurückkehrt. "Nicht die Dichter, nicht die Träumer, nicht die Künstler, nicht die Heiligen, Mystiker und Helden haben die moderne Welt errichtet und gestaltet, sondern die Geldleiher und Händler, Fabrikanten und Techniker, die Henker nicht zu vergessen, also das Anti-Poetische und das Häßliche schlechthin. Wer sind diese neuen Aristokraten? - Diejenigen, die Geld und Geld-Gehirne haben. Es spielt keine Rolle, was sie sonst haben: aber sie müssen Geld-Gehirne haben, denn sie herrschen im Namen des Geldes." Das Geld ist der allgemeine, für sich konstituierte Wert aller Dinge. Es hat daher die ganze Welt, die Menschenwelt wie die Natur, ihres eigentümlichen Wertes beraubt. Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies femde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an. - Ehre wurde im alten Griechenland als der supremste Wert eingestuft sie gehörte auch an erster Stelle zum Verhaltenskodex des mittelalterlichen Adels. Das bürgerliche Zeitalter setzt sich von diesem Ethos ab und führt die Ehrlosigkeit als gängige Haltung ein. Sein Motto lautet: Alles ist käuflich, auch die Ehre des Menschen, also seine Würde. Weil das moderne, bürgerliche Individuum unfähig ist, aus sich selbst etwas wirklich Wertvolles zu machen, strebt es danach, seinen Wert außerhalb von sich selbst zu erreichen, genauer: im Bereich seiner eigenen Entfremdung. Aber die von ihm erreichten Pseudo-Werte - Macht, Erfolg, Geld - sind in Wirklichkeit das Zeugnis seiner eigenen Wertlosigkeit.
"Aus dem Mangel eines Wertes an sich erfließt das Bestreben, sich Wert von anderwärts zu verschaffen; so entsteht alles Renommieren, alle Hochstapelei im weiteren Sinne (Über die letzten Dinge). Leben wird hiermit zu reiner Exteriorität, zur äußeren Fassade, zu einem Sich-zur-Schau-Stellen." Im Zuge dieser Entwicklung wird der Mensch ein Wolf für die Menschen, betätigt sich als Raubtier, Ausbeuter und Mörder seines Nächsten. Dies erklärt, warum die Gestalt Kains zu einer Massen- und Alltagserscheinung geworden ist. Und all diejenigen, die sich gegen den Zeitgeist stemmen und sich nach einer neuen Sinnbestimmmung des Lebens sehnen, werden beiseite geschoben, liquidiert oder als Verrückte und Querulanten gebrandmarkt, wie Foucault in seinem Traktat über den Wahnsinn belegt hat.
Die eigentlichen Schwachen und Kleingeratenen haben es geschafft, sich zu vereinen und zusammen die Stärkeren und Vornehmen zu verdrängen und das von ihnen verkörperte Reich des Quantitativen als das höchste Daseins- und Gesellschaftsmodell planetarisch durchzusetzen. Der "homo triumphans" ist das in Verbänden organisierte Herdentier, und der Feind, den es immer zu verfolgen gilt, ist das Qualitative und Andersartige, das Entgegengesetzte und von der Norm Abweichende.
Die bürgerliche Ordnung hat sich in einen riesigen Dauerprozeß verwandelt. Schlaue Winkeladvokaten, korrupte Mandatsträger und ein allgegenwärtiger Apparat von Gerichtsdienern, Bürokraten, Wächtern und anderen Vertretern der Obrigkeit sorgen dafür, uns in Atem zu halten, zu verunsichern und in Angst zu versetzen. Es waltet der eiskalte, reptilartige Geist des Gesetzes und die von ihm unentwegt neu erfunden Paragraphen und Anordnungen, damit die Kontrolle immer effizienter wird. Ja, wir sind frei, aber die Freiheit, die uns vom System zugestanden worden ist, erschöpft sich darin, unsere Richter und andere Wächter zu wählen. Das ist das wahre Antlitz der bürgerlichen Demokratie, die größte und raffinierteste Farce, die je von Menschen erdacht wurde.
Eigenschaften die früher im Mittelpunkt der Erziehung und der Lebensführung des Einzelnen standen - Tugend, Sittlicheit, Nächstenliebe, Ehrlichkeit, Wahrheit etc. -, sind durch wertneutrale Kategorien wie Erfolg, Geld, Macht und ähnlichem weitgehend ersetzt worden. Nicht nach ethischen Vorstellungen und Spielregeln hat sich das Industriezeitalter gerichtet, sondern nach Wettbewerb, Gewinnsucht, Profitmaximierung, Leistung, Effizienz und ähnlichen wertneutralen bzw. moralwidrigen Prinzipien. Schon im genetischen Ausgangspunkt - also bei der Investitions- und Produktionsplanung - wird jede ethische Erwägung ausgeschaltet. Nicht das, was dem Menschen wirklich nützt, und seinen wahren Bedürfnissen entspricht, wird produziert, sondern das, was Aussicht hat, sich als Ware durchzusetzen und verwerten zu lassen.
Das was man gemeinhin "permissive Gesellschaft" nennt, hat sich als ein Paradies für prinzipienlose Karrieremacher herausgestellt. Nichts mehr stimmt, alles, fast alles ist Lug und Trug geworden. Aussicht auf Erfolg haben nur die Verlogenheit und das schamlose Mitmachen, und während der Rest der Welt hungert und vor die Hunde geht, fällt den Menschen im Westen nichts anderes ein, als sich ihren kleinkarierten Egoismen und Lebenszielen zu widmen, über den neuerdings angekratzten Wohlstand zu lamentieren und auf die Politiker zu schimpfen, ohne sich allerdings zu erheben und sie aus ihren Ämtern zu verjagen. Hauptsache ist, daß man weiterhin seinen Komfort, seine Parties, seine Sportveranstaltungen, seine exotischen Auslandsreisen, seine Sexvideos, sein Bier und den täglichen Film im Fernsehen hat. Und die Journaille macht mit, während die Stimmen, die sich gegen den ganzen Schwindel richten, wie lästige Spielverderber und Volksfeinde ausrangiert und mundtot gemacht werden.
Sich für das zustandkommen einer gerechten Weltordnung einzusetzen darf nicht als Last oder Opfergang aufgefaßt werden. Es bedeutet vielmehr eine höhere Form der Selbstfindung und der Selbstverwirklichung, im Grunde ein Privileg, oder: "Gnade ist im Widerstand zu leben." (Wählt das Leben). Gerade dies muß man den Menschen klarmachen: daß sie mit ihrem egoistischen Verhalten sich selbst schaden und die Chance verpassen, die Erfüllung und die Transzendenz des Edlen und Erhabenen zu erfahren.
Leben bedeutet etwas anderes als Konsumieren, Kopulieren, Feste feiern, Karriere machen oder Geld zusammmenraffen. Damit bleibt man in der erbärmlichen und engherzigen Sphäre des heute waltenden kleinbürgerlichen Individualismus, wählt man ein standardisiertes und miderwertiges Schicksal. Das Leben erreicht erst seine Vollendung, wenn man es in die Dienste eines Ideals stellt, das nicht nur das eigene Wohl, sondern auch das des Mitmenschen anstrebt. Nur wer für die Befreiung aller arbeitet, wird sich selbst befreien und seiner Bestimmung als Mensch gerecht werden. Nicht Individualismus ist der Weg der Selbstvollendung, sondern Universalismus.
Der einzig gangbare Weg zur Herbeiführung einer humanen und gerechten Weltordnung ist tatsächlich der unbedingte Verzicht auf alle Ersatz- und Blendwerte, die das bürgerliche Zeitalter berstimmt haben: Macht, Erfolg, Besitz, Beherrschung der Natur und des Mitmenschen. Den Anfang müssen wir selbst machen, der Kampf für eine Humanisierung der Weltverhältnisse muß mit dem Aufräumen des eigenen moralischen Drecks beginnen. "Der Mensch lebt nicht nur von ökonomischen und politischen Forderungen; eine ökonomische und politische Umgestaltung schließt immer eine moralische Revolution ein." Die kulturelle und besonders die moralische Revolution sind nicht weniger wichtig als die politische Rekonstruktion einer Gesellschaft. - Ohne diese persönliche Katharsis wird die Erneuerung der äußeren, gesellschaftlichen Verhältnisse kaum durchführbar sein. Die Revolution muß also im Innern des Einzelnen einsetzen. - Es geht darum einen revolutionären Kampf gegen uns selbst, gegen unsere herrscherlich-ausbeuterische Identität zu führen. (Jenseits bürgerlicher Religion)
ICHBEZOGENHEIT: Wir können den anderen helfen nur in dem Maße, in dem wir uns entprivatisieren und unser Ich nicht als absoluten Wert setzen, wie es die Kapitalisten mit ihrem Eigentum tun oder Max Stirner mit seinem "Einzigen" meinte. Wir gehören uns nur bedingt, und wer davon ausgeht, daß die Freiheit darin besteht, nur für sich selbst zu sorgen, vergißt, daß ohne den Beistand der Gesellschaft kein Individuum in der Lage wäre - auch das mächtigste nicht - überhaupt zu existieren. Die bürgerliche Ideologie hat die Neigung des Menschen zu Eigendünkel nicht erfunden, aber sie ins Unermeßliche gefördert und dadurch aus der Gesellschaft einen ununterbrochenen Jahrmarkt der Eitelkeiten gemacht. Solange es uns nicht gelingt, diesen tiefsitzenden Atavismus unserer Persönlichkeitsstruktur abzuschütteln, werden wir es auch nicht schaffen, eine halbwegs repressionsfreie Ordnung auf die Beine zu bringen.
Es bleibt nur der freiwillige und illusionslose Einsatz für das Humane. Immer siegreich sein zu wollen, oben stehen, nach unbedingtem Erfolg lechzen und Trophäen sammeln, bleibt ein plumpes Ideal für Spießer und Strebernaturen, die diese Schein- und Pseudo-Werte wählen, weil ihre Entfremdung und seelische Abgestumpftheit sie für andere, höhere Werte blind macht.
Wahre Größe erweist man, wenn man sich auf die Seite der Erniedrigten und Entrechteten schlägt, und zwar ohne sich vorher zu fragen, ob dieser Einsatz mit einem Sieg oder einer Niederlage enden wird. Menschen, die helfen, sind heute eine Minderheit, die Regel sind die Egoisten und Zyniker, die hemmungslos und ohne jeglichen Skrupel sich dem eigenen Glück zuwenden, ohne sich zu fragen, was draußen sonst vorgeht. "Der wahre Rebell handelt auf eigene Verantwortung, er beruft sich nicht auf die öffentliche Doxa, sondern ausschließlich auf das eigene Gewissen oder auf sein Schamgefühl, was ein und dasselbe ist. Und diese Entscheidung kann uns von keiner Ideologie, von keinem geschlossenen Ideensystem und keinem politisch gesellschaftlichen Credo abgenommen werden. Sie ist unsere ureigenste Angelegenheit."
Die Menschen haben Jahrhunderte hindurch das Heil in Parteien, Massenbewegungen und ideologischen Kollektiven gesucht und geglaubt, daß der Anschluß an solche Mammutorganisationen genügen würde, um Orientierung zu finden. Andere wiederum taten es, weil sie nicht die Kraft aufbrachten, ihre eigene Individualität zu ertragen. - Zu welch kläglichen Ergebnissen dieses Verhalten geführt hat, wird nicht zuletzt durch den Bankrott der linken Ideologien und Parteien belegt.
Wenn wir unser Selbst verlassen, um Parteimenschen zu werden, verwandeln wir uns in Träger ideologischer Etiketten und vergessen bald, daß wir an erster Stelle Menschen sind und immer Menschen bleiben sollten. Und weil wir dieses Gebot aus den Augen verlieren und uns hinter abstrakten Apparaten verstecken, finden wir keine Kommunikation mehr mit den Andersdenkenen. Wir dürfen keiner überpersönlichen subjektlosen Instanz unsere Verantwortung übertragen, sondern müssen Widerstand gegen die entsoldarisierte Gesellschaft aus eigenem Antrieb leisten, ohne uns zu fragen, was der Nachbar, was der Kollege tut. Zu dieser Haltung gehört auch der Mut, notfalls Einzelgänger zu bleiben, ganz abseits zu stehen, dem Beispiel Hölderlins folgend:...in brüderlichem Zusammenwirken bestehe das Beste, doch sei es auch herrlich, allein zu stehen, und sich durchzuarbeiten durch die Nacht, wenn es an Kampfgenossen gebreche. (Hyperion) Solche Bereitschaft zum einsamen Heroismus bedeutet keineswegs, daß die einzig mögliche Form des Kampfes der strikt individuelle Einsatz ist. Im Gegenteil: Unser Engagement muß immer danach trachten, kollektive Formen anzunehmen, Verbündete zu finden, sich in Gruppenarbeit zu artikulieren, schon deshalb, weil dieses Streben den Kommunikationsbedürfnissen entspricht, die jedem höheren Anliegen innewohnen. Was wir gerade wollen, ist, neue Formen der Gemeinschaft möglich zu machen, den Menschen aus seiner heutigen Vereinsamung herauszureißen und aus ihm nicht eine bezugslose Monade werden zu lassen. - Widerstand hat Aussicht auf Erfolg nur, wenn wir aus der jetzigen Vereinzelung herauskommen und eine neue "religio" in ihrem ursprünglichen Sinn von "religare" (zusammenbündeln) wieder herstellen. Oder wie Henry David Thoreau meinte: "To cooperate means to put our living together". (Walden)
Das Gebot der Stunde ist die Wiederherstellung der Mitmenschlichkeit und der sozialen Bande, aber dieses Anliegen wird nur zu verwirklichen sein, wenn es gelingt, die gegenwärtige aggressionsbeladene und menschenfeindliche Umgangskultur in die Wüste zu schicken und sie durch eine kooperationswillige und gewaltfreie Praxis des Zusammenlebens und der Konfliktlösung zu ersetzen. Das wäre ein entscheidender Schritt, um neue, humane, kommunikationsfähige Formen der Begegnung und des Miteinanders herbeizuführen und das heute herrschende Prinzip des Willens zur Macht nach und nach zu überwinden.
Ich denke dabei an eine Kultur der Sanftmut, der Rücksichtnahme, der Mildherzigkeit, der Freundlichkeit und der Ritterlichkeit, ein Hauptwort, letzteres, das, wie "Chevalerie" oder "Caballerosidad" schon an sich eine Weltanschauung beeinhaltet und im geraden Gegensatz zu der Härte steht, die die zwischenmenschlichen Beziehungen in unserer Gesellschaft prägt. Die Bourgeoisie ist nicht die erste Klasse, die die Macht erobert hat, und sie wird nicht die letzte sein, die sie verliert. Wenn es soweit ist, werden die Bourgeois und ihre Helfershelfer sich wundern, wie schnell totgesagte Überzeugungen und Handlungsweisen die Massen ergreifen können, wie rasch das Volk von totaler Tatenlosigkeit zu resuluter Aktion übergehen kann.
Unbestreitbar ist: Die Aneignung des Mehrwerts durch das Privatkapital und den bürgerlich-kapitalistischen Klassenstaat wird immer hemmungsloser. Dadurch kehrt jener primitive Verelendungsprozeß zurück, den die bürgerlichen Ideologen voreilig für überwunden erklärt hatten. Die "Sozialstaatillusion", Zugpferd der sozialdemokratischen Parteien, hat sich im Zuge der Verhärtung des Klassenstaates als unglaubwürdig erwiesen. Die Arbeitskraft, die die einzige Ware ist, die die Lohnabhängigen besitzen, um im spätkapitalistischen Sozialkrieg überleben zu können, wird immer wertloser, reicht immer weniger, um die laufenden Lebenskosten und -bedürfnisse zu decken. Eine solche Entwicklung kann auf Dauer nicht folgenlos bleiben, sie muß irgendwann zu einer offenen Klassenkonfrontation führen.
Die Arbeiterklasse der westlichen Metropolen hat ein paar Jahrzehnte lang von der Ausbeutung der Dritten Welt und von der Hochkonjunktur beträchtlich mit profitiert, Damit ist es ziemlich vorbei, die weltweite Krise des Spätkapitalismus, der Rückgang der Profitraten und die Verschärfung der Konkurrenz auf den Weltmärkten haben diesem vorübergehenden Schlaraffenland ein Ende gesetzt. Die Arbeiter, die schon glaubten, den Status gleichwertiger und emanzipierter Bürger erreicht zu haben, werden wieder zu besitzlosen Proletariern, während die Bourgeoisie, die bis vor kurzem die soziale Partnerschaft predigte, ihren alten Kommandoton wieder findet. Die Fiktion der Interessengemeinschaft läßt sich nicht mehr aufrechterhalten, keine semantischen Tricks werden die immer deutlicher zutage tretende Klassenkluft verwischen oder wegzaubern können. Die widernatürliche Ehe zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist gescheitert, die Trennung von beiden Kontrahenten ist nur eine Frage der Zeit. Man weiß nur nicht, wie sich die Scheidung vollzieht und wie sie endet.
Sich gegen das bürgerlich-kapitalistische System zur Wehr zu setzen bedeutet nicht nur Widerstand gegen eine Klasse zu leisten, sondern sich für das Überleben der Menschheit einzusetzen. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte ist der Kampf gegen die herrschende Klasse ein Kampf gegen die Zerstörung der Natur, der Zivilisation und des Menschen selbst. Die Bourgeoisie verkörpert in zunehmenden Maße den Ungeist des Nihilismus und der Destruktion. Was sie produziert, trägt seit langem die unverkennbare Signatur des Todes.
Wenn die Weltgeschichte nicht in einem Trümmerhaufen enden soll, dann wird es höchste Zeit, dieser unheilvollen Entwicklung einen Riegel vorzuschieben. Es gibt kein Ausweichen mehr: Entweder die Menschheit stürzt die Bourgeoisie, oder die Bourgeoisie wird die Menschheit zu Grabe tragen und als einzige Erinnerung ihrer Herrschaft einen Planeten voller Asche hinterlassen. Der obige Text ist von Heleno Sana.
Den hochverschuldeten Handlanger der Monopolisten den angeblichen Sozialstaat lehne ich total ab. Unter einer repräsentativen Demokratie ist das Volk nur am Wahltag frei.- Ansonsten ist es den Machenschaften und Interessen der Regierenden ausgeliefert. - Die kapitalistische Automation- Kommunikations- & Computerindustrie ist soweit fortgeschritten, daß der kapitalistische Markt eigentlich kaum noch Arbeitskräfte benötigt...
Nur: - Wohin mit dem Menschenballast? - Der Sozialstaat und seine "Maden im Speck" die korrupte Beamten & Politikerkaste - gehören schon lange in den Mülleimer der Psychohistoriker! Die Umgestaltung der Welt im befreienden, emazipatorischen Sinn kann nur von unten und dezentral vor sich gehen. Anders zu denken, ist Pseudo-Universalismus und politischer Formalismus. - Das erste was man den Menschen gestohlen hat, ist tatsächlich die Zeit, obwohl er nie zuvor so wenig arbeiten musste und so viel Freizeit hatte wie heute. (Quelle - Heleno Sana)
Die bürgerliche Moral hat sich der Universalzeit bemächtigt und sie zur Zeit-zum-Banalen und Zeit-zum-Profit herabgesetzt. - Sowohl die Antike wie das Mittelalter standen der Zeit weitgehend gleichgültig gegenüber. Zwar wurde die Uhr im Spätmittelalter erfunden und auch benutzt, aber mehr als Orientierungszeichen denn als Anstoß zur Leistung. Die moderne Zeitauffassung widerspiegelt das Wesen der Maschine, ist maschinell konzipiert und wie diese auch mit utilitaristischen Zwecken in Verbindung gebracht. - Die Herrschaft der Bourgeoisie beginnt mit der Aneignung sowohl der gesellschaftlichen wie der personalen Zeit. - Die Hoffnung der emazipatorischen Theorie, die Reduzierung der Arbeitszeit würde zu einer sinnvollen Nutzung der Freizeit führen, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: je mehr die Freizeit zunimmt. desto mehr nimmt die Abwendung von Kultur und Bildung zu.
Die überschüssige Zeit des "animal laborans" wird niemals für etwas anderes verbraucht als Konsumieren, und je mehr Zeit ihm gelassen wird, desto begehrlicher und bedrohlicher werden seine Wünsche und sein Appetit.- Das Triviale zu wählen und zu konsumieren, bedeutet nichts anderes als sich die bürgerliche Zeitauffassung zu eigen zu machen, stellt einen Akt der Unterwerfung unter die verdinglichte Welt der Waren dar. - Schon die Kinder werden auf die Uhr dressiert, um einmal leistungsfähig zu sein. Der Urlaub dient bloß der Wiederherstellung der Arbeitskraft. Und selbst beim Essen, beim Trinken und in der Liebe tickt der Sekundenzeiger im
Weigert sich das Individuum sich diesem Diktat zu beugen, wird es automatisch zu einem "Outsider" und Verbannten. - Die Zeitbestimmung der bürgerlichen Ideologie zu akzeptieren, bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als auch ihren Lebensrhythmus und ihr Wertesystem als Ganzes hinzunehmen. Um sich von der Knechtschaft der bürgerlich-kapitalistischen Herrschaft zu befreien, muss sich der Mensch zuerst von dem Zeitverständnis befreien, das ihm das System diktiert. Tertium non datur( Quelle - Heleno Sana) Revolution? - Gewiß, der Kampf um eine bessere Welt, ist immer mit großen Enttäuschungen und auch Risiken verbunden, aber viel schlimmer ist letzten Endes die Lage derjenigen, die aus Trägheit oder Mangel an Zivilcourage im Widerspruch mit ihrem Gewissen leben. Menschen, die sich ständig bevormunden, befehlen und demütigen lassen, können nie wirklich glücklich sein, auch keine Selbstachtung vor sich selbst haben.
Was soll man also tun? Soll man auf die Straße gehen und alles in Brand stecken oder Steine gegen die Polizei werfen? Mit solchem unreflektiertem Auktionismus kann man die öffentliche Ordnung zeitwillig stören, nicht aber die Gesellschaft verändern. Auch die ehrgeizigste Befreiungsinitative muß sich ihrer Grenzen bewußt sein, muß sich darüber im klaren sein, daß man die Welt nicht mit großspurigen und bombastischen Umsturzplänen verändern kann, daß ein solches Anliegen, wenn überhaupt, nur durch geduldige Kleinarbeit zu erreichen ist, was wiederum das entschlossene Handeln in bestimmten Momenten keineswegs ausschließt. Man muß zuerst in bescheidenem Rahmen tätig sein, auch wenn diese Form des Engagements nicht so spektakulär ist wie generalstabsmäßig organisierte Aktion. Bild - Amnesty-International Jeder sinnvolle Akt, den wir vollziehen, ändert die Welt, in der wir uns befinden, auch dann, wenn es die Welt als Ganzes, als Öffentlichkeit nicht wahrnimmt. Handeln im Stillen ist auch der einzige Weg, um nicht gleich entmutigt zu werden. Jeder Partikel unseres Existenzraums ist wichtig, jeder emanzipatorische Schritt nach vorne - auch der bescheidenste - bedeutet eine Schwächung des Feindes.
Der Kampf um Wahrheit, Recht und Solidarität wird seit langem vor allem von kleinen Gruppen getragen, die Menschen und Organisationen, die etwas für die Humanisierung der Welt tun, bleiben deshalb der Öffentlichkeit verborgen. Wer weiß zum Beispiel, daß es in Deutschland etwa eineinhalb Millionen Menschen gibt, die ehrenamtlich im Bereich der Wohlfahrtspflege tätig sind? Manche linken Weltverbesserer werden einwenden, daß dieser karitative, humanitäre Einsatz nicht zur Revolution führt, sogar hilft, die Widersprüche des Systems zu neutralisieren - ein philisterhaftes Argument, das oft als Rechtfertigung für die eigene Untätigkeit dient. Denn es ist ja für nicht wenige radikale Salon- und Möchtegern-Revolutionäre typisch, das Maximale zu verlangen und andere, weniger anspruchsvolle Formen des emanzipatorischen Engagements ins Lächerliche zu ziehen. Man muß jedenfalls Abschied vom Fetisch der Massenbewegungen nehmen, von der Ansicht, daß nur das quantitativ Imposante etwas bewirken könne. Außerdem: Alles wichtige beginnt erst im kleinen Kreis zu gären, ist am Anfang nur isolierte, machtlose Ausnahme.
Die kulturelle und besonders die moralische Revolution sind nicht weniger wichtig als die politische Rekonstruktion einer Gesellschaft. Auch in der denkbar rationalsten und sinnvollsten Gesellschaft werden die Widersprüche und Antagonismen nicht verschwinden, auch dann wird der einzelne sich immer für diese oder jene Haltung verantworten und entscheiden müssen, wird mit seinen Leidenschaften und egoistischen Trieben fertig werden müssen und in Konflikt mit seinem Gewissen geraten. Die Vision, die Geschichte könnte sich eines schönen Tages in ein entgültiges Eldorado verwandeln, entspricht einer parareligiösen und einer vulgärutopischen Denkweise. Die Geschichte wird nie ein abgeschlossenes Buch sein, der Mensch genausowenig. Güte wird in unserer Gesellschaft oft mit Naivität, Exzentrik oder gar Dummheit verwechelt. Derjenige, der das Gute wählt, riskiert, dem Spott der Smarten und Besserwisser ausgesetzt zu sein. Weil sein moralischer Einsatz eine unausgesprochene, aber ganz klare Absage an die waltende Ich-Bezogenheit bedeutet, kann er kaum auf die Sympathie der anderen rechnen. Der Spott der Angepaßten und Zyniker ist allerdings nur vordergründig, denn dahinter steckt die ressentimentbeladene Erkenntnis, daß sie entlarvt sind. Wenn die Menschen dem Anderssein in Gestalt von Humanität begegnen, schauen sie meistens weg; sie tun dies instinktiv, um nicht mit dem Spiegelbild ihrer eigenen Niederträchtigkeit oder Nichtigkeit konfrontiert zu werden, ein Sachverhalt, der schon von Diderot durchschaut wurde:
Man lobt die Tugend, aber man haßt sie. Sich für andere einzusetzen ist nicht immer leicht; es erfordert im Gegenteil eine große Kraftaufwendung und führt oft zu Niedergeschlagenheit und Entmutigung, vor allem, wenn der Erfolg ausbleibt. Ich glaube nicht, daß diese Welt einen höheren Sinn hat. Aber ich weiß, daß etwas an ihr einen Sinn besitzt, und dies ist der Mensch, gerade weil er das einzige Wesen ist, das nach einem Sinn verlangt. ( Quelle - Heleno Sana) George Orwell (1903-1950) George Orwell alias Eric Arthur Blair wurde am 25. Juni 1903 in Motihari (Bihar, Indien) geboren und starb am 21. Januar 1950 in London an Tuberkulose. Seine sprachlich geschliffenen und politisch engagierten Essays und Romane entfalten ein scharf konturiertes Panorama der ersten Jahrhunderthälfte. Der Slogan Big Brother is watching you aus seinem Meisterwerk 1984 wurde zu einer stehenden Wendung für total(itär)e Überwachung. Der Sohn eines britischen Kolonialbeamten besuchte eine Eliteschule in Eton, diente von 1922 bis 1927 in der Indian Imperial Police in Burma und kehrte dann nach England zurück. Mit dem Wunsch, Schriftsteller zu werden, lebte Orwell mehrere Jahre in Paris und in London. In seinem literarischen Debüt Down and Out in Paris and London (1933) resümierte er die Erfahrungen dieser Zeit und schilderte illusionslos das Obdachlosenmilieu. Autobiographisch gefärbt war auch Burmese Days (1934), eine Anklage gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien und den Imperialismus im allgemeinen. Eine gesellschaftskritische Tendenz prägte auch das Sozialmelodram A Clergyman's Daughter (1935). Wie viele politisch interessierte Schriftsteller seiner Generation (Auden, Day Lewis) schloss sich auch Orwell 1936 den republikanischen Kräften im Spanischen Bürgerkrieg an. Aus seinem Erfahrungsbericht Homage to Catalonia (1938) sprach indessen tiefe Enttäuschung über die Querelen der Linken in Spanien, vor allem über die stalinistische Ausrichtung der Kommunisten. Einige Jahre später setzte sich die grimmige Fabel Animal Farm (1945) kritisch mit gesellschaftlichen Machtmechanismen auseinander. Und in seinem Welterfolg Nineteen Eighty-four (1948/49) verarbeitete Orwell sein pessimistisches Menschen- und Geschichtsbild in einem utopischen Roman, dessen Titel im Lauf der Jahre zum Inbegriff der philosophisch akzentuierten Science-fiction wurde. Das dort entworfene Bild einer totalitären Gesellschaft der Zukunft hat die Sowjetunion unter Stalin zum Vorbild und übertrifft in seiner Radikalität bei weitem Aldous Huxleys Brave New World (1932). Aus heutiger Sicht haben sich Orwells düstere Visionen zwar nicht konkret bestätigt, doch seine Prognose eines umfassend überwachten Staatsbürgers ohne geschützte Privatsphäre ist im fortschreitenden Medienzeitalter aktueller denn je. | | | | Internet: | Die Zeit, Orwell Spezial, Sonderbeilage zum 100. Geburtstag. | NINETEEN EIGHTY-FOUR - Roman 1948/49 Zusammenfassung Der Hauptprotagonist Winston Smith (Anspielung an den Vornamen Churchills) ist 39 Jahre alt, nicht besonders attraktiv, schmächtig und unauffällig. Er arbeitet im Wahrheitsministerium, wo er in der Abteilung für Geschichtszeugnisse (records, alle virtuellen Zeugnisse, d.h. die elektronischen Archive) arbeitet. In der fiktionalen Welt des Buches ist die Privatsphäre abgeschafft. Überall gibt es sogenannte Telescreens, die nicht nur ständig alles mit Mikrofonen und Videokameras beobachten, sondern auch noch unablässig Kriegspropaganda für den "grossen Bruder" abspulen. Dies ist der Code, die Personifizierung eines Diktators. Wahr ist, was Big Brother als wahr definiert. Dem Volk wird eingetrichtert, dass alles immer schon so war, wie es jetzt ist. Auch nur ansatzweise diese Sichtweise in Frage stellendes wird aus Zeitschriften und Büchern und damit aus dem Gedächtnis der Menschen systematisch entfernt. Smith selbst ist an diesem Prozess beteiligt, besteht doch seine Arbeit im Ministerium konkret darin, kontinuierlich alte Fakten so zu verfälschen, dass sie sich mit den aktuellen politischen Direktiven decken. Das MiniTrue, wie die Abkürzung für das Ministry of Truth lautet, stellt sich schnell als gemeiner Euphemismus heraus: seine Domäne ist in Wahrheit die Massenbeeinflussung und Meinungserzeugung. Das Ministry of Peace organisiert die permanenten Kriegsanstrengungen, denen der ganze Staat offiziell dient. Das Ministry of Plenty schmeisst die Wirtschaft und hat meistens Rationisierungen zu verkünden (plenty: Überfluss!). Das Ministry of Love schliesslich koordiniert die Rechtssprechung (engl. law!) und den Parteiterror. Nach aussen hin verhält sich Winston ganz normal, aber in Gedanken lehnt er sich gegen den autoritären Staat auf. Er kauft sich heimlich ein Tagebuch, in das er seine Gedanken zu schreiben beginnt. Dabei versucht er immer, sich vom Televisor abzuwenden, sein Heft im toten Punkt der Kamera zu halten. Winston ist zwar verheiratet, hat aber keine Ahnung, was mit seiner Frau ist. Er lebt allein in einer Wohnung. Liebe ist im Staat sowieso unerwünscht und man könnte sagen, dass Kinder nur aus Pflicht gezeugt werden. Bei einer Versammlung aller Mitarbeiter seiner Abteilung zum sogenannten "Zwei- Minuten-Hass", der sich gegen Goldstein und dessen gefürchtete Untergrundorganisation, die «Brotherhood» richtet, entdeckt er ein junges Mädchen von ungefähr 27 Jahren, das sich hinter ihn setzt. Er fühlt sich irgendwie beobachtet und vermutet sogar, sie sei bei der gefürchteten Gedankenpolizei. Diese Vermutung bestärkt sich noch. Eines Tages geht er heimlich wieder in den Antiquitätenladen von Mr. Charrington, in dem er auch sein Tagebuch gekauft hat. Eigentlich ist dies den Angestellten in den Ministerien nicht gestattet, weil der Laden in einem Elendsviertel liegt und man sich dort nicht aufhalten darf. Im Laden kauft er einen Briefbeschwerer und unterhält sich mit dem Besitzer. Der zeigt ihm ein Zimmer im Obergeschoss, dass er früher mit seiner Frau bewohnte. Dort scheint es nicht einmal einen Televisor zu geben. Winston gefällt es dort sofort. Und als er den Laden verlässt, begegnet ihm wieder die junge Frau und er hat höllische Angst, dass sie ihn bespitzelt. Wer bei der Partei nämlich in Ungnade fällt, wird zur Unperson erklärt und alle Beweise seiner Existenz (sämtliche Urkunden, alle Zeitungsartikel etc.) würden getilgt oder abgeändert. Und was einem im Keller Nr. 101 des MiniLuv dann physisch genau passiert, hört man nur von Gerüchten. Im zweiten Teil nimmt die Julia-Episode ihren Lauf. Als Winston Julia bei der Arbeit wieder begegnet, fällt sie gerade hin. Er will ihr aufhelfen, da ihr Arm verletzt scheint. So gelingt es ihr, ihm einen Zettel zuzustecken. Sogar diesen muss Winston heimlich lesen und überrascht wird auch der Leser durch die schlichte Botschaft: «Ich liebe dich». Nun versucht Winston natürlich, Julia näherzukommen. Doch ist das in einem diktatorischen Staat, der für Gefühle nichts übrig hat, schwer zu arrangieren. Heimlich müssen die beiden in einer Menschenmenge fast ohne die Lippen zu bewegen einen Treffpunkt ausmachen. Julia und Winston fühlen sich gezwungen, sich immer an verschiedenen Orten zu treffen, z.B. auf einer einsamen Waldlichtung, wo sie annehmen, dass es keine Telescreens gibt. Schliesslich entschliessen sie sich, sich im Zimmer bei Mr. Charrington zu treffen. Dort fühlen sie sich unbeobachtet. Auch Julia scheint nur nach aussen hin für die Partei zu sein. Nach einem verschwörerischen Zwinkern, wagt Winston Kontakt mit O'Brien, einem Mitglied der Inneren Partei, aufzunehmen. Winston glaubte nämlich schon länger, dass dieser eigentlich ein Mitglied der Brotherhood sei. Diese Annahme scheint sich zunächst zu bestätigen, als O'Brien Julia und Winston zu sich einlädt, wo er dies auch zugibt. O'Brien erzählt ihnen einiges über die Organisation und sie müssen allerlei Fragen beantworten, z.B. ob sie dafür töten oder Selbstmord begehen würden; kurzum was sie bereit wären, gegen die Partei zu tun. Das Pärchen bekennt, zu allem bereit zu sein. Einzig die Frage, ob sie sich auch trennen und einander nie wiedersehen würden, verneinen sie. Wenig später lässt O'Brien Winston heimlich "das Buch" übergeben. Einige Kapitel davon sind in Orwells Roman enthalten; es handelt sich um die theoretischen Grundlagen der Machtpolitik, wie sie die Big-Brother- Diktatur ausübt. Kurz darauf, als Julia und Winston wieder im Zimmer bei Mr. Charrington sind, bricht alles zusammen: Hinter einem Bild ist ein Televisor versteckt. Durch das Fenster kommen uniformierte Männer ins Zimmer und etwas später erscheint Mr. Charrington, der sich als Mitarbeiter der Gedankenpolizei entpuppt. Seit diesem Ereignis hat Winston Julia nicht mehr gesehen. In seiner Haft bekommt er nur wenig zu essen. Als er sich einmal im Spiegel sieht, erkennt er die abgemagerte und fast zahnlose Gestalt kaum wieder. Er ist mit anderen Gefangenen in einer Zelle, wird aber oft verhört - meistens von O'Brien, der sich als loyales Mitglied der Inneren Partei entpuppt. Doch es bleibt nicht beim Verhör; es werden furchtbare Foltermethoden eingesetzt. Zum Beispiel wird Winston auf einem Stuhl festgeschnallt und wird manipuliert, muss möglichst das sagen, was O'Brien von ihm erwartet. Wenn er dies nicht tut, stellt O'Brien eine Skala nach oben und Winstons Körper wird bis zum absoluten Maximum gestreckt. So befiehlt ihm O'Brien nicht nur zu glauben, sondern überzeugt zu sein, 2 und 2 gebe 5. Wenn es die Partei wolle, könne es auch 6 oder 7 sein. Doch die furchtbarste Folter erfährt Winston im Kellerraum. Was eigentlich im Zimmer 101 passiert, weiss keiner der Gefangenen. Aber alle wissen, dass es das Schlimmste ist. Das Schlimmste ist individuell; jedem Mensch wird dort das für ihn Schlimmste auf der Welt vorgesetzt. Da dies für Winston Ratten sind, setzt man ihn einer Unzahl hungriger Nager aus. Ihn ergreift eine immense Panik, so dass er schliesslich schreit, sie sollen Julia nehmen, nicht ihn. Er hat sie verraten, obwohl sie sich doch geschworen hatten, dies nie zu tun. Nachdem er aufgehört hat, als Individuum zu existieren, wird er frei gelassen. Im Grossen und Ganzen lebt er seitdessen wieder normal, arbeitet wieder und trifft auch Julia noch einmal. Sie haben sich aber nichts mehr zu sagen, gestehen sich nur, dass sie jeweils den anderen verraten haben und trennen sich. Das Buch endet mit den Worten: «Er hatte den Sieg über sich selbst errungen. Er liebte den Grossen Bruder.» Die drei Parolen WAR IS PEACE Die drei Superstaaten Eurasien, Südostasien und Ozeanien führen permanent Krieg. Dennoch haben sie nach dem Atomkrieg der 50er-Jahre eingesehen, dass sie einander nicht vernichten können (vgl. Abschreckungssituation im Kalten Krieg). Das Hauptgebiet von Eurasien ist Europa inkl. Russland, jenes von Ozeanien Nordamerika inkl. Grossbritannien und der Kern Südostasiens liegt in China. Daneben gibt es ein grosses Gebiet um den Äquator herum, auf das sich die Kriege konzentrieren. Hier werden billige Arbeitskräfte und unverzichtbare Rohstoffe ausgebeutet. Das Ziel der Kriege ist also nicht die Vernichtung des Gegners, sondern die Aufrechterhaltung der Kontrolle im Innern. Im "Buch" wird davon gefaselt, dass es das Ziel sei, Arbeitskraft zu zerstören, ohne den Lebensstandard erhöhen zu müssen. Daneben dient der Krieg und besonders der instrumentalisierte Hass als Legitimation für das in jeder Hinsicht harte Durchgreifen der Partei. Es gibt noch eine andere mögliche Interpretation für den Slogan, vor allem für den Frieden (siehe Anmerkungen zur Interpretation, Punkt 3). FREEDOM IS SLAVERY Freiheit und Gleichheit sind zwei konzeptionell metaphysische Begriffe, die seit 1789 eine wichtige Rolle im politischen Denken spielten. Gleichheit aber will die Partei mit allen Mitteln verhindern. Aus dem Buch: «In dem Augenblick, in dem Gleichheit infolge technischer Neuerung erstmals theoretisch möglich zu werden drohte, musste...» Ist nun wenigstens Freiheit erreicht? Kämpft man für eine wie auch immer geartete Freiheit gegen die anderen Staaten? Nein, denn es gibt keine Freiheit unter Big-Brother-Überwachung. Doch der Slogan wandelt diese für uns so schreckliche Aussage gleich in eine positive um. Freiheit sei gleichbedeutend mit Sklaverei. Möchtest du gerne versklavt werden? Freiheit ist ausser einer Worthülse ohnehin nichts, aber es ist besser, wenn man diese Worthülse mit einer komplett anderen Worthülse gleichsetzt, zwecks Verwirrung der Idee Freiheit, damit diese allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinde. Das ist letztlich ja auch der Zweck der Geschichtsfälschung: Die Wahrheit, dass die Partei einmal nicht regiert hat; die Wahrheit von den Weltkriegen und anderen geschichtlichen Prozessen zu vertuschen. IGNORANCE IS STRENGTH In der 1984-Diktatur soll man wohl vor allem gewisse Fakten ignorieren. Doch muss man auch seine Gefühls- und Gewissensregungen ignorieren, wenn sie der Parteimeinung widersprechen. Das Fremdwort Ignoranz bedeutet nun aber im Französischen, und auch im Englischen, eigentlich Unwissenheit. Es ist das Gegenteil der culture. Und tatsächlich zerstört ja die Propagandamaschine systematisch das, was wir heute "Zivilgesellschaft" nennen. Die durchgreifende individuelle Isolierung weist jedem sein Gefängnis in Form eines staatlichen Arbeitsplatz zu, von dem aus er überwacht werden kann. Die Macht unter Umständen gefährdende Gruppenbildungen werden so systematisch verunmöglicht. Wo ein Gespräch unter vier Augen möglich wäre, stehen Telescreens. Man resigniert, man stumpft ein, man wird zum Tier. Und das ist - nach Parteimeinung - die grösste Tugend. Interpretation Orwell war zwar Sozialist, doch wurde ihm in den späten Vierziger-Jahren klar, dass Stalins Sowjetunion weit weg von den sozialistischen Idealen war und dieser machthungrige Politiker sich genau so schrecklich wie Hitler seinerzeit aufführte. 1984 soll die Leser bewusst schocken, soll aufmerksam machen, wie leicht die Menschlichkeit zerstört werden kann und worin die Gefahren einer absolutistischen Herrschaft liegen. Der Grosse Bruder ist in seiner Beschreibung Stalin nachempfunden; allerdings kommt er nie persönlich vor. Es gibt aber eine Menge weiterer Gegebenheiten, die tatsächlich der politischen Praxis des Stalinismus dieser Zeit entsprachen, so z.B. dass Gegner in Arbeitslager geschickt oder gefoltert werden. Oder dass Kinder ihrer Eltern verraten, wie das auch im Nationalsozialismus der Fall war. Dies geschieht auch im Buch mit einem Nachbarn. (Obwohl nie ausgesprochen, fühlt sich Winston schuldig, sobald ihm seine Mutter nur in den Sinn kommt, hat er sie auch verraten?) Orwell geht durch seinen Televisor allerdings noch einen Schritt weiter. Ist Orwells These, dass Widerstand gegen totalitäre Regime nutzlos sei? Eher nein, schliesslich ist das Buch ja auch keine Prophezeiung der Zukunft, sondern eine Antiutopie, die man als Warnung verstehen kann. Der Ruin von Winston ist zwar in der Welt, die Orwell geschaffen hat, unvermeidlich, aber wir Menschen können die Bildung solcher Gesellschaften vermeiden, wenn alle daran arbeiten (würden), die Menschenwürde und die individuelle Freiheit intakt zu halten. - Der Abzählvers verklärt die für immer zerstörte Vergangenheit. Winston weiss, dass er als einer der letzten ein paar Strophen davon kennt; und ihm ist bewusst, dass dies bedeutete, dass in einer Generation den Vers niemand mehr kennen wird. Vom Inhalt her unspektakulär, geht es um die Kirchen von London, die möglicherweise abgerissen worden waren. Es fällt auf, dass es ausgerechnet die Geheimdienstagenten sind, die als einzige den kompletten Vers kennen. Bewahrt die Innere Partei also die wirklich wahren Fakten? Warum könnte das sinnvoll sein?
- Im Kino beginnt eine Proletarierfrau zu schreien, als ein Massenmord gezeigt wird. «Zeigt das nicht den Kindern, hier hat es kleine Kinder im Saal», schreit sie, während sie abgeführt wird. Zum einen steht diese Frau symbolhaft für die Urmutter Eva, zum anderen als Gegenbeispiel zu Winston. Dessen Widerstand gründet auf der Vernunft (Kopf), der Widerstand der Proletarierin hingegen auf den Gefühlen (Herz). Warum aber konnte sich der Indo- Engländer Orwell kein Terrorregime denken, dass ohne Proletarier auskommt? Dass es eine innere Partei mit den wahren Herrschern und eine äussere Partei mit allen, die gerne herrschen würden, gibt, macht Sinn. Doch die dritte Kategorie der Proletarier nicht, denn auch sie müssten konsequenterweise überwacht werden.
- Dass die Kriege so begrenzt und abgesprochen sind, und die drei Diktaturen so ähnlich, kann einem auf folgenden Gedanken bringen: Was wäre wenn die 3 Big Brothers in Wirklichkeit einer sind? Es hätte also so eine Art Stalin gegeben, dem das Kunststück gelang, weltweit alles unter Kontrolle zu bekommen, und er hätte sich dann wieder aufgespalten, um die Herrschaft für alle Zeiten zu konsoldieren. In diesem Falle bekäme die Parole War is Peace eine ganz andere Bedeutung: der Krieg müsste gar nicht stattfinden. Wo nämlich keine unabhängige Information möglich ist, kann man auch jahrelang von erfundenen Feldzügen sprechen, geht es doch ohnehin nur um die Heimfront. Eine von Orwells Hauptthesen ist ja, dass sich der eigentliche Krieg jeder Diktatur gegen innen richtet.
- Für das Verständnis des Romans ist NewSpeek unwichtig. Der Grundgedanke dahinter ist aber recht interessant. Orwell stellt sich vor, dass man mit genug diktatorischem Druck sogar die Sprache neu erfinden kann. Anhand der geschilderten Beispiele im Anhang erkennt man, dass es bei dieser Sprache darum gehen würde, möglichst wenig Gedanken überhaupt zu ermöglichen. «Sprache ist Denken», meinte schon Parmenides. Sicher stört es einige Machthaber, dass man etwas sagen und das Gegenteil meinen kann. Vermutlich wäre es also das Ziel von NewSpeek, ironische Bemerkungen ein für allemal zu verunmöglichen.
 BERÜHMTE ZITATE Freiheit «Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.» «Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei und zwei vier ergibt. Wenn das garantiert ist, folgt alles andere von selbst.» Politik «Der Liberale ist ein Anbeter der Macht ohne Macht.» «Man hat gewöhnlich nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen zwei Übeln zu wählen.» «Die Schwäche aller linken Parteien ist ihre Unfähigkeit, etwas Wahres über die unmittelbare Zukunft zu sagen.» Andere Aussprüche «Mit fünfzig hat jeder das Gesicht, das er verdient.» «Der ist der beste Lehrer, der sich nach und nach überflüssig macht.» «Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.» Chomsky: “Die üble Geißel des Terrorismus” Rede von Noam Chomsky, gehalten am 110. Geburtstag Erich Fromms im Neuen Schloss von Stuttgart, anlässlich der Verleihung des Erich-Fromm-Preises am 23. März 2010. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Jürgen Heiser. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis von „Junge Welt“. Der Präsident hatte völlig Recht, als er die „üble Geißel des Terrorismus“ verurteilte. Ich zitiere hier Ronald Reagan, der bei seiner Amtsübernahme 1981 erklärte, im Mittelpunkt seiner Außenpolitik werde der staatlich gelenkte internationale Terrorismus stehen, „die Plage der Neuzeit“ und „die Rückkehr zur Barbarei in unserer Zeit“, um nur einige Begrifflichkeiten zu nennen, wie sie unter seiner Regierung propagiert wurden. Als George W. Bush zwanzig Jahre später den „Krieg gegen den Terror“ erklärte, war das eigentlich nur eine Erneuerung dieser Kriegserklärung, eine wichtige Tatsache, die es wert ist, aus dem Orwellschen Erinnerungsloch hervorgeholt zu werden, wenn wir das Wesen der üblen Geißel des Terrorismus verstehen wollen; oder noch wichtiger, wenn wir uns selbst verstehen wollen. Wir brauchen nicht das berühmte Orakel von Delphi, um zu erkennen, dass es keine wichtigere Aufgabe gibt als die Selbsterkenntnis. Gestatten Sie mir die persönliche Bemerkung am Rande, dass mir diese bedeutende Notwendigkeit schon vor fast siebzig Jahren bei meiner ersten Begegnung mit dem Werk Erich Fromms mit Nachdruck nahegebracht wurde, und zwar durch seinen klassischen Essay über die Furcht vor der Freiheit in der heutigen Zeit und die trostlosen Pfade, die das moderne freie Individuum geneigt ist zu beschreiten in seinem Bemühen, der Einsamkeit und Seelenqual zu entkommen, die einhergeht mit der neu entdeckten Freiheit. Aspekte, die leider heutzutage nur allzu relevant sind. Die Gründe, warum Reagans Krieg gegen den Terror im Archiv der unliebsamen Fakten abgelegt wurde, sind nachvollziehbar und sagen viel über uns selbst aus. Denn Reagans Krieg gegen den Terror schlug ja sofort in einen grausamen terroristischen Krieg um mit Hunderttausenden gefolterten und verstümmelten Leichen in den Ruinen Mittelamerikas, weiteren Zehntausenden im Nahen Osten und schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen, die durch den Staatsterror in Südafrika umkamen, der unter Verletzung der vom US-Kongress verhängten Auflagen nachdrücklich durch die Reagan-Regierung unterstützt wurde. Für jeden Akt dieses mörderischen Handelns gab es natürlich einen Vorwand. So ist das immer, wenn zur Gewalt gegriffen wird. Als Reagan im Nahen Osten 1982 Israels Einmarsch in Libanon maßgeblich unterstützte und 15000 bis 20000 Menschen getötet und weite Teile Südlibanons und Beiruts zerstört wurden, geschah das unter dem Vorwand, es gehe um die Selbstverteidigung gegen Raketenangriffe der PLO auf Galiläa. Ein dreistes Lügenmärchen, denn Israel gab kurz darauf zu, die Drohung seitens der PLO sei reine Diplomatie gewesen, die Israels illegale Übernahme der besetzten Gebiete hätte unterminieren können. Auch in Afrika wurde die Unterstützung des marodierenden Apartheidstaates offiziell mit dem Krieg gegen den Terror gerechtfertigt. Angeblich bestand die Notwendigkeit, das weiße Südafrika vor einer der „schlimmsten Terrorgruppen“ der Welt zu beschützen, nämlich Nelson Mandelas Afrikanischem Nationalkongress, wie Washington 1988 befand. Die Vorwände in den anderen Fällen waren ähnlich beeindruckend. Die Opfer des Reaganschen Terrors waren zumeist wehrlose Zivilisten, nur einmal war das Opfer ein Staat, nämlich Nicaragua, der sich auf juristischer Ebene wehren konnte. Nicaragua reichte Klage beim Internationalen Gerichtshof ein, der die Vereinigten Staaten wegen der „ungesetzlichen Anwendung von Gewalt“ – laienhaft ausgedrückt: internationaler Terrorismus – verurteilte, weil sie Nicaragua von ihren Militärstützpunkten in Honduras aus angegriffen hatten. Die USA mussten ihre Angriffe einstellen und beträchtliche Reparationszahlungen leisten. Wobei vor allem das Nachspiel sehr aufschlussreich ist. Die Antwort des US-Kongresses auf das Gerichtsurteil sah nämlich so aus, dass er die Hilfe für die von den USA geführte Söldnerarmee, die Nicaragua angriff, aufstockte. Gleichzeitig verurteilte die Presse den Internationalen Gerichtshof und bezeichnete ihn als „feindseliges Forum“ und deshalb als irrelevant. Derselbe Gerichtshof war wenige Jahre zuvor noch als hochgradig relevant angesehen worden, als er zugunsten der USA gegen Iran entschied. Washington missachtete [im Fall Nicaraguas] das Urteil des Gerichtshofs und befand sich damit in bester Gesellschaft mit Libyens Muammar Al-Gaddhafi und Albaniens Enver Hoxha. Im Unterschied zu den USA haben sich Libyen und Albanien aber seither in diesen Fragen dem Kreis der gesetzestreuen Staaten angeschlossen, weshalb die Vereinigten Staaten jetzt international völlig isoliert dastehen. Nicaragua brachte seine Sache dann vor den UN-Sicherheitsrat, der zwei Resolutionen verabschiedete, mit denen er an alle Staaten appellierte, das Völkerrecht zu achten. Unterstützt von Großbritannien und Frankreich, die sich ihrer Stimme enthielten, legten die USA ihr Veto ein. Dies alles geschah praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit und wurde aus dem Geschichtsbewusstsein gelöscht. In Vergessenheit geraten – oder besser gesagt, nie zur Kenntnis genommen – ist die Tatsache, dass sich das „feindselige Forum“ förmlich dafür zerrissen hat, sich Washington gegenüber als gefällig zu erweisen. Der Internationale Gerichtshof wies fast alle Anträge Nicaraguas, die von einem angesehenen Professor für Völkerrecht von der Harvard University präsentiert wurden, mit der Begründung zurück, dass die USA, als sie 1946 die Zuständigkeit des Internationalen Gerichtshofs akzeptierten, einen Vorbehalt hinzufügten, durch den sie selbst von Anklagen auszunehmen seien, die auf internationalen Verträgen basierten. Im Besonderen bezog sich das auf die Chartas der Vereinten Nationen und der Organisation Amerikanischer Staaten. Folglich räumten die USA sich selbst das Recht ein, Aggressionen und andere Verbrechen zu begehen, die weitaus schwerwiegender sind als Akte des internationalen Terrorismus. Richtigerweise würdigte der Gerichtshof diese Ausnahmeregelung, die einen Aspekt weitergehender Fragen von Souveränität und globaler Weltvorherrschaft berühren, die ich hier beiseite lasse. Solche Überlegungen sollten im Vordergrund stehen, wenn wir uns hier mit der üblen Geißel des Terrorismus auseinandersetzen. Wir sollten uns auch daran erinnern, dass die Reagan- Jahre, auch wenn sie in den Annalen des Terrorismus das Kapitel eines ungewöhnlichen Extremismus begründen, nicht das befremdliche Abweichen von der Norm darstellen. Wir finden das Gleiche auch am anderen Ende des politischen Spektrums, der Regierung unter John F. Kennedy. Am Beispiel Kuba wird das gut veranschaulicht. Ein seit langem bestehender und durch die heutige wissenschaftliche Forschung widerlegter Mythos besagt, die USA wären in Kuba 1898 einmarschiert, um die Befreiung der Insel von Spanien sicherzustellen. In Wirklichkeit zielte die Intervention darauf ab, Kubas unmittelbar bevorstehende Befreiung von Spanien zu verhindern und eine Kolonie der USA daraus zu machen. Kuba hat sich dann letztlich im Jahr 1959 selbst befreit und damit in Washington große Bestürzung ausgelöst. Die Eisenhower- Regierung fasste daraufhin innerhalb weniger Monate den geheimen Plan, die neue kubanische Regierung zu stürzen und initiierte dazu Bombenanschläge und Wirtschaftssanktionen. Ein hochrangiger Vertreter des US-Außenministeriums brachte das hinter diesen Plänen stehende grundlegende Denken zum Ausdruck: Castro sollte beseitigt werden durch eine „auf wirtschaftlicher Unzufriedenheit und Not basierende Verdrossenheit und Abkehr (der Bevölkerung), (weshalb) sofort jedes denkbare Mittel zur Schwächung des kubanischen Wirtschaftslebens eingesetzt werden sollte, (um) Hunger und Verzweiflung zu erzeugen und die Regierung zu stürzen.“ Die neu gewählte Kennedy-Regierung übernahm [1961] diese Programme und trieb sie weiter voran. Die Gründe werden in einem mittlerweile freigegebenen internen Geheimbericht ganz offen genannt. Gewaltaktionen und wirtschaftliche Strangulierung waren eine Reaktion auf den „erfolgreichen Widerstand“ Kubas gegen die US-Politik in den vergangenen 150 Jahren. Also lag es nicht an den Russen, sondern es war die Monroe-Doktrin, mit der Washington sich das Recht nahm, die Hemisphäre zu dominieren. Die Besorgnis der Kennedy-Regierung ging weit über die Notwendigkeit hinaus, diesen erfolgreichen Widerstand zu bestrafen. Die Regierung fürchtete, das Beispiel Kuba könnte andere damit infizieren, „die Dinge in die eigene Hand zu nehmen“. Ein Denken, das große Anziehungskraft ausübte auf den ganzen Kontinent, weil „die Verteilung von Land und anderen Formen des nationalen Reichtums vor allem die besitzenden Klassen begünstigte, und die Armen und Unterprivilegierten, angeregt durch das Beispiel der kubanischen Revolution, nun nach Chancen für bessere Lebensbedingungen verlangten“. So lautete die Warnung, die Präsident Kennedy nach seiner Amtseinführung von seinem Berater für Lateinamerika, dem liberalen Historiker Arthur Schlesinger, erhielt. Die CIA bestätigte diese Analyse, indem sie anmerkte, dass „Castros Schatten auf ganz Lateinamerika fällt, weil die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Lateinamerika Opposition gegen die herrschenden Autoritäten erzeugen und die Agitation für radikale Veränderungen fördern“, für die Castros Kuba als Modell dienen könne. Die laufenden Planungen für eine Invasion [Kubas] wurden bald in die Tat umgesetzt. Als sie in der Schweinebucht fehlschlug, griff die Kennedy-Regierung zum Mittel eines ausgedehnten terroristischen Krieges. Der Präsident übertrug die Verantwortung dafür seinem Bruder Robert Kennedy, dessen höchste Priorität lautete, Kuba mit „allen Schrecken dieser Welt“ zu überziehen, wie sein Biograph Arthur Schlesinger es formulierte. Dieser terroristische Krieg war keine Nebensache. Er war auch ein Hauptfaktor dafür, dass die Welt 1962 an den Rand eines Atomkriegs geriet, und er wurde nach Beilegung der Raketenkrise unvermindert fortgeführt. Dieser vom Boden der USA ausgehende Terrorkrieg zog sich durch das gesamte vergangene Jahrhundert hin, auch wenn Washington in den letzten Jahren keine direkten Terrorakte mehr gegen Kuba unternahm, sondern nur noch die Basis dafür zur Verfügung stellte und bis heute als Rückzugsgebiet für einige der schlimmsten internationalen Terroristen dient, deren Verbrechensregister lang ist: Orlando Bosch, Luis Posada Carilles und zahlreiche andere, deren Namen auch im Westen bekannt wären, wenn man es mit dem Kampf gegen den Terrorismus wirklich ernst meinte. Wohlmeinende Kommentatoren vermeiden es in diesem Zusammenhang, an die Bush-Doktrin zu erinnern, die dieser anlässlich des Angriffs auf Afghanistan propagierte: Wer Terroristen Zuflucht bietet, mache sich genauso schuldig wie die Terroristen selbst und müsse entsprechend behandelt werden, also mit Bomben und Einmarsch rechnen. Vielleicht ist damit ausreichend illustriert, dass internationaler Staatsterrorismus im gesamten politischen Spektrum als probates Mittel der Politik gilt. Gleichwohl war Reagan der erste neuzeitliche Präsident, der so dreist war, zur „üblen Geißel des Terrorismus“ zu greifen und das unter dem Deckmantel eines „Krieges gegen den Terror“ zu verbergen. Die Dreistigkeit des Reaganschen Terrors an sich war nicht weniger beeindruckend als sein Ausmaß. Ich will dazu nur ein Beispiel nennen, für das Ereignisse in Deutschland einen Vorwand lieferten. Im April 1986 bombardierte die US-Luftwaffe Libyen, wobei Dutzende Zivilisten ums Leben kamen. Ich möchte persönlich anmerken, dass ich am Tag der Bombardierung, etwa um halb sieben Uhr abends, aus Tripolis den Telefonanruf meines alten Freundes Charles Glass erhielt, der als Nahost-Korrespondent für den Fernsehsender ABC arbeitet. Er riet mir, die 19-Uhr-Nachrichten anzuschauen. 1986 liefen bei allen Fernsehsendern die Hauptnachrichten um 19 Uhr. Genau um 19 Uhr machten die Nachrichtensprecher ihre Schaltungen nach Libyen und zeigten live die Bombardierung von Tripolis und Bengasi durch US-Maschinen. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass eine Bombardierung für die Hauptsendezeit des Fernsehens inszeniert wurde, was logistisch gar nicht so einfach zu lösen war. Die Kampfbomber bekamen damals keine Überfluggenehmigung für Frankreich und mussten einen weiten Umweg über den Atlantik fliegen, um rechtzeitig zum Beginn der Abendnachrichten vor Ort zu sein. Nach den aufregenden Szenen mit den brennenden Städten in Libyen schalteten die Sender zu ihren Studios nach Washington, wo dann sachlich darüber berichtet wurde, gemäß der neu entwickelten Doktrin der „Selbstverteidigung gegen künftige Angriffe“ verteidigten die USA sich nur gegen Libyens Terror. Regierungssprecher informierten das Land darüber , es lägen gewisse Erkenntnisse vor, dass Libyen ein paar Tage zuvor einen Bombenanschlag auf eine Diskothek in Berlin ausgeführt hätte, wobei ein US-Soldat ums Leben gekommen war. Die vorgebliche hohe Gewissheit sank kurze Zeit später auf Null, wie man schließlich einräumte, nachdem die Falschinformation ihren Zweck erfüllt hatte. Kaum jemand schien sich zu fragen, ob der Anschlag auf die Diskothek den mörderischen Angriff auf libysche Zivilisten überhaupt rechtfertigte. Die Medien gingen auf die merkwürdige zeitliche Abstimmung des US-Luftangriffs nicht näher ein. Die Kommentatoren waren vielmehr von der Solidität der – in Wirklichkeit nicht vorliegenden – Beweise und Washingtons Achtung vor dem Gesetz begeistert. In einer typischen Reaktion erklärten die Redakteure der New York Times, dass „selbst der äußerst gewissenhafte Bürger den amerikanischen Angriffen auf Libyen nur zustimmen und applaudieren kann. … (D)ie Vereinigten Staaten haben (Gaddhafi) mit Sorgfalt, unter Wahrung der Verhältnismäßigkeit und gerecht bestraft“, die Beweise für die Verantwortung Libyens für den Bombenanschlag auf die Diskothek seien „vor den Augen der Öffentlichkeit klar dargelegt“ worden, und „dann ging es vor die Jury, die europäischen Regierungen, zu denen die Vereinigten Staaten Emissäre bemühten, um ihnen die Beweise vorzulegen und sie um eine konzertierte Aktion gegen den libyschen Staatsführer zu ersuchen.“ Völlig außer acht gelassen wurde dabei, dass überhaupt keine glaubwürdigen Beweise vorgelegt wurden und dass die „Jury“ in Wahrheit sehr skeptisch reagierte, vor allem die Regierung in Deutschland, wo man trotz intensiver Ermittlungen keinerlei Hinweise auf die Täter gefunden hatte. Da war es auch nicht mehr relevant, dass die „Jury“ die USA aufgefordert hatte, jedwede Aktion zu unterlassen. Die Bombardierung Libyens war geschickt abgestimmt auf die anstehende Abstimmung des Kongresses über die Hilfe für die von den USA gegen Nicaragua ins Feld geführten Terrorkräfte. Um sicherzustellen, dass das Timing seinen Zweck erfüllte, stellte Reagan ausdrücklich den Zusammenhang her. Einen Tag nach der Bombardierung erklärte er in einer Rede: „Ich darf das Haus (Repräsentantenhaus), vor der für diese Woche anstehenden Abstimmung daran erinnern, dass dieser Erzterrorist (Gaddhafi) 400 Millionen US-Dollar und ein Waffenarsenal sowie Berater nach Nicaragua geschickt hat, um seinen Krieg in die Vereinigten Staaten zu tragen. Er hat damit geprahlt, er helfe den Nicaraguanern, weil sie auf heimischem Boden gegen Amerika kämpften.“ Nämlich Amerikas heimischen Boden in Nicaragua. Der Gedanke, dass der „verrückte Hund“ seinen Krieg zu uns trägt, indem er ein Land, das wir mit einer von der CIA geführten Terrorarmee, die auf dem Gebiet des von uns abhängigen Honduras stationiert ist, mit Waffen versorgt, hatte seinen besonderen Reiz, der nicht unbeachtet blieb. Wie die landesweite Presse erklärte, sollte die Bombardierung Libyens „Reagan im Umgang mit dem Kongress in Fragen wie dem Militärhaushalt und der Hilfe für die ›Contras‹ in Nicaragua stärken“. Dies war jetzt nur ein kurzer Einblick in Reagans Beiträge zum internationalen Terrorismus. Der am längsten andauernde war sein begeisterter Aufbau der Dschihad-Bewegung in Afghanistan. Die Gründe dafür erläuterte der Stationschef der CIA in Islamabad, der das Projekt persönlich leitete. Nach seinen Worten ging es darum, „sowjetische Soldaten zu töten“, ein „edles Ziel“, das er genauso „liebe“ wie sein Chef in Washington. Der Agentenführer betonte auch, es gehe „nicht um die Befreiung Afghanistans“ – und nach Meinung von Fachleuten hat [die Politik der USA] wahrscheinlich sogar den Rückzug der Sowjetunion noch hinausgezögert. Mit seinem zielsicheren Instinkt zur Begünstigung der gewalttätigsten Verbrecher wählte Reagan als Empfänger großzügiger Hilfsleistungen Gulbuddin Hekmatyar aus, der bekannt dafür war, jungen Frauen in Kabul Säure ins Gesicht zu schütten, und jetzt einer der Anführer der Aufständischen in Afghanistan ist, wenngleich er sich vielleicht schon bald den anderen Warlords der vom Westen gestützten Regierung anschließen mag, wie aktuellen Berichten zu entnehmen ist. Reagan ließ auch Zia ul-Haq, dem schlimmsten unter Pakistans Diktatoren, großzügige Unterstützung zukommen, indem er ihm bei der Entwicklung seines Atomwaffenprogramms und der Durchführung seines von Saudi-Arabien finanzierten Projekts der radikalen Islamisierung Pakistans half. Es ist leicht nachvollziehbar, welche Bürde das für diese geschundenen Länder und die Welt bedeutet. Außer gegen Kuba richtete sich die Plage des Staatsterrorismus in der westlichen Hemisphäre 1964 auch gegen Brasilien, das durch einen Staatsstreich in einen der ersten in einer ganzen Reihe von neofaschistischen Nationalen Sicherheitsstaaten verwandelt und eine bis dahin in dieser Hemisphäre nicht gekannte Plage der Repression entfesselt wurde. Dahinter stand immer Washington, weshalb sich dort eine besonders gewalttätige Form des staatlich gelenkten internationalen Terrorismus entwickelte. Die Kampagne [in Brasilien] war in hohem Maße ein Krieg gegen die Kirche. Es war mehr als nur symbolhaft, dass sie im November 1989, nur wenige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer, ihren Höhepunkt fand in der Ermordung von sechs führenden lateinamerikanischen Intellektuellen. Diese sechs Jesuitenpriester wurden durch ein salvadorianisches Elitebataillon ermordet, das gerade frisch von einem Lehrgang an der John F. Kennedy Special Forces School in North Carolina kam. Wie erst im letzten November bekannt wurde – offensichtlich ohne auf ein sonderliches Interesse zu stoßen –, war der Mordbefehl durch den Armeechef und seinen Stab unterzeichnet worden, die alle so eng mit dem Pentagon und der US-Botschaft verbunden waren, dass es kaum vorstellbar ist, dass Washington nichts von den Plänen dieses Musterbataillons gewusst haben soll. Diese Eliteeinheit hatte bereits eine Blutspur hinterlassen mit den in diesem fürchterlichen Jahrzehnt der 1980er Jahre in El Salvador üblichen Opfern. Das erste war Erzbischof Romero, die „Stimme der Unterdrückten“, dessen Mörder aus eben diesen Kreisen kamen. Die Ermordung der Jesuitenpriester war ein vernichtender Schlag gegen die Befreiungstheologie, jene bemerkenswerte Wiederbelebung des Christentums, initiiert von Johannes XXI, mit der eigentlich „eine neue Ära in der Geschichte der katholischen Kirche eingeleitet“ werden sollte, wie es der herausragende Theologe und Historiker Hans Küng damals ausdrückte. Inspiriert durch das Zweite Vatikanische Konzil, nahmen die lateinamerikanischen Bischöfe die „Option für die Armen“ an und erneuerten den radikalen Pazifismus des Evangeliums, der praktisch gegenstandslos geworden war, seit Kaiser Konstantin der Große das Christentum zur offiziellen Religion des Römischen Reiches gemacht hatte. „Eine Revolution“, so Küng, die aus der „verfolgten Kirche“ eine „verfolgende Kirche“ machte. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde versucht, die Lehre des Christentums aus der Zeit vor Konstantin dem Großen neu zu beleben. Priester, Nonnen und Laien trugen die Botschaft des Evangeliums zu den Armen und Verfolgten [Lateinamerikas], schlossen sie in „Basisgemeinden“ zusammen und ermutigten sie, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und gemeinsam das Elend des Überlebenskampfs im brutalen Herrschaftsbereich der USA zu überwinden. Die Reaktion auf diese schwere Ketzerei folgte schon bald. Die erste Salve war der noch zu John F. Kennedys Lebzeiten geplante und 1964 durchgeführte Militärputsch in Brasilien, mit dem eine leicht sozialdemokratisch angehauchte Regierung gestürzt und ein mit Folter und Gewalt herrschendes Regime errichtet wurde. Die Kampagne endete mit der Ermordung der jesuitischen Intellektuellen vor 20 Jahren. Es ist viel darüber diskutiert worden, wer den Anstoß zum Fall der Berliner Mauer für sich reklamieren kann, aber es wird kein Wort darüber verloren, wer die Verantwortung trägt für die brutale Zerschlagung des Versuchs, die Kirche des Evangeliums wiederzubeleben. Washingtons School of the Americas, berüchtigt wegen ihrer Ausbildung lateinamerikanischer Mordkommandos, warb voller Stolz damit, dass die Befreiungstheologie „mit Unterstützung der US-Armee besiegt wurde“ – sicher nicht ohne Unterstützung des Vatikan, der dazu die sanfteren Mittel des Kirchenausschlusses und der Unterdrückung abweichender Lehre einsetzte. Sie werden sich erinnern, dass im letzten November der 20. Jahrestag der Befreiung Osteuropas von der russischen Tyrannei gefeiert wurde, ein Sieg der Kräfte „der Liebe, Toleranz, Gewaltlosigkeit, des menschlichen Geistes und der Vergebung“, wie es Václav Havel erklärte. Weniger Aufmerksamkeit – besser gesagt: null Aufmerksamkeit – erfuhr jedoch die brutale Ermordung seiner salvadorianischen Zeitgenossen ein paar Tage nach dem Fall der Berliner Mauer. Und ich bezweifle, dass man auch nur eine Anspielung finden würde auf das, was diese brutale Ermordung bedeutete: Das Ende eines Jahrzehnts grausamsten Terrors in Mittelamerika und den endgültigen Triumph der „Rückkehr zur Barbarei in unserer Zeit“, begonnen mit dem Putsch in Brasilien 1964, bei dem viele religiöse Märtyrer auf der Strecke blieben, und mit dem die aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil hervorgehende Irrlehre beendet wurde. Nicht gerade das, was man sich unter einer Ära „der Liebe, Toleranz, Gewaltlosigkeit, des menschlichen Geistes und der Vergebung“ vorstellt. Warten wir ab, wie viel Aufmerksamkeit morgen dem 30. Jahrestag der „Stimme der Unterdrückten“ zuteil wird, der ermordet wurde, während er eine Messe las, und nur wenige Tage nachdem er Präsident Carter einen Brief geschrieben hatte, in dem er ihn flehentlich – und leider vergeblich – bat, die Hilfe für die Militärjunta einzustellen, „die nur weiß, wie man das Volk unterdrückt und wie man die Interessen der salvadorianischen Oligarchie schützt“. Romero warnte davor, die Junta werde die Hilfe dazu nutzen, „die Volksorganisationen zu zerschlagen, mit denen das Volk seine fundamentalen Menschenrechte verteidigt“. Aber genau das trat ein. Und für uns wird es sehr lehrreich sein, wenn wir sehen, wie der morgige Jahrestag begangen wird. Der Gegensatz zwischen den Feierlichkeiten im letzten November anlässlich des Sturzes der Tyrannei des Feindes [gemeint ist der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten von 20 Jahren] und dem Stillschweigen über die Höhepunkte scheußlicher Grausamkeiten in unserem eigenen Bereich ist so krass, dass man sich schon sehr anstrengen muss, ihn zu übersehen. Das wirft kein gutes Licht auf unsere moralische und geistige Kultur. Das Gleiche trifft zu auf die retrospektiven Einschätzungen der Ära von [US-Präsident Ronald] Reagan. Die Mythologie von dem, was damals erreicht wurde, können wir beiseite lassen, auch wenn sie Kim Il-Sung sicher beeindruckt hätte. Was Reagan vollbrachte, hat sich praktisch in Nichts aufgelöst. Präsident Barack Obama würdigt ihn dennoch als „transformative Persönlichkeit“. Am namhaften Hoover Institute der Stanford University bezieht man sich auf Reagan als Riesen, der „das Land zu durchschreiten scheint, und der auf uns herabschaut wie ein warmherziger und freundlicher Geist“. Wenn wir die Hauptstadt Washington per Flugzeug erreichen, landen wir entweder auf dem Reagan International Airport oder, wenn uns das lieber ist, auf dem John Foster Dulles International Airport, womit ein weiterer prominenter Terroristenbefehlshaber geehrt wird, zu dessen Ruhmestaten es gehört, die demokratisch gewählten Regierungen in Iran und Guatemala gestürzt und anschließend den Terror- und Folterstaat des Schah von Persien und einige der schlimmsten Terrorstaaten Mittelamerikas errichtet zu haben. Die terroristischen Heldentaten von Washingtons guatemaltekischen Klienten erreichten in den 1980er Jahren im Hochland Guatemalas Ausmaße eines Völkermordes, während Reagan Ríos Montt, den schlimmsten Killer des Landes, als „einen Mann von großer persönlicher Integrität“ pries, der sich „völlig der Demokratie gewidmet“ habe, aber von Menschenrechtsorganisationen „mit falschen Anschuldigungen unfair behandelt“ werde. Ich habe über den internationalen Terrorismus geschrieben, seit Reagan 1981 den „Krieg gegen den Terror“ erklärte. Dabei habe ich mich an die offiziellen Definitionen von „Terrorismus“ gehalten, wie sie übereinstimmend in US-amerikanischen und britischen Gesetzen verankert und in Armeehandbüchern dargelegt sind. Nach einer knapp gehaltenen offiziellen Definition ist Terrorismus „der kalkulierte Einsatz von Gewalt oder die Drohung mit Gewalt, um Ziele zu erreichen, die politischer, religiöser oder ideologischer Natur sind (…) durch Einschüchterung, Zwang oder das Einflößen von Angst“. Alles, was ich bisher beschrieben habe, erfüllt diese Definition, aber noch einiges mehr fällt im technischen Sinne US-amerikanischer und britischer Gesetze in diese Kategorie des Terrorismus, nämlich der staatlich gelenkte internationale Terrorismus. Genau aus diesem Grund sind die offiziellen Definitionen jedoch unbrauchbar. Sie machen den entscheidenden Unterschied nicht deutlich: Diese Definition des „Terrorismus“ muss irgendwie so entworfen werden, dass zwar ihr Terrorismus gegen uns enthalten ist, unser Terrorismus gegen sie, der oftmals viel extremer ist, aber davon ausgeschlossen bleibt. Die Aufgabe, eine umfassendere Definition zu entwickeln, ist eine echte Herausforderung. Entsprechend hat es seit den 1980er Jahren viele wissenschaftliche Konferenzen, akademische Publikationen und internationale Symposien gegeben, die sich der Aufgabe widmeten, den Begriff „Terrorismus“ zu definieren. Im öffentlichen Diskurs tritt dieses Problem nicht auf. Gebildete Kreise haben die offizielle Bedeutung des Begriffs „Terrorismus“ verinnerlicht, welcher zur Rechtfertigung staatlichen Handelns und zur Kontrolle der einheimischen Bevölkerungen dient. Das Abweichen von dieser Maßgabe wird üblicherweise ignoriert; wird es jedoch bemerkt, löst man eindrucksvolle Wutausbrüche aus. Halten wir uns also einfach an die Konventionen und beschränken unsere Aufmerksamkeit auf den Terror, den sie gegen uns richten. Das ist nicht zum Lachen und erreicht manchmal ein extremes Niveau. Das wohl ungeheuerlichste Einzelverbrechen des internationalen Terrorismus der Neuzeit war die Zerstörung des World Trade Centers am 11. September [2001]. Heute nennt es jeder schlicht „9/11“. Fast 3000 Menschen kamen bei diesem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ um, ausgeführt mit „niederträchtiger Boshaftigkeit und unglaublicher Grausamkeit“, wie [der britische Nahost-Korrespondent] Robert Fisk schrieb. Man ist sich weithin einig, dass „9/11“ die Welt verändert hat. So fürchterlich das Verbrechen auch war, ist dennoch eine Steigerung vorstellbar. Nehmen wir einmal an, Al-Qaida wäre durch eine Supermacht unterstützt worden, die die Absicht hegte, die Regierung der Vereinigten Staaten zu stürzen. Nehmen wir an, der Angriff wäre erfolgreich gewesen, Al-Qaida hätte das Weiße Haus bombardiert, den Präsidenten getötet und eine brutale Militärdiktatur installiert, die 50000 bis 100000 Menschen umgebracht und 700000 brutal gefoltert hätte. Sodann hätte man in Washington eine Schaltzentrale des Terrors und der Subversion aufgebaut, um von dort aus Mordanschläge in aller Welt zu verüben und um dazu beizutragen, im Ausland „Nationale Sicherheitsstaaten“ zu errichten, in denen nicht weniger hemmungslos gefoltert und gemordet würde. Nehmen wir weiter an, der Diktator hätte sich Wirtschaftsberater ins Land geholt, die innerhalb weniger Jahre die einheimische Wirtschaft in die schlimmste Katastrophe ihrer Geschichte getrieben hätten, während ihre stolzen Mentoren Nobelpreise und weitere Auszeichnungen einheimsten. Das alles wäre weitaus entsetzlicher gewesen als „9/11“. Und wir alle sollten eigentlich wissen, dass wir uns dieses Szenario nicht ausdenken müssen, weil es in Wirklichkeit passiert ist: in Chile, an einem Tag, den die Lateinamerikaner mitunter „den ersten 9/11“ nennen, weil es [der Militärputsch] am 11. September 1973 geschah. Ich habe in meiner Schilderung nur eine einzige Veränderung vorgenommen, indem ich die Bevölkerungszahlen [Chiles und der USA] in Relation zueinander gesetzt und die Opferzahlen hochgerechnet habe, um zu einem angemessenen Vergleich zu kommen. Der erste „9/11“ hat jedoch die Geschichte aus guten Gründen nicht verändert. Die Ereignisse waren zu normal. Tatsächlich war die Errichtung des Pinochet-Regimes nur ein Ereignis im Rahmen der Plage, die 1964 mit dem Militärputsch in Brasilien begonnen hatte, sich dann mit ähnlichen oder noch schlimmeren Schrecken auf andere Länder ausbreitete und schließlich in den 1980er Jahren unter Reagan Mittelamerika erreichte. In Übereinstimmung mit seiner Grundhaltung zur staatlichen Gewalt stand für Reagan das Regime der argentinischen Generäle in Lateinamerika an erster Stelle. Die argentinische Militärjunta war unter allen Putsch-Regimen mit Abstand das grausamste und befand sich im Einklang mit seiner Einstellung gegenüber staatlicher Gewalt. Lassen wir all diese unangenehmen Realitäten einmal beiseite und wenden uns wieder der konventionellen Betrachtung im Rahmen der Doktrin der offiziellen Definition von „Terrorismus“ zu. Stellen wir uns also vor, der Krieg gegen den Terror, wie ihn George W. Bush am 11. September 2001 erneut erklärt hat, sei tatsächlich darauf ausgerichtet gewesen, der Plage des internationalen Terrorismus ein Ende zu bereiten. Zur Erreichung dieses Zieles wären vernünftige Schritte möglich gewesen. Die mörderischen Anschläge von „9/11“ wurden ja selbst aus den Reihen der Dschihad-Bewegung aufs schärfste verurteilt. Ein möglicher konstruktiver Schritt wäre gewesen, Al-Qaida zu isolieren und die Opposition gegen Al-Qaida zu einen bis hin zu jenen, die sich von diesem Projekt angezogen fühlten. Aber nichts dergleichen scheint je auch nur in Erwägung gezogen worden zu sein. Statt dessen trafen die Bush-Regierung und ihre Verbündeten Entscheidungen, die einen Einigungsprozess der Dschihad-Bewegung zur Unterstützung [Osama] Bin Ladens und die Mobilisierung weiterer Kräfte für seine Sache noch begünstigten, indem sie seine Behauptung, der Westen befinde sich im Krieg mit dem Islam, bestätigten: durch den Einmarsch zuerst in Afghanistan, dann in Irak, durch Folter an und Verlegung von Gefangenen in ausländische Geheimgefängnisse und durch den generellen Einsatz von Gewalt zum Zwecke der Sicherung der Staatsmacht. Aus gutem Grund kommt Michael Scheuer, der seit Jahren die Aufgabe hatte, Bin Laden im Auftrag der CIA aufzuspüren, zu dem Schluss, dass „die Vereinigten Staaten von Amerika der einzig verbliebene unentbehrliche Verbündete von Bin Laden sind“. Denselben Schluss zog US-Major Matthew Alexander, unter den Vernehmungsoffizieren vielleicht der am meisten respektierte, der einer Quelle die Informationen entlockte, durch die man Abu Mussab Al-Sarkawi, den Kopf der Al-Qaida in Irak, festsetzen konnte. Alexander hat nur Verachtung für brutale Vernehmungsmethoden übrig, wie sie die Bush-Regierung verlangte. Wie seine Vernehmungskollegen vom FBI, so glaubt auch er, dass die von [Verteidigungsminister Donald] Rumsfeld und [Vizepräsident Richard] Cheney bevorzugte Folter zu keinen nützlichen Informationen führt, im Gegensatz zu humaneren Vernehmungsmethoden, mit denen man sogar einige Zielpersonen erfolgreich umdrehen und sie zu verlässlichen Informanten und Kollaborateuren machen konnte. Alexander stellt Indonesien wegen der dort üblichen zivilisierten Vernehmungsmethoden heraus und drängt die USA dazu, dem Beispiel dieses Landes zu folgen. Die von Rumsfeld und Cheney bevorzugte Folter verhindert nicht nur nützliche Informationen, sie züchtet vielmehr neue Terroristen heran. In Hunderten Verhören musste Alexander feststellen, dass viele aus dem Ausland stammende Kämpfer in Reaktion auf die Misshandlungen an Gefangenen in Abu Ghraib und Guantánamo nach Irak kamen und dass sie und ihre einheimischen Verbündeten aus den gleichen Gründen mit Selbstmordattentaten und anderen terroristischen Aktionen begannen. Alexander ist der Meinung, dass der Einsatz von Folter und Gewalt wahrscheinlich mehr US-Soldaten das Leben gekostet hat, als die terroristischen Anschläge des „9/11“ insgesamt an Opfern forderten. Die signifikanteste Offenbarung in freigegebenen Folterprotokollen ist die, dass die Verhörenden unter „erbarmungslosem Druck“ seitens Cheney und Rumsfeld standen, endlich zu härteren Methoden zu greifen, um Beweise zu finden für die phantastische Behauptung, Saddam Hussein kooperiere mit Al-Qaida. Der Überfall auf Afghanistan im Oktober 2001 wird als „guter Krieg“ bezeichnet, als gerechtfertigter Akt der Selbstverteidigung mit dem edlen Ziel, die Menschenrechte vor den bösen Taliban zu schützen. Mit diesem zum allgemeingültigen Anspruch erhobenen Argument gibt es allerdings einige Probleme. Zum einen war es zu Beginn nicht das erklärte Ziel, die Taliban zu beseitigen. Bush informierte vielmehr das Volk Afghanistans, das Bombardement werde solange fortgesetzt, bis die Taliban Bin Laden an die USA auslieferten, was sie vielleicht auch getan hätten, wenn die USA auf ihre Forderung eingegangen wären, irgendeinen Beweis seiner Mitverantwortung für „9/11“ zu liefern. Diese Forderung wurde aus guten Gründen verächtlich zurückgewiesen. Wie der FBI-Chef acht Monate später einräumen musste, hatten sie nach den aufwendigsten internationalen Ermittlungen der Geschichte immer noch keinerlei Beweise dafür. Und sie hatten ganz sicherlich auch im Oktober [2001] über keine derartigen Beweise verfügt. Sie hatten nichts in der Hand, das FBI „glaubte“ lediglich, die Anschläge seien in Afghanistan ausgeheckt und dann in den Emiraten am Golf und in Deutschland umgesetzt worden. Drei Wochen nach Beginn der Bombardierung [Afghanistans] verlagerten sich die Kriegsziele auf den Sturz des Taliban-Regimes. Der britische Admiral Michael Boyce verkündete, das Bombardement werde fortgesetzt, bis „die Bevölkerung des Landes (…) einen Wechsel der Führung erreicht hat“ – ein Musterbeispiel aus dem Lehrbuch des internationalen Terrorismus. Es stimmt auch nicht, dass es keine Einwände gegen den Angriff gegeben hätte. Die internationalen Hilfsorganisationen haben praktisch einstimmig und lautstark Einwände erhoben, weil mit dem Krieg all ihre so dringend benötigten Hilfsprogramme beendet waren. Damalige Schätzungen besagten, dass das Überleben von fünf Millionen Menschen von dieser Hilfe abhing und dass noch einmal 2,5 Millionen gefährdet waren zu verhungern, wenn die USA und England angreifen würden. Die Bombardierung war deshalb ein Beispiel absolut kriminellen Handelns, egal ob die befürchteten Folgen eintraten oder nicht. Außerdem wurde das Bombardement von führenden Afghanen, die in Opposition waren gegen die Taliban, aufs heftigste verurteilt, unter ihnen auch der von den USA geschätzte Abdul Haq, den Präsident Hamid Karsai nach dem Krieg als Märtyrer pries. Unmittelbar bevor er nach Afghanistan kam und [von den Taliban] ergriffen und getötet wurde, hatte er das laufende Bombardement verurteilt und die USA kritisiert, weil sie es ablehnten, seine Bemühungen und die von anderen zu unterstützen, „eine Revolte innerhalb der Taliban anzuzetteln“. Das Bombardement sei „ein herber Rückschlag für diese Bemühungen“, sagte Abdul Haq, erläuterte seine Absichten näher und appellierte an die USA, ihnen finanziell und durch andere Arten der Unterstützung zu helfen, statt ihre Bemühungen mit Bomben zu zerschlagen. Die USA, so Haq, „versuchen, ihre Muskeln spielen zu lassen, einen Sieg zu erringen und die ganze Welt einzuschüchtern. Sie scheren sich nicht um das Leiden der Afghanen oder darum, wie viele Menschenleben wir dabei verlieren“. Kurz darauf versammelten sich 1000 afghanische Anführer im pakistanischen Peshawar, wo ein Teil von ihnen im Exil lebte, andere kamen direkt aus Afghanistan. Aber alle waren sich darin einig, das Taliban-Regime stürzen zu wollen. Die Presse schrieb: „Es war eine der seltenen Manifestationen der Einheit unter den Stammesführern, Islamwissenschaftlern, Vertretern politischer Fraktionen und früheren Guerillakommandeuren.“ Sie stimmten in vielen Fragen nicht überein, waren sich aber darin einig, „die USA zu ermahnen, die Luftangriffe einzustellen“, und an die internationalen Medien zu appellieren, ein Ende der „Bombardierung unschuldiger Menschen“ zu fordern. Sie baten dringend darum, andere Mittel einzusetzen, um das verhasste Taliban-Regime zu stürzen. Ein Ziel, das sie für erreichbar hielten, ohne dass es weitere Tote und Zerstörungen geben musste. Die Bombardierungen wurden auch von der prominenten Frauenorganisation RAWA heftigst verurteilt, was aber erst später Beachtung fand, als es ideologisch dienlich schien, (kurzzeitig) Besorgnis über das Los der Frauen in Afghanistan zum Ausdruck zu bringen. Kurz gesagt: Dieser unbestreitbar „gute Krieg“ sieht schon gar nicht mehr so gut aus, wenn wir uns näher mit den unangenehmen Fakten auseinandersetzen. Es ist sicher nicht notwendig, jetzt länger auf den Einmarsch in Irak einzugehen. Weil man sich ausschließlich auf die Auswirkungen des Dschihad-Terrors konzentrierte, stand zu erwarten, dass die Invasion zu einem Anwachsen des Terrorismus führen würde. Genau das geschah auch, allerdings in einem Ausmaß, das alle Erwatungen übertraf. Nach den Analysen von Terrorismusexperten in den USA stieg der Terror um das Siebenfache an. Nun könnte man fragen, warum die Angriffe dann überhaupt unternommen wurden, aber es ist eigentlich ganz klar, dass der Kampf gegen die üble Geißel des Terrorismus dabei nicht die höchste Priorität hatte, wenn er überhaupt erwogen wurde. Wäre es darum gegangen, dann hätte es Optionen gegeben, denen man hätte folgen können. Einige habe ich bereits erwähnt. Ganz allgemein hätten die Amerikaner und Engländer die angemessenen Verfahren einsetzen können, wie sie im Umgang mit Schwerstverbrechen üblich sind: Die Täter ermitteln, Verdächtige festnehmen (falls nötig, mit internationaler Unterstützung, die man leicht bekommen hätte) und ihnen dann einen fairen Prozess machen. Außerdem sollte man den Wurzeln des Terrorismus mehr Aufmerksamkeit schenken. Das kann äußerst effektiv sein, wie die USA und England gerade in Nordirland erfahren konnten. Der Terror der IRA war eine sehr ernste Angelegenheit. Solange London mit Gewalt, Terror und Folter reagierte, war die britische Regierung selbst „der unentbehrliche Verbündete“ der eher gewaltorientierten Elemente innerhalb der IRA, und der Terror eskalierte ständig weiter. Ende der 1990er Jahre fing London dann an, sich um die Missstände zu kümmern, die die Wurzeln des Terrors waren, und sich der legitimen Anliegen anzunehmen – was völlig unabhängig vom Terror das richtige Handeln war. Innerhalb weniger Jahre gab es praktisch keinen Terror mehr. Ich war 1993 in Belfast. Es war ein Kriegsgebiet. Und ich war im vorigen Herbst wieder da. Man spürt Spannungen, aber sie haben jetzt einen Grad, der für einen Besucher kaum zu spüren ist. Man kann wichtige Lehren aus der Situation dort ziehen. Aber auch ohne diese Erfahrung sollten wir wissen, dass Gewalt neue Gewalt erzeugt. Sympathie und Verständnis für berechtigte Sorgen hingegen können die Leidenschaften beruhigen und Kooperation und Empathie erzeugen. Wenn wir also ernsthaft die Plage des Terrorismus beenden wollen, dann wissen wir, wie das geht. Erstens müssen wir uns von unserer eigenen Täterrolle verabschieden. Schon das allein würde beträchtliche Auswirkungen haben. Zweitens müssen wir uns um die Ursachen kümmern, die typischerweise den Hintergrund von Konflikten bilden, und wenn die Anliegen legitim sind, müssen wir uns mit ihnen befassen. Drittens: Wenn sich ein Terrorakt ereignet, müssen wir ihn wie eine Straftat behandeln, die Verdächtigen ermitteln und festnehmen und sie einem ordentlichen Gerichtsverfahren überantworten. Das funktioniert tatsächlich. Im Gegensatz dazu erhöhen die heute eingesetzten Techniken die Terrorgefahr. Beweise gibt es dazu wirklich genug, und sie decken sich mit weiteren Erkenntnissen. Es ist ja das nicht der einzige Fall, bei dem gute Ansätze, die eine ernsthafte Bedrohung verringern könnten, systematisch missachtet werden und statt dessen untaugliche Herangehensweisen zur Anwendung kommen. Der „Krieg gegen die Drogen“ könnte hier als weiteres Beispiel dienen. In über 40 Jahren ist es in diesem Krieg noch nicht einmal gelungen, den Drogenkonsum auch nur einzuschränken oder den Preis der Drogen im Straßenverkauf zu verringern. In zahlreichen Studien, sogar solchen, die die US-Regierung in Auftrag gegeben hat, wurde nachgewiesen, dass Prävention und Therapie die bei weitem kostengünstigsten Methoden sind. Aber dieser Ansatz wird in der Regierungspolitik beständig außer Acht gelassen und statt dessen lieber auf teure Gewaltmaßnahmen gesetzt, die keinerlei Einfluss haben auf den Drogenkonsum, aber beständig jede Menge andere Konsequenzen nach sich ziehen. Fälle wie diese lassen nur einen einzigen vernünftigen Schluss zu, nämlich den, dass die erklärten Ziele nicht die wirklichen Ziele sind, und wenn wir über letztere etwas erfahren wollen, dann müssen wir einen auch auf der Ebene des Rechts üblichen Ansatz wählen: sich auf vorhersehbare Ereignisse als Beweis für die Absichten stützen. Ich glaube, dass dieser Ansatz zu sehr plausiblen Schlussfolgerungen führen kann sowohl für den „Krieg gegen Drogen“, für den „Krieg gegen den Terror“ als auch für viele andere. Das wäre jedoch eine Aufgabe für einen anderen Tag. Gruppe Krisis 1. Die Herrschaft der toten Arbeit Ein Leichnam beherrscht die Gesellschaft – der Leichnam der Arbeit. Alle Mächte rund um den Globus haben sich zur Verteidigung dieser Herrschaft verbündet: Der Papst und die Weltbank, Tony Blair und Jörg Haider, Gewerkschaften und Unternehmer, deutsche Ökologen und französische Sozialisten. Sie alle kennen nur eine Parole: Arbeit, Arbeit, Arbeit! Wer das Denken noch nicht verlernt hat, erkennt unschwer die Bodenlosigkeit dieser Haltung. Denn die von der Arbeit beherrschte Gesellschaft erlebt keine vorübergehende Krise, sie stößt an ihre absolute Schranke. Die Reichtumsproduktion hat sich im Gefolge der mikroelektronischen Revolution immer weiter von der Anwendung menschlicher Arbeitskraft entkoppelt – in einem Ausmaß, das bis vor wenigen Jahrzehnten nur in der Science-fiction vorstellbar war. Niemand kann ernsthaft behaupten, daß dieser Prozeß noch einmal zum Stehen kommt oder gar umgekehrt werden kann. Der Verkauf der Ware Arbeitskraft wird im 21. Jahrhundert genauso aussichtsreich sein wie im 20. Jahrhundert der Verkauf von Postkutschen. Wer aber in dieser Gesellschaft seine Arbeitskraft nicht verkaufen kann, gilt als “überflüssig” und wird auf der sozialen Müllhalde entsorgt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Dieser zynische Grundsatz gilt noch immer – und heute mehr denn je, gerade weil er hoffnungslos obsolet wird. Es ist absurd: Die Gesellschaft war niemals so sehr Arbeitsgesellschaft wie in einer Zeit, in der die Arbeit überflüssig gemacht wird. Gerade in ihrem Tod entpuppt sich die Arbeit als totalitäre Macht, die keinen anderen Gott neben sich duldet. Bis in die Poren des Alltags und bis in die Psyche hinein bestimmt sie das Denken und Handeln. Es wird kein Aufwand gescheut, um das Leben des Arbeitsgötzen künstlich zu verlängern. Der paranoide Schrei nach “Beschäftigung” rechtfertigt es, die längst erkannte Zerstörung der Naturgrundlagen sogar noch zu forcieren. Die letzten Hindernisse für die totale Kommerzialisierung aller sozialen Beziehungen dürfen kritiklos hinweggeräumt werden, wenn ein paar elende “Arbeitsplätze” in Aussicht stehen. Und der Satz, es sei besser, “irgendeine” Arbeit zu haben als keine, ist zum allgemein abverlangten Glaubensbekenntnis geworden. Je unübersehbarer es wird, daß die Arbeitsgesellschaft an ihrem definitiven Ende angelangt ist, desto gewaltsamer wird dieses Ende aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängt. So unterschiedlich die Methoden der Verdrängung auch sein mögen, sie haben einen gemeinsamen Nenner: Die weltweite Tatsache, daß sich die Arbeit als irrationaler Selbstzweck erweist, der sich selber obsolet gemacht hat, wird mit der Sturheit eines Wahnsystems in das persönliche oder kollektive Versagen von Individuen, Unternehmen oder “Standorten” umdefiniert. Die objektive Schranke der Arbeit soll als subjektives Problem der Herausgefallenen erscheinen. Gilt den einen die Arbeitslosigkeit als Produkt überzogener Ansprüche, fehlender Leistungsbereitschaft und Flexiblität, so werfen die anderen “ihren” Managern und Politikern Unfähigkeit, Korruption, Gewinnsucht oder Standortverrat vor. Und schließlich sind sich alle mit Ex-Bundespräsident Roman Herzog einig: Es müsse ein sogenannter “Ruck” durch das Land gehen, ganz so, als handelte es sich um das Motivationsproblem einer Fußballmannschaft oder einer politischen Sekte. Alle sollen sich “irgendwie” gewaltig am Riemen reißen, auch wenn der Riemen längst abhanden gekommen ist, und alle sollen “irgendwie” kräftig anpacken, auch wenn es gar nichts mehr (oder nur noch Unsinniges) zum Anpacken gibt. Der Subtext dieser unfrohen Botschaft ist unmißverständlich: Wer trotzdem nicht die Gnade des Arbeitsgötzen findet, ist selber schuld und kann mit gutem Gewissen abgeschrieben oder abgeschoben werden. Dasselbe Gesetz des Menschenopfers gilt im Weltmaßstab. Ein Land nach dem anderen wird unter den Rädern des ökonomischen Totalitarismus zermalmt und beweist damit immer nur das eine: Es hat sich an den sogenannten Marktgesetzen vergangen. Wer sich nicht bedingungslos und ohne Rücksicht auf Verluste dem blinden Lauf der totalen Konkurrenz “anpaßt”, den bestraft die Logik der Rentabilität. Die Hoffnungsträger von heute sind der Wirtschaftsschrott von morgen. Die herrschenden ökonomischen Psychotiker lassen sich dadurch in ihrer bizarren Welterklärung nicht im geringsten erschüttern. Drei Viertel der Weltbevölkerung sind bereits mehr oder weniger zum sozialen Abfall erklärt worden. Ein “Standort” nach dem anderen stürzt ab. Nach den desaströsen “Entwicklungsländern” des Südens und nach der staatskapitalistischen Abteilung der Weltarbeitsgesellschaft im Osten sind die marktwirtschaftlichen Musterschüler Südostasiens ebenso im Orkus des Zusammenbruchs verschwunden. Auch in Europa breitet sich längst die soziale Panik aus. Die Ritter von der traurigen Gestalt in Politik und Management aber setzen ihren Kreuzzug im Namen des Arbeitsgötzen nur umso verbissener fort. Jeder muß von seiner Arbeit leben können, heißt der aufgestellte Grundsatz. Das Lebenkönnen ist sonach durch die Arbeit bedingt, und es gibt kein solches Recht, wo die Bedingung nicht erfüllt worden. (Johann Gottlieb Fichte, Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, 1797) 2. Die neoliberale Apartheidsgesellschaft Eine auf das irrationale Abstraktum Arbeit zentrierte Gesellschaft entwickelt zwangsläufig die Tendenz zur sozialen Apartheid, wenn der erfolgreiche Verkauf der Ware Arbeitskraft von der Regel zur Ausnahme wird. Alle Fraktionen des parteiübergreifenden Arbeits-Lagers haben diese Logik längst klammheimlich akzeptiert und helfen selber kräftig nach. Sie streiten nicht mehr darüber, ob immer größere Teile der Bevölkerung an den Rand gedrängt und von jeder gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden, sondern nur noch darüber, wie diese Selektion durchgepeitscht werden soll. Die neoliberale Fraktion überläßt das schmutzige sozialdarwinistische Geschäft vertrauensvoll der “unsichtbaren Hand” des Marktes. In diesem Sinne werden die sozialstaatlichen Netze abgebaut, um all diejenigen möglichst geräuschlos zu marginalisieren, die in der Konkurrenz nicht mehr mithalten können. Als Mensch wird nur noch anerkannt, wer zur Bruderschaft der feixenden Globalisierungsgewinnler gehört. Alle Ressourcen des Planeten werden ganz selbstverständlich für die kapitalistische Selbstzweckmaschine usurpiert. Wenn sie dafür nicht mehr rentabel mobilisierbar sind, müssen sie brachliegen, selbst wenn daneben ganze Populationen dem Hunger anheimfallen. Zuständig für den lästigen “Humanmüll” sind die Polizei, die religiösen Erlösungssekten, die Mafia und die Armenküchen. In den USA und in den meisten Staaten Mitteleuropas sitzen inzwischen mehr Menschen im Gefängnis als in jeder durchschnittlichen Militärdiktatur. Und in Lateinamerika werden täglich mehr Straßenkinder und andere Arme von marktwirtschaftlichen Todesschwadronen gekillt als Oppositionelle in den Zeiten der schlimmsten politischen Repression. Nur noch eine gesellschaftliche Funktion bleibt den Ausgestoßenen: die des abschreckenden Beispiels. Ihr Schicksal soll alle, die sich bei der arbeitsgesellschaftlichen “Reise nach Jerusalem” noch im Rennen befinden, im Kampf um die letzten Plätze immer weiter anstacheln und selbst noch die Masse der Verlierer in hektischer Bewegung halten, damit sie gar nicht erst auf den Gedanken kommen, gegen die unverschämten Zumutungen zu rebellieren. Doch auch um den Preis der Selbstaufgabe sieht die schöne neue Welt der totalitären Marktwirtschaft für die meisten nur noch einen Platz als Schattenmenschen in der Schattenwirtschaft vor. Sie haben sich als Billigstarbeiter und demokratische Sklaven der “Dienstleistungsgesellschaft” den besserverdienenden Globalisierungsgewinnlern demütig anzudienen. Die neuen “arbeitenden Armen” dürfen den restlichen Business-Men der sterbenden Arbeitsgesellschaft die Schuhe putzen, ihnen verseuchte Hamburger verkaufen oder ihre Einkaufszentren bewachen. Wer sein Gehirn an der Garderobe abgegeben hat, kann dabei sogar vom Aufstieg zum Service-Millionär träumen. In den angelsächsischen Ländern ist diese Horror-Welt für Millionen bereits Realität, in der Dritten Welt und in Osteuropa sowieso; und in Euro-Land zeigt man sich entschlossen, den bestehenden Rückstand zügig aufzuholen. Die einschlägigen Wirtschaftsblätter machen jedenfalls längst kein Geheimnis mehr daraus, wie sie sich die ideale Zukunft der Arbeit vorstellen: Die Kinder der Dritten Welt, die an verpesteten Straßenkreuzungen die Scheiben der Autos putzen, sind das leuchtende Vorbild “unternehmerischer Initiative”, an dem sich die Arbeitslosen in der hiesigen “Dienstleistungswüste” gefälligst zu orientieren haben. “Das Leitbild der Zukunft ist das Individuum als Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsvorsorge” schreibt die “Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen”. Und: “Die Nachfrage nach einfachen personenbezogenen Diensten ist umso größer, je weniger die Dienste kosten, und das heißt die Dienstleister verdienen.” In einer Welt, in der es noch menschliche Selbstachtung gibt, müßte diese Aussage den sozialen Aufstand provozieren. In einer Welt von domestizierten Arbeitstieren wird sie nur ein hilfloses Nicken hervorrufen. Der Gauner hatte die Arbeit zerstört, trotzdem aber den Lohn eines Arbeiters sich weggenommen; nun soll er arbeiten ohne Lohn, dabei aber den Segen des Erfolgs und Gewinnes selbst in der Kerkerzelle ahnen. [...] Er soll zur sittlichen Arbeit als einer freien persönlichen Tat erzogen werden durch Zwangsarbeit. (Wilhelm Heinrich Riehl, Die deutsche Arbeit, 1861) 3. Die neo-sozialstaatliche Apartheid Die anti-neoliberalen Fraktionen des gesamtgesellschaftlichen Arbeits-Lagers mögen sich zwar mit dieser Perspektive nicht so recht anfreunden, aber gerade für sie steht unverrückbar fest, daß ein Mensch ohne Arbeit kein Mensch ist. Nostalgisch auf die Nachkriegsära fordistischer Massenarbeit fixiert, haben sie nichts anderes im Sinn, als diese verflossenen Zeiten der Arbeitsgesellschaft neu zu beleben. Der Staat soll doch noch einmal richten, wozu der Markt nicht mehr in der Lage ist. Die vermeintliche arbeitsgesellschaftliche Normalität soll durch “Beschäftigungsprogramme”, kommunale Zwangsarbeit für Sozialhilfeempfänger, Standortsubventionen, Verschuldung und andere politische Maßnahmen weitersimuliert werden. Dieser halbherzig aufgewärmte Arbeits-Etatismus hat zwar nicht den Hauch einer Chance, trotzdem bleibt er ideologischer Bezugspunkt für breite, vom Absturz bedrohte Bevölkerungsschichten. Und gerade in ihrer Hoffnungslosigkeit ist die daraus resultierende Praxis alles andere als emanzipatorisch. Die ideologische Verwandlung der “knappen Arbeit” ins erste Bürgerrecht schließt konsequent alle Nicht-Staatsbürger aus. Die soziale Selektionslogik wird also nicht in Frage gestellt, sondern nur anders definiert: Der individuelle Überlebenskampf soll durch ethnisch-nationalistische Kriterien entschärft werden. “Inländische Tretmühlen nur für Inländer”, schreit es aus der Volksseele, die in der perversen Liebe zur Arbeit noch einmal zur Volksgemeinschaft findet. Der Rechtspopulismus macht aus dieser Schlußfolgerung keinerlei Hehl. Seine Kritik an der Konkurrenzgesellschaft läuft nur auf die ethnische Säuberung in den schrumpfenden Zonen des kapitalistischen Reichtums hinaus. Dagegen will der gemäßigte Nationalismus sozialdemokratischer oder grüner Prägung zwar die alteingesessenen Arbeitsimmigranten als Inländer gelten lassen und bei kratzfüßigem Wohlverhalten und garantierter Harmlosigkeit sogar zu Staatsbürgern machen. Doch die verschärfte Ausgrenzung von Flüchtlingen aus Ost und Süd kann dadurch nur umso besser populistisch legitimiert und umso geräuschloser betrieben werden – natürlich stets verborgen hinter einem Wortschwall von Humanität und Zivilität. Die Menschenjagd auf “Illegale”, die sich an inländische Arbeitsplätze heranschleichen wollen, soll möglichst keine häßlichen Blut- und Brandflecken auf deutschem Boden hinterlassen. Dafür gibt es den Grenzschutz, die Polizei und die Pufferländer von Schengenland, die alles ganz nach Recht und Gesetz und am besten fernab aller Fernsehkameras erledigen. Die staatliche Arbeits-Simulation ist schon von Haus aus gewalttätig und repressiv. Sie steht für den unbedingten Willen, die Herrschaft des Arbeitsgötzen auch nach seinem Tod mit allen verfügbaren Mitteln aufrechtzuerhalten. Dieser arbeitsbürokratische Fanatismus läßt die Herausgefallenen, die Arbeits- und Chancenlosen und all diejenigen, die sich aus gutem Grund der Arbeit verweigern, nicht einmal in den ohnehin schon erbärmlich engen Rest-Nischen des abgerissenen Sozialstaats zur Ruhe kommen. Sie werden von Sozialarbeitern und Arbeitsvermittlerinnen ins Licht der staatlichen Verhörlampen gezerrt und zu einem öffentlichen Kotau vor dem Thron des herrschenden Leichnams gezwungen. Gilt vor Gericht normalerweise der Grundsatz “im Zweifel für den Angeklagten”, so hat sich hier die Beweislast umgekehrt. Wollen sie künftig nicht von Luft und christlicher Nächstenliebe leben, dann müssen die Herausgefallenen jede Schmutz- und Sklavenarbeit und jede noch so absurde “Beschäftigungsmaßnahme” akzeptieren, um ihre bedingungslose Arbeitsbereitschaft zu demonstrieren. Ob das, was sie zu tun bekommen, auch nur im entferntesten einen Sinn hat oder der schieren Absurdität verfällt, ist dabei vollkommen egal. Nur in permanenter Bewegung sollen sie bleiben, damit sie niemals vergessen, nach welchem Gesetz sich ihre Existenz zu vollziehen hat. Früher haben Menschen gearbeitet, um Geld zu verdienen. Heute scheut der Staat keine Kosten, damit Hunderttausende in absonderlichen “Trainingswerkstätten” oder “Beschäftigungsfirmen” die verschwundene Arbeit simulieren und sich fit für reguläre “Arbeitsplätze” machen, die sie nie erhalten werden. Immer neue und immer dümmere “Maßnahmen” werden erfunden, nur um den Schein zu wahren, daß die leerlaufende gesellschaftliche Tretmühle bis in alle Ewigkeit in Gang bleiben kann. Je sinnloser der Arbeitszwang wird, desto brutaler soll den Menschen ins Hirn gehämmert werden, daß es kein Brötchen umsonst gibt. In dieser Hinsicht erweisen sich “New Labour” und seine Nachahmer überall in der Welt als durchaus kompatibel mit dem neoliberalen Modell der sozialen Selektion. Durch die Simulation von “Beschäftigung” und das Vorgaukeln einer positiven Zukunft der Arbeitsgesellschaft wird die moralische Legitimation geschaffen, umso härter gegen Arbeitslose und Arbeitsverweigerer vorzugehen. Gleichzeitig drücken staatlicher Arbeitszwang, Lohnsubventionen und sogenannte “ehrenamtliche Bürgerarbeit” die Arbeitskosten immer weiter nach unten. So wird der wuchernde Sektor von Billiglohn und Armutsarbeit massiv gefördert. Die sogenannte aktive Arbeitspolitik nach dem Modell von “New Labour” verschont nicht einmal chronisch Kranke und alleinerziehende Mütter mit Kleinkindern. Wer staatliche Unterstützung bekommt, wird erst dann aus dem amtlichen Würgegriff entlassen, wenn sein Namensschild am großen Zeh hängt. Der einzige Sinn dieser Zudringlichkeit besteht darin, möglichst viele Menschen davon abzuhalten, überhaupt noch irgendwelche Ansprüche an den Staat zu stellen und den Herausgefallenen derart widerliche Folterwerkzeuge zu zeigen, daß jede Elendsarbeit vergleichsweise angenehm erscheinen muß. Offiziell schwingt der paternalistische Staat die Peitsche immer nur aus Liebe und in der Absicht, seine als “arbeitsscheu” denunzierten Kinder im Namen ihres besseren Fortkommens streng zu erziehen. Tatsächlich haben die “pädagogischen” Maßnahmen einzig und allein das Ziel, die Klienten aus dem Haus zu prügeln. Welchen anderen Sinn sollte es sonst machen, Arbeitslose zur Spargelernte auf die Felder zwangszuverpflichten? Dort sollen sie polnische Saisonarbeiter verdrängen, die den Hungerlohn nur deswegen akzeptieren, weil er sich durch die Wechselkursverhältnisse für sie zuhause in ein annehmbares Entgelt verwandelt. Den Zwangsarbeitern aber wird mit dieser Maßnahme weder geholfen noch gar irgendeine “Berufsperspektive” eröffnet. Und auch für die Spargelbauern sind die verdrossenen Akademiker und Facharbeiter, mit denen sie beglückt werden, ein einziges Ärgernis. Wenn aber nach dem Zwölfstundentag auf deutschem Mutterboden die blöde Idee, aus Verzweiflung eine Würstchenbude aufzumachen, plötzlich in freundlicherem Licht erscheint, dann hat die “Flexibilisierungshilfe” ihre erwünschte neubritische Wirkung gezeitigt. Jeder Job ist besser als keiner. (Bill Clinton, 1998) Kein Job ist so hart wie keiner. (Motto einer Plakatausstellung der Bundekoordinierungsstelle der Erwerbsloseninitiativen in Deutschland, 1998) Bürgerarbeit soll belohnt werden, nicht entlohnt. [...] Aber wer in Bürgerarbeit tätig ist, verliert auch den Makel der Arbeitslosigkeit und des Sozialhilfeempfängers. (Ulrich Beck, Die Seele der Demokratie, 1997) 4. Zuspitzung und Dementi der Arbeitsreligion Der neue Arbeitsfanatismus, mit dem diese Gesellschaft auf den Tod ihres Götzen reagiert, ist die logische Fortsetzung und Endstufe einer langen Geschichte. Seit den Tagen der Reformation haben alle tragenden Kräfte der westlichen Modernisierung die Heiligkeit der Arbeit gepredigt. Vor allem in den letzten 150 Jahren waren sämtliche Gesellschaftstheorien und politischen Strömungen von der Idee der Arbeit geradezu besessen. Sozialisten und Konservative, Demokraten und Faschisten haben sich bis aufs Messer bekämpft, aber trotz aller Todfeindschaft immer gemeinsam dem Arbeitsgötzen geopfert. “Die Müßiggänger schiebt beiseite” hieß es im Text der internationalen Arbeiterhymne – und “Arbeit macht frei” echote es schauerlich über dem Tor von Auschwitz. Die pluralistischen Nachkriegs-Demokratien schworen erst recht auf die immerwährende Diktatur der Arbeit. Selbst die Verfassung des stockkatholischen Bayern belehrt die Bürger ganz im Sinne der von Luther ausgehenden Tradition: “Arbeit ist die Quelle des Volkswohlstandes und steht unter dem besonderen Schutz des Staates.” Am Ende des 20. Jahrhunderts haben sich alle ideologischen Gegensätze nahezu verflüchtigt. Übrig geblieben ist das gnadenlose gemeinsame Dogma, die Arbeit sei die natürliche Bestimmung des Menschen. Heute dementiert die arbeitsgesellschaftliche Wirklichkeit selber dieses Dogma. Die Priester der Arbeitsreligion haben immer gepredigt, der Mensch sei seiner angeblichen Natur nach ein “animal laborans”. Er werde überhaupt erst zum Menschen, indem er wie einst Prometheus den Naturstoff seinem Willen unterwerfe und sich in seinen Produkten verwirkliche. Dieser Mythos des Welteroberers und des Demiurgen, der seine Berufung habe, war zwar schon immer ein Hohn auf den Charakter des modernen Arbeitsprozesses, aber er mochte im Zeitalter der Erfinderkapitalisten vom Schlage Siemens oder Edison und ihrer Facharbeiterbelegschaften noch ein reales Substrat besessen haben. Mittlerweile aber ist dieser Gestus vollends absurd geworden. Wer heute noch nach Inhalt, Sinn und Zweck seiner Arbeit fragt, wird verrückt – oder zum Störfaktor für das selbstzweckhafte Funktionieren der gesellschaftlichen Maschine. Der einstmals arbeitsstolze homo faber, der das, was er tat, auf seine bornierte Art noch ernst nahm, ist so altmodisch wie eine mechanische Schreibmaschine geworden. Die Mühle hat um jeden Preis zu laufen, und damit basta. Für die Sinnerfindung sind die Werbeabteilung und ganze Heerscharen von Animateuren und Betriebspsychologinnen, Imageberatern und Drogendealerinnen zuständig. Wo dauernd von Motivation und Kreativität geplappert wird, ist garantiert nichts mehr davon übrig – es sei denn als Selbstbetrug. Deshalb zählen die Fähigkeiten zu Autosuggestion, Selbstdarstellung und Kompetenz-Simulation heute zu den wichtigsten Tugenden von Managern und Facharbeiterinnen, Medienstars und Buchhaltern, Lehrerinnen und Parkplatzwächtern. Auch die Behauptung, die Arbeit sei eine ewige Notwendigkeit und den Menschen von der Natur aufgeherrscht, hat sich an der Krise der Arbeitsgesellschaft gründlich blamiert. Seit Jahrhunderten wird gepredigt, dem Arbeitsgötzen sei allein schon deshalb zu huldigen, weil Bedürfnisse nun einmal nicht ohne schweißtreibendes menschliches Zutun von selbst befriedigt werden. Und der Zweck der ganzen Arbeits-Veranstaltung sei ja wohl die Bedürfnisbefriedigung. Träfe das zu, eine Kritik der Arbeit wäre so sinnvoll wie eine Kritik der Schwerkraft. Aber wie sollte denn ein wirkliches “Naturgesetz” in die Krise geraten oder gar verschwinden? Die Wortführer des gesellschaftlichen Arbeits-Lagers, von der leistungswahnsinnigen neoliberalen Kaviarfresserin bis zum gewerkschaftlichen Bierbauchträger, geraten mit ihrer Pseudo-Natur der Arbeit in Argumentationsnot. Oder wie wollen sie es erklären, daß heute drei Viertel der Menschheit nur deshalb in Not und Elend versinken, weil das arbeitsgesellschaftliche System ihre Arbeit gar nicht mehr brauchen kann? Nicht mehr der alttestamentarische Fluch “Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen” lastet auf den Herausgefallenen, sondern ein neues, erst recht unerbittliches Verdammungsurteil: “Du sollst nicht essen, denn dein Schweiß ist überflüssig und unverkäuflich”. Und das soll ein Naturgesetz sein? Es ist nichts anderes als ein irrationales gesellschaftliches Prinzip, das als Naturzwang erscheint, weil es über Jahrhunderte hinweg alle anderen Formen sozialer Beziehung zerstört oder sie unterworfen und sich selbst absolut gesetzt hat. Es ist das “Naturgesetz” einer Gesellschaft, die sich für überaus “rational” hält, die aber in Wahrheit nur der Zweckrationalität ihres Arbeitsgötzen folgt, dessen “Sachzwängen” sie auch noch den letzten Rest ihrer Humanität zu opfern bereit ist. Arbeit steht, sei sie auch noch so niedrig und mammonistisch, stets im Zusammenhang mit der Natur. Schon der Wunsch, Arbeit zu verrichten, leitet immer mehr und mehr zur Wahrheit und zu den Gesetzen und Vorschriften der Natur, welche Wahrheit sind. (Thomas Carlyle, Arbeiten und nicht verzweifeln, 1843) 5. Arbeit ist ein gesellschaftliches Zwangsprinzip Arbeit ist keineswegs identisch damit, daß Menschen die Natur umformen und sich tätig aufeinander beziehen. Solange es Menschen gibt, werden sie Häuser bauen, Kleidung und Nahrung ebenso wie viele andere Dinge herstellen, sie werden Kinder aufziehen, Bücher schreiben, diskutieren, Gärten anlegen, Musik machen und dergleichen mehr. Das ist banal und selbstverständlich. Nicht selbstverständlich aber ist, daß die menschliche Tätigkeit schlechthin, die pure “Verausgabung von Arbeitskraft”, ohne jede Rücksicht auf ihren Inhalt, ganz unabhängig von den Bedürfnissen und vom Willen der Beteiligten, zu einem abstrakten Prinzip erhoben wird, das die sozialen Beziehungen beherrscht. In den alten Agrargesellschaften gab es alle möglichen Herrschaftsformen und persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse, aber keine Diktatur des Abstraktums Arbeit. Die Tätigkeiten in der Umformung der Natur und in der sozialen Beziehung waren zwar keineswegs selbstbestimmt, aber ebensowenig einer abstrakten “Verausgabung von Arbeitskraft” unterworfen, sondern vielmehr eingebettet in komplexe Regelwerke von religiösen Vorschriften, sozialen und kulturellen Traditionen mit wechselseitigen Verpflichtungen. Jede Tätigkeit hatte ihre besondere Zeit und ihren besonderen Ort; es gab keine abstrakt-allgemeine Tätigkeitsform. Es war erst das moderne warenproduzierende System mit seinem Selbstzweck der unaufhörlichen Verwandlung von menschlicher Energie in Geld, das eine besondere, aus allen anderen Beziehungen “herausgelöste”, von jedem Inhalt abstrahierende Sphäre der sogenannten Arbeit hervorbrachte – eine Sphäre der unselbständigen, bedingungslosen und beziehungslosen, roboterhaften Tätigkeit, abgetrennt vom übrigen sozialen Zusammenhang und einer abstrakten “betriebswirtschaftlichen” Zweckrationalität jenseits der Bedürfnisse gehorchend. In dieser vom Leben abgetrennten Sphäre hört die Zeit auf, gelebte und erlebte Zeit zu sein; sie wird zum bloßen Rohstoff, der optimal vernutzt werden muß: “Zeit ist Geld”. Jede Sekunde wird verrechnet, jeder Gang zum Klo ist ein Ärgernis, jedes Schwätzchen ein Verbrechen am verselbständigten Produktionszweck. Wo gearbeitet wird, darf nur abstrakte Energie verausgabt werden. Das Leben findet woanders statt – oder auch gar nicht, weil der Zeittakt der Arbeit in alles hineinregiert. Schon die Kinder werden auf die Uhr dressiert, um einmal “leistungsfähig” zu sein. Der Urlaub dient bloß der Wiederherstellung der “Arbeitskraft”. Und selbst beim Essen, beim Feiern und in der Liebe tickt der Sekundenzeiger im Hinterkopf. In der Sphäre der Arbeit zählt nicht, was getan wird, sondern daß das Tun als solches getan wird, denn die Arbeit ist gerade insofern ein Selbstzweck, als sie die Verwertung des Geldkapitals trägt – die unendliche Vermehrung von Geld um seiner selbst willen. Arbeit ist die Tätigkeitsform dieses absurden Selbstzwecks. Nur deshalb, nicht aus sachlichen Gründen, werden alle Produkte als Waren produziert. Denn allein in dieser Form repräsentieren sie das Abstraktum Geld, dessen Inhalt das Abstraktum Arbeit ist. Darin besteht der Mechanismus der verselbständigten gesellschaftlichen Tretmühle, in der die moderne Menschheit gefangengehalten wird. Und eben deshalb ist auch der Inhalt der Produktion ebenso gleichgültig wie der Gebrauch der produzierten Dinge und wie die sozialen und natürlichen Folgen. Ob Häuser gebaut oder Tretminen hergestellt, Bücher gedruckt oder Gentomaten gezüchtet werden, ob darüber Menschen erkranken, ob die Luft vergiftet wird oder “nur” der gute Geschmack unter die Räder kommt – all das ist nicht von Belang, solange sich nur, auf welche Weise auch immer, die Ware in Geld und das Geld in neue Arbeit verwandeln läßt. Daß die Ware einen konkreten Gebrauch verlangt, und sei es einen destruktiven, ist für die betriebswirtschaftliche Rationalität völlig uninteressant, denn für diese gilt das Produkt nur als Träger von vergangener Arbeit, von “toter Arbeit”. Die Anhäufung von “toter Arbeit” als Kapital, dargestellt in der Geldform, ist der einzige “Sinn”, den das moderne warenproduzierende System kennt. “Tote Arbeit”? Eine metaphysische Verrücktheit! Ja, aber eine zur handgreiflichen Realität gewordene Metaphysik, eine “versachlichte” Verrücktheit, die diese Gesellschaft im eisernen Griff hält. Im ewigen Kaufen und Verkaufen tauschen sich die Menschen nicht als selbstbewußte gesellschaftliche Wesen aus, sondern sie exekutieren als soziale Automaten nur den ihnen vorausgesetzten Selbstzweck. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befrieidgung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, daß, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. (Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844) 6. Arbeit und Kapital sind die beiden Seiten derselben Medaille Die politische Linke hat die Arbeit immer besonders eifernd verehrt. Sie hat die Arbeit nicht nur zum Wesen des Menschen erhoben, sondern sie damit auch zum vermeintlichen Gegenprinzip des Kapitals mystifiziert. Nicht die Arbeit galt ihr als Skandal, sondern bloß ihre Ausbeutung durch das Kapital. Deshalb war das Programm sämtlicher “Arbeiterparteien” auch immer nur die “Befreiung der Arbeit”, nicht aber die Befreiung von der Arbeit. Der soziale Gegensatz von Kapital und Arbeit ist aber bloß der Gegensatz unterschiedlicher (wenn auch unterschiedlich mächtiger) Interessen innerhalb des kapitalistischen Selbstzwecks. Der Klassenkampf war die Austragungsform dieser gegensätzlichen Interessen auf dem gemeinsamen gesellschaftlichen Boden des warenproduzierenden Systems. Er gehörte der inneren Bewegungsdynamik der Kapitalverwertung an. Ob der Kampf nun um Löhne, um Rechte, um Arbeitsbedingungen oder um Arbeitsplätze geführt wurde: seine blinde Voraussetzung blieb stets die herrschende Tretmühle mit ihren irrationalen Prinzipien. Vom Standpunkt der Arbeit zählt der qualitative Inhalt der Produktion genauso wenig wie vom Standpunkt des Kapitals. Was interessiert, ist einzig die Möglichkeit, die Arbeitskraft optimal zu verkaufen. Es geht nicht um die gemeinsame Bestimmung über den Sinn und Zweck des eigenen Tuns. Wenn es die Hoffnung jemals gab, eine solche Selbstbestimmung der Produktion könnte in den Formen des warenproduzierenden Systems verwirklicht werden, so haben die “Arbeitskräfte” sich diese Illusion schon längst abgeschminkt. Es geht nur noch um “Arbeitsplätze”, um “Beschäftigung” – schon die Begriffe beweisen den Selbstzweck-Charakter der ganzen Veranstaltung und die Unmündigkeit der Beteiligten. Was und wofür und mit welchen Folgen produziert wird, ist dem Verkäufer der Ware Arbeitskraft letzten Endes genauso herzlich egal wie dem Käufer. Die Arbeiter der Atomkraftwerke und der Chemiefabriken protestieren am lautesten, wenn ihre tickenden Zeitbomben entschärft werden sollen. Und die “Beschäftigten” von Volkswagen, Ford oder Toyota sind die fanatischsten Anhänger des automobilen Selbstmordprogramms. Nicht etwa bloß deswegen, weil sie sich gezwungenermaßen verkaufen müssen, um überhaupt leben zu “dürfen”, sondern weil sie sich tatsächlich mit diesem bornierten Dasein identifizieren. Soziologen, Gewerkschaftern, Pfarrern und anderen Berufstheologen der “sozialen Frage” gilt das als Beweis für den ethisch-moralischen Wert der Arbeit. Arbeit bildet Persönlichkeit, sagen sie. Zu recht. Nämlich die Persönlichkeit von Zombis der Warenproduktion, die sich ein Leben außerhalb ihrer heißgeliebten Tretmühle gar nicht mehr vorstellen können, für die sie sich tagtäglich selber zurichten. So wenig aber die Arbeiterklasse als Arbeiterklasse jemals der antagonistische Widerspruch des Kapitals und das Subjekt der menschlichen Emanzipation war, ebensowenig steuern umgekehrt die Kapitalisten und Manager die Gesellschaft nach der Bösartigkeit eines subjektiven Ausbeuterwillens. Keine herrschende Kaste in der Geschichte hat jemals ein derart unfreies und erbärmliches Leben geführt wie die gehetzten Manager von Microsoft, Daimler-Chrysler oder Sony. Jeder mittelalterliche Gutsherr hätte diese Leute abgrundtief verachtet. Denn während er sich der Muße hingeben und seinen Reichtum mehr oder weniger orgiastisch verprassen konnte, dürfen sich die Eliten der Arbeitsgesellschaft selber keine Pause gönnen. Außerhalb der Tretmühle wissen auch sie nichts anderes mit sich anzufangen als wieder kindisch zu werden; Muße, Lust an der Erkenntnis und sinnlicher Genuß sind ihnen so fremd wie ihrem Menschenmaterial. Sie sind selber nur Knechte des Arbeitsgötzen, bloße Funktionseliten des irrationalen gesellschaftlichen Selbstzwecks. Der herrschende Götze weiß seinen subjektlosen Willen über den “stummen Zwang” der Konkurrenz durchzusetzen, dem sich auch die Mächtigen beugen müssen, gerade wenn sie hunderte von Fabriken managen und Milliardensummen über den Globus schieben. Tun sie es nicht, werden sie ebenso rücksichtslos ausrangiert wie die überflüssigen “Arbeitskräfte”. Aber gerade ihre eigene Unmündigkeit macht die Funktionäre des Kapitals so maßlos gefährlich, nicht ihr subjektiver Ausbeuterwille. Sie dürfen am allerwenigsten nach dem Sinn und den Folgen ihres rastlosen Tuns fragen, Gefühle und Rücksichten können sie sich nicht leisten. Deshalb nennen sie es Realismus, wenn sie die Welt verwüsten, die Städte verhäßlichen und die Menschen mitten im Reichtum verarmen lassen. Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits “Bedürfnis der Erholung” und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. “Man ist es seiner Gesundheit schuldig” – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja es könnte bald so weit kommen, daß man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe. (Friedrich Nietzsche, Muße und Müßiggang, 1882) 7. Arbeit ist patriarchale Herrschaft Auch wenn die Logik der Arbeit und ihrer Verwurstung zur Geldmaterie danach drängt, so lassen sich doch nicht alle gesellschaftlichen Bereiche und notwendigen Tätigkeiten in diese Sphäre der abstrakten Zeit hineinpressen. Deshalb entstand zusammen mit der “herausgelösten” Sphäre der Arbeit, gewissermaßen als deren Rückseite, auch die Sphäre des privaten Haushalts, der Familie und der Intimität. In diesem als “weiblich” definierten Bereich verbleiben die vielen und wiederkehrenden Tätigkeiten des alltäglichen Lebens, die sich nicht oder nur ausnahmsweise in Geld verwandeln lassen: vom Putzen und Kochen über die Kindererziehung und die Pflege alter Menschen bis zur “Liebesarbeit” der idealtypischen Hausfrau, die ihren ausgelaugten Arbeitsmann betütert und ihn “Gefühle tanken” läßt. Die Sphäre der Intimität als Rückseite der Arbeit wird deshalb von der bürgerlichen Familienideologie zum Hort des “eigentlichen Lebens” verklärt – auch wenn sie in der Realität meistens eher eine Intimhölle ist. Es handelt sich eben nicht um eine Sphäre des besseren und wahren Lebens, sondern um eine ebenso bornierte und reduzierte Form des Daseins, die nur mit einem anderen Vorzeichen versehen wird. Diese Sphäre ist selber ein Produkt der Arbeit, von dieser zwar abgespalten, aber doch nur existent im Bezug auf sie. Ohne den abgespaltenen sozialen Raum der “weiblichen” Tätigkeitsformen hätte die Arbeitsgesellschaft niemals funktionieren können. Dieser Raum ist ihre stumme Voraussetzung und gleichzeitig ihr spezifisches Resultat. Das gilt auch für die geschlechtlichen Stereotypen, die in der Entwicklung des warenproduzierenden Systems ihre Verallgemeinerung erfuhren. Nicht zufällig verfestigte sich das Bild der natur- und triebhaften, irrationalen und emotional gesteuerten Frau erst zusammen mit dem des kulturschaffenden, vernünftigen und beherrschten Arbeitsmannes zum Massenvorurteil. Und nicht zufällig ging die Selbstzurichtung des weißen Mannes für die Zumutungen der Arbeit und ihrer staatlichen Menschenverwaltung mit einer jahrhundertelangen wütenden “Hexenverfolgung” einher. Auch die gleichzeitig beginnende naturwissenschaftliche Weltaneignung war schon in ihren Wurzeln kontaminiert durch den arbeitsgesellschaftlichen Selbstzweck und seine geschlechtlichen Zuschreibungen. Auf diese Weise trieb der weiße Mann, um reibungslos funktionieren zu können, all die Gefühlslagen und emotionalen Bedürfnisse aus sich selber aus, die im Reich der Arbeit nur als Störfaktoren zählen. Im 20. Jahrhundert, besonders in den fordistischen Nachkriegs-Demokratien, wurden die Frauen zunehmend in das System der Arbeit einbezogen. Aber das Resultat war nur ein weibliches Schizo-Bewußtsein. Denn einerseits konnte das Vordringen der Frauen in die Sphäre der Arbeit keine Befreiung bringen, sondern nur dieselbe Zurichtung für den Arbeitsgötzen wie bei den Männern. Andererseits blieb die Struktur der “Abspaltung” ungebrochen bestehen und damit auch die Sphäre der als “weiblich” definierten Tätigkeiten außerhalb der offiziellen Arbeit. Die Frauen wurden auf diese Weise einer Doppelbelastung unterworfen und gleichzeitig völlig gegensätzlichen sozialen Imperativen ausgesetzt. Innerhalb der Sphäre der Arbeit bleiben sie bis heute überwiegend auf schlechter bezahlte und subalterne Positionen verwiesen. Daran wird kein systemkonformer Kampf für Frauenquoten und weibliche Karriere-Chancen etwas ändern. Die erbärmliche bürgerliche Vision einer “Vereinbarkeit von Beruf und Familie” läßt die Sphärentrennung des warenproduzierenden Systems und damit die geschlechtliche “Abspaltungs”-Struktur völlig unangetastet. Für die Mehrheit der Frauen ist diese Perspektive unlebbar, für eine Minderheit von “Besserverdienenden” wird sie zur perfiden Gewinnerposition in der sozialen Apartheid, indem sie Haushalt und Kinderbetreuung an schlechtbezahlte (und “selbstverständlich” weibliche) Angestellte delegieren können. In der Gesamtgesellschaft wird die bürgerlich geheiligte Sphäre des sogenannten Privatlebens und der Familie in Wahrheit immer weiter ausgehöhlt und degradiert, weil die arbeitsgesellschaftliche Usurpation die ganze Person, völlige Aufopferung, Mobilität und zeitliche Anpassung fordert. Das Patriarchat wird nicht abgeschafft, es verwildert nur in der uneingestandenen Krise der Arbeitsgesellschaft. In demselben Maße, wie das warenproduzierende System zusammenbricht, werden die Frauen für das Überleben auf allen Ebenen verantwortlich gemacht, während die “männliche” Welt die Kategorien der Arbeitsgesellschaft simulativ verlängert. Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt. (Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung) 8. Arbeit ist die Tätigkeit der Unmündigen Nicht nur faktisch, sondern auch begrifflich läßt sich die Identität von Arbeit und Unmündigkeit nachweisen. Noch vor wenigen Jahrhunderten war der Zusammenhang zwischen Arbeit und sozialem Zwang den Menschen durchaus bewußt. In den meisten europäischen Sprachen bezieht sich der Begriff “Arbeit” ursprünglich nur auf die Tätigkeit des unmündigen Menschen, des Abhängigen, des Knechts oder des Sklaven. Im germanischen Sprachraum bezeichnet das Wort die Schufterei eines verwaisten und daher in Leibeigenschaft geratenen Kindes. “Laborare” bedeutete im Lateinischen so viel wie “Schwanken unter einer schweren Last” und meint allgemein gefaßt das Leiden und die Schinderei des Sklaven. Die romanischen Wörter “travail”, “trabajo” etc. leiten sich von dem lateinischen “tripalium” ab, einer Art Joch, das zur Folter und Bestrafung von Sklaven und anderen Unfreien eingesetzt wurde. In der deutschen Redeweise vom “Joch der Arbeit” klingt noch eine Ahnung davon nach. “Arbeit” ist also auch dem Wortstamm nach kein Synonym für selbstbestimmte menschliche Tätigkeit, sondern verweist auf ein unglückliches soziales Schicksal. Es ist die Tätigkeit derjenigen, die ihre Freiheit verloren haben. Die Ausdehnung der Arbeit auf alle Gesellschaftsmitglieder ist daher nichts als die Verallgemeinerung von knechtischer Abhängigkeit und die moderne Anbetung der Arbeit bloß die quasi-religiöse Überhöhung dieses Zustandes. Dieser Zusammenhang konnte erfolgreich verdrängt und die soziale Zumutung verinnerlicht werden, weil die Verallgemeinerung der Arbeit mit ihrer “Versachlichung” durch das moderne warenproduzierende System einherging: Die meisten Menschen stehen nicht mehr unter der Knute eines persönlichen Herrn. Die soziale Abhängigkeit ist zu einem abstrakten Systemzusammenhang geworden – und gerade dadurch total. Sie ist überall spürbar und gerade deshalb kaum zu fassen. Wo jeder zum Knecht geworden ist, ist jeder auch gleichzeitig Herr – als sein eigener Sklavenhändler und Aufseher. Und alle gehorchen dem unsichtbaren Systemgötzen, dem “Großen Bruder” der Kapitalverwertung, der sie unter das “tripalium” geschickt hat. 9. Die blutige Durchsetzungsgeschichte der Arbeit Die Geschichte der Moderne ist die Durchsetzungsgeschichte der Arbeit, die auf dem ganzen Planeten eine breite Spur der Verwüstung und des Grauens gezogen hat. Denn nicht immer war die Zumutung, den größten Teil der Lebensenergie für einen fremdbestimmten Selbstzweck zu vergeuden, derart verinnerlicht wie heute. Es bedurfte mehrerer Jahrhunderte der offenen Gewalt im großen Maßstab, um die Menschen in den bedingungslosen Dienst des Arbeitsgötzen buchstäblich hineinzufoltern. Am Anfang stand nicht die angeblich “wohlfahrtssteigernde” Ausdehnung der Marktbeziehungen, sondern der unersättliche Geldhunger der absolutistischen Staatsapparate, um die frühmodernen Militärmaschinen zu finanzieren. Nur durch das Interesse dieser Apparate, die erstmals in der Geschichte die ganze Gesellschaft in einen bürokratischen Würgegriff nahmen, beschleunigte sich die Entwicklung des städtischen Kaufmanns- und Finanzkapitals über die traditionellen Handelsbeziehungen hinaus. Erst auf diese Weise wurde das Geld zu einem zentralen gesellschaftlichen Motiv und das Abstraktum Arbeit zu einer zentralen gesellschaftlichen Anforderung ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse. Nicht freiwillig gingen die meisten Menschen zur Produktion für anonyme Märkte und damit zur allgemeinen Geldwirtschaft über, sondern weil der absolutistische Geldhunger die Steuern monetarisiert und gleichzeitig exorbitant erhöht hatte. Nicht für sich selbst mußten sie “Geld verdienen”, sondern für den militarisierten frühmodernen Feuerwaffen-Staat, seine Logistik und seine Bürokratie. So und nicht anders ist der absurde Selbstzweck der Kapitalverwertung und damit der Arbeit in die Welt gekommen. Bald genügten mo |