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Freie Liebe

Für die Liebe allein ist es, daß Menschen geboren werden...und nur der Liebe wegen ist es, daß sie leben. Was auch immer man an Würden, Ehren, Verdiensten, Ruhm & Reichtum erworben haben mag, verglichen mit der Liebe zählt es nichts. B. Traven

 

Liebe gründet sich auf Gleichberechtigung und Freiheit!

http://www.filmunterwegs.ch/shop/images/dvd/00016.jpg



 
Die Liebe ist die Verächterin aller Gesetze, aller Vorschriften (...) Wenn die Welt jemals Gleichheit & Einigkeit hervorbringen wird, wird es nicht mehr die Ehe, sondern nur noch Liebe geben!Emma Goldmann

 

 

 

 http://www.facebook.com/profile/pic.php?oid=AAAAAQAQAOSAbIAbQ7bWRztjNPKHugAAAApORFGTGWIfSNTiZmSGI6iA

 

Freie Liebe? - Ich hab das bis jetzt noch nicht so supergut, auf die Reihe bekommen. - War ich nicht eifersüchtig, dann war es sicher meine Freundin und umgekehrt. Ein Dilemma. ..und damit meine ich nicht mal, von einer Nixe zur Anderen zu hopsen, sondern einfach Loslassen, zu können und auch nicht Vertrauen, für was Vertrauen? Wenn Deine Freundin mit Dir Zusammensein will, dann wirst Du das schon merken. Wenn Sie es nämlich nicht mehr will, dann isse weg. Egal ob "Freie Liebe" oder konservative Partnerschaft, was nicht mehr weitergeht - endet. Ringe und Heiraten, Kinder in die Welt setzen und Häuser bauen, hilft da auch wenig, man muß  nur an die vielen Ehescheidungen und Trennungen denken. Das kostet sogar richtig Geld! - Vielleicht helfen die Texte ja Euch weiter?BesiegeltCool...und mir hoffentlich für die Gegenwart und Zukunft! - Hoffentlich hab ich für die nächste Liebe was gelernt! Am Ende dieser Page kommen auch noch andere Beiträge zum The Liebe, die nicht unbedingt was mit freier Liebe zu tun haben!LächelnGerold Flock


"Das Werden zieht alles in sein Labyrinth." Michel Foucault

Sollen Beziehungen wieder eine Chance haben, gilt es sich fremder zu werden und sich vor zuviel Nähe zwischen sich und dem Anderen zu schützen. Verfremdung, Rollenspiel und Verhüllung sind dabei die Schlüsselworte. Allerdings bedarf es nicht nur des Abstandes, sondern des ausgewogenen Spiels von Nähe und Distanz. Die Distanz erlaubt den Genuß von Nähe, die versagt bleibt, wenn man sich zu nahe kommt.
Foucaults Ersetzung des Begriffes Liebe durch den der Freundschaft, weist in ähnliche Richtung: "Die Form des Verhältnisses, das nicht das der "Liebe" ist, ist nicht symbiotisch, sondern epiphytisch - kein Verschmelzen ineinander, sondern eine Existenz je für sich(...). Eine gewisse Distanz ist erforderlich, denn der Abstand zur Unmittelbarkeit eröffnet den Freiraum des Anderen. Die Distanz ist eine Form von Zuwendung, die den Raum der Freiheit offenhält und die Spannung einer agonalen Beziehung aufrechterhält. Sie schließt nicht aus, sondern schafft erst die Möglichkeit der Begegnung." So kann jeder in Beziehungen er selbst bleiben und gleichzeitig je im Eigenen (im Selbst) des Anderen frei sein. Die Spannung einer agonalen Beziehung bewahrt davor, sich in uferloser Ausschöpfung von Kraft und Phantasie gegenseitiger Zuwendung auszuzehren bzw. sich darin zu verlieren. Versprechen der "Ewigkeit von Liebe" oder des "wechselseitigen" Verschmelzens in der Liebe bedeuten von vorneherein den Tod der Phantasie und die Impotenz, Beziehungen erfinderisch zu gestalten und immer wieder neu zu entwerfen.  Marcus S. Kleiner - "Das Foucaultsche Labyrinth - Hrsg.  Marvin Chlada &  Gerd Dembowski


Eine anarchistische Gesellschaft müßte natürlich auch eine liebevollere Gesellschaft sein!

Liebe? - Was kann ich tun, um unser Zusammenleben so zu gestalten, dass der andere ein höchstes Maß an Entfaltung seiner Individualität, Orginalität und kreativen Produktivität behält? ...Schwere Übung.


http://www.collider.com/wp-content/image-base/TV/P/Peanuts/Peanuts%2019060s%20Collection%20-%20Charlie%20Brown%20(3).jpg

"Wahre Liebe?"

...und die wahre Liebe? Ist die Liebe zwischen zwei Menschen erst da, erwarten sie, dass die gegenseitige Zuneigung zum Dauerton wird, das heißt, sie soll die Zeit überdauern und wachsen. Inzwischen hat sich das Denken längst des Gefühls bemächtigt. Bei den folgenden Begegnungen ruft es aus der Erinnerung an die Glanzlichter des ersten Zaubers ein Gefühl hervor, das es sich als Liebe denkt. Aber diesem Gedanken wohnt nicht die Stärke der Spontanität inne, sie bewirken eher, dass die Zuneigung zum anderen  Gewohnheit wird. Irgendwann. während eines Zusammenseins mit dem geliebten Menschen merkst du plötzlich, dass überhaupt kein Gefühl mehr für ihn vorhanden ist. Du bist verstört und überlegst, ob es mit der gerade begonnenen Beziehung schon zu Ende geht. Weil du keine Ahnung von der Wirkungsweise  richtiger Gefühle hast. Du begreifst nicht, dass die Liebe kommt und geht, wie andere ausgelebte Gefühle auch. Und du weißt nicht, das mit dieser Leere, die sich bei einem Zusammensein unaufgefordert einstellt, Raum geschaffen wird für neue positive Empfindungen. Wenn man dieses Fehlen der Liebe obendrein noch mitten in einer Auseinandersetzung feststellt, kann es durchaus passieren, dass die ersten Risse entstehen. In solchen Situationen behilft sich das Denken , indem  es die verklungenen Gefühle aus der Erinnerung  zum Leben erweckt. Die Gedanken argumentieren, wie schön es doch schon miteinander war, wie toll der /die andere doch ist und was man in Zukunft noch alles zusammen erleben und erreichen könne. So baut der menschliche Geist sich Eselsbrücken, auf die er nicht angewiesen wäre, wenn er verstanden hätte, dass Liebe entschwindet, nachdem sie erfahren wurde, aber das sie sich getreu und zuverlässig erneuert und wiederkehrt, wenn das Denken sich heraushält. Wir haben in der Liebe die Wahl, ob wir sie auf der Schiene unseres Verstandes erleben - was leider meistens geschieht und oft genug zu Entäuschungen führt - oder ob wir sie jedesmal spontan ausleben, wenn sie hervortritt, ohne den Versuch, sie festzuhalten oder sie zu manipulieren.

Wenn ich einen Menschen so sehen kann, wie er wirklich beschaffen ist, ohne Bilder und Masken, beginne ich ihn zu verstehen - und dann vermag ich ihn wirklich zu lieben. Ohne Wenn und Aber. Und dann ist da ein Gefühl für den anderen, das weder mit dieser aufflammenden Zuneigung und ihrem Entschwinden noch mit vom Denken betriebener Liebe zu tun hat. Wenn ich einen Menschen ansehe, wie er innerlich beschaffen ist, mit allen seinen Stärken und Schwächen, seinen Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten - dann fehlt in einer solchen Beziehung alles Vergleichen. Ich erlebe den Partner nicht, wie er im Verhältnis zu anderen Leuten ist, die ich kenne, sondern absolut. Und in dieser Sehensweise ist kein Ich vorhanden, das urteilt, bewertet oder korrigiert. Dann verliert auch die Forderung, sich selbst zu lieben, damit ich andere lieben kann, ihren Sinn. Denn da ist kein Ich mehr, das ich lieben müsste. Diese neue, unbekannte Art der Liebe ist von Dauer, sie entspringt jenem metaphysischen Weltgrund, den wir Tao nennen. Sie wird  vom Verstand nicht registriert, ihre Qualität entzieht sich dem Denken und seinen Manipulationen. Allein in der Stille unseres Grundgefühls als Mensch ist sie wahrnehmbar. Es ist das Phänomen umfassender Zuneigung. Diese Liebe bewertet nicht, wählt nicht aus, klammert nicht an. Sie ist in jedem Augenblick da, in dem das Ich sich zurückzieht und das Denken Pause macht. (Lass dich vom Tao leben - Seite 106)

 

In einer Liebesbeziehung gedeiht Harmonie , wenn sich jeder seinen Freiraum bewahrt. Totale Nähe kann zum Tod jeder Beziehung führen und häufig wollen wir aus unseren Partnerschaften mehr Nähe herauspressen, als sie ertragen. Auch die Vermeidung von STREIT ist kein Mittel, eine Liebe zu bewahren. Wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, dann ist es besser, sie wie die Entladung eines Gewitters auszutragen und die Atmosphäre zu reinigen, als ständig den Gekränkten zu spielen und seine Emotionen zu unterdrücken. Die Forderung an den anderen, sein gesamtes Innenleben zu offenbaren, bewirkt ebenfalls nichts Gutes. Ich verweigere dem anderen im Grunde das Recht, sich einen Rest jenes geheimnisvollen Flairs zu bewahren, das mich einst so sehr angesprochen hat. Sobald ich mehr Offenheit von meinem Partner verlange , als er mir seinem Wesen nach geben möchte, lege ich damit den Grundstein zur Entfremdung. Den anderen bis in seine letzten Geheimnisse ergründen zu wollen ist ein Akt der Eroberung der emotionalen Vergewaltigung. Ich darf dem Menschen, den ich liebe, sein Unbekanntes, Geheimnisvolles, noch nicht Erschlossenes nicht wegnehmen. Ich sollte lieber überlegen, wie ich  unser Zusammenleben so gestalten kann, dass jeder  von uns sich ein hohes Maß an Entfaltungsmöglichkeiten  seiner Orginalität  und seines kreativen Potentials bewahrt. Unter diesen Prämissen wird unsere Liebe frisch und prickelnd bleiben wie am ersten Tag.

 Die Bereitschaft sensibler, verwundbarer zu werden, ist der Schlüssel zur Rückkehr zur Stärke unserer Liebesfähigkeit. Der Augenblick der Liebe ist sprachlos, er geschieht im  absoluten Jetzt, Zeit und Raum sind aufgehoben, es gibt keine Distanz und kein Denken mehr. Wenn ich denke, ich liebe, hat sich bereits die Zeit in Gestalt von Worten eingeschaltet, und ich erlebe die Liebe bereits wieder aus der Rückschau.


Im Gegenzug finden wir Menschen mit der Neigung, die Phasen von Zuneigung und Ernüchterung im Zeitraffer zu durchleben. Sie wechseln häufig den Partner, neigen dazu, sich rasch zu verlieben und sich ebenso rasch vom anderen zu trennen. Und sie sind fast immer todunglücklich dabei. Ihnen ist eine Partnerschaft keine dauerhafte Fluchtmöglichkeit; nach jedem Scheitern nimmt ihre Suche an Hektik zu, wird schließlich zur Sucht. Ihre Beziehungen leiden unter der oberflächlichen Kommunikation, am Ende bleiben nur die sexuelle Befriedigung, Episoden des Lustlebens, die das Herz leer lassen. Treffen zwei Gleichgeartete aufeinander, kann der Hauptakzent ihrer Bindung von vornherein auf der Erotik liegen. Hier setzen zwangsläufig die Gewöhnung, der nachlassende Reiz dem Glück Grenzen. Bald wird man sich in der Vorstellung oder tatsächlich mit anderen Bettgefährten beschäftigen. -  - Ob  eine solche Partnerschaft fortbesteht oder nicht, ändert nichts an ihrem Scheitern: Sie bietet weder Zufriedenheit noch Sicherheit. Wenn schließlich mit dem Alter der müde Körper seinen Dienst versagt und der auf Genuß gepolte Geist ins Leere zielt, kann dieser Weg nicht mehr zur Glückseligkeit führen. Liebesbeziehungen auf einer rein physischen Basis müssen verarmen, wenn keine anderen Berührungspunkte vorhanden sind.  (Quelle - Das Tao der Selbstfindung von Theo Fischer, Seite 123)

 http://www.promipranger.de/wp-content/uploads/2008/09/518xb-hykol_ss500_.jpg

 

...und zu lernen mit sich selbst allein zu sein. Ich als Schöpfer all meiner Kräfte, als Schöpfer meiner Welt. Sich bei allem was man tut konzentrieren. Keine trivialen Unterhaltungen führen. Konzentriert sein heißt, ganz in der Gegenwart im Hier und Jetzt leben und nicht, während man das eine tut, bereits an das nächste denken, das anschließend zu tun ist. Es versteht sich von selbst, das Konzentration vor allem von Menschen geübt werden muß, die sich lieben. Demut und Objektivität sind ebenso unteilbar wie die Liebe. 

Was ist Glauben? Rationaler Glaube ist im produktiven, intellektuellen und emotionalen Tätigsein verwurzelt. Während der irrationale Glaube etwas nur deshalb für wahr hinnimmt, weil eine Autorität oder die Mehrheit es sagt, ist der rationale Glaube in einer unabhängigen Überzeugung verwurzelt, die sich auf das eigene Beobachten- und Denken- und der Meinung zum Trotz gründet.  (Erich Fromm)

 


Liebe? 

Liebende müssen lernen einander Nahe zu sein, ohne gleich irgendwie wieder voneinander wegzulaufen, wie das gewöhnlich geschieht.

 

Infantile Liebe folgt dem Prinzip: "Ich liebe, weil ich geliebt werde". Reife Liebe folgt dem Prinzip: "Ich werde, geliebt, weil ich liebe. "Unreife Liebe sagt: "ich liebe dich, weil ich dich brauche." Reife Liebe sagt: "Ich brauche dich, weil ich dich liebe." (Erich Fromm - Die Kunst des Liebens - Seite 70)

Liebe ist nur möglich, wenn sich zwei Menschen aus der Mitte ihrer Existenz heraus miteinander verbinden, wenn also jeder sich selbst aus der Mitte seiner Existenz heraus erlebt. Nur dieses "Leben aus der Mitte" ist menschliche Wirklichkeit, nur hier ist Lebendigkeit, nur hier ist die Basis für die Liebe. Die so erfahrene Liebe, ist eine ständige Herausforderung; sie ist kein Ruheplatz, sondern bedeutet, sich zu bewegen, zu wachsen, zusammenzuarbeiten. Ob Harmonie waltet oder ob es Konflikte gibt, ob Freude oder Traurigkeit herrscht, ist nur von sekundärer Bedeutung gegenüber der grundlegenden Tatsache, daß zwei Menschen sich vom Wesen ihres Seins her erleben, daß sie miteinander eins sind, indem sie mit sich selbst eins sind, anstatt vor sich selber auf der Flucht zu sein. Für die Liebe gibt es nur einen Beweis: die Tiefe der Beziehung und die Lebendigkeit und Stärke in jedem Liebenden. Das allein ist die Frucht, an der die Liebe zu erkennen ist. (Erich Fomm - Die Kunst des Liebens - Seite 162)) 

 

Worauf es in Liebesbeziehungen ankommt, ist der Glaube an die eigene Liebe, der Glaube an die Fähigkeit der eigenen Liebe, bei anderen Liebe hervorzurufen, und der Glaube an ihre Verläßlichkeit.

Glauben erfordert Mut. Damit ist die Fähigkeit gemeint, ein Risiko einzugehen und auch die Bereitschaft, Schmerz und Enttäuschung hinzunehmen.

Der Mut der Verzweiflung ist das genaue Gegenteil des Muts der Liebe, genauso wie der Glaube an die Macht das Gegenteil an das Leben ist.

Wenn der Mensch zur Liebe fähig sein soll, muß der Mensch selbst an erster Stelle stehen. Der Wirtschaftsapparat muß ihm dienen, und nicht er ihm. Er muß am Arbeitsprozess aktiven Anteil nehmen, anstatt nur bestenfalls am Profit beteiligt zu sein. Die Gesellschaft muß so organisiert werden, daß die soziale, liebevolle Seite des Menschen nicht von seiner gesellschaftlichen Existenz getrennt, sondern mit ihr eins wird.

 

Liebe ist zweckfrei, Liebe kann man sich nicht verdienen.

Viel Verzweiflung verbirgt sich oft hinter der Fassade stabiler Gemeinschaft. Neben vitalen Bedürfnissen ist die Angst vor dem Leben oft der Hauptgrund für den Fortbestand unbefriedigender Ehen und Freundschaften. 


Sie sind aufrecht und gerecht, ohne zu wissen, daß solches Tun Rechtschaffenheit darstellt. Sie lieben einander, ohne zu wissen, daß solches Güte ist. Sie sind ehrlich und wissen doch nicht, daß solches Treue ist. Sie halten ihre Versprechen, ohne zu wissen, daß sie damit in Glaube und Vertrauen leben. Sie stehen einander bei, ohne daran zu denken, Geschenke zu vergeben oder zu empfangen. So hinterläßt ihr Handeln keine Spur. (Dschuang Dsi - Das Tao)

 

 

 Bild - Emma Goldmann

PDF 1869 - 1940 (Emma Goldman)

 

Wolfgang Sterneck:

FREIE LIEBE

Wirkliche Liebe ist ein Gefühl, das viel tiefer geht als all das, was gewöhnlich als Liebe bezeichnet wird. Es beinhaltet den Ausbruch aus dem Vorgegebenen, die Überwindung des Egoismus und die Fähigkeit geben zu können. Es ist eine tiefe innere Verbindung, die sich keineswegs nur auf einen Menschen beschränken muss.

Wirkliche Liebe hat nur wenig gemeinsam mit dem Begriff der Liebe, der uns aufgezwängt wird und den die meisten von uns verinnerlicht haben. Sie hat nichts zu tun mit den Gefängnissen der Beziehungen und der Ehe. Die romantische Liebe, wie sie uns von den Medien immer wieder vermittelt wird, ist von seltenen Ausnahmen abgesehen, eine Illusion. Und die, die daran glauben, täuschen sich letztlich nur selbst.

Die meisten herkömmlichen Beziehungen gleichen schon nach kurzer Zeit einer Straße, deren Verlauf vorgeben ist und unter dem Beton alles Leben vergräbt bis sie in einer Sackgasse endet.

Eine offene Beziehung zwischen zwei Menschen, die auf der Vorstellung der freien Liebe basiert, entspricht dagegen zwei Wegen, die sich kreuzen. Sie verlaufen zeitweise nebeneinander und werden phasenweise zu einem, beinhalten aber immer wieder Strecken, in denen sie sich trennen, zum Teil weit voneinander entfernen oder vielleicht sogar verschiedenen Richtungen einnehmen, um dann an bestimmten Orten wieder zusammenzufinden.

Es ist fast unmöglich die Bedürfnisse nach Kontakt und Austausch, nach Zärtlichkeit und Sexualität über einen längeren Zeitraum auf einen Menschen zu fixieren - es ist auch nicht notwendig. Vielmehr ist es durchaus möglich und selbstverständlich zu mehreren Menschen ein Gefühl tiefer Zuneigung und Wärme zu empfinden, vielleicht sogar jede und jeden von ihnen auf eine eigene Weise zu lieben.

Wenn nach der anfänglichen Phase des Verliebtseins, indem sich oft alle Empfindungen auf die entsprechende Person konzentrieren, die Gefühle füreinander nachlassen oder sich verändern, und auch wieder andere Menschen interessant werden, dann stellt sich die Frage, ob Fesseln angelegt werden oder versucht wird mit diesen Bedürfnissen offen umzugehen.

Die Idee einer offenen Beziehung beinhaltet das Bestreben diese Gefühle zuzulassen und nicht zu unterdrücken. Das heißt konkret, der Partnerin oder dem Partner die Möglichkeit zu geben mit anderen engeren Kontakt zu haben, sich selbstverständlich mit einer anderen Person zu treffen, vielleicht auch Zärtlichkeiten auszutauschen oder miteinander zu schlafen.

Auch wenn es in der bestehenden Gesellschaft normal ist, so hat im Grunde niemand, auch kein Beziehungspartner oder -partnerin das Recht, dies zu untersagen. Wer es dennoch tut, offenbart im Grunde nur den eigenen Egoismus indem versucht wird, die angeblich so geliebte Person einzuschränken und deren Gefühle zu unterdrücken. Eifersucht hat nur wenig mit Liebe zu tun, sondern vielmehr mit Besitzgier und Verlustangst.

Das herrschende System basiert auf der Idee des Besitzes von materiellen Dingen wie auch von Menschen, von deren Arbeitskraft, von deren Wissen, von deren Gefühlen. Gesellschaften, die kein Privateigentum kannten, die davon ausgingen, dass beispielsweise keine Person ein Stück Land besitzen kann, weil es gleichzeitig allen und niemanden gehört, die kannten auch keinen eheähnlichen Besitzanspruch und sie kannten auch keine Eifersucht.

Eine wesentliche Voraussetzung für eine offene Beziehung ist die Bereitschaft auf andere einzugehen, aber auch in sich selbst hineinzuschauen, sich mit eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen und diese zu hinterfragen. Wichtig ist dabei, dass gleichermaßen die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche, sowie die Ängste und Schwächen gezeigt werden, darüber offen geredet wird und gemeinsam nach einem Weg gesucht wird. Gerade Männern, denen vielfach noch eingeredet wird, dass Männlichkeit Härte und Gefühllosigkeit bedeutet, fällt dies oftmals sehr schwer.

Wenn Du ehrlich zu Dir bist, dann stellst Du schnell fest, dass Du in Deiner derzeitigen Beziehung oder in ehemaligen zumindest zeitweise tiefere Empfindungen für Menschen außerhalb dieses Verhältnisses gehabt hast. - Warum diese Gefühle unterdrücken, warum sich nicht dazu bekennen und die Möglichkeiten schaffen sie auszuleben? Warum bindet Ihr Euch so eng aneinander und geht nicht weiterhin Euren eigenen Weg, um in bestimmten Momenten, über deren Tiefe und Länge Ihr frei entscheiden könnt, zusammen zu kommen, ohne Euch gegenseitig Eure Freiheit zu nehmen?

Es ist ein langer Prozess, der seine Zeit braucht und sicherlich auch mit Schmerzen verbunden sein wird. Zu viel haben wir von frühester Kindheit an verinnerlicht und zu allgegenwärtig ist die scheinbar so selbstverständliche Darstellung des Besitzdenkens. Aber was haben wir zu verlieren? Schau Dich um, sicherlich sind fast alle festen Beziehungen, die Du kennst, immer wieder davon geprägt, daß der Partner oder die Partnerin entweder einen Teil ihrer Gefühle unterdrückt oder sie heimlich auslebt. Die Alternative heißt offen sein, keine künstlichen Barrieren aufbauen, sondern sich im Fluss befinden. - Geben und das nehmen was freiwillig gegeben wird.

Wenn Du in die Gesichter der Menschen blickst, die mit Dir in der Bahn sitzen, oder wenn Du Dir bewusst die Reklamefassaden anschaust, dann wirst Du mehr und mehr spüren, wie wichtig es ist, dass wir uns einem veränderten Verständnis von Liebe öffnen und ihre Wärme der fast allgegenwärtigen gesellschaftlichen Kälte entgegenstellen.


aus dem Buch:
Wolfgang Sterneck (Hg.) / Cybertribe-Visionen
KomistA / Nachtschatten • ISBN 3-928988-04-2
www.sterneck.net/komista/visionen

 http://smilies-world.de/smilies_pictures/1880.gif


Single im Sommer: Zeit zur Selbstfindung nutzen

Expertin: Langsamkeit als Qualitätszeit kommt viel zu kurz


Von: pressetext.at


Für viele Singles bedeutet die Ferienzeit im Sommer die Erinnerung an das Alleinsein. Doch das Alleinsein kann auch als Chance gesehen werden, wie Psychotherapeutin Sabine Fischer im pressetext-Interview betont. "Zweifelsohne ist der Mensch ein soziales Lebewesen, das zwischenmenschliche Beziehungen braucht. Doch man sollte die Zeit ohne Partner dazu nutzen, herauszufinden wer man ist, was einem wichtig ist, wohin man im Leben will und was einem geprägt hat", so Fischer.

 

"In der heutigen Zeit wird alles unter immensen Zeitdruck gebracht. Jeder, der sich einsam fühlt, wird praktisch dazu gedrängt, sich möglichst schnell wieder zu binden, denn Single zu sein gehört nicht zu einem gelungenem Leben", meint die Paartherapeutin. "Doch allein leben zu können, bringt Unabhängigkeit und man kann daher jeden Tag sagen 'Ich kann mich frei entscheiden, meinen Partner zu wählen'."

 

Alleinsein als positive Ressource

Auf dem Weg Erfüllung zu finden, ist ein wichtiger Schritt die eigene Persönlichkeit kennenzulernen und auf die Reise in sich selbst gehen. "Ebenso ist Geduld nötig, denn ein heute gesetzter Baum trägt nicht sofort Früchte", erklärt die Therapeutin. In einer schnelllebigen Zeit wie heute, ist alles nur auf möglichst rasche Erfüllung der Bedürfnisse abgestimmt. Verliebtheit passt da gut dazu. "Echte tiefe Liebe braucht jedoch Zeit zum Wachsen. Zum Unterschied dazu, könne Verliebtheit innerhalb von Sekunden entstehen. "Was schnell entsteht, kann jedoch auch schnell verschwinden", gibt Fischer zu Bedenken.

 

Damit eine neue Beziehung entstehen kann, hilft es auch darüber nachdenken, warum vorhergehende Beziehungen gescheitert sind und welchen Anteil man selbst daran getragen hat. "Die Aufarbeitung des bisherigen Lebens ist wichtig, um nicht in die gleichen Verwicklungs- und Beziehungsfallen zu tappen, die damals schon nicht funktioniert haben", so Fischer.

 

Volle Hingabe erfordert Reife

"Echte Liebe beginnt in der Liebe zu sich selbst. Erfüllung ist nur dann möglich, wenn man bereit ist, sich für Neues zu öffnen", erklärt Fischer. Man sollte auch hier damit rechnen, dass es möglicherweise Enttäuschungen gibt und dass man diese auch aushält. "Dabei ist es wichtig, von seinem Partner akzeptiert zu werden wie man ist. "

 

"Da der Partner ein Spiegel ist, werden einem oft die eigenen Seiten an sich gezeigt, die man so gar nicht sehen mag", erklärt Fischer. "Eigentlich muss man dafür dankbar sein, denn gerade dort liegt das Weiterentwicklungspotenzial. Wenn man einmal erkannt hat, dass es nicht der andere ist, der schuld ist, dann steht die Beziehung auf stabilerem Grund." Dann kann eine neue Phase beginnen.

 

 

Ganzer Text: http://www.pressetext.ch/pte.mc?pte=100703001

 


Die Befreiung unserer Beziehungen

Unser wahres Wesen ist Liebe. Jede einzelne Person auf der Erde, egal wie sie handelt, war immer Liebe und wird immer Liebe sein. Menschen handeln nur deshalb im Widerspruch zu diesem inneren Wesen, weil sie unter der Lüge der Unwürdigkeit leiden und unter der Lüge, wir müssten uns den Weg in den Himmel erst verdienen. Und viele Menschen sind bemüht, dieses Leiden durch ein Verhalten zu vermeiden, das nicht im Einklang ist mit der Liebe die sie sind.

Wie können wir unsere Beziehungen befreien und gemeinsam einen Himmel auf Erden erschaffen? Die Frage führt uns auf eine spirituelle Reise durch die verschiedenen Ebenen von Beziehungen und zu uns selbst. Denn jede Beziehung ist immer ein Spiegel der Beziehung zu uns selbst, zum Leben und zum Göttlichen.

 

 

Beziehungen der 3. Dimension

BeziehungenWeil Menschen ihre Trennung vom Wesen der Liebe und von der göttlichen Lebensenergie spüren, versuchen sie, diese Liebe und Energie voneinander durch Beziehungen zu erhalten. Beziehungen, die hauptsächlich auf gegenseitiger Abhängigkeit basieren und auf „Überleben" ausgerichtet sind. Ebenfalls wegen dieses Gefühls der Trennung, haben wir einen starken Wunsch, irgendwie Sicherheit, Einheit, Frieden und Einheit in unserem Leben zu schaffen, um wenigstens durch unsere Beziehungen wieder verbunden zu sein, und wir spüren das Bedürfnis, uns geliebt zu fühlen, indem wir Liebhaber, Partner und Freunde haben.

Wir ordnen uns den Bedürfnissen unserer Partner und Freunde, Familie und Arbeit unter, geben unsere Kraft weg für diese Illusionen. Aber diese Beziehungen werden zwangsläufig auseinanderfallen, weil sie auf einem kraftlosen Prinzip aufbauen, wo alle beteiligten ihre Macht aufgeben.

In der typischen dreidimensionalen Realität beziehen sich Menschen selten bewusst auf das wahre Wesen des Anderen oder die göttliche Seelenverbindung in der Beziehung. Wir sind in der Regel eigentlich in einer Beziehung mit unseren Bildern, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Ideen, unseren Vereinbarungen mit und über diese Beziehung, Person oder Gruppe - mit dem, was wir denken oder glauben, dass sie für uns sind, oder sein sollten. Wir sind in der Regel in Beziehungen mit einer Idee, einem Konzept, einem Glauben und oft auch mit romantischen Phantasien auf der Grundlage der gegenseitigen Vereinbarung, die Illusionen der Unwürdigkeit, des Mangels, der Trennung, und des Feind-Bewusstseins zu unterstützen.

Wir helfen einander, emotional zu überleben durch die Stärkung unserer sozialen, sexuellen oder familiären Bindungen. "Ich werde bei dir bleiben, und nett zu dir sein, und ein guter Sexualpartner und guter Lebensgefährte, und ein guter Freund, und ein guter Vater /eine gute Mutter, ich werde mich mit deiner Familie vertragen und deinen Freunden und Kollegen, damit unser soziales, emotionales, sexuelles und finanzielles Überleben gesichert ist. Wir werden von der Gesellschaft und Familie unterstützt werden, weil wir anständige, verantwortungsvolle Bürger sind, die das Richtige tun, Kinder haben, unseren Urlaub mit der Familie verbringen, jeden Tag zur Arbeit gehen und immer das faschistische Regime unterstützen, das gerade an der Macht ist."

Aus einer spirituellen Perspektive, ist die typische Beziehung auf Illusion und Angst aufgebaut. Und deine Wahl ist: Erhältst Du die Illusionen aufrecht oder zerbrichst du alle Illusionen durch die Annahme deiner Göttlichkeit und Souveränität? Die Wahl ist: Hältst du die Vereinbarung aufrecht, einander das Gefühl zu geben geliebt und gebraucht zu werden ... und machst damit diese Art von Beziehungen wichtiger als deiner eigenen Wahrheit zu folgen, deinem eigenen Geist; wichtiger als die Verkörperung deiner eigenen göttlichen Präsenz; wichtiger als die Kenntnis der Wahrheit; wichtiger als den Himmel auf Erden zu erschaffen? Oder nimmst du deine göttliche Souveränität an und machst es zur einzigen Seelen-Priorität in deinem Leben, deiner eigenen Wahrheit und deiner Seele zu folge?

 

Göttliche Beziehungen

Wie also manifestiere ich göttliche Beziehungen in meinem Leben?

Wie es in diesem Prozess der Selbstverwirklichung recht oft der Fall ist, ist der beste Weg herauszufinden, was man will manchmal, festzustellen, was man nicht will. Indem du nicht länger mit alten Mustern interagierst, machst du Platz für neue göttliche Erkenntnisse und Erfahrungen in deinem Leben. Im Fall von Beziehungen magst du zunächst nicht in der Lage sein, neue göttliche Beziehungen zu manifestieren, aber zumindest weißt du, mit welcher Art von Beziehungen du nicht mehr zu tun haben willst. Dadurch gelangst du zu einem Punkt in deinem Bewusstsein, an dem es dich nicht kümmert, was andere Leute über dich denken und du hörst auf, Beziehungen einzugehen, damit du durch einen Partner das Gefühl bekommst geliebt zu werden. Und du hörst auf, all die typischen Spiele gegenseitiger Abhängigkeit zu spielen.

So einfach ist das. Aber weil es eine ganze Parade von Aspekten unseres Bewusstseins gibt, die noch nicht ganz durch sind mit diesen Mustern, ist es eben doch nicht so einfach. Es muss viel Arbeit in der Abteilung "Heilung und Vergebung" getan werden, um alle deine Aspekte zurück in das Herz der Liebe zu bringen - so dass du aufhörst, die Liebe als etwas zu verfolgen, das besessen werden könnte. Aber das bedeutet nicht, dass du ein einer Höhle leben und zu einem Einsiedler werden musst. Der Aufstiegs-Prozess kann nicht beschleunigt werden. Viel Geduld und Mitgefühl sind erforderlich, um all die Aspekte von dir zu erleuchten, die sich von der Quelle, von der Liebe getrennt haben. Und dann die Menschheit darin zu unterstützen, das Gleiche zu tun. Der Prozess des Loslassens des Überlebens-basierten Bewusstseins sollte so schonend wie möglich geschehen, damit dein Ego einen sanften Übergang in die Einheit machen kann. Und damit die Energie-Körper und DNA all das Licht verarbeiten können, dass du dann verkörperst, ohne dabei deine Energie-Systeme zu verschmoren.

 

Abhängigkeit loslassen

AbhängigkeitDie Initiationen während des Übergangs zur Freigabe aller Muster von gegenseitiger Abhängigkeit können sehr schmerzhaft sein. Und die Aussicht auf die Preisgabe all dieser Sicherheiten klingt zunächst nicht unbedingt großartig - vor allem die Aussicht, von all jenen zurückgewiesen zu werden, die du bisher deine Familie, Freunde und Liebhaber genannt hast. Das fühlt sich zunächst nicht sehr göttlich an, und der Verlust von Arbeitsplätzen und die Unfähigkeit länger als Arbeitskraft zu funktionieren, fühlt sich auch nicht so gut an. Leider sind diese Szenarien aber ziemlich häufig der Fall, wenn du aufbrichst zu einem Leben von Selbstermächtigung, Göttlichkeit und Souveränität. Aber diese Schmerzen und Leiden sind nur vorübergehende Phänomene während des Loslassens von alten Mustern und jenen Menschen, die immer noch süchtig sind nach antiquierten Formen von Energie-Austausch. Und die Freude der Selbstermächtigung und die erstmalige Erfahrung deiner Souveränität und göttlichen Kraft ist ekstatisch und die Reise mehr als wert! Und das Wiedersehen mit der göttlichen Familie, deinen Soul Mates, ist absolute Freude.

Nachdem du eine erfolgreich durch diese Einweihungen gegangen bist, wirst du durch das Tor der göttlichen Liebe transportiert und erkennst, dass du überhaupt niemanden brauchst, um Energie auszutauschen. Da ist ein ständiger Fluss der unendlichen göttlichen Liebe in dir, die ganze Zeit, und sie kann immer aus der Quelle zu dir fließen. Dann brauchst du bestimmte Beziehungen nicht länger aufrechterhalten, dich selbst nicht länger manipulieren, Dinge zu tun, die du gar nicht tun möchtest, um dein soziales Überleben zu sichern. Du wirst nun völlig unsozial. Deine Beziehungen werden transpersonal. Du verbindest dich mit Menschen, wenn es eine göttliche Anziehung gibt, dies zu tun, weil (vertikale) Seelen-Verbindung zwischen euch ist, die es anzuerkennen und zu fördern gilt. Alle horizontalen co-abhängigen Verbindungen werden fortwährend getrennt und losgelassen. Nur noch synchrone evolutionäre Beziehungen werden gefördert und unterstützt.

Alle deine Beziehungen beziehen sich nun auf deine individuelle Mission, die individuellen Aufgaben der Anderen und die gemeinsame Gruppen-Mission, den Himmel in euren Leben und auf dem gesamten Planeten zu manifestieren. Ihr öffnet nun wirklich euer Herz und all eure Chakren für den konstanten Fluss der Sexual-/Chi-/Prana-/Lebens-/Schöpfer-/Gottes-/Einheits-/Christus-Energie zwischen euch. Ihr erkennt, fühlt, seht und erlebt die Liebe, die ihr beide (oder mehr) bereits seid - ohne etwas zu tun. Die Liebe, die zwischen euch ist, ist einfach. Sicherlich gibt es Seelen-Verbindungen und Verbindungen aus vergangenen Leben, aber diese tiefen Liebes-Verbindungen sind nur Erinnerungen an die Liebe, die wir alle natürlicherweise für alles und jeden haben. Eine Liebe, die einfach ist.

 

Jenseits des Mangels

Von dieser natürlichen Basis des Einheits-/Liebes-/Christus-Bewusstseins gibt es kein würdig / unwürdig. Es gibt kein Mangel/Überfluss. Die Dualität wird nicht länger als Realität geglaubt. Wohlstand ist die natürliche Essenz des Universums und jeder unterstützt den Wohlstand aller. Es gibt keinen Mangel, darum ist es nicht notwendig, Vereinbarungen mit mir selbst, anderen oder dem Universum zu treffen, für mich zu sorgen. Alles und jedes ist jederzeit augenblicklich verfügbar, ohne dass du dafür arbeiten musst, oder beweisen, dass du würdig bist, es zu empfangen. Es besteht keine Notwendigkeit mehr, all die Spiele des Mangels und der Trennung noch länger zu spielen.

Einige Menschen werden diese Spiele noch immer spielen müssen, für ihre eigenen Erfahrungen und ihr Seelen-Wachstum, aber du bist fertig mit diesen Spielen. Wenn dich ein Spiel langweilt, hörst Du auf es zu spielen, so einfach ist das. Lass uns jetzt ein neues Spiel spielen, sollen wir? Es heißt "Gemeinsam den Himmel auf Erden erschaffen", ein Spiel, das jeder spielen kann, und es gibt nur eine Regel in diesem Spiel und die heißt: Deine Version dieses Himmels auf Erden zu erlauben, zu werden, zu verkörpern, zu manifestieren und von ihr aus zu handeln! Und alle werden besser und besser darin dieses Spiel des göttlichen Ausdrucks zu spielen, sobald sie herausfinden, was diese Regel bedeutet und sobald sie an deinem Beispiel sehen, wie du den Himmel in deinem Leben erschaffst. Die Menschen werden besser in diesem Spiel, sobald sie sich die Erlaubnis geben, ihren Herzens-Träumen zu folgen, ein wirkliches Leben zu leben und in ihrer Kreativität zu erblühen, statt nur zu überleben. Lass uns Himmel auf Erden spielen!

 

Beziehungen der 4. Dimension

BeziehungenUm zu lernen, dieses neue Spiel der Himmels-Schöpfung zu spielen, ist es notwendig, das Bewusstsein zu höheren Ebenen von Gewahrsein zu erweitern, und mehr 4. und 5. dimensionale Beziehungen zu führen (oder Co-Creationships, wie ich sie nenne).

Beziehungen der 4. Dimension sind mehr spirituell und karmisch basiert. Diese Arten von Beziehungen werden in den frühen bis mittleren Stadien des Erwachens erlebt, während man sein Karma klärt und vergangene Leben und die Seelen- und Ahnen-Linie heilt. Durch die Gesetze der göttlichen Reflexion und Resonanz manifestieren wir Menschen in unserem Leben, die uns direkt und indirekt dabei helfen, unsere vergangenen Leben zu klären, zu heilen und zu vergeben.

Heilung ist die typische Ausrichtung des vierdimensionalen Denkens. Deine Beziehungen drehen sich um die Klärung deines Karmas, um die Ausbalancierung und Heilung deiner "dunklen Seite", die Heilung des Männlichen und Weiblichen, die Heilung eurer früheren Leben miteinander, die Heilung eure Körper, die Annahme von Langlebigkeit und das Loslassen von Krankheit, die Heilung des Planeten ... und den Versuch, Einheit zu erschaffen, indem du dich Gruppen von Menschen anschließt, die ähnliche Orientierungen und Überzeugungen haben oder solche Gruppen bildest. Typischerweise agieren die Menschen dies durch den Beitritt zu Religionen und dogmatischen Glaubensgemeinschaften aus, um die soziale Sicherheit aufrechtzuerhalten.

Die vierdimensionalen Einweihungen können stark und intensiv sein, da wir den Konflikt zwischen Licht und Dunkelheit und vergangene Erfahrungen des Gebrauchs und Missbrauchs von Macht, Kontrolle, Magie und Alchemie ausgleichen, als wir uns abgespalten und von der göttlichen Liebe getrennt hatten. Ebenso intensiv ist die Reise zum Ausgleich des göttlichen Männlichen und Weiblichen im Inneren, und der Ausgleich der Energien des Seins und Handelns.

In der New-Age/Esoterik-Community beziehen sich die Menschen meist aus dieser Perspektive aufeinander, die etwas fortschrittlicher ist, als die typisch-menschliche dreidimensionale Perspektive der Beziehung. Aber es ist eine noch höhere Perspektive notwendig, und das ist die Ebene des fünfdimensionalen Einheits- oder Christus-Bewusstseins.

Menschen beziehen sich in der Regel bewusst dreidimensional, unterbewusst vierdimensional und unbewusst fünfdimensional aufeinander. Menschen auf einem spirituellen Pfad mögen oft auch die höhere Perspektive der 5. Dimension berühren und bringen damit dieses höhere Gewahrsein in ihren bewussten Mind. Aus meiner Sicht müssen wir uns aller drei Ebenen bewusst sein, und entscheiden, welche uns am wichtigsten im Leben ist. Alle drei haben ihren Platz und ihre Gültigkeit und ihre Rolle im Leben des Einzelnen und seine aktuelle Sicht der Wirklichkeit muss anerkannt werden. Aber wie immer gibt es höhere Perspektiven und Wahrheiten, und jede Beziehung besteht aus allen Dreien in verschiedener Gewichtung.

 

Beziehungen der 5. Dimension - Co-Creationships

Seelen Verbindung PartnerFünfdimensionale Beziehungen sind transpersonal. Hier beruhen eure Beziehungen auf der gegenseitigen Verehrung der Souveränität und Meisterschaft des jeweils anderen.

Der einzige Zweck eurer Interaktion ist die Erweckung eurer Göttlichkeit und Meisterschaft und die Verkörperung und Verwirklichung des göttlichen Plans durch euch als Kanäle der Gott-Göttin. Es gibt vierdimensionale Elemente, da ihr alles persönliche Karma zusammen klärt und göttliche Spiegel füreinander seid, um eurer Karma im Allgemeinen zu heilen. Aber dies geschieht nicht unbedingt von einer Perspektive der Heilung, sondern als ein Akt der Liebe, um die Wiederverbindung der Seelen zu unterstützen. In anderen Worten, durch die Kombination von zwei oder mehr göttlichen Kräften, kann größere Kraft und Schöpfung mit Leichtigkeit und Anmut verwirklicht werden.

Wenn du in größerem Umfang erwachst und Wohlstand als dein Geburtsrecht akzeptierst, werden deine Beziehungen schließlich alle Spuren der dreidimensionalen Überlebens-Orientierung verlieren. Die vierdimensionalen Aspekte werden auch abklingen, während du mehr und mehr deines Karma heilst und ausbalanciert, deine Vergangenheit klärst und alle Aspekte deiner Seele wieder mit der Liebe/Seele/Quelle im Inneren verbindest. Dann drehen sich all deine Beziehungen in erster Linie das gemeinsame Erschaffen des Himmels im Inneren und Äußeren, um das Erschaffen des Himmels in deinem Leben, dem Leben des jeweils anderen, auf dem gesamten Planeten und im gesamten Universum.

Bis dahin wirst du dich weiter aus drei- oder vierdimensionalen Gründen in Beziehungen begeben, bis du mit diesen Illusionen fertig bist und Balance in deinem Inneren und deiner Seele geschaffen hast. Du musst dich in Beziehungen engagieren, um dein Karma mit Einzelnen zu klären, aber du wirst bald erkennen, dass jede individuelle Beziehung eine Klärung jeder Beziehung ist, die du jemals mit irgendjemandem gehabt hast. Du musst also nicht versuchen, jede einzelne Person zu treffen, mit der du mal eine Beziehung hattest, um dein Karma mit ihr zu klären. Du würdest mehrere Leben mit dem Versuch verbringen dies zu tun und dabei ständig neues Karma generieren - weiter und weiter bis ins Unendliche.

Du solltest also wissen, was Karma eigentlich ist und dass es komplett und gnadenvoll hier und jetzt von dir aufgelöst werden kann, indem du einfach erkennst, wer du bist: Wenn Du Alles-Was-Ist bist, das sich in einem Einzelnen Punkt ausdrückt - dann war alles, was geschehen ist oder geschehen wird, nur Erfahrung und Seelen-Wachstum. (Lies z.B. meinen Karma Artikel)

So triff deine Wahl: Überlebens-orientierte Beziehungen, karmische Beziehungen oder himmlische Beziehungen - es ist deine Entscheidung.

 

Seelenfamilie

Nun, vorausgesetzt, du wählst die himmlischen Beziehungen, dann wirst du es zu deiner obersten Priorität machen, ausschließlich mit Menschen in Beziehung zu sein, die eine ähnliche Vision haben wie du selbst. Anfänglich werden sie nur wenige sein und weit entfernt. Aber während sich dein Aufstiegs-Prozess fortsetzt, wird sich mehr und mehr deiner Seelen-Familie manifestieren, Wesen, die eine ähnliche fünfdimensionale Orientierung haben, wie du selbst. Die Menschen, mit denen du in der Lage bist, für längere Zeit zu interagieren werden Wesen sein, deren einziges Interesse es ist, eine Existenz des fünfdimensionalen Christus-Bewusstseins zu leben. Wesen, die volle Verantwortung für ihre eigene Realität, ihr Karma und ihre Manifestationen übernehmen. Wesen, die offen, kooperativ, kommunikativ und kreativ sind. Wesen, die Ja sagen zum Leben zu Sinnlichkeit und Abenteuer. Wesen, die ihre eigene Energie und Schwingungen so sehr genießen, dass sie weder mit dir noch sonst jemandem Zeit verbringen müssen. Aber wenn die Synergien richtig sind, ist die Freude des Zusammenseins ekstatisch und göttlich.

Der nächste Schritt im Prozess des Erwachens und der Meisterschaft und ist die Seelenfamilien-Verbindung. Die neue Zivilisation des Lichts und der Liebe wird nur manifestiert durch die Verbindung der Seelengruppen. Christusbewusstsein ist ein Seelengruppen-Ding, in welchem alle Dinge geehrt werden und enthalten sind als Teil der Ganzheit von All-Was-Ist. Diese Initiation ist die Klärung eurer Leben als Gruppe und deren Karma. Oft kann diese Reise schwierig sein, denn Lichtarbeiter können zu den heikelsten Wesen gehören, mit denen man überhaupt zu tun haben kann. Und das Maß, zu dem jeder Einzelne bereit ist, sein Gruppenseelen-Zeug zu klären, bestimmt das Maß, zu dem ihr in der Lage seid, als eine Gruppe auf ganzheitlicher Ebene zu interagieren und wirklich göttliche Schöpfungen zu manifestieren.

 

Das Herz ist der Schlüssel

Wie kann ich meine kreativen/sexuellen Energien fördern? Der Schlüssel ist das Herz. Sich sich im Herzen zu zentrieren und aus einem offenen Herzen zu leben und zu atmen und zu handeln ist der absolute Schlüssel. Und wenn dein Herz sich jemals schließt, ist dein nächster Schritt, herauszufinden warum, es zu klären, zu heilen und zu vergeben, so dass dein Herz sich wieder öffnet.

Mit einem offenen Herzen, kannst du deine göttliche Essenz berühren, die Liebe. Dann brauchst du kein Begehren, um Liebe zu erhalten, oder Erfahrungen, die dir das "Gefühl" geben geliebt zu werden. Denn wenn du in deine Mitte, deine Liebesessenz gehst, gibt es keine Notwendigkeit für falsche Götter und falsche Gefühle, nur die wirkliche Liebe wird noch zählen. Deine kreativen Energien kannst du nun für sich selbst behalten, statt sie an den Meistbietenden zu verkaufen oder leichtfertig zu vertun. Und du kannst deine kreativen sexuellen Energien mit anderen teilen, die deine Energie weder brauchen, noch wollen, weil sie Zugang zu ihrer eigenen Mitte haben, weil sie nicht an deiner Kraft interessiert sind. Diese Energien werden für ihren eigentlichen Zweck geteilt, für die Empfängnis und die Geburt neuer göttlicher Kreationen. Die Energie wird kanalisiert und synchronisiert in einem Ausdruck von gemeinsamer Erschaffung, statt nur zur Zeugung. Und dein intimer sinnlich-sexueller Ausdruck kann nun eine Co-Kreation werden, ohne Ziele und Absichten. Keine Zukunft, nur die Energie des Moments. Ihr wollt nichts von eurem Partner als eure gegenseitige Ekstase und die Erweckung eurer Göttlichkeit. Energie und Freude werden ebenso gegeben wie empfangen. Oder werden gegeben und empfangen ohne jede Erwartung. Und jeder Augenblick ist ein Orgasmus.

So gehet hin, seid fruchtbar, selig, sinnlich, ekstatisch, abenteuerlustig ... und habt Spaß!

 

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Mensch sein (Lied)


Alles läuft – völlig schief
hast die Sache nicht mehr im Griff
und du wirfst alles hin - siehst im Leben keinen Sinn

Ruf nach mir – bin bei dir
wenn das Wasser dir zum Halse steht
ganz egal, welcher Sturm - dir so entgegenweht

Und so will ich ein Mensch sein
der mitgeht, den Blick zur Welt öffnet
ein wahrer Freund, dem man fest vertrauen kann
jemand, der dich liebt – versteht
und schätzt dein Wesen
wenn du deine eignen Wege gehst – bin ich bereit

Was auch kommt – zähl auf mich
denn ich lasse dich nie im Stich
bin dein Schirm - lass dich nie im kalten Regen steh’n

Wenn du dann – irgendwann
mal gegen eine Strömung schwimmst
weiß ich, dass du den Weg zur Quelle nimmst

Und so will ich ein Mensch sein
der mitgeht, den Blick zur Welt öffnet
ein wahrer Freund, dem man fest vertrauen kann
jemand, der dich liebt – versteht
und schätzt dein Wesen
wenn du deine eignen Wege gehst – bin ich bereit

Ich kann nicht zusehen, wenn etwas dein Herz bricht
und du als Seele leidest, dass die Glut deiner Lebensfreude erlischt

Halte nicht fest, was verletzt und deinen Wert vergisst
vertrau auf dich selbst – nur du allein weißt, wer du bist

Und so will ich ein Mensch sein
der mitgeht, den Blick zur Welt öffnet
ein wahrer Freund, dem man fest vertrauen kann
jemand, der dich liebt – versteht
und schätzt dein Wesen
Wenn du deinen Schritten nicht mehr traust –
und meinen Rat und Beistand brauchst –
bin ich da!
Songtext von Fido Vagash:


http://www.seer.ufrgs.br/index.php/contingentia/article/viewFile/6527/4245/21489

 

Was Sie sich schon immer vom Sex erträumt haben …… aber bisher nicht zu denken wagten. Ist „freie Liebe“ nur eine Wunschfantasie – dafür bestimmt, an einer Realität von Prüderie und Eifersucht zu scheitern? Gibt es funktionierende Modelle, und handelt es sich dabei um das sexuelle Pendant zur Anarchie? (Von Leila Dregger. Ein Beitrag des Webmagazins auf "Hinter den Schlagzeilen". Erstveröffentlichung im Rahmen des "Anarchie"-Titelthemas des "Zeitpunkt". www.zeitpunkt.ch) Ich habe einen Traum. Und an einem Tag wie heute, wo die Strahlen der Morgensonne das Gras und die Erde mit Glanz überziehen und rosafarbene Schatten auf die Bäume malen, an solchen Tagen habe ich das Gefühl, dass Mutter Erde denselben Traum hat. Er heißt freie Liebe. Es ist der Traum, dass ich auch den Freund meiner besten Freundin lieben darf. Dass du der Frau im Zug, dem Kellner, deinem Lehrer oder der Mutter deiner Freundin zeigen kannst, dass du scharf auf sie bist, ohne schlimme Konsequenzen zu befürchten. Dass ein Mann die fremde Frau am Hafen sinnlich einladen darf und sie frei – ohne Angst oder Verachtung – ja oder nein sagen kann. Dass die sinnliche Liebe geschützt wird, wo immer sie authentisch auftritt. Dieser Traum schließt mit ein, dass keine Partnerschaft mehr zerbrechen muss, wenn einer der beiden gesteht, auch noch einen anderen Menschen zu begehren. Es ist der Traum eines anderen Lebens.

Stellt euch einmal vor, was für eine Kultur da aufblühen würde: Eine Dichtkunst der Anbetung und des Begehrens, ohne falsche Treueschwüre. Musik und Rhythmen, die das Beben des schüchternen Abenteurers der Liebe einfangen. Sinfonien der Vielfalt aller erotischen Möglichkeiten. Ikonen der Lust, der Wonne, der erotischen Vorfreude. Festivals der Herzöffnung und der globalen Anteilnahme.

Am Anfang ist die Lust. Sie ist etwas sehr Eigenwilliges, das so intim und süß zwischen den Beinen entsteht und so plötzlich wächst, meistens in den unmöglichsten Situationen – sichtbar bei Männern, diskret bei Frauen, aber ebenso gebieterisch. Die Lust hält sich nicht an Regeln und Gesetze und auch nicht an die durch Eheschließung geschaffenen „Besitzverhältnisse“. Das wohl geordnete Bett aber flieht sie und will sich partout nicht dort einstellen, wo sie soll.

Doch dann, unmittelbar, ist sie da, vielleicht beim Anblick eines offenen Dekolletés oder beim Klang einer bestimmten sonoren Stimme. Du stehst in Flammen und unter Wasser gleichzeitig.
Wem es in diesem Moment gelingt, innezuhalten und sich umzusehen, der kann eine neue Welt entdecken: Alles, alles, alles auf der Erde ist Eros. Die Natur ist ein einziges Strömen, Verausgaben, Durchdringen, Ausstülpen, Vereinigen. Es gibt nichts, das nicht aus Eros entstanden wäre. Einschließlich des Menschen. Diese Lust wahrzunehmen, ihren Impulsen Ausdruck zu verleihen, ihnen gar zu folgen, ist ein Abenteuer ohne Grenzen.

Und ein gefährliches. Keine unserer sexuellen Fantasien ist gesellschaftsfähig. Tatsache ist: Die Menschenwelt ist (noch) nicht eingerichtet für die großen kosmischen Kräfte der Lust. Im Gegenteil, der Mensch hat versucht, die anarchistische Kraft des Eros zu zähmen. Die Lust sollte uns verleidet werden, Ordnung an ihre Stelle treten. Die in die Seele gebrannte Strafangst macht uns zu braven Untertanen. Die Methoden dazu waren grausam, aber die verdrängte Erinnerung daran lebt im Untergrund weiter.

Doch einen Fluss kann man nicht wirklich stoppen. Versucht man es, tritt er früher oder später über die Ufer und reißt Mauern und Dämme nieder. So ist es auch mit dem Eros. Die gesellschaftlich tolerierten Bereiche der Lust – Bordelle, Internetpornos, SM-Parties, Pärchenclubs und Tantra-Wochenenden – sind zeitweilige Ventile, reichen aber nicht aus, um ihre Kraft dauerhaft zu kanalisieren. Denn Lust verlangt stetig nach Ausbreitung, Ausdehnung, Grenzerweiterung. Sie ist das anarchistische Prinzip schlechthin.

„Der reißende Fluss wird gewalttätig genannt, aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig“, sagte Bertold Brecht. Und Dieter Duhm führt aus: „Irgendwann bildet sich im Bauch jeder sexualverdrängenden Gesellschaft jenes explosive Gemisch von Sexualität und Gewalt, das dann in seiner entsetzlichen Entladung keine Grenzen mehr kennt.“ (Aus: „Der unerlöste Eros“)
Der Lust ein anderes, freieres und schöneres Bett zu bereiten, ein Bett des Vertrauens und der elementaren Wahrheit – das ist deshalb nicht nur ein Heilungsauftrag, sondern eine Friedensaufgabe. Es wird auf der Welt keinen Frieden geben, solange die Lust nicht gesehen und befreit ist.

Die andere gewaltige Sehnsucht ist die persönliche Liebe. Das Wiedererkennen des Göttlichen in einer einzelnen Person, die man nun in die Arme schließen kann. Es ist tiefste Erfüllung, zu einem Menschen voll und ganz ja sagen zu können. Wer diesen Schatz gefunden hat, will ihn um nichts in der Welt wieder verlieren. „Verlass mich nicht!“ Jede Liebeserklärung wird schon von diesem stillen Schrei begleitet.

Und so beginnt man, die Liebe abzusichern, zuerst unschuldig, dann immer resoluter. „Wann kommst du nach hause?“ „Wen hast du heute getroffen?“ „Es macht dir doch nichts aus, dass ich die SMS auf deinem Handy lese. Oder hast du Geheimnisse vor mir?“ Zunächst geschmeichelt von der Eifersucht des Partners, beginnt man mehr und mehr, die Gitterstäbe des neuen Gefängnisses zu spüren. Wo ist sein freies Wesen geblieben, in das man sich so verliebt hat? Soll ich bei ihm versauern, als Pantoffelheld, als Heimchen am Herd? Es gibt doch noch eine ganze Welt da draußen! All die fremden Bräute und Typen, die da in dunklen Ecken stehen, lockend, verführerisch, Lust verheißend.

Ein Arzt offenbart sein Intimleben. „Seitdem ich das erste Mal mit einer Frau zusammen war, liebe ich alle Frauen, wirklich alle. Ich hatte eine Beziehung nach der anderen. Denn eine Beziehung ist eine feste Bank für Sex, man spart sich den ganzen Aufwand des Ausgehens, Redens, Verführens. Doch immer hatte ich nebenher heimlich andere Affären. Darüber konnte ich natürlich nicht sprechen, die Frauen hätten mich verlassen. Und dann begann die Heimlichkeit mir zu gefallen, sie machte die Abenteuer prickelnd. Die Lust auf den Sex mit meiner jeweiligen Freundin verging aber immer nach einigen Monaten, und wenn sie dann anfingen, von Heirat zu sprechen, habe ich die Beziehungen beendet. Jetzt bin ich vierzig und weiß, dass sich etwas verändern muss.“

Verändern – aber wie? Immer wieder in der Geschichte versuchten es Menschen mit dem Weg der freien Liebe. Die Wiedertäufer von Münster, die Phalanstères des Frühsozialisten Charles Fourier im 18. Jahrhundert, die Sexwelle der 68er – im Grunde sind alle gescheitert. Von ihnen allen liebe ich vor allem Emma Goldmann. Die Anarchistin predigte Gerechtigkeit, Frieden und freie Liebe – und das in den USA des 19. Jahrhunderts. Tausende kamen zu ihren Vorträgen, sie wurde zum Symbol einer ganzen Bewegung. Aber von ihrem Privatleben schwieg sie, von ihrer verzweifelten Liebe zu einem jungen Mann, von ihrer rasenden Eifersucht, von ihren Fragen als reifere Frau. Das gehöre nicht in ihre Biographie, bat sie. Es sei ein schlechtes Vorbild für die Jugend.
Was für eine Tragik! Als Visionärin sah sie die Möglichkeiten der freien Liebe, die Erfüllung war ihr aber versagt.

Es ist offenbar ein weiter Weg zu einer Kultur der freien Liebe. Alle Grundpfeiler unserer Kultur wollen dafür hinterfragt und verändert werden. Wir brauchen ein Weltbild und ein Umfeld, in dem unser erotischer Impuls kein Chaos verursacht, sondern eine höheren Harmonie zum Ausdruck bringt. Wir brauchen eine Spiritualität, die die Sinnlichkeit bejaht. Für viele heute ist das die Kultur der Göttin. Sabine Lichtenfels, Mitbegründerin der Kommune von Tamera, sagt: „Es ist der Urgrund der Göttin, der uns in dem flüchtigen Blick einer fremden Frau oder eines fremden Mannes trifft. Und es ist die Sehnsucht nach der ewigen Präsenz der Göttin und der Heimat in der Göttin, die uns in der Sehnsucht nach dauerhafter Intimität und Partnerschaft berührt.“ (aus „Tempel der Liebe“)

Wir brauchen ein soziales Leben, das es Frauen ermöglicht, zusammenzukommen und sich zu verständigen. „Wer sind die anderen, die meinen Mann auch noch lieben?“ Für die Männer gilt natürlich das Gleiche. Wir brauchen Kommunikationsformen, in denen wir uns die Wahrheit sagen können, ohne gleich Streit und Rache zu befürchten. Wir brauchen, in einem Wort, Vertrauensgemeinschaften.


Leila Dregger, Journalistin und Ökologin aus Deutschland, lebt heute in Tamera/Portugal, wo sie eine Schule für Friedensjournalismus aufbaut.

 

 

 

 Zum Thema "Freie Liebe" diesen Link:
Liebesglück statt Liebesleid

Jeder kleine Auszug aus einem Kapitel, den ich hier als Leseprobe anbieten könnte, müsste aus dem fragilen Gleichgewicht des ganzen Textes herausfallen und immer einen einseitigen Eindruck hinterlassen. Um das zu vermeiden, biete ich nur die ersten Grundgedanken und das Inhaltsverzeichnis als Entscheidungshilfe an. Schließlich kost das Runterladen ja nix und das Löschen ist auch noch umsonst, wenn es denn jemandem gar nicht gefallen sollte. Allen Anderen wünsche ich viel Spaß und die eine oder andere nachdenkliche Minute bei einer nicht immer nur erfreulichen Geschichte und Allen wünsche ich alle Liebe der Welt.


   Die häufigste Lüge in unserem Kulturkreis besteht aus nur drei Worten: Ich liebe Dich! Wäre es wahr, müsste man es nicht erwähnen. Wenn man wem auf die Nase haut, sagt man auch nicht „Ich hau dir auf die Nase“, höchstens vorher. Weil man genau weiß, daß er es merkt, wenn die Nase erst mal blutet. Warum glauben so wenige, daß der Andere es merkt, wenn man ihn liebt? Weil sie es selbst nicht glauben.
   Niemand sagt beim Essen „ich esse“ und beim Gehen „ich gehe“. Einen Tischler, der bei der Arbeit ständig versicherte „ich tischlere“ würde keiner ernst nehmen. Außerdem würde er sich öfter in den Finger schneiden. Genauso ist es mit der Liebe.
   Wären wir wirklich ehrlich, würden wir immer etwas anderes sagen als „ich liebe dich“. „Ich würde dich gerne lieben“ käme der Wahrheit schon näher. „Ich versuche doch so gut ich kann, dich zu lieben“, wäre auch nicht schlecht. „Du gefällst mir“ wäre wohl noch relativ ehrlich, aber dann müsste man meist hinzufügen „solange du in meine Wunschvorstellungen passt“. „Ich will dich haben“ käme der grausamen Wahrheit ziemlich nah. Dabei wäre ein einfaches „Danke“ am ehesten ein Hinweis auf so etwas wie Liebe. Ein Blick sollte auch reichen. Es ist so offensichtlich: spätestens beim Aussprechen der drei Worte liebt man nicht, sondern man redet. Lieben und von Liebe reden ist ganz und gar nicht das Gleiche. Ganz im Gegenteil werden Worte häufig gebraucht, um Empfindungen zu unterdrücken. Gerade die Beschwörung der Liebe verrät ihre Abwesenheit.
   Nur die Abwesenheit der Liebe macht die Beschwörung nötig. Nur die, die nicht sicher sind, müssen ihre Liebe erklären. Mit der herkömmlichen Liebeserklärung versucht man nicht nur den Partner zu überzeugen, sondern vor allem sich selbst. Nur abgefeimte Heiratsschwindler und gewohnheitsmäßige Fremdgeher belügen kaltblütig und bewusst ihr Gegenüber, die Mehrheit möchte es wirklich gerne selbst glauben. Niemand ist gern liebesunfähig! Wir alle würden gerne lieben, wenn wir könnten. Jeder Liebesschwur drückt die verzweifelte Hoffnung aus, der Wahrheit nicht ins Gesicht schauen zu müssen.
   Die Wahrheit kann grausam sein und schmerzhaft. Aus unserem Alltag ist sie weitgehend verbannt. Aber ohne Wahrheit gibt es keine Liebe, genau wie es ohne Liebe keine große Wahrheit gibt. Auch die Liebe ist aus unserem Alltag verbannt. Trotzdem ist sie allgegenwärtig, sie hält den Kosmos zusammen, bewegt ihn und sie ist auch unser wichtigster Antrieb. Sie beherrscht unser Leben und diktiert unser Verhalten, das der schlimmsten Sünder genau so wie das der wenigen Heiligen. Von diesem offensichtlichen Widerspruch handelt dieses Buch.


Inhalt
 1 Grundgedanken .....................................................2
 2 Die universelle Kraft .............................................. 4
 3 Schwingung und Resonanz ................................... 6
 4 Die Liebe bei den natürlich lebenden Menschen ..10
 5 Der Krieg gegen die Liebe ....................................13
 6 Liebe und Wahrheit ..............................................17
 7 Die große Liebe ...................................................20
 8 Wo die Liebe anfängt ...........................................22
 9 Die Krankheit, die zum Tode führt .......................25
10 Die körperliche Liebe ..........................................27
11 Lieben und Teilen  ..............................................31
12 Schwingung und Resonanz im Alltag .................34
13 Wachsen und Blühen .........................................38
14 In Liebe erziehen ................................................44
15 Schlussfolgerungen ............................................47
16 Anmerkungen .....................................................48

Jan Moewes, der liebende Kosmos, eine Auswahl alter und neuer Texteeinen Querschnitt durch alte und neue Schriften von Reportagen und Essays bis zu Rocksongs und Gedichten.
Das Buch zum downloaden - "Liebesglück statt Liebesleid"

Da es das Buch zum Download - leider nicht mehr gibt, mehr Infos hierzu beim Meister selbst:

http://www.janmoewes.de

Das Buch gibt es jetzt glaube ich neu zu kaufen - beim Zweitausendeinsverlag.Lächeln

 http://smilies-world.de/smilies_pictures/1880.gif


Was ist „freie Liebe“?
In den meisten Nachschlagewerken wird „Freie Liebe“ auf eine Beziehung ohne Trauschein reduziert. Für den anarchistischen Kontext reicht diese Reduzierung nicht aus. Hubert van den Berg schreibt über den Begriff in seinem Beitrag für das Lexikon der Anarchie: „ Die Wortzusammenstellung “Freie Liebe“ wurde im 19. Jahrhundert geprägt als Bezeichnung für Sexualität, sexuelle Beziehung sowie Formen des Zusammenlebens mit einer (mutmaßlichen) sexuellen Komponente, die sich jenseits von hegemonialen Moralvorstellungen, wie z.B. dem bürgerlichen Eheideal oder des damaligen viktorianischen Puritianismus in Sexualfragen, bewegte. Dabei war in der Bezeichnung Freie Liebe je nach politischen, religiösen und moralischen Standort des Benutzers/der Benutzerin immer ein Werturteil mit enthalten, das von dem Verdikt der Zügellosigkeit, Dekadenz und moralischer Entartung bis zur Rückkehr nach vermeintlich „natürlichen“ Verhältnissen und der Etablierung einer selbstbestimmten Sexualität, frei von äußeren Eingriffen und rückständigen, überholten, irrationalen Normierungen reichte.“Die Reduzierung der „Freien Liebe“ auf eine nicht staatlich anerkannte eheartige Beziehung bringt uns in der heutigen Zeit wenig für eine progressive Gestaltung der Beziehung. Eine Liebesbeziehung sollte von der theoretischen Seite her immer auf den Grundlagen „freier Vereinbarung“ beruhen, die jederzeit gelöst werden können. Die Kritik an der Ehe als Institution ist in der Schärfe, wie sie bei einigen AnarchistInnen vorkommt, sicherlich nicht mehr zeitgemäß.
Freie Liebe bedeutet darüber hinaus eine Überwindung von verinnerlichten Normen und Herrschaftsverhältnissen. Darin liegt ihr progressiver Gehalt.
“Freie Liebe“ ist eine direkte Aktion. Eine wirkliche „befreite“ Liebe kann es in diesen bestehenden Verhältnissen sicherlich nicht geben. Darüber brauchen wir uns keine Illusion zu machen. Der Kampf um die „Freie Liebe“ muß immer auch mit anderen gesellschaftlichen Kämpfen und Veränderungen einhergehen.
Wenn ich in diesem Rahmen von „freier Liebe“ spreche so will ich mich klar abgrenzen von Gruppen wie des ZEGG, die unter dem Deckmantel „freie Liebe“ eine rein auf die Bedürfnisbefriedigung des Mannes zugeschnittene Sexualität propagandieren. Rezeptionsgeschichte im Anarchismus Einer der ersten Vordenker der „Freien Liebe“ war der Frühsozialist Charles Fourier. Er verfochte bereits im 18 Jahrhundert fortschrittliche Ideen von Liebe und Sexualität - auch wenn an vielen Stellen noch patriachale Denkmuster durchscheinen. Er beeinflußte auch die anarchistische Diskussion um dieses Thema stark. Für die anarchistische Rezeptionsgeschichte des Themas sind desweiteren Anfänge im Hauptwerk William Godwins „An Equiry concerning political Justice and its influence on general Virtue and Happiness“ zu finden, wo er Kritik an der Form der bürgerlichen Ehe übt.
“Die Ehe ist ein Gesetz, und das schlechteste von allen! Wie auch unser Verstand über die Person urteilen mag, die uns durch das gemeinschaftliche Leben in jeder Weise zu fördern bestimmt sein soll - über den Wert der einen Frau und die Fehler einer anderen Frau -, wir sehen uns gezwungen, dem Gesetz zu gehorchen, nicht der Stimme der Gerechtigkeit. Man bedenke ferner, daß die Ehe ein Eigentum zur Folge hat, und zwar in seiner schlimmsten Gestalt.“ Godwin selber war zwar verheiratet, was ihm viele KritikerInnen vorwerfen, aber diese Ehe ging er nur ein, um die damals schwangere Frauenrechtlerin Woodstonecraft vor den gesellschaftlichen Repressalien zu schützen. Die Beziehung zwischen den beiden kann für ihre Zeit dennoch als fortschrittlich betrachtet werden - u.a. hatten sie getrennte Wohnungen. Eine sehr viel drastischere Kritik und Zuspitzung der Gedanken Godwins an der Form der Ehe formulierte die russisch-jüdische Anarchistin Emma Goldmann. Für sie schließen sich die Form der bürgerlichen Ehe und die Liebe gänzlich aus. Inwieweit bei dieser Kritik die enttäuschenden Erfahrungen ihrer ersten Ehe (aus strategischen Gründen heiratete sie noch ein zweites Mal) die Überlegung bestimmen, möchte ich an dieser Stelle nicht bewerten. In ihren Reden und Artikeln taucht dieses Thema immer wieder auf und auch in der Praxis versuchte sie ihr Konzept umzusetzen. Die Erfahrung, die bei Emma ausschlaggebend war, wird von Candrine Falk in ihrer Biographie folgendermaßen wiedergegeben: „Als Emma einmal Modell stand, konnte er [Fedja] sich nicht länger beherrschen. Er verließ fluchtartig das Zimmer, und Emma hörte ihn im Nebenraum heftig schluchzen. Als sie ihn zur Rede stellte, gestand er ihr seine Liebe. Nur seine Furcht, Sascha zu verletzen, hätte ihn bisher daran gehindert, ihr dies zu sagen. Nun aber ginge es nicht mehr, und er müsse wohl ausziehen. Nun merkte Emma, daß auch sie in Fedja verliebt war. Aber war das möglich? Konnte man zwei Menschen gleichzeitig lieben, fragte sie sich. Sie beschlossen Sascha von ihrer Liebe zu erzählen und so ihre gemeinsame Überzeugung, daß Liebe weder exklusiv noch mit Besitzdenken verbunden sein dürfe, zu testen.“ Auch für sie, eine radikale Vorkämpferin dieser Beziehungsform, fiel die Umsetzung sehr schwer. In den Briefen, die Falk in der Biographie zitiert, tauchen immer wieder Passagen auf, in denen sie ihr Leid klagt - z.B. über die von ihr als Promiskuität wahrgenommene Form von “Freier Liebe“, die ihr Liebhaber Ben Reitman auslebte. Es zeigte sich dabei deutlich, daß eine Kluft zwischen rationalem Anspruch und emotionalen Empfindungen auch bei ihr bestand.
Erich Mühsam greift dieses Thema in seinem 1909 verfaßten polemischen Schauspiel „Die Freivermählten“ ebenfalls auf. „Ein polemisches Schauspiel, in dem die Probleme freie Liebe, freie Ehe, Treue und Eifersucht untersucht werden“ so läßt Mühsam einen seiner Protagonisten das Schauspiel beschreiben. Sein Verfechter der „Freien Liebe“ scheitert an der Kluft zwischen Anspruch und Emotionen. Unter diesem Aspekt betrachtet hat dieses Stück nichts an Aktualität für heutige Diskussionen verloren. Andere Aspekte hingegen, die in „Die Freivermählten“ auftauchen - wie der gesellschaftliche Umgang mit nicht verheirateten Paaren - ist in der heutigen Gesellschaft überholt. Übersehen werden darf bei Mühsam allerdings nicht, daß er ein sehr problematisches Frauenbild hatte. Auch bei den Genossen der Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) herrschte ein solches Bild vor. Die FAUD propagandierte die „Freie Liebe“ im Gegensatz zur staatlich-kirchlich sanktionierten Ehe. Wie wenig dies aber mit der Befreiung der Frau aus den patriachalen Herrschaftsverhältnissen einherging, zeigt sich in einem Zitat von der FAUD-Aktivistin Trautchen Caspars. „Da gab es nicht selten die Meinung „Freie Liebe“, das sollte heißen, daß die Frauen in der Gruppe nun für jeden Genossen dazusein hätten.“ Mit dem gleichen Problem hatten auch die Anarchistinnen in Spanien zu kämpfen, was u.a. zur Gründung der Mujeres Libres 1936 führte. Einer der Themenschwerpunkte dieser Organisation bildete der Kampf um die „Freie Liebe“ - paradoxer Weise bildete aber gleichzeitig das Thema lesbische Liebe ein Tabu. Nach dem II. Weltkrieg endet die anarchistische Rezeptionsgeschichte. Mit dem Aufkommen der Studierendenbewegung 1967/68 wurde das Thema zwar wieder aktuell, aber inwieweit anarchistische Ideen und Vorstellungen ihren Widerhall darin fanden, ist fraglich. Und heute? In der anarchistischen Bewegung scheint dies kein Thema mehr zu sein. Viele
AnarchistInnen haben die bürgerlichen Moral- und Beziehungsvorstellungen übernommen und verinnerlicht. Nur selten wird dies noch hinterfragt oder der Versuch unternommen, eine andere Form der Beziehung auszuleben. Überlegungen über die Bedingungen für „Freie Liebe“ Auf welchen Fundamenten beruht eine „Freie Liebe“sbeziehung? An erster Stelle ist es wichtig, daß sie auf Gleichberechtigung der PartnerInnen beruht, was unter den jeweiligen Umständen unterschiedlich schwer ist. In einem Umfeld, das noch von patriachalen, unreflektierten Herrschaftsverhältnissen und dem Mann/Frau-Geschlechtsschemata geprägt ist, wird dem „Mann“ das Recht dazu bis zu einem gewissen Grad zugebilligt bis hin zur Hofierung („toller Hecht“); der “Frau“ hingegen wird das Recht auf ferie Liebe verwehrt - bei wechselnden Liebesbeziehungen wird die „Frau“ mit abwertenden Begriffen belegt. Diese gesellschaftlichen Bedingungen sollten bei einer freien Beziehung auf jeden Fall reflektiert werden, um einen Umgang damit zu finden. Das Recht eine/n andere/n PartnerIn bzw. mehrere zu haben, muß allen der beteiligten Personen in gleichberechtigter Weise zugestanden sein. „Freie Liebe“ ist allerdings auch nicht gleichbedeutend mit Poligamie/Promiskuität. Sie kann auch monogam verlaufen.
Übersehen darf mensch bei der „Freien Liebe“ auch nicht, daß es eine wirklich „gleichberechtigte“ Beziehung wahrscheinlich nur in einer Utopie existiert. Eine/r der Beteiligten hegt immer intensivere Gefühle für eine andere Person, als wie sie erwidert werden. Zudem stellt sich die Frage, inwieweit auf Grund von äußeren Bedingungen die Form der freien Beziehung gleichberechtigt ausgelebt werden kann. Es fängt bereits damit an, ob der/die PartnerIn den gesellschaftlich-vorherrschenden Schönheitsidealen entspricht, ob eine/r der PartnerInnen eher schüchtern ist oder nicht etc..
Neben der Gleichberechtigung ist die Offenheit ein weiterer Grundpfeiler. Gerade in Hinblick auf die Emotionen, die mit der Liebe verbunden sind, muß offen mit Empfindungen wie Eifersucht umgegangen bzw. reflektiert werden. Als ein Beispiel, das häufig angeführt wird für ein falsch verstandenes Konzept von „Freier Liebe“, ist die Beziehung von Jean-Paul Satré und seiner Lebensgefährtin Simone de Beauvoir. Er nahm sich das Recht heraus, mit anderen Frauen Liebesbeziehungen zu haben, reflektierte allerdings nicht, daß er seine Lebensgefährtin damit trotz ihrer Toleranz emotional verletzte. Ein Umgang mit „Freier Liebe“ heißt auch, daß die daran Beteiligten einen rücksichtsvollen Umgang mit ihrer/m/n PartnerInnen finden müssen.
Unter dem von mir verwendeten Liebesbegriff fasse ich sowohl platonische Liebe als auch die sexuelle Komponente. Ein wichtiger Aspekt bei der Begriffsverwendung von Liebe in diesem Kontext ist auch das Aufbrechen der klar abgetrennten Bereiche „Freundschaft“ und „Liebe“. Wo fängt Liebe an? Wo hört Freundschaft auf? Welche Rolle spielt in der Unterscheidung die sexuelle Komponente? Eine Trennlinie dazwischen kann nicht klar gezogen werden. Die Annahme, daß Liebe etwas einzigartiges, nur auf eine/n PartnerIn fixierte emotionale Bindung ist, wird damit negiert und schafft den Raum für freie Beziehungen. In Hinblick auf die sexuelle Komponente zeigt sich ein Vorteil der „Freien Liebe“ gegenüber den gesellschaftlich genormten Beziehungen. Weil es in den meisten „bürgerlichen“ Beziehungsstrukturen zu keiner Reflektion der sexuellen Komponente kommt, kann es zu Triebunterdrückung, die sich unterschwellig oder auch offen in Konflikten in der Partnerschaft auswirkt, und/oder in den „Betrug“ des / der PartnerIn mündet, kommen. Die Toleranz gegenüber meinem/r PartnerIn beruht auch auf der Erkenntnis, daß wenn ich eine Person wirklich liebe, mir nur Recht sein kann, daß diese Person glücklich ist. Zudem akzeptiere ich damit, daß ich nicht in allen Bereichen vielleicht die sexuellen Bedürfnisse oder Vorlieben meines/r PartnerIn teile oder befriedigen kann. Verwehre ich meiner/m PartnerIn das Recht auf Glück, daß er / sie mit anderen Menschen findet - sowohl in sexueller als auch platonischer Hinsicht -, aus reinem Egoismus mache ich mich selber nicht glücklich.
Sicherlich ist dies nicht leicht in die Tat umzusetzen. Wir sind gesellschaftlich geprägt von Werten und Moralvorstellungen, wo Werte wie “Treue“ mit „Monogamie“ verwechselt werden; wo die Zwei-Mensch-Beziehung als die gesellschaftlich anerkannte Form des Zusammenlebens propagandiert wird - und nichts anderes ist als eine abgeschwächte, verweltlichte Form der Ehe - und somit einer christlichen Moralvorstellung entspringt. Wir leiden schnell an Verlustangst, wenn unser/e PartnerIn engen Kontakt mit einer anderen Person hegt - wir werden eifersüchtig. Aus der gesellschaftlichen Logik heraus ergibt sich die Wahrnehmung der Eifersucht zeitweise gar als „Liebesbeweis“.
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der sich aus den angeführten Überlegungen ergibt, ist das Thema Kommunikation. Die Kommunikation zwischen den PartnerInnen nimmt im Rahmen der „Freien Liebe“ einen sehr hohen Stellenwert ein. Die Überwindung von alten Strukturen und Denkmustern muß in einem gemeinschaftlich-kommunikativen Prozeß laufen. “Freie Liebe“ ist sicherlich nicht „der“ Weg zur Emanzipation der Menschheit, aber das Thema ist ein wichtiger Gesichtspunkt auf dem Weg in eine freie Gesellschaft.“
Camillo Rack

Empfohlene Literatur (Auswahl):
Armand, E.: Das Problem der sexuellen Beziehungen und der
individualistische Gesichtspunkt
Falk, Candace: Liebe & Anarchie & Emma Goldmann
Fourier, Charles: Aus der neuen Liebeswelt
Godwin, William: Untersuchungen über die politische Gerechtigkeit
Mühsam, Erich: Die Freivermählten Eine umfangreiche Literaturliste zum Thema „Freie Liebe“ findet sich im

Hier noch eine umfangreiche Literaturliste zum Thema „Freie Liebe“ zu finden auch im
Internet unter: http://www.timos.gmxhome.de/fliebe/literatur.htm.

 


Was bedeutet Freie Liebe?
Zur Geschichte der Freien Liebe
Zur Aktualität der Freien Liebe
Mein Verhältnis zur Freien Liebe
Literaturverzeichnis

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Feminismen, Gender, TransInterQueer, Antisexismus:

PDF Broschüre Beziehungsweise Frei

PDF AS.ISM_2 - Broschüre des "Antisexismusbündnis.Berlin" // Blog des "Antisexismusbündnis.Berlin"

PDF AS.ISM#3 - Streitschrift gegen sexistische Zustände" // mädchenblog

PDF Geschlechterverhältnisse und kreativer Widerstand

PDF Griff nach den Sternen - Broschüre der Frauen und Lesben des Anarchafeministinnentreffens (bestehend seit 1993)

PDF Said the pot to the kettle - feminist theory for anarchist men

PDF "Schafft viele verschwundene historische Männer"
(Ansätze feministischer Praxis bei gemischtgeschlechtlichen Gruppen am Beispiel der Revolutionären Zellen)

PDF Stirb Trieb stirb! Marxistischer Antifeminismus, Geschlechterverhältnisse und kapitalistische Gesellschaft
(Reader zur Veranstaltung: "Das Patriarchiat ist tot, es lebe das Patriarchiat! -
Ein, zwei, drei Thesen aus feministischer Sicht") // Website des "Antisexismusbündnis.Berlin"

PDF Trans*Queer Glossar (Persson Perry Baumgartinger) // Queeropedia online

PDF Zustimmung wird durch das freiwillige und ausdrückliche
Einverständnis aller Beteiligten zu einem spezifischen sexuellen Akt definiert.

 

 

 

«Ein Rahmen aus universeller Liebe»

Eine Untersuchung über Gemeinschaften und ihr Verhältnis zur Liebe


Von: Roland Rottenfusser


Hippies in Woodstock

Hippies in Woodstock

Das soziologische Institut der Universität Münster ist die bisher einzige Forschungseinrichtung, die sich mit intentionalen Gemeinschaften in Deutschland befasst. Sie wird von Professor Dr. Matthias Grundmann geleitet, der uns in diesem Artikel an seinen persönlichen Einsichten in das Thema teilhaben lässt. Es ist die spirituell und konkret erfahrbare Dimension der «universellen Liebe», die ihn bei seinen zahlreichen Besuchen in Gemeinschaften berührt und inspiriert hat.

 

http://www.kurskontakte.de/article/show/article_4a1e4119079a3.html

 

 

 

Freie Liebe - Gegenwart

"Freie Liebe" ist kein eindeutiger Begriff, sondern ein vieldeutiger, der im Laufe der Geschichte in seiner Bedeutungsvielfalt unterschiedlich betont wurde. ...
www.timowendling.de/fl/index.htm - 63k

 

 

Was ist eigentlich Freie Liebe? | Linksnet

17. März 2009 ... Autor: BRIB, Organisation: utopia Der Begriff der „Freien Liebe" sorgt seit dem 18. Jahrhundert für Diskussionen, bis heute.
www.linksnet.de/de/artikel/24295 - 29k

 

 

Freie Liebe für freie Geister?

Dateiformat: PDF/Adobe Acrobat - HTML-Version
Recht hat, seine Vorstellungen von Liebe und. Sexualität so zu verwirklichen, wie er oder sie sich dies für sein bzw. ihr Leben vorstellt. „Freie Liebe...
www.schmidt-salomon.de/Editorial406.pdf

 

 

freie Liebe – Anarchopedia

Freie Liebe ist ein Gegenentwurf des klassischen Anarchismus zur bürgerlichen Ehe. Dabei gehen die PartnerInnen freie Vereinbarungen ein und können dies ...
deu.anarchopedia.org/freie_Liebe - 16k

 

 

Die Liebe ist sowieso frei.
185 x 199 - 36k - jpg
www.bibliothekderfreien.de

 

Attack

Freie Liebe - freies Leben

Gegen Verbote im Gesetz und in den Köpfen

Klar sind wir für die Abschaffung des ??209, des Diskriminierungsparagraphen, der schwule Beziehungen unter 18 Jahren verbietet, und freiwillige sexuelle Beziehungen zwischen über 19- und unter 18jährigen Männern, mit bis zu 5 Jahren Gefängnis bedroht. Aber wir geben uns nicht der Illusion hin, daß sich dadurch die Meinung der Gesellschaft gegenüber Homosexuellen ändern würde. Die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Beziehungen würde nicht die Hetze der Kronenzeitung und den homophoben Konsens in der Bevölkerung ändern. Genauso wie die Gleichstellung der Frau nur auf dem Papier besteht. Natürlich wäre die Abschaffung des ??209 eine konkrete Verbesserung der Situation für Schwule, aber ändern sich dadurch die Vorurteile, großteils geschürt durch die Medien, gegenüber gleichgeschlechtlich L(i)ebenden? Es wird ein Symptom der Gesellschaft bekämpft und nicht die Ursachen der Unterdrückung. Die Gesetze sind ja nur der Gipfel eines Eisberges aus veralteter Moral, Intoleranz und schwulenfeindlicher Grundstimmung. Homophobe Witze werden immer noch Leute zum Lachen bringen, Herr und Frau Meier werden zwei Männer die sich küssen noch immer widerlich und abnormal - krankhaft finden, das "Täglich Alles" wird noch immer behaupten, Schwule seien an denBus Fingerabdrücken zu erkennen, Nazis und Aktivbürger werden weiter Gewalt sprechen lassen, wenn ihnen die Argumente ausgehen, usw. usf. Die Benachteiligung von Homosexuellen läßt sich ebensowenig durch Gesetze aufheben, wie sie nur durch Gesetze ausgeübt wird. Wie kommt irgendwer dazu, Menschen vorzuschreiben wen und wie sie zu l(i)eben haben, aber der Staat und die Gesellschaft tun es. Sie bestimmen was "normal" ist und was "krankhaft" und "pervers". Z.B: Im Aufklärungsunterricht wird einem erzählt wie es "Männchen und Weibchen" miteinander tun, und es wird als das "normale" vermittelt. Daß es da auch noch was anderes gibt, wird entweder verschwiegen, als etwas abnormales aber zu tolerierendes, oder gar als etwas "krankes" dargestellt. Von Kindheit auf wird mensch erzählt, er wird sich in das andere Geschlecht verlieben, Sex haben (natürlich nur hetero), heiraten und Kinder kriegen. Es lebe die verklemmte Reproduktionsgesellschaft. Schluß damit! Niemand hat das Recht sich in Liebes- und Sexbeziehungen einzumischen, schon gar nicht der Staat. Natürlich ist klar, daß die Beziehungen, egal in welcher Form und welchen Vorlieben, mit dem Einverständnis aller Beteiligter ablaufen müssen. Nach der gesellschaftlichen Vorstellung von Sex, findet er aber nur in Verbindung mit "Liebe", heterosexuell und in Form von Penetration statt. So wird lesbischer Sex nicht ernst genommen, laut Gesetz läßt er sich nicht von Körperwäsche(?) unterscheiden, es findet ja keine Penetration statt. Und im Gegensatz zum Ekel, den heterosexuelle Männer Schwulen entgegenbringen, werden zwei Frauen, die etwas miteinander haben, als "geil" empfunden; "weil da haben ja auch Männer was davon" (ehrlich schon gehört). Die Darstellung in Heteropornos unterstreicht das: zwei Frauen "vergnügen" sich miteinander, Mann schaut zu, wird dadurch unglaublich erregt, kommt dazu und zeigts ihnen dann so richtig. Dauernd kriegen lesbische Frauen zu hören, sie hätten nur noch keinen "richtigen" Mann gehabt, sie wissen nicht was ihnen entgeht und überhaupt, sie können sich ja nicht den Männern entziehen. Anscheinend sind für diese miesen Macker Frauen nur zur Befriedigung von Männern da, und eine eigene, selbstbestimmte Sexualität gibt es für Frauen schon gar nicht.

Seit einiger Zeit hat die Marktforschung entdeckt, daß Homosexuelle anscheinend kaufkräftig sind denn inzwischen gibt es immer mehr Werbung, die ein homosexuelles Zielpublikum (hauptsächlich weiß , männlich, Mittelstand) anspricht. So wirbt z.B. Ikea mit der gemütlichen Einrichtung fürs schwule Wohnzimmer. Aber bloß, weil bei denen jetzt die Kassa mit teils schwulem Geld klingelt, sind sie nicht toleranter geworden. Auch wenn sich z.B. Alfons Haider outet, heißt das nicht, daß ein normal sterblicher Homosexueller für die gleichen Leute, die den Promi toll finden, nicht der Meinung der Kronenzeitung recht geben, daß Schwule 45 - 50jährige, geifernde, "Kinderschänder" sind, die mit minderjährigen Strichjungen Sex haben, und die Verbreiter der "Schwulenseuche" AIDS sind.

Bloß weil die EU die österreichischen Diskriminierungsparagraphen verurteilt, heißt das nicht, daß sie was gegen die EU-weite Abschiebepolitik, die in österreich besonders hart ist, hat. Wenn ein homosexueller Mensch aus einem Land flüchtet, in dem er verfolgt, mit Gefängnis oder mit Todesstrafe bedroht wird, dann ist das, ebenso wie Vergewaltigung, kein Asylgrund. Warum? Weil in dieser Gesellschaft keine abweichende sexuelle Orientierung erwünscht ist. Wer nicht Heter@ ist, soll draußen bleiben, und wer nicht EU-Bürger ist sowieso. Viele Lesben und Schwule werden abgeschoben, weil sie nicht heiraten dürfen (was bei heterosexuellen Menschen ohne österreichischen Paß auch mit immer mehr Schikanen bedacht wird) und sie dadurch keine Aufenthaltsbewilligung bekommen.

Die Forderung nach gleichgeschlechtlicher Ehe ist verständlich, wenn es um die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen geht, aber wir stehen der Ehe an sich (ob Homo oder Hetero) kritisch gegenüber, weil es für uns keine Beziehung mehr ist, sondern ein vertraglich geregeltes Besitzverhältnis. Natürlich ist eine rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften wichtig, da es zur Zeit keine Rechte für Homosexuelle im Erbrecht, im Krankenhaus, für Adoptionen ... gibt. Aber auch dadurch würde sich die Gesellschaft und ihr Umgang mit LesBiSchwulen Menschen höchstens geringfügig ändern: Herrn und Frau Meier würde noch immer grausen, Homosexuelle müßten sich noch immer möglichst unauffällig verhalten, sonst könnte ja die Gleichstellung wieder entzogen werden, homophobe übergriffe seitens der Polizei wären noch immer an der Tagesordnung usw. Wer??s nicht glaubt, sollte sich mal die Situation von Frauen anschauen: Rechtlich sind sie gleichgestellt, aber sie verdienen noch immer weniger als Männer, werden noch immer belästigt, geschlagen und vergewaltigt... Die Gesellschaft hat sich nicht verändert, sie hat ihren sexistischen Konsens nicht verloren, ebensowenig wird sie ihren homophoben verlieren, bloß weil sich die Gesetze ändern, und scheinbare Akzeptanz gezeigt wird.

Es reicht uns nicht, daß wir uns in unsere "Ghettos" und Nischen zurückziehen können, damit wir keinen Diskriminierungen ausgesetzt sind. Wir wollen überall, ohne gesetzlichen, moralischen, sozialen oder sonstigen Druck ausgesetzt zu sein, leben und lieben können. Wir wollen Spaß haben können. Mit wem (ob zu zweit, zu dritt, zu tausend) und wie wir (und alle Beteiligten) wollen. Wir wollen frei und selbstbestimmt leben können. Wir wollen uns nicht mehr über unsere sexuelle Orientierung definieren und auch niemanden anderen. Es ist egal, ob mensch homo, hetero, bi, asexuell oder sonstwie ist, oder warum. Schlußendlich wollen wir, daß es überhaupt keine Einteilungen in verschiedene Menschen mehr gibt, nach denen sie bewertet und in Schubladen gesteckt werden. Wir wollen keine Aufteilung in In- und AusländerInnen, in Arme und Reiche, Gesunde und "Kranke", oder eben Homo- und Heterosexuelle. Wir wollen, daß jeder Mensch die gleichen Möglichkeiten und Freiheiten hat, sein/ihr Leben zu gestalten. Das alles wird mensch nur in einer HERRschaftsfreien Gesellschaft können, in der niemand außer den Betroffenen selbst bestimmen kann, was sie wollen und was gut für sie ist!

Für freies Leben und Lieben!

Für Anarchie!

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 http://smilies-world.de/smilies_pictures/1880.gif


Freunde rücken wir zusammen!


Konstantin Weckers Plädoyer für Liebe in den Zeiten der zunehmenden Verhärtung.
Auch wenn das viele Zyniker anders sehen, auch wenn wir selbst den Glauben daran in Momenten der Hoffnungslosigkeit verlieren: die einzige Möglichkeit, die Welt in und um uns zu verwandeln, ist Liebe. Liebe kann wütend sein und zornig, sich irren und verzweifeln, aber sie verbittert nicht und verschließt sich nicht. Das Leben und die Menschen lieben heißt nicht, mit aufgesetzter Sanftheit alles zu erdulden und allen Zorn in sich hinein zu fressen. Und es bedeutet auf keinen Fall, sich und seine Fehler für eine Rolle zu verleugnen, die man gerne in diesem Spiel übernehmen würde. Das gilt auch, wenn es eine gute Rolle ist. Die Wahrhaftigkeit duldet keine Tricks.

Aber lieben heisst auch glauben: daran, dass in jedem Menschen ein Wesenskern ist, der dem unseren nicht nur ähnlich, sondern mit uns unumgänglich verbunden ist. Zu oft ist es nur unsere Wahrnehmung, die das Bild des Anderen verzerrt und schlecht macht. Im Kern unserer Mitwesen aber stoßen wir auf niemand anderen als auf uns selbst!

Angesichts der unsäglichen Ignoranz und Unnahbarkeit mancher Mitmenschen scheint es schwer, von seinem hohen Ross der Unfehlbarkeit und der gerechten Sache herunterzusteigen. Und manchmal hat man eben auch den besseren Überblick, das bessere Wissen und tritt zu Recht für die gerechtere Sache ein.

Trotzdem: eine Umarmung - selbst, wenn man abgewiesen wird - löst jedes Problem letztendlich besser, als verbitterte Feindschaft. Auch wenn es im Moment nicht danach aussieht.

Wir gestalten uns die Welt so, wie wir sie sehen möchten. Und, wenn wir nicht bereit sind hinter die Fassaden zu blicken, erleben wir die Welt oft so, wie sie andere für oder gegen uns gestalten. Marketingfachleute, korrupte Promoter, die Konsensarrangeure der Geldmächtigen. Den meisten Menschen in den Spitzenpositionen unserer Gesellschaft ist die Liebe abhanden gekommen. Und vor allem die Liebe zu sich selbst.

Wer nur sein Ego aufbläht, wirkt zwar oftmals mit eisernem Willen, aber nicht mit ganzer Seele. Und nur "wer mit ganzer Seele wirkt, irrt nie", schreibt Hölderlin. Sein Ego zu hätscheln hat folglich nichts mit Liebe zu tun, und es sieht auch meistens nicht wirklich so aus. Und sich materiell um jeden Preis bereichern zu wollen, das ist ein Akt der Selbstzerstörung, der als massenhaftes Phänomen zur Weltzerstörung eskalieren kann.

Wie viel weiter, tiefer, reiner und ehrlicher sind demgegenüber die Weisen und Leidensfähigen gewesen, quer durch die Jahrhunderte verlacht und bespöttelt! Bei Wilhelm von Humboldt hab ich heute den schönen Satz gelesen:

"Alles, was wir mit Wärme und Enthusiasmus ergreifen, ist eine Art der Liebe."

Ja, auch wir, die Romantiker und Träumer, haben mitgebaut an dieser Welt, haben geackert und gerackert, gewerkelt und gelitten. Und vielleicht bietet sich jetzt eine bessere Chance als in vergangenen Jahrzehnten, doch noch mit Wärme und Enthusiasmus das zu verwirklichen, was unsere "Eliten" mit starkem Willen und selbstgefälliger Gefühllosigkeit in den Sand setzen: eine liebevolle und herrschaftsfreie Gesellschaft gleichberechtigter Menschen.

"Freunde rücken wir zusammen, denn es züngeln schon die Flammen!" - in diesem Sinne wünscht uns allen eine nuova realtà
 
 
 
 

Jealoustop – Seminar für Eifer-Suchtprävention

Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir, um diese Webseite zu finanzieren, ausnahmsweise hier eine Seminarwerbung veröffentlichen (natürlich nur als Satire von Roland Rottenfußer)


Von: Roland Rottenfusser


Othello ersticht Desdemona. Klassisches Drama über Eifersucht von Shakespeare.

Othello ersticht Desdemona. Klassisches Drama über Eifersucht von Shakespeare.

Eifersucht ist eine Geissel unserer Zeit und Relikt eines überholten patriarchalen Denkens, das den Partner als eigenen «Besitz» betrachtet, anstatt ihn wie eine schöne Blume in Freiheit wachsen zu lassen. Wenn jemand seine Frau in flagranti mit ihrem Liebhaber erwischt, neigt er beispielsweise in der Regel zu weinerlichen Vorwürfen: «Du hast mich traurig bzw. wütend gemacht!» Doch diese Ausdrucksweise ist nicht korrekt. Nicht die Frau hat Gefühle verursacht; vielmehr hat sich der Ehemann dazu entschlossen hat, über das Verhalten seiner Gattin Traurigkeit oder Wut zu empfinden – aufgrund der Interpretation, die er in die beobachtete Szene hineingelegt hat. Er vermischt seine Wahrnehmung eines zunächst wertneutralen Vorgangs – ein fremder Mann ist in seine Frau eingedrungen und bewegt sich stöhnend und schwitzend in ihr auf und ab – mit einem moralischen Urteil und besitzergreifenden Gefühlen, die aufgrund einer therapeutisch nicht bearbeiteten infantilen Bedürftigkeitshaltung in ihm aufsteigen.

 

Nicht die Manipulation der Frau, die sogenannte »Untreue« zukünftig zu unterlassen, wäre hier die richtige Vorgehensweise. Dadurch wird der Ehemann ja nur in seiner unreifen Einstellung bestärkt, während sich die Frau in ihrem legitimen Anspruch auf sexuelle Selbstbestimmung beschnitten fühlt. Vielmehr muss der Mann hart an sich arbeiten, um künftig gleichmütig und tolerant auf die Eskapaden seiner Frau zu reagieren. Dies dient nicht nur seinem inneren Frieden, es kann auch den ehelichen Zusammenhalt dauerhaft stabilisieren. Eine Frau, die spürt, dass ihr Mann bereit ist, seine Defizite zu bearbeiten, wird eher bereit sein, die Ehe aufrecht zu erhalten.

 

Wer zu übertriebener Eifersucht neigt wie der Ehemann in unserem Beispiel, kann sich Richard Gier und seinen «Jealoustop»-Seminaren getrost anvertrauen. Gier arbeitet seit 15 Jahren erfolgreich nach dem Prinzip der systematischen Desensibilisierung. Das bedeutet, dass eifersüchtige Partner schrittweise durch Konfrontation mit sich in ihrer Intensität steigernden «Zumutungen» an die Untreue des Lebensgefährten oder der Lebensgefährtin gewöhnt werden, so lange bis sie keinen emotionalen Schmerz mehr spüren.

 

Wenn Sie ein Mann sind, der Schwierigkeiten damit hat, die sexuelle Selbstbestimmung Ihrer Frau zu akzeptieren, wird Richard Gier am ersten Kurstag beispielsweise Ihre Frau leicht an verschiedenen nicht-genitalen Körperpartien berühren. Sie werden – sicherheitshalber angekettet – dabei zuschauen und sich Affirmationen einsagen, die durch Fingerdruck auf bestimmte Meridianpunkte an den Händen und in der Schulterbeuge in das unbewusste Energiesystem eingespeichert werden. Solche Affirmationen können z.B. sein: «Ich respektiere meine Frau als freies Wesen. Sie ist nicht dazu da, meine Bedürfnisse zu erfüllen.» Oder: «Ich bin für meine emotionalen Reaktionen, wie heftig sie auch sein mögen, vollständig selbst verantwortlich

 

Am zweiten Tag werden Busen und Vagina Ihrer Frau in die Berührung miteinbezogen. Am dritten dürfen Sie gierige Zungenküsse des Kursleiters mit Ihrer Gemahlin mitverfolgen. Der vierte Kurstag dient der Gewöhnung an heftige Umarmungen, die nunmehr im unbekleideten Zustand vorgenommen werden. Erst ganz am Ende des Seminars sind Sie so weit desensibilisiert, dass Sie ohne negative Gemütsbewegungen einen vollständig vollzogenen Geschlechtsverkehr Ihrer Frau mit Richard Gier mit ansehen können.

 

Auch für weibliche Eifersüchtige ist gesorgt. Richard Giers Assistentin Bianca wird sich gern ihrer Männer annehmen. Nach Abschluss der Zeremonie, ehren Sie Ihre Frau mit dem Satz: «Ich freue mich für dich, wenn du den sexuellen Kontakt mit diesem Mann genießen konntest.» Und zum Kursleiter: «Danke, dass Sie mich mit meinen emotionalen Defiziten konfrontiert haben und dazu beigetragen haben, sie aufzulösen

 

Kursteilnehmer berichten, dass sie in der Folgezeit ohne jede Anwandlung von Eifersucht Swinger-Clubs und Sex-Orgien besuchen konnten. «Es ist wie eine Befreiung», schwärmt der frühere Eifersuchtspatient Hans Dampf. «Seit meinem Jealoustop-Seminar bereite ich sogar eigenhändig das Bett für meine Frau und ihren Liebhaber vor, wasche und schmücke sie und behandle ihre Vagina mit Gleitcreme, damit mein ehemaliger Nebenbuhler leichter eindringen kann

 

Wer ebenfalls solch dramatische Fortschritte in seiner emotionalen Entwicklung machen möchte, wende sich an

www.jealoustop.de

 

 
 
 
 
 Psychologie? Was hat das mit Liebe zu tun? Noch dazu mit Freier Liebe?
Liebe und Psychologie und Psychologie und Liebe es geht gar nicht ohne. -  Darum habe ich diesen Text, den ich ziemlich gut finde hier mit reingenommen.G.F. Zunge ausstrecken
 
http://www.pitopia.de/pictures/standard/m/max/48/max_352748.jpg
 
 
 
 
Wolfram Pfreundschuh (1982)

Was heißt da: »Psychisch krank«?

Über die Gründe einer Not

 

Vorbemerkung:

Die nachfolgend abgedruckte Artikelserie war in der Hochphase der antipsychiatrischen Bewegung (1981-1986) in der Antipsychiatriezeitung TÜRSPALT erschienen. Sie ist eine journalistische Umsetzung komplexer Gedanken zur Psychodiagnostik und Psychotherapie, die vor allem darin kritisiert werden, dass sie mit ihren Krankheitsbegriffen die Not, die sich in seelischem Leiden äußert, entsozialisieren, die betroffenen Menschen in eine finale Isolation treiben und die ursächlichen Verhältnisse vor jeder Infragestellung abschotten. Viele dieser Gedanken lagen in einem konzeptionellen Papier "Kultur – die Entstehung der Privatperson" als theoretische Gliederung vor und sind bis heute in keiner besseren Form ausgeführt.

Selbst wenn es dem Leser manchmal schwer fallen mag, den Text mit heutigem Sprachgebrauch zu lesen, so wollen wir ihn doch nicht untergehen lassen. Der Autor arbeitet an einer Neufassung des "Kulturpapiers", das einigen Passagen dieses Textes unterlegt war (vergl. auf dieser WEB-Site "Skizzen zu einer Erkenntnistheorie der Kultur".

Technische Anmerkung zum Neuabdruck: Die Fußnoten werden abweichend vom Original fortlaufend gezählt.

Die Artikelserie erschien in der Zeitschrift Türspalt in folgenden Nummern: Teil 1 in Nr. 7 (1982), Teil 2 in Nr. 8 (1982), Teil 3 in Nr. 9 (1983), Teil 4 in Nr. 10 (1984), Teil 5 in Nr. 11 (1986). Die Seitenangabe enthält Folge/Seitenzahl des Originals. Zitate sind nach die eingefügten Seitenwechsel beziehbar.

 

 

1. Teil:

Kann eine Seele krank sein?

 

Seitdem die Statistik Zahlen ausspuckt, die belegen, daß praktisch jeder dritte Bundesbürger im Laufe seines Lebens mit »psychischer Krankheit« zu tun hat, weiß jeder, der bis drei zählen kann, daß es auch ihn »treffen« kann. Die Zahl der Selbstmorde hat die Zahl der Verkehrstoten bereits überschritten. (1)

Was bisher höchstens wie ein Gespenst am Horizont bürgerlicher Selbstgefälligkeit hie und da aufgeflackert war, ist spürbar näher gerückt. Es gilt inzwischen wie ein neuer Umstand, mit dem man hierzulande leben muß, wie ein Problem, das einem im Laufe seines Lebens einmal »begegnen« kann – so wie Arbeitslosigkeit oder Inflation.

Aber gegen solche Verunsicherungen kennt der Deutsche die Versicherung. Die Not ist groß und der Staat ist mächtig. Und für die aufkeimende Entsorgungsangst ist es auch besser, die »Versorgung psychisch Kranker« als die Gründe der damit bezeichneten Not anzugehen. Man gewöhnt sich schließlich auch leichter an Krisen, wenn man sie zu menschlichen Lebenstatsachen verklärt. So ist jetzt nicht nur die Arbeitslosigkeit, nein, auch Irren ist menschlich! Neben der Sozialversicherung gibt es inzwischen die Sozialpsychiatrie.

Man nennt das, worum es hier geht, die »psychische Krankheit«. Krankheit ist ein Mißstand und Mißstände müssen behoben werden. So hat sich eine eifrige Geschäftigkeit in Sachen Psychotherapie ausgebreitet und man diskutiert Verbesserungsvorschlage zur Psychiatrie so, als wäre die Veränderung des Verhältnisses zu dem, was man psychische Krankheit nennt, eine Sache der Verbesserung psychotherapeutischer Einrichtungen; psychische Entwicklungshilfe. Entwicklungsziel: Gesundheit – psychische Gesundheit.

Derweil vervollkommnet man die Grenzziehung zwischen krank und gesund per Gesetz und verschärft die »Unterbringungsbestimmungen« zur Zwangseinweisung (vgl. zum Beispiel Dörners Mitwirken beim Hamburger PsychKG nach Türspalt 3/81 und 4/81 und den Artikel zum neuen »Verwahrgesetz«). Und der Einsatz von therapeutischen Gewaltmitteln wie Isolierzellen, Psychopharmaka und E-Schock ist fragloser denn je (vgl. Türspalt 1/80 und 4/81).

Auch die allgemeine Sorge um den Sinn dieser Lebensverhältnisse ist damit behoben, daß ihre sichtbare Verrücktheit zum Randgeschehen in staatliche Institutionen entrückt wird. Hierfür ist nur nötig, daß man sie zunächst überhaupt zur Sache und dann zur Sache des Staats erklärt.

»Psychische Krankheit« ist ein Begriff, in welchem das Elend von bestimmten Menschen nicht als menschliches Elend, sondern als Sache, als Behandlungsgegenstand aufgefaßt wird. Mit Krankheit ist ja behauptet, daß jemand nicht als der anzusehen ist, der er ist, sondern daß er das (S. I/38) erst wird, wenn er (wieder) »gesund«, wenn er heil (ganz) ist. Und wer in irgendeiner Form fühlt oder handelt, die nicht sachlich begreifbar erscheint, der wird hierdurch selbst unmittelbar sachlich ergriffen. Der sachliche Wahnsinn muß – da er eben so allgemein ist – zur Gewohnheit werden; - wer aber wahnsinnig wird, der wird zur Gefahr für eben diese Allgemeinheit.

So ist das Interesse an seiner Aussonderung und Behütung im Grunde das Interesse, diese Gefahr zu beherrschen. Er soll die Rolle erhalten, die diesem Interesse entspricht: den Status eines selbst schon gefährdeten Menschen. Die Gefahr steckt in ihm und so muß er im Auftrag der Vernunft, der Gesundheit und des Staats in Ruhe leiden, auf daß er wieder gesund werde! Leiden verlangt Geduld und Geduld übt ein Geduldiger: ein Patient.

Diese Begriffe zeigen selbst schon unmittelbar die Rolle, die einem Menschen mit ihnen zugewiesen wird, der im Getriebe des gewohnten Alltags ausrastet. Sie enthalten von dieser Seite her selbst schon Begründungen für das, was mit diesem Menschen zu geschehen hat: »der gehört in Therapie!«. Und die Zuweisung dieser Begriffe erfolgt umso schneller, je größer die Bedrohung erscheint, je größer also seine Nähe zu den herrschenden Verhältnissen ist. Durch die Kasernierung des Ausrastens wird also zu allererst ein Raster gesichert, in welchem eine Krise gefaßt und erfaßt werden muß, damit das Ganze, das ganze gewohnte Fühlen und Denken, gewohnt bleibt. Der Kampf gegensinnigen Erkennens wird zur Krankheit heruntergebügelt und der »Kranke« wird einer »Kur« unterzogen, in welcher er sich seines Kampfes entledigen soll.

»Psychische Krankheit« ist der Begriff einer Rolle, die bestimmte Menschen für ein notwendiges Leiden erhalten, welches die allgemeine und öffentliche Gesundheit der Seele, die psychische Gesundheit, stört.

Was kann das nur für eine psychische Gesundheit sein, für die dies alles nötig ist? Was soll das überhaupt sein, diese gesunde Psyche, die Seele?

 

1. Die Psyche und die Psychologie

 

Ursprünglich bedeutet das Wort Seele so etwas wie wesenhaftes Sein. Selig ist auch heute noch der, der in einem bestimmten Sein vollständig inbegriffen ist: Armselig, feindselig, glückselig usw. Indem aber im Verlauf des letzten Jahrhunderts Sein und Wesen im öffentlichen Bewußtsein immer mehr voneinander getrennt wurden, kommt ihm jetzt eher die Bedeutung eines geistigen Wesens zu, dem eine eigene materielle Substanz abgesprochen wird. Die Seele wird heute als ein inneres Wesen der Menschen angesehen, welches durch die geistige Kraft seines Willens und im Zweck seiner Bedürfnisse sich das materielle Leben unterwirft, kontrolliert und nutzbar machen soll. Sie gilt somit als die schöpferische Substanz der Indvidualität, der Kern der »Persönlichkeit«, worin alle deren materielle Eigenschaften und Eigenheiten aufeinander bezogen sein sollen.

Besonders der Bürger sieht sich hierin am besten erfaßt. Ihm erscheint sein Leben und Existieren ja von vornherein, nämlich angesichts der allgemeinen Lebensbedingungen der Privatexistenz, als Produkt seines privaten Geschicks, seiner persönlichen Talente, seiner Persönlichkeit. So ist ihm auch nichts einleuchtender, als daß die menschliche Gesellschaft überhaupt nur aus der Ansammlung solcher Talente besteht, die im Zwecke ihrer individuellen Bedürftigkeit allerhand Eigenheiten bilden und somit auch das Menschliche schlechthin in ihrer Person verkörpern. Und da ist Seele eben der Begriff für: das menschliche Wesen in jedem einzelnen, individuelles Wesen des Menschseins.

Wo das individuelle Sein zum persönlichen Wesen erhoben ist, gilt alles andere eben auch als unpersönlich, die Welt als fremd, sachlich, materiell. Schon die Habsucht zeigt ja, wie gering das Materielle ist, – und da erscheint eben gerade die Seelenwelt als das Überleben des Menschlichen über der Sachlichkeit.

Diese wird aber dadurch auch zur Lebensnotwendigkeit festgeschrieben. Denn ohne Sache kann keine Seele sein. Und was als solche fremde Welt, als »Außenwelt« so ungut empfunden wird, wird zugleich umso nötiger anerkannt als Lebensmittel der Innenwelt. Deshalb muß das Innere eines Menschen, sie sog. Seele, mit der Außenwelt auskommen.

Der Begriff der Seele führt also selbst schon mit Notwendigkeit dazu, daß die Menschen ihre Lebensverhältnisse als notwendigen und übergeschichtlichen Umstand anerkennen müssen, an dem vom Grund her nichts zu ändern ist. Um sich mit diesen so unmittelbar erscheinenden Tatsachen zu arrangieren, bedarf es daher auch der Garanten, die sowohl praktisch dafür sorgen, daß bei Störungen des Verhältnisses von Seele und Welt diese erstens zum Wohle des Bürgers behoben und zweitens auch die Notwendigkeit des Arrangements von »Innenwelt und Außenwelt« zur allgemeinen Naturtatsache erklärt werden muß. Dadurch wird die Gesundheit der Bürger und Ihrer Verhältnisse gesichert.(S. I/39)

Der Beruf der Psychologen gründet hierauf: Der Psycholog muß die Störungen dieses Arrangements lindern, muß zwischen der Feindschaft von seelischem und sachlichem (inneren und äußeren) Leben vermitteln und den Verkehr der Menschen in Funktion halten. Er muß dem seelischen Leiden zu Hilfe eilen und seelische Übermacht eindämmen (für die er zudem selbst sehr bestechlich ist! - vergl. Herrn Ammon!). Der Psycholog ist der Polizist des zwischenmenschlichen Verkehrs!

Alle Psychologen sind sich deshalb darin einig, daß psychische Gesundheit so etwas ist wie die Intaktheit einer Persönlichkeit, welche den Gegensatz zwischen Innenweit und Außenwelt, zwischen Organismus und Stimulanz, zwischen sich und den andern oder sich in der Harmonie der Individualentwicklung zur Weltentwicklung versöhnen kann. Gesund ist, wer alle Widersprüche und Zweifel in sich, alle gegensätzlichen Regungen und Strebungen in seiner Person auflösen kann; – gesund ist also, wer als »intaktes Individualwesen« trotz all der Wirrnisse seines Herzens und der Unendlichkeit seiner Gefühle existieren und mit anderen verkehren kann.

Der Gesunde ist somit über die wirklichen Beschränkungen des Lebens schon hinweg. Sein Leben wird ja gerade gefüllt durch diese Welt und in der fortwährenden Bewegung zwischen sich und anderen hat er den Sinn seines Lebens und das Leben seiner Sinne zugleich beisammen. Deshalb bezieht er sich eben im Grunde auf sich selbst, wenn er sich auf andere bezieht. Und seine Selbstbeziehung erkennt die anderen als sein Lebensmittel an, wodurch diese ihn eben auch als Mittel für sich ansehen müssen. Indem er sein individuelles Wesen verwirklicht, verwirklicht er somit Sinn und Kraft eines wechselseitig vermittelten Verhältnisses von Menschen, das ihm als sein unmittelbares Leben, als Leben seiner Individualität erscheinen mag.

Ein solches Individualwesen ist ein Wesen, das über die konkreten Inhalte der Existenz und des Verkehrens bereits hinweg ist. Es ist ein Wesen, das die Widersprüche seines Lebens zu Gegensätzen seiner Erfahrung herausgesetzt hat und darin seine »Zeit« erlebt. Es meint sich dort am ehesten drin, wo es doch gerade völlig äußerlich Ist. Wo es selbst überhaupt nur drauf beruht, da fühlt es sich wesentlich und wo es selbst etwas sein müßte, da fühlt es sich nicht berufen.

Die Psychologen und die Psychiater sind die hervorragenden Verfechter dieser Ideologie vom individuellen Wesen, vom inneren Privatwesen der Menschen, von der Innenwelt. Indem sie das menschliche Leben als einen Akt der Persönlichkeit ansehen, welche aus einem inneren Willen heraus, aus einer Seele, ihr Leben gestaltet, erklären sie den Grund dieses Willens zu einer persönlichen Tatsache. Die Person Ist für sie der in und durch seinen Willen seiende Mensch. Und deren Sein sehen sie eben auch nur in Personen gegründet: Personen erzeugen Personen.

In diesem Verhältnis gilt ein Mensch allein als Produkt und Resultat persönlichen Lebens. Und was er bildet, bildet er nur hierin: Ich. Seine Geschichte gilt als Geschichte seines Ichs und seine Entwicklung ist die »Ich-Entwicklung«! So auch die »Stufen«, die er hinter sich bringt: Jede Phase seiner Persönlichkeitsbildung ist so objektiv von Personen abhängig, daß man hierin auch jeden »Schritt« bemessen kann und jeder Schritt wird gesehen als das »natürliche Fortschreiten« des menschlichen Lebens, wie es sich in jedem Menschen zuträgt.

Wer im Fortschreiten dieses Naturlebens an äußeren Bedingungen hängenbleibt, der kommt in den persönlichen Beziehungen auch notwendig nicht mehr mit. Er gilt für die anderen als anders: als seelisch gestört, und das heißt: unangepaßt, realitätsuntüchtig, Ich-Schwach usw.

Demzufolge ist »psychische Krankheit« ein »innerindividuelles Leiden«, ein Leiden in der Innenwelt eines Menschen, das keine Beziehung mehr zu seiner »Außenwelt« findet. Der »psychisch Kranke« ist für dese Sicht weise ein mit sich selbst beschäftigtes, an und durch sich selbst leidendes Individuum, welches nicht mehr auf dem Boden der vielgepriesenen Realität steht, welches also das nicht kann, was die »Gesunden« können, nämlich den »Gegensatz von Innenwelt und Außenwelt durch die Leistungen ihres Ichs miteinander zu versöhnen« (Freud) .(S. I/40)

Die Grundlage des Urteils über die »psychisch Kranken« ist die Gesundheit der »Ich-Fuktionen«, der Ich-Bezogenheit, in welcher eine »Persönlichkeit entfaltet« ist, d.h. in welcher eine »gesunde Innenwelt« leben kann. Der »Gesunde« hat immer etwas in und hinter sich, wodurch er nicht zu irritieren ist. Die Welt kann sein, wie sie will, sie ist prinzipiell zu bejahen. Der Zweifel um ihr Wesen muß dem Faktum ihrer Existenz geopfert werden. Denn nur so kann sie als Mittel für das individualisierte Leben erhalten bleiben und nur so kann sie überhaupt als solches Mittel gelten.

Das Urteil über Krankheit ist also nicht nur ein Urteil, sondern vor allem ein Wille des Bestehenden: Die herrschende Existenz soll Maßstab für das darin ohnmächtige Leben sein. Die Macht des Faktums wird über das Leben und Erkennen der Menschen gesetzt, indem ihre nicht mehr heimlichen, ihre unheimlich gewordenen Regungen zur Krankheit, zu einem Mangelzustand an Selbstgewißheit herabgesetzt werden. Der »Kranke« gilt nicht mehr als wirklicher Mensch, der eine besondere Arbeit zu verrichten hat, – er gilt als Objekt der ihm dann auch zugestellten Hilfe, mit der er das bestehende Leben zu erreichen hat. Sein Kampf mag zwar verloren gewesen sein; – jetzt aber muß er auch nicht mehr erkannt werden. Seine Liebe mag unglücklich gewesen sein, – jetzt aber wird sie vollständig ausgeschlossen.

Im Begriff der »psychischen Krankheit« wird die Wirklichkeit menschlicher Not innerhalb der herrschenden Lebensverhältnisse versteckt. Er vollstreckt ein Verhältnis, worin die Vorstellungen der gesunden Menschen von ihrem Leben aufgehen können, wenn und solange die kranken Menschen auch einfach als Kranke gelten. Und es ist ihnen deshalb auch ein solcher Begriff existentiell notwendig: er verweist jede Wirklichkeit in die Schranken des Gesundheitswillens, des Gesund-sein-müssens für diese Welt.

So wird einer Welt das Wort geredet, für welche menschliches Leiden gleichgültig zu sein hat, – einer Welt, die sich gerade trotz und wegen dieses Leidens durchsetzt. Es gibt für den Psychologen kein Leiden an und in dieser Welt (er spricht bestenfalls von pathogenen Faktoren in den Umständen eines individuellen Lebens), sondern ein Leiden von Individuen, die es in der Welt nicht schaffen, so zu sein wie die andern. Seelisches gilt von vornherein als unwirklich und Wirkliches als seelenlos. Menschliches Empfinden ist von menschlichem Wirken, vom wirklichen Mensch-Sein abgetrennt und zu einer voraussetzungslosen Tatsache herabgesetzt worden. Umso mehr müssen dann auch die Gefühle und Launen und andere innere Befindlichkeiten über die Welt erhöht werden.

Die Trennung von Mensch und Wirklichkeit, von seinem Empfinden und Wirken, welche zu erklären wäre, wird zur Notwendigkeit gebracht, herrschende Wirklichkeit zunächst als Maßstab des Selbsterkennens und schließlich überhaupt anzuerkennen. So wird verunmöglicht, daß ein Mensch die Trennung von sich und der Welt der andern überhaupt begreifen, daß er ein Wissen über sich als Wissen seiner ihm auch fremden Welt bilden kann. Und es wird die Macht der (S. I/41) Wirklichkeit besinnungslos vollstreckt. Es geht los: Auf die Seele, aufs Gefühl oder auf die Nervenzellen. Irren ist menschlich! – Aber wehe du bist dabei ohne Macht!

Wir wollen deshalb den Nachweis antreten, daß »seelisches Geschehen« so sinnlich wie auch wirklich ist und daß »seelische Krankheit« eine Krankheit dieser Welt ist, auch wenn sie sich im einzelnen zuträgt. Die wirkliche Grundlage einer Kritik der Psychologie und Psychiatrie ist der Beweis, daß seelische Wirklichkeit und sinnliche Wirklichkeit sich nicht unterscheiden. Das heißt aber nicht, daß die Seele selbst Sinn wäre oder daß das Wirkliche Seele hätte. Das heißt, daß in seelischer Form sinnliche Wirklichkeit erscheint und daß es die Seele überhaupt nur in ganz bestimmter Wirklichkeit, nur unter ganz bestimmten wirklichen Bedingungen als selbständiges Wesen gibt.

 

2. Zustände des Gefühls

 

Jemandem, der ein Magengeschwür hat, gesteht man heutzutage ohne weiteres zu, daß er damit auf Streit, Angst und Existenznot reagiert, daß also ihm und seinem Leiden bestimmte Bedingungen vorausgesetzt sind. Ein Wahnsinniger jedoch hat kaum eine Chance, solchem Verständnis zu begegnen. Er stellt ja auch ein viel wesentlicheres Leiden dar! Es geht da nicht um solche Aufregungen und Sorgen, die jeder schnell wiedererkennt und wovon jeder weiß, daß man das irgendwie packen kann, sondern es geht da um die Gestörtheit der Seele, des Privatwesens, welche immerhin den Zweifel mit sich bringt, ob die Menschen tatsächlich von Haus aus ein intaktes Privatwesen haben, ob der Mensch also von Natur aus eine »Identität« für die private Existenz hat. Denn dann müßte er ja auch die Sinne beisammen haben, mit denen er auf die Welt gekommen ist.

Deshalb sind die »psychisch Kranken« für die andern gar nicht so einfach und unbestimmt krank. Sie lassen Zweifel über das herrschende Leben aufkommen, indem sie eben das leben, was andere aus ihrem Leben ausgegrenzt haben, was diese kennen, auch empfinden und deshalb fürchten, weil sie es nicht begreifen dürfen. Wo andere ihrem Leben einen Halt gegeben haben, sind sie zwischen den Existenzen und Beziehungen geblieben und haben dabei tatsächlich keinen Boden gefunden. Wo ein Boden ist, auch wenn er keinen Grund hat, ist alles fest. Hier aber ist es irre: da überkommen einen Gefühlszustände, die Gewalt über das ganze Wahrnehmungsvermögen von Menschen haben, Anfälle von Panikgefühlen, Angstgefühle, Umnachtungsgefühle, Selbstverfremdungsgefühle, Sinnestäuschungen, Verfolgungsängste und anderes.

Weil sie sich darin selbst fremd empfinden und sich nicht erklären können, was geschehen ist, stimmen viele dem zu, daß sie seelisch krank seien. Und so wird das, was sie in ihren Gefühlen bereits ohnmächtig empfunden haben, zum Urteil über ihre Mangelhaftigkeit gebracht: Unfähigkeit für das herrschende Leben. Daß sie in der Irre sind, heißt jetzt für die andern, daß sie irre sind. Sie haben eine Störung: ein Symptom. Und damit ist die Unsicherheit überwunden!

Was Symptom genannt und so behandelt wird, ist aber nichts anderes als ein Gefühlszustand, an dem jemand leidet. Er empfindet darin seine Situation, ohne aus ihr herauszufinden; - das heißt: Zu-Stand. Wenn jemand z.B. Umnachtung empfindet und hierauf in Panik gerät, dann ist er auch in Beziehungen, die ihm das Licht nehmen, die seine Lebenskraft aufzehren und nicht zurückgeben. Und die Panik ist die Angst vor dem endlosen Selbstverlust, den er dabei empfinden muß. Oder wenn jemand panische Platzangst hat, dann empfindet er auch wirklich sein Leben als einen Zustand, in welchem er allseits und unendlich eingeengt ist und keine Bewegung nach außen findet. Oder wenn jemand (S. I/42) Stimmen hört, dann hört er auch nicht irgendetwas wie fremde Radiomusik, sondern das, was er als Verhältnis der andern zu sich nur im Ohr erfassen kann, weil ihm andere Organe versperrt wurden. All das sind Empfindungen einer Situation, die in den Gefühlen selbst erlitten wird.

Allerdings ist dieses Leid in einem Menschen geronnen. Das heißt, ihm ist keine Befreiung mehr gewahr. Das Geheimnis dabei bleibt eben, warum diese Empfindungen, die in einen solchen Zustand geraten sind, so getrennt von dem sind, was sie bewirkt hat, was zum Beispiel Licht nimmt oder eng macht. Man hat ja keine Angst vor einer bestimmten Gewalt eines anderen Menschen, wenn man in Angstzuständen ist. Man kann zwar Furcht vor der Macht eines anderen haben; - aber eine Angst, die einem dabei alle Lebenskräfte entzieht, ist das nicht. Man erleidet auch keine bestimmte Trauer in der Depression, sondern fühlt sich erdrückt von seinen eigenen Lebenskräften. Und man folgt keinen bestimmten Empfindungen oder einem Gebot, wenn man sich den ganzen Tag waschen muß und man erkennt auch keinen Sprecher, wenn man Stimmen hört. Die Gründe für solche Zustände sind nicht unmittelbar und offenkundig durch äußere Kräfte gegeben. Deshalb scheinen sie zunächst einmal getrennt von diesen zu sein, abstrakt. Dieses Leiden existiert scheinbar nur in der Abstraktion.

Aber an und für sich kann es das gar nicht geben: ein abstraktes Leiden. Jeder Mensch existiert konkret, auch wenn es abstrakte Formen sind, die ihn umgeben. Jeder Mensch ist so konkret wie der andere, der »Kranke« wie der »Gesunde«. Wenn jemand in Zustände gerät, aus denen er alleine nicht herausfindet, dann heißt das eben nicht, daß er an einer Abstraktion, an einer Seele erkrankt sei. Dann heißt das, daß die herrschenden Zustände für die nicht alleine zu verkraften sind, die fremdes Leben anderer zu tragen haben, die gesellschaftliche Macht wirklich und durch sich selbst leiden müssen.

Wenn ein Mensch seine Situation fremd empfindet, kann das eben nur heißen, daß sie ihm fremd ist, und wenn ihn seine Gefühle in einem Sinneszustand wie eine fremde Macht überkommen, dann sind ihm seine Sinne eben auch zur fremden Macht geworden. Man kann sich aber nicht fremd sein, ohne sich eigen zu sein. Empfindungen der Fremdheit sind immer zugleich eigene Empfindungen. Menschen können deshalb den Sinn ihrer Gefühle nur als fremd empfinden, wenn er ihnen in äußere, fremde Welten auch wirklich entzogen worden war - wenn ihre eigene Äußerung, ihr lebendiges Wirken in Verhältnissen aufgegangen ist, die ihnen fremd sind und Macht über sie haben; Verhältnisse, die alles eigentümliche menschlicher Regungen zu ihrem Fortbestand aufsaugen: die ihnen Ihre Eigentümlichkeit entziehen, die sie enteignen.

Solche Verhältnisse fallen aber auch nicht vom Himmel. Sie werden von Menschen in wechselseitiger Beziehung geschaffen und erhalten sich aus der Notwendigkeit ihres Fortbestehens. Die Menschen gründen sie zwar, aber sie leben nicht darin, sondern durch sie. Sie erzeugen ihr Leben, ihre Bildung und Äußerung in Verhältnissen, die ihnen wie eine unwandelbare Lebensbedingung erscheinen. Aber die Verhältnisse bestehen auch nur solange, solange die Menschen sie als Ihre Lebensbedingung anerkennen. Untersuchen wir deshalb die Verhältnisse selbst und ihre Macht, die sie durch das Tun der Menschen erhalten. Wir werden dann auch erkennen, wie und warum man darin verrückt wird, was also Verrücktheit in Wirklichkeit ist (und was daraus werden kann!).

 

2. Teil:

Die herrschenden Gefühle sind die Gefühle der Herrschenden

 

Im Grunde kann Gefühl nichts anderes sein, als das, was man fühlt. Ob jemand es weiß oder nicht: er fühlt, was und wie ihm geschieht; er verspürt, was ihm getan wird. Gefühle setzen eine Tätigkeit voraus und nehmen diese wahr.

Das ist nicht mehr so klar. Gefühle haben ihre eigene Wesenheit bekommen. Sie gelten inzwischen eher als eine besondere persönliche Qualität, als Begabung, als Offenbarung, als Ausdruck des Innenlebens, als Schimmer und Widerschein der Seele (vgl. Teil 1 im Türspalt 1/82).

Durch solche Gefühle sind sich die Menschen in ihren Empfindungen selbst eine Insel ihres Gemüts, ihrer Stimmungen und Launen und wollen auch als solche sein. Sie ahnen ihre Einsamkeit und wenden sich zugleich hiergegen. Wenn sie wissen, was andere fühlen, dann fühlen sie sich selbst wieder als Mensch. Die Einsamkeit verliert ihren Schrecken, wenn sie menschlich erscheint - die Verlassenheit wird aber umso größer, je näher sich die Menschen darin werden. Und es scheint, als dürfe man gerade dies nicht fühlen.

Das Gefühl soll Nähe schaffen, wo die Entfernung nicht mehr erkannt wird und es schafft Entfernung, wo die Nähe überflüssig geworden ist. Man muß deshalb auch lernen, »mit Gefühlen umzugehen« und »Gefühle zu zeigen«; - so, wie man jemanden zum Beispiel auch seine Wohnung zeigt. Und wer sie nicht zeigt, dem unterstellt man ebenso leicht, daß er gar keine hat.

So haben Gefühle an Wert gewonnen. Das hatten zuallererst die Werbepsychologen erkannt, die es tatsächlich schaffen, eine Zigarette besser zu verkaufen, wenn sie damit verbunden einen Gefühlszauber von Stimmungen und Atmosphären auf der Leinwand abspulen. Das Bild eines Lebens, einer Atmosphäre oder einer Sehnsucht genügt, um dem Geschmack ein Gemüt zu verleihen und einen neuen Kunden an die Leimstange des Profits zu bringen. Der Geschmack, die Empfindung für einen Gegenstand, ist so heruntergekommen, daß er mit Zauberwelten gefüllt werden will. Gefühle haben eben das an Wert gewonnen, was die Empfindungen an Sinn verloren haben.

Inzwischen weiß man Gefühle in fast allen Bereichen der Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie zu nutzen. Eine spezielle Sparte der humanistischen Psychologie, die »personenbezogene Gesprächspsychotherapie«, und die sogenannten Vegetotherapien (z.B. Schreitherapie) stellen diese Nutzbarkeit ausdrücklich vor: Indem man einen »Klienten« mit einer Sphäre des Vertrauens, der Wärme und der Offenheit umgibt, bringt man ihn leichter dahin, »aus sich herauszugehen«.

Und er wird aus sich herausgehen, auch wenn er dabei alles von sich hinter sich lassen muß. Er wird froh sein, diesen Ballast zu verlassen. Denn es ist ebenso abgeschmackt wie tröstlich, doch einen Ort des Leidens zu bekommen, wenn man allem Leiden keinen Sinn ansehen kann. Wer auf Janovs Schoß »Mama« schreien durfte oder wer sich in Rogers Encountergruppen seine Seele auskotzen konnte, der wird wissen, wie wertvoll das Erlebnis des vergemeinschafteten Leids ist, das doch keine andere Gemeinschaft hat, als das (S. II/40) Leben schlechthin, Leben in höchster Abstraktion: Erleben. Hierin allerdings kann das gegenwärtig erscheinen, was so weit zurück oder so tief verborgen gefühlt wird - Hier und Jetzt seist du Mensch ... und dann bist du's auch, weil du's ja immer bist! Sei Beispiel für dich selbst, du arme Wurst!

Solche Vergegenwärtigungen »seelischer Spannungen« sind wie die Selbstvergegenwärtigung für jedermann. Nur die Beliebigkeit und Übertragbarkeit der »Auslöser« verrät, wie grundlos diese »Spannungen« gemacht werden müssen, damit man mit ihnen leben und sie auch zeigen kann. Aber das Ziel ist göttlich: der entspannte Mensch wird jeder Situation ebenso gewachsen sein, wie der Hindu, der die Knechtschaft durch jedes Regime erträgt. Es gehört aber allerhand Reflexion, Schirmherrschaft und Gottesfürchtigkeit dazu, eine solch entspannte Seele zu erhalten. Nicht nur eine komplette Lebensphilosophie, meist auch noch irgendein Guru muß helfen, dem Leben den Sinn zu geben, den die Menschen verloren haben. Es soll eben das gelitten werden, was man leiden kann. Und wer das nicht leid hat, der wird sich vor jeder Äußerlichkeit und Fremdheit bewahren, indem er ihr die Notwendigkeit des Leidens überhaupt, des Leidens in allgemeinster Form entgegenzusetzen versteht. Er wird sich wieder leiden können, weil er alle Leidenschaft dem Gott seiner Gefühle geopfert hat.

Alles, was einem Menschen gewiß sein kann, wird zur reflektiven Form: Das Leben als Erlebnis gefaßt, das Fühlen als Gefühl, das Begreifen als Begrifflichkeit, der Verstand als Verständnishaftigkeit wird zum Attribut des Umgangs und zugleich zu einem Gegenstand, mit dem man umgehen kann.

Je weiter ein Mensch in solcher Selbstreflektion fortgeschritten ist, desto einzigartiger und also großartiger muß er sich auch vorkommen, denn sein Leben erscheint ihm in Gestalt solcher Attribute, solcher Fähigkeiten zum Überleben. Er ist wirklich aus sich herausgegangen und hat alles hinter sich, was andere verstehen, begreifen, leben und fühlen müssen. Ihm ist das Leben zu einer Erfahrungstatsache geworden.

Was die einen erfahren, das widerfährt den anderen. Was dem einen Selbsterlebnis, ist dem andern Selbstentfremdung. Und es ist kein Zufall, daß es ums Gefühl geht. Wo Menschen ihr Leben nicht mehr gestalten können, weil ihnen die Gestaltung schon ab- und vorweggenommen ist, da haben sie ihr Leben auch nurmehr zwischen sich und untereinander. Während sie sich so begegnen und unmittelbar erscheinen, vollziehen sie eine vorgegebene Lebensgestalt, welche nur durch sie selbst zur Wirkung kommt. Um diese zwischenmenschliche Wirklichkeit geht es nun.

Das veranstaltete Leben

Wenn es Gefühle als solche, Gefühle als Gefühle gibt, dann ist nicht das von Bedeutung, was ein Mensch empfindet, sondern wie hierbei seine Befindlichkeit ist. Im Befinden eines Menschen wird so von der Empfindung abgesehen. Das heißt: dem Befinden wird ein anderes Sein als dem Empfinden zugesprochen. Beides wird voneinander getrennt und zu selbständigen Qualitäten gebracht. Allerdings: Wer von einem Zusammenhang absieht, der hat eine Absicht. Er sieht es zugleich auf etwas ab.

Das Befinden wäre wohl auch nur das Gefühl dessen, wo man sich befindet, wenn es darin nicht selbst schon um die Überwundenheit einer Empfindung ginge, einer Empfindung eben jener Isolation, die im Gefühl so beziehungsreich erscheint. Das Ziel des Befindens kann nur Wohlbefinden sein. Und hierzu braucht man andere. Der vorgestellte Beziehungsreichtum muß im Nachhinein eingelöst, verwirklicht werden! Was im Zusammenhang der Menschen so bedingungsreich ist, ist deshalb im Gefühl ein bedingungsloses Verlangen nach anderen Menschen, deren wirkliches Sein jenem Verlangen nach Selbstverwirklichung unterstellt wird. Im Gefühl werden die Menschen als Menschen, als wahrgenommenes Menschsein verlangt. Die Wahrnehmung anderer Menschen ist so zugleich der Gehalt der Beziehung auf andere. Man fühlt sich so, wie man sich unter anderen erlebt, und man hat für andere das Gefühl, welches man auch durch andere bekommt und welches zugleich Gefühl für sich, Selbstgefühl ist. Man hat es auf andere Menschen abgesehen, denn durch ihr Dasein nur kann dieses Gefühl existieren.

Wo sich die Menschen so bedingungslos begegnen, haben sie sich selbst wechselseitig als ihre Lebensbedingung. Ein jeder lebt durch den anderen, weil dieser durch ihn lebt. In der Abwesenheit von anderen Menschen erleben sie sich unvollständig, leben sie die Wesenlosigkeit und Leere, die ihre Wahrnehmung dann hat (Abwesen = ohne Wesen).

Das Verlangen nach der Anwesenheit anderer Menschen gründet also auf der Leere jener Selbstwahrnehmung, die im Wesentlichen das Leiden an der Isolation, an der Gegenstandslosigkeit von Menschen ist und daher als Verlangen nach Menschen überhaupt besteht. Im Gefühl haben sich die einzelnen Menschen selbst als (S. II/41) Mensch schlechthin wahr, indem sie andere Menschen wahrnehmen. Was sie von anderen empfinden, ist ihnen zugleich Bedingung eigener Wahrheit. Was sie voneinander wahrnehmen ist ein Moment dessen, was sie von sich als Mensch wahrhaben. Ihre Wahrnehmung ist der Stoff ihrer Wahrheit, d.i. Identität aller Sinne.

Deshalb ist ihnen ihr Verhältnis zueinander im Gefühl umgekehrt, wie in der Empfindung: Sie sind hierin füreinander zuallererst Anwesenheit des Menschen, menschliche Sinne, Haut und Haar, Geschmack, Geschlecht usw.: bestimmungslose, geschichtslose Wesen, weiche gleichgültig gegenüber jedem besonderen Sinn sind. Durch was sie sich als einzelne Menschen gerade unterscheiden, was sie gebildet haben, Wissen und Können, was ihr Leben, ihre Geschichte hervorgebracht hat und hervorbringt, das gilt in dieser Wahrnehmung eben als Besonderung des Menschseins, wie etwa Gottes Sohn als Besonderung Gottes gilt. Im Gefühl ist sich der Mensch in der Tat selbst zum Gott geworden: Vorweggenommener Mensch.

Diesen Menschen aber gibt es nicht. Er ist allein die Abstraktion von dem, was die Menschen wirklich voneinander haben. Im Gefühl wird ja das eigene Leben so erkannt, wie es im anderen aufgefunden, vorgefunden und empfunden wird. Die Abstraktion von dem Inhalt dieser Beziehung ist aber der Sinn ihres Verlangens nacheinander.

So gründen die Gefühle auf Empfindungen, welche ja der Stoff und Sinn jeder Erkenntnis sind. Sie selbst sind aber bloße Form dessen, was ihrer Beziehung auf andere Menschen vorausgesetzt ist; sie sind die Form abstrakter Erkenntnis.

Indem sich die Menschen in dieser Wahrnehmung aufeinander beziehen, wird ihnen ihre Wahrheit auch wirklich genommen. Ihre Sinne wie z.B. ihr Geschmack, ihr Gehör, ihr Geschlecht werden selbst zum Mittel dieser Bezogenheit, wenn sie sich als Menschen selbst benötigen. Sie haben sich eben abstrakt als Mensch wahr, wenn sie sich wahrnehmen, und deshalb abstrahieren sie auch notwendig von ihrem wirklichen Menschsein, indem sie ihre Wirkungen aufeinander, ihre Tätigkeit als Wirkung, ihre Wirklichkeit zum Gefühl bringen und also zum Inhalt der Sinne selbst werden lassen. Sie verzehren sozusagen ihre eigene Tätigkeit, ihre sinnliche Äußerung, in ihren Sinnen selbst, in jener Innenwelt (vergl. Türspalt 1/82), die umso unermeßlicher wird, je vielseitiger ihre Wahrnehmungen, also die Beziehungen sind, welche sie im und durch das Gefühl hatten. Was sie als Mensch wahrhaben, das tritt in Gegensatz zum Sinn ihrer Wahrnehmungen, in den Gegensatz zu jedweder Sinnlichkeit. Man fragt nach dem Sinn des Lebens, während man das Leben der Sinne genießt. Das Gefühl begeistert sich geradezu an den vielen Wahrnehmungen, weil es darin den Sinn hat, aus welchem es seinen Geist schöpft: seine Seele.

Die Seele ist das Geschöpf der Wahrnehmung, geronnene Geschichte ihrer Sinne. Während der gute Christ sich selbst als Geschöpf Gottes betrachtet, wenn er sich als Lamm seiner Herde fühlt, läßt sich hier seine Schafsnatur leicht als Produkt seiner Selbstvergegenständlichung erkennen. Die Selbstgefühle, welche man als Gestaltungen des Seelenlebens ansieht, sind nichts anderes als das Resultat des Verlangens nach Menschen, sind die Gefühle, die man unter Menschen eben hat. Der Lebensraum, den er durch andere Menschen hat, ist die Einlösung der Welt, die seinen Gefühlen nötig ist, wenn und weil er sich darin den Allgemeinplatz des Menschlichen erworben hat.

In seinen Wahrnehmungen wird er nichts mehr von dem wissen, was er hierbei voraussetzt, was er wahrhat. Ihm ist dieses selbstverständliche Lebensgrundlage, Sinn seines Lebens geworden und was Verlangen war ist jetzt die Forderung, daß es so sein und so werden soll, wie es ihm auch geworden war. Sein Verlangen ist jetzt (S. II/42) Wille. Er verlangt das bestimmte Sein anderer Menschen, bestimmte Wahrnehmung und erwirbt Ihre Beziehung so, wie er sich ihnen auch gibt, wie er sich ihnen selbst vergegenständlicht. Die wechselseitige Selbstvergegenständlichung macht jeden für sich selbst zum Willensträger und den anderen zum Inhalt des eigenen Wollens. Wo nämlich jeder sich für andere vergegenständlicht, da ist er sich selbst auch Gegenstand. Er weiß es nicht, aber er fühlt es. Und je nach Situation kann er sich als Herr seiner Gefühle oder auch als ihr Knecht finden. Gefühle wirken auf ihn, – manchmal wie ein Rausch, manchmal wie ein Vorschlaghammer. Sie sind so objektiv wie seine vier Wände oder sein Berufsalltag; – Lebensumstände.

So müssen eben auch bestimmte Beziehungen erworben werden. Ohne es zu wissen wird jeder, der diesem Willen folgt, zum Menschenhändler, der eben jene Menschen braucht, die dem Gestalt verleihen, was er im Sinn hat. Ihre Regungen sind Gestalt seiner Erregung; ihr Fühlen ist Gestalt seines Gefühls.

Dies ist ein doppelsinniges Verhältnis: Ihre Äußerung ist als ihre Vergegenständlichung zugleich das Mittel ihres Zusammenseins. Was dem einzelnen zu äußern nötig ist, gilt für die andern eben nur als daseiende Äußerung. So wird Ihnen ihre Äußerung zugleich äußerlich. Dem einzelnen ist das zueigen, was ihm in der Beziehung auf andere fremd ist. Was er für sich bildet, ist ihm durch andere zugleich genommen. Alles, was er dem Sinn nach für sich ist, ist er ohne Sinn für andere; – die Frau für den Mann, die Kinder für die Eltern usw. Deshalb ist für den einzelnen seine Selbstvergegenständlichung zugleich die Entgegenständlichung seiner Sinne.

Dies wechselseitige Verhalten bildet ein Verhältnis, in welchem jeder wirkliche Sinn schon da zurückgenommen ist, wo er hervortritt. Er wird gerade dort auf sich verwiesen, wo er sich äußert und wird in den Körper gebannt, dem er entspringt. Das sinnliche Verlangen nach einem Verhältnis besteht deshalb auch in seiner Wirkung als Mangelgefühl, welches reiner Drang ist, als Hunger in der Abstraktion von seinem Gegenstand: Trieb.

Während das Sinnesleben somit zur wirklichen Privatsphäre wird, zur Welt des Körpers in jener Heimlichkeit, die für das öffentliche Leben unheimlich ist, schließt es zugleich jeden anderen wirklichen Sinn aus. Jeder einzelne Sinn, wie z.B. Tasten, Fühlen, Hören, Geschlecht, ist für sich und ausschließlicher Sinn, so wie jede Kunst hierdurch zur ausschließlichen Kunst wird (z.B. Musik, Malerei, Dichten). Das Sinnenleben hat nur eigene Wirkung, wo andere Sinne keine haben und hat zugleich nur Sinn, wo es sinnliche Wirklichkeit gibt.

Dieser Widerspruch kann sich nur dadurch auflösen, daß sich jeder Sinn, Geschmack, Geschlecht, Gehör usw. an dem bemißt, was auch allgemein Sinn Sinn, ohne daß es selbst Sinn wäre: Gemeinsinn. Darin kultivieren sich die Sinne zu einer Form, der ihre Entstehung und Bildung nicht mehr anzusehen ist: Kultur. Die bestehende Kultur zeigt jene Kultivation menschlicher Beziehungen in jedem Medium, jeder Art (vergl. Pfreundschuh: Die Kultur, 1. Teil: Der Entstehungsprozeß der Privatperson). In ihr ist das abstrakten Geschlecht ebenso dargestellt wie der abstrakte Geschmack, die abstrakte Schönheit, der abstrakte Geist: abstrakter Sinn.

Aber die Kultur ist die Sinnesform menschlicher Geschichte, also objektive Gestalt jener Sinnlichkeit, die Menschen in einer bestimmten Gesellschaft haben. Und deshalb ist auch hier die Kultur jene Welt, worin sich die Wahrnehmungen, die die Menschen voneinander haben und durch welche sie sich aufeinander beziehen, entwickeln und verwirklichen. An ihr zeigen sich deshalb auch die Krisen, welche solche Beziehungen notwendig in sich haben.(S. II/43)

Daß diese Lebensgestalt aber so getrennt von allen anderen Lebensäußerungen, von der Arbeit und der Befriedigung, vom wirklichen Stoffwechsel der Menschen existiert, und daß menschliches Elend allein als kulturelle Verelendung auftritt, das setzt eine ganz bestimmte Existenz voraus. Bevor wir die Krisen zwischenmenschlicher Beziehungen erklären können (im Türspalt 3/82), müssen wir deshalb erst die Frage verfolgen, wie es überhaupt sein kann, daß die Menschen ihre Sinne selbst zum Mittel ihrer Beziehung machen können, daß sie also sich selbst als Gegenstand und Mittel ihrer Vergegenständlichung haben.

Kultur und Imperialismus

Wo Menschen arbeiten, ihr Leben gestalten, sich äußern, da haben sie ihre Äußerungen auch als ihren Gegenstand und Stoff ihrer Geschichte. Die Arbeit ist somit selbst Sinnesäußerung als sinnliche Wirklichkeit. Wirklichkeit und Leben, Arbeit und Kultur sind im Grunde identisch. Erst wo sich diese Lebensgestalt von dem Sinn, den die Menschen darin äußern, entfernt hat, da können sie sich einbilden, selbst Sinn für sich zu sein. Und wenn ihnen die Arbeit nurmehr als ein ihnen fremdes Arbeitsprodukt begegnet, dann müssen sie es sein.

Wo weniger Arbeit ist als Geld, da gilt das Arbeitsprodukt eben auch mehr als die Arbeit. Und da muß die Abwesenheit gegenständlicher Sinne durch die Anwesenheit menschlicher Sinnlichkeit ersetzt werden! Was die Kultur voraussetzt und wovon sie zugleich absieht, das ist die wirkliche Bedingung ihrer verselbständigten Existenz. Und diese enthält selbst Selbständigkeit: Geld.

Wer Geld hat, der kann von allen lebendigen Lebenszusammenhängen, von allem stofflichen Leben absehen, weil er sich jeden Stoff, gleichgültig seiner besonderen Beschaffenheit und Erzeugtheit, aneignen kann. Nur wo Geld herrscht, kann sich ein Mensch auch durch sich und sein unmittelbares Wahrnehmen begründet fühlen. Denn mit Geld braucht man sich auf nichts zu beziehen, weil man alles auf sich beziehen kann. Geld ist die letztendliche Selbstbezogenheit. Zugleich ist Geld auch die Macht, durch welche die Produkte anderer Menschen zur Sensation der eigenen Gelüste werden.

In Deutschland hat man Geld, viel Geld. Dieses Land ist die drittstärkste Wirtschaftsmacht auf der Welt. Und das heißt, daß man viel eingehandelt hat, weil man viel von dem hat, was für andere lebensnotwendig ist: Maschinen. Wenn man in Deutschland 100 Stunden zur Herstellung einer Maschine arbeitet, kann man gut und gern damit Lebensmittel einkaufen, die in der Dritten Welt durch 1000 Arbeitsstunden erzeugt werden. Das heißt, daß man das Geld recht gut verwerten kann.(S. II/44)

Während der größere Teil der Menschheft noch am Verhungern ist und deshalb zu jedem Dienst bereit sein muß, der ihm die einfachsten Mittel zum Arbeiten und Leben verspricht, eignet man sich in Deutschland nicht nur Bodenschätze und Lebensmittel von ärmeren Ländern an, sondern entzieht ihnen auch das einzige, was sie zur eigenen Entwicklung brauchten: ihre Arbeitskräfte und ihre Kultur. Während die Ländern Lateinamerikas und Afrikas durch das Diktat des »internationalen Markts« zu Monokulturen herunterkommen, während ganze Städte und Dörfer in der Türkei, in Süditalien und in Spanien veröden, weil die Männer fehlen, die Äcker bestellen, Vieh aufziehen und Häuser bauen, hat man hierzulande mehr das Problem, wie man sein Geld richtig anlegt und wie man die Wirtschaft im Wachstum - und das heißt: Erwirtschaftung von mehr Geld - hält.

Der Arbeitsprozeß in der Bundesrepublik hat eben seinen vorwiegenden Sinn in der Haltung und Weiterentwicklung der Vormachtstellung auf dem Weltmarkt. Dort ist der Ort, wo das meiste zu gewinnen ist. Deshalb arbeitet man auch hauptsächlich für den Export (jeder 3. Deutsche ist unmittelbar an der Exportproduktion beteiligt). Das ist die einfachste Art, sich mit wenig Aufwand viele Lebensmittel zu erwerben. Und man hat in Deutschland auch viel zu leben; - so viel, daß manch einer in seiner Hobbywerkstatt eine Maschine stehen hat, die für Menschen in der Dritten Welt lebenswichtig wäre. Die BRD ist eine Industriemacht. Und das heißt: ein Land der Exportarbeiter, der Angestellten, der Beamten, der Techniker, Verwalter und Gesundmacher. Jenseits hiervon bleibt das Ausland: Gastarbeiter, Fischer und Bauern fremder Nationalität. Für die Deutschen hat sich das Verhältnis von Arbeit und Verwaltung auch in der Bevölkerung selbst umgekehrt: die Mehrheit der deutschen »Beschäftigten« sind nicht mehr Arbeiter sondern Angestellte!

Indem es hierzulande mehr Arbeitsprodukte als Arbeit gibt, hat die Arbeit selbst auch nur den Sinn, den Menschen Geld zu verschaffen, um schließlich auf dem Markt einen Anteil dieses Mehrprodukt zu erwerben. Während so fast jeder zu seinem Fernseher, seiner Waschmaschine und seinem Urlaub in der Sonne kommt, ist längst eine allgemeine Verarmung der Menschen an dem Sinn entstanden, der ihr Leben fundamental ausmacht. Was nämlich wirkliches und wesentliches Lebensmittel ist, Wohnraum, Rohstoff und Werkzeug, Landarbeit und Werkarbeit, das geht in diesem Land zunehmend unter.

Und grotesk ist in der Tat, daß das Leben umso bunter erscheint, je ausgehöhlter es ist (die Farbmittelproduktion ist in der BRD in den letzten 20 Jahren um ein zigfaches schneller gewachsen als die Lebensmittelproduktion!). Die Fassaden werden umso wichtiger, je leerer der Raum dahinter ist. Fast jeder größere Ort hat inzwischen seine »Fußgängerzone« und die Denkmalpflege ist der Augapfel jeder lokalen Administration geworden.

Derweil ist das Leben in Deutschland sehr triste. Alle Strukturen, die ein Land hätte, worin nicht das Wertwachstum bestimmend ist, sondern das Wachstum des Landes und der Menschen, ihrer Arbeit, ihrer Natur und ihrer Wohnung, sind hier weitgehend zerstört oder stehen kurz vor ihrer Zerstörung. Weite Landstriche sind zu Straßen, Kanälen oder Flughäfen geworden, weil in diesem Land die Masse und Geschwindigkeit des Transports und der Connection höchsten Rang haben. Die Bauern und Fischer können kaum(S. II/45)mehr existieren, weil ihre Produkte gegenüber den Importierten nicht mehr standhalten können und weil deshalb die Erhaltung ihres Berufsstands, ihrer Ernährung in diesem Land zu teuer geworden ist. Die Infrastrukturen der Städte und Dörfern werden beherrscht von Spekulanten, Banken, Versicherungen und Kulturagenturen, weil die Bevölkerung selber keine autonomen und eigenen Arbeits- und Lebenszusammenhänge haben kann, die den Bodenpreisen und Tourismusinteressen standhalten können. Das Leben selbst wird bedroht durch Energieerzeuger, die einem Energiebedürfnis entwachsen, das die große, die Exportindustrie, mit sich bringt und die in keinem natürlichen Verhältnis zur Bevölkerung und zu den Möglichkeiten der Landschaft stehen, die den Wärmehaushalt und die Strahlung in ganzen Landstrichen auf den Kopf stellen und damit Wachstum und Anbau in diesen Gebieten denaturieren. Die Abwässer der Kunststoffproduktion, der Waschmittel, Kosmetika und Konsumartikel können von dem kleinen Land und seiner Natur nicht mehr aufgearbeitet werden; Seen und Meere sterben. Und schließlich läßt sich die Vormachtstellung auf dem Weltmarkt, die Sicherung der Bodenschätze im Ausland nur durch ein ausgetüfteltes Militärsystem erhalten, das schon weit über ein Drittel des Bundeshaushaltes benötigt.

Auch die Arbeitsplätze selbst sind nicht dadurch schöner geworden, daß sie technisiert wurden. Abgesehen davon, daß die Technik viele Arbeitskräfte unnötig macht, ohne daß das Land noch andere Arbeit hätte, vollstrecken die Verwaltungshallen, die Fließbänder und die Computer nur noch die Abstraktion von Arbeit. Inzwischen haben die Freizeitforscher auch per Statistik herausgefunden, daß der Großteil der Bevölkerung in Deutschland in der Arbeit keinen Sinn mehr sieht.

Umso mehr in der Freizeit. Hier kann sich jeder für den entstellten großen Teil seines Lebensalltags rächen. Hier will er aber auch Sinn finden, – Sinn für sich.

Dafür gibt es auch eine eigene Sparte von Spielzeug, die ihm die Freizeitindustrie zur Verfügung stellt und wofür er genügend viel Lohn erhält. Es ist dies der Teil seines Lohns, der ihm als Entschädigung für die Sinnlosigkeit seines Alltags gilt und die subjektiv zugleich seine Teilhabe am Güterreichtum seiner Nation ist. Da hat sich eine ganze Freizeitindustrie entwickelt, die allerhand zu bieten hat. Das echte Freizeitauto oder einen »richtigen Abenteuerurlaub« werden zwar wenige erreichen, aber ein Spielcomputer, eine Hobbywerkstatt, ein Surfbrett, ein Walkman oder ein Skateboard ist für jedermann erschwinglich. Und schließlich gibt es auch noch die Palette der Kultur- und Unterhaltungsindustrie, die ihm freitags seinen Krimi, samstags seine Sportschau und Sonntags seine Erbauung frei Haus liefert. Außerdem bleiben ihm auch noch die »freien Betätigungen«, die ihm wieder zu körperlichem (S. II/46) Gleichgewicht und vor allem zu körperlichem Selbstgefühl verhelfen wie z.B. der »Spaziergang in der Natur«, Jogging, Sauna oder Trimmübungen.

Die Verselbständigung des Körpers zeigt sich besonders an dem, was sich Sport nennt. War das, was man da macht, früher Ertüchtigung des Kriegers in Friedenszeiten (z.B. Speerwerfen, Ringen, Boxen, Weitspringen, Wettlaufen, Kugelstoßen usw.), so dient das heute vorwiegend dazu, überhaupt Ereignisse und Erlebnisse herzustellen, in welchen der Körper selbst wieder Wert hat und auch einen praktischen, spürbaren Rang im Land, in der Nation oder in der Welt bekommt. Aber er ist nicht mehr angespornt (Sport kommt von Sporn, Spurt) durch die Notwendigkeit zu bestimmten Fähigkeiten, sondern durch das Verlangen nach Selbsterleben, das sich steigern kann bis zum Erleben der eigenen Nationalität im Rang der Weltlisten. Subjektiv ist es für die Deutschen deshalb schlimmer zu ertragen, daß sie die Weltmeisterschaft im Fußball verlieren, als daß sie der Teilhabe am Völkermord bezichtigt werden.

Das Selbsterlebnis ist überhaupt die Form, welche die Kultur jetzt abgetrennt und ohne Sinn für die Arbeit hat. Alle Bereiche sind vom Verlangen nach Selbsterlebnissen dahingetrieben worden, Mittel hierfür zu sein: Musik, Geschlecht, Religion, Kunst, Psychologie usw. Fast kann man sie deshalb nicht mehr unterscheiden.

Die Menschen erkennen sich nurmehr in ihren ästhetischen Merkmalen und veröffentlichen darin, was sie selbst im Sinn haben. Die Mode ist nicht nur eine Lockung und Verlockung, sondern vor allem auch Darstellung eigener Ausgerichtetheit. Der Gartenzaun zum Nachbarn ist nicht nur ein juristisches Merkmal des Besitztums, sondern zugleich die ästhetische Grenze zweier Welten. Bei jedem ist ein anderer, ein exklusiver, ein ausschließlicher Geschmack verwirklicht; in jedem Haus ist eine andere Ordnung und in jeder Liebe ein anderes Geschlecht. Das treibt seltsame Blüten – im Garten wie im Bett. Die Betonung des Besonderen verliert das Auge des Allgemeinen und die Hervorhebung der verschrobensten Besonderheiten sind die Stilblüten allgemeinster Trivialitäten. Das Körperliche zeigt seine Privatheit in seiner Abgetrenntheit, seiner Exklusivität eben auch gerade dort, wo es sein Verlangen nach anderen Menschen verwirklicht.

Durch ihr körperliches und einzelnes Dasein treiben sich die Menschen, die ja schon eh als Personen privat existieren, zu unterschiedlichen Persönlichkeiten, die – jeder für sich – einen ausschließlichen und ausschließenden Lebensraum repräsentieren. Hierin verwirklicht jeder seinen aparten Sinn, den er seiner Existenz abgerungen hat und um den sich zu streiten lohnt. Denn das ist die Gestalt der Liebe, die er zum Leben gefunden hat und die er in seiner Person und Persönlichkeit verwirklicht sehen will. Es liegt allseits das Besondere Augenmerk auf diesem Raum der Persönlichkeit, in welchem die Menschen ihrem Verlangen, ihrem Körper und sich selbst noch folgen dürfen. Es ist auch der Raum, wo sie ihre Persönlichkeit erzeugen: die Familie.

 

Literatur zu diesem Teil:

Marx, Karl: Die philosophisch-ökonomischen Manuskripte (MEW Ergänzungsband I)

Marx, Karl: Das Kapital, MEW 23

Falk, Gerhard: Entäußerung und Entfremdung in den Pariser Manuskripten (A.G.Psychologie)

Pfreundschuh, Wolfram: Die Kultur l. Teil: Der Entstehungsprozeß der Privatperson, (A.G. Psychologie)

Pfreundschuh, Wolfram: Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft (A.G. Psychologie)

Pfreundschuh, Wolfram: Arbeit am Wahnsinn (unveröffentlicht)

 

3. Teil:

Der Kampf um die Persönlichkeit

 

Die Menschen kommen zwar als Junge oder Mädchen auf die Welt; - nicht aber als Persönlichkeit. Man wird auch lange schauen müssen, um eine »Persönlichkeit« bei Naturvölkern oder in weniger reichen Ländern aufzustöbern! Sie ist das Produkt unserer Kultur.

Wer eine Persönlichkeit ist oder hat, der fühlt sich indes gerne so geboren. Er hält es für seinen Genius, dies abgeschlossene Besondere, dieser exclusive Mensch zu sein.

Persönlichkeit gibt es aber nur dort, wo sich Personen selbst zur Substanz werden können, wo sie sich als Person haben, wo sie sich von ihren Lebensverhältnissen abheben können, wo sie meinen können, sie seien selbst und für sich Maß und Ziel ihres Lebens.

Eine Persönlichkeit ist der Mensch, der von seiner Gesellschaftlichkeit absehen kann. Persönlichkeit ist das sich als unmittelbarer Mensch dünkende Wesen einer privat existierenden Person.

In den bürgerlichen Rechten ist die Persönlichkeit, die entfaltete Person, höchstes Gebot, eigentliches Ziel der bürgerlichen Juristerei. Dort wird die »Freiheit der Person«, das »Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit« gefeiert; – und nicht nur die Juristen, auch die Geschäftsleute, die Wohlständigen und die Wohltäter werden einiges hiervon haben. Wer von seinen Beziehungen auf andere Menschen absehen kann, der kann seine Freiheit, seine persönliche Entfaltung und seine Rückbeziehung auf sich selbst als seinen Lebensinhalt ansehen. Die ganzen bürgerlichen Lebensstrukturen, die bürgerliche Kultur, ist identisch mit der Lebensweise der realen Privatperson, der Persönlichkeit: Familie, Gemeinde und Nation.

Aber nicht jeder kann eine Persönlichkeit haben. Die »Freiheit der Person« ist nicht die Freiheit von Menschen in freier Gesellschaft; – sie ist das Gegenteil: die Freiheit jener, die sich in dieser Gesellschaft unabhängig, d.h. beziehungslos fühlen können: die Freiheit jener, die ihr Wirken und ihre Wirklichkeit nicht erkennen müssen. Von seiner Beziehung auf andere Menschen kann aber nur der absehen, auf den alles bezogen ist, weil er etwas besitzt, auf was sich alle beziehen müssen: Geld. An und für sich kann es eine Persönlichkeit nur als Geldbesitzer geben (vgl. den 2. Teil dieser Serie im Türspalt Nr. 8). Persönlichkeit wäre also so nur ein Synonym von Geldbesitz.

Aber Persönlichkeit ist nicht nur ein wirtschaftliches Phänomen und auch nicht nur das idealisierte Bild, was man sich im bürgerlichen Recht, in der bürgerlichen Kunst oder im bürgerlichen Staat vom Menschen macht, - sie ist dort, wo man Geldbesitz voraussetzen kann auch die wirkliche Identität des privat existierenden Bürgers schlechthin. In Wirklichkeit gibt es zwar keine Persönlichkeit, aber es gibt dort, wo man vermittels seines Besitzstands gesellschaftlich integer ist, zugleich die Macht, den Zwang zur privaten Integrität.

Deshalb haben die meisten Menschen das Problem mit ihrer Persönlichkeit. Eine komplette Sparte der Psychologie kümmert sich darum: die Persönlichkeitspsychologie. Dort soll all das ausgelotet, beobachtet, gemessen und sogar gewogen werden, was eine Persönlichkeit ausmacht. Der Mensch hat für die Persönlichkeitspsychologie zwar keine Eigenschaften, aber umso mehr Fähigkeiten, Daseinsweisen seiner Eigenschaften: Eigenheiten. So hat sie schon einiges zusammengetragen, um diese nutzbar zu machen. Da werden die Eigenheiten gemessen, faktorisiert und schließlich zu einem »unverwechselbaren Persönlichkeitsprofil« gebracht, um die »optimale Verwendung« einer Person herauszufinden. Da eben das bürgerliche Leben sowas ähnliches wie der Nürburgring ist, behalten die Psychologen auch Recht: ohne Profil fliegt man aus der Kurve.

Eine Persönlichkeit kann nur das besonders starke Individuum haben. Und das ist ein Mensch, der sich durchsetzen kann, der das erreichen kann, was er will, – ein Mensch der »in diesem unserem Lande« eben gut leben kann. Und weil er es kann, hält er es auch für sein Können.(S. III/41) Was mit diesem Begriff für solche Fähigkeiten aber geleugnet wird, das sind die vielen Beziehungen, die erst eine Persönlichkeit gebildet haben, Beziehungen, Lebensinhalte, Lebensbedingungen, die sich ein Mensch angeeignet hat, um als Persönlichkeit zu sein. Eine Persönlichkeit wird nicht erst von der Psychologie in isolierte Fähigkeiten zerlegt, sondern ist wirklich die isolierte Fähigkeit, die Fähigkeit und Eigenheit, die übrigbleibt, wo die Geschichte und Bildung vieler Menschen vergangen ist. Eine Persönlichkeit ist eben nichts anderes als die Fähigkeit, in einer bestimmten Form der Selbstbezogenheit existieren zu können, in einer Existenz jenseits aller wirklichen und sinnlichen Bezogenheit da zu sein. Eine Persönlichkeit erhält sich nur durch andere, aber als Persönlichkeit existiert ein Mensch in einer Beziehung ohne Sinn für andere. Persönlichkeit ist die zur Privatperson geworden Beziehung, geronnene Sinnlichkeit menschlicher Eigenschaften. Und deshalb leugnet auch die Psychologie als Anwalt dieser Persönlichkeit den wirklichen und gesellschaftlichen Sinn menschlicher Beziehung, der darin verschwunden ist.

Schon vom bloßen Hinschauen wissen wir, daß kein Sinn aus sich selbst gebildet ist – kein Auge wäre ohne das Licht, kein Mann ohne Frau, kein Verlangen ohne Gegenstand. Selbst die Natur würde es nicht geben, denn die Tiere sind nicht so heruntergekommen, wie die Menschen in den Augen der Psychologie; – kein Nest, kein Ameisenhaufen, keine Bienenwabe hätte entstehen können, wenn auch die Viecher eine Persönlichkeit hätten. Der Persönlichkeitsbegriff sieht selbst von allem ab, was das organische Zusammenwirken ausmacht. Durch ihn soll es natürlich erscheinen, daß sich Menschen in ihrer Ausschließlichkeit voneinander verwirklichen, daß sie als einzelne, »frei konkurrierende Wesen« ihre private Erfüllung haben. Was sie aber zu einem menschlichen, d.h. gesellschaftlichen Leben zusammengetragen, gefügt und entwickelt haben, und woraus sie sich wiederum als einzelne Menschen begründen, davon wird hier ausdrücklich abgesehen. In der Persönlichkeit wird die menschliche Entwicklung der Individuen zur individuellen Entwicklung des Menschen verkehrt.

Aber in der Tat: Wo Geld herrscht, da leben die Menschen wirklich verkehrt, da erscheint ihnen nämlich ihr Verhältnis zueinander wirklich aus ihnen selbst begründet. Und ihr wechselseitiges Ausschließen, die Beziehung im Ausschluß und die ausschließliche Beziehung zugleich ist ihr wirkliches Lebensverhältnis. Dies ist das allgemeine Verhältnis, worin sich die Menschen hierzulande gegenübertreten.

Diese Beziehung erscheint zwar als freies Sich-Beziehen einzelner Menschen. In Wirklichkeit gehen sie aber diese nicht freiwillig ein. Durch die Formen, welche die Lebensverhältnisse der Menschen hier ausmachen, sind sie dazu gezwungen, frei, d.h. unabhängig, also ohne wirklichen Bezug zu existieren (vergl. Teil 2). Jeder einzelne Mensch ist deshalb auch von vornherein vereinzelt; – Monade in einem ungeheueren Raum. Ohne andere Menschen fühlt er sich als nichts und unter anderen ist er sich seiner nicht gewiß. Dieser Zwiespalt selbst zwingt ihn zu einer Gesellschaft, die von vornherein sein Mittel sein muß, damit er im Nachhinein erkennen kann, was er darin war. Er fühlt sich zu anderen Menschen getrieben. – Gesellschaftlicher Zwang erscheint so nicht mehr als Gewalt, sondern als innere Notwendigkeit: als Trieb.(S. III/42)

Der Trieb zur Persönlichkeit oder die Ohnmacht der Liebe

Wo das Verlangen des Menschen nach dem Menschen keine Gesellschaft findet und daher auch nicht gesellschaftlich verwirklicht wird, da verbleibt es im einzelnen Menschen als Hunger. Hunger enthält das bloße Verlangen nach Stoff, nach dem Dasein anderer Menschen für sich. Was im Verlangen noch Ausdruck derselben Beziehung ist, die sich darin verwirklicht, ist im Hunger die bloße Negativität, die Beziehung durch den Mangel an einer Beziehung: die durch den Mangel beherrschte Beziehung. So wie der wachsende Hunger den Geschmack, den Sinn für einen Gegenstand, bis über den Ekel hinaus überschreiten kann, so geht die Gier nach Menschen über jeden Sinn für das menschliche Leben hinaus. Der Hunger nach menschlicher Beziehung ist der Trieb, der nur durch andere Menschen befriedigt werden kann. Wo die Menschen in ihrem Verlangen ihre Beziehung erkennen, wird durch den Trieb das Verlangen zugleich abstrakt: zum Sinn der Beziehung selbst, zum Verlangen nach menschlichem Sinn überhaupt, nach Haut, nach Haar und Geschlecht (vgl. Teil 2).

Die Wahrheit eines selbstbezogenen Lebens tritt hier hervor: Es ist nicht das Leben, das sich auf sich selbst gründet, weil es durch sich selbst auch begründet ist; – es ist ein Leben durch andere. Man kann sich zwar auf sich selbst beziehen, aber man kann nicht davon leben.

Selbstbezogenheit ist kein Für-sich-Sein. Sie findet nur in Gesellschaft statt; sie glänzt vor Geselligkeit, Freundlichkeit und Gütlichkeit. Die Menschen treten sich aber darin nicht als bestimmte Menschen mit bestimmten Sinnen und eigener Geschichte gegenüber, sie begegnen sich als wechselseitiges Mittel ihrer Selbstverwirklichung, als Mittel ihrer Triebe. Sie haben im Verlangen nach anderen nicht andere Menschen, sondern den abstrakten Menschen im Sinn.

Und da erkennen sie sich auch nur in dieser Wahrnehmung: sie nehmen sich als das wahr, als das sie sich auch wahrhaben: als Mensch schlechthin. Sie verwirklichen diese Beziehung als ihre »zwischenmenschliche Beziehung«; – Beziehung zwischen Menschen. Das ist keine Beziehung der Menschen selbst: zwischen den Menschen gibt es nur Sache. In der zwischenmenschlichen Beziehung ist daher auch die Beziehung der Menschen versachlicht: menschlicher Umgang; – das Herz für jeden.

Die »zwischenmenschliche Beziehung« ist die Beziehung in der Form, worin sich die Menschen wahrnehmen: in der Art und Weise ihres Da-seins erfüllt sich der Sinn ihrer Beziehung. Wie jemand da ist, so wird er wahrgenommen. Umgekehrt aber ist er auch nur so verwirklicht, wie er wahrgenommen wird. Was er tut, worin er sich verhält und was er bewirkt, das wird allein in der Weise wahr, in welcher er wahrgenommen wird. Die Verwirklichung dieser Wahrnehmung als zwischenmenschliche Beziehung ist daher die Entwirklichung des Verhaltens zu anderen Menschen. Jedermann ist darin Subjekt und Objekt seiner Wahrheit: Wahr-genommener als (S. III/43) Wahr-nehmender; - die Wahrheit selbst bleibt hinter diesem Verhältnis (2).

Unter den genannten Bedingungen aber ist die Wahrnehmung tatsächlich zur Anschauung geworden und als solche getrennt von Ihrer Tätigkeit. Sie ist in die reine Leidensform versetzt. Wer etwas wahrnimmt kann wirklich meinen, daß er es eben nur anschaut. Derweil ist er von dem Gewordensein und Werden des Gegen-Stands praktisch und sinnlich unberührt. Aber während er von da her Wahrheit in der Form seiner Anschauung nimmt, wird ihm der Sinn des Gegenstands zugleich fremd, dem Bewußtsein entzogen. Ihn gibt es, aber er wird nicht erkannt. Somit wird durch die Wahrnehmung dem Erkennen der Sinn und den Sinnen der Stoff genommen. Was vom Gegenstand der Wahrnehmung daher zum reinen Stoff herabgesetzt wird, wird andererseits für die Sinne zum reinen Geist. Der Geist in dieser Abgetrenntheit vom Stoff existiert ausschließlich seelisch und der Stoff ausschließlich sachlich.

Würden die Psychologen Wahrnehmung als Tätigkeit, als Wahr-Nehmung von stofflichem Geist in geistigem Stoff, als Erkenntnis begreifen, dann müßten sie ihre Psychologie bekämpfen. Dann hätten sie ja auch wirklich was zu tun! Wo nämlich die Wahrnehmung als wirkliches Verhalten erkannt wird, da steht man auch wirklich vor der Wirkung eines Verhaltens der Wahrnehmung; vor dem ganzen Hintersinn der Anschauungen, der Macht ästhetischer Gebilde und endlich vor der wirklichen Ohnmacht der Menschen in solcher Gesellschaft. Man hat dann das wahr, was andere wahrnehmen! die Abstraktion des Menschen zum Kult der Menschlichkeit, zum Gegenstand der Wahrnehmung. Es ist aber die Ideologie der Psychologen, vergegenständlichte Wahrnehmung als natürlich und den Gegenstand der Wahrnehmung daher auch als voraussetzungsloses Wesen der Natur anzunehmen. Eben weil sie selbst nur ihre Anschauung verwirklicht sehen wollen, geben sie dieser jene Gegenständlichkeit, die wahrzunehmen sein soll. Aber ein Gegenstand ist immer ein Produkt, ist immer Produziertes, Gewordenes, gegen-stehendes Sein vergangener Tätigkeit. Aber das darf für die Psychologie eben gerade nicht gelten! Dort ist Gegenstand nur Mittel.

In der Abtrennung von ihrem Sinn setzt sich die Wahrnehmung vor allem ihren Gegenstand selbst. Wo ein Mensch wahrgenommen wird, da ist er ein Gegenstand und wird als Mittel des Wahrnehmens erfaßt. Durch ihn kommt die Wahrnehmung erst wirklich auf sich selbst, auf ihren Zweck. Er ist Objekt der reinen Anschauung und wird als solcher unmittelbar objektiv, wie subjektiv er hierbei auch sein mag. Das reine, das untätige Wahrnehmen setzt Subjektives unmittelbar objektiv, erzeugt subjektive Objektivität. - Und das ist ihre einzige Tätigkeit.

So kann auch gerade der, welcher wahrnimmt, sich seine Anschauung zur Lebenstatsache, zur objektiven Aussage machen. Wo man nicht mehr wissen muß, was man tut, da muß der andere nicht mal wirklich existieren, über dessen Leben befunden ist. Er muß nur in irgendeiner Form, z.B. als Gefühl, als Geistererscheinung oder als Spannung vorkommen.

Der Wahrnehmung ist in dieser Form der Gegenstand ohne Geschichte, ohne Grund, Sinn und Gewordensein gegeben. Sie macht das Leben erst wirklich zur Sache der Erfahrung, denn in dieser Gegenständlichkeit ist es alles für sie, - sie aber nichts für es. Deshalb sind die Menschen durch ihre Wahrnehmungen schon voller Leben, bevor sie gelebt haben. Da schert es auch nicht mehr, daß es fremdes Leben ist. Das Leben kann damit theoretisch so unendlich werden wie der Streit um das richtige Fernsehprogramm. Praktisch allerdings wird es öde und voller Todesahnung. Es ist in seiner eigenen Form gefangen, in der Form der Erkenntnis: Formierte Erkenntnis.

Indem Menschen in der Wahrnehmung so für sich zu leben scheinen, weil sie dort tatsächlich für sich leben können, nehmen sie an einem Lebensverhältnis teil, das anderen zum Zwang wird - jenen, die hierdurch zur fortwährenden Lebensäußerung getrieben werden, jenen also, die wirklich erkennen müssen, weil sie Wirkliches erleiden. Ihnen wird das ganze Verhältnis auf andere entzogen, während sie ihren Teil zu erbringen haben. Während sie fortwährend als Sinn für andere existieren müssen, haben sie an ihrer eigenen Wirklichkeit nur aus der Brunnenperspektive Teil: das Licht ist veräußert. Wo die Wahrnehmung den Tag bestimmt, da wird die Erkenntnis zur Nacht.

Eine Beziehung in und durch die Wahrnehmung ist daher eine vertraxte Beziehung: Die Menschen nehmen sich als das wahr, als was sie sich wahr haben. Sie sehen hierin von vornherein von ihrem Gewordensein und Werden ab; sie existieren darin ohne Tätigkeit. Menschliche Tätigkeit ist zwar in dem enthalten, was man wahrhat, aber es existiert nicht als Tätigkeit, sondern in geronnener Form: als das unbedingte, bedingungslose Gegenüber dessen, was man zu erkennen sucht. In der Wahrnehmung erscheint die menschliche Tätigkeit und Geschichte nur in ihrer Abstraktion, als Dasein von Menschen mit Eigenschaften, die dieses Dasein zu einem Verhältnis werden lassen. Die einzelnen Personen können sich daher gar nicht als bestimmte Menschen begreifen. Ihnen erscheint ihr persönliches Dasein durch andere gegeben, daher als Überpersönliches, als unmittelbar menschliches Leben und ihr menschliches Dasein erscheint ihnen als Leben ihrer Persönlichkeit.

Indem sich die Menschen so wahrnehmen, nehmen sie zugleich anderes Leben auf, ohne Sinn für dieses zu haben oder ihn innerhalb dieser Wahrnehmung überhaupt bilden zu können. Anderes Leben ist für die Wahrnehmung eben der Stoff, den sie zugleich als ihre Bedingung wahrhat, - das Mittel, durch welches die Wahrnehmung auch nur Wahrnehmung bleibt. So ist die Bedingung ihrer Beziehung zugleich auch deren einziger Sinn.

In dieser Beziehung sind die Menschen in eigene Welten voneinander getrennt; jeder bezieht sich auf den andern, um sich vermittelst des andern auf sich selbst zu beziehen. Jeder ist Welt für sich, und die Welt ist ohne ihn. Was die Menschen als ihre persönliche Wirkung haben, ist ihnen keine menschliche Wirklichkeit, und die menschliche Wirklichkeit ist ihnen kein persönliches Wirken. Aber dennoch müssen sie in der Wahrnehmung immer über sich hinausgreifen, um auf sich zurückzukommen. Sie sind in Wahrheit bei sich, indem sie außer sich sind.

Diese Selbstwahrnehmung ist nichts anderes als die Form, worin Triebe befriedigt werden, die Gestalt, in welcher der Zwang zum Einigsein, zur Vereinigung wirkt. Der Trieb tritt zwar als innere Gewalt auf, aber er verkörpert äußere Gewalt; -und deshalb kann er überhaupt nur in der Wahrnehmung selbst existieren: Selbstwahrnehmung als die Wahrnehmung anderer(3).

Der Trieb ist nun nicht einfach ein geschlechtliches Ereignis, sondern umfaßt alle Sinne, in welchen sich die Menschen einig sein müssen, um als einzelne Persönlichkeit leben zu können. Und da der Trieb nur in ihnen wirkt, ist ihnen ihre Wirklichkeit hierin auch vergangen. Im Trieb werden die Menschen zu den Beziehungen gezwungen, die sie in der Wirklichkeit verloren haben. Deshalb erscheint ihnen dieses Müssen zugleich auch als ihr Wollen. In der Befriedigung kommen sie ja immerhin auf sich zurück und erleben und finden sich als Moment dieser ihnen entfremdeten Kraft.

So selbstverständlich man daher seinen Trieben nachgeht, so stark werden sie auch. Allerdings haben sie ihre Kraft gerade nicht aus den Menschen, die sich darin gefallen: sie stellen ja weltliche Gewalt dar. Und weil diese Gewalt in ihnen als Drang wirkt, erzeugen die Triebe in der Wahrnehmung dann auch unmittelbar Angst vor eben dieser Welt, der sie entstammen, wenn sie nicht befriedigt werden. Der innerlich erscheinende Trieb, das zur Abstraktion geronnene Verlangen des Menschen nach dem Menschen erzeugt sein Gegenteil: Angst vor der Welt4. In dieser Angst wird ihre Geschichte wahr und zur wirklichen Gewalt gegen jene, die an der Welt nicht teilhaben können, weil und solange sie den Trieben gehorchen müssen.

Die Welt selbst hat hierfür ihre Lösung. Sie hat den Raum, in welchem diese abstrakte, abgetrennte innere Gewalt zur geregelten Außenwelt kommt. Wo subjektives Leben objektiv verlaufen soll, da muß eben objektives Dasein subjektiviert werden. (S. III/44)

Die Verwirklichung des Triebs in der Vereinigung von Menschen, in der Erfüllung des Zwangs zum Einigsein und die Aufhebung der Angst, die hierbei aufkommt, gründet jene Lebensverhältnisse, die unsere Kultur im wesentlichen ausmachen: Ehe und Familie.

In der Angst ist die Herkunft der Regung abgeschlossen und daher auch verschlossen. Im Unterschied zur Furcht, welche noch gegenständliche Angst Ist, ist die seelische Angst die selbständige, körperlose Erkenntnis von Gewalt als ein Bedrängungsgefühl, das völlig voraussetzungslos auftritt und lediglich Situationen (nicht offene Gewalt) zum Anlaß hat. Es ist die geistige Form der Erkenntnis von innerer Gewalt, die zu ihr im Kampf steht.

Angst ist das negierte Triebleben und tritt an den Menschen auf, die aufgrund ihrer »Lebenslage« deren Gewalt als Macht gegen sich erfahren müssen, an Menschen also, die in der Gewalt der Triebe stehen und zugleich noch im Gegensatz zu ihnen stehen (also Herrschaft erkennen können). Wird diese Angst wirklich - und das heißt auch körperlich - erkannt, so ist die Revolutionierung des »Seelenlebens« begonnen: aus dem Leiden wird Tätigkeit, - Widerstand gegen psychische Herrschaft. Und da letztlich jede Angst Existenzangst ist - entsteht so auch Widerstand gegen die herrschenden Existenzformen. Ein Mensch, welcher den Sinn seiner Angst nicht erkennt, ist zum ohnmächtigen Fühlen und Lieben gezwungen. Ihm wird sein Körper zur eigenen Tücke: wo er sich regt, da muß er verneint werden.

Die Aneignung des eigenen Körpers ist daher überhaupt nur die Erkenntnis des zur Angst vergeistigten Körpers, die Angst vor körperlicher Herrschaft, vor verkörperten Willen. Solche Aneignung ist daher zugleich die Begeisterung des Körpers in der Entgeisterung der Angst!

Dies begründet die Notwendigkeit, Innere Bewegungen der Menschen anzuerkennen, weil diese wirklich erkannt werden müssen. Die Kritik an der Psychologie geht bis dahin, wo sie Innenwelten als natürliche Wesenheiten hinstellt, und die Psychologie wird darin überwunden, daß diese als Notwendigkeit des Lebens in der bürgerlichen Gesellschaft erkannt werden: als ihr innerer Mangel, ihre Krise; – Überlebensnotwendigkeit der Menschen in einer Welt, die nicht menschlich gestaltet ist.

Das Wissen, daß der Mensch durch äußere Kräfte zu getrennten inneren Erfahrungswelten gespalten wird, legt ja auch die Gegenkraft bloß: kollektiver Widerstand gegen aufgezwungene Lebensverhältnisse. Dahin kann es die Psychologie selbst nicht bringen: Sie soll ja heilen (vgl. in diesem Türspalt [9/82]: Die Heilserwartungen der Psychiatrie). Es besteht zwar bisher vielerlei Kritik an der Psychologie durch den Verweis, daß Psychisches letztlich Weltliches sei und es daher gar keinen Gegenstand der Psychologie gibt. Hier geht es um das Gegenteil: Indem wir den Gegenstand der Psychologie anerkennen, erkennen wir sie gerade nicht an: wir bekämpfen sie durch weltliches Wissen des Seelischen; – denn wer den Gegenstand leugnet, der macht dasselbe, was er zu kritisieren meint: Er leugnet gegenständliches Leben. Tatsächlich hat sich das weltliche Leben hierzulande weitgehend in den Menschen vergegenständlicht. Und wir haben es daher auch mit dieser Wirklichkeit zu tun.

Die Ehe oder der Kampf um die Liebe

Die Menschen erzeugen ihr Leben nicht nur stofflich, sondern zugleich sinnlich. Aber Stoff und Sinn sind keine verschiedenen Substanzen. Der Sinn ist genauso stofflich wie der Stoff sinnlich ist. Ebenso wenig sind Arbeit und Liebe voneinander getrennte Lebensäußerungen. Arbeit ist genauso sinnlich, wie Liebe Arbeit ist. Die Sinnbildung und die Erzeugung menschlicher Produkte sind dem Inhalt nach identisch: Eine Sache, die lieblos erzeugt ist, erzeugt auch Menschen, die in ihrer Liebe versachlicht sind. Die Bildung eines Menschen und die Erzeugung menschlicher Gegenstände, die Tätigkeit der Begattung und die Tätigkeit der Gattung existieren immer im gesellschaftlichen Verhältnis und erneuern und entwickeln Mensch und Welt. Sowohl die Organe des Menschen, sein Vermögen, seine Fähigkeiten, seine Sprache und seine Güter sind gesellschaftliche Produkte, gesellschaftliche Natur, die sich in der Menschheitsgeschichte gleichermaßen entfaltet wie in der Geschichte des einzelnen.

So kann sich auch ein Mensch nur dort erkennen, wo er sich auch gestaltet hat, und er kann sich nur gestalten, wo er sich erkennen kann: Im wechselseitigen Verhältnis der Menschen selbst, in ihrer Gesellschaft. Und so natürlich dieser Prozeß ist, so gesellschaftlich ist er auch. Kein Rad wurde erfunden, ohne daß seine Bewegung erkannt war.

In der bürgerlichen Gesellschaft erscheinen Liebe und Arbeit nicht nur als voneinander getrennte Wesenheiten, sondern auch als voneinander getrennte Lebensbereiche: In der Arbeit sind die Menschen dort nur außer sich, in der Liebe nur bei sich. So kann sich kein Mensch in seiner Arbeit vergesellschaften, und in der Liebe kann kein gesellschaftlicher Mensch gebildet werden. Die Arbeit erzeugt nicht gegenständliches Leben, sie vermittelt den arbeitenden Menschen nur ihr Auskommen über die Lohnarbeit; und Liebe kann keinen menschlichen Sinn und keinen sinnlichen Menschen erzeugen; sie erzeugt Menschen, für die sie keinen Sinn hat, weil sie Sinne bezeugt, die dem Menschen entrissen sind.

Ehen werden zwar aus Liebe geschlossen; – das heißt aber nicht, daß Liebe als Ehe existiert. In der Ehe gewähren sich die Menschen ihre Zuneigung und erfüllen darin die von ihrer Gesellschaft ausgeschlossene Sinnlichkeit durch ihre Triebbefriedigung. Das ist zwar eine Form von Liebe, aber keine, die gestaltet oder bildet, - sie ist Liebe in negativer Form. Sie setzt die Bildung der Menschen voraus und reproduziert das, was sie

gewesen waren. Es ist die leidende, gewährende und sorgende Zuneigung, in welcher die Ängste und Schmerzen dieser Existenz erträglich erscheinen: wechselseitige Aufopferung in dieser vergemeinschafteten Not. Die Ehe ist die in sich gebundene Lebensnot, in welcher sich die Eheleute liebend aufbereiten. Hierin muß jeder in der Tat für den andern da sein, und er will es auch, solange ihm die Überwindung seiner Lebensnot selbst als Glück erscheint.

Deshalb finden in der Ehe die Menschen gerade dort ihr Glück, wo sie sich verloren haben. Was ihre Auseinandersetzung, ihre Angst, ihre Arbeit, eben alles, was sie erkennen konnten, war, wird in der Ehe zum Dasein für einen andern Menschen bis zur Selbstaufopferung in gütlicher Gemeinschaft. Die Ehe ist in der Tat die höchste Form der Triebbefriedigung. Und diese ist daher zugleich auch die Autorität des Ehelebens.

Wer nämlich seinem Trieb gehorchen muß, für den ist der Gegenstand seiner Befriedigung mächtig. Nur durch ihn kann er von seinem Drang befreit werden. Das erste, was ein triebhaftes Verhältnis setzt, ist der Zwang zur Anpassung an den Gegenstand der Befriedigung. Die Macht des Triebs existiert eben als die Unterwerfung an seine Erfüllung. Und in der Ehe wird diese Unterwerfung gemeinsam praktiziert. Deshalb erzeugt das Eheleben auch zugleich die Pflicht, Teilhaber am erfüllten Eheleben zu sein.(S. III/45)

Aber gerade deshalb bleiben sich die Eheleute auch ihre Liebe schuldig. Man kann seine Triebe nur befriedigen, wo man sich vereinigen kann. Die einzige Einigkeit ist ein Zwang zum Eheleben - und mancher ist darüber auch noch glückselig. So besteht die Arbeit in der Ehe im wesentlichen darin, schon in der Wahrnehmung jene Einigkeit zu schaffen, die in der Vereinigung schließlich auch erfüllt sein muß. Seltsame Gepflogenheiten schleichen sich deshalb ein, um dieses Glück zu erreichen: Da bauen die Männer nicht nur Häuser, sondern Eigenheime mit allem Popanz ihrer Traulichkeit, Häuslichkeit und Wärme. Frauen setzen sich Masken auf, in welchen ihr Gesicht seine Wirklichkeit verlieren und ihr Körper die Jahre seiner Bildung abstreifen soll.

So stellt sich schnell heraus, daß ihr Verhältnis selbst zur Sache geworden ist. Nicht nur Mittel oder Lebensmittel; - es ist selbst ein Sinn füreinander, der hier geschaffen wird. Aber nicht als Sinn eines Menschen für einen anderen, sondern als Umstand, als Lebensraum vereinigter Herzen. Die Eheleute haben mit ihrer Beziehung nicht nur ihre Wahrnehmung voneinander; – sie haben ihre vergemeinschaftete Wahrnehmung füreinander. Ihre Auseinandersetzung geht über sie selbst und ist zugleich ihre Bewegung in diesem auserkorenen Raum.

Indem sie sich so um ihre Zweisamkeit sorgen, errichten sie ein Bollwerk ihrer Einsamkeit. Wie soll auch die Schuld, in der sie zueinander stehen, dadurch eingelöst sein, daß sie sich Träume und Figuren schaffen? Triebe können eben nur befriedigt werden, sie erfüllen aber nicht die Liebe, die darin unterstellt ist. Im Gegenteil: Im Akt der Befriedigung, in der Erfüllung des Einigseins, geschieht ihre Aufhebung: Sie hat sich ja nur den Raum gegeben, den sie sich unterstellt hatte. Damit aber ist auch alle Bewegung untergegangen.

In dem Maße, wie die Menschen sich mit ihrer verselbständigten, abstrakten Sinnlichkeit vereinigen, füllen sie sich mit den fremden Inhalten, die sie alleine dafür schaffen, um in einem Lebensraum existieren zu können, in welchem sie sich vereinigen können. Deshalb stoßen sie sich in ihrer Vereinigung zugleich ab; jeder kämpft für sich um die Liebe, die der Ehe vorausgesetzt ist, dem Verlangen nach Erkenntnis seiner im anderen Menschen, nach wirklichem Leben. Hier aber ist die Liebe der bloßen Sinnlichkeit geopfert. In der Ehe hat sie ihren Geist aufgegeben.

In der Ehe kann die Ehe nicht gelingen. In dieser bloßen Form müßten die Eheleute aneinander scheitern. Ihr Verlangen, vom anderen erkannt zu werden und Erfüllung zu finden, ihre Forderungen aneinander, ihre Bezichtigungen und Zweifel offenbaren, was sie sich schuldig bleiben.

Aber gerade weil ihnen ihre Sinne so ungegenständlich geworden sind, verlangen sie jetzt nach einem Gegenstand, nach ihrem eigenen und privaten Produkt. In der Abtrennung von aller gegenständlichen Welt kann dieses Produkt nur als anderer Mensch, als neue Person auf die Welt kommen.

Die einzige Gegenständlichkeit, die diese Liebe in privater Form haben kann, ist die Erzeugung anderer Menschen als eigene Kinder. Darin nun wird auch in Wahrheit die Pflicht erfüllt, die die Autorität des Triebs zum Untergang bringt und zur Autorität der Eltern über ihre Kinder werden läßt. In der Erzeugung neuer Menschen wird die Welt der Personen erst wirklicht vermenschlicht, menschliche Persönlichkeit. Und erst dann ist die Welt der Persönlichkeit zugleich wirklich persönliche Welt: Familie.

(S. IV/48)

 

Fortsetzung >>

 
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Jiddu Krishnamurti spricht über die Liebe
 

"Das Verlangen, in den persönlichen Beziehungen sicher zu sein, erzeugt unvermeidlich Leid und Furcht. Dieses Suchen nach Sicherheit fordert die Unsicherheit heraus. Hast Du in irgendeiner Deiner Beziehungen jemals Sicherheit gefunden? Hast Du das? Wenn wir lieben und geliebt werden, wünschen sich die meisten von uns Sicherheit in dieser Liebe. Aber ist das Liebe, wenn jeder seine eigene Sicherheit, seinen eigenen Weg sucht? Wir werden nicht geliebt, weil wir nicht zu lieben wissen. Was ist Liebe? Das Wort ist so belastet und verfälscht, dass ich es ungern gebrauche. Jedermann spricht von Liebe - jedes Magazin,  jede Zeitung und jeder Missionar spricht unaufhörlich von Liebe. Ich liebe mein Heimatland, ich liebe meinen König, ich liebe irgendwelche Bücher, ich liebe diesen Berg, ich liebe das Vergnügen, ich liebe meine Frau, ich liebe Gott. Ist Liebe eine Idee? Wenn sie es ist, dann kann sie kultiviert, gehegt und gepflegt, herum gestoßen und verunstaltet werden, ganz nach Deinem Belieben. Wenn Du sagst, Du liebst Gott, was bedeutet das? Es bedeutet, dass Du die Projektion Deiner eigenen Vorstellung liebst, eine Projektion Deiner selbst, die in konventionelle Formen gekleidet dem entspricht, was Du für edel und heilig hältst. Darum ist es absoluter Unsinn zu sagen, 'Ich liebe Gott.' Wenn Du Gott anbetest, betest Du Dich selbst an - und das ist keine Liebe.

Da wir uns über diese menschliche Regung, die wir Liebe nennen, nicht klar werden können, flüchten wir in abstrakte Begriffe. Liebe mag die endgültige Lösung aller menschlichen Schwierigkeiten, Probleme und Qualen sein - wie werden wir also herausfinden, was Liebe ist? Durch bloßes Definieren? Die Kirche hat die Liebe auf ihre Art definiert, die Gesellschaft auf eine andere, und es gibt Abweichungen und Entstellungen jeder Art. Jemanden verehren, mit jemandem schlafen, Gefühlsaustausch, Kameradschaft - ist es das, was wir unter Liebe verstehen? Das ist zur Norm, zur Schablone geworden und ist so überaus persönlich, sinnenhaft und begrenzt, dass die Religionen erklärt haben, dass wirkliche Liebe weit darüber hinaus geht. In der menschlichen Liebe sehen sie Sinnenlust, Wettstreit, Eifersucht, den Wunsch zu besitzen, festzuhalten, zu herrschen, sich in das Denken anderer einzumischen, und da sie um die Komplexität dieser Dinge wissen, sagen sie, dass es eine andere Art der Liebe geben muss, eine göttliche, schöne, unversehrte, unverdorbene. Überall in der Welt haben die sogenannten Heiligen behauptet, dass es unheilvoll sei, eine Frau anzusehen; sie sagen, dass man Gott nicht näher kommen könne, wenn man der Sexualität fröne. Daher stoßen sie sie beiseite, obgleich sie sich danach verzehren. Indem sie aber die Sexualität verneinen, ist es gerade so, als ob sie sich die Augen ausstächen und die Zunge ausrissen; denn sie verneinen die ganze Schönheit der Erde. Sie haben Herz und Geist verkümmern lassen, sie sind ausgetrocknete menschliche Wesen, sie haben die Schönheit verbannt, weil die Schönheit mit dem Weiblichen verbunden ist. Kann Liebe in eine heilige und eine profane, in menschliche und göttliche eingeteilt werden, oder gibt es nur Liebe? Gehört Liebe dem einen und nicht den vielen? Wenn ich sage, 'Ich liebe Dich', schließt das die Liebe zu den anderen aus? Ist die Liebe persönlich oder unpersönlich, moralisch oder unmoralisch ? Kann es Liebe nur im Rahmen des Familienkreises geben oder auch außerhalb ? Wenn Du die Menschheit liebst, kannst Du dann den einzelnen lieben?

Ist Liebe Sentimentalität? Ist Liebe Gefühlsregung ? Ist Liebe Lust und Verlangen? Alle diese Fragen zeigen doch wohl, dass wir über die Liebe bestimmte Vorstellungen haben, was sie sein sollte oder nicht sein sollte, ein Modell oder einen Kodex, entwickelt durch die Kultur, in der wir leben. Um nun in die Frage einzudringen, was Liebe ist, müssen wir sie zunächst von der jahrhundertealten Kruste befreien und alle Ideale und Ideologien darüber, was sie sein sollte oder nicht sein sollte, beiseite tun. Etwas aufzuteilen in das, was sein sollte und in das was ist, ist der trügerischste Weg, sich mit dem Leben zu befassen. Wie kann ich nun herausfinden, was diese Flamme ist, die wir Liebe nennen - nicht wie sie einem anderen zu erklären ist, sondern was sie an sich bedeutet? Ich werde zunächst ausscheiden, was die Kirche, was die Gesellschaft, was meine Eltern und Freunde, was jeder einzelne und jedes Buch darüber gesagt haben, weil ich selbst herausfinden möchte, was sie ist. Hier liegt ein gewaltiges Problem, das die ganze Menschheit umfasst. Es hat tausend Arten gegeben, sie zu definieren, und ich bin selbst in irgendeine dieser Schablonen eingefangen, je nach dem, was mir im Augenblick gefällt oder woran ich mich erfreue. Sollte ich mich daher nicht, um die Liebe zu verstehen, zuerst von meinen eigenen Neigungen und Vorurteilen befreien? Ich bin verwirrt, durch meine eigenen Wünsche zersplittert; darum sage ich mir, 'Beseitige zunächst Deine eigene Verwirrung. Vielleicht gelingt es Dir, die Liebe durch das zu finden, was sie nicht ist.' Die Regierung sagt, 'Gehe hin und töte aus Liebe zu Deinem Vaterland.' Ist das Liebe? Die Religion sagt, 'Gib die Sexualität aus Liebe zu Gott auf.' Ist das Liebe? Ist Liebe Begehren? Sage nicht nein. Für die meisten von uns ist es so - das Begehren nach Sinnenlust, der Genuss, der durch die Sinne, durch sexuelle Bindung und Erfüllung erlangt wird. Ich bin nicht gegen Sexualität, sehe aber, was sie in sich birgt. Was Sexualität Dir vorübergehend schenkt, ist die völlige Preisgabe Deiner selbst, dann aber fällst Du zurück in Deine Unruhe und wünscht eine ständige Wiederholung jenes Zustandes, in dem es keinen Kummer, kein Problem, kein Selbst gibt. Du sagst, dass Du Deine Frau liebst. In dieser Liebe ist sexuelle Lust enthalten, das angenehme Gefühl, jemanden im Hause zu haben, der nach Deinen Kindern sieht, der kocht. Du bist von ihr abhängig; sie hat Dir ihren Körper gegeben, ihre Gefühle, hat Dich angespornt und Dir  ein gewisses Gefühl der Sicherheit und des Wohlseins vermittelt. Dann wendet sie sich von Dir ab. Sie langweilt sich oder geht mit einem anderen davon. Damit ist es um Deine Gemütsruhe geschehen und diese Störung, die Du nicht magst, wird Eifersucht genannt. Darin liegt Leid, Angst, Hass und Gewalttätigkeit. In Wirklichkeit meinst Du,  'Solange Du mir gehörst, liebe ich Dich, aber in dem Augenblick, da Du mir nicht mehr gehörst, beginne ich Dich zu hassen. Solange ich mich darauf verlassen kann, dass Du meine sexuellen oder anderen Wünsche erfüllst, liebe ich Dich; aber in dem Augenblick, da Du aufhörst, meine Wünsche zu befriedigen, mag ich Dich nicht mehr.' So kommt es zur Feindschaft zwischen Dir, zur Trennung, und in diesem Zustand gibt es keine Liebe mehr. Aber wenn Du mit Deiner Frau leben kannst, ohne dass das Denken alle diese widersprüchlichen Zustände, diese endlosen Streitereien in Dir hervorruft, dann vielleicht - vielleicht – wirst Du wissen, was Liebe ist. Dann bist Du völlig ungebunden, und Deine Frau ist es auch. Wenn Du jedoch durch das Verlangen nach den Freuden des Daseins von ihr abhängig wirst, bist Du ihr Sklave. 

Wenn man liebt, muss Freiheit da sein, nicht nur von dem anderen, sondern auch von sich selbst. Einem anderen anzugehören, von einem anderen seelisch gestützt zu werden, von einem anderen abhängig zu sein - dadurch entsteht innere Unruhe, Furcht, Eifersucht, Schuldgefühl. Und solange Furcht da ist, gibt es keine Liebe. Ein Mensch, der von Kummer geplagt wird, kann niemals wissen, was Liebe ist. Sentimentalität und Gefüblsüberschwang haben nichts mit Liebe zu tun. Und so ist Liebe mehr als nur Vergnügen und Begehren. Liebe ist nicht die Frucht der Gedanken, die immer aus dem Vergangenen kommen. Aus dem Denken kann sich unmöglich Liebe entwickeln. Liebe wird nicht durch Eifersucht eingeengt und eingefangen, denn auch Eifersucht hängt mit dem Vergangenen zusammen. Liebe ist immer lebendige Gegenwart. Sie ist nicht 'Ich will lieben' oder 'Ich habe geliebt.' 

Wenn Du die Liebe kennst, wirst Du niemandem folgen; Liebe gehorcht nicht. Wenn Du liebst, gibt es weder Wertschätzung noch Geringschätzung. Weißt Du nicht, was es wirklich bedeutet, jemanden zu lieben ohne Hass zu lieben, ohne Eifersucht, ohne Arger, ohne den Wunsch, sich in das, was der andere tut oder denkt, einzumischen, ohne zu urteilen, ohne zu vergleichen – weißt Du nicht, was das bedeutet?

Stellt man Vergleiche an, wenn man liebt? Wenn Du jemanden von ganzem Herzen liebst, mit allen Kräften des Geistes und des Körpers, mit Deinem ganzen Wesen - gibt es da noch ein Vergleichen? Wenn Du Dich dieser Liebe völlig hingibst, gibt es nichts anderes. Kennt Liebe das Gefühl der Verantwortung und der Pflicht und wird sie diese Worte gebrauchen? Wenn Du etwas aus Pflicht tust, liegt darin noch Liebe? In der Pflicht gibt es keine Liebe. Der Begriff der Pflicht, der den Menschen gefangen hält, zerstört ihn.

Solange Du gezwungen bist, etwas zu tun, weil es Deine Pflicht ist, liebst Du das nicht, was Du tust. Wo Liebe ist, gibt es kein Gefühl der Pflicht und der Verantwortung. Die meisten Eltern glauben bedauerlicherweise, dass sie für ihre Kinder verantwortlich sind und ihr Verantwortungsgefühl besteht darin, den Kindern zu sagen, was sie tun sollen und was sie nicht tun sollen, was sie werden sollen und was sie nicht werden sollen. Die Eltern wünschen, dass ihre Kinder eine gesicherte Stellung in der Gesellschaft erlangen. Was sie Verantwortung nennen, ist Teil der Konvention, die sie anbeten; und es scheint mir, dass dort, wo konventionelle Regeln bestehen, Unordnung herrscht; sie sind nur daran interessiert, perfekte Bürger zu werden. Wenn sie ihre Kinder abrichten, sich in die Gesellschaft einzufügen, verewigen sie Krieg, Konflikt und Brutalität. Nennst Du das  Obhut und Liebe? 

Eine wirkliche Betreuung würde darin bestehen, sich wie um einen Baum oder eine Pflanze zu bemühen, die man bewässert, deren Bedürfnisse man studiert; man sorgt für den besten Boden und kümmert sich um sie mit aller Umsicht und Zartheit. Aber wenn Du Deine Kinder für die Gesellschaft abrichtest bereitest Du sie dafür vor, getötet zu werden. Wenn Du Deine Kinder liebst, würdest du keinen Krieg haben. Wenn Du jemanden verlierst, den Du liebst, vergießt Du Tränen - gelten diese Tränen Dir oder dem Toten? Wehklagst Du Deinetwillen oder beklagst Du den den anderen ? Hast Du je um einen anderen geweint? Hast Du um Deinen Sohn, der im Krieg getötet wurde, geweint? Du hast geweint, aber kommen solche Tränen nicht aus dem Mitleid, das Du mit Dir selber hast? Oder hast Du geweint, weil ein Mensch getötet worden ist? Wenn Du aus Selbstbemitleidung aufschreist, haben Deine Tränen keine Bedeutung, weil Du nur mit Dir selbst beschäftigt bist. Wenn Du jammerst, weil Du eines Menschen beraubt wurdest, in den Du sehr viel Zuneigung investiert hattest, war das keine wirkliche Zuneigung. Wenn Du um Deinen Bruder weinst, der stirbt, dann solltest Du es um seinetwillen tun. Es ist sehr leicht, um sich selbst zu wehklagen, weil der andere gestorben ist. Augenscheinlich weinst Du, weil Dein Herz getroffen wurde, aber es ist nicht seinetwillen bewegt, sondern weil Du Dir selbst leid tust. Selbstbemitleidung aber macht Dich hart, engt Dich ein, macht Dich träge und stumpf. Wenn Du um Dich selbst weinst, wenn Du wehklagst, weil Du einsam bist, weil Du verlassen wurdest, weil Du keinen Einfluss mehr hast, wenn Du über Dein Schicksal und Deine Umwelt klagst und immer um Dich selbst Tränen vergießt - ist das Liebe? Wenn Du das verstehst, das heißt, wenn Du damit unmittelbar in Kontakt kommst, wie wenn Du einen Baum oder eine Säule oder eine Hand berührst, dann wirst Du einsehen, dass das Leid selbst erzeugt ist, dass das Leid durch das Denken geschaffen wird, dass das Leid das Ergebnis der Zeit ist. 

Vor drei Jahren hatte ich noch meinen Bruder, nun ist er tot, nun bin ich einsam und voller Kummer, niemand ist da, bei dem ich Trost oder Kameradschaft suchen kann, und das füllt meine Augen mit Tränen. Wenn Du darauf acht gibst, kannst Du sie sehen, wie das alles in Dir vor sich geht. Du kannst es mit einem Blick in seiner ganzen Bedeutung wahrnehmen, ohne durch Analyse Zeit zu verschwenden. In einem Augenblick kannst Du das gesamte Gefüge und Wesen dieses belanglosen kleinen Dinges sehen, das wir das 'Ich' nennen - meine Tränen, meine Familie, meine Nation, mein Glaube, meine Religion, dieses Hässliche, es liegt alles in Dir. Wenn Du es mit Deinem Herzen siehst, nicht mit Deinem Verstand, wenn Du es aus der Tiefe Deines  Herzens erkennst, dann hast Du den Schlüssel zur Beendigung des Leides. Leid und Liebe können nicht zusammen gehen. Aber in der christlichen Welt haben sie das Leid idealisiert, haben ihm im Kreuz Gestalt gegeben, es angebetet und deutlich gemacht, dass Du niemals dem Leid entrinnen kannst, ausgenommen durch dieses eine bestimmte Tor. Das ist die wahre Struktur einer ausbeuterischen religiösen Gesellschaft. 

Wenn Du nun fragst, was Liebe ist, magst Du Dich davor fürchten, die Antwort zu finden. Es mag einen völligen Umbruch bedeuten; die Familie mag aufgelöst werden; Du magst entdecken, dass Du Deine Frau oder Deinen Mann oder Deine Kinder gar nicht liebst. Vielleicht musst Du das Haus zerstören, das Du gebaut hast; vielleicht gehst Du niemals wieder in eine Kirche oder einen Tempel.

Aber wenn Du denn doch den Wunsch hast, es herauszufinden, wirst Du erkennen, dass Furcht nicht Liebe ist, dass Abhängigkeit nicht Liebe ist, dass Eifersucht nicht Liebe ist, dass Besitzgier und Herrschsucht mit Liebe nichts zu tun haben, dass Verantwortungs- und Pflichtgefühl keine Liebe sind, dass Selbstbemitleidung keine Liebe ist, dass der Schmerz, nicht geliebt zu werden, keine Liebe ist. Liebe ist nicht das Gegenteil des Hasses, ebensowenig wie Demut der Gegensatz zur Eitelkeit ist. Wenn Du das alles aus Dir entfernen kannst, nicht durch Zwang, sondern indem Du diese Dinge fort spülst, so wie der Regen den Staub vieler Tage von einem Blatt wäscht, dann wirst Du vielleicht zu jener seltsamen Blume hinfinden, nach der der Mensch immer hungert. Wenn Du keine Liebe in Dir hast - nicht nur ein wenig, sondern in Hülle und Fülle -, wenn Du davon nicht erfüllt bist, geht die Welt einer Katastrophe entgegen. Verstandesmäßig ist es Dir klar, dass die Einheit der Menschheit unbedingt notwendig ist und dass die Liebe der einzige Weg ist - aber wer wird es Dich lehren, wie Du lieben sollst? Kann es Dir eine Autorität, eine Methode, ein System sagen, wie zu lieben ist? Wenn es Dir jemand sagt, ist es keine Liebe. Kannst Du Dir vornehmen, Liebe zu üben? Kannst Du sagen, 'Ich will mich Tag für Tag niedersetzen und darüber nachdenken; ich will mich darin üben, freundlich und zartfühlend zu sein, und mich zwingen, den anderen Aufmerksamkeit zu schenken' ? Willst Du behaupten, dass Du Dich zur Liebe erziehen kannst, dass Du den Willen einsetzen kannst, um zu lieben?

Wenn Du Disziplin und Willen gebrauchst, um zu lieben, fliegt die Liebe zum Fenster hinaus. Wenn Du die Liebe nach einer Methode oder einem System praktizierst, magst Du außerordentlich geschickt werden oder freundlicher, oder Du magst in einen Zustand der Gewaltlosigkeit geraten, aber das hat nichts mit Liebe zu tun. In dieser zerrissenen, wüsten Welt gibt es keine Liebe, weil Vergnügen und Begehren die Hauptrollen spielen. Doch ohne Liebe hat Dein Leben keinen Sinn. Und ohne Schönheit ist keine Liebe möglich. Schönheit ist nicht etwas, das Du siehst - nicht ein schöner Baum, ein schönes Bild, ein schönes Gebäude oder eine schöne Frau. Schönheit ist nur vorhanden, wenn Du im tiefsten Herzen weißt, was Liebe ist. Ohne Liebe und ohne das Gefühl für Schönheit gibt es keine Tugend, und Du weißt sehr wohl, dass Du mit all Deinem Tun - die Gesellschaft verbessern, den Armen zu essen geben - nur mehr Unheil schaffen wirst, denn ohne Liebe ist in Deinem Herzen und in Deinem Geist nur Hässlichkeit und Armut. Aber wenn Liebe und Schönheit in Dir wohnt, ist alles, was Du tust richtig, ist alles, was Du tust in Ordnung. Wenn Du zu lieben weißt, dann kannst Du tun, was Du willst, dann werden sich alle Probleme lösen. 

So kommen wir zu der Frage: Kann der Mensch zur Liebe gelangen ohne Disziplin, ohne Gedanken, ohne Zwang, ohne irgendein Buch, einen Lehrer, einen Führer - kann er ihr begegnen, so wie man einen lieblichen Sonnenuntergang erlebt? 

Ich glaube, dass eines absolut notwendig ist - und das ist Leidenschaft ohne Motiv, eine Leidenschaft, die nicht das Ergebnis irgendeiner Bindung oder Neigung ist, eine Leidenschaft, die nicht Lust ist. Ein Mensch, der nicht weiß, was Leidenschaft ist, wird nie um die Liebe wissen, weil die Liebe sich nur bei völliger Selbstlosigkeit entfalten kann. Ein Mensch, der auf der Suche ist, hat keine Leidenschaft. Der Liebe zu begegnen, ohne sie zu suchen, ist der einzige Weg, sie zu finden; man muss ihr unbeabsichtigt begegnen und nicht durch Anstrengung oder Erfahrung. Du wirst entdecken, daß eine solche Liebe zeitlos ist. Solche Liebe ist sowohl persönlich als auch unpersönlich, Sie gehört dem einen wie den vielen. Sie ist wie eine duftende Blume. Du kannst Ihren Duft wahrnehmen oder an ihr vorübergehen. Diese Blume ist für jeden da und besonders für den einen, der sich die Zeit nimmt, ihren Duft innig einzuatmen und sie mit Entzücken anzuschauen. Ob man ihr im Garten ganz nahe ist oder weit entfernt, für die Blume ist es das gleiche, weil sie voll des Duftes ist und ihn für jeden verströmt.

Liebe ist immer neu, frisch, lebendig. Sie hat kein Gestern und kein Morgen. Sie ist jenseits der gedanklichen Unruhe. Nur der unschuldige Mensch weiß, was Liebe ist, und der unschuldige Mensch kann in einer Welt leben, die ohne Unschuld ist. Dieses Ungewöhnliche, das der Mensch ewig gesucht hat - durch Opfer, durch Anbetung, durch Beziehungen, durch Sexualität, durch jede Art von Lust und Leid, wird er nur finden, wenn es dem Denken gelingt, sich selbst zu verstehen und auf natürlichem Wege zu einem Ende zu kommen. Dann hat die Liebe keinen Gegenspieler, dann ist die Liebe ohne Konflikt. Du magst fragen, ' Wenn ich eine solche Liebe finde, was geschieht dann mit meiner Frau, meinen Kindern, meiner Familie? Diese müssen Sicherheit haben.' Wenn Du eine solche Frage stellst, warst Du nie außerhalb des Gedankenbereichs, des Bewußtseinsraumes. Wenn Du einmal außerhalb dieser Ebene warst, wirst Du niemals wieder eine solche Frage stellen, weil Du dann wissen wirst, was eine Liebe ist, in der es kein Denken und daher keine Zeit gibt. Du magst dieses lesen und fasziniert und entzückt sein. Um aber wirklich über Denken und Zeit hinaus zu gelangen und jenseits des Leides zu sein, bedeutet, sich dessen bewusst zu sein, dass es eine andere Dimension gibt, Liebe genannt. Aber Du weißt nicht, wie Du zu dieser ungewöhnlichen Quelle gelangen kannst  - was wirst Du also tun? Wenn Du nicht weißt, was Du tun sollst, dann tust Du doch wohl nichts. Absolut nichts. Dann bist Du innerlich vollkommen still. Verstehst Du, was das bedeutet? Das bedeutet, dass Du nicht suchst, nicht wünscht, kein Ziel verfolgst; es gibt überhaupt kein Zentrum mehr. Dann ist Liebe da.

Wie leicht zerstören wir selbst, was wir lieben! Wie rasch senkt sich die Schranke eines Wortes, einer Geste, eines Lächelns zwischen uns. Unser Befinden, unsere Laune, unsere Begierden werfen ihre Schatten, und schon wird das Strahlende stumpf und lästig. Oder aber wir verbrauchen uns gegenseitig durch die Gewohnheit, bis sich alle Klarheit und Stärke unseres Gefühls in Müdigkeit und Verwirrung auflöst. Die ewigen Reibungen des Alltags, die endlose Folge von Hoffnungen und Enttäuschungen verdunkeln das, was so schön und so einfach war, und verwandeln es in ein böses Schreckgespenst. Alle Beziehungen der Menschen untereinander sind verwickelt und schwierig, es gibt nur wenige, denen dabei eine Wunde erspart bleibt. Wir möchten so gerne bleiben, was wir sind, geduldig und beständig sein, aber unsere Beziehung zu einem anderen Menschen lässt sich eben nicht fixieren, sie ist vielmehr in ständiger Bewegung und Veränderung begriffen. Wir müssen dieser Veränderlichkeit aller Beziehungen in ihrer ganzen Tiefe und Bedeutung innewerden und dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, sie in eine innere oder äußere Schablone hinein zu Pressen. Anpassung an die Schablone der Gesellschaft verliert allerdings nur dort ihr Gewicht und ihre lebensformende Bedeutung, wo Liebe mit im Spiele ist. Liebe in der Beziehung zu einem Menschen führt eine innere Reinigung herbei, insofern sie die hintergründigen Tendenzen des Ichs bloßstellt. Fehlt diese Bloßstellung, so hat auch das Verhältnis zum Du nur wenig Bedeutung. Wir aber setzen alles daran, diese Bloßstellung zu verhindern. Unsere Abwehr wählt dazu die verschiedensten Waffen: Gewalt oder Unterwürfigkeit, Furcht oder Hoffnung, Eifersucht oder Gleichgültigkeit und so weiter und so weiter. Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir nicht lieben, und wenn wir schon lieben, dann möchten wir immer noch, dass sich die Liebe unseren Wünschen füge. Wir geben ihr keine Freiheit. Die Ursache ist, dass wir mit dem Verstand und nicht mit dem Herzen lieben. Der Verstand kann umdenken, Liebe ist unveränderlich. Der Verstand kann sich unverwundbar machen, Liebe ist und bleibt verletzlich, der Verstand kann sich immer entziehen, unnahbar sein, persönlich oder unpersönlich werden. Liebe duldet keinen Vergleich und keine Abgrenzung. Unser Unglück kommt daher, dass wir Liebe nennen, was in Wirklichkeit aus dem Verstand kommt. Wir füllen unsere Herzen nur mit dem, was uns der Verstand anbietet, darum bleiben diese Herzen tot und leer. Nur der Verstand klammert sich an einen anderen Menschen, ist voller Scheelsucht, hält fest und zerstört. Der Verstand und die Organe des Körpers beherrschen und gestalten unser Leben. Wir begnügen uns nicht damit, zu lieben und allem anderen seinen Lauf zu lassen, wir fordern vielmehr Gegenliebe, wir geben, um zu empfangen, und das ist eine Art der Freigebigkeit, die aus dem Verstand, nicht aber aus dem Herzen kommt. Der Verstand ist stets auf Sicherheit und Dauer bedacht, kann aber Liebe je durch den Verstand gesichert werden ? Kann der Verstand, der in der Zeit verhaftete, jemals die Liebe in Fesseln schlagen, die ihre Heimat doch im zeitlos Ewigen hat ? Aber selbst die wahre Liebe des Herzens hat noch ihre Tücken, denn unser Herz ist ja schon so verdorben, dass es die Liebe unsicher macht und verwirrt. Das aber ist es, was so viel Schmerz und Mühsal in unser Leben bringt. Heute sind wir überzeugt zu lieben, morgen schon ist alles Glück dahin. Aus unergründlichen Quellen kommt eine geheimnisvolle Macht über uns, die nicht vom Verstande herrührt. Der Verstand aber wendet sich alsbald gegen diese Macht und zerstört sie, denn es scheint, als ob er in diesem Kampf unweigerlich Sieger bliebe. Der Zwiespalt, der dadurch in uns entsteht, kann weder durch den schlauen Verstand noch durch das unsicher zaudernde Herz gelöst werden. Es gibt kein Mittel und keinen Weg, ihn zu beenden, schon die Suche nach einem solchen Mittel entstammt ja dem Begehren des Verstandes, Herr der Lage zu bleiben. Er möchte dem Zwiespalt ein Ende setzen, um zum Frieden und zur Liebe zu gelangen, oder mit anderen Worten, um zu werden, was er nicht ist. Unsere größte Schwierigkeit besteht darin, in vollem Umfang und in tiefster Seele innezuwerden, dass über den Verstand kein Weg zur Liebe führt. Erst wenn wir uns dieser Einsicht weit erschließen, kann es sein, dass uns etwas zuteil wird, was nicht von dieser Welt ist. Ohne dieses Etwas erblüht uns aus der Beziehung zu einem anderen Menschen kein beständiges Glück, ob wir uns auch noch so darum bemühen. Empfängst du diesen Segen, ich aber empfange ihn nicht, dann entsteht zwischen dir und mir natürlich ein Zwiespalt. Du magst nicht von ihm betroffen sein, ich bin es auf jeden Fall, und in meinem Schmerz darüber schließe ich mich von dir ab. Schmerz macht ja ebenso unnahbar wie Freude, und meine Beziehung zu dir ist Schmerz, bis jene Liebe über mich kommt, die ich niemals selbst erwecken kann. Wenn du dieses Segens teilhaftig geworden bist, dann musst du mich lieben, wie immer ich sein mag, es käme dir niemals in den Sinn, deine Liebe etwa nach meinem Verhalten einzurichten. Was immer der Verstand dagegen unternimmt, das Du und das Ich bleiben getrennt, wenn sie auch in manchen Dingen enge Fühlung halten. Unser Einswerden vollzieht sich ja nicht zwischen dir und mir, sondern ganz und gar in mir selbst. Dieses Einswerden kann niemals ein Werk des Verstandes sein, es vollzieht sich im Gegenteil nur, wenn der Verstand mit seinen Künsten zu Ende ist und ganz still wird. Dann nur ist die Beziehung zweier Menschen frei von Schmerz."

Aus den Reden aus 'Freedom from the Known'. Ausgewählt und zusammengestellt durch Mary Lutyens 1969 


Jiddu Krishnamurti

 
 
 
Durch und durch anarchistisch. - Gegen jede Macht!
 
http://smilies-world.de/smilies_pictures/1880.gif 

Die Sprache der Liebe

2. August 2010

Giorgone: Ländliches Konzert

Wir erleben derzeit die Vertreibung von Sinn, Duft, Bild und Ahnung, letztlich die Vertreibung von Liebe aus der Sprache. Sprache bildet Bewusstseinszustände ab, und sie evoziert Bewusstseinszustände. Daran gemessen leben wir alle die meiste Zeit unseres Lebens in einem grauen, erleuchtungsfernen, von jeglichem Glanz, jeglicher Ekstase abgeschnittenen Zustand. Computer-, Wirtschafts- und Politiksprache beeinflussen den Alltag von Millionen Menschen, deren ganzheitliche Weltwahrnehmung zerhackt und zergliedert wird. Schon George Orwell wusste um die Bewusstsein verdunkelnde Wirkung von Abkürzungen und anderen Formen der Sprachverstümmelung. (Roland Rottenfußer) Diesen Beitrag weiterlesen »

Mit Emotionen richtig umgehen

Jeder, der sich auf dem Pfad inneren Wachstums befindet, kennt die Bedeutung von Gefühlen, dass Ihr sie nicht unterdrücken solltet, dass Ihr irgendwie mit ihnen zurechtkommen solltet, dass Ihr sie irgendwann schließlich loslassen solltet, nur wie das genau funktionieren soll, ist nicht immer so klar.

Emotionen und Gefühle

EmotionenIch möchte zuerst zwischen Emotionen und Gefühlen unterscheiden:

Ich hänge hier nicht an spezifischen Begrifflichkeiten oder Titeln, und Ihr könnt sie auch anders nennen, aber ich will eine Unterscheidung machen zwischen Emotionen im Sinne von Energien, die im Wesentlichen Ausdruck von Missverständnissen sind und Gefühlen oder Energien, die Ausdruck eines höheren Verständnisses sind. Gefühle sind Eure Lehrer, während Emotionen Eure Kinder sind.

Emotionen sind Energien, die sich klar auf den physischen Körper auswirken. Emotionen sind Reaktionen auf Dinge, die Ihr nicht wirklich versteht. Überlegt Euch einmal, was geschieht, wenn Euch ein Wutanfall überkommt. Zum Beispiel, wenn jemand Eure Gefühle über­raschend verletzt und Ihr fühlt, wie Ihr wütend werdet. Ihr könnt das ganz klar in Eurem Körper fühlen: an bestimmten Stellen fühlt Ihr, wie Euer Körper sich verspannt. Diese körperliche Anspannung oder Verfestigung, die diesem energetischen Schock folgt, zeigt, dass da etwas ist, was Ihr nicht versteht. Da kommt eine Energie zu Euch, die Ihr für unge­recht haltet. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, kurz gesagt, das Unverständnis, wird durch die Emotion nach außen gebracht. Die Emotion ist der Ausdruck des Unverständnisses, es ist eine energetische Explosion und ein Loslassen.

Wenn das passiert, seid Ihr mit folgender Frage konfrontiert: was mache ich jetzt mit dieser Emotion? Handle ich wirklich dementsprechend? Nehme ich sie als Triebfeder für meine Reaktionen auf andere Menschen oder lasse ich die Emotion unbeachtet und handle auf einer anderen Grundlage?

Bevor wir diese Frage beantworten, will ich die Natur von Gefühlen erklären.

Emotionen sind im Wesentlichen Explosionen des Unverständnisses, die Ihr ganz klar in Eurem Körper spüren könnt. Gefühle, auf der anderen Seite, sind von einer ganz anderen Natur, und werden auch anders wahrgenommen. Gefühle sind ruhiger als Emotionen. Sie sind das Flüstern der Seele, das Euch durch sanfte Anstöße erreicht, ein inneres Wissen oder eine plötzliche intuitive Aktion, die sich im Nachhinein als sehr weise herausstellt.

Emotionen haben immer etwas sehr Intensives und Dramatisches an sich. Denkt nur einmal an Wutausbrüche, Panikattacken, Nervosität oder tiefe Traurigkeit. Emotionen nehmen Euch ganz in Beschlag und zerren Euch aus Eurer spirituellen Mitte heraus. In dem Moment, in dem Ihr sehr emotional reagiert, seid Ihr angefüllt mit einer Energie, die Euch von Eurer Mitte, eurer inneren Klarheit, wegzieht. In diesem Sinne sind Emotionen wie Wolken, die die Sonne verdunkeln.

Damit will ich nichts gegen Emotionen sagen. Emotionen sollten nicht unterdrückt werden, sie sind ein wertvolles Mittel, um Euch selbst besser kennen zu lernen. Aber ich will Euch doch sagen, was die Natur dieser emotionalen Energie ist: es ist eine Explosion des Unver­ständ­nisses. Emotionen reißen Euch immer aus dem Gleichgewicht.
Gefühle, auf der anderen Seite, bringen Euch tiefer ins Gleichgewicht, zu Eurem Zentrum. Gefühle sind am ehesten mit dem verwandt, was Ihr Intuition nennt. Gefühle drücken ein höheres Verstehen, aus, die Art von Verstehen, die sowohl die Emotionen als auch den Verstand übersteigt.

Gefühle haben ihren Ursprung im nicht-körperlichen Bereich, außerhalb des Körpers. Deswegen stehen sie nicht so klar mit irgendeinem Körperteil in Verbindung. Stellt Euch einmal vor, was geschieht, wenn Ihr etwas fühlt, eine Atmosphäre oder eine Stimmung, oder wenn Ihr irgendwelche Vorahnungen in Bezug auf eine Situation habt. Dann ist da eine Art des Wissens in Euch, das von außen zu kommen scheint und nicht eine Reaktion von Euch auf irgendetwas außerhalb von Euch ist. Ihr nehmt es von außen her auf und es „fliegt Euch an wie aus dem Nichts" („aus dem Blauen heraus" wie Ihr es so wundervoll nennt). In so einem Moment kann es sein, dass Ihr eine Öffnung im Herz Chakra wahrnehmt.

Es gibt viele Momente, in denen Euch so ein inneres Wissen anfliegt. Zum Beispiel könnt Ihr etwas von jemandem „wissen", obwohl ihr noch kaum etwas mit ihm oder ihr zu tun hattet. Ihr könnt etwas über die Beziehung zwischen Euch spüren, das später eine wichtige Rolle spielen wird, aber was sich nicht so leicht in Worte fassen lässt - „einfach nur so ein Gefühl"- und das vom Verstand sicher nicht so leicht verstanden wird (das sind die Momente, in denen der Verstand misstrauisch wird und Euch erzählt, dass Ihr da etwas erfindet oder dass Ihr am Überschnappen seid).

Ich will auch noch eine andere Energie erwähnen, die mehr eine „Gefühls"-Natur hat als eine emotionale. Es ist die Freude. Freude kann ein Phänomen sein, das das Emotionale übersteigt. Manchmal empfindet Ihr eine Art von Freude in Euch, die Euch emporhebt, ohne dass dafür ein besonderer Grund vorliegt. Ihr fühlt die Göttlichkeit in Euch und Eure enge Verbunden­heit mit allem, was ist. Ein solches Gefühl kann zu euch kommen, wenn Ihr es am wenigsten erwartet. Es ist so, als ob etwas Größeres Euch berührt oder als ob Ihr eine größere Wirklich­keit berührt. Gefühle lassen sich nicht so leicht erzeugen und deshalb scheinen sie „aus dem Blauen heraus" zu Euch zu kommen. Emotionen haben fast immer eine klare unmittelbare Ursache: ein Auslöser in der Außenwelt, der Eure „Knöpfe drückt".

Gefühle haben ihren Ursprung in Eurem Höheren oder Größeren Selbst. Ihr müsst ganz still sein, um dieses Flüstern in Eurem Herzen zu hören. Emotionen können diese innere Stille und diesen Frieden zerstören. Deswegen ist es so wichtig, emotional ganz ruhig zu werden und unterdrückte Emotionen zu heilen und loszulassen. Nur von Eurem Gefühl aus, das Euch mit Eurer Seele verbindet, könnt Ihr ausgewogene Entscheidungen treffen.

Indem Ihr ruhig und friedlich seid, könnt Ihr mit Eurem ganzen Sein spüren, was in einem bestimmten Moment das Richtige für Euch ist. Entscheidungen auf der Grundlage von Emotionen zu treffen, bedeutet, Entscheidungen aus einer ungleichgewichtigen Position heraus zu treffen. Ihr müsst zunächst die Emotionen loslassen und mit Eurem inneren Kern in Verbindung treten, in dem Klarheit herrscht.

 

Der Umgang mit Emotionen

EmotionJetzt möchte ich auf die Frage eingehen, wie Ihr am besten mit Euren Emotionen umgeht.

Ich habe gesagt, dass „Gefühle Eure Lehrer und Emotionen Eure Kinder" sind. Die Parallelen zwischen „emotional sein" und „kindisch sein" sind auffallend. Euer „inneres Kind" ist der Sitz der Emotionen. Und dann gibt es da auch noch auffallende Ähnlichkeiten, wie Ihr mit Euren eigenen Emotionen und wie Ihr mit (echten) Kindern umgeht.

Ein Kind ist aufrichtig und spontan in seinen Emotionen, es versteckt oder unterdrückt sie nicht, bis es die Erwachsenen dazu bringen, es zu tun. Die Tatsache, dass Kinder ihren Emotionen freien Lauf lassen, bedeutet allerdings nicht, dass sie sie auf ausgewogene Art und Weise erfahren. Jeder weiß, dass Kinder von ihren Emotionen geradezu überspült werden können (Wut, Angst oder Traurigkeit) und oft unfähig sind, etwas dagegen zu tun. In solchen Situationen kann ein Kind beinahe in seinen Emotionen ertrinken und das macht es unaus­ge­glichen, bringt es aus dem Gleichgewicht.

Einer der Gründe für diese ungezügelte Emotionalität liegt darin, dass das Kind erst vor kurzem eine Welt verlassen hat, in der es so gut wie keine Grenzen gab. In den ätherischen oder astralen Dimensionen gab es nicht solche Einschränkungen und Beschränkungen, wie sie hier in der körperlichen Welt, in diesem festen Körper, vorhanden sind. Die kindlichen Emotionen sind oft „Reaktionen des Unverständnisses" auf diese körperliche Realität. Deswegen brauchen Kinder, während sie heranwachsen, Hilfe und Unterstützung, um mit ihren Emotionen fertig zu werden. Das ist Teil des Prozesses der „ausbalancierten Inkarnation" auf der Erde.

Wie geht ihr jetzt also mit Emotionen um, sowohl in Euch selbst als auch in Euren Kindern?

Emotionen sollten weder bewertet noch unterdrückt werden. Emotionen sind ein lebens­wichtiger Teil von Euch als menschliches Wesen und sollten als solche akzeptiert und respektiert werden. Ihr könnt Euch Eure Emotionen wie Eure Kinder vorstellen, die Eure Aufmerksamkeit und Euren Respekt, aber auch Eure Führung, brauchen.

Eine Emotion sollte am besten als eine Energie angesehen werden, die zu Euch kommt, um Euch zu heilen. Deswegen ist es wichtig, sich nicht total von ihr überwältigen zu lassen, sondern immer noch fähig zu sein, sie von einer neutralen Warte aus zu beobachten. Es ist wichtig für Euch, bewusst zu bleiben. Man könnte es so sagen: Ihr solltet Eure Emotionen nicht unterdrücken, aber Ihr solltet auch nicht darin ertrinken. Denn wenn Ihr darin ertrinkt, wenn Ihr Euch ganz damit identifiziert, wird das Kind in Euch zum Tyrannen, der Euch in die Irre führt.

Das Wichtigste, das ihr mit einer Emotion tun könnt, ist, sie einzulassen, alle Aspekte von ihr zu fühlen, ohne dabei Eure Bewusstheit zu verlieren. Nehmt beispielsweise Ärger. Ihr könnt den Ärger einladen, ganz präsent zu sein, ihn in Eurem Körper an verschiedenen Stellen zu spüren, wobei Ihr ihn gleichzeitig neutral beobachtet. Eine solche Bewusstheit ist heilend. In solchen Fällen umarmt Ihr die Emotion, die ja im Wesentlichen eine Ausprägung des Unverständnisses ist, mit Verständnis. Das ist spirituelle Alchimie.

 

Emotionen lieben und erziehen

Kind EmotionLasst mich das mit einem Beispiel erklären. Euer Kind hat sich das Knie an dem Tisch aufgeschlagen und es tut richtig weh. Sie ist aufgeregt, schreit vor Schmerz und tritt nach dem Tisch, weil sie wütend auf ihn ist. Sie hält den Tisch für die Quelle ihres Schmerzes.

Emotionale Führung bedeutet, dass die Eltern dem Kind zunächst helfen, ihre Erfahrung zu benennen. „Du bist wütend, nicht wahr - Du hast Schmerzen, richtig?". Es zu benennen ist wichtig. Ihr übertragt die Wurzel des Problems vom Tisch zum Kind selbst. Es ist nicht der Tisch, sondern Du, der verletzt ist, Du bist wütend. Und ja, ich verstehe Deine Emotion!

Die Eltern umarmen die Emotion ihres Kindes mit Verständnis und Liebe. In dem Moment, in dem sich das Kind verstanden und anerkannt fühlt, wird ihr Ärger langsam verschwinden. Der körperliche Schmerz mag durchaus noch da sein. Aber ihr Widerstand gegen diesen Schmerz, der Zorn rund um den Schmerz, kann sich auflösen. Das Kind liest in Euren Augen Mitgefühl und Verständnis und das entspannt und besänftigt ihre Emotionen. Der Tisch, der Auslöser für die Emotion, ist nicht mehr wichtig.

Indem Ihr eine Emotion mit Verständnis und Mitgefühl umarmt, verlagert Ihr den Fokus der Aufmerksamkeit des Kindes von außen nach innen und Ihr lehrt das Kind, Verantwortung für seine Emotion zu übernehmen. Ihr zeigt ihm, dass seine Reaktion auf einen Auslöser von außen nicht automatisch ist, sondern eine Folge von Entscheidungen. Ihr könnt Verständnis oder Unverständnis wählen. Ihr habt die Wahl, ob Ihr kämpfen oder akzeptieren wollt. Ihr könnt wählen.

Das trifft genauso auf die Beziehung zu Euren eigenen Emotionen, zu Eurem eigenen inneren Kind, zu. Eure Emotionen zuzulassen, ihnen einen Namen zu geben und zu versuchen, sie zu verstehen, heißt, Euer inneres Kind wirklich zu respektieren und wertzuschätzen. Die Verlagerung vom „außen" nach „innen", die Übernahme von Verantwortung für die Emotion, hilft Euch dabei, ein inneres Kind zu erschaffen, das niemanden zu verletzen versucht, das sich nicht als Opfer fühlt. Starke Emotionen - sei es Zorn, Trauer oder Angst -, enthalten immer das Element der Hilflosigkeit, z.B. das Gefühl, dass Ihr das Opfer von etwas seid, was außerhalb von Euch liegt. Wenn Ihr Euch aber nicht auf die Umstände außerhalb von Euch selbst, sondern auf Eure Reaktionen und Euren Schmerz konzentriert, dann könnt Ihr die äußere Welt als Ursache Eurer Emotion „vom Haken lassen". Ihr kümmert Euch nicht so sehr darum, was der Auslöser für die Emotion war. Ihr wendet Euch komplett nach innen und sagt zu Euch selbst: okay, das war meine Reaktion und ich verstehe, weshalb es so war. Ich verstehe, wieso ich so empfinde, wie ich es tue und ich werde mich darin selbst unterstützen.

Wenn Ihr Euch Euren Emotionen in dieser liebevollen Weise zuwendet, dann ist das befreiend. Es erfordert allerdings eine Art von Selbst-Disziplin. Die äußere Realität als „Wurzel des Bösen" zu entlassen und selbst volle Verantwortung zu über­nehmen, bedeutet, dass Ihr anerkennt, dass Ihr „Euch entschieden habt", auf diese bestimmte Weise zu reagieren. Ihr hört auf, darüber zu debattieren, wer Recht hat und wer nicht, wer für was die Verantwortung trägt, und Ihr lasst einfach die ganze Kette von Ereignissen, die jenseits Eurer Kontrolle lagen, los. „Ich erlebe jetzt diese Emotion im vollen Bewusstsein, dass ich mich entschieden habe, es zu tun". Das heißt es, Verantwortung zu übernehmen. Das ist Mut!

Die Selbstdisziplin liegt darin, dass Ihr aufhört, Recht haben zu wollen oder das hilflose Opfer zu sein. Ihr hört auf damit, Euch wütend, missverstanden und auf so viele andere Arten als Opfer zu fühlen, die sich manchmal ganz gut anfühlen können (oft mögt Ihr die Emotionen, die Euch am meisten plagen). Verantwortung zu übernehmen, ist ein Akt der Bescheidenheit. Es bedeutet, aufrichtig mit Euch selbst zu sein, auch in Euren schwächsten Momenten.

Das ist die Selbstdisziplin, die Euch abverlangt wird. Zur selben Zeit erfordert diese Art des nach-Innen-Gehens höchstes Mitgefühl. Ihr müsst die Emotionen, die Ihr Euch als Eure eigene Schöpfung anzuerkennen vorgenommen habt, auch mit sanftem Verständnis betrachten. „Ihr habt Euch diesmal für den Ärger entschieden, nicht wahr?" könnte etwas sein, was Ihr über Euch selbst erfahrt. Mitgefühl sagt Euch „okay, ich kann sehen, wie es dazu kam und ich verzeihe Dir". „Wenn Du vielleicht meine Liebe und meine Unterstützung klarer spüren kannst, wirst Du Dich nicht dazu hinreißen lassen, das nächste Mal wieder so zu reagieren".

Das ist die wahre Rolle des Bewusstseins im Selbstheilungsprozess. Das ist es, was mit spiritueller Alchimie gemeint ist. Das Bewusstsein kämpft gegen nichts an und lehnt nichts ab; es umgibt die Dunkelheit mit Bewusstheit. Es umgibt die Energien des Missverständnisses mit Verständnis und verwandelt so Metall in Gold. Bewusstheit und Liebe sind im Wesentlichen dasselbe. Sich bewusst zu sein, bedeutet, etwas so sein zu lassen, wie es ist, und es mit Eurer Liebe und Eurem Mitgefühl zu umgeben.

 

Emotionen zulassen

Häufig denkt Ihr, dass „Bewusstheit alleine" nicht ausreicht, um eure emotionalen Probleme in den Griff zu kriegen. Ihr sagt: „Ich weiß, dass ich Emotionen unter­drückt habe, ich kenne den Grund dafür, ich bin mir dessen bewusst, aber sie gehen nicht weg."

In diesem Fall habt Ihr einen versteckten Widerstand gegen diese Emotion in Euch. Ihr haltet sie auf Distanz, aus Furcht, dass sie Euch überwältigt. Aber Ihr werdet nie von einer Emotion überwältigt, wenn Ihr Euch bewusst entscheidet, sie zuzulassen.

Solange Ihr die Emotion auf Distanz haltet, liegt Ihr mit ihr im Krieg. Ihr kämpft gegen sie an und sie wird sich auf unterschiedlichste Weise gegen Euch wenden. Ihr könnt sie am Ende nicht von Euch abwenden. Sie wird sich in Eurem Körper als Schmerz oder als Spannungsgefühl festsetzen oder als Depression. Sich abgeschlagen oder ausgelaugt zu fühlen ist ein klares Zeichen dafür, dass Ihr bestimmt Emotionen unterdrückt.

Das Problem besteht darin, dass Ihr den Emotionen gestatten müsst, Euer Bewusst­sein vollkommen zu durchdringen. Wenn Ihr nicht genau wisst, welche Emotionen da sind, könnt Ihr damit beginnen, die Anspannungen in Eurem Körper zu analy­sieren. Dies ist ein Einfallstor für Emotionen. In Eurem Körper ist alles abgespeichert. Wenn Ihr zum Beispiel Schmerz oder Anspannung im Bereich Eures Magens spürt, könnt Ihr mit Eurem Bewusstsein dorthin gehen, und nachfragen, was los ist. Lasst die Zellen Eures Körpers zu Euch sprechen. Oder stellt Euch vor, dass genau jetzt ein Kind dort ist. Bittet dieses Kind, Euch zu zeigen, welche Emotion in ihr oder ihm vorherrscht.

Es gibt eine Menge Wege, auf denen Ihr mit den Emotionen in Euch Kontakt auf­nehmen könnt. Es ist unerlässlich, dass Ihr Euch klarmacht, dass die Energie, die hier feststeckt, sich bewegen will. Diese Energie will losgelassen werden und klopft deshalb als körperliches Problem oder als ein Gefühl von Stress oder Depression an Eure Tür. Euer Job ist es, Euch wirklich zu öffnen und darauf vorbereitet zu sein, die Emotion zu empfinden.

 

Kinder und Emotionen

Kinder und EmotionenIn Euren Gesellschaften besteht so eine große Verwirrung über Emotionen. Das ist, unter anderem, vor allem dann offensichtlich, wenn es um die Frage geht, wie Ihr Eure Kinder erziehen sollt. Kinder sind natürlich emotional viel spontaner als Ihr als Erwachsene. Das schafft Probleme. Was, wenn manche Eurer moralischen Grenzen überschritten werden? Was, wenn die Situation außer Kontrolle gerät und Chaos daraus entsteht? Muss man Kinder disziplinieren oder soll man sie sich frei entfalten lassen? Müssen Emotionen kontrolliert werden oder nicht?

Was bei der Erziehung von Kindern vor allem wichtig ist, ist, dass sie lernen, ihre Emotionen zu verstehen. Zu verstehen, wo sie herkommen und die Verantwortung für sie zu übernehmen. Mit Eurer Hilfe kann das Kind lernen, Emotionen als „Explo­sionen des Unverständnisses" zu verstehen. Dieses Verständnis befreit und bringt Euch wieder in Eure Mitte zurück, ohne dabei die Emotionen zu unterdrücken. Die Eltern bringen den Kindern bei, Emotionen auf diese Weise zu betrachten, indem sie selbst das lebende Beispiel dafür sind.

Alle Fragen, die Ihr in Bezug auf Kindererziehung habt, betreffen auch Euch selbst. Wie geht Ihr mit Emotionen um? Seid Ihr streng zu Euch selbst? Wenn Ihr Euch eine längere Zeit traurig oder wütend gefühlt habt, ruft Ihr Euch dann selbst zur Ordnung, indem Ihr Euch sagt: „Jetzt mach schon, geh weiter und lass Dich nicht so hängen!"?. Unterdrückt Ihr Eure Emotionen? Habt Ihr das Gefühl, dass es gut und wichtig ist, Euch selbst zu disziplinieren?

Wer hat Euch das beigebracht? Waren es Eure Eltern?

Oder neigt Ihr zum anderen Extrem? „Watet" Ihr in Euren Emotionen, weigert Ihr Euch, sie loszulassen? Dies kommt auch sehr häufig vor. Es kann sein, dass Ihr Euch für eine lange Zeit als Opfer der Umstände betrachtet habt, z.B. Eurer Erziehung, Eures Partners oder Eurer Arbeitsumgebung. Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann es sehr befreiend gewesen sein, mit dem Ärger in Euch über die negativen Dinge, die Euch beeinflusst haben, in Kontakt zu kommen. Zorn kann Euch dabei geholfen haben, Euch von diesen Einflüssen zu befreien, und Euren eigenen Weg zu gehen. Aber es kann sein, dass Ihr so sehr in Eurem Ärger aufgeht, dass Ihr ihn gar nicht mehr aufgeben wollt. Anstatt einfach ein Einfallstor zu sein, wird er zu einer „Lebens­weise". Das führt zu einer Art Opferrolle, die überhaupt keine heilende Wirkung mehr hat. Es hält Euch davon ab, wirklich aus Eurer eigenen Macht heraus zu leben. Es ist sehr wichtig, die Verantwortung für Eure eigenen Gefühle zu übernehmen und nicht „absolute Wahrheiten" daraus zu machen. Wenn Ihr ihnen den Status einer Wahrheit gebt, anstatt sie als „Explo­sio­nen des Unverständnisses" zu betrachten, dann werdet Ihr Euer Handeln darauf abstellen und das wird zu unausgewogenen Entscheidungen führen.

Dasselbe passiert mit Kindern, die zu viel emotionalen Freiraum haben. Sie „schnappen über" und werden unkontrollierbar; sie werden zu kleinen Tyrannen und das ist nicht gesund. Emotionales Chaos ist für die Kinder genauso unerfreulich wie für die Eltern.

Kurz gesagt, Ihr könnt entweder zu strikt oder zu nachlässig im Ungang mit Euren Emotionen (und gleichermaßen mit Euren Kindern) sein. Ich möchte ein bisschen näher auf die „nachlässige" Methode eingehen, denn das scheint heutzutage ein größeres Thema zu sein. Seit den „Sechzigern" gab es eine kollektive Erkenntnis, dass es nichts bringt, Emotionen zu unterdrücken, weil man damit seine Spontaneität und Kreativität, ja genauer gesagt, seine Seele abtötet. Solche Gesellschaften bringen disziplinierte und folgsame Kinder hervor, die sich mehr um die Regeln kümmern als um die Einflüsterungen ihres Herzens und das ist eine Tragödie - sowohl für die Gesellschaft als auch für den Einzelnen.

Aber wie steht es dann mit dem anderen Extrem? Wie steht es damit, Emotionen so zu rechtfertigen, dass sie die Regie übernehmen und Euer Leben bestimmen?

Ihr könnt in Euch sehr gut beobachten, ob es da Emotionen gibt, die Ihr so sehr schätzt, dass Ihr sie wirklich als eine Wahrheit betrachtet (anstatt sie zu sehen, als was sie wirklich sind: Explosionen des Unverständnisses). Mit diesen Emotionen habt Ihr Euch identifiziert. Oft genug handelt es sich gerade um die Emotionen, die euch eine Menge Leid verursachen. Zum Beispiel: Opfergefühle („ich kann das nicht tun", „ich kann nichts dagegen machen"), Führerrolle („ich kümmere mich darum", „ich mach das schon"), Traurigkeit, Angst, Anspannung etc.. Dies sind alles Emotionen, die schmerzhaft sind, aber Euch doch, auf anderer Ebene etwas geben, an was Ihr Euch festhalten könnt.

Nehmt zum Beispiel das Gefühl, „ein Opfer zu sein". Dieses Gefühlsmuster kann Vorteile haben. Es kann Euch ein Gefühl der Sicherheit verschaffen. Es befreit Euch von bestimmten Verpflichtungen oder Verantwortlichkeiten. „Ich kann doch nichts dagegen tun, oder etwa nicht?" Es ist eine dunkle Ecke, in der Ihr sitzt, aber sie scheint zumindest sicher zu sein.

Die Gefahr, wenn Ihr Euch mit solchen Gefühlsmustern für eine längere Zeit identifiziert oder „mit ihnen verschmelzt", besteht darin, dass Ihr den Kontakt zu Eurer wahren Freiheit, Eurem innersten göttlichen Kern, verliert.

Es mag Dinge auf Eurem Lebensweg gegeben haben, die ganz berechtigt Emotionen von Ärger oder Widerstand in Euch hervorgerufen haben. Das kann in Eurer Jugend passiert sein, später oder sogar in früheren Leben. Es ist sehr wichtig, dass ihr Euch diesen Emotionen bewusst stellt und dass Ihr Euch des Ärgers, der Traurigkeit oder jeder anderen stark emotional befrachteten Energie in Euch bewusst werdet. Aber an einem bestimmten Punkt müsst Ihr die Verantwortung für Eure Emotionen übernehmen, weil sie Eure Reaktionen auf ein äußeres Geschehnis darstellen.

 

Meisterschaft

MeisterschaftWirklich in der Mitte, klar und machtvoll und spirituell ausbalanciert zu sein, bedeutet, volle Verantwortung für alle Emotionen in Euch zu übernehmen. Ihr könnt dann die Emotion von (beispielsweise) Ärger in Euch selbst wahrnehmen und gleichzeitig sagen: das war meine Reaktion auf bestimmte Vorkommnisse. Ich umgebe diese Reaktion mit Verständnis, aber gleichzeitig nehme ich mir vor, sie loszulassen.

Es geht im Leben nicht darum, Recht zu haben; es geht darum, frei und ganz zu sein. Es ist sehrbefreiend, alte emotionale Antworten loszulassen, die zu einem „Lebensstil" geworden sind.

Man könnte sagen, es geht nur darum, den schmalen Mittelweg zwischen dem Unterdrücken von Emotionen und dem Ertrinken in Emotionen zu finden. Auf beiden Seiten wurdet Ihr mit Meinungen und Idealen erzogen, die nicht in Übereinstimmung mit der Natur spiritueller Alchimie sind. Das Wesen spirituellen Wachstums besteht darin, dass Ihr nichts unterdrückt, gleichzeitig aber volle Verantwortung dafür übernehmt.

Ich fühle das, ich habe diese Reaktion gewählt, also kann ich es auch heilen. Beansprucht Eure Meisterschaft, ist meine wirkliche Botschaft an Euch.

Vielleicht ist es kein Mittelweg, aber ein anderer Weg.

Es geht immer um spirituelle Meisterschaft. Indem Ihr alles akzeptiert, was da in Euch ist, erhebt Ihr Euch darüber und werdet zum Meister. Meisterschaft ist sowohl stark als auch sanft. Sie ist sehr freigiebig und verlangt doch große Disziplin: die Disziplin des Mutes und der Aufrichtigkeit.

Beansprucht Eure Meisterschaft, werdet zum Meister dieser emotionalen Puzzleteilchen, die Euch quälen, oft ohne dass Ihr es so richtig merkt. Seht sie Euch an, übernehmt die Verantwortung. Lasst Euch selbst nicht durch unbewusste emotionale Verletzungen antreiben, die Euch auf Abwege führen und Euren Weg zu innerer Freiheit blockieren. Es gibt keine äußerlichen Instrumente oder Mittel, diese Emotionen zu entfernen. Nur durch ihre Bewusstwerdung, durch Stärke, Entschlossenheit und Mitgefühl, können sie ins Licht entlassen werden.

Auf emotionaler Ebene ganz und frei zu werden ist einer der wichtigsten Aspekte spirituellen Wachstums. Zum Abschluss möchte ich Euch sagen: macht es nicht schwieriger als es ist. Der spirituelle Weg ist ein einfacher Weg. Es geht darum, Euch selbst zu lieben und um innere Klarheit. Es bedarf keiner spezifischen Kenntnisse oder irgendwelche spezieller Rituale, Regeln oder Methoden. Alles, was Ihr für Euer spirituelles Wachstum benötigt, ist in Euch.

Wenn Ihr einen ruhigen Moment findet, geht zu der Gefühlsseite in Euch. Lasst Euch von dieser Gefühlsseite sagen, was in Euch geklärt und beseitigt werden sollte. Verlasst Euch auf Eure Intuition. Arbeitet daran. Glaubt an Euch selbst. Ihr seid die Meister Eures Lebens, die Meister Eures einzigartigen Weges zu Liebe und Freiheit.

 

 

Das Spiel der Aufmerksamkeit

Wir alle suchen. Versuchen unser Leben so zu verändern, dass wir glücklich und zufrieden sind. Doch genau all diese Versuche führen uns in die Irre, weil wir damit Druck auf uns selbst ausüben, uns nicht einfach sein lassen, wie wir sind. Im Interview spricht der spirituelle Lehrer Florian ‚Tathagata‘ Schlosser darüber, wie einfach der Weg zum Wohl-Sein im Grunde ist: Es braucht nur ein wenig Aufmerksamkeit. Aber eben nur ein wenig.

 

Aufmerksam_Strand.jpgSein: Manche spirituellen Lehrer sagen: Wenn du dabei stehen bleibst, dass es keinen freien Willen gibt und nichts tust, um weiterzukommen, dann hängst du fest. Muss ich also doch etwas tun?


Florian: Das mit dem freien Willen ist eine heikle Angelegenheit. Die Realität ist folgende: Bewusstsein, Gewahrsein ist hier, denn wir sind uns ja dessen gewahr, was gerade ist. In diesem Gewahrsein spielen sich ständig unbewusste Muster in unserem Nervensystem ab. Diese Muster sind nicht wir. Wenn so ein Muster sich in unserem Körper ausspielt, haben wir keine andere Chance, als es zu leben. Das ist die Natur eines unbewussten Musters. Was wir noch wissen, ist: Dieser Moment ist eine Erfahrung in unserem Körper, unserem Nervensystem, in dem sich diese Muster abspielen. Und: Wir haben die Kapazität, Aufmerksamkeit zu geben und Aufmerksamkeit zu empfangen. Diese drei Bestandteile: Bewusstsein, die Erfahrung von Jetzt, also die sensorische Erfahrung im Nervensystem, und die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu geben und zu empfangen, können wir Realität nennen. Mehr existiert nicht. Die Idee des freien Willens ist, dass wir eine Wahl haben, anders zu funktionieren als wir funktionieren. De facto funktionieren aber nicht einmal wir, sondern unser Nervensystem funktioniert für uns die ganze Zeit. Aber das Nervensystem ist vollkommen unschuldig, weil es nicht weiß, dass es funktioniert. Es funktioniert wie ein Tonbandgerät: Was es bekommen hat an Information, das spult es die ganze Zeit ab.

 

Ist es denn keine Wahl, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenke?


Ein Teil des unbewussten Musters ist, dass dann, wenn unser Körper unbewusst anspannt – und das macht er eigentlich die ganze Zeit, ohne dass wir es mitbekommen –, das Muster den Fokus unserer Aufmerksamkeit qualitativ verändert. Wenn der Körper sich sehr stark anspannt, dann zieht sich die Aufmerksamkeit ähnlich eines Schließmuskels zusammen und fängt an zu fokussieren. Dieser enge Fokus ist sehr exklusiv, das heißt, er schließt alles andere aus, und nur das, was uns im Lichte der verengten Aufmerksamkeit erscheint, ist für uns präsent. Gleichzeitig wirkt dieser enge Fokus wie eine Lupe. Wenn wir fokussieren, dann zieht das die Wirklichkeit, das, was wir fokussieren, an uns heran und es erscheint viel größer und mächtiger, als es ist. Das heißt, selbst der Fokus der Aufmerksamkeit ist ein Teil des unbewussten Musters, nämlich der Anspannung. Wenn dem Körper erlaubt wird, gespeicherte Spannungen bewusst zu entladen, dann folgt die Aufmerksamkeit dieser neuen Weite des Nervensystems und wird ganz natürlich noch weiter. Wenn du entspannst, fängst du an, viel mehr wahrzunehmen. Wir hören, sehen, riechen, fühlen mehr von der Wirklichkeit und das ganze System bewegt sich in einen neuen Feedback-Loop, nämlich nicht Bedrohung (enger Fokus), sondern Weite, Öffnung, Integration. Teile der Aufmerksamkeit werden dann nicht als absolut, vergrößert und exklusiv erlebt.

Wir können also sagen: Die Aufmerksamkeit folgt dem Organisationszustand unseres Nervensystems. Und das Nervensystem ist physisch, ist der Körper, bestehend aus zirka 50 Milliarden Zellen. Das heißt: Zunächst einmal haben wir, solange diese Funktionen im Nervensystem sich ausspielen, auch bezüglich der Wahl unserer Aufmerksamkeit keine Option. Entweder sie kontrahiert wie ein Schließmuskel, wirkt oft hart wie ein Hammer und lässt die Dinge bedeutsam, größer als sie sind und ausschließlich erscheinen, oder wir verweigern bestimmten Dingen völlig die Aufmerksamkeit, weil wir sie nicht ertragen oder wollen. Die erscheinen dann so, als wären sie gar nicht da. Wenn wir anspannen und dem Körper keine Aufmerksamkeit schenken, dann fühlen wir zwar die Anspannung nicht, aber das heißt ja nicht, dass sie nicht da ist. Der Körper funktioniert trotzdem unentwegt auf diesem erhöhten Stresspegel. Wenn wir uns mit Kino oder was auch immer ablenken, dann verlagern wir künstlich die Aufmerksamkeit, damit das, was unten drunter passiert, möglichst nicht empfunden wird. Wenn beides nicht mehr funktioniert, nehmen viele Menschen zum Beispiel Pillen oder Drogen oder erschaffen andere trance-ähnliche Zustände, um sich zu betäuben, um die mannigfaltigen Stresszustände im Nervensystem unfühlbar zu machen.

 

Nur noch mal, damit es mir klar ist: Die Anspannung des Körpers ist das erste, was da ist, sie ist der unbewusste Wille.


Es gibt nur einen Willen, und das ist der Wille der Anspannung, und die Anspannung gehört nicht dir.


Die Frage ist nun: Wie komme ich aus der Anspannung raus, denn sie entsteht ja jenseits meiner Einflussmöglichkeit?


Die Frage ist nicht: Wie kommst Du aus der Anspannung raus, sondern: Wie entspannt sich der Körper? Wie kann der Körper Stressenergie entladen, sodass das Gefühl von Entspannung entsteht? Denn DU bist schon entspannt. Was nicht entspannt ist, ist der Körper. Das ist das, was den meisten Leuten auf dem spirituellen Weg entgeht. Die Frage ist: Was befreit die Aufmerksamkeit aus ihren unbewussten, von Anspannung angetriebenen Bewegungen? Was es dafür braucht, ist ein natürlich funktionierendes Nervensystem, weil das Nervensystem – wie schon erwähnt - unmittelbar mit der Bewegung der Aufmerksamkeit verbunden ist. Allerdings hat es bisher funktioniert, ohne dass wir bemerkt haben, was genau im Bewusstsein und Körper abläuft.


Wie komme ich jetzt also wieder in den entspannten Zustand eines Babys?


Der Körper kommt nicht in den Zustand des Babys, er funktioniert bereits wie ein Baby. Er funktioniert vollkommen unbewusst und unschuldig. Frage mal deinen Körper, ob er weiß, was er tut. Der sagt: Ich habe keine Ahnung, ich mache einfach das, was ich schon die ganze Zeit gemacht habe. Wir haben höchstens ein Prozent Bewusstheit darüber, was in unserem Körper abläuft, der Rest funktioniert vollkommen automatisch. Selbst wenn der Körper anspannt. Denn wenn er  anspannt, weiß er nicht, dass er anspannt. Nur das Bewusstsein bemerkt nach der Anspannung, dass sich ein Zustand verändert hat.


Hat sich das Bewusstsein mit dem Körper verbunden und kann die Anspannung dadurch erkennen?


Das Bewusstsein hat sich nicht mit dem Körper verbunden. Der Körper findet im Bewusstsein statt. Er ist im Bewusstsein enthalten. Er ist eine Manifestation von Bewusstsein. Wie müssen differenzieren zwischen Bewusstsein und Aufmerksamkeit. Wenn wir jetzt hier sitzen, wirst du merken: Bewusstsein ist hier. Dieses Bewusstsein ist regungslos, ist still, es tut gar nichts. In diesem unbewegten Bewusstsein, in diesem Raum, taucht jetzt der Körper auf. Du bist dir bewusst, dass ein Körper, der gewöhnlich als ‚ich‘ bezeichnet wird, hier ist. Das ist Bewusstsein in Ruhe, in dem der Körper beginnt, ganz normal aktiv zu werden. Aufmerksamkeit ist Bewusstsein in Bewegung, ist bewegtes Bewusstsein. Wenn ich dir Aufmerksamkeit gebe, dann gebe ich dir Bewusstsein. Ich werde mir dessen, wem oder was ich Aufmerksamkeit gebe, bewusst. Aufmerksamkeit ist Bewusstsein in Aktion, während Bewusstsein in Ruhe nur empfängt oder den Raum zur Verfügung stellt.
Jetzt stellt sich die Frage, wie wir diese Qualität von Bewusstsein in Aktion, die bisher meist ein enger, harter Fokus und dysfunktional war, so verändern können, dass der Fokus wieder weit wird. Der erste Schritt ist zu sehen, dass bei nichts von dem, was jemals geschehen ist, du gehandelt hast. Keine einzige Handlung in deinem Leben hast du vollbracht, sondern es waren unbewusste Muster im Nervensystem, das einfach das gemacht hat, was es gelernt hat. In dem warst Du die ganze Zeit vollkommen unschuldig.


Ich als Ich oder ich als Bewusstsein?


Lass es uns noch einmal ansehen: Es gibt Bewusstsein. Im Bewusstsein taucht der Körper als Nervensystem auf, das Erfahrungen hat. Das ist alles, was existiert. Du bist in dem überhaupt nicht da. Die Idee von ‚Du‘ entsteht als Konsequenz von Anspannung. Denn wenn du angespannt bist, ist da deutlich mehr von einem ‚Ich-Gefühl‘, als wenn der Körper entspannt ist. Das heißt: Was du bist, was dieses Ich-Gefühl ist, ist Anspannung. Und diese Anspannung hast du nie frei gewählt, sondern es ist eine Funktion des Nervensystems – wo immer die auch herkommt. Ein Ich-Gefühl zu haben ist eine automatische, unbewusste Reaktion des Nervensystems, die sich als Anspannung zeigt. Das ist alles. Also: Wir befassen uns hier nicht mit einem ‚Ich‘. Mit was wir es zu tun haben, ist Bewusstsein, in dem das Nervensystem als automatischer Ablauf auftaucht. Und dieser Ablauf ist nicht zuordnebar, weil niemand weiß, warum dein Nervensystem so funktioniert. Die Psychologen haben herauszufinden versucht, warum es so ist. Die Buddhisten nennen es Karma - aber all das sind letztlich nur Modelle. De facto wissen wir nicht, warum unser Nervensystem in diesem Augenblick anspannt. Keine Ahnung. Du weißt nicht einmal, welcher Zellverbund genau im Nervensystem dafür verantwortlich ist. Wie sollen wir jemals herausfinden, wo der Ursprung ist? Deshalb drehen viele Menschen fast durch, je mehr sie versuchen, das heraus zu finden. Was wir in diesem Moment haben, ist Bewusstsein plus eine bestimmte Organisation des Nervensystems, die in diesem Augenblick aktiv ist. Wie die Aktivierung erfolgt, ist von unendlich vielen Faktoren abhängig, von Umwelt, Sinneswahrnehmungen und der Art und Weise, wie viel Stress im Nervensystem gespeichert ist – dieser Stress definiert nämlich, wie ein Sinneseindruck, wie dieser Moment wahrgenommen und verarbeitet wird.


Und aus der Zusammensetzung dieser Faktoren in einem Individuum resultieren die vielen Erklärungsmodelle von Kindheit über frühere Leben bis Karma.


All das brauchen nicht, denn alles, was wir haben, ist dieser Moment, in dem das Nervensystem jetzt gerade aktiv ist. Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, an dem sich etwas verändern kann. In der Regel schenken wir der Organisation unseres Nervensystems in diesem Moment kaum Aufmerksamkeit. Wir schenken den Reaktionen Beachtung, nämlich dass wir hektisch oder unruhig werden und uns anspannen, und versuchen auf dieser Erscheinungsebene, das Leben in den Griff zu bekommen. Wir bemerken aber nicht den Moment, in dem das Nervensystem sich plötzlich umorganisiert. Es organisiert sich ja eh‘ von Moment zu Moment um, weil es ständig dynamisch auf den Moment reagieren muss, auf die Einflüsse, Sinneswahrnehmungen, Lichtverhältnisse, Temperatur usw. Ununterbrochen richtet es sich von Moment zu Moment aus auf das, was gerade geschieht. Nur kriegen wir das meistens nicht mit. Was wir bemerken ist, dass der Körper sich in bestimmten Situationen oft schockartig zusammenzieht und von dort aus anfängt, bestimmte Muster auszubilden. Anspannung bewirkt, dass der Fokus aus dem Körper in den Kopf geht und der Verstand Erklärungsmodelle entwirft.


Also, was kann man tun?


Die Möglichkeit ist, in diesem Augenblick der Organisation des Nervensystems, wie es in diesem  Moment verkabelt ist, einfach ein wenig Aufmerksamkeit zu geben. Das ist kein Fokussieren auf einen bestimmten Teil. Das wäre dann ein therapeutischer Zugang. Sondern du bemerkst ganz einfach, was da ist, ohne den Fokus willentlich an etwas festzuhalten oder auszurichten.


Weil wir sowieso in Wirklichkeit nur Bewusstsein, leeres, absichtsloses Bemerken sind.


Ja. Es ist, wie wenn du dein Nervensystem, deinen ganzen Körper als Momentaufnahme empfängst. Die wird sich im nächsten Augenblick verändern, aber das spielt keine Rolle. Dieses kleine bisschen Aufmerksamkeit ist wie ein Kuss. Wenn du sie aber fragmentarisch ausrichtest, also dich auf einen Teil konzentrierst, ist es bereits wieder im Fokus. Du vergisst den Rest, erhältst nie ein Gesamtbild und bleibst ständig in dieser gewohnten Anspannungs-Schleife gefangen. Wirkliches Empfangen dessen, was ist, ist nur dann möglich, wenn kein Fokus stattfindet. Jede Form von Fokus ist schlussendlich Aktion, Spannung aus einem ‚Ich-Gefühl‘ heraus. Der Körper reagiert auf die offene Form der Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Weise. Bewusstsein ist da und begegnet der Aktualität dessen, was passiert - ohne Filter, ohne Interpretation, ohne Gedanken. Einfach nur auf Empfang geschaltet. Schau einfach mal hin: Was sagt dein Körper dazu? Und wie verhält sich jetzt die Aufmerksamkeit? Was passiert mit der normalen Tendenz der Aufmerksamkeit, entweder zu fokussieren oder wegzugehen?


Irgend etwas wird weiter.


Ganz genau. Hast du das gemacht oder ist das eine natürliche Reaktion?


Das ist natürlich.


Ja, und das ist alles. Immer wieder. Von Moment zu Moment zu Moment... Bewusstsein ist hier, dein Nervensystem empfängt das Jetzt als multisensorischen Ablauf in sich selbst. Die Aufmerksamkeit beginnt sich diesem natürlichen Hier-Sein zuzuwenden, das Leben sammelt sich im Moment.


Und das machst du die ganze Zeit.


Es geschieht ununterbrochen.


Ist das nicht anstrengend?


Das fragt der Verstand. Aber was ist denn die tatsächliche Erfahrung deines Körpers? Bist du jetzt angestrengt, während es geschieht? War da überhaupt ein Gedanke an Anstrengung da?


Nein.


Genau, null. Im Augenblick des Geschehens von Moment zu Moment ist noch nicht einmal ein bisschen Zeit für den Gedanken von Anstrengung. Nur wenn du dich abspaltest davon – und das versuchst du jetzt im Nachhinein.


Aber vergisst du es nicht auch immer wieder?


In Wahrheit vergesse ‚Ich‘ gar nichts. Es ist das Nervensystem, das vergisst. Und das Bemerkenswerte daran ist: Je mehr das Nervensystem durch das, wie wir gerade innerlich sind, entspannt und weiter wird, desto mehr sagt es mir: „Das ist genau das, was ich mag. Es fühlt sich gut an. Du lässt mich in Frieden, und gleichzeitig siehst du mich.“


Das ist ja wirklich wie bei einem Baby, das im Grunde zwei Dinge nicht mag: Vernachlässigung, also absolut keine Aufmerksamkeit, kein Gehaltenwerden zu bekommen oder Druck, also eine Nichtachtung seiner natürlichen Grenzen in jeder Form.


Ja, es ist wirklich wie bei einem Baby: Du gibst ihm Aufmerksamkeit, aber du bedrängst es nicht.  Das Bemerkenswerte ist: Unser Nervensystem lernt nur, was es liebt. Kürzlich habe ich ein Forschungsergebnis zugespielt bekommen, wie Kinder lernen. Das Ergebnis ist: Woran Kinder kein Interesse haben und was sie nicht lieben, lernen sie nicht. Weil das Nervensystem am meisten liebt, wenn es zufrieden gelassen wird wie ein Baby, erinnert es uns die ganze Zeit und sagt: „Ich will mehr davon haben.“ So wie vorher Stress ein sich selbst generierender Ablauf war: Anspannung, enger Fokus, Denken, mehr Stress, Anspannung, enger Fokus, mehr Denken - so ist es jetzt nichts weiter als ein anderer, tatsächlich neuer Kreislauf: Entspannung, weiter Fokus, nichts geschieht, noch mehr Entspannung, weiterer Fokus usw. Es ist einfach nur eine - wenn du so möchtest - neue Gewohnheit. Das ist alles. Im Laufe der Jahre habe ich volles Vertrauen in mein Nervensystem bekommen, weil es diesen neuen Kreislauf entwickelt hat. Es ist tatsächlich eine zelluläre Umwandlung. Dieser Organismus funktioniert ganz anders als er vorher funktioniert hat. Wie er sich umgewandelt hat, liegt an der Qualität und nicht zuletzt auch Quantität von Aufmerksamkeit, denn: Aufmerksamkeit ist Leben. Das Nervensystem ist ein lebendiger Organismus. Wenn es keine Aufmerksamkeit bekommt – also Leben – stirbt es. Es gab  grauenvolle Experimente, bei denen Babys den Eltern weggenommen und für Tage oder Wochen isoliert wurden, also keine Aufmerksamkeit erhalten haben. Alle sind innerhalb kürzester Zeit gestorben oder autistisch geworden. Unser Nervensystem braucht Leben. Selbst Buddha ist wieder aus der Askese zurückgekehrt, weil er erkannte, dass extremes Nach-Innen-Gehen nicht funktioniert. Es ist letztlich ein knallharter Fokus. Auch nur Nach-Außen-Gehen, also dir gar keine Aufmerksamkeit schenken, funktioniert nicht. Was funktioniert ist, jeden Moment neu zu erforschen, welche Qualität und Quantität von Aufmerksamkeit ‚das Baby‘ benötigt.


Worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, das lebt also.


Wenn ich dir Aufmerksamkeit schenke, gebe ich dir in der Tat einen Augenblick Leben. Wenn du einem Körperteil Aufmerksamkeit schenkst, der vorher taub war, wird er lebendig. Du beginnst ihn zu fühlen. Und, wie wir vorhin gesagt haben, ist Aufmerksamkeit ruhendes Bewusstsein in Aktion. Also: Bewusstsein ist Leben. Aufmerksamkeit schenkt sich selbst dem Körper. Dadurch werden Zellen im Körper lebendig und organisieren sich neu. Denn im Stress sind sie potentiell schon tot. Sie funktionieren nur noch wie ein Roboter. Die meisten Menschen funktionieren – und auch das ist nur ein unbewusstes Muster – wie Roboter, ohne viel Leben ins sich. Der Körper ist oft kalt und leblos, ist unfähig, eine gesunde Balance zwischen Handlung und Entspannung aufrecht zu erhalten. Er macht einfach immer weiter wie eine Maschine. Er existiert, aber er lebt nicht. Die meisten von uns existieren eigentlich nur. Nicht, weil wir etwas falsch machen, sondern weil unser Nervensystem auf einem Energieniveau funktioniert, das gerade so das Überleben des Organismus sichert, mehr nicht. Dazu braucht es nicht viel: Ist das Überleben in Gefahr, gibt es nur Verteidigung oder Flucht. Das sind die beiden rudimentären Reaktionen, die das Überleben des Körpers sichern. Und die meisten Menschen funktionieren nur so. Wenn das nicht mehr möglich ist, bildet das Nervensystem eine dritte Option aus: Es schaltet um auf tot. Gejagte Tiere beispielsweise stellen sich zum Schutz vor einem Angreifer kurzfristig tot. Das ist ähnlich einem eingefrorenen Zustand, in dem die meisten von uns oft ihr ganzes Leben hängen bleiben, bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Körper eine Qualität von Aufmerksamkeit erhält, die ihm die ersehnte Entspannung und Weichheit signalisiert. Ein harter Fokus hat genau die gegenteilige Wirkung. Das Nervensystem antwortet: „Das ist mir zu viel.“

 

Jedes Mal, wenn ich dem Nervensystem zu wenig oder zu viel Aufmerksamkeit gebe, teile ich ihm ja im Grunde mit: „So, wie du gerade bist, will ich dich nicht, so bin ich nicht bereit, dich anzunehmen. Und es ist mir egal, wie es dir geht. Alles andere auf der Welt ist mir wichtiger als du.“ Dieser Mittelweg des sanften Aufmerksamkeit-Gebens, sich dabei selbst zu empfangen, das ist wie einfach SEIN im Ganzen...


...und zwar von Moment zu Moment. Es ist eine ganz andere Art zu leben. Es ist keine Formel oder Pille, die du einwirfst und dann sagst: „Okay, habe ich verstanden.“ Leben erfahren wir durch das Nervensystem, den Körper. Und zu spüren, wie viel Aufmerksamkeit das Nervensystem genau braucht, ist die Kunst. Wie Liebe machen, ein Tanz, ein Spiel. Die Beziehung zu meinem Nervensystem ist wie die einer Mutter und eines Vater zu ihrem Baby. Ich spüre genau hin, wie viel Aufmerksamkeit es braucht, damit es gesund ist und sich wohl fühlt. Das ist keine Frage des Tuns, sondern vor allem der Qualität, der Absichtslosigkeit der Aufmerksamkeit. Je mehr das Nervensystem von dieser gesunden - moderaten - Aufmerksamkeit bekommt, desto mehr gesundet es auf natürliche Weise. Denn nochmal: Aufmerksamkeit IST Leben. Du gibst ihm Leben. Und Leben bewirkt: Es erwacht.


Bemerkst du in Dir immer noch Verspannungen und Verhärtungen?


Natürlich, aber das ist nicht meine Härte. Es sind einfach unbewusste Muster im Körper, die sich plötzlich ausspielen. Keine Ahnung, wo sie herkommen. Keine Ahnung, was sie bedeuten. Keine Ahnung, was sie mir sagen wollen, aber sie sind deutlich fühlbar. Das einzige, was der Körper mir sagt ist zum Beispiel: „Upps, das war ein bisschen zu viel.“ Oder wenn ich nichts fühle, weiß ich: „Upps, das war jetzt zu wenig.“ Er funktioniert tatsächlich wie ein Baby. Und ich als Bewusstein empfange letztlich nur das Feedback des Babys. Es sagt mir von Moment zu Moment, ob es zu viel oder zu wenig ist. Durch dieses Gefühl, in Vollkontakt mit ihm zu sein, fängt das Baby an sich wohl zu fühlen. Der Körper ist gesund und kann unmittelbar in angemessener Art und Weise auf den nächsten Augenblick reagieren.


Wenn ich es richtig verstehe, heißt das: Was wir ‚ich‘ nennen, ist lediglich eine bestimmte Organisation des Nervensystems und die ist und war schon immer unschuldig wie ein Baby?


Ja, das Nervensystem ist und hat die Unschuld eines Babys. Eigentlich ist es ein hochsensibles Rückkopplungs-System, das selbstverstärkend wirkt: Wenn es mir gut geht, dann suche ich das Gefühl immer wieder. Wenn es mir schlecht geht, verschließe ich mich. Mit dem Körper haben wir also das perfekte Biofeedback-System, nur hören wir bisher nicht drauf. In unserem Kulturkreis ist es immer noch nicht weit verbreitet, dem Körper die stimmige Qualität von Aufmerksamkeit zu schenken. Beispielsweise haben viele der zeitgenössischen spirituellen Wege ihren Ursprung in Asien, insbesondere Indien. In Indien hat traditionell-kulturell der Körper keinen Wert. Dort siehst du zum Beispiel jede Menge Krüppel auf der Straße, das interessiert überhaupt niemanden. Aus diesem Kulturkreis kommen auch Meditationen mit dem dritten Auge oder dem Imaginieren von Energiebahnen. Tatsächlich aber basieren die meisten davon auf dem willentlichen Lenken von Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Bereich. Sie laden nicht das Empfangen dessen ein, was ‚das Baby‘ natürlich möchte. Die klassische ZEN-Meditation kommt dem von uns Besprochenen vielleicht am nächsten. Absichtsloses Empfangen ist ein vollkommen freier und natürlicher Ablauf, in den ich mich gar nicht einklinke oder einklinken muss.


Und was war mit dem bekannten Weisen Ramana Maharshi, den die Maden nach seiner Erleuchtung fast aufgefressen haben, weil er nur noch in Meditation saß und sich nicht mehr um seinen Körper gekümmert hat.


Nur am Anfang war das so. Später war er voll in seinem Körper. Deshalb wurde er auch als eine ‚Verkörperung der Wahrheit‘ bezeichnet. Es gibt viele Menschen, die nach dem Erwachen erst einmal völlig ausspacen. Bei mir war das auch zwei Jahre so, bis mich glücklicherweise die Realität eingeholte und ich bemerken durfte: „Oh, mir entgeht hier ein bisschen was.“ Diese Erkenntnis war zunächst sehr schmerzhaft, weil ich aus dieser ‚ach-so-schönen‘ Bliss-Blase, aus diesem Glückseligkeitsgefühl, wieder auf den Boden gefallen bin. Im Zen-Buddhismius - glaube ich - wird es ‚Fallen aus dem Paradies‘ genannt. Im Bliss ist es zwar erfahrungsgemäß wunderschön und das ganze System wird einmal so richtig durchgespült von altem Ballast. Die Wirklichkeit, die Wahrheit ist jedoch hier und jetzt.

 

Aufmerksam_Paar.jpgNoch mal zurück zur Aufmerksamkeit. Die Fähigkeit Aufmerksamkeit zu geben und zu empfangen ist doch auch eine Wahl: Ich kann es tun oder lassen.


Jetzt diese bestimmte Entscheidung zu fällen, hast du auch nie freiwillig entschieden.


Es trifft sich also in diesem göttlichen Bewusstsein das Nervensystem Jörg mit dem Nervensystem Florian...


So ist es. Es trifft nicht Person 1 auf Person 2. Was hier passiert, hat nichts mit mir zu tun. Und es hat auch nichts mit dir zu tun. Während wir miteinander sprechen, fangen unsere Nervensysteme an auf allen erdenklichen Ebenen Informationen auszutauschen. Und diesen Vorgang bemerken ‚du und ich‘ - als Bewusstsein - ununterbrochen.


Dann ist es Gnade, wenn ich einen Menschen treffe, der das Nervensystem Jörg in einen neuen Kreislauf einlädt.


Stimmt. So gesehen ist unser Gespräch tatsächlich Gnade. Wir können es Gnade nennen oder weniger mystisch einen Rest von Gesundheit in jedem von uns, der Heilung anzieht oder sucht. Unser Nervensystem, auch wenn es zu 90 Prozent dysfunktional erscheinen mag, hat in sich ein Überbleibsel an Selbstheilungskräften, einen Rest, der gesund und intakt funktioniert. Der ist immer da. Wenn er nicht wäre, wären du oder ich schon gestorben. Dieser gesunde Teil sucht nun beständig nach Möglichkeiten, mehr davon zu bekommen. Wenn wir uns also begegnen, fangen jene Teile in uns, die gesund sind, an sich auszutauschen und aktivieren mehr von diesen Selbstheilungskräften. Auf dem Wege absichtsloser Begegnung kehrt das Nervensystem wieder zu seinem natürlichen, gesunden und integrierten Zustand zurück. Erst der eröffnet überhaupt die Möglichkeit, ausgewogen und frei - ganz einfach normal - zu leben.


Wie hängt dieser gesunde Kreislauf im Nervensystem mit Erwachen zusammen? 


Wenn ich mich zum Beispiel in einem ungesunden Kreislauf der Anspannung befinde, erfährt sich das Nervensystem als getrennte Person. Je besser ich spüre, wie viel Aufmerksamkeit es jeweils benötigt, damit es entspannen und sich Weite einstellen kann, desto klarer sehe ich, dass ich bereits alles bin. Es kann gar nicht anders sein, weil ein enger Fokus immer exklusiv - ausschließend - auf die Person bezogen ist, ein weiter Fokus seiner Natur nach jedoch immer einschließend ist. Du stellst irgendwann fest: Mich gibt es gar nicht, sondern nur Nervensysteme, die im Bewusstsein, in diesem Raum miteinander kommunizieren. Wer das alles tut, wer dieses ganze Spiel erdacht hat? Ich weiß es nicht, denn ich bin ja ebenso nur ein Teil davon. Wenn ich mir anmaßen würde, das zu wissen, wäre es, wie wenn eine Figur auf einem Gemälde versuchen würde herauszufinden, was die Absicht seines Malers war. Das ist unmöglich. Auch gibt es überhaupt kein Interesse mehr daran. Das einzige, was mich interessiert, ist die Erfahrung des gegenwärtigen Moments. Es geht nicht darum, die Ursache für irgendetwas herauszufinden, weil wir die Ursache nicht wissen können. Es gibt wunderbare Theorien, aber kaum jemand weiß, was Wirklichkeit ist. Warum ein Nervensystem gerade auf eine spezielle Weise organisiert ist, wissen wir nicht. Wir wissen jedoch, dass es jetzt so ist. Und das genügt. So befasse ich mich nur mit der Wirklichkeit. Alles, was passiert, ist JETZT.


Und je gesünder das Nervensystem ist, desto mehr Eigenschaften von Weite zeigen sich. Respekt, Toleranz, Liebe...


... ja, und zwar ganz natürlich. Deswegen können wir das auch nicht kultivieren. Jedes Tun verhindert es regelrecht, denn das Nervensystem setzt sich durch Tun weiter unter Druck. Das einzige, was zu tun ist, ist von Moment zu Moment zu schauen, wie das Nervensystem gerade verkabelt ist, so dass wir jede Anspannung mitbekommen. Wenn du sie nicht mitbekommst, spielt sich das Muster aus und zieht den Fokus eng zusammen – und schon hast du das Gefühl, eine Person zu sein, die jetzt ein Problem hat usw.. Diese Bewegung ist alles, was je passiert ist.


Der Fokus sagt immer: Ich spüre Anspannung und die will ich nicht haben.


Das selbst ist schon ein Muster. In dem hast du gar keine Wahl.


Eine Änderung geschieht also dadurch, dass jede Anspannung schon ganz zu Beginn bemerkt wird, so dass sie sich erst gar nicht als unbewusstes Muster, als Emotion oder Gedanke, manifestieren kann?


Genau. Jeder Gedanke ist die Manifestation einer unbewusst Anspannung im Körper. Wenn der Körper wirklich entspannt ist, denken wir nicht viel, ist es nicht so?


In vielen spirituellen Traditionen heißt es sinngemäß: Am Anfang was das Wort oder: Die Welt entsteht aus Gedanken. Du sagst aber: Am Anfang war die Anspannung, dann erst kommt der Gedanke.


Die Welt entsteht nur aus Anspannung. Anspannung ist Energie und das ist Schöpfung.


Ich kann doch einen Körper haben, der entspannt ist.


In dieser tiefen Entspannung hört das Gefühl zu schöpfen auf. Was bleibt, ist Schöpfung, die aus sich selbst heraus erschafft. Das Erkennen ist, dass ES schöpft und immer schon geschöpft hat.


Der Körper existiert aber trotzdem noch.


Aber du kreierst ihn nicht. Die Verschiebung der Aufmerksamkeit im Bewusstsein weg vom Inhalt der Erfahrung hin zu dem, was sich gewahr ist, ist die Bewegung von ‚mein Wille geschehe‘ hin zu ‚dein Wille geschehe‘. Solange Schöpfung aus Anspannung kommt, fühlt sie sich wie ‚deine‘ oder ‚meine‘ Schöpfung an. Diese Theorie von der Schöpferkraft der Gedanken wird zum Beispiel in der Esoterik gerne benutzt, um dem Ich die Allmacht zuzusprechen. Aber wenn der Körper entspannt, vergeht jegliches Interesse an diesem ich-zentrierten Schöpfungsprozess.


Es gibt doch Sachen wie Magie oder die bewusste Manifestation eigener Wünsche, die durchaus funktionieren.


Aber sie sind fast immer von unbewusster Anspannung, Angst und Stress, also Willen, angetrieben. Viele Magier beispielsweise waren psychotisch, wahnsinnig oder hatten ein hochgradig dysfunktionales Nervensystem. Außer das sie vielleicht gewisse Fähigkeiten besaßen, waren sie nicht frei und glücklich.


Letztlich muss mal also wirklich nichts tun und das Weite-Sein scheint ganz einfach.


Es ist auch einfach. Das Schöne daran ist, dass Menschen es gleich nachvollziehen können, weil es ihre eigene Erfahrung widerspiegelt. Es ist nun mal so. Du brauchst nur hinzuschauen. Es ist weder eine spirituelle, mystische, psychologische, therapeutische oder esoterische Deutung nötig. Da ist nichts zu deuten. Die Wahrheit ist schlicht. Der Zugang ist total einfach und hat sofort eine entspannende Wirkung, weil das Nervensystem den ganzen Ballast von Interpretation, persönlicher Schuld, Scham und Verantwortung ganz natürlich los lässt, ganz einfach, weil der Körper es liebt. Das Baby sagt: „Danke, dass du mir diese Last von den Schultern nimmst, die du mir über Jahrzehnte aufgebürdet hast.“ Und es bedankt sich mit augenblicklicher Entspannung. Alles unnötiger Stress, den kein Mensch braucht. Im Kern beginnt eine fundamentale Transformation eines dysfunktionalen Nervensystems hin zu gesundem, freiem Handeln und integriertem Sein. Du fängst an tatsächlich zu leben – und nicht nur zu existieren.


Wie wichtig ist das Verstehen, dass es keinen persönlich Handelnden gibt?


Ohne das Verständnis, dass es keine persönliche Verantwortung gibt, kannst du auch wirkliche Heilung vergessen. Ein dysfunktionales Nervensystem kann nie gesund werden, solange es von der Last persönlicher Schuld, Scham und Verantwortung erdrückt wird. Das ist der größte Stress im Nervensystem.


Wie sieht es mit anderen Einflüssen aus, wie beispielsweise Actionfilmen: Sind die schädlich für das Entstehen eines weiten, sensiblen Nervensystems?


Probier´ es aus. Setz´ dich hin und gib deinem Nervensystem die Gelegenheit, einen Actionfilm zu empfangen und du empfängst dabei das Feedback deines Körpers. Dann wirst du wissen, ob der Körper das zu diesem Zeitpunkt mag. Das kann im nächsten Moment schon wieder anders aussehen. Es gibt nichts, was irgendwie ausgeschlossen ist, was tabuisiert wäre. Was wir hier erforschen, ist keine Formel, keine Verhaltensanweisung. Was ich sagen kann ist: Je feiner du wirst, desto mehr merkst du, wie zum Beispiel Energien in Lebensmitteln. Es gibt nichts, was dir verborgen bleibt. Du spürst dann, ob das Stück Fleisch, was du isst, Stress beinhaltet hat. Und zwar dadurch, dass beispielsweise im gleichen Augenblick, in dem du das Fleisch isst, dein Nervensystem beginnt, unruhig zu werden.


Gibt es etwas, das den Prozess der Verfeinerung, des Weiterwerdens, unterstützt?


Das Nervensystem organisiert sich entsprechend seiner Umgebung. Die Neuorganisation funktioniert einfacher, wenn Menschen anwesend und Beziehungen da sind, weil das Nervensystem ja Aufmerksamkeit braucht. Wenn es mit anderen Menschen zusammen ist, bekommt es automatisch mehr Aufmerksamkeit. Deswegen funktioniert Isolation von der Welt letztlich nicht. Wenn Menschen zwei Stunden in einem Umfeld von Bewusstsein wie diesem hier sind, in dem sie nichts tun müssen und ich nichts von ihnen will, organisiert sich das Nervensystem unmittelbar und spürbar um. Mein Lehrer sagte einmal: „Wenn du nur ein paar Tage auf einem Retreat oder Ähnlichem bist, beschleunigt das der Reifungsprozess um den Faktor 10.000.“ Aber dass du dich dafür entscheidest - ob du Interesse hast, hierher zu kommen - liegt nicht in deiner Hand.


Warum bringen Entspannungsmethoden nur partiell etwas bei diesem Prozess?


Die meisten Methoden oder Techniken haben immanent zum Ziel, die Erfahrung von Jetzt zu verändern oder zu verbessern. Aber genau darum geht es ja gar nicht. Die Erfahrung, die wir haben, ist ja jetzt - in diesem Augenblick schon - hier. Leben = Erfahrung ist ja schon. Unsere Optionen der Einflussnahme sind somit mehr als gering. Was schon hier ist, ist nicht mehr zu ändern, nicht wahr? Das gleiche gilt auch für Entspannungstechniken. Im Augenblick, wenn allerdings wir als Bewusstsein die gegenwärtige Organisation des Nervensystems im Körper voll und ganz einschließen, geht von diesem einfachen Präsent-Sein eine ungeheuer friedliche Wirkung aus. Die einzig nachhaltig entspannende Wirkung, nämlich: Es ist jemand hier und mit mir da. Solange eine Technik oder Methode angewandt wird, ist einfaches Hier-Sein, Anwesend-Sein meist überlagert mit Tun, Verändernwollen, Üben, Anwenden und dergleichen. Aus Sicht des Nervensystems - der Unschuld des Babys - allerdings ist niemand ‚zu Hause‘. Es kann vielleicht kurzzeitig durch eine Methode zur ‚Ruhe gebracht‘, künstlich befriedet werden. In Frieden-Sein jedoch ist etwas vollkommen anderes. Es ist natürlich und ungewollt, die Frucht einfachen, mühelosen Präsent-Seins mit dem, was ist.


Also entsteht Veränderung im Grunde allein durch Bewusstsein, durch das absichtslose Bemerken dessen, was ist? 


Das kann so sein, ist aber keine zwingende Schlussfolgerung, die ich so auch nicht ziehe und ist auch keine ‚Garantie‘ für Veränderung. Genau diese Schlussfolgerung beinhaltet ja wiederum den  - wenngleich nun subtileren - ‚Samen von Hoffnung‘, dass sich dann halt auf diese Weise - durch Bewusst-Sein - etwas ändert. Und darum geht es nicht und - Gottseidank - so funktioniert‘s auch nicht. Ansonsten wäre ja Bewusst-Sein nur eine weitere Methode und Technik.


Für mich stellt sich noch die Frage: Wie kann ich meinem Körper Aufmerksamkeit geben und mich dabei unterhalten, arbeiten oder etwas machen, bei dem ich meine Aufmerksamkeit auch noch auf etwas anderes richten muss als auf meinen Körper?


Es ist weniger eine Frage des Wie. Die zielt ja letztlich wieder auf einen Weg, eine Methode oder Technik hin. Vielmehr ist das, worüber wir hier sprechen, eine Art zu leben. Leben heißt, wir wissen nicht, wie es geht, aber wir experimentieren von Moment zu Moment, was es braucht, um vollkommen in Einklang, in Balance, in Wohlempfinden zu sein. Unser Körper gibt dir - wie du ja schon gesehen hast - jeden Augenblick Feedback, ob du ‚zu Hause‘ bist, oder eben ‚abwesend‘. Je  nachdem lässt er dich entweder Frieden, Sein, Liebe erfahren, oder aber er erinnert Dich: „Heh‘ mach mal langsam, sieh mich, empfinde mich, geh nicht drüber usw.“ Der Körper ist der beste Freund, den wir haben. Er lügt nicht. Wenn wir behutsam - nicht zielgerichtet -, sondern sanft gegenwärtig erforschen, welche Qualität und Quantität von Aufmerksamkeit er benötigt, nimmt die natürliche Kapazität präsent zu sein auch in alltäglichen Aktivitäten wie ‚unterhalten‘ stetig, ja unausweichlich zu. Nicht als Ergebnis von Disziplin und Übung, sondern als die Wirklichkeit gelebter Liebe, die ihrer Natur nach immer nur am Hier und Jetzt interessiert ist.


Seit Jahren habe ich verstanden, dass der Kern spiritueller Reifung in der Selbstliebe liegt. Wenn ich mich nicht liebe, kann ich keinen anderen wirklich lieben. Und immer dachte ich: Wie soll ich mich selbst lieben? Ich fühle es einfach nicht. Jetzt wird mir gerade klar: Aufmerksamkeit geben ohne verändern zu wollen = Liebe. Ich muss nichts Besonderes können, ich muss nichts Spezielles fühlen, ich muss nichts machen, ich muss nichts wollen, ich muss nichts ändern.


Ja, sobald du etwas verändern willst, liegst du im Kampf mit der Realität.


Ich hatte schon vorher verstanden, dass es ums Annehmen, ums Ja-Sagen geht zu dem, was ist und was ich bin, aber irgendwie erschien mir das so schwierig.


Jetzt siehst du es klar. Dieses Sehen - bewusst sein - geschieht immer nur Jetzt. Es ist Liebe. DAS ist alles, was existiert und Du bist DAS. Jetzt kannst Du Dich entspannen.


Wie sieht es mit externen Helfern aus? Immer wieder höre und lese ich von wunderbaren Erfolgen bestimmter Therapien und Heilweisen. Heiler legen die Hand auf und Tumore verschwinden. Andere heilen nur durch die Kraft ihres Geistes. Wieder andere entstören Räume von Wasseradern und Gitternetzen oder vertreiben irgendwelche Geistwesen und Menschen gesunden. Sind das nicht eigentlich alles nur Projektionsflächen, denen wir Energie und Aufmerksamkeit geben, die wir uns auch direkt geben können? Wenn ja: Ist es sinnvoll, sich mit dieser Ebene zu befassen? Brauchen wir eigentlich Therapeuten und Heiler, die auf der Ebene der Projektionen arbeiten? Was geschieht da eigentlich, was machen diese Heiler und Therapeuten?


Echte Heilung findet immer als Beiprodukt von Gewahr-Sein statt. Das lässt sich naturgemäss gar nicht verhindern. Im Bewusstsein finden verschiedenen Qualitäten und Quantitäten von Aufmerksamkeit statt, das heißt, Bewusstsein richtet sich beispielsweise auf einen ungesunden Teil des Körpers aus. Du erinnerst Dich: Aufmerksamkeit IST Bewusstsein in Aktion oder Liebe. Nun ist es möglich, dass im Bewusstsein bestimmte unbewusste Glaubenssätze oder Muster gesehen wurden. Ist das der Fall, steht nun dieser spezielle ‚integrierte‘ Teil dem jeweiligen Menschen bewusst zur Fügung und kann das selbe im Nervensystem eines anderen - wenn du so möchtest – initieren. Deshalb kannst du zum Beispiel jemanden nur so weit unterstützen, wie weit du selbst schon gegangen bist. Die Heilung selbst kommt aber nicht vom Heiler. Die Form des Aufmerksamkeit-Gebens regt lediglich die bereits vorhandenen Selbstheilungkräfte in einem anderen an. Je nachdem, wie empfänglich unser Nervensystem schon ist und ob wir an die Heilungskräfte glauben, desto effektiver wirken sie in uns. Es funktioniert eigentlich wie der Placebo-Effekt. Die Projektion ist nur die, dass wir ‚glauben‘, Heilung käme von aussen. Das kann entweder bei uns, aber auch seitens des Heilers passieren. Je klarer und freier wir von Glauben sind, desto projektionsfreier, direkter und unpersönlicher geschieht Heilung - am natürlichsten und in meiner Erfahrung am nachhaltigsten eben als Beiprodukt von einfachem, absichtslosem Bewusst-Sein. Und DAS sind wir ja schon. Somit kann ein echter Heilungs- oder Integrationsprozess - der den Job für uns macht - selbst iniitiert, aber vor allem stetig genährt werden.


Wenn wir einer Projektion Aufmerksamkeit geben, dann geben wir ihr also damit Energie und Leben. Und je mehr Aufmerksamkeit wir ihr geben, desto mehr Kraft bekommt sie – bis hin zur materiellen Verwirklichung.


Ja, Leben ist ein endloses Spiel von Aufmerksamkeit schenken und empfangen. Das ist Liebe.

 

 

 
 
 


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