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"Die Anarchie ist unvermeidbar!" Geschichte wird gemacht. - Es geht voran!
"Keine Aufklärung ohne Kritik und keine Kritik ohne Aufklärung!" Konstruktiver Anarchismus! Der Traum von der Anarchie – utopische Klamotte von vorgestern oder zukunftsweisende Struktur von morgen? (Von Horst Stowasser. Ein Beitrag des Webmagazins auf "Hinter den Schlagzeilen") Anarchie an den internationalen Finanzmärkten, Anarchie auf deutschen Bahnhöfen beim Eisenbahner-Streik und im Irawadi-Delta nach der Flutkatastrophe. Anarchie in Afghanistan, Somalia und Dhafur, und schliesslich auch noch Anarchie im Kinderzimmer, wenn die Super-Nanny in Urlaub ist … Herrlich, überall scheint sie neuerdings auszubrechen, die Anarchie! Und dennoch möchte ich als überzeugter Anarchist auch nicht für eine Minute an einem dieser Orte sein. Warum? Ganz einfach, weil ich ein Mensch bin, der Ordnung liebt. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Denn Anarchie ist keineswegs Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft. Und damit, wie schon der französische Geograph Elisée Reclus vor fast 150 Jahren feststellte, die höchste Form der Ordnung überhaupt. Zugegeben, es fällt uns schwer, sich das vorzustellen: Dass Menschen sich ihre Prinzipien, Regeln, Strukturen selber geben und die Grenzen ihres Verhaltens selbst setzen. Und dass sie die Einhaltung dieser selbst gewählten Ethik in ihrem sozialen Leben nicht mit dem permanenten Droh- und Gewaltszenario von Polizei, Justiz, Strafe und staatlicher Macht durchsetzen wollen, sondern stattdessen lieber auf Freiwilligkeit, Gewaltfreiheit, Kommunikation, Lernprozesse und die stetige, sanfte soziale Überzeugungsarbeit setzen. Das ist ja völlig utopisch! All dies, so wird wohl jeder «normal denkende» und «vernünftige» Staatsbürger des 21. Jahrhunderts entgegnen, mag ja ein hübscher Wunschtraum sein, vielleicht sogar ein wohlgemeinter, aber im Grunde eine völlig utopische Vorstellung. Eine romantische Klamotte aus dem 19. Jahrhundert. Das kann unmöglich funktionieren, denn, wie wir doch alle wissen, ist der Mensch hierzu gar nicht fähig, er ist biologisch auf Kampf, Konkurrenz und Egoismus programmiert. Und genau deshalb muss jede Ordnung, die nicht auf Herrschaft und Gewalt aufbaut, unweigerlich im Chaos untergehen. Eine Utopie ist laut Duden eine «nicht realisierbare Idee». In unserer Umgangssprache gilt Utopie schlicht als ein «Hirngespinst». Auffällig an dieser Argumentation ist, dass sie jedes Mal aufs Neue ins Feld geführt wird, wenn es darum geht, Neues zu verhindern. Einen Menschen, der vor dreihundert Jahren behauptet hätte, dass dereinst ein Volk nicht mehr vom gottgewollten König regiert werden würde, hätte man glatt für verrückt erklärt. Die Vorstellung, alle paar Jahre ein paar hundert Leute auszuwählen, die sich zusammenhockten, diskutierten und statt des Monarchen regierten, wäre absurd erschienen. Weil es gegen die Natur des Menschen verstosse und gegen die bewährte Ordnung der Dinge. Man hätte die Verkünder solcher Ideen als gefährliche Aufwiegler verfolgt oder bestenfalls als Utopisten ausgelacht. Heute indes leben wir nach genau diesem Muster, nennen es «Demokratie» und finden es völlig normal. Wer heute die Rückkehr zur Monarchie fordert, gilt als Idiot. Wir lernen daraus zweierlei: Erstens, dass Wandel möglich ist und nichts so bleibt, wie es ist. Und zweitens, dass es unerheblich ist, wie verrückt, utopisch oder versponnen ein neuer Gesellschaftsentwurf auf seine Zeitgenossen wirkt. Diese Erkenntnis sollte uns dazu ermutigen, uns unvoreingenommen mit Vorstellungen zu befassen, die noch jenseits unseres Erfahrungshorizontes liegen. Eine Gesellschaft, in der Freiheit das leitende Prinzip ist, schlagen Anarchisten vor. Eine Gesellschaft, in der sich eine Ethik, die von Kooperation, Solidarität und gegenseitiger Hilfe geprägt wäre, frei entwickeln kann. Und zwar nicht unter Berufung auf ein selbstloses, altruistisches Ideal, sondern angetrieben von einem wohlverstandenen «sozialen Egoismus». Gemeint ist die Überzeugung, dass das größte Maß an Freiheit, die optimale wirtschaftliche Versorgung und die bestmögliche ökologische Harmonie mit unserer Umwelt nur dann garantiert sind, wenn auch alle anderen Menschen so leben können. Das umwälzend Neue am anarchistischen Gesellschaftsmodell ist jedoch seine Struktur. Sie gründet sich auf das Prinzip der freien Vereinbarung und geht davon aus, dass die Menschen in einem solchen gesellschaftlichen Umfeld befähigt und ermutigt werden, ihre privaten und gesellschaftlichen Bedürfnisse ohne Hierarchie und Bevormundung selbst in die Hand zu nehmen. Mit einem Minimum an Entfremdung und einem Maximum an Alternativen. So können sie sich in ihrer jeweils bevorzugten Sozialstruktur zusammenschliessen – entweder, indem sie ihre eigene Gesellschaft aufbauen oder sich einer bestehenden anschliessen, die ihren Vorstellungen und Wünschen entspricht. So würde eine andere Ordnung heranwachsen, in der es letztlich keine Herrschaft von Menschen über Menschen mehr gibt. Soziale Handlungsroutinen wie gegenseitige Hilfe und Solidarität könnten an die Stelle heutiger, künstlich aufrecht erhaltener und mit Gewalt verteidigter Realitäten wie Gesetze, Konkurrenzkampf, zerstörerischer Wettbewerb und asozialer Egoismus treten. Autoritärer Zentralismus würde durch Föderalismus ersetzt: die dezentrale Vernetzung kleiner und überschaubarer gesellschaftlicher Einheiten. Staatliche Herrschaft, menschenverachtende Ausbeutung und die Umwelt zerstörende Gigantomanie würden dann zunehmend absurd und von freien Zweckzusammenschlüssen abgelöst. Besonders originell an dieser Vorstellung ist die Idee, dass es auf einem geografischen Gebiet nicht mehr nur eine Gesellschaft gibt, einen für alle gleichermassen verbindlichen Staat, sondern eine Vielfalt parallel existierender gesellschaftlicher Gebilde, die sich jeweils ihr eigenes Regelwerk geben. Ist diese Vorstellung nicht absolut utopisch? Ja und nein: Es hängt davon ab, was wir unter «Utopie» verstehen. Das Wort utopia kommt aus dem Griechischen und bedeutet «Nicht-Land» oder «an einem anderen Ort». Zur Zeit des Absolutismus, als jede Kritik an den herrschenden Zuständen den Kritiker den Kopf hätte kosten können, pflegten Menschen, die sich Gedanken über eine vollkommenere Gesellschaft machten, diese vorsichtshalber in ferne Erdteile zu verlegen oder auf erfundenen Inseln anzusiedeln – eben in Utopia. Im Sinne der meisten klassischen «Utopisten» ist eine Utopie jedoch keineswegs nur ein schöner Wunschtraum, sondern ein möglicher Zukunftsentwurf, der leider noch nicht verwirklicht ist. Utopien sind also Skizzen von Gesellschaften, wie sie sein könnten und sollten, durchzogen von radikaler Kritik an den herrschenden Zuständen. In diesem Sinne ist Anarchie eine Utopie. Noch. Die Umgangssprache indes hat sich die Sichtweise des absolutistischen Herrschers zu eigen gemacht und versteht unter Utopie schlicht einen absurden Wunschtraum – unrealistisch, naiv, dumm und bisweilen auch gefährlich. In diesem Sinne ist Anarchie nicht utopisch. Wie das? Ist es etwa nicht absurd, anzunehmen, eine Gesellschaft, in der jeder tun und lassen kann, was er will, könne funktionieren? Brauchte es für die Anarchie nicht einen ganz neuen Menschen, der gut, edel und lammfromm ist? Und ist die Grundannahme einer Gesellschaft ohne Hierarchie nicht vor allem deshalb töricht, weil der Mensch hierarchisch programmiert ist und Hierarchie braucht? Wer sich ernsthaft mit anarchistischen Ideen beschäftigt*, wird feststellen, das «in der Anarchie» eben nicht jeder alles tun kann, was er will, aber sehr viel mehr als ihm heute erlaubt ist. Auch ist nach Meinung der Anarchisten keineswegs ein «neuer Mensch» nötig, damit eine anarchische Struktur funktioniert. Denn jeder Gesellschaftsentwurf, der zu seiner Realisierung erst eine Neuerfindung des homo sapiens oder seine zwangsweise Umerziehung braucht, ist, wie die Erfahrung der kommunistischen Diktaturen zeigen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ist Anarchie ein leistungsfähiges Modell? Der Anarchismus erhebt den Anspruch, gerade durch seine Vielfalt dem «sozialen Egoismus» des Menschen eher gerecht zu werden als die erzwungene Nivellierung durch staatliche Systeme. Auch sein Wirtschaftsmodell*, dessen Ökonomie auf einer solidarischen und dezentralen Bedürfnisproduktion innerhalb einer kooperativen Gesellschaft beruht, dürfte vielen Menschen angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeiten im Kapitalismus, als eine attraktive Alternative erscheinen. In einer solchen Wirtschaftsform müsste nämlich nur noch das hergestellt werden, was die Menschen zu einem guten und erfüllten Leben wirklich brauchen – wozu durchaus auch Dinge des Genusses und Vergnügens zählen. Andere „Wirtschaftsleistungen“ würden in einer anarchistischen Gesellschaft dagegen zunehmend sinnlos. Dazu gehören Bürokratie und Werbung, Rüstung und Militär, Zinsdienst, staatliche Repräsentation, künstlich hergestellte Verschleissproduktion oder Modetrends, der Unterhalt eines teuren Repressionsapparates oder die Kosten des gesamten Spekulationsbusiness. Die meisten Waren könnten zudem in der näheren Umgebung umweltverträglich hergestellt werden und müssten nicht mehr aus Gründen eines Handelsgewinns um die halbe Welt transportiert werden. All dies brächte nicht nur enorme wirtschaftliche Einsparungen, sondern auch ungeahnte ökologische Effekte. Nur im von Schrumpfung geprägten Modell einer anarchistischen Wirtschaft ist ein Zusammenwirken von Ökologie und Ökonomie überhaupt möglich; im wachstumsgeprägten Kapitalismus ist dies schlicht undenkbar. Zahllose Studien wirtschaftswissenschaftlicher Fakultäten aus aller Welt belegen, dass wir angesichts unseres hohen Produktionsgrades bei einer konsequenten Bedürfniswirtschaft nur noch drei bis vier Stunden täglich arbeiten müssten, um den materiellen Bedarf aller Menschen auf dieser Welt zu befriedigen. Im Grunde, so die Anarchisten, hat die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen und die Ausbeutung der Natur durch den Menschen ein und dieselbe Wurzel: Die Idee der Herrschaft. Es ist ein frommes Märchen, dass Unterdrückung ein unabdingbares Lebenselixier und Hierarchie eine massgebliche biologische Komponente sei, die auch die Prinzipien unseres gesellschaftlichen Lebens bestimmen müssten. Der anarchistische Naturwissenschaftler Peter Kropotkin untersuchte im Jahre 1902 in seinem Bahn brechenden Buch «Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt» die vielfältigen Formen kooperativer Verhaltensweisen. Er stellte dabei Darwins wissenschaftliche Beobachtungen, dass es im Tierreich einen «Kampf ums Dasein» und ein «Überleben der Tüchtigsten» gebe, nicht in Abrede. Er warf aber die nahe liegende Frage auf, wie stark diese Verhaltensweisen tatsächlich am Erfolg einer Spezies oder ganzer vernetzter Biotope beteiligt seien. Dies führte zu dem Schluss, dass dem Konkurrenzprinzip das ebenso unstreitbar existierende Prinzip der sozialen Kooperation gegenüber gestellt werden müsse. Ja, gegenseitige Hilfe trüge sehr viel stärker zu Erfolg, Fortschritt und Überleben bei als Kampf und Konkurrenz. Mit dieser Ansicht stand Kropotkin allerdings anfangs als einsamer Rufer in der Wüste da. Denn die plumpe Übertragung des Darwinschen Modells auf die menschliche Gesellschaft, der «Sozialdarwinismus», war damals das Lieblingskind der herrschenden und meinungsbildenden Eliten. Sie konnten damit ja wunderbar ihre unerhörten Privilegien rechtfertigen. Noch heute ist die Vorstellung, dass Kampf, Wettbewerb und Egoismus leistungsfähige Modelle seien, in den tonangebenden wirtschaftswissenschaftlichen Schulen ein weit verbreiteter Trivialmythos. Inzwischen belegen aber alle Erkenntnisse der Sozialwissenschaften, der Verhaltensforschung, der Biologie und Neurobiologie – und sogar die von klugen Nationalökonomen! – eindrucksvoll, dass sich nicht Konkurrenz, sondern Kooperation als das deutlich leistungsfähigere Modell erwiesen hat. Kropotkins These von der gegenseitigen Hilfe ist heute aktueller denn je. All dies mag abstrakt klingen und furchtbar theoretisch. Furchtbar real ist indes die alltägliche Wirklichkeit des staatlich-kapitalistischen Systems. Man braucht man nur einen Blick in eine beliebige Tageszeitung zu werfen, um sich ein Bild zu machen. Dieses System herrscht seit Jahrhunderten auf jedem Quadratzentimeter unseres Planeten, und man kommt wohl um die schlichte Feststellung nicht herum, dass es dies nicht sehr erfolgreich tut. Nehmen wir zum Beispiel die so genannte «Krise»**, die derzeit in allen Medien so aufgeregt begackert wird. Ungeheuerliches ist da passiert; Finanzjunkies haben auf der absurden Theaterbühne der globalisierten Finanzmärkte Milliardenblasen aus spekulativen Luftnummern platzen lassen, und wir alle werden diese Zeche bezahlen müssen. Mit dem Verlust unserer Wertpapierdepots, wenn wir zu den Spekulanten gehören, mit dem Verlust unserer Arbeitsplätze, wenn wir zu den normalen Malochern zählen und mit dem Verlust unseres Lebens, wenn wir das Pech haben, in irgendeinem Land der dritten Welt zu leben. «Krise» – das ist laut Duden eine „Entscheidungssituation, Wende-, Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung«. Von alldem ist jedoch weit und breit nichts zu sehen; ein Umdenken findet nirgends statt: Die blamierten Wirtschaftsliberalen hocken rechthaberisch im Schmollwinkel, Banken und Unternehmer halten ungeniert die Hand auf, die Staatsführungen füllen diese generös mit Billionen, die etablierte Politik zieht ein klein wenig die Staatszügel an – und ansonsten wird herumlaviert. Die Rezepte sind kurzatmig und darauf bedacht, alles schön zudecken anstatt aufdecken. Vor allem darf nur nichts grundlegend neu überdacht werden. Und die Linke? Die frohlockt schon mal vorschnell, der Kapitalismus sei am Ende. Von wegen! Die rhetorische Gebetsmühle rattert wieder und sondert altbekannte Statements ab: Der Kapitalismus funktioniert nicht so recht – wir können es besser! Chefs und Manager sind schamlos reich – her mit ihrem Geld für die Sozialhilfeempfänger! Die profitgeile Wirtschaft vernichtet Arbeitsplätze – wir fordern Arbeit für alle! Restriktive Steuerpolitik begünstigt bloss die Reichen – linke Konsumpolitik wird endlich wieder Wachstum bringen! Ist da irgendwo irgendetwas Neues in Sicht? Ein Umdenken, ein Paradigmenwechsel, Visionen gar? Es könnte einen die Verzweiflung überkommen. Denn eigentlich ist es doch sonnenklar: Die menschenverachtende kapitalistische Weltunordnung gehört nicht „verbessert“, sondern durch etwas Besseres ersetzt. Asoziales Eigentum stellt an sich eine Ungerechtigkeit dar. Es genügt nicht, es umzuverteilen, die herrschende Eigentumsordnung muss einem System des sozialen Besitzes weichen. Nicht besser bezahlte Lohnarbeit ist eine dem Menschen angemessene Daseinsform, sondern gar keine. Die Chance des ökologischen Überlebens auf diesem Planeten gründet nicht auf mehr Wachstum, sondern auf weniger. Wer aber hätte überhaupt passende Modelle anzubieten, die die herrschende Denkblockade aufbrechen könnten? Anarchisten zum Beispiel. Aber deren Ideen gelten ja als utopisch und irrational … *An dieser Stelle kann ich natürlich nicht die ganze Bandbreite des anarchistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells darstellen. All dies versuche ich ausführlich und leicht verständlich, mit praktischen Beispielen und zahlreichen Quellenangaben in: Horst Stowasser, Anarchie! Hamburg 2007. ** Zur aktuellen Finanzkrise vgl.: Horst Stowasser, Diagnose Kapitalismus, in: „Hintergrund“. www.hintergrund.de/20081217327/wirtschaft/finanzwelt/diagnose-„kapitalismus”.html Die anarchistische Vision Anarchistische Wirtschaft beruht auf einer „dezentralen Bedürfnisproduktion“. Was heißt das? ---Zunächst einmal, dass Produzenten und Konsumenten selbst bestimmen, was sie produzieren, wie sie produzieren und wie sie die Produkte verteilen. In staatlich-kapitalistischen Strukturen wäre das kaum durchführbar – in dezentral-anarchischen Strukturen* hingegen bietet es sich geradezu an. Dort wäre ja die Gesellschaft ohnehin dezentral und selbstverwaltet organisiert, dort wären Produzenten und Konsumenten größtenteils identisch und dort bestünden günstige Voraussetzungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, Arbeitsprozessen und der Auswahl dessen, was wirklich gebraucht wird. Da in einer anarchischen Gesellschaft die Arbeiter gleichzeitig auch Besitzer ihrer Produktionsmittel wären, könnte zum Beispiel die Belegschaft eines Konzerns entscheiden, ihren Giganten zurückzubauen und „umzupolen“. Der einzelne Arbeiter baut heutzutage Autos oder Kampfjets ja nicht unbedingt aus innerer Überzeugung, sondern weil er einen Arbeitsplatz braucht, um Geld zu verdienen. In einer Gesellschaft, die in allen Bereichen auf freier, bewusster Entscheidung aufbaut, dürften nach Meinung der Anarchisten gute Chancen bestehen, dass auch im wirtschaftlichen Bereich die Produzenten andere Entscheidungen träfen als heute die Konzerne. Das gleiche gälte natürlich für Landwirtschaft, Konsumgüter und Dienstleistungen. ---Genau betrachtet wäre erst in dieser Bedürfnisproduktion das verwirklicht, was der Liberalismus fälschlich für sich in Anspruch nimmt – dass sich nämlich „der Markt“ frei entfaltet und gemäß den tatsächlichen Bedürfnissen der Verbraucher produziert. ---Durch die dezentrale Vernetzung einer solchen Gesellschaft würden viele Waren, Produkte und Lebensmittel in der näheren Umgebung erzeugt und verbraucht. Das könnte ganz beträchtliche Transport-, Lager- und Logistikkosten einsparen. Es reduzierte den ökologischen Wahnsinn, dass viele Produkte aus reinen Gründen eines Handelsgewinns um die ganze Erde hin- und hertransportiert werden. Gleiches ließe sich für die Weiterverarbeitung von Rohstoffen erreichen, die sich heute – ebenfalls aus Gründen des Profits – überwiegend die reichen Industrieländer gesichert haben. Import und Export wären dann nur noch für Produkte nötig, die etwa nur in bestimmten Klimazonen gedeihen oder an bestimmten Plätzen hergestellt werden können. Daher dezentrale Bedürfnisproduktion. ---Anarchistische Wirtschaftstheoretiker gehen davon aus, dass in einer solchen Ökonomie am Ende nur noch das hergestellt würde, was alle Menschen der Erde zum Leben, zum Vergnügen und zur Bequemlichkeit brauchen. Nicht mehr und nicht weniger. ---Einigen mag das jetzt bedenklich nach 'DDR-Wirtschaft' klingen: grau, phantasielos, einheitlich und immer knapp. In den Augen der Libertären ist das allerdings barer Unsinn: Gerade in einer anarchischen Gesellschaft werde es viel Raum für Individualität, Vielfalt und Phantasie geben, und auch 'Luxus' sei kein Tabu – sofern es sich dabei nicht um Protzerei auf Kosten anderer handelt, sondern um Freude am Schönen und am Genuss. In den verschiedenartigsten autonomen Mikro-Gesellschaften, aus denen die anarchische Gesellschaft besteht, könnten sich verschiedene Menschengruppen auch nach verschiedenen Konsumbedürfnissen und Lebensgewohnheiten zusammenschließen: von bedürfnislos-grau bis genussvoll-schrill. Wer mehr konsumieren wolle, habe durchaus das Recht, sich diesen Mehrkonsum zu erarbeiten. Was jedoch nach anarchistischer Meinung verschwinden soll, ist die Ausbeutung anderer Menschen, denn libertäre Wirtschaft müsse eine Solidarwirtschaft sein, die nicht auf parasitärer Lebensweise aufbauen dürfe. Eine Ökonomie des Verzichts? Das bedeutet aber auch, dass wir nicht nur an „uns“ denken können, sondern auch an den „Rest der Menschheit“. Eine solche Solidarwirtschaft müsste weltweit wirken, oder sie hätte ethisch versagt. Heute lebt der kleinste Teil der Menschen im Überfluss, während der größte Teil nicht einmal genug zu essen hat. ---Heißt das, dass wir Verzicht üben müssen und verdammt wären, zu verarmen? ---Ja und nein. Verzicht üben müssen wir ganz sicherlich, aber nicht etwa deshalb, weil es nicht möglich wäre, allen Menschen ein lebenswertes Leben zu bieten, und wir darum „unseren“ Reichtum zu verschenken hätten. Wir werden so oder so gezwungen sein, den manischen Konsumgalopp zu bremsen, wie wir ihn in den westlichen Industrienationen pflegen, weil uns nämlich die Verschwendungsorgie, in der wir leben, geradewegs in katastrophale Sackgassen führt. Das hat wirtschaftliche, ökologische und demografische Gründe, und mit Anarchie überhaupt nichts zu tun. Wenn man bedenkt, dass es allein in Nordrhein-Westfalen mehr Kraftfahrzeuge gibt als auf dem ganzen afrikanischen Kontinent, wird klar, dass es nicht um moralische Fragen geht, sondern um Tatsachen: um den Irrsinn unserer verschwenderischen Lebensweise, die unmöglich ein Modell für die Menschheit sein kann. In all den genannten Fällen konsumieren wir nämlich mit ungedecktem Kredit – sowohl dem Geld als auch der Natur gegenüber. ---Auf den hemmungslosen Verbrauch von Energien und Ressourcen, auf Prestige-Luxus und Konsumrausch als Ersatzbefriedigung für wirkliches Leben wird die Menschheit also auf jeden Fall verzichten müssen, weil nämlich viele Reserven, aus denen wir uns bedienen, schon bald erschöpft sein werden. Ob das aber eine Verarmung bedeutet, ist zu bezweifeln. Man könnte auch das Gegenteil vermuten. Die Überwindung der Sinnleere des Alltags, des Trends zu Vereinzelung, Entfremdung und Vermassung, der immer mehr Menschen in eine Art Ersatzbefriedigung treibt. ---Die Frage, vor der wir heute stehen, ist also nicht, ob wir so weiterleben können wie bisher, denn das können wir ganz eindeutig nicht. Die Alternative lautet, ob wir mit unserer Luxusyacht stilvoll in den Fluten eines bescheuerten Systems untergehen, oder ob wir unser Schiff umtakeln und einen neuen Kurs einschlagen. Dieser neue Kurs bedeutet zwar einen Verzicht auf einige Dinge und Gewohnheiten, aber nicht eine Verarmung unseres Lebens. Wir könnten stattdessen eine völlig neue Lebensqualität gewinnen, die man nirgends für Geld kaufen kann, und vermutlich wären bei entsprechender Organisation nicht einmal Abstriche beim Lebensstandard hinzunehmen. ---Wie das? Durch Einsparung und Umverteilung. Eine Ökonomie der Vernunft Folgen wir der anarchistischen Wirtschaftsvision, so dürfen wir annehmen, dass in einer Gesellschaft der konsequenten Bedürfnisproduktion die Menschen solche Dinge herstellen werden, die sie tatsächlich brauchen und haben wollen. Diese Gesellschaft bräuchte keine Rüstung mehr, keine Raumfahrttechnologie, keine Werbung, keine künstlichen Modetrends, keine gewollt konstruierten Verschleißprodukte, keine Prestigeausgaben, keine Kriege, keinen Superluxus für die Superreichen, keinen unnützen Transport, keine Spekulationsgeschäfte, keine staatliche Repräsentation, keine reichen Sozialparasiten, die auf Kosten anderer ein arbeitsloses Einkommen genießen und so weiter… Ebenso käme sie ohne Bürokratenheere aus, weil sie sich selbst verwalten könnte, ohne Sozialhilfe und Arbeitslosengelder, weil sie ein Solidarsystem kleiner Gruppen wäre, und vermutlich auch ohne den eminent teuren Repressionsapparat von Justiz, Polizei, Strafvollzug. Auch im aufgeblähten Medien- und Kommunikationsbereich würden die Menschen vermutlich gerne auf einiges verzichten wollen. ---All das aber bindet heute unglaubliche Mengen an Arbeitskraft, Kreativität, Ideen, Ressourcen, Werten und Geld. Für die Herstellung und Verteilung von Waren, Lebensmitteln und Dienstleistungen wird schon heute der geringere Teil menschlicher Arbeit aufgewendet – der größere Teil wird verschwendet und verpufft in „Leistungen“, die entweder niemand wirklich braucht, oder die auf andere Weise besser organisiert werden könnten. ---Alle Jahre wieder kursieren Studien amerikanischer und europäischer Universitäten, die ausrechnen, wieviel Arbeitsstunden der Mensch bei einer konsequenten Bedürfnisproduktion noch leisten müsste, um den Bedarf aller Menschen der Erde zu befriedigen. Wohlgemerkt: aller Menschen. Und wir sprechen hier nicht nur von der bloßen Ernährung, sondern von einem anständigen Konsum- und Lebensstandard! Zur Zeit liegen diese Zahlen zwischen drei und fünf Stunden täglich, manche Anarchisten kommen mit ihren Rechenkunststücken sogar auf die phantastische Vision einer Fünf-Stunden-Woche – und nicht mal die ist bei genauerem Hinsehen von der Hand zu weisen… Wie dem auch sei, die Welternährungsexperten der Vereinten Nationen sind sich darin einig, dass allein der weltweite Wegfall der Rüstung genügend Kräfte und Mittel freisetzen würde, um mit dem Hunger in der Welt sofort Schluss zu machen. ---„Warum aber tut man es dann nicht?“, fragt meine naive Tochter. ---Die Antwort ist ebenso einfach wie absurd: Wegen der inneren Logik unseres Wirtschaftssystems. Im Kapitalismus zahlt es sich nicht aus, den Hunger zu besiegen und ist deshalb ökonomisch unvernünftig. Denn hungernde Menschen stellen keinen „Markt“ dar: sie sind zu arm, um zu bezahlen. Rüstung hingegen ist ein vernünftiges Geschäft, und der Supercoup, von dem jeder Rüstungsmanager träumt, ist der Krieg, weil sich dabei nämlich die teuren Waffensysteme selbst vernichten, so dass sie anschließend wieder neu gekauft werden müssen. ---Angesichts dieses Irrsinnssystems zum Schluss noch einmal die Frage: Was ist eigentlich „die Krise“, von der zur Zeit so unendlich viel schwadroniert wird? Irgendwelche Zahlen auf den elektronischen Anzeigetafeln in der Wall Street oder die ganz banale Tatsache, dass solche Zahlen überhaupt existieren und ihre kryptische „Logik“ letztendlich über unser aller Wohl und Wehe bestimmen? ---Zugegeben, diese Frage ist eine rhetorische. Es ist an der Zeit, dass aus ihrer Beantwortung eine neue Realität erwächst. (Quelle - Horst Stowasser) 
DIE NEUGESTALTUNG DER GESELLSCHAFT - Was uns die großen Denker und viele andere bis in unsere Tage lehren wollen, ist die entscheidende Betonung des Glaubens, daß die Menschheit ein aktiver Teil in dieser Welt sein möge. LIBERTÄRER ANARCHISTISCHER KOMMUNALISMUS verfolgt einen holistischen Ansatz für eine ökologisch orientier 
te Ökonomie. Politische und Sachentscheidungen auf dem Sektor der Landwirtschaft und der Industrie werden von den Bürgern in direkten Versammlungen gefällt - als Bürger und nicht bloß als Arbeitern Bauern oder Akademikern, die im übrigen - unabhängig von ihren Fachkenntnissen - durch die verschiedenen Tätigkeiten rotieren. Als Bürger treten in solchen Versammlungen in ihrer höchsten Eigenschaft - der als menschliche Wesen - und nicht als Bewohner gesellschaftlicher Getthos auf.

Sie vertreten ihre allgemeinen menschlichen Interessen und nicht ihre eigenen Staatsinteressen. - Statt Fabriken, Handwerksbetriebe, Versorgungszentren sowie Grund und Boden zu verstaatlichen und zu kollektivieren, kommunalisiert jede ökologische Gemeinschaft ihre Wirtschaft und integriert ihre Ressourcen mit denen anderer Gemeinschaften in einem regionalen konförderalen System. Land , Fabriken und Betriebe werden durch die VOLKSVERSAMMLUNG freier Gemeinschaften kontrolliert und nicht durch den Nationalstaat oder durch die Produktionsarbeiter, die nämlich ein durchaus eigennütziges Interesse in ihnen entwickeln könnten. Jeder fungiert in einem gewissen Sinne als Bürger und nicht als Ego, als Klassenwesen oder als spezieller Teil eines "Kollektivs" mit jeweils eigenen Interessen. Das klassische Ideal der rationalen Bürgerinnen und Bürger, die untereinander in einer persönlichen diskursiven Beziehung stehen, gewinnt eine ökonomische Basis und durchdringt jeden Aspekt des öffentlichen Lebens. _Eine ökologische Gesellschaft, die sich um das konförderale System einer Kommune von Kommunen strukturiert, von denen jede an das Ökosystem und die Bioregion angepaßt ist, in der sie gelegen ist, würde das technologische Rüstzeug gekonnt einsetzen. Sie würde auf die örtlichen Ressourcen zurückgreifen, von denen schon viele als Folge der Massenproduktionstechniken aufgegeben wurden. _Die Revolutionäre von heute müssen sich von den strahlenden Idealisten der Vergangenheit inspirieren lassen, beispielsweise von den großen russischen und französischen Revolutionären des letzen Jahrhunderts, die kaum hoffen konnten, noch mit eigenen Augen die gewaltigen Umwälzungen späterer Generationen zu sehen, die sie doch durch das Vorbild ihres Lebens, ihrer Entschlossenheit und Überzeugung mit vorbereiteten. Revolutionäres Engagement ist nicht nur Berufung, welche die Welt zu verändern sucht, es ist zugleich eine nach innen gerichtete Aufforderung, die eigene Identität und Individualität aus einer korrupten Gesellschaft zu retten, die mit billigen Genüssen lockt und Status in einer völlig sinnlos gewordenen Welt verheißt und damit geradezu den Kern der Persönlichkeit zerstört. Eine neue Politik muß entwickelt werden, die die Fallstricke des Parlamentarismus und das schnelle Erfolgserlebnis einer sogenannten Medien-"Öffentlichkeit" vermeidet, die statt der sachlichen Information eher der Selbsterhöhung dient. Neue Programme und eine neue Politik muß an der unmittelbaren Umwelt des Einzelnen ansetzen - an der Wohnsituation und den Problemen in der Nachbarschaft, am öffentlichen Nahverkehr oder den wirtschaftlichen Bedingungen, an den Umweltverschmutzungen und der Situation am Arbeitsplatz . Die Macht muß allmählich in die Stadtteile und Gemeinden verlängert werden, in Form von Stadtteilzentren , Kooperativen, Werkstätten und schließlich Bürgerversammlungen. Wir verfügen heute über einen großartiges Reportoire neuer Ideen, Pläne, technischer Entwürfe und Daten, die uns die bildliche Vorstellung einer ökologischen Gemeinschaft und einer PARTIZIPATORISCHEN DEMOKRATIE oder ANARCHIE ALS DIREKTDEMOKRATIE vermitteln können. Die Welt muß so viel wie möglich hinzulernen, Menschen sollten ihr Leben selbst ändern und nicht bloß auf selbstgesalbte Eliten warten, aus denen dann doch nur eigennützige Oligarchien werden. - Unsere Sensibilität, unsere Ethik, unsere Art, die Wirklichkeit zu sehen, und unser Identitätsgefühl müssen durch Wissen geändert werden, durch eine Politik des vernünftig argumentierenden Diskurses, der vorsichtigen Experimente und der kalkulierten Fehlschläge; nur so kann die Menschheit jenen Grad der Selbsterkenntnis gewinnen, den sie zu ihrer schließlichen Selbstbestimmung benötigt. Die Lebensgrundlagen müssen als das gelten, was sie buchstäblich sind: Grundlagen ohne die Leben unmöglich ist. Sie Menschen vorzuenthalten, ist schlimmer als "Diebstahl" (um Proudhons Bezeichnung für Eigentum zu gebrauchen); es ist schlechterdings Totschlag. - "Niemand hat das Recht, etwas zum Eigentum zu haben, von dem das Leben anderer - sei es moralisch, gesellschaftlich oder ökologisch - abhängig ist. Ebensowenig hat irgend jemand das Recht, privat betriebene technische Anlagen, die sowohl die menschliche Gesundheit als auch die des Planeten gefährden zu entwicklen, anzuwenden oder der GESELLSCHAFT aufzuzwingen. Die Produktion darf nicht länger als Quelle für Profite und zur Umsetzung privater Interessen dienen. Sauber gefertigte Dinge, die die Menschen zum nackten Leben oder zum körperlichen und geistigen Wohlbefinden benötigen, sind heiliger als die geheimnisumwitterten Fetische, mit denen religiöse und abergläubische Kulte die Menschen blenden. Brot ist mit Verlaub "heiliger" als priesterlicher Segen; Alltagskleider "gesegneter" als kirchliche Gewänder; der persönliche Wohnraum spirituell wichtiger als Kirchen und Tempel; das bessere Leben auf Erden ist segensreicher als das im Himmel verheißene. _Entweder wir akzeptieren scheinbar "utopische" Lösungen auf der Basis der Dezentralisierung, eines neuen Ausgleichs, mit der Natur und der Harmonisierung sozialer Beziehungen, oder wir stehen vor der realen Vernichtung der materiellen und natürlichen Grundlage menschlichen Lebens auf diesem Planeten. Die "anarchische Vision" von dezentralisierten Gemeinschaften, die in freien Konförderationen und Zusammenhängen zur Koordination der regionalen Gemeinschaften vereint sind, stellt die traditionellen Ideale einer partizipartorischen Demokratie in einen modernen radikalen Kontext. _Dementsprechend wird der Bürger auf den Status eines anonymen "Wählers" parlamentarischer Vertreter reduziert. Er hat vor allem die Aufgabe, Steuern zu zahlen, einer anstrengenden Arbeit zur Aufrechterhaltung der gegenwärteigen Gesellschaft nachzugehen, für Nachkommen zu sorgen und sich bescheiden aus dem politischen Leben herauszuhalte - denn dieses bleibt dem Staat und seinen offiziellen Politikern vorbehalten. Unser entstellter Diskurs verwischt den lebenswichtigen Unterschied zwischen Stadt und Verstädterung, zwischen Bürger und Wählern, zwischen Politik und Staatsapparat. Die Stadt, als eine menschengerecht angelgte, sich selbst regierende Gemeinde, die frei und konförderativ mit anderen ebenfalls menschengerechten, sich selbst regierenden Gemeinden im Bündnis steht, löst sich in unübersehbare Stadtlandschaften auf. Der Bürger, der eigentlich Politik aktiv vorgeben soll, wird zum passiven Steuerzahler und zum bloßen Empfänger öffentlicher Leistungen, - bereitgestellt von bürokratischen Gebilden, Bürgerpolitik verkommt zur Politik in einem Staatsapparat, zu einem Beruf für zynische, professionelle Machtakrobaten. - Die gesamte Sache wird wie ein Geschäft betrieben._VOLKSVERSAMMLUNGEN sind das Hirn einer freien Gesellschaft. Murray Bookchin Murray Bookchin: POLITISCHE ÖKOLOGIE Die Vorstellung, daß der Mensch die Natur beherrschen müsse, steht in einem engen Verhältnis zur Beherrschung des Menschen durch den Menschen selbst. Die patriarchale Familie hat die Saat der Herrschaft in die zentralen Aspekte der menschlichen Beziehungen gesät. Der klassische Bruch in der antiken Welt zwischen Körper und Geist hat die Herrschsucht gefördert und auch die repressiven Positionen des Christentums haben diese Saat wachsen lasen. Aber erst als sich die organische Beziehung zwischen den bäuerlichen Gemeinden in Marktbeziehungen auflösten, wurde der Planet zu einer Rohstoffquelle reduziert, die man ausbeutete. Diese Jahrhunderte lang währende Tendenz findet ihre schlimmste Entwicklung im modernen Kapitalismus. Entsprechend der ihrer Wettbewerbsstruktur stellt die bürgerliche Gesellschaft nicht nur die Menschen einander feindlich gegenüber, sie stellt auch die Masse der Menschheit feindlich der Natur gegenüber. So wie Menschen in Waren verwandelt werden, so wird auch jeder Teil der Natur zur Ware und damit zu einer Rohstoffquelle, die man nach Belieben bearbeiten und verkaufen kann. Begriffe wie ”Wachstum” und ”Industriegesellschaft” dienen dazu diesen Zusammenhang zu verschleiern. Wenn man die Erde als Zusammenballung von Mineralien versteht, dann kann der Planet die ständige Zunahme von Abfällen sicherlich verkraften - dies ändert sich jedoch, wenn man sie als komplizierte Lebensstruktur auffaßt. Die entscheidende Frage ist die, ob die Erde diesen Raubbau lange genug überstehen kann, bis der Mensch das zerstörende gegenwärtige Gesellschaftssystem durch eine humanere, an ökologische Gesichtspunkten orientierte Gesellschaft ersetzt hat. ÖkologInnen werden oft ziemlich spöttisch gebeten mit wissenschaftlicher Genauigkeit den Zeitpunkt des ökologischen Kollapses der Natur zu bestimmen, also den Zeitpunkt an dem die Natur über dem Menschen zusammenbrechen wird. Das ist so ähnlich, als wenn man einen Psychiater nach dem genauen Zeitpunkt fragt, an dem aus einem Neurotiker ein unberechenbarer Psychopath wird. Man wird eine derartige Auskunft niemals geben können. Aber die ÖkologInnen können strategische Einsichten darüber vermitteln, in welcher Richtung sich die Menschheit auf Grund ihres Bruchs mit der natürlichen Umwelt weiterentwickeln wird. Der Prozeß der Ausbeutung der menschlichen Umwelt, der diese immer wüster und rauher macht, hat sowohl eine kulturelle als auch eine physische Dimension. Die Gesellschaft ist trotz ihrer demokratischen Fassade in wesentlichen Teilen totalitär, zentralistisch und gleichgeschaltet. Alles was spontan, kreativ und individualistisch ist, wird von standardisierten Elementen eingeengt. Der Mensch wird wie ein Rädchen im Getriebe behandelt, anstatt seine individuelle und qualitative Eigenschaften zu erkennen, den größten Wert auf die ureigenste Persönlichkeit zu legen, auf freien Ausdruck und kultivierte Vielfalt. Die Bedürfnisse werden von den Massenmedien gelenkt, um ein allgemeines Bedürfnis für vollkommen nutzlose Waren zu erwecken, von denen jede absichtlich so hergestellt ist, daß sie nach einer vorherbestimmten Zeit kaputtgeht. Der Plünderung des menschlichen Verstandes durch den Markt entspricht die Ausbeutung der Erde durch das Kapital. In einem besonderen Maße findet die rücksichtslose Ausbeutung der Natur in der modernen Landwirtschaft statt. Um Produktivität und Effektivität zu erhöhen, um die Kapitaleinlagen zu maximieren muß die Natur an den Maximen der Verwertung ausgerichtet und die Bodenbepflanzung klar reguliert werden. Im übertragenden Sinne wird sie zu einem Fabrikboden eingeebnet, welcher die natürliche Vielfalt verschwinden läßt. In weiten Landgebieten wird inzwischen nur noch eine einzige Frucht angebaut, was den Boden langfristig unfruchtbar und die Pflanzen wesentlich anfälliger macht. Deshalb werden in großem Umfang chemische Wirkstoffe verwendet, was wiederum weitreichende Folgen nicht nur für die Pflanzenwelt, sondern auch für Tiere und innerhalb der Nahrungskette auch für den Menschen hat. Riesige Gebiete der Erde werden ausschließlich an speziellen industriellen Aufgaben ausgerichtet oder zu Rohstofflagern degeneriert. Viele Städte und Landstriche spezialisieren sich auf bestimmte Produkte, wodurch das komplizierte Ökosystem, welches auf verschiedenen Zonen basiert, nachhaltig beeinträchtigt wird. Diesem Ansatz entsprechend werden ganze Gebiete und Länder nur noch als ökonomische Einheiten betrachtet; jede auf ihre Weise ein Glied in einer riesigen, zerstörenden Industriekette, die weltweit die Erde umspannt.Der Mensch bewirkt daurch eine Rückentwicklung der Biosphäre, die nur noch einfachere Lebensformen beherbergen kann. Wenn diese elementare Umkehrung des evolutionären Prozesses anhält, ist es keineswegs übertrieben, wenn angenommen wird, daß die Voraussetzungen für höher entwickeltes Leben in irreparabler Weise zerstört werden und die Erde letztlich auch nicht mehr fähig sein wird, menschliches Leben zuzulassen. Die politische Ökologie leitet ihren Anspruch nicht nur aus der Tatsache ab, daß sie als weitgehend einziger Wissenschaftszweig diese grauenvolle Botschaft verkündet, sondern auch daraus, daß sie diese Botschaft in einem gesellschaftlichen Zusammenhang verkündet. Von einem ökologischen Standpunkt aus ist die derzeitige, äußerst bedrohliche Situation das Resultat der Widersprüche zwischen Staat und Gemeinde, Industrie und Landwirtschaft, Zentralismus und Regionalismus, kapitalistischen und menschlichen Maßstab. Auszug aus: Murray Bookchin / Ecology and Revolutionary Thought Murray Bookchin Archive Thanks to Murray Bookchin. Meine Utopie ist nach wie vor die Anarchie. Ich bin von Herzen ein Anarchist, ich bin der Meinung, dass eine herrschaftsfreie Gesellschaft möglich ist. Das bedeutet nicht eine Gesellschaft in Chaos und Unordnung, ganz im Gegenteil. Die Anarchie hat sehr viel mit einer inneren Ordnung zu tun, nur es gibt keinen, der uns dabei beherrscht. (Konstantin Wecker)
Liste bekannter Anarchisten

Komplette Bücher FREIHEIT PUR, zum downloaden und lesen. Download "Freiheit Pur" (PDF-Version) Das Manifest des Friedens und der Freiheit - Gegenpol zum kommunistischen Manifest! http://www.hpo.net/users/hhhptdai/manifest.htm bolo'bolo John Henry Mackay Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen (Boëtie, Übersetzung)
"Das Recht auf Faulheit" von Paul Lafargue "Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus" von Rudolf Rocker ABC des Anarchismus von Alexander Berkman "Sebastian Faure" Die anarchistische Synthese - Teil I
Die anarchistische Synthese - Teil II
rundlagentexte Anarchie-Seiten (kritisch) Herrschaft ausmachen (Text von "schöner leben") Jetzt beklagen sich die Trottel Unveröffentlichte Notizen aus dem Kerker von Pierre-Joseph Proudhon
http://www.monde-diplomatique.de/ pm/ 2009/ 01/ 16.mondeText1.artikel,a0054.idx,20
"Die TAZ ist eine Form des Aufstandes, die den Staat nicht direkt konfrontiert. Sie ist eine Guerilla-Operation, die einen Ort befreit (räumlich, zeitlich, imaginativ) und sich daraufhin auflöst, bevor der Staat sie zerschlagen kann, um sich wieder woanders und zu einem anderen Zeitpunkt zu formen... Diese Zonen stoßen nicht direkt auf den Staat, sondern sie verlaufen quer zu seinen Strukturen und richten es sich in deren Spalten, Rissen und blinden Flecken ein: Babylon hält seine Abstraktionen für Realitäten; im Spielraum dieses Irrglaubens entsteht die TAZ."TAZ - Die temporäre autonome Zone  Warum mir aber in neuester Welt Anarchie gar so gut gefällt? Ein jeder lebt nach seinem Sinn, das ist nun also auch mein Gewinn! Ich lass einem jeden sein Bestreben, um auch nach meinem Sinn zu leben." Johann Wolfgang v. Goethe  KEINE MACHT FÜR NIEMAND!
"Inselgleichnis" Stellen Sie sich vor, daß Sie, ich & ein paar andere Schiffbruch erlitten hätten & uns auf einer Insel voll von Früchten aller Art wiederfinden. Natürlich würden wir erst einmal gemeinsam Nahrung sammeln. Aber angenommen, einer von uns würde erklären, daß alles ihm gehöre und keiner nur einen Bissen bekommt, bevor er ihm nicht einen Tribut gezahlt hätte. Wir wären entrüstet, nicht wahr? Wir würden über seine Ansprüche lachen. Wenn er versuchen sollte, deswegen Schwierigkeiten zu machen, würden wir ihn vielleicht ins Meer werfen, & das geschähe ihm recht, nicht wahr? Nehmen wir weiterhin an, daß wir selbst & unsere Vorväter eine Insel kultiviert & mit allem versehen hätten, was zu Leben & Wohlstand notwendig ist, & dann käme einer daher & würde behaupten, daß alles ihm gehöre. Was würden wir sagen? Wir würden ihn ignorieren nicht wahr? Vielleicht würden wir ihm sagen, daß er seinen Beitrag leisten & sich an der Arbeit beteiligen kann. Aber angenommen, daß er auf seinem Eigentumsrecht besteht & ein Stück Papier vorzeigt & nachweist, daß alles ihm gehöre. Was würden wir sagen? Wir würden ihm sagen, daß er verrückt ist, & wieder unserer Arbeit nachgehen. Aber wenn er eine Regierung hinter sich stehen hätte, dann würde er sie zum Schutz "seiner Rechte" anrufen, & die Regierung würde Polizisten & Soldaten entsenden, die uns vertreiben & dem "rechtmäßigen Eigentümer" seinen Besitz zurückgeben würden. Das ist die Funktion der Regierung, dafür ist sie da & so handelt sie ständig. Glauben Sie nun immer noch, daß wir uns ohne dieses Ding, das sich Regierung nennt, gegenseitig berauben & ermorden würden? Ist es nicht eher so, daß wir mit einer Regierung rauben & morden? Weil die Regierung unseren rechtmäßigen Besitz nicht schützt, sondern - im Gegenteil - ihn uns sogar zum Vorteil derer wegnimmt, die kein Recht darauf haben. Wenn Sie morgen früh aufwachen & erfahren sollten, daß es keine Regierung mehr gibt, würde dann ihr erster Gedanke sein, auf die Straße zu stürzen & jemand umzubringen? Nein, Sie wissen, daß das Unsinn ist. Wir sprechen über gesunde, normale Menschen. Alexander Berkman Vor 40 Jahren: die Renaissance des Anarchismus und das Entstehen neuer libertärer Medien in der Bundesrepublik Artikel lesen Der Begriff "Anarchie" leitet sich von dem griechischen Wort anarchia ab. Ursprünglich bedeutet 'anarchia' einfach die Negation von militärischer Ordnung durch Führertum. Homer (8. Jahrhundert v. u. Zeitrechnung) und Herodot (490 bis etwa 420/425 v. u. Z.) verwendeten den Begriff zur Beschreibung eines Zustandes "ohne anführer" oder "ohne Heerführer", und bei Euripides (480 bis 407 v. u. Z.) bezeichnet 'anarchia' "führerlose Seeleute". (Ob damit wohl die Piraten des Mittelmeeres gemeint waren ??) Aristoteles (384 bis 355 v. u. Z.) definierte die Anarchie als einen "Zustand der Sklaven ohne Herren". Die Bedeutung von 'politischer Herrschaftslosigkeit' erlangte der Anarchiebegriff offensichtlich erstmals bei Xenophon (um 580 bis 480 v. u. Z.), für den die anarchia das Jahr war, in dem es keinen archon (Herrscher) gab. Bei den Stoikern, Hedonisten und Cynikern finden sich Ideen die ein 'herrschaftsfreies Gemeinwesen' befürworten, auch wenn sie selber noch nicht von Anarchie reden. Besonders radikal wurden diese freiheitlichen Anschauungen von Zenon (420 bis 350 v. u. Z.), dem Begründer der Stoischen Schule, vertreten. Gegenüber den autoritären theokratischen Ideen Platons nahm Zenon vom Individuum ausgehend eine - aus heutiger Sicht - durchaus als libertär zu verstehende Gegenposition ein. Auch Aristipp[os] (um 435 bis 366 v. u. Z.), der Sokrates-Schüler und Begründer des Hedonismus, scheint ein herrschaftsfreies Gemeinwesen befürwortet zu haben. Er dachte dabei, wohl ebenso wie Zenon, eher an eine "Anarchie" der Weisen. 1796 bezeichnete der Kulturphilosoph und Schriftsteller der Romantik, Friedrich von Schlegel (1772 bis 1829), in seinem "Versuch über den Republikanismus" die Anarchie als "absolute Freiheit", d. h. als ein im Gegensatz zur Despotie verstandenes Ideal, das "durch Annäherung erreicht werden kann". Drei Jahre zuvor hatte Johann Gottlieb Fichte (1762 bis 1814) in seinem "Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution", ohne den Ausdruck Anarchie explizit zu gebrauchen, die libertäre These vertreten, daß der Staat die Aufgabe habe, sich selbst überflüssig zu machen, und ausdrücklich betont, daß die Menschheit sich diesem Ziel der Staatenlosigkeit immer mehr nähert. 1808 charakterisiert Johann Wofgang von Goethe die Anarchie als notwendiges Ferment des kulturellen und wissenschaftlichen Fortschritts: "Ob wir gleich, was Wissenschaft und Kunst betrifft, in der seltsamen Anarchie leben, die uns von jedem erwünschten Zweck immer mehr zu entfernen scheint, so ist es doch eben diese Anarchie, die uns nach und nach aus der Weite ins Enge, aus der Zerstreuung zur Vereinigung treiben muß." Und 1821 dichtet er in den "Zahmen Xenien": "Warum mir aber in neuester Welt / Anarchie gar so gut gefällt ? - / Ein jeder lebt nach seinem Sinn, / Das ist nun also auch mein Gewinn. / Ich lass einem jeden sein Bestreben, / Um auch nach meinem Sinne zu leben."
Ludwig Börne (1786 bis1837), neben Heinrich Heine einer der geistigen Gründerväter der literarischen Erneuerungsbewegung des "Jungen Deutschland", war vermutlich der erste, der sich in Deutschland auch in einem politischen Sinn offen für die Anarchie aussprach. In seiner Kritik eines 1825 in Paris veröffentlichten Buches, den "nouvelles lettres provinciales", befürwortet er sie folgendermaßen: "Nicht darauf kommt es an, daß die Macht in dieser oder jener Hand sich befinde: die Macht selbst muß vermindert werden, in welcher Hand sie sich auch befinde. Aber noch kein Herrscher hat die Macht, die er besaß, und wenn er sie auch noch so edel gebrauchte, freiwillig schwächen lassen. Die Herrschaft kann nur beschrängt werden, wenn sie herrenlos - Freiheit geht nur aus Anarchie hervor. Von dieser Notwendigkeit der Revolution dürfen wir das Gesicht nicht abwenden, weil sie so traurig ist. Wir müssen als Männer [und Frauen: Anmerkung des Sätzers] der Gefahr fest ins Auge blicken und dürfen nicht zittern vor dem Messer des Wundarztes. Freiheit geht nur aus Anarchie hervor - das ist unsere Meinung, so haben wir die Lehren der Geschichte verstanden." Libertäre Tendenzen lassen sich auch bei Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835) finden, wie zum Beispiel in seiner Schrift "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen", welches er nach eigenem Zeugnis mit der Intention verfaßte, "der Sucht zu regieren entgegenzuarbeiten". In der Schrift "Die Philosophie der Tat", die 1843 als Artikelserie in der von Georg Herwegh herausgegebenen Zeitschrift Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz erschien, definierte Moses Hess (1812 bis 1875) Atheismus und Kommunismus als analoge Erscheinungsformen der Anarchie: "Die Anarchie, auf welche sich die beiden Erscheinungsformen, Atheismus und Kommunismus zurückführen lassen, die Negation aller Herrschaft, im geistigen wie im sozialen Leben, erscheint zunächst als schlechthinige Vernichtung aller Bestimmung, mithin aller Wirklichkeit. Aber es ist in der Tat nur das äußerliche Bestimmtwerden, die Herrschaft des einen über den anderen, was die Anarchie aufhebt. Die Selbstbestimmung wird hier so wenig negiert, daß vielmehr deren Negation (die durch das Bestimmtwerden von außen gestzt) wieder aufgehoben wird. Die durch den Geist geschaffene Anarchie ist nur eine Negation der Beschrängtheit, nicht der Freiheit. Nicht Schranken, welche der Geist sich selbst setzt, bilden den Inhalt seiner freien Tätigkeit - also dieses Sichsetzen, Sichbestimmen oder Sichbeschränken ist es nicht, was vom freien Geist negiert werden kann, sondern das Beschrängtwerden von außen." Unüberhörbar ist auch das individualanarchistische Credo in den von Moses Hess zu dieser Zeit veröffentlichten Schriften. Noch vor Max Stirner propagierte er die Autonomie des Individuums: "Der Wert der Anarchie besteht darin, daß das Individuum wieder auf sich selbst angewiesen wird, von sich ausgehen muß ... Wenn ich eine Macht außer oder über meinem Ich glaube, so bin ich von Außen beschrängt ... Ebenso kann ich im sozialen Leben mich selber bestimmen, in dieser oder jener bestimmten Weise tätig sein, ohne eine äußere Schranke meiner Tätigkeit anzuerkennen - ohne einem Anderen das Recht einzuräumen.mich zu beschränken."
 Der Begriff "AnarchistIn" Proudhon im Dialog mit einem Spießbürger (1840): SB: Sind sie Republikaner? P: Republikaner, ja: aber dieses Wort ist mir zu ungenau. Res publica, das sind die öffentlichen Belange ... Könige sind auch Republikaner. SB: Nanu, Sie sind Demokrat? P: Nein. SB: Was, sie wären Monarchist? P: Nein. SB: Konstitutionalist? P: Gott behüte! SB: Dann sind sie Aristokrat? P: Ganz und gar nicht. SB: Sie wollen eine gemischte Regierung? P: Viel weniger. SB: Was sind sie also? P: Ich bin Anarchist. Als AnarchistIn bezeichnen sich all jene Menschen, die gleichermaßen die Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen ablehnen. Als politisch diffamierendes Schlagwort ist der vom Begriff Anarchie abgeleitete Ausdruck Anarchist[in] erst seit der französischen Revolution bekannt. Allem Anschein nach war es der Girondist Jaques Pierre Brissot, der den Begriff 'Anarchist' in einer Wahlrede vom 23. Mai 1793 als erster zur Diskreditierung des politischen Gegners benutzte. Seit dem benutzen ihn die EtatistInnen (AnhängerInnen der Staatsidee) aller Schattierungen (vom "Linken", marxistischen Flügel, über SozialdemokratInnen und Liberale bis hin zum "Rechten", konservativen und faschistischen Flügel).  Was ist eigentlich Anarchie? Alle reden davon, doch niemand weiß wirklich, was es ist. Was ist eigentlich Anarchie? Antwort: Eine Gesellschaft ohne Staat. Logische Schlussfolgerung von ca. 90 Prozent der Bevölkerung: Chaos, Zerstörung, wilde Banden von Terroristen, gegenseitige Bekämpfung, Morde, ... Das dies jedoch nicht so ist, soll hier aufgezeigt werden. Es wird sicher einige positiv überraschen, und vielleicht auch die Meinung von ein paar Leuten ändern, die sich bis jetzt als AnarchistInnen bezeichnet haben. Einleitend veröffentlichen wir hier einen Gewerbeschule-Aufsatz eines jugendlichen Anarchisten:
Anarchie als Ordnungsbegriff Wenn ich den Begriff Anarchie nur schon erwähne, denken die meisten Leute an das totale Chaos. Ich möchte Ihnen in diesem Aufsatz aufzeigen, dass die Anarchie mit dem Durcheinander nichts zu tun hat. Im Gegenteil: Sie ist die höchste Form der Organisation. Schon in den allgemein gültigen Lexiken und dem offiziellen Sprachnachschlagewerk "Duden" wird der Begriff Anarchie nur mit "Gesetzlosigkeit" übersetzt. Dies ist jedoch nur bedingt richtig: Zwar wollen die Anarchisten den Staat und somit auch alle Gesetze abschaffen, dies bedeutet jedoch noch lange nicht, dass es keine Regeln mehr gibt. Diese werden jedoch als mündliche Vereinbarungen gehalten. Doch von Anfang an. Was ist Anarchie überhaupt? Die ersten Gedanken an eine staatenlose Zukunft wurden bereits am Ende des 17. Jahrhundert vom englischen Philosophen Godwin getätigt, der auf der Suche nach dem perfekten "Staat" war. Genau genommen, war dies zwischen 1789 und 1800 zur Zeit der Französischen Revolution. Der Begriff Anarchie selbst entstand jedoch erst vor rund 150 Jahren. Die Erfinder? Das Volk. Oder Besser gesagt das revolutionär gesinnte Volk des Proletariats. Einer der Hauptunterschiede zwischen Kommunismus und Anarchie ist, dass es bei der Anarchie keinen klaren Erfinder gibt (wie Karl Marx beim Kommunismus), sondern dass sich die Anarchie immer wieder mit neuen Erfahrungen aus Revolutionen anreicherte und sich so weiter entwickelte. Der wichtigste Unterschied zwischen diesen beiden Formen (Kommunismus und Anarchie) ist jedoch ein anderer: Während die Kommunisten den Staat nach der Revolution ersetzen wollen, wollen ihn die Anarchisten abschaffen. Sie wollen auf eine Regierung, auf die Polizei, auf die Bürokratie etc. verzichten und den ganzen Staatsapparat dem Volk überlassen. Dies soll dann Räte bilden, welchen sämtliche Personen angehören, die vom entsprechenden Thema betroffen sind. Also zum Beispiel einen Konsumentenrat, einen Quartierrat und so weiter. In diesen Räten ist jeder gleichberechtigt. Um überregionale Probleme, wie zum Beispiel das Postwesen oder den öffentlichen Verkehr, zu lösen, finden Versammlungen statt, an welchen Vertreter aus allen betroffenen (regionalen) Räten teilnehmen. Diese Vertreter werden von mal zu mal neu gewählt, und haben gegenüber den Volksvertreter in einer Demokratie den Vorteil, dass erstens jedes Ratmitglied den Vertreter kennt und zweitens die Vertreter sich klar an die Vorschriften und Interessen des Rats zu halten haben. Die Abschaffung des Staats und die Anschaffung von Räten ist der wichtigste Punkt der Anarchie. Alles weitere sind noch Folgen dieses Schrittes. So auch die Abschaffung der Grenzen, die Abschaffung des Geldes und die Abschaffung der jetzigen Familienformen wie die Ehe (Zitat Godwin: "Die Ehe ist ein Gesetz und das schlechteste überhaupt"). Laut Meinung der meisten Anarchisten sollten die Menschen in großen Wohngemeinschaften leben, und die Wahlverwandtschaft sollte eingeführt werden. Ein weitaus interessanterer Schritt als die Abschaffung der Ehe ist jedoch die Abschaffung des Geldes. Sie werden nun denken: "Was? Und dann sollen wir wieder mit Ziegen und Kühen tauschen wie in der Urzeit?" "Nein, natürlich nicht", ist darauf meine Antwort. Nehmen wir mal an, sie könnten in eine Bäckerei gehen, eine Brot "kaufen" und ohne zu bezahlen wieder gehen. Anderseits kann jedoch der Sohn des Bäckers gratis zu Ihnen in die Schule kommen. Und der Bäcker kann beim Bauern seine Milch gratis beziehen. So kann man auf das Geld, ohne die Einführung des Tauschhandels, verzichten. Nun werden Sie wieder sagen: "Was? Und was ist, wenn jemand nicht mehr arbeiten geht? Muss dann die Gemeinschaft weiter für ihn aufkommen?" Darauf antworten Ihnen die Anarchisten, dass eine Kommune (Gemeinschaft) nicht dazu verpflichtet ist, jemanden aufzunehmen. So kann ein nicht mehr arbeitendes Mitglied auch wieder ausgeschlossen werden. Doch es wird auch nicht mehr ein so großes Verlangen bestehen, nicht zu arbeiten. Seien wir mal ehrlich. Die meisten Menschen gehen nicht gerne zur Arbeit. Dies gilt vor allem für Fabrikarbeiter. Das liegt wohl in erster Linie daran, dass ihre Tätigkeit eintönig und langweilig ist. Sie können nichts von Anfang bis Ende produzieren, sondern machen immer nur die eine Bewegung am Fliessband. Tag ein, Tag aus. Gehen wir jetzt davon aus, dass man diese Arbeit wesentlich attraktiver und interessanter gestalten könnte (mit Hilfe modernster Technik ist das möglich). Müssten dann nicht auch diese Arbeiter ihren Beruf wieder lieber ausüben? Und bestände dann nicht einen viel kleinerer Drang, zu Hause zu bleiben? Und wenn mal jemand einen Tag nicht arbeiten geht, ist ja das auch nicht weiter tragisch. Eingangs dieses Aufsatzes habe ich erwähnt, die Anarchie sei die höchste Form der Ordnung. Dies trifft zu, weil sie die natürlichste Form der Ordnung ist, da jegliche Form der Autorität und der Unterdrückung abgeschafft ist. Wenn Sie das auch nicht glauben, so hoffe ich jedoch, Ihnen wenigstens aufgezeigt zu haben, dass Anarchie nicht das Chaos bedeutet. Das sei Wunschdenken, sagen Sie? Dann wissen Sie wohl nicht, dass Spanien 3 Jahre und die Ukraine 4 Jahre als Anarchie funktionierten. Wieso nur so kurz? Sowohl die spanische wie auch die ukrainische Anarchie sind unter dem Kugelhagel fremder Völker zu Grunde gegangen. Ich möchte diesen Aufsatz mit ein paar Sprüchen beenden. Der erste ist für diejenigen, die die Demokratie, als höchstmögliche Form der Freiheit ansehen: - Ich bin nicht frei. Ich kann nur wählen, welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen.
- Seid realistisch, fordert das Unmögliche (Ernesto "CHE" Guevara)
- Die Übertreibung ist der Anfang jeder Erfindung.
- Anarchie ist die sehnsüchtige Suche nach der unendlichen Freiheit.

Anarchistische InhalteIn Kurzform listen wir anstrebbare anarchistische Inhalte auf, über die wir uns verständigen könnten:
Negativ:antistaatlich, antikapitalistisch, antiimperialistisch, antiparlamentarisch, antihierarchisch, gegen Parteien und Institutionen, antipatriarchalisch, antisexistisch, antiautoritär, antirassistisch, antibürokratisch, antinationalistisch, antitotalitär, antimilitaristisch
Positiv:Herrschaftsfreiheit Selbstorganisation Kollektivität eigene Werte; Moral ganzheitlicher Politikansatz Kooperation Kooperativen Interdisziplinarität freier Informationszugang transnational Glück/Liebe Subkultur Anarchafeminismus Emanzipation Utopien/Träume/W&u uml;nsche Pluralismus ökologisch sozial Lebenshilfe, - philosophie/Identität< p> Föderationen gemeinschaftliche Übereinkunft Räteprinzip/direkte Demokratie Freiheit Kommunen Anarchosyndikalismus GenossInnenschaften Kreativität Verschiedenheit Solidarität Gleichheit Menschlichkeit Selbstbestimmung (Autonomie) gegenseitige Hilfe Selbstverwaltung direkte Aktion Dezentralisierung/Regionali sierung Soziale Revolution Selbstverantwortung Selbsthilfe Eigeninitative Gebrauchswertökono mie Gewaltfreiheit Spaß Frieden Individualität und Gemeinschaft Utopie Offenheit/Toleranz FreundInnenschaft Konsens Anarchistische Perspektiven Eine sicher unvollständige Auflistung von Themen, die aus anarchistischer Sicht zu hinterfragen und zu beantworten sind, um zu herrschaftsfrei(er)en Gesellschaften zu gelangen: Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, Alte Erziehung und Bildung: Universität, Schule (Homo-)Sexualität Eigentum, Besitz, Geld, Boden Wissenschaft Staat: Polizei, Bundeswehr, Justiz, Parlamente, Behörden, Steuern Arbeit: Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen, Gewerkschaften Verkehr: Luft, Schiene, Straße, Wasser, Personen- und Güterverkehr Energie- und Wasserversorgung Kommunikation: Post, EDV, Medien Technik: Sozialverträglichkeit neuer Technologien Ökologie Freizeit: Tourismus, Sport Kultur/Kunst Kollektivismus/Individualismus Weltordnung: Imperialismus, Ost-West/Nord-Süd, "Dritte Welt" Siedlungswesen Wohnen Essen/Trinken Gesundheit/Krankheit Religion, Esoterik, Spiritualität, Mystik Ruhestand Außenbeziehungen Verteidigung, Defensivstrategien, Soziale Verteidigung Anarchistische Grundsätze Rundbrief Nr. 1, April 1996 Der Freiheits- und Anarchie-Begriff anarchistischer Theoretiker Die Textstellen sind nach den Kriterien Kürze und Prägnanz zusammengestellt und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, eine gewisse Nachlässigkeit steckte schon im Ansatz unserer Intention. Nähere Auslegungen beider Begriffe haben wir bewußt weggelassen. <!--[endif]--> Der Begriff der Freiheit Bakunin: Die Freiheit ist das absolute Recht aller Frauen und Männer, für ihre Handlungen keine andere Bewilligung zu suchen, als die ihres eigenen Gewissens und ihrer eigenen Vernunft, nur durch ihren eigenen Willen zu ihren Handlungen bestimmt zu werden, und folglich nur verantwortlich zu sein zunächst ihrer selbst gegenüber... Der Mensch ist nur unter in gleicher Weise freien Menschen frei... Bookchin: Die Freiheit hat Ihre Formen. Es leuchtet ein‚ daß heute die Befreiung des Alltagslebens Ziel der Revolution sein muß. Die Befreiung des Menschen - nicht in irgendeinem vagen “historischen“, moralischen oder philosophischen Sinne, sondern im konkreten Bezug auf die vertrauten Einzelheiten des Alltagslebens - ist ein grundlegend gesellschaftlicher Akt und stellt die Frage nach den Gesellschaftsformen als Frage nach den Formen der Beziehungen zwischen den Individuen. (1958) Mühsam: Jeder Mensch empfindet die Freiheit als gesellschaftliches Ideal, wodurch deutlich wird, daß die Sehnsucht nach individueller Freiheit in der menschlichen Natur selber begründet ist... Es gibt in der Menschheitsgeschichte keine Tyrannis, keine Unterdrückung und Vergewaltigung von Arbeits- und Willenskräften, die sich nicht des Freiheitsverlangens ihrer Opfer bedient hätten. Die Erfolglosigkeit aller bis jetzt geführten Kämpfe um gesellschaftliche Freiheit hat ihre Ursache darin, daß sie nie für einen von Freiheit durchdrungenen sozialen Zustand geführt wurden, sondern ihren Ausgang von der Unerträglichkeit des Bestehenden nahmen und ihr Ziel auf die rein negative Befreiung von dieser Unerträglichkeit begrenzten... Es bleibt deshalb zu untersuchen, ob der Begriff der Freiheit als gesellschaftliches Prinzip überhaupt in positiver Formulierung zu fassen ist. Diese Unabhängigkeit (von auferlegtem Zwang, U.), die Selbstbestimmung und Selbstverwaltung in sich schließt, ist seine Vorstellung von Freiheit; ohne sie kann es keine Freiheit für ihn geben. (1930) Kropotkin: Wenn wir dem Satz: “Tu was du willst" hinzufügen: “jedem nach seinem Bedürfnis", dann sprechen wir ein Prinzip aus, das zu gleicher Zeit Ausdruck und Resultat der absoluten Freiheit ist. Es ist gewiß, daß es keine wahre Freiheit gibt, ohne daß jeder alles haben kann, was seine Bedürfnisse erfordern, und daß nur im Rahmen dieser vollen Freiheit sich solche Verhältnisse zwischen der Produktion und dem Verbrauch entwickeln werden, wie sie zur Befriedigung aller Bedürfnisse eines jeden notwendig sind, dergestalt, daß jeder das haben wird, was er als vernünftiges Wesen wünschen kann. (1890) Bakunin: Es ist nicht wahr ‚daß die Freiheit eines Individuums durch die Freiheit aller anderen begrenzt wird. Der Mensch ist nur in dem Grade wirklich frei, in welchem eine von dem freien Gewissen aller andern frei anerkannte und von ihm wie aus einem Spiegel zurückstrahlende Freiheit in der Freiheit der anderen Bestätigung und: Ausdehnung ins Unendliche hin findet... Es gibt nur ein einziges Dogma, ein einziges Gesetz, eine einzige moralische Grundlage für die Menschen, die Freiheit. Die Freiheit seines Nächsten achten ist die Pflicht; ihn lieben‚ ihm dienlich sein ist die Tugend. (Nettlau‚ Übers. 1924) Proudhon: ...Freiheit wiederum, das Wort im politischen Sinne genommen, setzt ebenfalls Autorität voraus, die mit ihr verhandelt, sie zügelt oder duldet. Entfernt eine von beiden - und die andere hat keinen Sinn mehr... Das Prinzip der Freiheit..., ist von der Vernunft gegeben. (1863?) Malatesta: Die Freiheit, die wir für uns und für andere verwirklichen wollen, ist nicht eine abstrakte metaphysische “absolute“ Freiheit, welche im wirklichen Leben notgedrungen zur Unterdrückung der Schwächeren führt; sondern es ist die wirkliche, die mögliche Freiheit, welche in der bewußten Gemeinsamkeit der Interessen, der frei gewollten Solidarität besteht. Leval: Im Gegensatz zu einer verbreiteten Behauptung wird der Mensch nicht frei geboren, denn Freisein heißt, nach eigenem Willen zu denken und zu handeln, und zum Zeitpunkt seiner Geburt hat der Mensch weder Gedanken, noch die Möglichkeit zu handeln, noch einen eigenen Willen Der Säugling äußert sich nur durch lebenswichtigen Instinkt, den, sich zu entwickeln, wie alles, was wächst und sich entwickelt, um zur Reife zu gelangen. Pflanze‚ Tier oder Mensch, das biologische Gesetz ist dasselbe. Die Freiheit besteht also in der Möglichkeit des Wachsens, die Abwesenheit der Freiheit in den Hindernissen, die ihm entgegenstehen. (1967) Mackay: Der Zustand der Freiheit mußte ein vollkommener sein, oder er hörte auf ein Zustand der Freiheit zu sein. Wurde die Freiheit des Einzelnen auch nur in einer Hinsicht verletzt, so war er nicht mehr frei. (....) Allen voran ging die Freiheit des Denkens, und sie allein schien frei von Ketten. Denn das Denken ist die einzige Freiheit, die mit physischer Gewalt nie völlig unterdrückt werden kann, es sei denn die Gewalt habe vorher den Körper, in dem es lebte, gebrochen. So nahm sie den führenden Platz ein, als die Freiheit, die aller Freiheit des Handelns vorausgehen muß. Die ihr folgte als zweite, war die Freiheit, dem Gedanken Ausdruck zu verleihen. Das Handeln des Menschen konnte nicht frei sein, solange es sein Denken nicht war. (...) Fort mit jeder, wie immer gearteten Zensur! - lautete daher die Formel dieser ersten Forderung der Freiheit. Russell: Es kann keine wirkliche Freiheit oder Demokratie geben‚ solange die Männer‚ die Arbeit in einem Unternehmen tun, nicht auch sein Management kontrollieren. E. Reclus: Es gibt keine Moral außerhalb der Freiheit. De la Boetie: Seid entschlossen, nicht mehr zu dienen, und ihr werdet frei sein. Souchy: Die Freizeit wird zum Wegbereiter der Freiheit. Was ist die Freiheit? Ein Instinkt? Ein innerer Drang, der nach außen strebt, ein Wunsch, ein Traum, ein erstrebenswertes Ziel? Ein Glück, wenn man sie hat, ein Unglück‚ wenn man sie entbehrt? Ist sie ein Geschenk der Natur, das uns von den Herrschenden geraubt wird, fällt sie uns von selbst in den Schoß, muß sie immer wieder zurückerobert werden? Most: Wir erstreben einen sozialen Zustand, der die unbeschränkte Entfaltung der individuellen Freiheit eines jeden Menschen ermöglicht. Demgemäß reklamieren wir das Recht auf Lebensgenuß je nach individuellem Bedürfnis, ermöglicht dadurch, daß jeder nach Neigung, Kraft und Fähigkeit sich nützlich tätig zeigt‚ d. h. teilnimmt an der Industrie, der Landwirtschaft, dem Verkehrswesen, ... und die Resultate seines Schaffens der Gesamtheit zur Verfügung stellt.
Andere Erklärungen des Freiheitsbegriffs Neumann, F.: Die Wahrheit der politischen Theorie ist die Freiheit. Daraus ergibt sich eingrundsätzliches Postulat. Da keine politische Ordnung die politische Freiheit verwirklichen kann, muß die politische Theorie immer kritisch sein. Eine konformistische politische Theorie ist keine Theorie. Goethe: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß. Goffaan: Deshalb lassen wir nun die Sprache und die Maske der Bühne fallen, Gerüste sind letzten Endes dazu da, andere Dinge mit ihnen zu bauen Und sie sollten im Hinblick darauf errichtet werden, daß sie wieder abgebaut werden. Pareto: Wörtlich genommen, ist frei eine Lage, in der sich jeder nach seinem Gefallen seine Gesellschaft, ohne sie anderen aufzuzwingen oder von anderen aufgezwungen zu bekommen ‚ wählen kann. Und wenn es jemand gefällt‚ den Zustand, bei dem einem die Gesellschaft, die einem gefällt und anwidert aufgezwungen wird, frei zu nennen, ist es notwendig, wenn wir uns verständigen wollen, ein anderes Wort für den gegensätzlichen Zustand zu finden, bei dem einem eine unangenehme Gesellschaft nicht aufgezwungen wird. ... (Wenn Hinz den Kunz in Fesseln schlägt, nennt der das sich Entwinden der Fesseln „Freiheit“; wenn dann Kunz seinerseits den Hinz fesselt, nennt er das Fesseln ebenfalls „Freiheit". In beiden Fällen erweckt der Ausdruck "Freiheit" bei Kunz angenehme Gefühle.) Stirner: Volksfreiheit ist nicht meine Freiheit! Ein Volk kann nicht anders als auf Kosten des Einzelnen frei sein, denn nicht der Einzelne ist bei dieser Freiheit die Hauptsache sondern das Volk. Je freier das Volk, desto gebundener der Einzelne. Spencer: Jedermann ist frei zu tun, was er will, vorausgesetzt, daß er nicht die gleiche Freiheit irgendeines anderen Menschen verletzt. Mackay: Gedanken der Freiheit - gefährlicher als ganze Sprengladungen von Dynamit... der Zustand der Freiheit: Anarchie - die Reifezeit einer aus dumpfen Träumen erwachten Menschheit, noch ist nirgends Licht. Aber es dämmert... Der Begriff der Anarchie Cafiero: Anarchie ist heute der Angriff, der Krieg gegen jede Autorität, jede Macht, jeden Staat... Malatesta: So könnten wir behaupten, daß Sozialismus und Anarchie dasselbe bedeuten, da ja doch die Bedeutung beider die Abschaffung der Herrschaft und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist... Die Anarchie hat als Grundlage... die Gleichheit der Verhältnisse‚ als Leitstern die Solidarität und als Methode die Freiheit... Russel: Der Anarchismus ist ... die Lehre, die jede Art von Zwangsherrschaft ablehnt... Eine Herrschaft, die der Anarchismus dulden kann, muß eine freie Herrschaft sein, nicht bloß in dem Sinne, daß sie die einer Mehrheit ist, sondern auch in dem Sinne daß alle ihr zustimmen... Kropotkin: Jede Gesellschaft, die mit dem Privateigentum gebrochen hat, wird nach unserer Meinung gezwungen sein, sich in anarchistisch-kommunistischer Form zu organisieren. Die Anarchie führt zum Kommunismus und der Kommunismus zur Anarchie; das eine wie das andere ist nur Ausdruck der in den modernen Gesellschaften vorherrschenden Tendenz, des Strebens nach der Gleichheit. Ramus, Pierre: Der Anarchismus fußt auf der Erkenntnis, daß das staatliche Recht in seinen Wesenselementen ein systematisierter Zustand der Gewalt ist. Wir finden nirgends, daß das staatliche Recht dem Individuum die Sicherung seiner Lebensbedingung, der Gesellschaft die Wahrung ihrer Gemeinschaftsinteressen verbürgt. Most: Der Kommunismus, den wir erstreben, ist also ein vollkommen freies Verhältnis. Er kennt keine Über- noch Unterordnung, keinerlei Schablonisierung; er ist identisch mit dem Begriff der Herr- und Knechtschaftslosigkeit der Anarchie. Mühsam: Anarchismus ist die Lehre von der Freiheit als Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Anarchie zu deutsch: ohne Herrschaft, ohne Obrigkeit, ohne Staat, bezeichnet somit den von den Anarchisten erstrebten Zustand der gesellschaftlichen Ordnung, nämlich die Freiheit jedes Einzelnen durch die allgemeine Freiheit. In dieser Zielsetzung, in nicht anderem‚ besteht die Verbundenheit aller Anarchisten, besteht die grundsätzliche Unterscheidung des Anarchismus von allen anderen Gesellschaftslehren und Menschheitsbekenntnissen. Friedeberg: Anarchismus, der über die Klassen hinaus die völlige ökonomische und physische Befreiung der menschlichen Persönlichkeit zum Ziele hat, der einen herrschaftslosen Zustand erstrebt, aber nicht eine neue Herrschaft, die der Majorität über die Minorität. Malatesta: Anarchie bedeutet Freiheit und Solidarität und die Verwirklichung unserer Idee kann nur stattfinden durch Harmonie der Interessen, durch die freiwillige Initiative, durch Liebe, Achtung und gegenseitige Toleranz... Arsinov: Der Anarchismus umfaßt zwei Welten: eine Welt der Philosophie der Ideen und eine Welt der praktischen Tat, des Handelns. Diese beiden Welten stehen in engem Zusammenhang miteinander. Berkman: ... der Anarchismus lehrt, daß wir in einer Gesellschaft frei von Zwang irgendwelcher Art leben können. Ein Leben ohne Zwang bedeutet natürlich Freiheit; das heißt von Druck und Zwang frei sein, die Möglichkeit so zu leben‚ wie es ihnen gefällt. Machnowstschina: Der fundamentale Wert des Anarchismus ist seine Hingabe an die unterdrückte Menschheit. Goldman: Der Anarchismus ist die einzige Philosophie, die dem Menschen das Bewußtsein seiner selbst bringt; die davon überzeugt ist, daß Gott, der Staat und die Gesellschaft nicht existieren, daß ihre Versprechungen null und nichtig sind, da sie nur durch die Unterordnung des Menschen erfüllt werden können. Der Anarchismus ist deshalb der Lehrer der Einheit des Lebens, nicht bloß in der Natur, sondern auch im Menschen... Anarchismus ist der große Befreier des Menschen von den Trugbildern, die ihn gefangen hielten. Guerin: Anarchie ist in Wirklichkeit vor allem gleichbedeutend mit Sozialismus. Der Anarchist ist in erster Linie Sozialist; seine Ziele sind die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen; im Zentrum seiner politischen Aktivität und Theorie steht der sozialistische Freiheitsgedanke, die Abschaffung des Staates. „Jeder Anarchist ist Sozialist, aber nicht jeder Sozialist notwendigerweise Anarchist" (Adolf Fischer) Colin Ward: Anarchismus ist in der Tat der Name, der der Idee gegeben ist, daß es möglich und wünschenswert für eine Gesellschaft ist, sich selbst zu organisieren. Reichert: Die Vorstellung des Anarchisten von der Freiheit entspringt seiner Vorstellung vom Menschen. Er lehnt es ab, sich mit einer theologischen oder „wissenschaftlichen" Verurteilung der menschlichen Natur zu beschäftigen. Vielmehr ist er der Meinung daß keine Wissenschaft von der menschlichen Gesellschaft möglich ist, die nicht von der Annahme ausgeht, daß der Mensch eine unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit besitzt. Ohne sich auf irgendwelche fragwürdigen metaphysischen Begründungen einzulassen, geht der Anarchist dennoch davon aus, daß eine freie Gesellschaft nur möglich ist, wenn es eine weit verbreitete Übereinkunft gibt, daß der Mensch von Natur aus ein freies Wesen ist. „Ohne die Idee eines freien Menschen ist die anarchistische Idee hinfällig: Denn ohne ihn kann die zukünftige Gesellschaft nicht existieren, ohne ihn können ihre Anfänge nicht gefördert werden!... Diese Idee ist durch die Überzeugung gekennzeichnet, daß der höchste menschliche Wert die Freiheit ist..." Woodcock: Der Anarchismus ist die einzig wahre Lehre der Freiheit! Reichert: Der Anarchismus ist auf die Zukunft ausgerichtet, und er stimmt völlig mit der Ansicht überein, daß das heutige Leben vom Standpunkt des Individuums aus unzulänglich und unbefriedigend ist. Guerin: Man könnte den Anarchismus als eine Revolution der Eingeweide bezeichnen... Stirner: Nur aus dem freiwilligen Zusammenschluß von Menschen‚ die ihre „Einzigkeit" begriffen haben und sich ihrer bewußt sind, kann Gesellschaft entstehen! Ward: Der Anarchismus ist in all seinen Formen eine Bestätigung der menschlichen Würde und Verantwortlichkeit. Er ist kein Programm für politische Veränderungen, sondern ein Akt der gesellschaftlichen Selbstbestimmung. Tarrida (1889) Von den verschiedenen revolutionären Theorien, welche den Anspruch haben, die vollständige Befreiung zu garantieren, ist die der Natur, der Wissenschaft und der Gerechtigkeit am meisten entsprechende diejenige, die alle politischen, sozialen, ökonomischen und religiösen Dogmen verwirft, und dies ist die Anarquia sin Adjetivos (die Anarchie ohne Eigenschaftsworte) = als kurze Bezeichnung, für das für richtig und notwendig erachtete: nicht weiterhin durch die qualifizierenden Adjektiva sich in der Gegenwart von andersdenkenden Anarchisten demonstrativ zu trennen und der Zukunft nicht vorgreifen zu wollen. (Interpretation von M. Nettlau) Tarrida: L' anarchie sans phrase, l' anarchie pure et simple (die Anarchie ohne Umschweife, die Anarchie schlechthin.) Kropotkin: Anarchie sind Abmachungen von Mann zu Mann, nicht mit einer Regierung. Die größten Taten des Jahrhunderts wurden durch freiwillige Abmachungen ausgeführt. Die Anarchisten sollten ihre Grundsätze in ihren gegenseitigen Beziehungen anwenden, weil dies sie vorbereitet (zu deren künftiger Anwendung in großem Umfange) Pujols (1883) Was ist also in der Praxis die Anarchie? Jede soziale Organisation, der das Befehlen, die Herrschaft oder Autorität der einen über die andern genommen ist. Nach dieser Definition wird sich ergeben, daß, da es in einer anarchisch organisierten Gesellschaft keine Führerschaften gibt, das System auf dem freien Willen all seiner Teilnehmer begründet ist... Nettlau: Das Vorhandensein des griechischen Anarchia deutet darauf hin, daß Personen vorhanden waren, die bewußt die Herrschaft, den Staat verwarfen; erst als dieselben bekämpft und verfolgt wurden haftete diese Bezeichnung an ihnen im Sinn der der bestehenden Ordnung gefährlichsten Rebellen. Diderot: Je ne veux ni donner ni recevoir des lois. (Ich will weder Gesetze geben, noch Gesetze empfangen.) Solidarité Da also der zentralisierte und nationale Staat nicht mehr besteht und die Communen vollkommene Unabhängigkeit genießen, besteht wirklich Anarchie - Abwesenheit zentraler Autorität. Proudhon: Anarchie‚ Abwesenheit jedes Herrn, jedes Souveräns, das ist die Regierungsform, der wir uns täglich mehr nähern und die nur die eingewurzelte Gewohnheit‚ den Menschen zur Regel und sein Willen zum Gesetz zu nehmen, als die größte Unordnung und den Ausdruck des Chaos betrachten läßt. Bakunin: Wir rufen die Anarchie an, diese Manifestation des Lebens und der Aspiration des Volkes, aus der die Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, die neue Ordnung und die Kraft der Revolution selbst hervorgehen sollen. Mamat: Sumsihcrana  Positionen zum Anarchismus In seinem Pariser Exil wurde einem betagten spanischen Anarchisten, der in der Arbeiterbewegung seines Landes eine führende Rolle gespielt hatte, von einem jungen Genossen folgende Frage gestellt: “Was soll man den Leuten sagen, wenn sie einwenden, die Verwirklichung einer anarchistischen Gesellschaft wäre zwar schön, ist aber unmöglich.“ Seine Antwort lautete: “Natürlich ist es unmöglich. Aber siehst du nicht, daß alles, was heute möglich ist, nichts wert ist?“ (zit. aus Heiner Koechlin, Anarchismus - Gefahr, Illusion, Hoffnung? In: Unsere Wünsche sind die Erinnerungen an die Zukunft. Anarchismus und Marxismus Bd. 3, Berlin 1976, S. 33) “Allerdings halte ich Anarchismus für das gemäßeste Wort für meine Lebensanschauung. Auch habe ich nicht die anarchistische Zukunftsgesellschaft über Bord geworfen, sondern nur den Glauben, daß sie mit den jetzt lebenden Menschenmassen in irgend absehbarer Zeit erreicht wird. Dagegen glaube ich an ihre Vernünftigkeit und an ihre Realisierbarkeit unter nur einigermaßen einsichtigen und gutwilligen Menschen. Allenfalls glaube ich an kleinere anarchistische Siedlungen, die später vielleicht von den Nichtanarchisten in Ruhe gelassen werden.“ (Gustav Landauer im Frühjahr 1900 in einem Brief an Paul Eltzbacher. In: Gustav Landauer, Sein Lebensgang in Briefen, Bd. 1, S. 52) Friedrich W. Schlegel bezeichnete 1796 in seinem ‘Versuch über den Begriff des Republikaners‘ den Anarchismus als die “absolute Freiheit“. Immanuel Kant definierte 1798 in seiner Anthropologievorlesung den Anarchismus als “Gesetz und Freiheit, ohne Gewalt“. Und Ludwig Börne schrieb: “Freiheit geht nur aus Anarchie hervor“. “Anarchie im ursprünglichen Sinne: Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit.“ (Gustav Landauer im vierten Artikel der ersten Fassung der ‘Zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes‘ (1908). “Freiheit: ist kein subjektiver, sondern ein objektiv recht exakt bestimmbarer Begriff, wenn es um Freiheit in sozialer Beziehung geht. Entweder ist meine Freiheit größer als die eines anderen oder einer Gruppe, indem sie auf dessen oder deren Kosten geht, dann sind jene nicht frei; oder sie ist geringer als die eines anderen oder einer Gruppe, wobei dies auf meine Kosten geht, dann bin ich nicht frei. In beiden Fällen besteht kein Zustand der Freiheit. Dieser kann also nichts anderes bedeuten als die gleiche Freiheit (nicht Gleichheit!) Aller, was im wesentlichen mit Herrschaftslosigkeit identisch ist.“ (K. H. Z. Solneman, Das Manifest der Freiheit und des Friedens. Der Gegenpol zum kommunistischen Manifest. Freiburg/Br. 1977, S. 5) “Anarchie: ist ein Zustand der Herrschaftslosigkeit. Da es einen solchen in konsequenter Form noch niemals gegeben hat, ist die Behauptung, er sei mit Unordnung oder gar Chaos identisch, keine Erfahrungstatsache, sondern Polemik und Demagogie solcher, die Herrschaft als notwendig propagieren.“ (Ebd.) Anarchismus: ist ein durch willkürliche Umdeutungen verzerrter Begriff. Der wirkliche Anarchismus sieht in der Freiheit nicht die Tochter, sondern die Mutter der Ordnung, ist keine Ideologie, sondern geht von beweisbaren Tatsachen aus, die zu einer unausweichbaren Alternative führen.“ (Ebd.) "Freiheit ist das ‘einzige Gesetz‘, die ‘einzige moralische Grundlage, für die menschliche Gesellschaft, sie muß das ‘einzige bildende Prinzip ihrer politischen und ökonomischen Organisation‘ werden. “Die Ordnung in der Gesellschaft muß die Resultante der größtmöglichen Entwicklung aller lokalen, kollektiven und individuellen Freiheiten sein.“ Das Reich der Freiheit = die Anarchie. (M. Bakunin, Prinzipien und Organisation der Internationalen Revolutionären Gesellschaft (1866). In: ders., Staatlichkeit und Anarchie, S. 4) “Der Anarchismus ist eine Bewegung, die sich in unaufhörlicher Entwicklung befindet und die heute wie gestern die Fähigkeit besitzt, neue Formen anzunehmen, sich dem Marsch der Menschheit einzugliedern, alle neuen Tatsachen zu verstehen und zu akzeptieren. Es ist daher meiner Ansicht nach ein fundamentaler Fehler, wenn man den Anarchismus mit Hilfe der Aussagen seiner ersten Theoretiker beschreibt.“ (Federica. Montseny, in: Erwin Oberländer (Hrsg.), Der Anarchismus, Olten 1972, S. 13) Anarchie bedeutet nicht nur keine Herrschaft von Menschen, sondern auch keine Herrschaft äußerer Ziele, Zwecke oder Sinngebungen über das Leben der Menschen. Landauer hat dies deutlich erkannt: die Revolution ist zwecklos, sie erreicht niemals ihr Ziel - aber das tut ihr keinen Abbruch: sie ist ein Moment “begeisterten Rausches“, Moment der Ekstase, der Freude, der Vereinigung, der Schöpfung. (S. W.) “Die Anarchisten müssen einsehen: ein Ziel läßt sich nur erreichen, wenn das Mittel schon in der Farbe dieses Zieles gefärbt ist. Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit. Die Anarchie ist da, wo Anarchisten sind, wirkliche Anarchisten, solche Menschen, die keine Gewalt mehr üben... Die Anarchie ist nicht eine Sache der Zukunft, sondern der Gegenwart; nicht der Forderungen, sondern des Lebens. Nicht um die Nationalisation der Errungenschaften der Vergangenheit kann es sich handeln, sondern um ein neues Volk, das sich aus kleinen Anfängen heraus durch Innenkolonisation, mitten unter den anderen Völkern, da und dort in neuen Gemeinschaften bildet. Nicht um den Klassenkampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden schließlich handelt es sich, sondern darum, daß sich freie, innerlich gefestigte und in sich beherrschte Naturen aus den Massen loslösen und zu neuen Gebilden vereinigen. Die alten Gegensätze von Zerstören und Aufbauen fangen an, ihren Sinn zu verlieren; es handelt sich ums Formen des nie Gewesenen... Was die Anarchisten uns als ideale Gesellschaft aufzeichnen, ist viel zu vernünftig, viel zu sehr mit dem bloß Gegebenen rechnend, als daß es je Wirklichkeit werden könnte und sollte. Nur wer mit Unbekanntem rechnet, rechnet richtig. Denn das Leben und der eigentliche Mensch in uns, sie sind uns unbenannt und unbekannt. Nicht fernerhin Krieg und Mord, sondern Wiedergeburt.... Die Anarchie aber ist nichts Nahes, Kaltes, Deutliches, wie die Anarchisten gewähnt hatten; wenn die Anarchie ihnen zum dunklen, tiefen Traum wird, statt eine begrifflich erreichbare Welt zu sein, wird ihr Ethos und ihr Handeln von einerlei Art werden.“ (Gustav Landauer‚ Anarchische Gedanken über Anarchismus (1901) “Die Anarchisten sind keine politische Partei, denn sie stehen nicht auf dem Boden des heutigen Staatswesens und verschmähen es, zu feilschen und zu markten. Wir Anarchisten wollen Prediger sein, und um die Revolutionierung der Geister ist es uns vor allem zu tun.“ (Gustav Landauer, Der Anarchismus in Deutschland (1895) “Wohl wissen wir uns frei und unfrei. Wir erleben uns frei in unserer Unfreiheit und unfrei in unserer Freiheit. Worauf es uns ankommt, ist uns zu befreien. Wirklich ist für uns Freiheit nicht in einem Absoluten, sondern in einem mehr oder weniger. Freiheit bedeutet uns im wesentlichen Befreiung.“ (Heiner Koechlin, 1976) “Je größer die Zahl der Gesetze und Verbote, desto größer die Zahl der Diebe und Räuber. Ich tue nichts, und das Volk ordnet sich von selbst.“ (Lao Tse)
Konzeptionelle Überlegungen für eine anarchistische BewegungUm gegen den unmenschlichen Kapitalismus in die Offensive zu kommen, brauchen wir eine Fundamentalopposition, die die Utopie eines herrschaftsfreien, selbstbestimmten Lebens propagiert und praktische Schritte dahin benennt. Diese Utopie muss sich auf unseren Alltag, auf alle gesellschaftlichen Bereiche beziehen. Bisher haben wir an vielen Stellen, in vielen Teilbereichsbewegungen gekämpft. Jetzt gilt es diese Erfahrungen in einem gesamtgesellschaftlichen Gegenentwurf zusammenzubringen. Nur so kann sich das Vertrauen in die eigenen Kraft entwickeln, sich der Konfrontation mit der eigenen Sozialisation und dem Herrschaftssystem zu stellen. Dies bedeutet, sich in den verschiedensten Lebensbereichen zu organisieren und für unsere gemeinsame Utopien zu kämpfen. Hierbei sollte ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Freiheit des Individuums und der kollektiven Organisierung gefunden werden. Ein Zentrum(szusammenhang) könnte sowohl räumlich als auch ideell ein Mittel dieser Organisierung sein. So ist Zentrum auch gleichzusetzen mit einem politisch-sozialen Zusammenhang, der auch ohne Räumlichkeiten als anarchistische Bewegung bestehen können muss. In wahlloser Reihenfolgen und unvollständig werden im Folgenden Bereiche erwähnt, zu den wir schon Theorie und Praxis entwickelt haben oder auch noch entwickeln müssen. Zur Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen, Arbeiten gibt es viele Initiativen. · Mit dem Häuserkampf wurde gegen das Privateigentum gekämpft und den Anspruch auf angemessenen Wohnraum für Alle eingefordert. · Zur Ernährung gibt es ausgelöst durch chemische und radioaktive Belastungen eine sehr breite Diskussion zu ökologischen Gesellschaftsgegenentwürfen. · Zur Lohnarbeit wird sich zwangsläufig sowohl individuell als auch kollektiv verhalten. Hier gibt es zahlreiche Ansätze und Initiativen aus unserem Spektrum · Im Bereich der Bildungspolitik werden ganz aktuell wieder alternative Konzepte als Abgrenzung gegenüber der praktizierten Ausbildung für die Warengesellschaft diskutiert. · Im Rahmen der Anti-AKW-Bewegung entstanden Ideen von einer ökologischen und humanen Energieversorgung jenseits gefährlicher Großtechnologien. · Die Diskussion um die Gesundheitsreform zeigt das ganze Dilemma des Systems auf, das auch hier den ganzen Sektor gewinnbringend durchstrukturieren will und für den das Wohlbefinden der Menschen nur als Kostenfaktor auftaucht. · Eine Diskussion, die auch verstärkt auf uns zurollen wird (auch wir werden älter), ist die Frage der Altersversorgung sowohl im materiellen Bereich (Rentendiskussion) als auch im immateriellen Bereich. Wie stellen wir uns ein Leben im Alter vor - Altersheim oder Rentnerlnnen-WGs? · Im Anbetracht dessen, dass wir auch mal Kinder waren, stellt sich die Frage, nach welchen Konzepten sollen Kinder aufwachsen jenseits von laissez-faire und autoritärem Gehabe. · Wie stellen wir uns in Theorie und Praxis den Weg zu einem befreiten, selbstbestimmten Verhältnis von Frauen und Männern vor (Feminismus und Antipatriarchatsdiskussion)? · Welche Kommunikationsstrukturen brauchen wir, um Manipulationen und Machtkonzentration zu verhindern? · Hier schließt sich unsere Verhältnis zu Computern und anderen neuen Kommunikationstechnologien an. · Wir kämpfen für die Abschaffung aller Knäste. Welche Schritte gehen wir bis dahin? Wie gehen wir mit den berechtigten Ängsten der Leuten vor Vergewaltigern und Mördern um? · Unsere Diskussionen zur Abtreibung sollten ein positives Verhältnis zum entstehenden Leben beinhalten. · Die Gewaltfreiheit- und Militanzdebatte sollte ein genaues Verhältnis zur Gewalt ausdrücken, so dass wir nicht aus Hass selbst unmenschlich werden. · Alle faschistischen und reaktionären Ideologien müssen entlarvt werden und ihnen unseren antiautoritären Lebensentwurf entgegengestellt werden. · Der Internationalisierung des Kapitals setzen wir ein antinationales Verständnis der unterdrückten Menschen in allen Ländern entgegen. Das bedeutet das Sprengen der Grenzen durch das Erkämpfen des Aufenthaltsrechts für Flüchtlinge sowie die Achtung der kulturellen Unterschiede der Menschen. · In unseren Lebensäußerungen (Kultur) sollten Lebensfreude und Ansätze zu einem anderen Leben sichtbar werden. · Zu Gewerkschaften, Parteien und anderen staatstragenden Institutionen sollten wir ein ablehnendes, jedoch funktionales Verhältnis entwickeln. Die dort arbeitenden Menschen sind ernst zu nehmen und es sollten Auseinandersetzungen mit ihnen geführt werden. · Weit verbreitet auch unter uns sind religiöse Einstellungen. Diese sollten wir respektieren, soweit sie keinen autoritären Geltungsanspruch geltend machen. Gerade aber AtheistInnen sind verstärkt aufgerufen, eine Antwort auf den Sinn des Lebens zu geben. Dazu gehört eine Auseinandersetzung um philosophische Fragen und die Diskussion um Identität, Kollektivität und die Moralvorstellungen von Menschen. · Bereiche, die meist in das “Privatleben“ abgeschoben werden, sind die Diskussionen ums Rauchen, Drogen (auch Alkohol) sowie unsere Einstellung zu Tieren (Diskussion um “totes Tier“ im Essen und bei der Bekleidung). · Im Zusammenhang mit Stadtentwicklung muss auch das Problem des Verkehrs (Transport-, Individual- und Öffentlicher Verkehr) gelöst werden. · Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen wie Nahrung, Wasser, Luft hat Priorität und ist eine vorrangige Aufgabe gerade auch einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Der Ausbeutung der Natur muss ein ökologisches Leben mit und in der Natur entgegengesetzt werden. · Für ein herrschaftsfreies Zusammenleben brauchen wir Regeln und Normen der Konfliktlösung, um mit Menschen jenseits von Rache und Strafe um gehen zu können. Wir sollten jeweils nach den neusten gesellschaftlichen Verhältnisse unsere Entwürfe aktualisieren, wie wir uns die Organisation einer herrschaftsfreien Gesellschaft vorstellen: Räteprinzip, dezentral, basisdemokratisch, Minderheitenschutz ... Warum Anarchie? Und: Was ist Anarchie? Was ist eigentlich Anarchie? Wollen die Anarchisten die Republik ins Chaos stürzen ? In tiefer Nacht, wenn die Lichter der Laternen die dunklen Winkel nicht mehr erreichen, und die Fassaden lange Schatten werfen, gehen mysteriöse, schreckliche Dinge vor. Durch die schlafende Stadt huschen schwarzgekleidete Gestalten mit tief in die fanatischen Fratzen gezogenen Schlapphüten und dämonischen Sturmhauben. Sie unterminieren das friedliche Gemeinwesen, verstecken gefährliches Material und schreiben ihr schwarzes Menetekel an die Mauern. Weite Umhänge und Jacken verhüllen mühsam die waffenstarrende Ausrüstung. Sprengstoff beult die Taschen der düsteren Gestalten. Manchmal hört man verhalten laut rauhe Kommandos oder leises signalisierendes Zischen. wenn es nicht gerade von einer rennenden Zündschnur kommt. Im nikotingelben Gebiß blitzt der Dolch. von dem schäumend Speichel tropft, bereit, seine Schneide ins Herz des arglos seine Runde drehenden Polizisten zu ermorden. Stechende Augen belauern die ausgestorbenen Straßen. Leise ächzend werden schwere Kisten voll Waffen und Munition in geheime Keller und Schlupfwinkel geschleppt, in denen VerschwörerInnen Tag und Nacht, aufgeputscht von Drogen, finstere, subversive Pläne schmieden und am Sturz der Regierung arbeiten. Sie bereiten ihn vor, den großen Schlag, den Tag X. an dem sie das Feuer an die Lunten legen. die . Aber ist das die Wirklichkeit? Kann denn jemand allen Ernstes so etwas Entsetzliches wollen? ANARCHIE IST ORDNUNG OHNE HERRSCHAFT. ANARCHISTiNNEN gibt es schon seit Tausenden von Jahren, ja wahrscheinlich so lange wie es Menschen gibt, und den Wunsch, frei von Unterdrückung zu sein. Die ersten überlieferten Namen begegnen uns bei den Philosophen der alten Griechen; Zeno, der geistige Vater der Stoiker, war einer von ihnen. Sein Wahlspruch: "Jeder nach seinem Können, jeder nach seinen Bedürfnissen", gilt uns heute noch immer. Viele bekannte Menschen: SchriftstellerInnen, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen zählten und zählen sich zu den AnarchistInnen, deren Ziel es ist: EINE HERRSCHAFTSLOSE UND GEWALTFREIE GESELLSCHAFT AUF DER BASIS DER FREIWILLIGKEIT UND DER GEGENSEITIGEN HILFE ZU ERREICHEN. Das sei völlig "utopisch" hören wir die Philister auf ihren Rängen und Emporen stöhnen. Lachend schütteln sie Bauch und Eierköpfe über so viel Unverstand und IDEALISMUS. Seit rund 150 Jahren gibt es in Europa und der Welt Menschen, die sich als AnarchistInnen bezeichnen. Das Wort kommt aus dem Griechischen von"an-archos", das heißt: "ohne Herrschaft". Der französische Sozialist Pierre-Joseph Proudhon bezeichnete sich als erster öffentlich und provokativ als "Anarchist". Obwohl der Anarchismus schon frühere DenkerInnen hatte, wurde er erst Mitte des 19. Jahrhunderts mit der aufkommenden ArbeiterInnenbewegung zu einer politischen Theorie und Kraft. Eine seiner bekanntesten Figuren war der russische Revolutionär Michael Bakunin, der als Organisator große Bedeutung erlangte. Er bildete auf der sozialistischen Ersten Internationale den Gegenpol zu Karl Marx. Diese Internationale zerbrach 1872 am Widerspruch zwischen dem marxistisch-autoritären Flügel (bis 1876) und dem ("bakuninistisch"-) antiautoritären, der zunächst noch der größere und langlebigere war. Hier stoßen wir darauf, daß sich die AnarchistInnen in der Regel für den SOZIALISMUS (in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes) einsetz(t)en. Der Grundwiderspruch der ersten Internationale besteht allerdings noch heute: Die AnarchistInnen wollen einen sich freiwillig entwickelnden Sozialismus, der sich von unten nach oben, also föderativ aufbaut. Das weist auch gleich darauf hin, daß die AnarchistInnen nicht Feinde jeglicher Organisation sind, sondern vielmehr nur zentralistische, autoritäre Organisationsformen ablehnen und somit in direktem Gegensatz zu nahezu allen sogenannten "kommunistischen" oder sozialistischen PARTEIEN stehen. Insbesondere zu den "real-existierenden" (bzw. existiert habenden!). Rätekommunistische oder basisdemokratische Orientierungen stehen den AnarchistInnen somit am nächsten. "Sowas klappt doch nie!! Das sind ja alles Spinner, harmlos oder gefährlich, je nachdem!" Nun, Anarchistische Tendenzen oder Realisierungsversuche im Großen hat es schon mehrfach gegeben, nämlich z.B. in: der PARISER COMMUNE von 1871, im Blut erstickt von den Versailler Generälen, die, eben von Kaiserdeutschland besiegt, mit dessen massiver Unterstützung in Paris das eigene Volk abschlachteten; der MEXIKANISCHEN REVOLUTION von 1912, als die "Zapatistas" mit dem Ruf "Tierra y Libertad", "Land und Freiheit", die Diktatur stürzten. Emiliano Zapata wurde vom Militär der neuen "Demokratie" heimtückisch ermordet; der (2.) MÜNCHENER RÄTEREPUBLIK von 1919 (sowie einigen anderen schwarz-roten Räten z. B. im Ruhrgebiet 1920), abgeschlachtet von SPD-Noske und -Hoffmann und ihren Reichswehr-, Freikorps- und Nazimarodeuren; der MACHNOW-BEWEGUNG in der UKRAINE während der russischen Oktoberrevolution, heimtückisch niedergemacht von der "Roten Armee" Moskaus, nachdem gemeinsam die zaristisch-kapitalistischen Invasionstruppen Wrangels und Denikins besiegt worden waren, sowie andere anarchistische Republiken zu Beginn der sog. Sowjetunion: dem AUFSTAND VON KRONSTADT (Insel und Seefestung vor Rußlands Hauptstadt St. Petersburg) 1921, dessen Beteiligte die Bolschewisten Lenin-Trotzki "abschießen" ließen "wie Rebhühner". (0-Ton!); dem AUFSTAND IN PATAGONIEN (Arsenlinien - 1921), mit Massenerschießungen niedergemetzelt vom Militär; in der sogenannten "COMMUNE VON SHANGHAI" (1925), der die machthabenden russischen Bolschewisten die Hilfe verweigerten: "Laßt Schanghai brennen!; der SPANISCHEN REVOLUTION von 1936-1939, der Francos Militär-Putschisten. Hitler, Mussolini und der "Verbündete" Stalin in trauter Eintracht den Garaus machten (1939 Hitler-Stalin-Pakt!), während die europäischen z.T. "sozialistischen" Demokratien und die USA "sich nicht einmischten": so begann der 2. Weltkrieg! sowie unbekannteren Ereignissen zu vielen anderen Zeiten und an vielen anderen Orten der Erde. Die bürgerliche und die bolschewistisch-stalinistische Geschichtsschreibung hat die libertären Spuren oft verwischt oder bewußt ganz "bereinigt" und ausgelöscht. Die wiedererstandene anarchistische Literatur bietet hierzu ein weites Informationsfeld. Es gilt ein verschüttetes, freiheitliches Menschenbild wieder zu beleben. Denn FREIHEIT HAT EINEN NAMEN: ANARCHIE! FREIHEIT - das ist ein viel benutztes und mißbrauchtes Wort. Alle nehmen es in Anspruch, sogar Nazis und StalinistInnen. Wirkliche Freiheit kann es aber nur da geben, wo es keine Herrschaft von Menschen über Menschen gibt. Das bedeutet also auch die Abwesenheit von Staat. Kapital, Geschlechterherrschaft (Patriarchat), Rassismus und Imperialismus in jeder Form. Frei ist nur, wer über sich selbst: sein Leben, seinen Körper und Denken, unbevormundet selber entscheiden kann. Dazu bedarf es des Wohlstands für alle: guter Kleidung, menschenwürdiger Wohnverhältnisse, ausreichend gesunder Nahrung, und das Endes des Zwangs zur Arbeit. Heute stehen wir zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit an der Schwelle eines Zeitalters, das diesen alten Traum möglich machen könnte. Ja schon heute bräuchte es keine Hungerkatastrophen und kein individuelles Elend auf Grund von Mangel mehr zu geben. Statt dessen leben wir in einer Welt, die schamlos von den Herrschenden aller Couleur ausgebeutet, zerstört und der Vernichtung anheimgegeben wird. Die großen Probleme unserer Zeit wie Umweltzerstörung, Hochrüstung und Kriegsgefahr, Bildungsnotstand, Arbeitslosigkeit und Hungersnöte, immer perfektere soziale Kontrolle, neuer nationaler Größenwahn allenthalben und rabiate Machtausübung, Frauenunterdrückung, Sexismus, Vergewaltigung und Mord, sprechen eine beredte Sprache. Die "Freiheit der Menschen" ist nicht zu verwechseln mit "der Freiheit der Männer", als die auch manche Anarchisten ihre Lehre einseitig verstanden zu haben scheinen. Wir leben nach wie vor in einer patriarchalisch organisierten und beHERRschten Gesellschaft und Welt, in der die brutale Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen (und andersgesinnten Männern) die Regel darstellt. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, daß AnarchistInnen sich an vorderster Stelle gegen die patriarchale Hierarchie auflehnen, die das stärkste und über die ganze Welt verbreitete System der Herrschaft ist. Wir alle haben es tief verinnerlicht. Männer und Frauen stehen ihren "Mann" in der hierarchischen Pyramide und bewahren sie vor dem Einsturz. In den reichen Ländern, in denen wir leben, profilieren Männer und Frauen (in dieser Reihenfolge) vom Patriarchat. Frauen ziehen auch in dieser Gesellschaft in der Regel den kürzeren, und werden zur ökonomischen Ausbeutung zusätzlich sexuell ausgebeutet und mißhandelt. Das trifft in doppelter Hinsicht auf ausländische Frauen zu, die darüber hinaus noch Opfer des allgegenwärtigen AusländerInnenhasses und Rassismus sind. Viele Berührungspunkte zwischen Feminismus und Anarchismus liegen somit auf der Hand. Es kann aber auch nicht der Sinn von befreiender Gleichberechtigung sein, wenn (Alibi) Frauen vom Typ Thatcher, Süßmuth, Breuel, Ciller etc. die Plätze der Macht einnehmen, die Geschlechterrollen einfach umgetauscht werden. Wir AnarchistInnen wollen den gänzlich freien Menschen, ohne Wenn und Aber, gleichberechtigt in jeder Beziehung, und das hört nicht beim sog."Privaten" auf, sondern gilt gerade und insbesondere da. ANARCHIE IST OHNE DIE FREIHEIT DER FRAUEN NICHT DENKBAR, schon gar nicht "machbar", (Herr Nachbar...)! Anarchie heißt auch nicht "Freiheit der Erwachsenen". Kinder sind in dieser Gesellschaft als schwächstes Glied der Willkürherrschaft der Familien und ErzieherInnen ausgesetzt. Weltweit sind Kinder als Spielball ihrer Eltern und als Opfer verfehlter Erwachsenenmachtpolitik die Leidtragenden einer autoritären und ausbeuterischen Gesellschaft. Das gipfelt in Vergewaltigung, Folter, Sklaverei und Mord. Anarchie verwirklichen bedeutet vor allem, eine Zukunft für Kinder zu schaffen, die befreit ist von autoritärer Unterdrückung und Manipulation. Kinder sollen frei von Angst und Benachteiligung als kleine, ernstzunehmende Menschen aufwachsen und sich entfalten können. Für sie haben wir zwar Sorge zu tragen und ihnen auf Grund unserer größeren Erfahrung, Körperkraft und unserer materiellen Möglichkeiten unsere Förderung, Schutz und Hilfe zukommen zu lassen. Aber deshalb gibt es keinerlei "Besitzrechte" an ihnen. Es sind nicht unsere Kinder, sondern zu allererst frei geborene und gleichberechtigte Menschenwesen, die ein Recht auf persönliche Freiheit, Unversehrtheit und das Erbe einer intakten Um-Welt haben. Unserem Selbstverständnis gemäß sind wir natürliche GegnerInnen jedes Rassismus und Nationalismus. FREIHEIT HAT KEIN VATERLAND und niemand ist berechtigt, sich wegen seiner Herkunft oder Abstammung über andere zu stellen. Von Religionen halten wir ebenfalls herzlich wenig, auch wenn wir sie als Privatangelegenheit tolerieren. Sie vernebeln die Hirne und machen die Menschen in Erwartung eines "besseren Jenseits" regierbar. Autoritäre Pfaffenbonzokratien, mit ihrer in der politischen Machtentfaltung nur allzu sehr "weltlichen" Geistlichkeit, bekämpfen wir ebenso wie jeden Staat. Kapital und Staat versklaven den Körper, die Kirchen den Geist. Und wie wir sehen, gehen beide in Form der "Gottesstaaten" die verderblichste Symbiose ein (Herrschaft "von Gottes Gnaden" <In God we trust!>, Inquisition, "heilige" Kriege, Scharia). Wir setzen gegen Herrschaft und Unterdrückung uns selbst, das Individuum mit dem revolutionären Bewußt-Sein, die Welt ändern zu wollen und zu müssen. Wir setzen dagegen die Selbstorganisation aller freiheitlich denkenden Menschen und unser Eintreten für unsere eigenen Belange und Bedürfnisse, ohne sie auf Kosten anderer Menschen durchsetzen zu wollen. Wir setzen dagegen die DIREKTE AKTION als subjektive und objektive Veränderung unseres Lebens im Großen und Kleinen, ohne institutionelle Umwege. Wir tun das Machbare. Wir versuchen das "Unmögliche" Wir setzen gegen das verherrschte Jetzt den Willen jedes einzelnen Menschen zur größtmöglichen FREIHEIT. WIR BRAUCHEN KEINE ANDEREN HERREN, SONDERN KEINE! (Bert Brecht) Es gibt keine Patentrezepte, deshalb kann es bei uns auch keine perfekten Programme, keine FührerInnen, Dogmen und VorbeterInnen geben. Die Selbstorganisation ist nur möglich durch die weitestgehende Entfaltung, Mitarbeit und Selbstverantwortlichkeit der Einzelnen zusammen mit anderen, und ihren Willen, zu handeln. Parlamentarismus in jeder Form ist im geringsten Fall die ständige Unterdrückung von Minderheiten durch die etablierte Mehrheit. Darum lehnen wir auch diese Form der Oberherrschaft ab. Es gibt kaum ein Verbrechen, das noch nicht von sogenannten demokratischen Regierungen im Namen von "Demokratie" und "Freiheit" begangen worden wäre, mensch denke nur an die USA. Sogar Hitlers NSDAP (ca. 30% WählerInnen) ist von den (konservativen) Weimarer Demokraten 1933 ohne Not die Macht übergeben worden! Wir wollen die Kompetenzen für uns behalten, die andere allzu bereitwillig weggeben und in die Hände derer legen, die sie schändlichst mißbrauchen. Ein ausgeklügeltes System von Gesetzen und Verordnungen sorgt dafür, daß hier und anderswo die ehrlich revolutionärste Partei innerhalb kürzester Zeit zum Polstor wird. auf dem die Mächtigen komfortabel ruhen. Selbstbestimmung jedoch gibt der Korruption keine Chance, denn wer bescheißt schon sich selbst?! Noch etwas zum guten Schluß: Wir haben keine Lobby und kochen auch nur mit Wasser. Freiheit ist auch nicht bequem und ungefährlich. Es liegt in der Natur der Sache, daß du dich schon selber aufraffen mußt, etwas zu tun, etwas in Bewegung zu bringen. Du kannst es! Wenn du also von jemand etwas erwartest, dann erwarte es am besten erstmal von dir selber. Das ist ein guter Weg zu gemeinsamer Stärke und Vielfalt.  A - nar - chie. Seid Ihr noch nicht alle in Ohnmacht gefallen? Jeder anständige Mensch versteht doch unter Anarchie Terror, Gewalt, Unordnung, Chaos, Krieg, Unterdrückung, Ausbeutung usw. Aber halt, so sieht die Welt doch heute aus. Diese Zustände wurden doch von Staaten geschaffen, die jeden Quadratmeter der Erde beanspruchen, mit Staatsformen wie Monarchien, faschistischen und kommunistischen Diktaturen, aber auch Demokratien. Selbst Planwirtschaft oder Marktwirtschaft in den unterschiedlichsten Staaten konnten und wollten an den bestehenden ungerechten, unmenschlichen Zuständen auf diesem Erdball nichts ändern. Das alles hat überhaupt nichts mit Anarchie zu tun. Das Wort Anarchie kommt aus dem Griechischen und bedeutet "ohne Herrschaft". Und eine herrschaftsfreie Welt haben wir nun wirklich nicht, denn Anarchie bedeutet: Ordnung ohne Herrschaft. Doch nun zu unserer parlamentarischen Demokratie: Die bei uns Herrschenden sagen, wir hätten Demokratie, und alle könnten mitbestimmen. Aber haben wir denn hier wirklich etwas zu sagen? Alle vier Jahre Wahlkreuzchen machen, fertig aus. Ist das alles? Wenn wir wenigsten alle vier Jahre unsere Chefs oder Chefinnen in den Betrieben frei, geheim und selbstbestimmt wählen könnten? Oh nein, das geht nicht. Vor den Toren der Betriebe hört diese Pseudo-Demokratie schon auf. Lassen wir uns das Wort Demokratie mal auf der Zunge zergehen. Volks - Herrschaft. Volk und Herrschaft. Nun, wer ist denn das Volk? Alle Menschen, die auf einem von den Herrschenden bestimmten Gebiet, genannt Staat, leben? Oder, ganz völkisch gedacht diejenigen, die, natürlich von den Herrschenden definiert, zum Beispiel deutscher, algerischer, chilenischer oder indonesischer Abstammung sind? Oder einfach alle, die dieselbe Muttersprache haben? Der Begriff des Volkes ist sehr diffus und wird je nach Gutdünken eingesetzt. Und dann das Wort Herrschaft. Was ist daran so positiv? Finden wir es etwa toll, wenn Menschen über Menschen herrschen, Menschen andere Menschen ausbeuten und unterdrücken? Also nochmal: Demokratie ist Volksherrschaft. "Wir sind das Volk!" riefen die Menschen in der Ex-DDR. Wenn wir alle das Volk wären und gleich viel zu sagen hätten, wer herrscht dann noch über wen und warum überhaupt? Ist das dann Basisdemokratie? Wir könnten dann höchstens noch über andere Völker herrschen wollen. Wohin das führt, wissen wir bestens aus der Geschichte dieses Landes. Wenn jede und jeder aber selbst herrschen kann, es also niemand mehr gibt, über den geherrscht wird, dann haben wir doch auch keine Herrschaft mehr, sondern wohl Anarchie, also Herrschaftsfreiheit. Sobald also Demokratie sich wirklich ernst nähme und alle gleichviel zu sagen hätten, wäre das Anarchie. Wenn Demokratie sich aber nicht ernst nimmt, ist sie, wie wir es ja täglich erleben, eine einzige gigantische Propagandashow zur Einnebelung der Menschenhirne und zur Herrschaftssicherung. Doch nun zur Anarchie. Viele, die sich auf eine ernsthafte Diskussion über Anarchie einlassen, meinen, Anarchie sei eine Utopie. Wir würden eine herrschaftsfreie Gesellschaft nie erreichen. Der Mensch sei nun mal so, wie er ist. Mag sein, daß wir Anarchie im Idealzustand nie erreichen werden. Anarchie jedoch fängt im Hier und Jetzt an, bei jedem einzelnen Menschen. Jede und jeder kann im kleinen, in seinem Alltag gegen Herrschaft angehen. Nichts ist vorbestimmt und nichts bleibt ewig. Anarchie ist das Ziel, Anarchie ist Freiheit. Anarchie ist aber auch schon der Weg hin zur Freiheit. Die Geschichte ist voll von Beispielen, wie Menschen selbstbestimmt und solidarisch, herrschaftsfrei und selbstverwaltet gelebt und gearbeitet haben. Warum soll das nicht auch heute und bei uns möglich sein? Ich denke, Anarchie ist unsere einzige Chance, wenn wir unser Überleben auf diesem Planeten sichern wollen. Wir brauchen das Engagement und die Kompetenz jedes und jeder Einzelnen, um drohende ökologische und soziale Desaster abwenden zu können. Dazu brauchen wir keine apathischen und resignierten Menschen. Doch geschenkt wird uns von den Herrschenden und Profitsüchtigen nichts. Wir sollten unser Leben in die eigene Hand nehmen, eigene herrschaftsfreie Lebensbedingungen schaffen. Dann wird es möglich sein, daß unsere Nachkommen eines Tages so leben können, wie wir es jetzt nur erst mal träumen können - in Anarchie. Laßt uns zusammen mit voller Lebensfreude dafür kämpfen! Freiheit und Glück! Liebe und Anarchie!  Die Politik des Ich-Du Der Anarchist Martin Buber Der nebenstehende Artikel basiert auf seinem Beitrag während der Tagung des "Förderkreises Gestaltkritik" am 1. 5. 1998 im Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt. Er ist zuerst erschienen in unserem neuen Buch "Heilende Beziehung. Dialogische Gestalttherapie". So will unsere Gemeinschaft nicht Revolution, sie ist Revolution. (Martin Buber 1978, 187) 1. Der politische Martin Buber Daß der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878 - 1965) mit seiner Lehre vom Ich-Du der vielleicht wichtigste geistige Vater der Gestalttherapie ist, dürfte inzwischen allgemein bekannt sein. Die Aufsätze in diesem Band legen Zeugnis ab von der tiefen Verbundenheit, die Theoretiker der Gestalttherapie Martin Buber gegenüber empfinden. Eine Seite an Martin Buber wird jedoch leider immer noch stark vernachlässigt - der politische Buber. Ich möchte an dieser Stelle aufzeigen, daß Buber seine Philosophie als politische Lehre verstanden hat und in welcher Weise er politisch wirken wollte. Damit möchte ich zugleich die Diskussion um Politik und Therapie weiterführen, die für meine eigene Arbeit als Gestalttherapeut, Institutsleiter, Ausbilder und Herausgeber immer schon eine zentrale Rolle gespielt hat. Diese Diskussion hat sich gegenüber ihren Anfängen in den 80er Jahren verändert, aber sie sollte heute nicht abreißen. Vor einigen Jahren stand ich im Arbeitszimmer meines Freundes Stefan Blankertz. Ich hatte Stefan als Goodman-Spezialisten kennen gelernt (Blankertz 1988/1984 u. 1996, 15ff.). Er hatte mir erklärt, daß der Mitbegründer der Gestalttherapie, Paul Goodman (1911 - 1972), Anarchist war - also das Zusammenleben unter staatlicher Herrschaft ablehnte. Statt dessen sollte das Zusammenleben von selbstbestimmten und für die Konsequenzen ihres Handelns selbst verantwortlichen Menschen organisiert werden. Der Begriff "Anarchismus" verunsicherte mich etwas, da ich damals unter (guter) Politik irgend etwas links von der SPD verstand, etwas, das mehr (und nicht weniger) Staat wollte. Es leuchtete mir jedoch ein, daß das anarchistische gesellschaftliche Ideal Goodmans besser mit den individuellen Zielen der Gestalttherapie zusammen paßte: Wir sprechen ja von Verantwortung für unser Tun, die es zu übernehmen gilt, und von "organismischer Selbstregulierung". Da ist für Herrschaft und Staat offensichtlich kein Platz mehr. Daß sich Gestalttherapie immer schon als eine Therapie in Gesellschaft versteht, hatte mir übrigens schon Lore Perls beigebracht: Menschen sollen fähiger zu selbstbestimmtem Leben werden. Lore betonte, daß dies "politische Arbeit" sei, in "Gesellschaften, die mehr oder weniger autoritär sind" (L. Perls 1997, 126). Ich betrachtete also die Buchrücken in Stefans Regal. Was liest so ein Anarchist? Mein Auge blieb hängen an einem Buch mit einem schwarzen Leinenumschlag und goldener Rückenprägung: "Meister Eckharts mystische Schriften" las ich. Ich war erstaunt. Erschienen war das Buch (als Neuauflage) in dem wichtigsten anarchistischen Verlag Deutschlands - der Büchse der Pandora. Stefan hatte diesen Verlag zusammen mit einem Freund gegründet. Aber warum um alles in der Welt veröffentlichten die solche religiösen Bücher? Stefan wies mich auf den Menschen hin, der diese Texte des deutschen Mystikers ins Hochdeutsche übertragen hatte: Gustav Landauer (1870 - 1919), Schriftsteller, Philosoph, Politiker. Landauer war es, der 1919 die Münchner Räterepublik ausgerufen hatte. Nach deren Niederschlagung durch - von der SPD angeforderte - Freikorpstruppen wurde er auf dem Weg ins Gefängnis ermordet. Jetzt war ich noch erstaunter. Hier tat sich mir unerwartet eine bemerkenswerte Verbindung von Religion und Politik auf. Doch es kam noch heftiger. Stefan wies mich auf den Herausgeber dieses Buches hin: Martin Buber hatte es nach Landauers Ermordung herausgegeben. Buber war nämlich mit Landauer eng verbunden. Landauer war für ihn so etwas zwischen Freund und väterlichem Lehrer. Beide, Landauer und Buber, waren Juden. Während sich Buber jedoch philosophisch und wissenschaftlich mit dem Judentum identifizierte, wendete Landauer sich stärker dem mittelalterlichen kommunitären Katholizismus zu. Diesen Unterschied empfanden die beiden Freunde jedoch nicht als Trennung. Sie trafen sich in der gemeinsamen Einschätzung, daß Religion ohne Sozialismus "entleibter Geist" sei, Sozialismus ohne Religion "entgeistigter Leib" (Buber 1985a, 284). Erst einmal für die Verbindung Buber-Landauer sensibilisiert, stieß ich auch bei Fritz Perls auf Landauer: "Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg war sehr unruhig. Überall waren politische Gruppen, in denen revolutionäre Ideen diskutiert wurden. Marx hat mich sehr fasziniert … und dann die russische Revolution. Am meisten aber die Ideen von Gustav Landauer - er hat nichts mit unserem Analytiker in Frankfurt zu tun. Ich hatte in Berlin seinen 'Aufruf zum Sozialismus' gelesen, und 1919 schien die Zeit, wo einiges Wirklichkeit werden könnte. Aber es kam alles ganz anders" (F. Perls, zit. nach Petzold 1984, 13). Fritz und Lore Perls verstanden sich als "Linke", waren Mitglieder der antifaschistischen Liga. Deshalb mußten sie zu Beginn der Nazizeit aus Deutschland fliehen (L. Perls 1997, 123). Heik Portele hat - im Anschluß an Hilarion Petzold - darauf hingewiesen, daß Fritz Perls' Projekt eines "Gestalt-Kibbuz" in Kanada während seiner letzten Lebensjahre wohl einen Rückgriff auf Bubers und Landauers anarchistische Gemeinschaften darstellte (Portele 1993, 28). Petzold und Portele haben sich übrigens - neben Blankertz - auch um die Erforschung der anarchistischen Wurzeln der Gestalttherapie verdient gemacht (u.a. Petzold 1984, 12ff. u. Portele 1993, 22ff.). 3. Die politischen Ideen von Landauer und Buber Gustav Landauer übte einen großen Einfluß auf Buber aus. Landauer glaubte an und kämpfte für ein gesellschaftliches Zusammenleben ohne Staat. Und ebenso tat es Martin Buber. "Was wir Sozialisten wollen, die wir nicht den Staat, sondern die Gesellschaft bauen wollen, das heißt die Vereinigung nicht aus dem Zwang, sondern aus dem Geiste, das ist gegründet auf das freie selbständige Individuum" (Landauer, Von der Ehe, zit. nach Wehr 1996, 119). Landauer und Buber waren überzeugte Zionisten. Sie setzten ihre Hoffnung darauf, daß in Palästina Menschen ein Gemeinwesen aufbauen konnten, ohne daß sie auf eine schon vorhandene herrschaftliche Struktur stießen. In seinem "Aufruf zum Sozialismus" von 1911 weitete Landauer das zionistische Ideal aus und meinte, überall auf der Welt sollten Menschen sich vom Staat lossagen und freie Siedlungen errichten (Landauer 1978/1911). Buber war froh, daß wenigstens in Palästina sich Landauers Ideen zu verwirklichen schienen. Buber erklärte "die genossenschaftlichen Siedlungen der Juden in Palästina ... zu einem 'Neuland sozialer Gestaltung'" (Wolf 1992, 96). Er fordert: freiwilliges (nicht nach sowjetischen Vorbild erzwungenes) "Gemeineigentum an Boden" und die "freie Bestimmung der Siedler über die Normen des Gemeinschaftslebens"; dies nannte er den "sozialistischen Zionismus" (Buber 1985b, 377, 385). Als Föderalist und kommunitärer Sozialist lehnte Buber die Gründung eines israelischen Staates strikt ab. Als sich die Staatsgründung nicht abwenden ließ, kämpfte Buber - wiederum vergebens - um einen säkularen Staat, in welchem Juden und Araber frei und tolerant miteinander leben könnten. Bubers dahingehende Schriften sind unter dem Titel "Ein Land und zwei Völker" 1983 herausgegeben worden (Buber 1983). Wieviel Leid hätte vermieden werden können und könnte in der Zukunft noch vermieden werden, wenn man sich mehr an Bubers Ideen orientiert hätte! Obwohl sich Buber politisch nicht durchsetzen konnte, glaubte er noch Anfang der 50er Jahre fest daran, daß Jerusalem das Zentrum eines freien Sozialismus für die ganze Welt werden könne und damit der Gegenpol zum autoritären Sozialismus Moskauer Prägung sei. Sein föderalistisches Ideal erklärte Buber so: "Wirkliche Menschheit [ist] eine Föderation von Föderationen. … Ein großer Menschenverband ist nur dann so zu nennen, wenn er aus kleinen lebendigen Gemeinschaften, aus kräftigen Zellenorganismen unmittelbaren Miteinanderseins besteht, die zueinander in gleich direkte und vitale Beziehungen treten, wie die ihrer Mitglieder sind, und die sich in gleich direkter und vitaler Weise zu diesem Verband zusammenschließen, wie ihre Mitglieder sich zu ihnen zusammengeschlossen haben" (Buber 1985a, 70, 262). Landauer hatte das in seinem "Aufruf zum Sozialismus" so gesagt: "Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von Gemeinschaften von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken" (Landauer 1978/1911, 131). Unter "Sozialismus" verstanden die Leute um Landauer und Buber weder das Ideal des sozialdemokratischen noch des sowjetisch-diktatorischen Staates. Es ging ihnen um "einen staatsfreien und gewaltlosen Sozialismus einer auf Liebe gebauten wirklichen Gemeinschaft" (Ragaz, zit. nach Wehr 1996, 203), so die Zusammenfassung der Position von Landauer und Buber durch den religiösen Sozialisten Leonhard Ragaz; nach Bubers Verständnis "ist Sozialismus in seiner Wahrheit nicht Doktrin oder Taktik, sondern das Stehen und Standhalten im Abgrund der realen wechselseitigen Beziehungen mit dem Geheimnis des Menschen" (Buber 1985a, 285). Bubers Ziel sind "Momente der Unmittelbarkeit zwischen den Menschen" (Wolf 1992, 95). Landauer und Buber kam es auf das "Wollen" zum freiheitlichen Sozialismus und auf das Beginnen an. Die Revolution sollte sofort beginnen: "... jeweils am gegebenen Orte und unter den gegebenen Bedingungen, also gerade 'hier und jetzt' in dem hier und jetzt möglichen Maße" (Buber 1985a, 149). Landauer rief 1911 zum Sozialismus auf; Buber beschrieb 1950 die Pfade in Utopia - nicht nach Utopia (Buber 1985a). Buber meinte, das menschliche Leben sollte nicht auf einen fernen Zeitpunkt verlegt werden, in welchem die ideale Gesellschaft erkämpft worden ist, sondern sofort beginnen. Wir befinden uns nicht auf dem Weg nach Utopia, sondern wir sollen erkennen, wo wir schon auf dem Boden von Utopia wandeln können. "Sowohl Gustav Landauer als auch Martin Buber erkannten, daß sich eine revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft nicht allein auf einen politischen und sozialen Vorgang reduziert. Bedeutsamer erschien ihnen die Bewußtseinsrevolution. Beide sahen vor allem den Einzelmenschen und dessen persönlichen Neuanfang. Ihre Utopie richtete sich nicht allein an der Zukunft aus, sondern blieb stets auf die Gegenwart bezogen" (Wolf 1992, 143). Gustav Landauer gründete im Frühjahr 1908 zusammen mit einigen Gleichgesinnten den "Sozialistischen Bund". Neben Erich Mühsam gehörte auch Martin Buber zu seinen ersten Mitgliedern. "Die Vereinigung zielte auf ein exemplarisches 'Beginnen' in Richtung einer freien Gemeinschaft. Dieses 'Beginnen' erfolgte nach den Prinzipien der Autonomie und der freien Vereinbarung in genossenschaftlichen und föderativen Zusammenschlüssen ohne Zentralinstanz" (Wolf 1992, 131f.). Das Motto von Buber: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung" (Buber 1973, 15) markiert die Stelle, an der Politik und Therapie zusammenkommen. Wer die gesellschaftliche Veränderung nicht auf politisch-strukturelle Umwälzungen reduziert, muß beim Bewußtsein der Menschen ansetzen - und gerade das ist auch das Anliegen der Gestalttherapie. Bubers zentrales Interesse bestand darin, "der stetig zunehmenden 'Es-Welt' (d.h. den zunehmend instrumentellen Lebensbedingungen unserer modernen Zivilisation) die gelebte Beziehung entgegenzuhalten. ... Den Bürgern im modernen, noch-bürokratisierten Staat [fällt nach Buber] menschliches Miteinander zunehmend schwerer. ... Soziale, auf Gemeinschaftlichkeit angelegte Beziehungen treten also der zunehmenden Es-Welt, d.h. einer wachsenden Funktionalisierung der Außenwelt, wirksam entgegen" (Wolf 1992, 152). 4. Die therapeutische Politik des Ich-Du Was haben die politischen Überlegungen nun mit Bubers Ich-Du zu tun, das immer wieder von Gestalttherapeuten und anderen meist sogenannten Humanistischen Psychologen zitiert und für sich in Anspruch genommen wird? Das "wesenhafte Wir" (Buber) ist ein politisches Ziel, das auch eine "therapeutische Intervention" (Goodman) erfordert: "Eine besondere Beschaffenheit des Wir bekundet sich darin, daß zwischen seinen Gliedern eine wesentliche Beziehung besteht oder zeitweilig entsteht; d.h., daß in dem Wir die ontische Unmittelbarkeit waltet, die die entscheidende Voraussetzung des Ich-Du-Verhältnisses ist. Das Wir schließt das Du potentiell ein. Nur Menschen, die fähig sind, zueinander wahrhaft Du zu sagen, können miteinander wahrhaft Wir sagen" (Buber 1982/1938, 115f.). Heute wird Bubers Ich-Du meist unpolitisch als "menschliche Haltung" rezipiert - eine Haltung bezogen auf ein persönliches Gegenüber, dem ich als gleichwertig "begegne", und das ich nicht verdinglicht "behandle" (Ich-Es). Oder das Ich-Du wird politisch naiv interpretiert: Wenn ich mich ändere, dann hat das eine Wirkung auch auf das gesellschaftliche System; dann ändert sich auch dieses. Eigentlich ist dies ein richtiger erster Schritt. Aber leider auch nicht mehr als ein solcher. Dieser Schritt ist nicht zu verachten, doch allein auch noch nicht ausreichend. Genauso erforderlich ist eine gesellschaftliche Stellungnahme. Und an einer solchen hat es Buber nicht fehlen lassen. Ein Beispiel für Bubers Verzahnung der Ich-Du-Philosophie mit politischer Stellungnahme: "Du, eingetan in die Schalen, in die dich Gesellschaft, Staat, Kirche, Schule, Wirtschaft, öffentliche Meinung und dein eigner Hochmut gesteckt haben, Mittelbarer unter Mittelbaren, durchbrich deine Schalen, werde unmittelbar, rühre Mensch die Menschen an! ... Entmenget die Menge! Aus Menschen, der ohnmächtigen Verlassenheit preisgegeben, aus ohnmächtiger Verlassenheit zusammengeratene Menschen ist das gestaltlose Wesen geworden - löst die Menschen aus ihm, bildet das Gestaltlose zu Gemeinden! Brecht den Vorenthalt, werft euch in die Brandung, reichet und ergreifet die Hände ... entmenget die Menge!" (Buber 1953, 290, 293) Bubers Ich-Du-Beziehung "erstreckt sich ... in den größeren sozialen Raum hinein" (Wehr 1996, 204); "sein Werk umfaßt zwar verschiedene Disziplinen, was aber nicht heißt, daß es in verschiedene, jeweils eigenständige Bereiche oder Fächer auseinanderfiele; in seinen Schriften geht es um philosophische und um Glaubensfragen, um anthropologische und um psychologische, ethische, künstlerische, erzieherische, soziale, staatliche und andere Belange. … In seiner dialogischen Weltanschauung findet sich sowohl ein grundsätzlich überräumliches und überzeitliches Moment als auch ein Eingehen auf die Problematik von Mensch und Gesellschaft in unserer Zeit" (Schapira 1985, 424 u. 426). Schon seit Beginn des Jahrhunderts hatte sich Buber mit einem "utopisch-anarchistischen Traum von Gemeinschaft" beschäftigt, doch zunächst einmal "ohne Zusammenhang mit sozio-politischer Verwirklichung" (Schapira 1985, 427). Buber lebte in dieser Zeit eine abgehobene und von den weltlichen Belangen getrennte, ferne "Erlebnismystik". Er suchte (ekstatische) Zustände der Verzückung auf, um in ihnen zu verweilen. So "vergegnete" er einem Menschen, der in seiner Not zu ihm gekommen war, auf tragische Weise. Dazu aus dem Absatz mit dem Titel "Eine Bekehrung" aus Bubers "Autobiographischen Fragmenten": "Es ereignete sich ..., daß ich einmal, an einem Vormittag nach einem Morgen 'religiöser Begeisterung', den Besuch eines unbekannten jungen Menschen empfing, ohne mit der Seele dabei zu sein. Ich ließ es durchaus nicht an einem freundlichen Entgegenkommen fehlen, ich behandelte ihn nicht nachlässiger als alle seine Altersgenossen, die mich um diese Tageszeit wie ein Orakel, das mit sich reden läßt, aufzusuchen pflegten, ich unterhielt mich mit ihm aufmerksam und freimütig - und unterließ nur, die Fragen zu erraten, die er nicht stellte. Diese Fragen habe ich später, nicht lange darauf, von einem seiner Freunde - er selber lebte schon nicht mehr (er fiel zu Anfang des ersten Weltkrieges) - ihrem wesentlichen Gehalt nach erfahren, erfahren, daß er nicht beiläufig, sondern schicksalhaft zu mir gekommen war, nicht um Plauderei, sondern um Entscheidung, gerade zu mir, gerade in dieser Stunde. Was erwarten wir, wenn wir verzweifeln und doch noch zu einem Menschen gehen? Wohl eine Gegenwärtigkeit, durch die uns gesagt wird, daß es ihn dennoch gibt, den Sinn. Seither habe ich jenes 'Religiöse', das nichts als Ausnahme ist, Herausnahme, Heraustritt, Ekstasis, aufgegeben oder es hat mich aufgegeben. Ich besitze nichts mehr als den Alltag, aus dem ich nie herausgenommen werde. ... Ich kenne keine Fülle mehr als die jeder sterblichen Stunde an Anspruch und Verantwortung" (Buber 1963, 22). Diese "Bekehrung" hatte eine einschneidende Wirkung auf Bubers Biographie: "Infolge eines [dieses!] traumatischen Erlebnisses, wohl auch einer allmählichen inneren Wandlung während des Ersten Weltkrieges - er selbst spricht von einer "Bekehrung" -, begann Buber in der Realität des irdischen Lebens Fuß zu fassen. Von da an wandte sich sein Denken einer gelebten historischen Wirklichkeit samt ihren Widerständen und Forderungen zu. Auf diesem Hintergrund entstand seine dialogische Weltanschauung" (Schapira 1985, 425f.). Der Kernbegriff von Bubers Sozialutopie ist die "Gemeinschaft". Wir erkennen an dieser Begriffswahl auch den damaligen Zeitgeist: Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man noch "Gemeinschaft" sagen, ohne an die nationalsozialistische Verballhornung des Begriffs denken zu müssen. Die Nazis definierten Gemeinschaft als "germanisch" und Gesellschaft als "romanisch". Ohne hier weiter auf die Begriffsgeschichte einzugehen, sei nur klargestellt, daß Buber und Landauer mit einer solchen absurden rassistischen Definition nichts gemein hatten. Auf Formulierungen Landauers zurückgehend, meint Buber: Eine neue Gesellschaft, "eine neue Kultur, eine neue Totalität der geistigen Welt kann nur entstehen, wenn es wieder wirkliche Gemeinschaft und Gemeinsamkeit, ein wirkliches Miteinander und Ineinanderleben, eine lebendige Unmittelbarkeit zwischen den Menschen gibt" (Buber 1985b, 702). Buber hebt die Bedeutung von Gemeinschaften hervor. Diese zeichnen sich dadurch aus, daß zwischen den Menschen noch unmittelbare Beziehungen möglich sind. Und aus diesen lebendigen Gemeinschaften soll "das Gemeinwesen als Verband lebenskräftiger, verwirklichungserfüllter Gemeindezellen" sich bilden. Schließlich soll aus diesen "die Menschheit als ein Verband solcher Gemeinwesen" sich konstitutieren (Buber 1985b, 120): "Landauers Idee war unsere Idee. Es war die Erkenntnis, daß es nicht darauf ankommt, Einrichtungen zu ändern, sondern das menschliche Leben, die Beziehungen der Menschen zueinander zu verwandeln. Daß Sozialismus nicht etwas ist, was aus der Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse heraus entsteht, sondern daß Sozialismus etwas ist, was nie kommen wird, wenn es nicht jetzt und von uns getan wird. Das war die Idee Gustav Landauers und das ist unsere Idee. ... Seien wir, die wir für den Lebenden nicht bereit waren, für den Toten bereit, für seine Lehre: für die Lehre des schöpferischen Sozialismus, die unsere eigene Wahrheit ist, endlich mit ganzer Seele bereit" (Buber 1920, 36f., zit. nach Schapira 1985, 437). Buber und Landauer stellen sich das sozialistische Gemeinwesen in diesem Sinne als einen "Bund von Bünden" vor. Ihnen geht es um einen "sozialistischen Umbau des Staates zu einer Gemeinschaft von Gemeinschaften" (Buber 1985a, 82). Von daher wird Bubers "beharrliches Mißtrauen gegenüber Gesellschaftsordnungen und staatlichem Zentralismus" verständlich (Schapira 1985, 439). Buber trifft - im Anschluß an Gustav Landauer und Max Weber - eine wichtige soziologische Grundunterscheidung zwischen "Gemeinschaft" und "Gesellschaft". Dabei steht "Gemeinschaft" für einen "auf unmittelbare persönliche Beziehungen gegründeten sozialen Organismus". In der "Gesellschaft" hingegen versteht er eine "massenhaft-mechanische Anhäufung von Menschen" (Schapira 1985, 435). Diese polaren Gegensätze treten auch in anderen Begriffspaaren bei ihm auf: "Liebesgemeinde" und "automatisierter Staat" bzw. "das Soziale" und "das Politische" (Buber 1985a, 244ff.). Nach seiner Meinung beruht das soziale Prinzip auf "Vereinigung und Gemeinsamkeit", während "das politische Prinzip vom Herrschaftstrieb gespeist" wird (Schapira 1985, 447). "Daß in allen sozialen Gebilden ein gewisses Maß von Macht, Autorität, Überordnung ... auffindbar ist, ist von je bekannt; aber in keinem der unpolitischen Sozialgebilde ist dieses Element das grundlegende. … Allen Formen von Herrschaft ist dies gemeinsam: jede besitzt mehr Macht als die gegebenen Bedingungen erfordern" (Buber 1962, 1019). Und an anderer Stelle schreibt er: "Eine politische Funktion besteht darin, daß die Herrschenden mehr Macht haben als unbedingt nötig. Im Staat, selbst in einem demokratischen, gibt es ein Übermaß an Macht" (Buber 1985a, 303). So entsteht in allen Staaten ein "politischer Überschuß", dessen Gefahren nach Bubers Vorstellungen durch Dezentralisierung abgewehrt werden müssen. Stefan Blankertz, der heute in der Tradition Bubers, Landauers und Goodmans eine Verbindung von therapeutischer Soziologie und politischer Therapie vertritt, formuliert: Der Staat legitimiere sich selbst durch die "Okkupation sozial notwendiger Funktionen". Dadurch schütze er sich und sein Machtinteresse auch vor Kritik. "Für jede anti-etatistische Bewegung stellt es [nun] das zentrale Problem dar, den Menschen gegen die staatliche Okkupation das 'Bewußtsein der Autonomie' (Goodman) zurückzugeben und die 'Gesellschaft zu rekonstruieren' (Landauer), d.h. sie in die Lage zu versetzen, das Zusammenleben ohne Staat zu meistern" (Blankertz 1998, 78). Hier wird die politische Bedeutung der Gestalttherapie deutlich. Denn das Interesse gerade dieses therapeutischen Ansatzes besteht darin, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung des Klienten wiederherzustellen (A. u. E. Doubrawa 1998, 10f.). Bubers Sozialphilosophie bildet den Hintergrund für seine dialogische Auffassung, die er seit 1913 entwickelte und die sich in dem Text "Ich und Du" (Buber 1973) grundlegend findet. Auch in diesem Text von 1923 klingt die politische Dimension seines Ansatzes an - wenn auch, vier Jahre nach Landauers Tod, etwas zurückhaltend: Buber spricht von "Gemeinschaft", von "Brüderschaft" und "wahrem öffentlichem Leben". In "Pfade in Utopia" (Buber 1985a) wird er 1950 den Zusammenhang zwischen seinem dialogischen Ansatz und seiner Sozialutopie wieder stärker herausstellen. Erst Ende der 30er Jahre führt Buber den Begriff des "Wir" in sein Denken ein, und zwar das "wesenhafte Wir": "Die besondere Beschaffenheit des Wir bekundet sich darin, daß zwischen seinen Gliedern eine wesentliche Beziehung besteht oder zeitweilig entsteht; d.h. daß in dem Wir die ontische Unmittelbarkeit waltet, die die entscheidende Voraussetzung des Ich-Du-Verhältnisses ist. Das Wir schließt das Du potentiell ein. Nur Menschen, die fähig sind, zueinander wahrhaft Du zu sagen, können miteinander wahrhaft Wir sagen" (Buber 1962, 373f.). Verständlich wird daraus, daß sich Gesellschaft aus vielen überschaubaren Gemeinschaftszellen konstituieren muß, in denen Menschen "Du" und "Wir" sagen können. Neben Individualismus und Kollektivismus spricht Buber von einer dritten Grundmöglichkeit, der "Sphäre des Zwischen". Diese ist zwei oder mehreren Wesen gemeinsam, doch greift sie über die Eigenbereiche beider hinaus. Diese Sphäre ist wesenhaft dialogisch. Und sie begründet das "wesenhafte Wir". Der "Kibbuz" - in dem er eine Kernzelle einer solchen lebendigen Gesellschaft sieht - spielte in seinem Denken und seinem gesellschaftlichen Handeln eine bedeutsame Rolle: Für Buber ist ein Kibbuz "doch nur dann einer, wenn seine Mitgliederzahl den Personenkreis, den ein Mensch persönlich kennen kann, nicht übersteigt. … Es geht darum, ob direkter Kontakt von einem Menschen zum andern besteht und ob die Wendung zum anderen wirklich ihn, in seinem Sein und seinem Sosein, meint" (Buber 1985a, 302). 5. Gestalttherapeutische Schlußfolgerungen Als Gestalttherapeut weiß ich, daß Therapie immer einen Gesellschaftsbezug hat. Menschen kommen mit Leiden, die in dieser Gesellschaft entstanden sind. Was "krank" und was "gesund" ist, unterliegt den wechselnden gesellschaftlichen Definitionen, die nicht nur am Wohlergehen der Individuen, sondern auch - und oft auch vornehmlich - an Herrschaftsinteressen ausgerichtet sind. Ich als Gestalttherapeut bemühe mich um eine dialogische Beziehung mit meinem Klienten. Ich weiß, daß seine Seele am besten heilt, wenn wir einander als gleichwertige Partner begegnen und wenn wir dabei einander seelisch berühren. Das was letztlich heilt, ist sogar diese Begegnung. Sie geht tendenziell in die Richtung von Martin Bubers "Ich-Du-Beziehung". Ja, sie geht tendenziell in Bubers Richtung, aber sie kann diese Richtung nicht bis zur letzten Konsequenz einhalten. Die Begegnung von Therapeut und Klient ist eine Begegnung zwischen einem Hilfesuchenden und einem professionellen Helfer. Diese Begegnung ist für den Hilfesuchenden besser als alle anderen Möglichkeiten in dieser Gesellschaft. Aber es bleibt doch ein Anteil von "instrumenteller" Beziehung: Der Klient ist mein "Instrument", meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Therapeut ist das "Instrument" für den Klienten, in der Kälte der Welt zurechtzukommen. Letztlich steckt in unserer Begegnung die Utopie, uns eines Tages in einer Gesellschaft begegnen zu können, in der ein solch instrumentelles Verhältnis nicht mehr notwendig sein wird. Trotzdem muß ich mir bewußt sein, daß selbst diese instrumentelle Begegnung (fast) Gleichgestellter in unserer Gesellschaft eher die Ausnahme ist. Daß diese Begegnung fehlt, macht Menschen krank. Diese Begegnung ist eigentlich gar nicht vorgesehen in unserer Gesellschaft. Das macht die Menschen krank. Die hier vorgesehene Beziehungsform ist die des "Ich-Es". Wenn ich das überlege, wird mir klar, daß wirkliche Heilung mehr braucht als eine heilsame Therapie. Sie braucht eine gesunde Gesellschaft, in der heilende Begegnungen vorgesehen und gewollt sind. Gesellschaft sollte so konstituiert sein, daß direkte Begegnungen von Menschen möglich sind. Also sind kleine gesellschaftliche Einheiten erforderlich, in denen Menschen im Dialog mit den anderen - ihnen persönlich bekannten - Menschen ihr Zusammenleben gestalten können. Eine wirkliche föderalistische Gesellschaftsstruktur. Wo die kleinen Einheiten sich freiwillig zu größeren Einheiten zusammenschließen um ihr Zusammenleben gemeinsam zu gestalten: "Ein Bund von Bünden von Bünden". Und so schließlich die gesamte Menschheit. Staat soll es dann nicht mehr geben, es sei denn - so Buber -, nur um diese Organisationsweise von Zusammenschlüssen zu unterstützen. Psychotherapie erinnert mich heute manchmal eher an die Arbeit des Sisyphos. Er rollt mühsam den Stein den Berg empor (in der Therapiestunde), um dann zusehen zu müssen, daß der Stein wieder den Berg hinab rollt (im Lebensalltag in dieser unserer Gesellschaft). Paradox ist die Situation allemal: Ich würde diese Sisyphusarbeit natürlich nicht aufgeben wollen. Ich weiß, daß der Weg das Ziel ist. Und dennoch muß ich mir bewußt halten, daß gesellschaftliche Veränderung auch eine (öffentliche) gesellschaftliche Stellungnahme und ein gesellschaftliches Engagement braucht. Therapie ist politisch, ja sicher. Doch politische Arbeit ist mehr als Therapie: Gestalttherapie will fähig machen zu selbstbestimmtem Leben. Deshalb muß Gestalttherapie die Klienten auch politikfähig machen. In der Lage, ihre Belange in der polis zu regeln. Das war auch Martin Buber klar. Die Ich-Du-Begegnung braucht ein bestimmtes gesellschaftliches Klima, in welchem sie stattfinden kann. Buber sah dieses Klima - zusammen mit Landauer - in der Anarchie oder dem "freiheitlichen Sozialismus". Mit zwei Zitaten möchte ich diesen Beitrag schließen. Das erste ist die Zusammenfassung der politischen Stellungnahme des Religionsphilosophen Buber: Für ihn bleibt Grundlage für das gemeinschaftliche Leben (das Leben in der Gruppe) "doch die gegenseitige Beziehung, die Offenheit des Menschen für den anderen. ... Das Dialogische gründet sich auch auf die Offenheit des Menschen für Überraschungen" (Buber 1985a, 304). Das zweite Zitat ist ein religiöses "Stoßgebet" des politischen Aktivisten Paul Goodman: "Vater, führe und leite mich herrenloses Tier, / denn geradeaus stolpere ich vorwärts / unbeirrbar, / bemerke ich nicht die schönen Nebenwege, die / uns diese Welt überraschend machen, noch / den sich auftuenden Abgrund. / Oh, gib mir festen Boden für den nächsten Schritt / damit ich taumelnd wandle in meinem Schlaf" (Goodman 1992, 26). 
"Postanarchismus" Texte
Ralf Burnicki: Keine Macht für Alle, keine Macht für Niemand? Herrschaft, Antiherrschaft und vier Machtkonzeptionen im Anarchismus (überarbeitete Fassung des Artikels aus graswurzelrevolution 248 - 04/2000) Jens Kastner: »Kein Wesen, sondern Positionierung«. Zur Geschichte der Identitätspolitik. (Arranca! Nr.19, Berlin 2000) Jens Kastner:Gegen Gewalt und Aktionismus Adornos Kritik taugt auch an seinem Hundersten Geburtstag noch, selbst für Soziale Bewegungen (graswurzelrevolution 282 - Oktober 2003) Jens Kastner: „Von den Schwierigkeiten, die Regierung stürzen zu wollen“. Neoliberalismus, Staat und Widerstand in Foucaults „Gouvernementalitätsansatz“ (graswurzelrevolution 290 - 06/ 2004 - S.18) Jens Kastner:"Langhaarige und frenetische Romantiker". Antonio Gramsci und der Anarchismus (graswurzelrevolution 293 - 09/ 2004) Oskar Lubin: Postanarchismus. Der klassische Anarchismus ist nicht passé, bedarf aber angesichts theoretischer Entwicklungen und veränderter Verhältnisse einiger Revisionen. Eine Skizze (graswurzelrevolution 318 - 04/2007) Marc-Pierre Möll: Kontigenz, Ironie und Anarchie. Das Lachen des Michel Foucault (Aufklärung und Kritik - 7 Jg. (2000) Heft 2, Seite 130-145) (PDF-Download) Jürgen Mümken: Keine Macht für Niemand. Versuch einer anarchistischen Aneignung des philosophischen Projektes von Michel Foucault (Schwarzer Faden Nr. 63 - 1/1998) Jürgen Mümken: Sozialstaat und Rassismus oder vom Liberalismus zum Staatsrassismus (Schwarzer Faden Nr. 71 - 1/2001 und Nr. 72 - 2/2001) Jürgen Mümken: Gender trouble im Anarchismus und Anarchafeminismus (2001 - unveröffentlicht) Jürgen Mümken: Der Einzige und die Sexualität des geschlechtlosen Ichs (Der Einzige - Heft 18 - Mai 2002) Mpunkt: Fragemente zum Postanarchismus & seine Kritik (PDF-Download) hier zur Web-Disskussion zum Text (auf anderen Seiten) Eine anarchistische Kritik am "Postanarchismus" Martin Birkner / Robert Foltin: Autonomist & Open Marxism (in: grundrisse 18) Michale Glavin: Power, Subjectivity and Resistance. Three Works of Postmodern Anarchism Stephan Günzel: Wille zur Differenz. Gilles Deleuzes Nietzsche-Lektüre Jamie Heckert: Restiting Orientation: On the complexitiert of Desire and the Limit of Identity Politics. Diss. Edinburgh John Holloway: Aufhören, den Kapitalismus zu machen (in: grundrisse 11)
Jens Kastner: Die Aufteilung des Gemeinsamen. Der französische Philosoph Jacques Rancière (* 1940 in Algier) beschäftigt sich mit dem Widerstand der Kunst, der Befreiung der ArbeiterInnen durch nächtliches Lesen und dem Kampf um den „Anteil der Anteilslosen“. Ist er Anarchist? (in: graswurzelrevolution, Münster, Nr. 332, Oktober 2008) Jens Kastner / Elisabeth Tuider: Zentrale RandBewegungen. Zur Konstitution von Gewalt an der Schnittstelle von Geschlecht, Sexualität, Ethnizität. (in: grundrisse 24) Jens Kastner: Fallen lassen! Anmerkungen zur Repressionshypothese (in: grundrisse 19) Jens Kastner: "¡Mueve te!" Bewegungen im Kunstwerk als Positionierungen im Feld Jens Kastner: Im Käfig des Gärtners. Zum Staatsbegriff in der globalisierungskritischen Bewegung (in: iz3w 273) Philippe Kellermann: Vom Geist und geistlosen Zuständen. Ein Versuch über den Anarchismus des Gustav Landauers (in: grundrisse 17) Tadzio Mueller: Empowering anarchy. Power, hegemony, and anarchist strategy (PDF-Download) Michaela Ott: "Tout delire est historico-mondial". Das kritische Verfahren in der Philosophie von Gilles Deleuze 14. Sept. 2000 ... John Zerzan: Anarchisten sprechen nicht über Pläne, und sie haben keine Anführer .Dann sind Sie der Guru, und die schwarz bewandeten Typen, ... http://www.postanarchismus.net http://www.anarchismus.at/ http://www.omnibus.org
http://www.kulturkreativ.net/artikel.html?id=art_3f79956c53b99&var=long  D Das Manifest des Friedens und der Freiheit: http://www.hpo.net/users/hhhptdai/hp.htm
Schwarze Katze
[PDF] Sterneck www.sterneck.net  Diese interne Linkliste ist nur eine kleine Auswahl - wichtiger Links. - Eine ausführliche Linkliste findet Ihr auf meiner Homepage unter der Rubrik - LINKS!
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carol ehrlich sozialismus, anarchismus und feminismus (zuerst veröffentlicht unter "socialism, anarchism and feminism" in research group one report #26/january 1977, vacant loss press - baltimore, maryland, usa)
"du bist eine frau, die in einer kapitalistischen gesellschaft lebt. dein job, die offenen kedite, dein ehemann, die schule deiner kinder, die hausarbeiten, die aufwendungen, um hübsch zu sein und beachtung zu finden, das alles widert dich an! wenn du über diese dinge nachdenkst, was sie miteinander in verbindet und wie sie geändert werden können, wirst du irgendwann unweigerlich auf den 'sozialistischen feminismus' stoßen."1 von den unzähligen vorschlägen, die zur lösung des sexistischen problems gemacht wurden, scheinen viele frauen den sozialistischen feminismus als eine der erfolgversprechendsten lösungen anzusehen. 'sozialismus' (in seiner erstaunlichen vielfalt) übt heute auf viele menschen eine starke wirkung aus. sein programmangebot reicht von der interessenvertretung der arbeitenden bevölkerung und einem durchdachten system revolutionärer theorien bis hin zu den beispielen der industrieländer, die eine andere gesellschaftsstruktur haben als die der usa und ihrer satelitenstaaten. für viele feministinnen liegt die anziehung des sozialismus in seinem versprechen, die wirtschaftliche ungleichheit zwischen der arbeitendnen frau und dem arbeitenden mann zu beenden. all den frauen, die der meinung sind, daß eine ausschließlich feministische analyse nicht in der lage ist, die bestehenden ungleichheiten der gesellschaft zu erfassen, bietet der sozialismus darüberhinaus eine radikale erweiterung ihrer perspektive. es gibt gute gründe, warum frauen darüber nachdenken, ob der "feministische sozialismus" als eine politische theorie brauchbar ist. sozialistische feministinnen sind anscheinend sowohl vernünftig als auch radikal. die meisten von ihnen haben eine große abneigung gegen den reformismus und individualismus, wie er sich zunehmend unter einer großen anzahl von frauen breitmacht. die vorstellung von einer nation von amazonen, die mit ihren heerscharen kampferfüllter frauen dem sonnenuntergang entgegenreiten, ist für uns, die wir nicht so romantisch sind, wirklichkeitsfremd, aber immer noch harmlos. ernster dagegen betrachten wir die religiöse besessenheit, die unter vielen frauen um sich greift und so sonderbare psychische phänomene wie den glauben an die "große göttin", die magie und den hexenkult hervorgebracht hat. als eine feministin, die sich mit der veränderung der gesellschaftsstruktur beschäftigt, finde ich das alles andere als harmlos. 1.beispiel: mehr als vierzehnhundert frauen nahmen im april 1976 in boston an einem spritualistischen kongreß teil, der sich größtenteils mit den erwähnten themen beschäftigte. hätte die energie, die dort in endlosen diskussionen über hexenkult, geisterbeschwörung und menstruationsriten aufgebracht wurdem nicht besser für feministische zwecke verwendet werden können? 2. beispiel: laut berichten in wenigstens einer feministischen zeitung versuchte eine gruppe von hexen, susan saxe durch zauberei aus dem gefängnis zu befreien. (schwebenderweise sollte sie in die freiheit gelangen!) wenn diese frauen wirklich geglaubt haben, susan so befreien zu können, dann zeigt das nur, daß ihnen jedes verständnis der patriarchalischen unterdrückung fehlte. war dagegen nur ein fröhlicher scherz beabsichtigt, warum lacht dann keine! der reformismus ist eine weitaus größere gefahr für die interessen der frauen als diese bizarren psychospiele. die bezeichnung "reformistisch" kann auf verschiedene weise verwendet werden - jedoch erweist sich der begriff in den meißten fällen weder als zutreffend noch als nützlich. häufig verbirgt sich hinter dem begriff nur der eigene politische puritianismus oder die ablehnung der politischen arbeit an sich. als eine antwort darauf haben einige feministinnen versucht zu zeigen, daß durch eine bestimmte art von reformen eine radikale bewegung geschaffen werden kann.2 aber es gibt auch reformistische strategien, die die energien der frauen sinnlos vergeuden, indem sie trügerische hoffnungen auf eine grundlegende veränderung der gesellschaft wecken, ohne jedoch lösungen anzubieten, die zu deren realisierung führen. das beste beispiel dafür ist die wahlpolitik. sie findet anhängerinnen unter den sozialistinnen, die von der idee des stufenweisen fortschritts überzeugt sind. die anarchistinnen sind da anderer meinung. du kannst dich nicht durch autoritäre methoden befreien. indem du frauen als deine interessenvertreterinnen in die politik wählst, änderst du nichts an den alten korrupten institutionen des patriarchats. du unterliegst weiterhin ihrer "herr"-schaft. wenn also organisationen wie die NOW die frauen aufrufen, ihnen in die revolution zu folgen, indem sie sie wählen, heißt das nichts anderes, als die dinge so zu belassen wie sie sind. die wahlpolitik ist offensichtlich eine sackgasse; selbst ein großteil nicht-radikaler frauen hat inzwischen gelernt, sie zu umgehen. nicht so offensichtlich dagegen ist das problem des kapitalismus, wie er versteckt hinter der maske feministischer wirtschaftsunternehmen aufblüht. betrachten wir zum beispiel die feminist economic network (FEN) - eine der vielen feministischen wirtschaftsorganisationen. ursprünglich handelte es sich dabei um eine vereinigung von feministischen alternativ-unternehmen, die durch die entwicklung eigener wirtschaftlicher unabhängigkeit den kapitalismus von innen her auszuhölen versuchten. zugegeben, die idee ist reizvoll. das erste große projekt der FEN startete im april 1976 in detroit. für einen jahresbeitrag von 100 dollar konnten frauen, die mitglieder der FEN waren, in einem privaten swimmingpool baden, drinks in einer privatbar zu sich nehmen und in einigen boutiquen billig einkaufen. ihren angestellten zahlte die FEN 2.50 dollar pro stunde. laura brown, die direktorin nannte das unternehmen den beginn der feministischen wirtschaftsrevolution.3 wenn zwei der alten herrschaftsbeispiele - die wahlpolitik und der kapitalismus - als revolution ausgegeben werden, dann heißt das, daß der begriff revolution völlig auf den kopf gestellt wurde. es ist daher nicht überraschend, daß all den frauen, die weder hexen, reitende amazonen, ministerinnen oder kleinkapitalistinnen sein wollen, sondern denen es um die abschaffung des sexismus durch gesellschaftsveränderung geht, der sozialistische feminismus als eine quelle revolutionärer geistesgesundheit erscheint. der anarchistische feminismus könnte dafür ein bedeutendes theoretisches gerüst bieten. aber die meisten feministinnen haben entweder noch nie etwas von ihm gehört oder sie mißverstehen ihn als eine art weibliche variante der männlichen bombenwerfer. ... die sozialistischen feministinnen der neuen linken haben auf vielerlei einfallsreiche arten versucht, einen kern an marxistisch-leninistischem gedankengut zu bewahren, zu aktualisieren und mit dem gegenwärtigen radikalen feminismus zu verknüpfen. die resultate sind oft merkwürdig. im juni 1975 hielten die frauen der "neuen amerikanischen bewegung" und frauen anderer autonomer gruppen die erste nationale konferenz zum thema "sozialistischer feminismus" ab. obwohl die konferenz vorher nicht sonderlich angekündigt worden war, kamen über sechzehnhundert frauen, um das wochenende der ersten juliwoche in yellow springs / ohio zu verbringen. wenn man die reden dieser konferenz und die ausführlichen kommentare über sie liest, die in der feministischen presse veröffentlicht wurden4, dann wird einer keineswegs klar, was die organisatorinnen der konferenz mit dem begriff "sozialistischer feminismus" überhaupt zum ausdruck bringen wollte. die grundsätze, die zu beginn der konferenz aufgestellt wurden, beinhalten unter anderem zwei punkte, die wesentlich mehr mit dem radikalen feminismus gemein hatten als mit der herkömmlichen sozialistischen perspektive. der erste grundsatz besagte: "wir sehen die notwendigkeit und unterstützen die existenz einer autonomen frauenbewegung durch den revolutionären prozeß". im zweiten grundsatz hieß es: "wir teilen die gemeinsame überzeugung, daß alle arten der unterdrückung, ob sie nun die hautfarbe, das geschlecht, die klasse oder die lesbische liebe betreffen, nicht voneinander zu trennen sind. wir die unterdrückten, müssen den kampf um unsere befreiung gemeinsam und gleichzeitig führen". im dritten grundsatz wurde lediglich die feststellung getroffen, "daß der sozialistische feminismus eine strategie zur revolution sei". im vierten grundsatz wurde dazu aufgerufen, "die diskussionen innerhalb der frauenbewegung im geiste des kampfes und der einheit zu führen". das ist natürlich ein enormes angebot an verlockenden grundsätzen - es findet sich praktisch für jeden geschmack etwas. wenn die sozialistischen feministinnen jedoch mit der aussage, daß die klassenunterdrückung nur eine von vielen arten der unterdrückung sei, in ihrem programm die autonome frauenbewegung als trumpf präsentieren, dann kann nach marxistischem verständnis von sozialismus hier wohl kaum noch die rede sein. doch ziehen die sozialistischen feministinnen aus den ansatzpunkten, die sie mit den radikalen feministinnen verbinden, keine konsequenzen. wären sie konsequent, würden sie in ihr programm den grundsatz mit aufnehmen, daß nicht-hierarchische strukturen für die feministische bewegung lebenswichtig sind. das ist natürlich eine forderung, die keine orthodoxe sozialistin akzeptieren kann, denn daraus ergibt sich zwangsläufig, daß der radikale feminismus wesentlich besser mit einer art des anarchismus harmoniert als mit den dominierenden erscheinungsformen des sozialismus. diese art ist sozialer anarchismus (auch bekannt unter kommunistischer anarchismus), nicht die individualistischen oder "anarcho-kapitalistischen" spielarten. feministinnen, denen die anarchistischen grundsätze bekannt sind, wird dies nichts neues sein. das ist aber selten der fall, und daß dem nicht so ist, ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man sich die vorurteile und zerrbilder betrachtet, die über den anarchismus bestehen. wäre den feministinnen der anarchismus besser bekannt, so würden sie nicht versuchen, im sozialismus ein allheilmittel zur beendigung der sexistischen unterdrückung zu sehen. was die feministinnen lernen müssen ist, gegenüber jeder theorie, die eine struktur von führern und anhängern hervorbringt, skeptisch zu sein. der demokratische anspruch, den diese zentralistischen strukturen für sich erheben, ändert nichts an der tatsache, daß einige frauen mehr zu sagen haben als andere. zu lange haben wir frauen aller hautfarben und gesellschaftsschichten die patriarchalische herrschaft erdulden müssen, als daß wir sie jetzt durch eine neue matriarchalische ersetzen wollen. einige zeitgenössische anarcha-feministinnen haben auf die enge beziehung zwischen dem sozialen anarchismus und dem radikalen feminismus hingewiesen. lynne farrow bemerkte dazu, daß "der feminismus das praktiziert, was der anarchismus predigt". peggy kornegger ist der meinung, daß "die feministinnen seit jahren unbewußte anarchistinnen gewesen sind - sowohl in der theorie, als auch in der praxis". marian leighton bemerkte zu diesem punkt, daß "der feine unterschied von der radikalen zur anarchistischen feministin nur ein schritt in der theoretischen weiterentwicklung des selbstbewußtseins ist".5 wir errichten die unabhängigkeit denn sie ist der wachsende prozeß zur einheit aller lebewesen. wir verbreiten spontaneität und kreativität wir erlernen die freuden der gleichheit zwischen uns schwestern in beziehungen ohne herrschaft wir zerstören die unterdrückung in all ihren formen dieses gedicht erschien in der radikalen feministischen zeitschrift "it ain't me babe"6 (nicht mit mir, junge), in deren impressum die forderung zu lesen war: "zerstört jede herrschaft"! obwohl die herausgeberinnen der zeitschrift sich weder als anarchistisch, noch als anarcha-feministisch bezeichnen so ist sie doch ein deutlicher ausdruck der engen beziehung zwischen dem radikalen feminismus und dem anarchistischen feminismus, wie er sich in der neuen frauenbewegung entwickelt hat. die freiheitlichen ansätze der letzten jahre sind durch entwicklungen wie dem "sozialistischen feminismus", der neuen, weiblichen mystik und dem traum vom lesbenstaat gefährdet, da sie in den frauen den wunsch nach neuen herrschaftsformen wecken.
radikaler feminismus und anarchistischer feminismus es gibt eine reihe allgemeiner punkte, an denen die radikalen feministinnen und die sozial-anarchistischen feministinnen ein gemeinsames interesse haben. dazu gehören: die kontrolle über den eigenen körper, die entwicklung von alternativen zur kleinfamilie und zur heterosexualität, das suchen nach neuen methoden einer befreienden kinderbetreuung, die ökonomische unabhängigkeit, die zerstörung der geschlechtsspezifischen rollen in erziehung, den medien und am arbeitsplatz, die abschaffung repressiver gesetze und die beendigung männlicher autorität und besitzherrschaft über die frau, die beschaffung und bereitstellung von mitteln, die es den frauen ermöglichen, ihre eigenen fähigkeiten zu entwickeln, die überwindung von gefühlsbeziehung mit unterdrückungscharakter. es gibt noch viele weitere punkte, in denen radikale feministinnen und anarchistische feministinnen miteinander übereinstimmen. aber den anarchistischen feministinnen geht es um weit mehr als um die zerstörung der offensichtlichen, patriarchalischen strukturen innerhalb der gesellschaft. als anarchistinnen streben sie danach, jedes machtverhältnis und jede situation zu beenden, in der menschen andere unterdrücken. im gegensatz zu einigen nicht-anarchistischen, radikalen feministinnen glauben sie nicht, daß die eroberung der macht durch die frauen zu einer gesellschaft ohne zwänge führen würde. und im gegensatz zu den meisten sozialistischen feministinnen glauben sie nicht, daß aus einer massenbewegung unter der führung einer elite irgendetwas gutes entstehen würde. zusammenfassend betrachtet sind die anarchistischen feministinnen der meinung, daß weder der arbeiterstaat, noch das matriarchat der allgemeinen unterdrückung ein ende bereiten wird. im gegensatz zu den meisten sozialistinnen, streben sie nicht nach einer eroberung der macht, sondern ihr ziel ist die abschaffung der macht. ungeachtet der darüber vorherrschenden gegensätzlichen meinung, sind alle sozial-anarchistinnen ebenfalls sozialistinnen, wenn auch sozialistinnen, die sehr wenig mit den bisher geschilderten sozialistinnen gemein haben. sie sind sozialistinnen, weil sie den wohlstand den händen weniger entreißen wollen, um ihn unter allen mitgliedern der gesellschaft gerecht zu verteilen. und sie sind der meinung, daß die menschen miteinander in gemeinschaftlicher beziehung leben sollten, anstatt als individuen dahinzukümmern. trotz alledem sind die zentralen themen für die anarchistinnen noch immer die macht und die soziale hierarchie in der gesellschaft. solange noch ein staat existiert - selbst einer der vorgibt die interessen der arbeiterinnen zu vertreten - wird dieser staat danach trachten, die formen seiner herrschaft zu festigen und zu erneuern. weiterhin wird es menschen geben, die in unfreiheit leben. menschen sind nicht frei, nur weil ihre existenz ökonomisch und sozial abgesichert ist. als frei können sie sich erst dann betrachten, wenn sie die macht und die kontrolle über ihr eigenes leben haben, und diese frage ist für frauen von weitaus größerer bedeutung als für die männer. frauen haben zum großteil recht wenig macht über ihr eigenes leben. diese eroberung der selbstständigkeit und der kampf darum ist das hauptziel der anarchistischen feministinnen. keine macht für niemand und alle macht für jede: alle macht über das eigene leben, aber keine macht über das leben anderer.7
über die praxis im vorangegangenen haben wir die theorie betrachtet. aber wie steht es mit der praxis? wieder einmal haben die radikalen feministinnen miteinander mehr gemeinsam, als jede der genannten mit den sozialistischen feministinnen.8 beide beschäftigen sich mit dem aufbau alternativer organisationsstrukturen und beide nehmen die 'politik des persönlichen' (politics of the personal) sehr ernst. die sozialistischen feministinnen betrachten weder das eine, noch das andere als besonders wichtig für die revolutionäre praxis. was aber ist unter der entwicklung alternativer organisationsformen zu verstehen? in der praxis bedeutet es, daß sich frauen für die einrichtung von selbsthilfekliniken einsetzen sollten, anstatt darum zu kämpfen, eine ihrer radikalen in den vorstand des krankenhauses zu bringen. es bedeutet, daß frauen ihre eigenen videogruppen und zeitungen gründen sollten, anstatt ihre leute in die komerziellen medien zu schleusen. es bedeutet, daß frauen sich zu wohnkollektiven zusammenschließen sollten, anstatt in kleinfamilien zu leben. die entwicklung alternativer organisationsformen umfaßt unter anderem zufluchts- und beratungsstellen für vergewaltigte, lebensmittel-kooperativen, elternbeaufsichtigte kinderlatilde;den, freie schulen, druckereikollektive und alternative radiostationen. viele der radikalen feministinnen haben früh erkannt, daß mit der schaffung alternativer modelle noch sehr wenig erreicht ist, wenn diese in ihren strukturen den kapitalistischen und autoritären organisationsmodellen nachgebildet sind. in selbsterfahrungsgruppen versuchten sie daher, neue methoden zu finden, um zu einem klaren verständnis über sich und die welt zu gelangen. in kleinen führerinnenlosen gruppen strebten sie danach, neue formen der zusammenarbeit und zwischenmenschlichen beziehungen zu entwickeln. das rotationsprinzip bei der aufgabenverteilung erwies sich dabei am vorteilhaftesten, da es das wissen und die fähigkeiten aller mitglieder beinhalte und förderte. das wissen um theorie und aktionsformen des anarchismus wäre ihnen ein versuch "gleichzeitig sich und die gesellschaft zu verändern" eine entscheidende hilfe gewesen; viele fehler und schwierigkeiten hätten dadurch verhindert werden können. ...
situationismus und anarcha-feminismus
die welt und sein leben zu verändern, ist ein und dieselbe handlung.12 das persönliche ist das politische.13 anarchistinnen sind den vorwurf gewohnt, daß sie keine theorie für den aufbau einer neuen gesellschaft vorweisen könnten. im besten fall, behaupten die kritiker herablassend, sagt uns der anarchismus, was wir nicht tun sollen. wehre dich gegen bürokratie und hierarchische autorität, treffe deine entscheidungen selbst, bevormunde niemanden. so betrachtet gibt es überhaupt keine anarchistische theorie, sondern nur eine sammlung idealistischer und anachronistischer vorstellungen. obwohl an dieser kritik mehr als nur ein körnchen wahrheit ist, gibt es eine vielzahl anarchistischer theorien, die einen rahmen für die analyse und veränderung der welt ergeben. eine dieser theorien ist der situationismus. für uns radikale feministinnen, die diesen "schritt in der theoretischen entwicklung des selbstbewußtseins"14 machen wollen, bietet der situationismus vielleicht eine der größten möglichkeiten. der wert des situationismus für anarchafeministinnen besteht darin, daß er eine sozialistische analyse der kapitalistischen unterdrückung mit der notwendigkeit verbindet, das gesamte öffentliche private leben zu verändern. trotz der bedeutung einer ökonomischen analyse des systems betonen die anarchistinnen, daß die menschen auch in allen anderen lebensbereichen unterdrückt werden; im gegensatz zu den marxisten bestehen sie darauf, daß die menschen ihre lebensbedingungen selbst ändern müssen - keiner kann ihnen diese arbeit abnehmen, weder eine partei noch eine gewerkschaft. zwei der grundbegriffe des situationismus sind die ware und das schauspiel. der kapitalismus hat alle zwischenmenschlichen beziehungen vermarktet. die menschen sind nicht nur produzenten und konsumenten im engen wirtschaftlichen sinn, sondern auch ihr tägliches leben wird von ökonomischen gesichtspunkten bestimmt. alle sozialen beziehungen und strukturen in der gesellschaft sind von der warenwirtschaft festgelegt.15 dadurch sind die menschen nicht nur von ihrer arbeit sondern von ihrem ganzen leben entfremdet. durch den konsum aller sozialen beziehungen ist der mensch zum passiven beobachter seines lebens geworden. das schauspiel ist die kultur der warenwirtschaft - die bühne ist aufgebaut, die handlung läuft, wir applaudieren, wenn wir uns freuen, wir gähnen, wenn wir uns langweilen, aber wir können die show nicht verlassen, da es keine welt außerhalb des theaters gibt. seit einiger zeit kann man jedoch an der gesellschaftlichen bühne zerfallserscheinungen beobachten. dadurch haben wir die möglichkeit, außerhalb des theaters eine neue welt aufzubauen, an welcher jede von uns direkt als subjekt und nicht als objekt teilhaben kann. die situationistinnen nennen dies die neuschöpfung des alltags. wie können wir das alltägliche leben neugestalten? indem wir situationen schaffen, welche die scheinbar natürliche ordnung erschüttern - situationen, die die menschen aus ihren gewohnten denk- und verhaltensweisen herausreißen. nur wenn diese voraussetzung gegeben ist, können wir das herrschende schauspiel und die warenwirtschaft, das heißt den kapitalismus in allen seinen formen, beseitigen, nur dann können wir wirklich frei und unabhängig leben. die übereinstimmung dieser sozial-anarchistischen theorie mit dem radikalen feminismus ist beeindruckend. die verwendung der begriffe ware und schauspiel ist besonders treffend, wenn man sie auf das leben der frauen bezieht. tatsächlich haben viele radikale feministinnen ihr leben mit diesen begriffen beschrieben, ohne daß sie den situationismus kannten.16 indem man die situation der frau als einen organischen teil der ganzen gesellschaft auffaßt, erkennt man, daß die unterdrückung der frau teil der allumfassenden unterdrückung des menschen durch die kapitalistische wirtschaft ist. um diese unterdrückung zu spüren, muß die frau nicht einer bestimmten klasse oder schicht angehören. frauen aller schichten und klassen sind objekte der warenwirtschaft, sie alle sind passive zuschauerinnen des schauspiels. natürlich kann man nicht behaupten, daß alle frauen in gleichem maße unterdrückt werden, aber es gibt keine fraum die wirklich frei ist.
frauen und die warenwirtschaft die frauen treten in der warenwirtschaft sowohl als konsumentinnen als auch als konsumierte auf. als hausfrauen sind sie konsumentinnen von haushaltsartikeln, die sie nicht von ihrem eigenen geld kaufen, da sie es nicht "verdient" haben. dadurch haben sie zwar eine gewisse kaufkraft, aber keinerlei macht über ihre leben. als ledige heterosexuelle frauen kaufen sie dinge, die ihnen auf dem heiratsmarkt einen hohen preis bringen sollen. bei anderen frauen dagegen, zum beispiel lesben, älteren frauen oder den unabhängigen karrieretypen, ist die rolle als weiblicher konsument nicht so fest umrissen. ist die vorstellung, die die frau als eine passive konsumentin, als ein willenloses objekt der medienmanipulation darstellt, die von schicken männern beschützt über die große einkaufsstraße geführt wird, nicht ein überholtes klischee der frauenbewegung? in der situationistischen analyse ist der konsum von wirtschaftsgütern eng mit dem konsum von ideologien verknüpft. und die schlußfolgerung aus dieser erkenntnis ist, daß wir völlig neue aktionsformen entwickeln müssen, um den sozialisationsprozeß der integrierung und anerkennung zu zerstören. hört auf, nach schuld zu suchen, - übt keine kritik an frauen, die eine allgemeine konsumentenhaltung "gekauft" haben. sie wurde ihnen von frühester kindheit als der einzige weg des lebens anerzogen. kauf dies: es wird dich schön und liebenswert machen. kauf das: es wird deine familie gesund erhalten. fühlen sie sich deprimiert? leisten sie sich einen nachmittag in einem schönheitssalon oder ein neues kleid. schuldgefühle führen zu trägheit. nur wenn wir versuchen, das alltägliche leben neu zu gestalten, werden wir die sozialen beziehungen verändern. ... in der warenwirtschaft sind die frauen nicht nur konsumentinnen. sie werden auch als ware konsumiert. ... wenn feministinnen beschreiben, wie die frau zur frau gemacht wird, wenn sie die verhaltensformen darstellen, die den mädchen anerzogen werden, wie emotionale abhängigkeit, furchtsamkeit, passivität usw., dann reden sie eigentlich von nichts anderem, als von der sorgfältigen herstellung einer ware. wenn sie die frau als sexuelles objekt beschreiben, das leben in der kleinfamilie, das dasein als supermutter und die arbeit in schlechten und unterbezahlten jobs, dann beschreiben sie die frau ebenfalls als ware. frauen werden von männern konsumiert, die sie als sexuelle objekte behandeln; als "supermutter" werden sie von ihren kindern konsumiert; sie werden von ihren autoritären männern als unterwürfige dienerinnen benutzt. medizinische forscher probieren an ihnen neue und unsichere verhütungsmittel aus. männer können ihren körper auf der straße kaufen. staat und kirche verlangen von ihnen, die nächste generation zum ruhme gottes und des staates zu erzeugen. politische und soziale organisationen erwarten von ihnen, daß sie ihre zeit und energie "freiwillig" für fremdbestimmte ziele aufbringen. die frauen besitzen kein selbstwertgefühl mehr, da sie ihre individualität an männer verkaufen mußten.
frauen und das schauspiel es ist schwierig menschen auszubeuten, die den kampf aufgenommen haben und sich gegen die ausnutzung ihres körpers und ihres verstandes wehren, doch die meisten können es nicht mehr. das was sie unfähig macht, ist unsere kultur. die situationistinnen nennen unsere kultur ein schauspiel. in diesem schauspiel sind wir alle passive zuschauer unseres eigenen lebens. das schauspiel erfaßt alles: wir werden hineingeboren, wir gehen in ihm zur schule, arbeiten und erholen uns dort, und in ihm finden wir unsere zwischenmenschlichen beziehungen. selbst die revolte ist nur ein teil des schauspiels. ist jemand imstande, die zahl der sensiblen jungen zu schätzen, die sich vor einer generation das verhalten von james dean in dem film ...denn sie wissen nicht, was sie tun (rebel without a cause) zum vorbild nahmen? rebellische aktionen richten sich häufig gegen das schauspiel, können es aber selten völlig überwinden. meist sind rebellische verhaltensformen von der gesellschaft schon vorprogrammiert. frauen haben eine reihe von festgelegten verhaltensformen, um ihrer unzufriedenheit ausdruck zu geben, indem sie einfach das gegenteil von dem tun, was man von ihnen als frau erwartet. gleichzeitig sind diese verhaltensformen bloße sicherheitsventile des systems oder klischee von rebellionen, die das theater, in dem sich unser leben abspielt, nicht verändern. welche formen der rebellion stehen der frau in diesem theater zu? wir können sie alle nennen - sie stehen in jeder zeitung und erscheinene zur hauptsendezeit im fernsehen, sie sind auf der bestsellerliste zu finden und natürlich auch im alltag. in dem schauspiel "die perfekte hausfrau" kann die frau eine schlampe sein. in einer subkultur, in der die große familie geachtet wird, kann die frau es ablehnen kinder zu haben. sie kann sich der sexuellen moral für verheiratete widersetzen, indem sie eine oder mehrere affären hat. sie kann zur flasche greifen, einen nervenzusammenbruch haben, oder - wenn sie ein junges mädchen ist - ausflippen, indem sie auf trebe geht und mit vielen männern schläft. eine jede dieser handlung könnte das leben der einzelnen frau erträglicher machen (oft jedoch ist das gegenteil der fall), und alle haben die eigenschaft - in den augen der konservativen - unsere gesellschaft zu untergraben. doch alle diese aufgeführten rebellionen haben die gesellschaft noch nicht zu grunde gerichtet, und sie werden es auch nicht schaffen. eine veränderung der gesellschaft ist erst möglich durch die direkte aktion gegen alle uns einengenden lebensverhältnisse. wenn frauen von der abschaffung der destruktiven, geschlechtsspezifischen rollensozialisation der frau sprechen, dann wählen sie zumeist eine von den möglichen lösungen: 1. die mädchen sollten so ähnlich wie die jungen erzogen werden, damit sie später als frau unabhängiger, konkurrenzfähiger, aggresiver usw. werden. zusammengefaßt lautet die aussage dieses lösungsvorschlags: da wir in einer männerwelt leben, muß eine frau, die sich behaupten will, so eine art "mann" werden. 2. wir sollten auf unsere weibliche rolle stolz sein und erkennen, daß das, was wir schwäche nannten, in wirklichkeit stärke ist. wir können darauf stolz sein, daß wir mütterlich, fürsorglich, feinfühlig und emotional sind. 3. die einzig wirklich gesunde person ist der zwitter. wir müssen daran arbeiten, die künstliche unterteilung der menschheit in "männlich" und "weiblich" auszurotten, und beiden geschlechtern helfen, eine mischunh ihrer jeweils besten charakterzüge zu werden. innerhalb dieser drei lösungsmodelle bilden die persönlichen lösungen der geschlechtsspezifischen unterdrückung ein weites feld. bleib ledig! lebe in gemeinschaft mit männern und frauen oder nur mit frauen! schaff dir keine kinder an! schaff dir keine männlichen kinder an! bekomme die kinder, die du willst, aber fordere kindergärten, die von den eltern und mitarbeitern konntrolliert werden! such dir einen job, such dir eine bessere tätigkeit! fordere eine sinnvolle arbeit! sei eine informierte konsumentin! reiche klagen bei den gerichten ein! lerne selbstverteidigung! trainiere dein selbstbewußtsein! entdecke das lesbische in dir! entwickle deine proletarische identität! all diese vorschläge sind für bestimmte frauen in bestimmten situationen sinnvoll. aber sie sind nur teillösungen, die wieder neue probleme schaffen, und keiner von ihnen beinhaltet eine qualitativ neue sicht der welt. wir kommen nun von den speziellen zu den mehr allgemeinen lösungen. vernichtet den kapitalismus! beendet das patriarchat! zerschlagt den heterosexismus! das sind alles offensichtlich wichtige aufgaben für die errichtung einer neuen humanen welt. marxistinnen und andere sozialistinnen, soziale anarchistinnen und feministinnen würden diese forderungen zumeist bedenkenlos unterschreiben. aber was die sozialistinnen und sogar einige feministinnen vergessen, ist, daß wir alle formen der herrschaft zerstören müssen. diese forderung ist nicht nur ein bloßer slogan, sondern sie ist auch die größte aufgabe, die vor uns liegt. diese aufgabe beinhaltet, daß wir lernen, das schauspiel zu durchschauen. sie beinhaltet die zerstörung der bühnenbilder aus dem wissen und dem bewußtsein heraus, daß es anders gemacht werden kann. sie beinhaltet, daß wir in zukunft mehr tun müssen, als uns nur in vorprogrammierten rebellionen abzureagieren. - wir müssen anfangen zu handeln. wir müssen unsere aktionen koordinieren und dabei dennoch als selbstbewußte individuen handeln. diese vorgehensweise ist kein widerspruch - wie ihr so oft vorgewurfen wurde - aber ihre durchführung wird schwer sein. das individuum kann keine großen veränderungen hervorrufen, aus diesem grund müssen wir unsere anstrengungen vereinigen. aber diese arbeit muß ohne die uns bekannten "führerinnen" geschehen, und ohne daß wir kontrolle über das was wir aufbauen wollen, aufgeben oder sie an andere übertragen. sind dazu die sozialistinnen in der lage? oder die anhängerinnen des matriarchats? oder die geisterseherinnen? die antwort darauf weist du. arbeite dort mit ihnen zusammen, wo es sinnvoll ist, aber gebe nichts von deiner persönlichkeit auf. unterwerfe dich weder ihnen noch irgendwelchen anderen. nur wenn wir sie zwingen wird uns die vergangenheit zu uns selbst führen anderenfalls wird sie uns schlucken in ihrem asyl ohne türen wir machen geschichte oder wir werden von ihr eingemacht.19
| | anmerkungen | | 1 | barbara ehrenreich, "what is socialist feminism?" WIN magazine, june 3, 1976, p.4 | | 2 | die besten argumente, die ich dazu finden konnte, sind "socialist feminism: a strategy for the women's movement", hyde park chapter, chicago women's liberation union, 1972; u. charlotte bunch, "the reform tool kit", quest, vol 1, no.1, 1974, pp. 37-51 | | 3 | berichte von polly anna, kana trueblood, c. corday und s. tufts, the fifth estate, may 1976, pp.13-16, the "revolution" failed: FEN and its club shut down | | 4 | wer an den berichten dieser tagung interessiert ist, wird sie in fast jeder us-amerikanischen feministischen oder sozialistischen zeitung vom monat nach dem 4.juli finden. die reden von barbara ehrenreich, michelle russel und der berkeley-oakland women's union sind in socialist revolution, no.26, 1975, abgedruckt. die rede von charlotte bunch, "not for lesbians only", findet sich in quest, vol.2, no.2, herbst 1975. ein dreißig minuten tonbanddokument ist erhältlich über: great atlantic radio conspiracy, 2743 maryland avenue, baltimore, maryland 21218 | | 5 | lynne ferrow, "feminism as anarchism", aurora no.4, 1974, p.9; peggy kornegger, "anarchism: the feminist connection", 1975, dt. "der anarchismus und seine verbindung zum feminismus" in anarcha-feminismus, edition schwarze kirschen 1, libertad verlag berlin, 1979, (vergl. s.21-69, s.50: marian leighton, "anarcho-feminism and louise michel", black rose, 1, 1974, p. 14., dt.: "der anarcho-feminismus und louise michel", louise michel, karin kramer verlag, berlin 1976, s.26) | | 6 | it aint me babe, dec. 1970, p.11 | | 7 | lilith's manifesto, women's majority union of seattle, 1969; abgedruckt in robin morgan (ed.), sisterhood is powerful, random house, new york 1970, p.529 | | 8 | die beste und detaillierteste beschreibung der parallelen zwischen dem radikalen feminismus und dem anarchistischen feminismus findet sich bei peggy kornegger, a.a.o., (anm.5) | | 12 | strasbourg situationists, once the universities were respected, 1968, p.38 | | 13 | carol hanisch, "the personal is political", notes from the second year, radical feminism, new york 1970, pp. 76-78 | | 14 | marian leighton, a.a.o., (anm.5) | | 15 | point-blank!, "the changing of the guard", in: point-blank, oct. 1972, p.16 | | 16 | eine der bezeichnendsten dieser älteren analysen ist die von meridith tax, "women and her mind: the story of everyday life", bread and roses publications, boston 1970 | | 19 | marge piercy, auszug aus: "contribution to our museum", living in the open, knopf, new york 1976, pp.74-75 |
bemerkung carol ehrlichs text "sozialismus, anarchismus und feminismus" erschien zum ersten mal in anarcha-feminismus (1.auflage 1979, 2.auflage 1982 - s.71-115) edition schwarze kirschen #1 libertad verlag berlin
auszüge in"tu was du willst" (1.auflage 1987 - s.205-208) anarchismus - grundlagentexte zur theorie und praxis verlag schwarzer nachtschatten - berlin (erstmals erschien "tu was du willst..." 1980 im ahde-verlag berlin)kalenda (vol.15, 1997) der "zum glück gehts dem juni entgegen"-blues anarchistischer taschenkalender - berlin
!!! FIGHT SEXISM!!!!! SMASH PATRIARCHY ! 
@nticopyright - anarchist resistance 2002 |
 Textsammlung
Anmerkung: Das Textarchiv enthält eine Vielzahl anarchistischer Texte aus den letzten beiden Jahrhunderten. Sie sollen dazu anregen, Herrschaftsverhältnisse wie Staat, Kapitalismus und Patriarchat zu hinterfragen und zu bekämpfen. Unser Ziel ist eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen und Männern, ohne die Diskriminierung von Lesben, Schwulen oder Transgender-Personen, ohne rassistische Hetze und ohne den ganzen Scheißdreck wie Nationalismus und Sexismus, der uns ein menschliches und solidarisches Zusammenleben versaut. Auf dem Weg dahin gilt es die Geschichte des Anarchismus (z.B. im spanischen Bürgerkrieg) nicht zu heroisieren, sondern vor allem auch kritisch zu hinterfragen, damit wir aus gemachten Fehlern lernen können. So wurde der Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen allzu oft von den männlichen Anarchisten als "Nebenwiderspruch" abgetan - von übelstem Sexismus, von Homophobie oder antisemitischen Stereotypen bei so manchem der frühen anarchistischen Theoretiker einmal ganz abgesehen... Wir bemühen uns deshalb, die Textsammlung auch mit solidarisch-kritischen Beiträgen zur Geschichte und Gegenwart des Anarchismus zu erweitern und wären für Hinweise auf entsprechende Artikel dankbar (E-Mail an
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). Die Revolution in Bayern 1918/1919 nach einer Artikelserie in der Tageszeitung junge Welt von November 1998 bis Juni 1999 mit freundlicher Genehmigung des Autors N.B.
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"Freistaat Bayern" - das scheint heute ein Synonym für CSU-Herrschaft, Law-and-Order-Politik, Rückständigkeit und Intoleranz zu sein. Kaum jemand denkt daran, daß es ein Berliner Sozialist war, der während der Revolution 1918 Bayern zum Freistaat erklärte. Stoiber und seine Amigos verdrängen den revolutionären Ursprung ihres geliebten "Freistaates" und die bayerische SPD - Mitschuldige an der blutigen Zerschlagung der bayerischen Revolution - schweigt sich ebenfalls lieber aus./
Wie überall im Reich herrschte auch in der bayerischen Landeshauptstadt München Ende 1918 Lebensmittelknappheit, und Kriegsverdruß. Dazu kam noch die Wut auf die Berliner Zentralgewalt. Ging doch das Gerücht um, vor allem bayerische Soldaten würden als Kanonenfutter für den preußischen Kaiser geopfert. Schon im Januar 1918 war es in mehreren Münchner Rüstungsbetrieben zu Streiks gekommen. Der Führer der Münchner Unabhängigen Sozialdemokratie (USPD), Kurt Eisner, war deswegen bis Mitte Oktober inhaftiert worden. Kurt Eisner, ein jüdischer Literat aus Berlin, der mit einer wilden weißen Haarmähne und dichtem Bart schon rein äußerlich nicht dem Bild eines Bayern entsprach, verstand es dennoch vorzüglich, gerade den Preußenhaß der Bayern für seine politischen Ziele zu verwenden. In Bayern, so Eisner, seien die Leute viel freiheitlicher gesinnt und kennen nicht die preußische Überdisziplin. Deswegen sei auch er als Preuße nach München gekommen. Vor dem Krieg gehörte Eisner zum revisionistischen Flügel der SPD um Eduard Bernstein. Nicht der Marxismus sondern die Vernunftphilosophie Emanuel Kants war sein Leitbild. Als Pazifist schloß sich Eisner den in der USPD versammelten Kriegsgegnern an. Als die deutsche Niederlage im Krieg offensichtlich wurde und die Reichsregierung vorsichtige demokratische Reformen einleitete, um die Verantwortung für die Niederlage auf Liberale und Sozialdemokraten abzuwälzen, hielten die bayerischen Arbeiter endgültig nicht mehr still. Für den 7.November war auf der Münchner Theresienwiese eine Friedenskundgebung einberufen worden. Nicht nur Eisners USPD, sondern auch die Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) waren gezwungen, zur Kundgebung zu mobilisieren, wollten sie nicht noch mehr Anhänger an die Unabhängigen verlieren. Bis vor kurzem im Burgfrieden mit König und Kaiser, widerstrebten den MSPD-Führern die Demonstration zutiefst. Untertänig versicherte deren Vorsitzender Erhard Auer den königlich-bayerischen Ministern, man werde Kurt Eisner "schon an die Wand drücken".
80.000 Menschen strömten bei einem für die Jahreszeit außergewöhnlich milden Wetter auf die Theresienwiese. Nicht nur die MSPD-nahen Gewerkschafter der Münchner Großbetriebe, sondern auch radikalere sächsische Arbeiter, die im Krieg in den Krupp-Werken eingesetzt wurden, waren dabei. Dazu kam eine große Zahl von meuternden und desertierten Soldaten. Unter Führung des blinden Bauernbundführers Ludwig Gandorfer beteiligten sich Bauern aus dem Umland. Gandorfer war ein Sozialist aus dem Freundeskreis von Kurt Eisner. Auf seinem Hof war auch "Helmi", der Sohn von Karl Liebknecht untergekommen, der wegen der Antikriegstätigkeit seines Vaters nicht in Berlin auf der Schule bleiben konnte. Neben den Arbeitern, Soldaten und Bauern strömten noch die unvermeidlichen Bierkeller-Rabauken und Schwabinger Kaffeehausliteraten zur Friedenskundgebung. Einige dieser Schwabinger Intellektuellen sollten in den folgenden Monaten noch führende Positionen in der Räterepublik erlangen. Bis zu 25 Redner sprachen gleichzeitig an verschiedenen Stellen des weiten Platzes. Gemäßigte Sozialdemokraten wie Erhard Auer versuchten, die aufgebrachte Menge zu beruhigen und mit Versprechungen baldiger Reformen abzuspeisen. Anarchisten wie der Dichter Erich Mühsam propagierten die sofortige Errichtung eines sozialistischen Rätesystems nach sowjetischem Vorbild. Kurt Eisner und die Mehrheit der Redner forderten den Rücktritt des bayerischen Königs und Kaiser Wilhelms II., die Vereidigung des Heeres auf die Verfassung, eine Demokratisierung des Staates und die Entfernung von Reaktionären aus der Verwaltung. Die Forderung nach Annahme der alliierten Waffenstillstandsbedingungen zur Erlangung eines sofortigen Friedens wird noch bis in bürgerliche Kreise hinein mitgetragen. "Es lebe die Revolution!" steht auf vielen Plakate und rote Fahnen dominieren die Kundgebung. "Hoch Eisner! Hoch die Weltrevolution!" beantworten Tausende von Arbeitern, die sich unterhalb des Bavaria-Denkmals versammelt hatten, die Rede des USPD-Führers. Ein Teil der Demonstranten unter Führung Erhard Auers zog nach der Kundgebung zum weit entfernten "Friedensengel". Auf Weisung von MSPD-Funktionären begaben sie sich sodann friedlich nach Hause. Auf der Theresienwiese forderte unterdessen der noch in feldgrauer Uniform gekleidete USPD-Aktivist Felix Fechenbach: "Genossen! Unser Führer Kurt Eisner hat gesprochen. Es hat keinen Zweck mehr, viele Worte zu verlieren. Wer für die Revolution ist, uns nach! Mir nach! Marsch!" Zehntausende von Menschen setzen sich in Bewegung, an der Spitze Arm in Arm der hagere Berliner Literat Eisner und der breitschultrige, bayerische Bauer Gandorfer. Ziel der Demonstranten war die nahegelegene Guldeinschule, in der Landstürmer untergebracht waren. Nachdem der diensthabende Major sich weigert, das Gebäude zu übergeben, stürmen die Revolutionäre das Gebäude. Die Landsturmleute schließen sich augenblicklich den Aufständischen an. Waffen werden verteilt. Auch bei den anderen Münchner Kasernen ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Wachen werfen ihre Waffen weg, die Mannschaften schließen sich mit roten Wimpeln an ihren Gewehren den Revolutionären an. Auch die Gefangenen im "Franzl", dem Militärgefängnis werden befreit. Die Wärter haben ihre Uniformen gegen Häflingskleidung vertauscht, um nicht erkannt zu werden. Doch die erzürnten Ex-Häftlingen geben nicht auf, bis sie Rache an ihren Schindern nehmen können. Bis 22 Uhr sind alle Münchner Kasernen, die Ministerien und der Landtag, Bahnhof, Post und Telegraphenamt in der Hand revolutionärer Arbeiter und Soldaten.
Der bayerische König Ludwig III. hatte an diesem Tag seinen gewohnten Spaziergang im Englischen Garten gemacht, als ihm ein Schutzmann mitteilte, die Revolution sei ausgebrochen. Der König nahm die Angelegenheit zuerst nicht allzuernst. Während sich eine Menschenmenge vor der Residenz versammelte, speiste er mit seiner Gemahlin Maria Therese zu Abend. Erst auf Druck einiger Minister, die den Ernst der Lage erkannten, beschloß König Ludwig III., für einige Tage die Landeshauptstadt zu verlassen. Wie weit die Revolution schon vorgedrungen war zeigt, daß der König den Fahrer einer Mietwagenfirma holen mußte, da der königliche Chauffeur sich den Aufständischen angeschlossen hatte.
Die Revolutionäre begaben sich am Abend in den größten Münchner Bierkeller, dem Mathäserbräu in der Nähe des Hauptbahnhofs. Um 22.30 Uhr eröffnet Eisner als erster Vorsitzender die vorläufige konstituierende Versammlung der Arbeiter,-Soldaten,- und Bauernräte. Begleitet von bewaffneten Gardisten marschieren die Ratsmitglieder zum Landtagsgebäude, wo Eisner die bayerische Republik ausruft: "Die bayerische Revolution hat gesiegt, sie hat den alten Plunder der Wittelsbacher Könige hinweggefegt. Der, der in diesem Augenblick zu Ihnen spricht, setzt Ihr Einverständnis voraus, daß er als provisorischer Ministerpräsident fungiert." Ausgehend von der Revolution in München bildeten sich auch in anderen bayerischen Städten wie Passau, Augburg, Rosenheim, Bayreuth und Nürnberg Arbeiter,- Bauern,- und Soldatenräte. Ausgerechnet im konservativen Bayern war der erste deutsche Königsthron durch einen Volksaufstand gestützt worden. Am Morgen des 8.Novembers wehten rote Fahnen auf den Türmen der Münchner Frauenkirche und die Presse verkündete die Proklamation der Republik durch Ministerpräsident Eisner: "Bayern ist fortan ein Freistaat!"
Fanal der bayerischen Revolution
„Ich gehe jetzt, den Eisner zu erschießen.“rief Anton Graf Arco einem Verwandten zu, der ihm am Morgen des 21. Februar zufällig begegnete. Minuten später war der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner tot. Getroffen von zwei Genickschüssen, die der junge Offizier aus nächster Nähe abgefeuert hatte. Schwerverwundet durch die Schüsse von Eisners Leibwächtern sinkt auch der Attentäter vor dem bayerischen Außenministerium im Palais Montgelas zu Boden. Nur eine sofortige Operation durch den berühmten Chirurgen Professor Sauerbruch kann ihm das Leben retten. Für Eisner kam jede Hilfe zu spät. Nach Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hatten die deutschen Arbeiter einen weiteren Anführer durch den Mordanschlag eines Reichwehroffiziers verloren.
Am 7.November hatte der Münchner USPD-Vorsitzende Kurt Eisner die Friedensdemonstration von 80.000 Arbeitern, Soldaten und Bauern auf der Theresienwiese angeführt. Unter dem Druck der kriegsmüden Bevölkerung stürzte der bayerische Königsthron. Noch in der Nacht zum 8.November verkündete Kurt Eisner als provisorischer Ministerpräsident: „Bayern ist fortan ein Freistaat.“ Als „Preuße“, Jude, Literat und Sozialist war Kurt Eisner von Anfang an dem besonderen Haß aller reaktionären Kräfte ausgesetzt. Er sein ein Ostjude, der eigentlich „Salomon Koschinsky“ hieße und sich nur zur Täuschung der Bayern Eisner nenne, lautete ein verbreitetes Gerücht. Im Mittelpunkt der von der gesamten bürgerlichen Presse getragenen Diffamierungskampagne befand sich die „satirisch-politische parteiose Zeitung“ „Rote Hand“. Herausgeber dieser antisemitischen Hetzschrift war die Thule-Gesellschaft des Mystikers Rudolf von Sebottendorff. Ihren Sitz hatte dieser „Orden für die deutsche Art“, der das Hakenkreuz zu seinem Symbol erwählte, im vornehmen Hotel Vier Jahreszeiten. Graf Arco wurde eine Mitgliedschaft in der Thule-Gesellschaft allerdings verwehrt, da er „von der Mutter her Judenblut in den Adern“ habe. Die Gesellschaft verstand sich als Zentrale der Gegenrevolution in Bayern. Unmittelbar nach der Revolution am 10.November wurde der Thule-Kampfbund als bewaffneter Kader gegründet. Seine Mitglieder arbeiteten verdeckt innerhalb der Arbeiterparteien, der Reichswehr und der Polizei. Auch in die von Eisner gegründete Republikanische Schutztruppe wurden Thule-Agenten eingeschleust. Ein erstes Attentat des Kampfbundes auf Eisner Anfang Dezember mißlang allerdings. Am 5.Januar 1919 gründete der Thule Mann Anton Drexler als parteipolitischen Arm der Thule-Gesellschaft, die Deutsche Arbeiterpartei, die später in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei umbenannt werden sollten.
Nicht nur von den völkischen Fanatikern drohte Eisner Gefahr. Auch sein Koalitionspartner, die Mehrheitssozialdemokratie mit Innenminister Erhard Auer an der Spitze ließ nichts unversucht, die alte Ordnung wieder zu restaurieren. SPD Mitglieder sabotierten gezielt die Arbeit der Räte. „Den Soldaten,- Arbeiter- und Bauernräten steht keinerlei Vollzugsgewalt zu. Sie haben daher jeden Eingriff in die staatliche und gemeindliche Verwaltungstätigkeit zu vermeiden“, stellte Auer bereits am 21. November klar.
Als Anhänger der Philosophie Emanuel Kants sah Eisner in den Räten vor allen ein Mittel zur Erziehung der Bevölkerung zur Demokratie:„Die Revolution ist nicht die Demokratie, sie schafft erst die Demokratie.“ Daher wollte Eisner den Räten auch keine legislative oder exekutive Gewalt übertragen, sondern ihnen lediglich beratende und kontrollierende Funktionen gegenüber dem Parlament zugestehen.
Die Mitglieder des Revolutionären Arbeiterrates, vor allem Anarchisten und Anhänger der neugegründeten KPD, forderten dagegen ein Rätesystem nach sowjetischen Modell und wollten sich nicht mit der „halben Macht den Räten“ zufriedengeben. Als am 7.Januar 1919 4000 Arbeitslose versuchten, das Sozial-Ministerium am Promenadenplatz zu besetzen, gab es drei Tote und acht Verwundete. Eisner ordnet die Verhaftung führender KPD-Mitglieder und Anhänger des Revolutionären Arbeiterrates an. Unter den Verhafteten sind auch der Münchner KPD-Chef Max Levien und der Anarchist Erich Mühsam. Eine Demonstration vor das Außenministerium kann die sofortige Freilassung der Verhafteten erzwingen.
Deutlich wurde die Isolation des Ministerpräsidenten in der Landtagswahl vom 12. Januar. Seine USPD blieb unter drei Prozent. Die Wahlgewinner waren die konservative Bayerische Volkspartei mit 35 und die Sozialdemokratie mit 33 Prozent. Zu diesem Debakel für Eisner trug auch der Beschluß der KPD zum Wahlboykott bei. In Bayern stand die KPD noch stark unter dem Einfluß der „Vereinigung Revolutionärer Internationalisten“ um den Anarchisten Erich Mühsam, die sich zeitweilig der Partei angeschlossen hatten.
Als drei Tage nach der Bayernwahl rechtsradikale Freikorps in Berlin Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordeten, rief der Revolutionäre Arbeiterrat zur„revolutionären Wachsamkeit“ auf. Auf der Demonstration dominierten Parolen wie „Alle Macht den Räten. An der Spitze dieser Demonstration fuhr im offenen Auto der noch amtierende Ministerpräsident des Freistaates, Kurt Eisner. In seiner letzten öffentlichen Rede forderte er, „die Massen zu sammeln“ , um „das Werk der Revolution zu vollenden“.
Die Mordhetze gegen den Ministerpräsidenten nahm von Tag zu Tag zu. „Alle, mit denen ich zusammentreffe, rechnen mit einem Attentat auf Eisner“, vermerkt Dr. Herbert Field, amerikanischer Repräsentant der Kommission für die Friedensverhandlungen, in seinem Tagebuch. „Man kann einem Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen“, antwortete Eisner auf solche Warnungen. Als ihn am 21.Februar die tödlichen Schüssen trafen, befand er sich auf dem Weg zum Landtag, um seinen Rücktritt als Ministerpräsident verkünden.
Der Schriftsteller Oskar Maria Graf bereichtete: „Da hatten sich Hunderte schweigend um die mit Sägespänen bedeckten Blutspuren Eisners zu einem Kreis gestaut. Etliche Soldaten traten in die Mitte und erreichteten eine Gewehrpyramide. Dem einen rannen dicke Tränen über die braunen Backen. Plötzlich fuhr vorne am Promenadenplatz ein vollbesetztes Lastauto mit dichten Fahnen und Maschinengewehren vorüber, und laut schrie es herunter: Rache für Eisner!“
Innenminister Auer von der SPD war in den Augen vieler Arbeiter der geistige Urheber des Mordes. Der Ruf wird laut :„Nieder mit dem Verräter Auer“. Dieser hatte gerade im Landtag einen kurzen Nachruf auf den Ermordeten gehalten, als Schüsse fielen. Der Metzger Alois Lindner, Mitglied des Revolutionären Arbeiterrates, war mit einem Browning Gewehr in den Plenarsaal gestürmt. Auer bricht schwer verwundet zusammen, ein weiterer Abgeordneter und ein Offizier sind sofort tot. In wilder Panik stürmen die Landtagsabgeordneten aus dem Gebäude. Die Macht liegt plötzlich beim neugebildeten Zentralrat der Arbeiter,. Soldaten- und Bauernräte Bayerns. Der Zentralrat verhängt den Ausnahmezustand über München. Eisners Bestattung am 26. Februar wird zu einer einzigen revolutionären Kundgebung im ganzen Land. „Als Attentat auf die Revolution wurde die Bluttat denn auch vom Proletariat bewertet, und es war nur natürlich, daß im Augenblick nach seiner Ermordung sich alle Sympathien Eisner wieder zuwandten. Er war mit seinem Tode zum Symbol der bayerischen Revolution geworden“, erklärt Erich Mühsam die Wirkung des Attentats.
Der Mord an Kurt Eisner sollte die zweite Phase der bayerischen Revolution einleiten, die in der Errichtung der Räterepublik gipfelte. Anton Graf Arco wurde zum Tode verurteilt, eine rechtsbürgerliche bayerische Regierung wandelte das Urteil schon Anfang 1920 in Festungshaft um. 1924 wird er begnadigt. Er gilt bis heute als Einzeltäter. Spuren, die auf eine Offiziersverschwörung und die Thule-Gesellschaft hindeuteten, wurden von der Justiz ignoriert. An Kurt Eisner, den Gründer Freistaates Bayern, erinnern bis heute nur zwei kleine Tafeln an der Stelle seiner Ermordung gegenüber dem Hotel Bayerischer Hof.
Die 1. Räterepublik in München
Als der sozialistische Ministerpräsident Kurt Eisner am Morgen des 21.Februar 1919 von den Schüssen des Reichwehrleutnants Anton Graf Arco tödlich getroffen zu Boden fiel, war dies nicht wie von Seiten des Bürgertums erhofft das Ende der bayerischen Revolution. Vielmehr ging die Bewegung in ihre zweite, radikalere Phase. Von den Schüssen des kommunistischen Metzgers Alois Lindner wurde der gerade einberufenen Landtag auseinandergetrieben. Die Macht lag plötzlich wieder bei den Arbeiter,- Soldaten- und Bauernräten und deren obersten Organ, dem Zentralrat unter Vorsitz des Unabhängigen Sozialdemokraten Ernst Niekisch. Massendemonstrationen in ganz Bayern zu Eisners Beerdingung zeugten von einem deutlichen Linksruck in der Arbeiterschaft durch die Bluttat. Die Verfechter eines Rätesstems waren wieder in der Offensive. Gerade auf dem bayerischen Land entstanden unter der bisher passiven Bevölkerung neue Räte. In München tagte vom 25. Februar bis zum 8.März ein Rätekongreß, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Wie sehr sich der unerfahrene Münchner KPD-Vorsitzende Max Levien täuschte, als er den Rätekongreß schon als die Diktatur des Proletariats bezeichnete, zeigte sich, als am 27.Februar die sozialdemokratisch geführte Republikanische Schutztruppe in den Kongreß eindrangen und ihn und Mühsam kurzerhand verhafteten. Unter dem Druck der Räte mußten die Revolutionäre zwar wieder freigelassen werden, doch die SPD hatte deutlich gemacht, daß sie mit den Räten so schnell wie möglich Schluß machen wollte. Vor allem scheiterte der Rätekongreß an sich selber. Ein Arbeiter berichtet: „Proletarier! Ich bin seit 24. Februar in diesem Hause und habe in keiner Sitzung gefehlt. Ich kann es kurz machen, ich habe den Eindruck gewonnen, daß ich mich in einem Narrenhause befinde und daß die Insassen alle, wie sie hier sind, nicht fähig sind, auch nur ein Atom für das Volkswohl zu schaffen.“ Die noch schwache KPD war auf dem Kongreß kaum vertreten. Zudem stand sie unter dem Einfluß von Mühsams Anarchisten, die ihr kurzzeitig beigetreten waren. Die zentristische USPD, die den größten Teil der revolutionär gesinnten Arbeiter repräsentierte, war in sich gespalten. Ihr Parteiführer Karl Kautsky weilte in München, um die Partei auf einen gemäßigten Kurs zu bringen. Die Führung der Münchner USPD lag bei dem politisch unerfahrenen pazifistischen Dichter Ernst Toller, der auch schon mal eine Revolution der Liebe ohne Waffen forderte. Nur die Mehrheits-SPD wußte genau, was sie wollte. Während ihre Vertreter auf dem Rätekongreß mit der Verschleppung vieler Anträge zu fruchtlosen Diskussionen beitrugen, richtete sich das 3.Armeekommando in Nürnberg unter Führung des Sozialdemokraten Ernst Schneppenhorst auf eine militärische Niederschlagung der Rätebewegung ein. Der „bayerische Noske“ ließ Flugblätter über München abwerfen, die mit offener Gewalt drohten, sollten sich die Räte nicht von anarchistischen und kommunistischen Einfluß freimachen. Ein Antrag Erich Mühsams zur sofortigen Ausrufung der Räterepublik hatte der Rätekongreß bereits mit 234 gegen 70 Stimmen abgelehnt. Stattdessen beschloß der Kongreß die Wiedereinberufung des Landtages vorzubereiteten. Die SPD hatte unterdessen mit den bürgerlichen Parteien, darunter der rechtsklerikalen Bayerischen Volkspartei, die Bildung einer sozialdemokratischen Minderheitsregierung vereinbart. Die bürgerlichen Parteien hatten erkannt, daß sie momentan über keinen Rückhalt bei den Massen verfügten und zur Erdrosselung der Revolution auf die SPD angewiesen waren. „In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein eckelhafteres Lebewesen als die Sozialdemokratische Partei“ bemerkte der anarchistische Schriftsteller und Räteaktivist Gustav Landauer damals. Im sogenannten Nürnberger Kompromiß einigten sich USPD und SPD auf die Bildung einer Regierung unter Ministerpräsident Hoffmann. Militärminister wurde der bei den Räten verhaßte Schneppehorst. Um die USPD zu besänftigen, wurden den Räten beratende Funktionen zugestanden.
Am Tag der Regierungsbildung am 18.März erschien die erste Ausgabe des KPD-Organs „Münchner Rote Fahne“. Chefredakteur war Eugen Leviné, ein erfahrener Kampfgefährte Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs. Er war von der Parteizentrale nach München geschickt worden, um der jungen bayerischen KPD unter die Arme zu greifen. Unter Levinés Leitung begann die Partei systematisch mit dem Aufbau von Parteizellen in Betrieben und Kasernen. „Gewiß, wir stehen auf dem Boden des Rätesystems, aber wir haben die Voraussetzungen erst noch zu schaffen, die dieses System gewährleisten. Wir haben Arbeiterräte zu bilden aus den Betriebsräten der beschäftigten Arbeiterschaft und der Fülle der Arbeitslosen“ umriß Leviné die nächsten Aufgaben der Kommunisten. Die Erfahrungen der russischen Revolution ebenso, wie das Scheitern des Berliner Januaraufstandes, ließen Leviné mißtrausch gegenüber Putschismus und revolutionärer Ungeduld sein.
Einige SPD-Führer hatten verstanden, daß es die einfachste Art sei, den Rätegedanken völlig zu kompromitieren, wenn sie selber aktiv zur verfrühten Ausrufung einer „Räterepublik“ hindrängten. Die Stimmung unter großen Teilen der Arbeiterschaft war revolutionär. Die Ausrufung der Räterepublik in Ungarn am 20.März war ein ermutigendes Beispiel. Am 4.April traten die Augsburger Arbeiter in den Generalstreik und forderte die Ausrufung der Räterepublik. Scheinbar unter dem Eindruck der Massenbewegung, in Wirklichkeit aus konterrevoutionären Kalkül wurden in München ausgerechnet der sozialdemokratische Stadtkommandant Dürr und Militärminister Schneppenhorst zu den entschiedensten Vertretern der Räterepublik. Beide hatten in den Wochen zuvor nicht gezögert, militärische Gewalt gegen die Räte anzudrohen. Während Anarchisten und Unabhängige Sozialdemokraten sich bedenkenlos mit den plötzlich gewendeten Mehrheitssozialdemokraten gemein machten, verweigerte die KPD der geplanten Räterepublik jegliche Unterstützung. Leviné warnte: „Das ganze scheint mehr eine Provokation der SPD zu sein. Sie sehen, daß unser Einfluß von Tag zu Tag größer wird, und versuchen nun, künstlich von oben eine Räterepublik einzusetzen, die keinen genügenden Unterbau hat und leicht zu zerschmettern und vor den Massen zu diskreditieren ist. Das gäbe ihnen auch den gewünschten Anlaß, ihre Truppen in München einmarschieren zu lassen.“ Prophetisch erkannte er: „Nach dem ersten Rausch würde folgendes eintreten: die Mehrheitssozialisten würden sich unter dem ersten besten Vorwand zurückziehen und das Proletariat bewußt verraten. Die USPD würde mitmachen, dann umfallen, anfangen zu schwanken, zu verhandeln und dadurch zum unbewußten Verräter werden. Und wir Kommunisten würden mit dem Blut unserer Besten eure Tat bezahlen.“ Doch alle Warnugen der KPD halfen nichts. In der Nacht zum 7.April verkündete Ernst Niekisch im Aufrag des Revolutionären Zentralrates: „Die Entscheidung ist gefallen. Baiern ist Räterepublik.“ Während sich in Nürnberg, der zweitgrößte Stadt Bayern eine Mehrheit gegen eine Räterepublik ausgesprochen hatten, entstanden in anderen bayerischen Städten kurzlebige Räterepubliken, die schon nach ein bis zwei Tagen zerfielen oder gestützt wurden.
Die größte Änderung unter der vorgeblichen „Rätemacht“ schien allerdings die Schreibweise Baiers mit einem „i“ statt einem „y“ zu sein. Die Münchner Rote Fahne höhnte: „Alles wie sonst. In den Betrieben schuften und fronen die Proletarier nach wie vor zugunsten des Kapitals. In den Ämter sitzen nach wie vor die königlichen Wittelsbacher Beamten. An den Straße die alten Hüter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit dem Schutzmannssäbel. Kein bewaffneter Arbeiter zu erblicke. Keine roten Fahnen. Keine Besetzung der Machtpositionen der Bourgeosie...“
Tage der Arbeitermacht
Trotz aller Warnungen der Kommunistischen Partei hatten Anarchisten, USPD und einzelne Vertreter der SPD am 7.April 1919 „Baiern“ zur Räterepublik erklärt. Der „Scheinräterepublik“ fehlte die stabile Basis unter den Arbeitern in den Betrieben. Auch verfügte sie über keine bewaffnete Exekutive zur Durchsetzung ihrer vollmundigen Proklamationen. Ein ganz eigenes Schauspiel bot der Rat der Volksbeauftragten als oberstes Organ. Der Volksbeauftragte für Volksaufklärung Gustav Landauer hatte sich zwar einen Namen als Philosoph und Shakespeare-Übersetzer gemacht, war für die praktische Politik allerdings gänzlich ungeeignet. Die Verbreitung atheistischer Propaganda im streng katholischen Bayern stand für ihn als überzeugten Anarchisten im Vordergrund. Der Volksbeauftragte für das Äußere, ein gewisser Dr. Lipp, stellte sich nach wenigen Tagen als geisteskrank heraus und mußte in die Psychatrie eingeliefert werden. Zuvor ließ er noch absurde Erklärungen per Funk verbreiten. In einer Lageschilderung an Lenin beklagte er so: „Bamberg Sitz des Flüchtlings Hoffmann, welcher aus meinem Ministerium den Abortschlüssel mitgenommen hat.“ Für die Finanzen verantwortlich war der Erfinder der Freigeldlehre Silvio Gesell, dessen wirre Theorien von der Abschaffung des „kapitalistischen Geldes“ als „Dritter Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus bis heute von Anarchisten (Anmerkung von AnaRKomM: Die meisten AnarchistInnen lehnen heute die Freigeldlehre komplett ab und sie war auch damals umstritten. AnaRKomM hält natürlich gar nichts von der bürgerlichen Freigeldlehre) und Neofaschisten gleichermaßen nachgebetet werden. Der Sozialdemokrat Schneppenhorst, der zuvor die Räterepublik mit ausgerufen hatte, setzte sich nach Nürnberg ab, um als Militärminister der Regierung Hoffmann die militärische Niederschlagung der Scheinräterepublik vorzubereiten. Nach nur sechs Tagen war das Gastspiel der Schwabinger Kaffeehausliteraten in der Politik beendet. Wie die KPD gewarnt hatte, nutzte die nach Bamberg geflohene sozialdemokratische Regierung Hoffmann das Chaos der Scheinräterepublik für einen gegenrevolutionären Putsch. Am Palmsonntag den 13.April besetzten Mitglieder der Republikanischen Schutztruppe öffentliche Gebäude in München und verhafteten 12 Mitglieder der Räteregierung. Die Kommunisten, die sich bisher auf das Schärfste von der Scheinräterepublik distanziert hatten, sahen jetzt die Notwendigkeit, sich an die Spitze des Kampfes gegen die Putschisten zu stellen. Gestützt auf die in den letzten Wochen geschaffenen Betriebs- und Kasernenräte organisierte die KPD die bewaffnete Niederschlagung des Palmsonntagsputsches. Die KPD hatte die Verantwortung übernommen und konnte nicht mehr zurück. Ein Aktionsausschuß der drei Arbeiterparteien wählte einen Vollzugsrat mit dem Kommunisten Eugen Leviné an der Spitze. Die kommunistisch geführte Räteregierung ergriff sogleich Maßnahmen zur Verteidigung der Revolution. Ein 10-tägiger Generalstreik gab ihr Zeit, die Arbeiter zu bewaffnen. An der Spitze der Bayerischen Roten Armee stand der 22-jährige Matrose Rudolf Egelhofer, der zudem Stadtkommandant von München wurde. Zur Entwaffnung des Bürgertums erließ er folgenden Aufruf: „Beschluß! Sämtliche Bürger haben binnen 12 Stunden jede Art von Waffen in der Stadtkommandantur abzuliefern. Wer innerhalb dieser Zeit die Waffe nicht abgegeben hat, wird erschossen.“ Um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, beschlagnahmte die Rote Armee Lebensmittellager und Hamsterware. In den Betrieben übten die Betriebsräte die Kontrolle über die Finanzen aus und erhöhten die Löhne. Die bürgerliche Presse wurde verboten oder erschien unter Kontrolle der Räte. Es herrschte tatsächlich die Diktatur des Proletariats in München.
Die Regierung Hoffmann hetzte die Landbevölkerung gegen die „Diktatur der Russen und Juden“ in der Stadt auf, die angeblich die Frauen zu Gemeineigentum erklärt hätten. Eine Hungerblockade gegen die Münchner Räterepublik setzte ein. Jetzt rächte es sich, daß die Münchner Revolutionäre die Bauernfrage im Agrarland Bayern unterschätzt hatten.
Da es nicht gelang, ausreichende bayerische Truppen auszuheben, die bereit waren, gegen ihre Landsleute in München zu kämpfen, entschloß sich Ministerpräsident Hoffmann, von Gustav Noske Freikorps aus Berlin anzufordern. In der zweiten Aprilhälfte rückte 35.000 Soldaten der Weißen Armee unter General v. Oven auf München zu. Mit dabei waren Protofaschisten wie der Ritter von Epp und der spätere Führer der Fememörder-Organisation Orgesch Escherich. Viele Soldaten trugen schon das Hakenkreuz am Helm. Bayerische Offiziere bekamen keine Befehlsgewalt.
Ein überraschender Sieg der Roten Armee unter Führung Tollers am 16.April in Dachau verleitete die USPD dazu, Verhandlungen mit der Bamberger Regierung zu suchen. Doch Hoffmann hatte die Macht längst Armee und Freikorps überlassen und besaß keinerlei Handlungsspielraum mehr. Während die kleinbürgerlichen Kräfte um Toller der Konterrevolution soweit entgegenkamen, daß sie die bürgerliche Presse wieder zuließen, fanden die Kommunisten mit ihrer Forderung nach Verteidigung der Arbeitermacht bis zum letzten Mann keine Mehrheit und mußten am 27.April aus dem Aktionsausschuß ausscheiden.
Am 1. Mai 1919 drangen die Weißen Truppen in München ein. Bis heute beklagt jedes bayerische Schulbuch den „Roten Terror“ der Erschießung von 10 Geiseln im Luitpoldgymnasium durch Rotgardisten. Alle Geiseln waren Mitglieder bewaffneter rechtsextremer Verbände wie der Thulegesellschaft. Vergessen sind dagegen die Massaker der Weißen an über 1000 Münchner Arbeitern. In den Arbeitervierteln Giesing, Sendling und um den Schlachthof wüteten die Freikorps besonders grausam. Bürgerliche Münchner, die sich die letzten Tage im Keller verkrochen hatten, bildeten Einwohnerwehren zur Jagd auf revolutionäre Arbeiter. Aufgrund willkürlicher Denunziationen wurden hunderte Münchner verhaftet oder gleich erschossen. Als Denunziant tat sich auch der Gefreite des 2.Infantrieregiments Adolf Hitler hervor. Während der Revolution hatte er sich ängstlich im Hintergrund gehalten. Nun lieferte Hitler diejenigen Regimentskameraden ans Messer, die die Räterepublik unterstützt hatten. Willkürlich wurden 21 katholische Gesellen niedergemetzelt, weil sie für „Spartakisten“ gehalten wurden und 55 russische Kriegsgefangene exekutiert. Kommandant Egelhofer wurde am 2.Mai erschossen, Gustav Landauer im Gefängnis Stadelheim erschlagen. An der Mauer des Gefängnisses prangte der Spruch: „Hier wird aus Spartakistenblut Blut- und Leberwurst gemacht.“ Eugen Leviné wurde nach einem fragwürdigen Prozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet, Erich Mühsam kam in langjährige Festungshaft.
Tote auf Urlaub
„Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub, dessen bin ich mir bewußt. Ich weiß nicht, ob Sie mir meinen Urlaubsschein noch verlängern werden, oder ob ich einrücken muß zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg“, erklärte Eugen Leviné in seiner Verteidigungsrede vor dem Münchner Standgericht Anfang Juni 1919. Vor einem knappen Monat hatten die Noske-Garden das rote München eingenommen. Über 1500 Arbeiter wurden niedergeschlachtet, viele Revolutionäre wie der Anarchist Gustav Landauer und der rote Matrose Rudi Egelhofer fielen schon in den ersten Stunden der Lynchjustiz zu Opfer. Mit besonderem Eifer suchten die Bürgerwehren aber Eugen Leviné, einen „jungen Mann, von jäher und wilder Energie“, der in den Augen des Publizisten Sebastian Haffner „möglicherweise das Zeug zu einem deutschen Lenin oder Trotzki hatte“.
Der Sohn einer jüdischen Kaufmannfamilie war 1883 im russischen Petersburg zur Welt gekommen. In Heidelberg, wohin in die Mutter zum Studium geschickt hatte, kommt er in Kontakt mit revolutionären Ideen durch russische Emigrantekreise. Er schließt sich 1903 der Sozialrevolutionären Partei an, die einen bäuerlichen Sozialismus anstrebte und nimmt an der russischen Revolution von 1905 teil. 1907 wird er verhaftet und schwer mißhandelt. Die Mutter, mir der er zuvor wegen seiner politischen Ideale gebrochen hat, kauft ihn mit einer hohen Kaution frei. Zurück in Deutschland nimmt er die deutsche Staatsbürgerschaft an. Im Weltkrieg gehört er zu den Mitbegründern der Spartakusgruppe. Als in Rußland die Oktoberrevolution siegt, stellt sich Leviné der russischen Botschaft zur Verfügung, wo er für Rosta, die Vorgängerin der Nachrichtenagentur TASS arbeitet. Für die Spartakusgruppe tritt er als Agitator im Ruhrgebiet auf. Die Ruhrarbeiter verleihen ihm als einzigen wichtigen KPD-Führer ein Mandat für den Allgemeinen Kongreß der Arbeiter und Soldatenräte Deutschlands.
Mitte März wird Leviné von der KPD-Zentrale nach München geschickt, um dort die „Münchner Rote Fahne“ heraus zu geben und die aktivistische aber unerfahrene Ortsgruppe der Münchner KPD anzuleiten. Unter Levinés Anleitung wird ein Betriebrätesystem geschaffen, auf das sich die Kommunisten in der Räterepublik stützen können. Seit der russischen Erfahrung ist der Rätegedanke zentral in Levinés Denken. „Ich hätte niemals an einer Revolution teilgenommen, welche von den Führern geschoben worden wäre.“ In der kommunistische Räterepublik steht Leviné an der Spitze des Vollzugsausschusses.
Als Jude und Russe zieht er sich den besonderen Haß der Rechten zu. Selbst der Dichter Ernst Toller, Führer der USPD in München, schreckt zuletzt nicht vor antisemitischen Angriffen auf Leviné zurück. „Ein hagerer Mann, aus dessen eingefallenem Gesicht die gebogene fleischige Nase groß hervorspringt.“ beschreibt ihn Toller auch später im Jahr 1933 in bester Stürmer-Manier.
Knapp zwei Wochen nach dem Ende der Räterepublik, am 13.Mai, wird Leviné gefaßt. Gegen ein Kopfgeld von 10.000 Mark hat ihn ein Spitzel der Polizei ausgeliefert. Bei dem anschließenden Hochverratsprozeß geht es nicht um Recht, sondern nur noch um Macht. Das Gericht in der Münchner Au gleicht einem Heerlager. Maschinengewehre und Handgranaten allerorts.
Auch die Erschießung von Geiseln, die der rechtsextremen Thulegesellschaft angehörten, wirft ihm das Gericht vor. Obwohl Leviné mit der Geiselerschießung nichts zu tun hatte, lehnt er es ab, diese zu verurteilen. Seine Frau Rosa Meyer-Leviné schildert seine Motive: „Vielleicht hätte er sein Leben retten können. Das wäre dann aber nicht mehr das Leben eines revolutionären Führers gewesen und hätte seiner Sache nicht mehr gedient. Es gibt kein Schachern, wenn es um menschliche Integrität geht. Ein kompromißlerischer, kriecherischer Leviné hätte in einem langen Leben nicht mehr das erreicht, was er in seinen letzten Tagen erreicht hat. Aus dem einfachen Grund, weil er dann moralisch tot gewesen wäre.“
„Fällen Sie das Urteil, wenn Sie es für richtig halten. Ich habe mich nur dagegen gewehrt, daß meine politische Agitation, der Name der Räterepublik, mit der ich mich verknüpft fühle, daß der gute Name der Münchner Arbeiter beschmutzt wird. Diese und ich mit ihnen zusammen, wir haben alles versucht, nach bestem Wissen und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegen die Internationale und die Kommunistischen Weltrevolution.“ schloß Leviné seine Verteidigungsrede. Das Standgericht verurteilt ihn zum Tode. Am 5.Juni 1919 wird er von einem Exekutionskommando erschossen. „Es lebe die Weltrevolution“, lauten seine letzten Worte. Mit einem 24-stündigen Generalstreik im ganzen Land protestieren Arbeiter gegen diesen Akt der Klassenjustiz.
Heute ist Eugen Leviné weitgehend vergessen. In München erinnert kein Straßenname und keine Gedenktafel an den Mann, der damals in einem Atemzug mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg genannt wurde.
Der SPD, die zur Niederschlagung der Revolution bereit war, die verhaßte preußischen Truppen nach Bayern zu holen, haftete seitdem der Ruf des Landesverräters an. Es ist den bayerischen Sozialdemokraten bis heute nicht gelungen, sich von ihrer damaligen Schmach zu erholen. Für das Münchner Bürgertum waren die wenigen Tage der Arbeitermacht ein so gewaltiger Schock, daß das Pendel im einstmals liberalen München völlig umschlug. Jede kleinste Regung von linker Seite sollte von nun an im Keime erstickt werden. Unter breiter Zustimmung der nicht-proletarischen Bevölkerungsschichten gingen die rechtsextremen Wehrverbände und die BVP daran, die „Ordnungszelle Bayern“ als Zentrum der Gegenrevolution auszubauen, die heute in der CSU-Herrschaft ihre Fortsetzung findet. „Die Münchner kommunistische Episode ist vorüber. Eines Gefühls der Befreiung und Erheiterung entschlage auch ich mich nicht. Der Druck war abscheulich“, schrieb der Schriftsteller Thomas Mann nach dem Sieg der Gegenrevolution in sein Tagebuch. So wie er fühlten damals viele Vertreter des Bürgertums. Nur die wenigsten konnten sich zu der späteren Erkenntnis Thomas Manns durchringen, daß der Antikommunismus die Grundtorheit des Jahrhunderts ist.
(Ein Teil dieser Artikel erschien zuerst in der Tageszeitung "junge Welt")


Gustav Landauer Ich erinnere mich an ein Wort, das der englische Anarchist Mowbray 1893 auf dem internationalen Sozialistischen Kongreß in Zürich gesprochen hat. Es handelte sich darum, ob die Anarchisten das Recht hätten, am Kongreß theilzunehmen oder nicht. Nach stürmischen Debatten war eine Resolution durchgegangen, wonach nur solche zugelassen sein sollten, die für die "politische" Aktion einträten. In diesem Moment, wo wir Anarchisten schon ausgeschlossen zu sein schienen, brachte Mowbray noch einmal durch einen pathetischen Witz die Waage ins Schwanken. Er erklärte: Die That des Brutus, rief er aus, war eine eminent politische Aktion. Wir sind für die politische Aktion und müssen also zugelassen werden. Dies Wort scheint mir überaus geeignet, die seltsame Erscheinung zu erklären, daß es fast zum anarchistischen Dogma geworden ist, die Tötung von Staatsoberhäuptern, wenn erst vollbracht, als etwas Anarchistisches anzusehen; das ferner in der That fast alle Attentäter der letzten Jahrzehnte von anarchistischen Grundgedanken ausgegangen sind. Seltsam wird jeder Unbefangene dieses Zusammentreffen in der That nennen; denn was hat es mit Anarchismus, der Lehre von einer zu erstrebenden Gesellschaft ohne Staat und ohne autoritärem Zwang, was mit der Bewegung gegen den Staat und gegen legalisirte Gewalt zu thun, daß Personen ums Leben gebracht werden? Gar nichts. Aber die Anarchisten sehen ein, daß mit Lehren und Verkünden noch nicht genug gethan ist; der gesellschaftliche Neubau ist nicht zu errichten, weil die Gewalt der Machthaber im Wege ist; es gilt also, so fahren sie in ihren Folgerungen fort, neben der Propaganda durch Wort und Schrift und neben der Konstruktion auch die Destruktion; zum Umreißen aller Schranken sind sie viel zu schwach; also wenigstens die That propagiren und durch die That Propaganda machen; die politischen Parteien treiben positive politische Aktion; so müssen also die Anarchisten, als Einzelne, positive Antipolitik, negative Politik treiben. Aus diesem Raisonment erklärt sich die politische Aktion der Anarchisten, die Propaganda der That, der individuelle Terrorismus.
Ich stehe nicht an, es in aller Schärfe auszusprechen - und ich weiß, daß ich mit diesen Worten hüben noch drüben Dank ernten werde -: Die Attentatspolitik der Anarchisten geht zum Theil aus dem Bestreben einer kleinen Gruppe hervor, es den großen Parteien gleich zu thun. Es steckt Rennomirsucht darin. Wir machen auch Politik, sagen sie; wir sind nicht etwa unthätig; man muß mit uns rechnen. Die Anarchisten sind mir nicht anarchisch genug; sie sind noch immer eine politische Partei, ja, sie treiben sogar ganz primitive Reformpolitik; das Töten von Menschen hat von je her zu den naiven Besserungsversuchen der Primitiven gehört; und Mowbrays Brutus war ein kurzsichtiger Reformpolitiker. Wenn die amerikanischen Machthaber jetzt, ohne Rücksicht auf Rechte und Gesetze, einige ganz unbetheiligte Anarchisten aufhängen ließen, so handelten sie genau so anarchistisch wie irgendein Attentäter, - und vielleicht, eben so wie dieser, aus Idealismus. Denn nur Dogmatiker können leugnen wollen, daß es glühende und aufrichtige Staatsidealisten giebt. Die Anarchisten freilich in ihrer Mehrzahl sind Dogmatiker; sie werden schreien, daß ich, der ich mir auch heute noch das Recht beimesse, meiner Weltanschauung den Namen der Anarchie zu geben, so ohne weiteres meine Wahrheit ausspreche; sie sind auch Oppurtunisten und werden finden, gerade jetzt sei nicht die Stunde zu solcher Aussprache. Ich aber finde: Jetzt gerade ist der Moment. Auch das ist freilich so ein Dogma der Anarchisten, daß sie etwa sagen: Alle Tage werden soundso viele Arbeiter, soundso viele Soldaten, soundso viele Tuberkulose von unseren mörderischen Zuständen ums Leben gebracht; was soll das Geschrei? McKinnley (amerikanischer Präsident, 1901 von einem Anarchisten umgebracht) zählt nicht mehr als einer von ihnen. Mit Verlaub! Auch da werde ich meinen Anarchisten gar zu anarchisch sein: mich hat der Tod McKinleys mehr, weit mehr erschüttert als der eines Dachdeckers, der in Folge eines schlecht gebauten Gerüsts vom Dach gefallen wäre. Es ist altmodisch, ich gebe es gern zu; aber wenn ein Mensch, mit dem Schein der Machtfülle umgeben, harmlos und mit gutem Gewissen, von einem Mitmenschen, dem er die Hand hinstreckt, erschossen wird, wenn dann die Augen von Millionen seinem Sterbelager sich zuwenden, dann steckt darin für mich echte Tragik, die diesen Menschen, der vielleicht nur ein mäßiger Kopf und ein wenig edler Mensch gewesen ist, verklärt. Gern aber füge ich hinzu, daß ebenso auch der Attentäter meinem Herzen nähersteht als der unglückliche Kerl, der das Gerüst schlecht gezimmert hatte. Es will etwas heißen, so mit dem Leben fertig zu sein.
Es ist hier nicht meine Absicht, mich in die Psychologie der modernen Attentäter zu versenken. Sie sind vielleicht weniger Helden oder Märtyrer als eine neue Art von Selbstmördern zu nennen. Für einen Menschen, der an nichts glaubt als an dieses Leben und den dieses Leben bitter enttäuscht hat, der erfüllt ist von kaltem Haß gegen die Zustände, die ihn zu Grunde gerichtet haben und die ihm unerträglich zu gewahren sind, kann es ein dämonisch verführerischer Gedanke sein, noch einen von denen da oben mitzunehmen und sich auf dem Umweg über die Gerichte und vor den Augen der Welt demonstrativ ums Leben zu bringen. Und mindestens ebenso verführerisch ist der Gedanke, der tausendfach variiert in der anarchistischen Literatur widerkehrt: der autoritären Gewalt die freie Gewalt, die Rebellion des Individuums entgegenzusetzen.
Das ist der Grundirrthum der revolutionären Anarchisten, den ich lange genug mit ihnen getheilt habe, daß sie glauben: das Ideal der Gewaltlosigkeit mit Gewalt erreichen zu können. Sie wenden sich mit Heftigkeit gegen die "revolutionäre Diktatur", die Marx und Engels in ihrem kommunistischen Manifest als ein kurzes Übergangsstadium nach der großen Revolution vorgesehen hatten. Das sind Selbsttäuschungen; jede Gewaltausübung ist Dikatatur, sofern sie nicht freiwillig ertragen, von den befehligten Massen anerkannt ist. In diesem fall aber handelt es sich um autoritäre Gewalt. Jede Gewalt ist entweder Despotie oder Autorität.
Die Anarchisten müßten einsehen: ein Ziel läßt sich nur erreichen, wenn das Mittel schon in der Farbe dieses Zieles gefärbt ist. Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit. die Anarchie ist da, wo Anarchisten sind, wirkliche Anarchisten, solche Menschen, die keine Gewalt mehr üben. Ich sage damit wahrhaftig nichts Neues; es ist dasselbe, was uns Tolstoi schon lange gesagt hat. Als der König von Italien von Bresci umgebracht worden war, veröffentlichte Tolstoi einen wundervollen Artikel, der in den Worten gipfelte: Man soll den Fürsten nicht töten, sondern ihnen klarmachen, daß sie nicht selbst töten dürfen. Der Wortlaut war noch schärfer und der Artikel enthielt so wuchtige Streiche gegen die Machthaber, daß ihn anarchistische Blätter zum Abdruck brachten; auch diese Stellen wurden, ich möchte sagen: gemüthlich oder nonchalant, abgedruckt, aber, wie eine Marotte, nicht weiter beachtet.
Die Anarchisten werden einwenden: Wenn wir Gewaltlose sind, lassen wir uns alle Beraubung und Unterdrückung gefallen; dann sind wir nicht Freie, sondern Sklaven; Wir wollen nicht die Gewaltlosigkeit einzelner Individuen, sondern den Zustand der Gewaltlosigkeit; wir wollen die Anarchie, aber zuerst müssen wir zurückerhalten oder nehmen, was uns geraubt oder vorenthalten wird. Das ist wieder so ein Grundirrthum: daß man den Anarchismus der Welt bringen könne oder müsse; daß die Anarchie eine Menschheitssache sei; daß zuerst die große Abrechnung käme und dann das Tausendjährige Reich. Wer der Welt die Freiheit bringen will - Das heißt eben doch: seine Aufassung von Freiheit -, ist ein Despot, aber kein Anarchist. Niemals wird die Anarchie eine Sache der Massen sein, nie wird sie auf dem wege der Invasion oder der bewaffneten Erhebung zur Welt kommen. Und ebensowenig wird das Ideal des föderalistischen Sozialismus dadurch zu erreichen sein, daß man abwartet, bis das bereits aufgestapelte Kapital und der Bodenbesitz in die Hände des Volkes kommt. Die Anarchie ist nicht die Sache der Zukunft, sondern der Gegenwart; nicht der Forderungen, sondern des Lebens. Nicht um die Nationalisation der Errungenschaften der Vergangenheit kann es sich handeln, sondern um ein neues Volk, das sich aus kleinen Anfängen heraus durch Innenkolonisation, mitten unter den anderen Völkern, da und dort in neuen Gemeinschaften bildet. Nicht um den Klassenkampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden schließlich handelt es sich, sondern darum, daß sich freie, innerlich gefestigte und in sich beherrschte Naturen aus den Massen loslösen und zu neuen Gebilden vereinigen. Die alten Gegensätze vom Zerstören und Aufbauen fangen an, ihren Sinn zu verlieren: es handelt sich um Formen des nie Gewesenen.
Wenn die Anarchisten wüßten, wie nah ihre Gedanken an den tiefsten Grund des Menschenwesens rühren und wie unsagbar weit sie abführen von dem Getriebe des Massenmenschen, dann würden sie schaudernd erkennen, welcher Abstand gähnt zwischen ihrem Handeln, ihrem oberflächlichen Benehmen und den Abgründen ihrer Weltanschauung, dann würden sie einsehen: es ist zu alltäglich und zu gewöhnlich für einen Anarchisten, McKinley zu töten oder derlei überflüssige Posen und Tragödien aufzuführen. Wer tötet, der geht in den Tod. Die das Leben schaffen wollen, müssen Neulebendige und von innen her Wiedergeborene sein. Ich müßte um Entschuldigung bitten, daß ich auf einem neutralen Boden "Propaganda für den Anarchismus" mache, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß, was ich hier, aber ohne mich irgend an das Wort zu binden Anarchie nenne, eine Grundstimmung
ist, die in jedem über Welt und Seele nachdenkenden Menschen zu finden ist. Ich meine den Drang, sich nocheinmal zur Welt zu bringen, sein eigenes Wesen neu zu formen und danach die Umgebung, seine Welt, zu gestalten, so weit man ihrer mächtig ist. Dieser höchste Moment müßte für jeden kommen: wo er, um mit Nietzsche zu sprechen, das ursprüngliche Chaos in sich schafft, wo er wie ein Zuschauer das Drama seiner Triebe und seiner dringendsten Innerlichkeiten vor sich aufführen läßt, um dann festzustellen, welche seiner vielen Personen in ihm herrschen soll, was das Eigene ist wodurch er sich von den Traditionen und Erbschaften der Vorfahrenwelt unterscheidet, was die Welt ihm, was er der Welt sein soll. Das nenne ich einen Anarchisten, der den Willen hat, nicht doppeltes Spiel vor sich selber aufzuführen, der sich so wie einen frischen Teig in entscheidender Lebenskrise geknetet hat, daß er in sich selber Bescheid weiß und so handeln kann, wie sein geheimstes Wesen ihn heißt. Der ist für mich ein Herrenloser, ein Freier, ein Eigener, ein Anarchist, wer seiner Herr ist, wer den Trieb festgestellt hat, der er sein will und der sein Leben ist. Der Weg zum Himmel ist schmal, der Weg zu einer neueren, höheren Form der Menschengesellschaft führt durch das dunkle, verhangene Thor unserer Instinkte und der terra abscondita unserer Seele, die unsere Welt ist. Nur von innen heraus kann die Welt geformt werden. Dies Land und diese reiche Welt finden wir, wenn wir durch Chaos und Anarchie, durch unerhörtes, stilles und abgründliches Erleben einen neuen Menschen entdecken; jeder in sich selbst. Dann wird es Anarchisten geben und Anarchie, da und dort, Einzelne, Zerstreute; sie werden einander finden; sie werden nichts töten als sich selbst in dem mystischen Tod, der durch tieftse Versunkenheit zur Wiedergeburt führt; sie werden von sich mit Hoffmannsthals Worten sagen können: "So völlig wie den Boden untern Füßen hab' ich Gemeines von mir abgethan." Wer erst durch seinen eigenen Menschen hindurchgekrochen ist und tief im eigenen lebendigen Blut gewatet hat: Der hilft die neue Welt schaffen, ohne in fremdes Leben einzugreifen.
Man würde mich sehr falsch verstehen, wenn man glaubte, ich predige Quietismus oder Resignation, Verzicht auf Aktion und auf Wirken nach außen. O nein! Man thue sich zusammen, man wirke für Munizipalsozialismus, auch für Siedlung- oder Konsum- oder Wohnungsgenossenschaften; man gründe öffentliche Gärten und Bibliotheken, man verlasse die Städte, man arbeite mit Spaten und Schaufel, man vereinfache all sein äußeres Leben, um raum für den Luxus des Geistes zu gewinnen; man organisiere und kläre auf; wirke für neue Schulen und die Eroberung der Kinder; all das erobert doch nur das ewig Gestrige, wenn es nicht in neuem Geiste und aus neu erobertem Binnenland heraus geschieht. Wir alle warten auf Großes und Unerhörtes, all unsere Kunst ist voll voll von zitternder und leiser Ahnung von etwas, das sich vorbereitet: aus unserem Wesen heraus wird es kommen, wenn wir das Unbekannte, Unbewußte heraufzwingen in unseren Geist, wenn unser Geist sich selbst vergißt im Elemente des ungeistig Psychischen, daß in unseren Höhlen auf uns wartet, wenn wir neu werden; dann wird die geahnte Welt werden, die die äußere Entwicklung nie bringen wird. Die große Zeit wird den Menschen kommen, die nicht nur Zustände und Einrichtungen, sondern sich selbst nicht mehr ertragen. Nicht andere umbringen, sondern sich selbst: Das wird das Kennzeichen des Menschen sein, der sein eigenes Chaos schafft, um sein Urältestes und Bestes zu finden und mit der Welt so mystisch eins werden, daß, was er in der Welt wirkt, aus einer unbekannten Welt in ihn hineingeflossen zu sein scheint. Wer die verflossene Welt in sich zum Leben, zu individuellem Leben erweckt, wer sich selbst als Strahl der Welt fühlt, nicht als Fremder: Der kommt, er weiß nicht woher, der geht, er weiß nicht wohin, dem wird die Welt sein wie er selbst. Die werden leben unter einander als gemeinsame, als Zusammengehörige. Da wird Anarchie sein. Das ist ein weites Ziel; aber es ist nun schon so gekommen, daß uns das Leben unfaßbar ist, wenn nicht Unglaublichem zuzusteuern uns vorzunehmen. Das Leben ist uns nichts und nichtig, wenn es uns nicht ein Meer ist, ein Unendliches, das uns Ewigkeiten verheißt. Was Reformen, was Politik, Revolution! Es ist doch immer das nämliche. Was Anarchismus! Was die Anarchisten uns als ideale Gesellschaft aufzeichen, ist viel zu vernünftig, viel zu sehr mit dem bloß Gegebenen rechnend, als daß es je Wirklichkeit werden könnte und sollte. Nur wer mit Unbekanntem rechnet, rechnet richtig. Denn das Leben und der eigentliche Mensch in uns, sie sind uns unbenannt und unbekannt. Nicht fernerhin Krieg und Mord, sondern Wiedergeburt.
Sehr falsch würde man aber widerum meine Meinung verstehen, wenn man in dieser gewandelten Auffassung eine Abkehr von der vielseitig fördernden, zusammenfassenden und erneuernden Thätigkeit des freien, undogmatischen Sozialismus finden wollte. Vielleicht liegt es unsereinem, der solchen Dingen seit jahren sein Thun gewidmet hat, nicht nah genug, gerade jetzt auf all das hinzuweisen, wo der Kinderglaube an eine radikale Wandlung durch äußeres Geschehen überall aufgegeben wird, wo man sieht, daß der Sozialismus nicht eine Sache ist, die hinter der bürderlichen Gesellschaft als neues, glänzendes Gebilde aufsteigt, sondern etwas, das innerhalb unserer kapitalistischen Welt selbst wächst und sich überall in sie hineindrängt. Diese Erkenntnis, so selbstverständlich sie zu werden beginnt, ist doch zu sehr mit Schmerzen erkauft, als daß wir uns so schnell in die neue Art der Thätigkeit hineinfinden könnten. Es ist etwas Helles, Hartes, Praktisches in den modernen Sozialismus gekommen. Das ist erfreulich, gewiß: aber wir Schwärmer von anno dazumal waren so sehr an das Halbdunkel und die Romantik der Erwartung und der Vorbereitung des Plötzlichen gewöhnt, daß man uns schon einige Zeit gönnen mag, uns nun an die neue Art zu gewöhnen; es fehlt ja auch nicht an frischen Kräften, die am Werke sind. Ebensowenig übersehe ich, daß die Massen, die aus sozialer Noth und Unsicherheit herauswollen, gar wenig mit den höchsten Kulturbedürfnissen un den seelischen Nöthen zu thun haben, von denen ich hier rede. Es ist ihnen gleichgiltig, wonach wir Besonderen ringen, und es wäre wiederum verderbliche Romantik, wenn man glaubte, die Erneuerungen, die den sozial abhängigen und armen Massen nothtun, seien identisch oder auch nur unlöslich verschmolzen mit der Wesenswandlung der Menschen, von der ich hier spreche. Wir müssen lernen, daß es hundertelei Wege giebt, staatliche und außerstaatliche, um den Massen vom Fleck zu helfen; wir müssen uns abgewöhnen, jede Verbesserung, jde Erneuerung nur in Verbindung mit unserem höchsten und letzten Ziel und unter keinen Umständen anders haben zu wollen. Es ist ein wundervoller Gedanke, den Wohlstand, das Gedeihen der Massen und die innerste Nothwendigkeit der Kultur so ineinander zu verkoppeln, daß beide Ziele auf einem Weg erreicht werden; aber er ist falsch, wie alle solche starren, reinlichen Begriffsgedanken falsch sind. Wir haben lange genug unter Sozialismus eine vage, allverbindende Weltanschauung verstanden, eine Springwurzel, die alle Thore öffnet und alle Fragen löst; wir könnten jetzt wissen, daß alles in der Welt da draußen und ebenso in unserer Seele, so durcheinander gewirrt ist, daß es niemals einen Weg giebt, den alle zu einem Ziele gehen könnten. Was ich hier also vertrete, ist keineswegs eine Aufforderung an die Menschengesellschaft; wir müssen einsehen, daß es verschiedene Stufen der Kultur nebeneinander giebt, und können ruhig den Traum aufgeben, der nicht einmal schön ist, daß alle auf ein Niveau gehoben werden sollen. Keine Aufforderung; ich will nur den inneren Zustand beschreiben, aus dem heraus einzelne vielleicht dazu gelangen können, den anderen Kommunismus und Anarchie vorzuleben. Ich will nur sagen, daß diese Freiheit erst im innersten Menschen geboren und erzogen sein muß, bevor sie sich als äußere Thatsächlichkeit sehen lassen kann. Auch Sozialismus ist allmählich ein altes ort geworden; er hat vielerlei zusammengefaßt, daß jetzt in mehrere Selstständigkeiten auseinanderfällt. Überall geht die Dogmatik zu Ende und der Kampf für Schlagwörter, die man als utopistische Grenzpfähle an den Beginn einer neuen Periode gestellt hatte; überall ist aus den Worten Wirklichkeit und Fließendes geworden, Unberechenbares und Schwankendes. Klarheit giebt es eben nur im Lande des Scheins und der Worte; wo das Leben beginnt, hört die Systematik auf.
Auch die Anarchisten sind bisher gar zu sehr Systematiker und in feste, enge Begriffe eingeschnürte gewesen; und das ist schließlich die lezte Antwort auf die Frage, warum Anarchisten im Menschenthöten etwas Werthvolles erblicken. Sie haben sich angewöhnt, gar nicht mehr mit Menschen zu thun zu haben, sondern mit Begriffen. Es giebt zwei feste, getrennte Klassen für sie, die einander feindlich gegenüberstehen; sie töteten nicht Menschen, sondern den Begriff des Ausbeuters, des Unterdrückers, des Staatsrepräsentanten. So ist es gekommen, daß die gerade, die im Privatleben und Empfinden oft die Menschlichsten sind, im öffentlichen Treiben der Unmenschlichkeit sich hingeben. Ihr Empfindungsleben ist dann ausgeschaltet; sie handeln als denkende Wesen, die, ähnlich wie Robespierre der Göttin der Vernunft, der scheidenden und urtheilenden unterthan sind. Aus den Urtheilen der kalten, innerlich unwissenden, unlebendigen, lebensfeindlichen Logik sind die kalten Todesurtheile zu erklären, die von den Anarchisten gefällt werden. Die Anarchie ist aber nichts so Nahes, Kaltes, Deutliches, wie die Anarchisten gewähnt hatten; wenn die Anarchie ihnen zum dunklen, tiefen Traum wird, statt eine begrifflich erreichbare Welt zu sein, wird ihr Ethos und ihr handeln von einerlei Art werden.
(1901)
Gustav Landauer: AUFRUF ZUM SOZIALIMUS Heute ergeht der Aufruf zum Sozialismus an alle, nicht in dem Glauben, daß alle ihn vollbringen könnten weil wollten, sondern in dem Wunsche, einzelne zum Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit, zum Bunde der Beginnenden zu fordern. Die Menschen, die es nicht mehr aushalten können und wollen, das sind die, die hier gerufen werden. Den Massen, den Völkern der Menschheit, Regierenden und Regierten, Erben und Enterbten, Bevorzugten und Betrogenen wäre zu sagen: Es ist eine riesengroße unauslöschliche Schande der Zeiten, daß um des Profits willen gewirtschaftet wird, statt für die Notdurft der in Gemeinden geeinigten Menschen. All euer Kriegszustand, all euer Staatswesen, all eure Unterdrückung der Freiheit, all euer Klassenhaß kommt von der brutalen Dummheit, die über euch herrscht. Käme heute euch Völkern allesamt der große Moment der Revolution auf einmal, wo wolltet ihr Hand anlegen? Wie wollt ihr es erreichen, daß in der Welt, in jedem Lande, in jeder Provinz, in jeder Gemeinde keiner mehr hungert, keiner mehr friert, kein Mann und keine Frau und kein Kind mehr unterernährt ist? Nur vom Gröbsten zu reden! Und gar, wenn die Revolution in einem einzelnen Land ausbräche? Was könnte sie nützen? Wohin könnte sie zielen? So ist es nicht mehr, wie es gewesen ist, daß man den Menschen eines Volkes sagt: Euer Boden trägt, was ihr braucht, an Nahrung und Rohprodukten der Industrie: arbeitet und tauscht! Vereinigt euch, Arme, kreditiert euch gegenseitig; Kredit, Gegenseitigkeit ist Kapital; ihr braucht keine Geldkapitalisten und keine Unternehmerherren; arbeitet in Stadt und Land; arbeitet und tauscht! So ist es nicht mehr, selbst wenn der Moment zu erwarten stünde, wo große, umfassende Maßnahmen ins Ganze zu schlagen waren. Ein ungeheures Durcheinander, ein wahrhaft viehisches Chaos, eine kindische Hilflosigkeit entstünde im Augenblick einer Revolution. Nie waren die Menschen unselbständiger und schwächer als jetzt, wo der Kapitalismus zu seiner Blüte gelangt ist: zum Weltmarkt des Profits und zum Proletariat. Keine Weltstatistik und keine Weltrepublik kann uns helfen. Rettung kann nur bringen die Wiedergeburt der Völker aus dem Geist der Gemeinde! Die Grundform der sozialistischen Kultur ist der Bund der selbständig wirtschaftenden und untereinander tauschenden Gemeinden. Unser Menschengedeihen, unsre Existenz hängt jetzt davon ab, daß die Einheit des einzelnen und die Einheit der Familie, die uns allein noch an natürlichen Verbänden geblieben sind, sich wieder steigert zur Einheit der Gemeinde, der Grundform jeder Gesellschaft. Wollen wir die Gesellschaft, so gilt es, sie zu erbauen, gilt es, sie zu üben. Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von Gemeinschaften von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken. Da nur ist Freiheit und Ordnung, da nur ist Geist; ein Geist, welcher Selbständigkeit und Gemeinschaft, Verbindung und Unabhängigkeit ist. Aus: Gustav Landauer / Aufruf zum Sozialismus (1911). - Gustav Landauer / Aufruf zum Sozialismus - Gustav Landauer / Stelle Dich, Sozialist! - Gustav Landauers Leben und Werk - Gustav Landauers Gemeinschaftsutopie - Gustav Landauer und die Räterepublik "Anarchie ist nur ein anderer, in seiner Negativität und besonders starken Mißverständlichkeit weniger guter Name für Sozialismus. Wahrer Sozialismus ist der Gegensatz zu Staat und kapitalistischer Wirtschaft; er ist ein Bestreben, mit Hilfe eines Ideals eine neue Wirklichkeit zu schaffen." Gustav Landauer (1870-1919) ERICH MÜHSAM
Die Geschichte der Menschheit mit ihren Kriegen und Revolutionen, mit ihren Bestrebungen um Änderung, Besserung, Beseitigung oder Erhaltung von Zuständen und Einrichtungen, mit all ihren politischen, wirtschaftlichen, religiösen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfen vollzieht sich in immer veränderten Forderungen dennoch immer mit derselben Begleitmusik. In allen Zeiten, bei allen Völkern, wo Meinung gegen Meinung, Losung gegen Losung stand und steht, empfehlen sich die Beschützer des Alten wie die Pioniere des Neuen als die Sachverwalter der Freiheit. Es gibt keine Bewegung, hat nie eine gegeben und kann keine geben, die erfolgreich um Anhang für sich werben könnte, wenn nicht auf ihrer Standarte das Bekenntnis zur Freiheit beschworen ist. Wo Ziele erstrebt werden, die über materielle Nützlichkeit hinausreichen oder doch hinauszureichen scheinen, kann Gefolgschaft nur mit sittlichen Zwecksetzungen gewonnen werden; zum sittlichen Begriff schlechthin aber, dem alle übrigen sittlichen Werte ein- und untergeordnet sind, der die hohen seelischen Eigenschaften der menschlichen Gesellschaft wie Ehre, Ruhm, Kultur, glückliche Verbundenheit, in der natürlichen Vorstellung aller zur Gefolgschaft geeigneten Massen umfasst, wird von allen verschiedenen und entgegengesetzten Parteien und Vereinigungen die Freiheit erhoben. Denn das Wort Freiheit ist im Sprachgefühl der Menschen das einzige, das in sich die Eigenschaften der individuellen Tugend mit denen eines gesellschaftlichen Ideals verbindet.
Daß offenbar jeder Mensch die Freiheit als gesellschaftliches Ideal empfindet, ist ein Beweis dafür, daß die Sehnsucht nach individueller Freiheit in der menschlichen Natur selber begründet ist. Dieser Sehnsucht nach persönlicher Steigerung der Lebenswerte muß jede Werbung Rechnung tragen, die die allgemeine Erhöhung des Kollektivgefühls zu bewirken verspricht. Daher und weil bei primitven Menschen ebenso wie bei differenzierten das Streben nach veredelter Gemeinschaft durchaus gleich empfunden wird mit dem Streben nach vermehrter Freiheit in der Verbundenheit aller, spielt sich fast aller öffentliche Kampf um die Geister der Menschen als ein Wettstreit der Weltanschauungen, der politischen und wirtschaftlichen Bekenntnisse und der sozialen Grundsätze ab, die eigene Freiheitlichkeit als die beste zu erweisen, das fremde und feindliche Prinzip als freiheitswidrig herabzuwürdigen. Wäre nun die Freiheit im Sprachbewußtsein der Menschen ein klar erkanntes und in ihrer Bedeutung einhellig erfasstes sittliches Gut, dann bedürfte es keiner konkurrierenden Anpreisung gesellschaftlicher Programme unter dem Gesichtspunkt der Freiheit, dann wäre es leicht, unter den empfohlenen Systemen dasjenige herauszufinden, das der positiven Forderung am nächsten käme oder gar sich mit ihr deckte. Leider verbindet sich jedoch bei den meisten Menschen mit dem Wort Freiheit nur ein ganz verschwommener Empfindungswert, so daß aus dem gesellschaftlichen Begriff, der aus dem stärksten ethischen Drang des Menschen stammt, die seichteste aller öffentlichen Phrasen werden konnte. Es gibt in den vielen Jahrtausenden übersehbarer Menschengeschichte keine Tyrannis, keine Unterdrückung und Vergewaltigung von Arbeits- und Willenskräften, die sich nicht des Freiheitsverlangens ihrer Opfer bedient hätte, um zur Macht zu kommen. Der Sklave nämlich stellt sich fast niemals die Freiheit vor, sondern leidet nur unter der greifbar erlebten Unfreiheit und läßt sich somit leicht überreden, neue Knechtschaft auf sich zu laden, wenn nur der neue Herr die glaubhafte Zusicherung gibt, er werde ihn aus der alten Knechtschaft befreien. Die Erfolglosigkeit aller bis jetzt geführten Kämpfe um gesellschaftliche Freiheit hat also ihre Ursache darin, daß sie nie für die Erringung wahrhaft freien Lebens, für einen positiv von Freiheit durchdrungenen sozialen Zustand geführt wurden, sondern ihren Ausgang nahmen von der Unerträglichkeit des Bestehenden und ihr Ziel begrenzten auf die rein negative Befreiung von dieser Unerträglichkeit. Das Versprechen: wir werden euch, das Volk, den Staat, die Gesellschaft, die Menschheit befreien!; die Aufforderung: befreit euch, das Volk, den Staat, die Gesellschaft, die Menschheit befreien!; die Aufforderung: befreit euch, das Volk, den Staat, die Gesellschaft, die Menschheit! hat mit Freiheit nur insofern zu tun, als in diesen Parolen ihr Nichtvorhandensein anerkannt und als Übel festgestellt wird. Was dagegen aufgestellt wird, beschränkt sich in fast allen Fällen auf die Ausmalung von Verhältnissen, die sich durch Abwesenheit der Dinge auszeichnen werden, deren Ausmerzung Sinn der Befreiung sein soll. Umgekehrt begegnen aber auch die Hüter der befehdeten Einrichtungen, Zustände oder Gebräuche dem Appell, sich von ihnen zu befreien, mit dem Beweise, daß alles, was sie ersetzen soll, dem Geiste der Freiheit widerspreche, und die Einen wie die Anderen lassen die Darstellung der Unfreiheit des Bekämpften als Überzeugungsgrund dafür gelten, daß die von ihnen gewünschten oder verteidigten Werte den Charakter der Freiheit trügen. Es bleibt also zu untersuchen, ob der Begriff der Freiheit als gesellschaftliches Prinzip überhaupt in positiver Formulierung zu fassen ist und wie die Organisation der Gesellschaft beschaffen sein müßte, die die Freiheit zum lebensbewegenden Inhalt des menschlichen Zusammenhalts machen wollte. Es kann sich hier natürlich nicht um eine philosophische Deutung des Freiheitsbegriffes handeln, wie sie etwa Schopenhauer in seinen zwei Grundproblemen der Ethik vornimmt. Allerdings ist auch nicht darauf zu verzichten, das gesellschaftliche Problem der Freiheit als ein Problem der Ethik zu betrachten. Doch ist es nur deswegen nicht überflüssig, die Notwendigkeit solcher Betrachtung aus ethischen Gesichtspunkten besonders zu betonen, weil leider die Behandlung gesellschaftlicher Fragen als Fragen vorwiegend sittlicher Natur längst nicht mehr überall als selbstverständlich zu gelten scheint. Vermehrte gesellschaftliche Freiheit wird dazu helfen, das Primat der Ethik für alle auf die Beziehung der Menschen zu einander gerichteten Erörterungen sicherzustellen. Hiermit ist aber schon gesagt, daß der gesellschaftlich genommene Freiheitsbegriff auch keineswegs schlechthin als politischer Wert aufgefasst werden darf. Zwar wirkt sich bestehende und mangelnde Freiheit wesentlich politisch aus, in dem weiten Sinne nämlich, daß alle Herrschaft, auch wirtschaftlicher Macht, politisch gefügt sein muß, um sich zu erhalten. Aber Politik betrifft in viel zu enger Weise wandelbare Einrichtungen und auf Widerruf statuierte Bindungen, als daß ein Ewigkeitsprinzip menschlicher Verständigung sich in ihren Methoden verwirklichen ließe.
Die zu lösende Frage ist diese: Der Mensch strebt nach Erfüllung seiner individuellen Möglichkeiten. Er will seinen einmaligen, von allen anderen Menschen unterschiedenen Charakter mit den darin begründeten Fähigkeiten, Neigungen, Kräften, Leistungs- und Genußanlagen unabhänig von auferlegtem Zwange frei entwickeln und verwerten. Diese Unabhängigkeit, die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung in sich schließt, ist seine Vorstellung von Freiheit; ohne sie kann es keine Freiheit für ihn geben. Die Menschen aber sind auf ihre Arbeit angewiesen und zwar jeder auf die Arbeit aller, alle auf die Arbeit eines jeden. Infolgedessen ist die Gemeinschaftsaufgabe jeder Gesellschaft, die sogenannte soziale Frage zu lösen, d.h. Arbeit, Verteilung und Verbrauch so zu organisieren, daß Leistung und Verwendung in das richtige Verhältnis zum Ertrage der Erde gebracht werden. Unter gesellschaftlicher Freiheit wird nun gemeinhin verstanden, daß die Organisation der gemeinsamen Arbeit der Willkür und dem Nutzen Einzelner entzogen und der Gesamtheit des produzierenden und konsumierenden Volkes übertragen werde. Ist nun - und das entscheidet, ob die Freiheit als gesellschaftliches Prinzip bestehen kann, - eine Regelung der menschlichen Beziehungen erreichbar, bei der das Höchstmaß verbundenen Werteschaffens zum Nutzen aller und unter Ausschaltung der Willkür Einzelner geleistet wird, - und gleichzeitig die Persönlichkeit zur vollen Entwicklung ihrer Fähigkeiten, zum vollen Ausleben ihrer Kräfte, zur vollen Befriedigung ihrer Bedürfnisse gelangen kann?
Der marxistische Sozialismus bejaht mit Entschiedenheit die Lösbarkeit der sozialen Frage, also die Organisierbarkeit der Arbeit in der Form, daß der Ertrag jeder Leistung dem Leistenden selber zugute kommt. Er postuliert dazu - und darin begegnen sich alle Lehren des Sozialismus - die Vergesellschaftung des Grundes und Bodens und der Produktionsmittel, sohin die Beseitigung des Herrentums über die Arbeitskraft anderer Menschen. Ohne Zweifel ist hier eine Voraussetzung nicht nur kollektiver, sondern auch individueller Freiheit erfüllt. Doch beschränkt sich der Marxismus auf die Forderung der ökonomischen Gleichstellung der Menschen. Marx und Engels, denen Lenin hierin folgt, stellen zwar als letztes Endziel und schließlich Folgerung der sozialisierten Wirtschaft die Überwindung des Staates und die Vollendung des freiheitlichen Kommunismus hin, wonach jeder nach seinen Fähigkeiten schaffen, jeder nach einem Bedarf verbrauchen soll, doch gelangt bei ihnen die freiheitliche Zielsetzung nirgends über hypothetische Hindeutungen hinaus. Ihre Theorien erschöpfen sich in wirtschaftlichen Analysen der bestehenden und anzustrebenden Produktionsformen und gewähren der Darstellung der Freiheit als gesellschaftliche Grundeigenschaft so gut wie keinen Raum.
Die nichtsozialistischen Gesellschaftslehren, soweit sie dem Worte Freiheit höheren Wert als nur den einer Werbeformel beimessen, gehen von der bekannten Behauptung des Malthusischen Gesetzes aus, daß der Ertrag der Erde niemals gleichen Schritt halten könne mit der Vermehrung der Bevölkerung und daher der volle Genuß des Lebens von Natur wegen einer bevorzugten Schicht vorenthalten sei. Der Satz des Malthus ist so oft und so gründlich widerlegt worden, ist zumal durch die Kulturmethoden der intensiven Landbewirtschaftung auch praktisch so vollkommen entwertet, daß von ihm kaum mehr etwas anderes übrig geblieben ist als die Freiheitsformel des liberalistischen Kapitalismus vom freien Spiel der Kräfte. Selbstverständlich findet hier, wo nur die ungestörte Konkurrenz zwischen bevorrechtigten Besitzenden gemeint ist, der Begriff der gesellschaftlichen Freiheit keine Anwendung, noch auch da, wo sich die Freiheitsforderung mit nationalen, rassemäßigen, konfessionellen oder Standesegoismen identifiziert. Das Vorhandensein von Herrschergewalt irgendwelcher Art, sei es in Form wirtschaftlicher Vormacht, sei es in Form politischer Obrigkeit oder sonstwelchen Privilegien ist mit dem Gedanken der gesellschaftlichen Freiheit schlechterdings unvereinbar, und eine Freiheit, welche sowohl dem Individuum seine Unabhängigkeit als der Gesamtheit ihre Entfaltungsmöglichkeiten läßt, kann nicht bestehen, wo verhängte Dienstpflicht, Autorität, Regierung und Staat besteht. Will auch der Liberalismus dem Staat den Eingriff in die Selbstbestimmung der Wirtschaft verwehren und nennt die Fernhaltung der politischen Obrigkeit vom Konkurrenzkampf der Ökonomie mit dem Namen der Freiheit, so setzt diese Lehre doch zugleich die Unterwerfung der Arbeit unter den Besitz voraus, und will der Staatssozialismus im Gegenteil das Gesetz regierender Organe zum Regulativ der Wirtschaft und des Verhaltens der Menschen zu einander machen, so scheidet er eben das Individuum aus der Festsetzung der eigenen Lebensformen aus. Der Begriff der gesellschaftlichen Freiheit ist in keinem dieser Fälle anwendbar.
Der grundlegende Irrtum aller Lehren, die bei Erhaltung des Autoritätsprinzips die Freiheit glauben fördern zu können, beruht auf der Verwechslung der Begriffe Regierung und Verwaltung. Worauf es bei einer Neuorganisation der Gesellschaft im Geiste der Freiheit ankommt, hat Michael Bakunin in die klare Formel gefaßt: Nicht Menschen regieren, sondern Dinge verwalten! Die Aufgabe derer, die Freiheit zum gesellschaftlichen Prinzip erheben wollen, besteht demnach darin, das gemeinsame Wirtschaften der aufeinander angewiesenen Menschen von der Leistung einer Gehorsamkeitspflicht gegen empfangene Befehle zur Erfüllung eines Kameradschaftsdienstes auf Gegenseitigkeit zu machen. Nichts ist verkehrter als die Meinung, der Mensch arbeite nur unter der Peitsche der Kommandogewalt. Im Gegenteil: die Unlust an der Arbeit, die vielfach schon für eine schicksalsgegebene menschliche Eigenschaft gehalten wird, hat ihren einzigen Ursprung im Gefühl, unter dem Zwange regierender Befehlshaber auferlegte Arbeit zu tun. Wo das Bewußtsein lebendig ist, daß Mensch sein Kamerad sein bedeutet und daß Kameradschaft ebenso notwenig ist zur Befriedigung der Lebensnotdurft wie zum Genuß der Freude und zum Ertragen des Leides, da kann der Gedanke keine Stätte haben, der die Beschaffung von Nahrung, Bekleidung und Behausung glaubt von obrigkeitlicher Satzung und aufpassender Disziplinargewalt. Nicht einmal darauf kommt es an, daß die Obrigkeit auf demokratischem Wege eingesetzt ist, sondern darauf, daß es keine Obrigkeit gibt und alle gesellschaftliche Funktion Funktion der Kameradschaft ist. Demokratie ist nur das technische Verfahren, in dem die Regierten ihre Regierer selbst einsetzen. Das demokratische Verfahren aber setzt wie jedes andere Regierungssystem voraus, daß die notwendigen Dinge der Gesellschaft nur verrichtet würden, wenn die Menschen unter Zwang gehalten werden. Diese Voraussetzung trifft indessen nur zu, solange Arbeit geleistet werden muß, deren gesellschaftlichen Wert der Arbeitende nicht erkennt und deren Ertrag nicht ihm noch der Gesamtheit, sondern einem fremden Gewinn- oder Machtzweck zufällt.
Somit deckt sich der Begriff der gesellschaftlichen Freiheit nahezu vollständig mit dem der allgemeinen Kameradschaft unter den Menschen und es erhebt sich die Frage aller Fragen, ob und in welcher Weise diese Kameradschaft zum bestimmten Antrieb des gemeinnützigen Tuns aller gemacht werden kann. Dieser Frage ist Peter Kropotkin in seinem schönen Werk über die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt wissenschaftlich nachgegangen und kommt nicht nur zur Bejahung der Frage, sondern zu dem Ergebnis, daß die Solidarität eine naturgegebene Eigenschaft aller lebenskräftigen Geschöpfe ist. Alle kameradschaftlich lebenden Tiere gründen ihr Gemeinschaftsdasein ausschließlich auf die natürliche Veranlagung zur kameradschaftlichen Brüderlichkeit, die, wie Kropotkin eindringlich dartut und wie Darwin bestätigt, die den Kampf der Arten gegeneinander ergänzende Lebensform zur Erhaltung der Arten darstellt. Die Jagdgemeinschaften der Wölfe sind ebenso wie die Massenwanderungen des Damwildes zur Auffindung fruchtbarer Wohngebiete Beispiele in Freiheit organisierten gesellschaftlichen Lebens. Hier wirkt kein Staat, also keine zentrale Regierungsmaschinerie, sondern Anarchie, deren Wesen Gustav Landauer als Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit kennzeichnet. In dem philosophischen Ergänzungswerk zu seiner naturwissenschaftlichen Arbeit über die Gegenseitige Hilfe, in der "Ethik" setzt aber Kropotkin den Begriff vollständig gleich mit dem der Freiwilligkeit, wie er die Begriffe Gerechtigkeit und Gleichheit mit dem der Gleichberechtigung gleichsetzt. Durch diese klaren Deutungen der im allgemeinen Gebrauch reichlich verwaschenen Worte Freiheit und Gleichheit füllt sich ihr Wert mit jedem Mißverständnis entrücktem sozialen Inhalt. Zugleich jedoch leuchtet ein, daß Goethes immer wieder angezogene Äußerung, wo Gleichheit sei, könne keine Freiheit bestehen, vor der rechten Würdigung beider Begriffe nicht standhält. Im Gegenteil: Freiheit, als Freiwilligkeit jeder Leistung im Zusammenklang der Gesellschaft erfaßt, ist nur vorstellbar, wo Gleichheit im Sinne von Gleichberechtigung gilt. Gleichberechtigung aller in der menschlichen Gesellschaft aber bedingt Einheitlichkeit der wirtschaftlichen Voraussetzungen, unter denen die Menschen ins Leben treten und ihre Gaben und ihre Persönlichkeit zum eigenen Vorteil und zum Nutzen der Gesamtheit entfalten zu können. Diese Voraussetzungen scheinen nur im Sozialismus gegeben zu sein, wobei die Frage, ob der kollektivistische oder der kommunistische Sozialismus vorzuziehen sei, Zukunftssorge sein mag, die Erkenntnis hingegen, daß es staat- und herrschaftsloser Sozialismus sein muß, Bedingung gesellschaftlicher Freiheit ist. Goethe wollte mit seiner Behauptung die liberalistische Formel der französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" als leer tönende Redensart verdammen. Wenden wir diese Formel in der Bedeutung an: Freiwilliges Schaffen gleicberechtigter Individuen im Dienste gegenseitiger Hilfe, so erhalten wir das soziale Programm einer Menschengemeinschaft, in der die Freiheit das gesellschaftliche Prinzip ist.
Eine solche Auffassung widerspricht nicht, sondern bestätigt Goethes Lebensideal: Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit! Denn Persönlichkeit kann wertvolle Eigenschaften niemals losgelöst von der gesellschaftlichen Gesamtheit entfalten. Ja, Persönlichkeit und Gesellschaft können von jeder freiheitlichen Perspektive gesehen, nur als vollkommene Einheit begriffen werden. Die auf der Kameradschaft gleichberechtigter Menschen errichtete freie Gesellschaft ist ein Organismus, dem alle Elemente der Persönlichkeit innewohnen mit Einschluß selbst des individuellen Empfindungslebens, während jeder Mensch, der unter natürlichen, das heiß freiheitlichen Umständen lebt, sich nicht nur als Glied der gesellschaftlichen Kette, als Rädchen im Riesenapparat des gesellschaftlichen Geschehens fühlt, sondern durchaus als identisch mit der Gesamtheit, die für ihn genau so lebendige Wirklichkeit ist, wie sein eigenes körperliches und seelisches Sein. Mensch und Gesellschaft können unter freiheitlichen Lebensverhältnissen niemals in Gegensatz geraten, sie sind gleichwertige, einander ergänzende Ausdrucksformen desselben Zustands.
Daher ist auch, die Wirklichkeit einer freien Gesellschaft angenommen, die Freiheit des Einzelnen nicht begrenzt bei der Freiheit aller, wie das die reinen Individualisten postulieren; vielmehr kann tatsächliche gesellschaftliche Freiheit gar nicht zur Begrenzung der Freiheit des Einzelnen zwingen, da ja Freiheit der Persönlichkeit nicht bestände, wo sie im Widerspruch zur allgemeinen Freiheit wirken wollte. Die Willkür nämlich, die für sich selber Rechte in Anspruch nimmt, die in der gesellschaftlichen Einheit nicht begründet sind, hat mit Freiheit gar keine Berührung; sie ist Despotie, die Unfreiheit voraussetzt, ist somit selber abhängig von der Bereitschaft anderer, sich Obrigkeit und Befehlsgewalt gefallen zu lassen und würde Gegensätze zwischen Gesellschaft und Mensch aufreißen, die die Natur nicht geschaffen hat und die dem Prinzip der Freiheit kraß zuwiderlaufen.
Die Gesellschaft der Freiheit ist ein Organismus, das heißt ein einheitliches und darum harmonisch schaltendes Lebewesen; das unterscheidet sie vom Staat und jeder Zentralgewalt, wo ein Mechanismus die Funktionen des organischen Lebens zu ersetzen sucht und wo nicht die Dinge der Gemeinschaft gemeinsam verwaltet, sondern die Menschen von anderen Menschen zur Innehaltung von auferlegten Pflichten zwangsweise angehalten werden. Es genüge hier, die beiden Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens einander gegenüberzustellen. Das System der Regierung von oben nach unten, das System der Zentralisation der Kräfte, hat sich in aller Welt durchgesetzt und bis jetzt, kaum ernstlich bedrängt, erhalten. Das System der Föderation von unten nach oben, des Bündniswesens, der Kameradschaft und der Freiheit, dieses System der Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit muß den Beweis seiner Verwendbarkeit in der wirklichen Welt aus der grauen Vorzeit der Menschheitsgeschichte und aus den täglichen Beispielen der uns umgebenden Tierwelt führen. Wer den Glauben an die Zukunft der Freiheit hat, wird ihn sich durch die Einwendungen der handfest praktischen Gegenwart nicht rauben lassen.
Von den Mitteln, wie die Menschen zum Zustand der Freiheit gelangen könnten, soll hier schon gar nicht gesprochen werden, um so weniger als unter den verschiedenen Richtungen, die auf das gleiche Ziel, darin durchaus keine Einheitlichkeit der Meinung besteht und Bakunin zum Beispiel weitaus andere Wege einschlagen wollte als etwa Tolstoi. Wer der Freiheit ergeben ist und den Gedanken rücksichtslos in sich aufgenommen hat, daß der Mensch frei sein wird, wenn es die Gesellschaft ist, die Gesellschaft der Freiheit aber nur von innerlich freien Menschen geschaffen werden kann, der wird bei sich selber und in seinem nächsten Umkreis mit dem Befreiungswerk beginnen. Er wird niemandes Knecht sein und wissen, daß nur der kein Knecht ist, der auch niemandes Herr sein will. Der Mensch ist frei, der allen anderen Menschen die Freiheit läßt und die Gesellschaft wird frei sein, die kameradschaftlich Gleiche in Freiheit verbindet.
Vortrag, gehalten im Südwestdeutschen Rundfunk, Frankfurt a.M., 7.November 1929 aus: FANAL, Jahrgang 4, Nummer 12, September 1930
Ist es in Ordnung das jemand regiert?
Anarchische Gedanken über das Verhältnis von Staat und Individuum (von Roland Rottenfußer. Ein Beitrag des Webmagazins auf "Hinter den Schlagzeilen" und der Beginn einer kleinen Serie "Anarchie".) „Ich habe einen neuen Untertanen!“ König Alfons der Viertelvorzwölfte ist sichtlich gerührt. Der Regent des kleinen Inselstaates Lummerland herrschte nämlich bisher nur über genau drei Personen: Frau Waas, Herrn Ärmel und Lukas den Lokomotivführer. Nun sind es vier, ein Grund zur Freude. Niemand aber fragt das kleine schwarze Baby, das man später Jim Knopf nennen wird, ob es überhaupt Lust darauf hat, ein Untertan zu sein. Diese skurrile Geschichte, die der Fantasy-Autor Michael Ende erdacht hat, macht eines ganz deutlich: Wir werden von unserem ersten Atemzug an regiert, ob wir das wollen oder nicht. Aber ist dies nicht eigentlich selbstverständlich? Brauchen wir nicht Gesetze, Regeln, Anweisungen wie die Luft zum Atmen? Hierüber gehen die Ansichten auseinander. Dass Herrschende Gehorsam und Unterordnung gut finden, ist verständlich; dass aber auch die meisten Beherrschten es in Ordnung finden, dass jemand regiert, ist vielleicht der phänomenaler Erfolg einer jahrhundertealten Propaganda. Der Liedermacher Konstantin Wecker deutet den autoritären Charakter als Ergebnis von Sozialisation. Das Lied „Es ist schon in Ordnung“ schildert die fiktive Biografie eines kleinen Jungen. „Ob das die Eltern sind und ihr ‚Ordnung muss sein’, du möchtest wachsen, doch sie kriegen dich klein. Dann träumst du von Wiesen und von Dingen, die weich sind, währenddessen erzählen sie dir, dass die Menschen nicht gleich sind und dass das wichtig ist, dass man pariert: denn da ist immer wer, der bestimmt und regiert.“ Wirklich tragisch an diesem Lied ist aber die Schlusswendung. Als Ergebnis seiner Erziehung kommt es schließlich so weit, dass der Junge die Herrschaft von innen heraus bejaht. „Und es dauert nicht lange, dann ist es passiert: ‚Es ist schon in Ordnung, dass jemand regiert.“ Jeder Widerstand ist gebrochen. Der Junge wird einmal selbst eine Autorität sein und sein Kind im selben Geist erziehen. Konstantin Weckers Lied ist ein beeindruckendes Zeugnis der anarchistischen Geisteshaltung. Anarchie ist der blinde Fleck in der heutigen politischen Landschaft, eine unterdrückte, meist ausgeblendete Strömung der jüngeren Geschichte. Ökologiebewegung, Frauenbewegung, Antiglobalisierungsbewegung und Gewerkschaftsbewegung haben irgendwo einen Platz in unseren Köpfen (und in den Parlamenten). Anarchismus dagegen bleibt in der „Schmuddelecke“. Man kennt sie vom Hörensagen, zieht sie aber für sich selbst nicht ernsthaft in Betracht – wie etwa Rechtsradikalismus, Satanismus und Ufo-Glaube. Heutige „Freiheitskämpfe“ gibt es fast nur noch im Vorgriff oder unter Berufung auf alternative Formen der Unfreiheit. Rebellion gegen die Entscheidungen von Politikern, so sie überhaupt stattfindet, beruft sich z.B. meist auf das Grundgesetz. Ein Innenminister hat gegen den Verfassungsgrundsatz des Demonstrationsrechts verstoßen, ein Arbeitsminister gegen das Sozialstaatprinzip, usw. Wer sich als politischer Rebell aber nur auf vorhandene Gesetze beruft, stärkt sie damit indirekt den Legalismus – die Annahme, dass Gesetze unabhängig von ihrer Qualität befolgt werden müssen. Er sagt implizit, dass er notfalls jeden Unsinn mitmachen würde, solange er nur in einem Gesetz steht. Peter Kropotkin (1842-1921), einer der Vordenker des Anarchismus, setzte deshalb auf die Kraft freiwilliger Vereinbarungen, die während der frühen Perioden der Menschheitsgeschichte unser Geschick bestimmten. Diese besäßen naturgemäß eine gewisse Vernunft und soziale Ausgewogenheit. Gesetze dagegen seien ein verhältnismäßig junges Phänomen, bestimmt durch den Willen, die Masse zu beherrschen und sich deren Arbeitserträge anzueignen. Nicht Ungehorsam (wie der Fall von Adam und Eva suggeriert) ist der Sündenfall, sondern die Machtausübung. „Fast ein jeder verlangt leidenschaftlich danach, über wenigstens einen einzigen seiner Brüder zu herrschen. Darin liegt das Unheil“, sagt Jesus in Tschingis Aitmatows Roman „Der Richtplatz“. Gewiss sind gute Gesetze allemal besser als schlechte. Durch die Fixierung auf das geschriebene Recht, verlieren wir jedoch den Zugang zu unserem spontanen Freiheitsimpuls. „Laws are made for people, and a law can never scorn the right of a man to be free”, sang die irische Folkgruppe The Dubliners. Kein Gesetz darf das Recht eines Menschen verachten, frei zu sein. Dem modernen Demokratiebürger fehlt es offenbar an dieser Art von Stolz, der „Obrigkeit“ an Respekt vor dem fundamentalen Wert der Freiheit. So als hätte uns das 20. Jahrhundert nicht schmerzlich gelehrt, wie unverzichtbar Freiheit ist, um überhaupt ein Dasein fristen zu können, das den Namen Leben verdient. Etwas von dem Geist des Anarchie-Urgesteins Michail Bakunin könnte uns da nichts schaden: „Ich glaube nicht an Verfassungen noch an Gesetze. Die beste Verfassung kann mich nicht befriedigen. Wir brauchen etwas anderes: den Sturm und das Leben, eine neue Welt, in der das Fehlen von Gesetzen die Freiheit erschaffen wird.“ Wozu und mit welcher Begründung gibt es überhaupt die Macht des Menschen über den Menschen? Wie kommt es zur scheinbar selbstverständlichen Herrschaft der Wenigen über die Vielen? Solche Fragen werden heute überhaupt nicht mehr gestellt. Unterstützt wird diese autoritätsgläubige Mentalität durch eine Mehrheit der Bürger, die allem Anschein nach nicht frei sein will. Die ihren Staat Hilfe suchend um Schutz vor Bedrohungen anflehen, die gar nicht so bedrohlich erscheinen würden, hätte sie die Staatsmacht nicht aufgebauscht. „Wir in einer autoritären Gesellschaft aufgewachsenen Menschen haben nur eine Chance, unsere autoritäre Charakterstruktur aufzubrechen, wenn wir es lernen, uns in dieser Gesellschaft zu bewegen als Menschen, denen diese Gesellschaft gehört, denen sie nur verweigert wird durch die bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse“, schrieb Rudi Dutschke, Vordenker der 68er-Studentenbewegung. Auch für Herrschaft, Gesetz und Ordnung gibt es zahlreiche, teilweise nachvollziehbare Argumente. Eine Argument allerdings sticht definitiv nicht: die Annahme, es sei „schon immer so gewesen“. Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth bezeichnet beschreibt die archaische Gesellschaft nicht als „Herrschaft“ von Müttern, sondern als Abwesenheit von Herrschaft des Menschen über den Menschen. Die erzählt von einer Art Basisdemokratie aus Clan- und Dorfräten, vergleichbar dem modernen Rätesystem. „Es ist klar, dass sich in einer solchen Gesellschaft weder Hierarchien und Klassen noch ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern oder den Generationen bilden können. Auf der politischen Ebene definiere ich Matriarchate daher als egalitäre Konsensgesellschaften. Patriarchate sind demgegenüber grundsätzlich Herrschaftsgesellschaften, sogar noch in ihrer Spielart als formale Demokratien.“ Die derzeitige „repräsentative Demokratie“ besagt dagegen eher: „Ich nehme deine Stimme und mache dann mit ihr, was ich will“. Mit diesen Forschungsergebnissen, die durch Ausgrabungen u.a. im türkischen Catal Hüyük, gut belegt sind, wird ein faszinierende historische Perspektive eröffnet: Selbst wenn die Phase der Herrschaft noch so lange gedauert haben mag – was einen Anfang hatte, kann auch ein Ende haben. Ist Herrschaftslosigkeit ein weibliches Phänomen? Jedenfalls wurden alle wirklich fatalen Formen der Staatsautorität von Männern erdacht. Der Blick zurück in die Geschichte macht eines deutlich: Was dem Jungen in Konstantin Weckers Lied im Kleinen passiert ist, wiederholt sind in der Weltgeschichte im Großen: die traurige Geschichte eines nach Lust und Freiheit verlangenden Wesens, dem so lange erzählt wurde, dass es richtig sei, zu gehorchen, bis es daran sogar selber glaubte. Wer sich der Programmierung bewusst geworden ist, hat jedoch auch die Chance zur „Deprogrammierung“, der Auflösung der im Unterbewusstsein eingeprägten, fremdbestimmten Muster. Mit dem Zusammenhang von autoritärem Charakter, muskulärer Verspannung und Neurosen befasste sich als erster der verkannte Psychotherapeut Wilhelm Reich (1897-1957). Sein Werk ist für den Zusammenhang von Politik und ganzheitlicher Gesundheit grundlegend. Reich gründete die „Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“. Er studierte die Probleme von Menschen aus dem Arbeitermilieu und erforschte, welche Auswirkungen Libidostau und gesellschaftliche Rahmenbedingungen auf den Gesundheitszustand hatten. Aufgrund dieser Erfahrungen kritisierte er Freuds Schriften als „Kulturanpassungslehre“ und beklagte „die Angst der Psychoanalytiker vor den sozialen Konsequenzen der Psychoanalyse“. Er forderte umfassende Maßnahmen zur „Neurosenprophylaxe“, die auch gesellschaftliche Reformen im Sinne von Marx umfassten. „Freiheit definieren ist identisch mit Definition der sexuellen Gesundheit“, schrieb Reich. „Es gibt eine sexualphysiologische Verankerung der sozialen Unfreiheit im menschlichen Organismus.“ Letzte Konsequenz seines politischen Engagements war 1931 die Gründung eines „Reichsverbands für Proletarische Sexualpolitik“ als Unterorganisation der KPD. Später überwarf sich der Psychotherapeut allerdings mit den politisch und sexuell zunehmend repressiv agierenden Parteiführern. Wilhelm Reich hatte schon lange eine eigenwillige Interpretation des Marxismus favorisiert: „Die Diktatur des Proletariats ist die Autorität, die hergestellt werden muss zur Abschaffung der Autorität“, worin ihm die in den Stalinismus abgleitende Sowjetmacht natürlich nicht folgen wollte. Anarchisten haben der Theorie, eine „Diktatur des Proletariats“ sei ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zur Freiheit, stets und mit Recht misstraut. Dennoch nähert sich Wilhelm Reich der anarchistischen Argumentationsweise sehr stark an. Freiheit und Gesundheit sind eins. Mit dieser These wäre den Verteidigern der Freiheit eine starke Waffe in der geistigen Auseinandersetzung mit den Vertretern eines autoritären Gesellschaftsmodells in die Hand gegeben. Leider wurde Reich viel diffamiert, seine Erkenntnisse standen weder bei den Faschisten noch bei Kapitalismus hoch im Kurs. Schon gar nicht bei „proletarischen“ Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Die Spaltung von Anarchismus und Sozialismus in zwei getrennte Lager hat aber auch eine tragische Note, da es sich eigentlich um einen „Bruderkrieg“ handelt. Anarchismus und Sozialismus wurden lange Zeit als Einheit verstanden, weil die Befreiung von Ausbeutung mit der Befreiung von Herrschaft Hand in Hand gehen. Der Staat wurde im Sinne von Proudhons berühmtem Satz „Eigentum ist Diebstahl“ als Schutztruppe zur Sicherstellung der „Diebesbeute“ (des Eigentums) verstanden. Wenn man sich Stalins Gulag-System und Honneckers Stasi-Staat vor Augen führt, kann man sich überhaupt nicht mehr vorstellen, wie nah sich beide Richtungen in ihren Ursprüngen waren. Der Kern des Konflikts wurde bereits von deren „Urvätern“ Pierre Joseph Proudhon und Karl Marx ausgetragen. In der „Ersten Internationale“, gegründet 1864, waren die Ideen des frühen Anarchisten nämlich sehr populär. Als Marx Proudhon dann vehement für seine Sache vereinnahmen wollte, antwortete dieser mit einem legendär gewordenen Brief: „Machen wir uns nichts zu Führern einer neuen Intoleranz. Posieren wir nicht als Apostel einer neuen Religion, und sei es auch die Religion der Logik und der Vernunft. (…) Lassen Sie uns, wenn Sie wollen, gemeinsam die Gesetze der Gesellschaft suchen, die Wege, auf denen sie verwirklicht werden und den Prozess, nach dem es uns gelingt, sie zu entdecken. Hüten wir uns jedoch um Himmels Willen, den Leuten nach der Zertrümmerung aller vorgefassten Dogmen eine neue Doktrin einzuimpfen.“ Die weitere Geschichte des autoritären Kommunismus sollte Proudhon Recht geben. Überall in Geschichte finden wir den Verrat an der Freiheit durch „Revolutionäre“, die sich im Verlauf eines Prozesses als autoritär und faschistoid entpuppten. Robespierre und Lenin gehörten zu den Schlimmsten. Das „Ancien Régime“ wurde gekippt, doch im Taumel der Siegesfeiern fiel wohl nur wenigen besonders Sensiblen auf: „Freiheit ist die einzige die fehlt“ (Marius-Müller Westernhagen). Gerade deshalb ist es so enorm wichtig, bei allen „rebellischen“ Entwicklungen, die wir derzeit erleben, die Freiheit zu hüten wie einen Augapfel. Und auf die „Anwesenheit des Ziels in den Mittel“ zu achten – ein Grundprinzip des Anarchismus. „Fraternité“ kann nämlich nicht mit der Guillotine erzwungen werden. Die Idee, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in den der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes Wesen ist“ lässt sich nicht in Arbeitslagern in die Köpfe prügeln. Freiheit ist „immer die Freiheit des Andersdenkenden“, sagte Rosa Luxemburg. Sie bedeutet die „Ausdehnung des Feldes des Möglichen“, schrieb der Dichter Jean-Paul Sartre. Wann immer wir das Gefühl haben, dass unser Aktionsradius, das Terrain des Erlaubten schrumpft, anstatt zu expandieren, ist es nicht mehr Freiheit. Dann haben wir das Recht und die Pflicht zu rebellieren. Genau deshalb legt Horst Stowasser, ein bekannter moderner Anarchist, Wert auf die Unterscheidung: „Revolution ist nicht, wenn es knallt, sondern wenn es sich wendet.“ Selbst wenn noch so viele Barrikaden gebaut, Bastillen gestürmt und Könige ermordet werden, ist das kein wirksamer Schutz gegen den „Animal Farm-Effekt“. In George Orwells Fabel „Farm der Tiere“ rebellieren Nutztiere gegen die Menschen. Innerhalb kürzester Zeit benimmt sich das revolutionäre Führungskader, die Schweine, jedoch so despotisch und parasitär, dass kein Unterschied zur Menschenherrschaft mehr festzustellen ist. Eine Revolution, in der sich wirklich etwas „wendet“, würde dagegen sicherstellen, dass die Herrschaft nicht lediglich die Farbe wechselt, sondern dass Herrschaft als solche zurück gedrängt wird. Die Debatte um Anarchismus und Gewalt wird von Seiten der Befürworter von Autorität meist in sehr heuchlerischer Weise geführt. Wenn uns zum Thema „Anarchie“ als erstes ein Bombenleger mit wirrem Haar und fanatischem Blick einfällt, so ist das kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Propaganda über viele Generationen. Vielen dürfte z.B. bekannt sein, dass die österreichische Kaiserin „Sissi“ 1898 von einem Anarchisten ermordet wurde. Weniger bekannt ist, dass die so genannte „Pariser Kommune“ von 1871 auf Seiten der aufständischen Bürger, die von anarchistischen Ideen inspirieren wurden, 20.000 Todesopfer forderte. Ein wahres Blutbad, mit dem die vertriebene Staatsmacht den Bürgern ein für alle mal einbläuen wollte, dass es ein Territorium ohne staatliche Bevormundung nirgendwo geben dürfe. Der Aufstand der autonomen Räterepublik von Kronstadt gegen den Vormarsch der leninistischen Staatsdiktatur kostet 1921 ungezählten Menschen das Leben. Diese Leute wollten nichts anderes als mit der Freiheit, die ihnen die Bolschewiken versprochen hatten, Ernst zu machen. Man sieht, es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen Anarchie und Gewalt – nämlich insofern, als Anarchisten immer wieder auf brutalste Weise Opfer von Gewalt wurden. Anarchisten gehören traditionell zu den „Verlierern“ der Geschichte, vielleicht auch weil ihnen die Stilmittel der „Gewinner“ (straffe Organisation, unbedingter Gehorsam und mörderische Brutalität) fremd waren. Die Weltgeschichte, wie wir sie heute kennen, ist aber eine Geschichte der Sieger. Bei „Linken“ und „Rechten“ wechselten sich Sieg und Niederlage stets ab. Eine aber blieb immer auf der Gewinnerseite: Die Staatsautorität. Wenn man sieht, wie viel Leid, Verwirrung und Chaos Staatsautorität angerichtet hat, kann man Vorwürfe gegen anarchische „Chaoten“ nur als besonders groteske Form der Schattenprojektion deuten. Wie viele Menschen, die zuvor einigermaßen frei und in Frieden lebten, wurden wegen Machtrangeleien zweier Staatsführer zu den Waffen gerufen und in Elend und Tod getrieben? Wie viel Unordnung und Leid hat allein die ungerechte Verteilung der Güter angerichtet? Darüber empörte sich bereits der Vordenker des Anarchismus, Pierre-Joseph Proudhon. Seine paradoxe Schlussfolgerung: „Anarchie ist Ordnung.“ Selbst in Friedenszeiten aber ist Staat gleichbedeutend mit Gewalt (was durch Begriffe wie „Staatsgewalt“ und „Gewaltmonopol“ auch noch offenherzig zugegeben wird). Sicher können wir uns an viele der staatlich verordneten Regeln aus freien Stücken halten (etwa an das Verbot von Mord und Vergewaltigung). Dies ändert aber nichts daran, dass hinter jeder noch so unbedeutenden Vorschrift eine Gewaltdrohung steht. Geldstrafen wird durch die Drohung mit Gefängnisstrafen die nötige Dringlichkeit verliehen. Und hinter einer Einweisung ins Gefängnis steht letztlich die Drohung mit gewaltsamer Verschleppung, denn selbstverständlich kann niemand sagen: „Ich will aber nicht ins Gefängnis“. Staatsautorität beinhaltet die ins System integrierte, beständige unterschwellige Drohung, den Willen des Bürgers notfalls mit Gewalt zu brechen. Aber ist nicht auch die ungebremste Willkür des Einzelnen ein Alptraum? Man denke dabei nur an den Satz „Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz“, das dem berüchtigten Okkultisten Aleister Crowley zugeschrieben wird. Man muss dazu wissen, dass die meisten Vordenker des Anarchismus eine Form von Ordnung oder Struktur anstrebten, die vom Geist der Gemeinschaft und gegenseitiger Rücksichtnahme bestimmt war. Kollektiver oder „kommunistischer“ Anarchismus ist der Normalfall, Individualanarchismus eher die Ausnahme. Der Philosoph Max Stirner vertrat als einer der wenigen die absolute Selbstbestimmung des Individuums, ohne sich allzu viele Gedanken darüber zu machen, wie eine solche Gesellschaft aussehen könnte. „Was Du zu sein die Macht hast, dazu hast Du das Recht“, sagte er. Bei Stirner überwog der Affekt gegen den übergriffigen Staat: „Jeder Staat ist eine Despotie, sei nun Einer oder viele der Despot“. Damit brandmarkt er auch die Demokratie als ungenügend. Ist so eine Weltanschauung nicht unverantwortlich, narzisstisch, eine Einladung zu rücksichtslosem Verhalten? Sicher könnte man mutmaßen, dass eine solche Gesellschaft nicht „funktionieren“ würde. Aber ziehen wir einmal eine nüchterne Bilanz aus der globalen Epoche des Staatsautoritarismus: Will man ernsthaft behaupten, dass die Staatsidee „funktioniert“ hat? Phänomene, die man in so genannten „failed states“ (gescheiterten Staaten) vorfindet, z.B. Bandenbildung und hohe Kriminalität, kann man nicht dem Anarchismus anlasten. Ein „Individualist“, der als Raucher z.B. einen Nichtraucher voll qualmt, ist kein Anarchist, weil er ja Macht über sein Gegenüber ausübt. Eine revolutionäre Zelle, die den Arbeitgeberpräsidenten für Wochen in ein „Volksgefängnis“ sperrt und ihm am Ende erschießt, hat mit Anarchismus nichts zu tun, denn sie übt ja in drastischer Weise Zwang aus. Es bleibt uns also nichts anderes übrig als größtmögliche Freiheit zu organisieren und gleichzeitig Formen der Gegenwehr gegen Zumutung, Übergriff und Zwang zu finden – gegen die „alten Regime“ ebenso wie gegen neue Tyrannen aus den eigenen Reihen. Wenn die Befürworter von Autorität darauf hinweisen, dass repräsentative Demokratien des Westens leidlich gut „funktionieren“, so schmücken sie sich eigentlich mit fremden Federn. Die Machthaber vereinnahmen für sich, was eher trotz ihrer Machtausübung (oder im Widerstreit mit ihr) errungen wurde. Warum so viel „Furcht vor der Freiheit?“ Die Willkür des freien Individuums richtet normalerweise nur begrenzten Schaden an. Die Willkür eines Machthabers – potenziert durch ein System automatisierter Gehorsamsreflexe – kann dagegen ein ganzes Volk samt den Anrainerstaaten in den Abgrund reißen. Der „absolute“ (von jeder Rücksicht und Kontrolle losgelöste) Herrscher, der Monarch von „Gottes Gnaden“, der autokratische Diktator – es sind Alpträume, die jedenfalls nicht auf das Konto von Anarchisten gehen. Die Zumutung der Machtausübung ist durch Aufklärung, Revolutionen und Demokratiebewegung in den letzten Jahrhunderten lediglich erträglicher geworden. Und zwar deshalb, weil sie sich den Idealen der Anarchie wenigstens teilweise angenähert hat: durch Elemente von Selbstbestimmung (Wahlen), Pluralismus und relativ viel persönliche Freiheit. In westlichen Demokratien haben die meisten Bürger den Eindruck: „Das was ich will, ist fast immer erlaubt, und das was verboten ist, will ich in den meisten Fällen auch nicht.“ In einem solchen System lässt es sich lange bequem leben. Es bleibt dabei allerdings ein schaler Nachgeschmack, weil jede Freiheit eine von der Staatsmacht „gewährte“ Freiheit ist. Was der Mensch seinem Lebensbedürfnissen gemäß tun will, wird definiert als der Bezirk des „Erlaubten“. Dem steht die Tabuzone des „Verbotenen“ gegenüber. Im Deutschland des Jahres 2009 sind Mischehen legalisiert, Homosexualität ist erlaubt, Alkoholkonsum wird nicht eingeschränkt, Kritik an der Regierung darf sein. Danke, Papa Staat! Ob aber legalisiert oder kriminalisiert wird, ob der Bezirk des Erlaubten sich ausweitet oder schrumpft, das bleibt der Staatsmacht überlassen. Derzeit schrumpft er eher wieder. Die bange Frage, ob wir etwas tun „dürfen“, überschattet unsere Gedanken eher stärker als noch vor 10 Jahren. Wann immer ein oder mehrere Politiker sich entscheiden, eine „harte Linie“ zu fahren oder „strengere Strafen“ einzuführen, ist der Bürger faktisch machtlos und muss sich der jeweiligen Verbots- und Erlaubnislage reflexartig anpassen. Ein unspezifisches Instrument wie Wahlen im Vierjahresrhythmus genügt nicht, um Gegendruck aufzubauen. Es ist nicht mehr so, dass das Volk Politikern erlaubt, es in einem bestimmten Rahmen zu vertreten; vielmehr lebt die Obrigkeit den Freiheitsrahmen fest, in dem sich die Bürger bewegen dürfen. Dies ist Fakt, und wir haben uns daran gewöhnt, aber ist es deshalb richtig? Entspricht es den Ideen von Demokratie und "Eigenverantwortung" (ein Begriff der gerade von Neoliberalen gern hoch gehalten wird, während gleichzeitig Bürgerrechte abgebaut werden)? Wäre Anarchismus eine Alternative? Wer ein Anarchist sein möchte oder mit dem Anarchismus sympathisiert, muss sich selbstkritisch ein paar unbequeme Fragen stellen. Die wichtigste ist: Bin ich wirklich aufrichtig entschlossen, selbst auf die Ausübung von Herrschaft zu verzichten? Auch auf die Gefahr hin, dass an meiner Stelle ein weniger „brillanter“ Kopf das Ruder übernimmt? Verzichte ich darauf, Macht auszuüben über meine Frau, meinen Mann, meine Kinder, meinen Hund oder über „Untergebene“ im Berufsleben? Bin ich, wenn meine Kompetenz mir natürliche Autorität verleiht, bereit, kooperativ und führen – auch dann, wenn ein „Machtwort“ manchmal bequemer wäre? Jeder von uns, selbst der freiheitlichste Denker, ertappt sich gelegentlich dabei, in irgendeinem Punkt „schärfere Kontrollen“ oder „härtere Strafen“ zu fordern. Z.B. gegen die ungeliebten Finanzspekulanten, „Umweltsäue“ oder korrupte Manager. Darin liegt das Dilemma des Anarchismus: Man gewährt auch den Gegnern der Freiheit grenzenlose Freiheit, die diese dann zur Errichtung von mehr Herrschaft nutzen können. Andererseits möchte man Andersdenkende (also Autoritäre) nicht im Namen der Freiheit unterdrücken. Ein Anarchist muss zweitens die Frage beantworten, welche Werte er dem primitiven Prinzip „Der Ober sticht den Unter“ eigentlich entgegen zu setzen hat. Es gibt ja tatsächlich eine destruktive Spielart von Freiheit. Wir alle kennen sie in Form des entfesselten Neoliberalismus. Je mehr sich ökonomisches Handeln von staatlicher Regulierung und moralischen Schranken „befreit“, desto mehr nähert sich das System genau genommen eine Wirtschaftsanarchie an. Diese Freiheit ist allerdings immer nur die Freiheit weniger Mächtiger auf Kosten einer machtlosen Mehrheit. Wie immer wird mit zweierlei Maß gemessen: schrankenlose Freiheit gilt im einen Fall (bei Konzernen) als Gebot ökonomischer Vernunft, im anderen Fall (bei Einzelpersonen) als Verbrechen. Ob Freiheit „auf Kosten anderer“ geht, ist natürlich eine heikle Frage. Schon mein Nachbar, der sich über eine „Pace“-Fahne auf meinem Balkon aufregt, kann argumentieren, dass meine Freiheit sein ästhetisches Empfinden verletzt. Sicher werden aber die meisten zustimmen, dass Freiheit kein Privileg Weniger sein darf. Anders ausgedrückt: Freiheit und Gleichheit gehören zusammen. Die Frage, wo Freiheit möglicherweise doch enden muss, ist von Anarchisten oft mit dem Hinweis auf „natürliche Ethik“ beantwortet worden. Wenn wir plötzliche, schrankenlose Freiheit einführen würden, ohne auch an anderen gesellschaftlichen „Stellschrauben“ zu drehen, könnte ein anarchisches Experiment in der Tat Probleme aufwerfen. „Politik ohne innere Veränderung der an ihr Beteiligten ist Manipulation von Eliten“, sagte Rudi Dutschke. Wenn wir andererseits auf die Verwirklichung der Freiheit warten, bis der „Neue Mensch“ heraufgedämmert ist, können wir lange warten. Wir werden uns vorerst schon mit dem „Alten Menschen“ begnügen müssen. Erinnern wir uns aber an die These aus der Matriarchatsforschung, dass wir das, was uns heute utopisch erscheint, teilweise durch die Rückkehr zum Urzustand finden können. Damit ist nicht gemeint, dass wir technisch zur Steinzeit zurückkehren sollen, sondern dass Freiheit von Bevormundung, Basisdemokratie, Ausgleichsökonomie, ein Leben in Frieden ganz natürliche, der praktischen Vernunft entsprechende Bedürfnisse des Menschen sind. Sie kommen zum Vorschein, wenn es uns gelingt, die Macht von Fremdsuggestionen zu brechen. Der Prozess der gesellschaftlichen Befreiung könnte damit einhergehen, dass eine wachsende Zahl von Menschen zu ihrem eigentlichen Menschsein erwacht. Von den Institutionen ist dann lediglich zu fordern, dass sie dieses Erwachen nicht einschränken. „Wer ein ganzer Mensch ist, braucht keine Autorität zu sein“ (Max Stirner) „Menschsein“ aber ist nicht denkbar ohne Harmonie mit einer Art natürlicher Ordnung. Im Tao Te King, dem großen Weisheitsbuch der Chinesen, heißt es: „Als der Weg (Tao) verloren ging, tauchte die Tugend auf; als die Tugend verloren ging, tauchte die Güte auf; als die Güte verloren ging, tauchte die Gerechtigkeit auf; als die Gerechtigkeit verloren ging, tauchte die Moral auf.“ Laotse beschreibt hier vereinfacht einen historischen Verfallsprozess. Man kann hinzufügen: Dieser Verfallsprozess endete nicht bei der „Moral“ (Ethik). Als die Moral verloren ging, tauchten die Gesetze auf. Gesetze sind dazu da, Ethik oder Tugend in konkrete, allgemeingültige Regeln zu übersetzen. In der Praxis ist es jedoch so, dass geschriebene Regeln oft die Moral verfälschen, der Tugend Hohn sprechen und das Gegenteil von Güte sind. Heutige Obrigkeiten pochen auf die Einhaltung des Buchstabens eines Gesetzes und haben die Anbindung an die Ethik verloren (vom Tao zu schweigen). Wenn wir also eine Gesellschaft bauen wollen, die frei und gerecht ist, müssen wir den von Laotse beschriebenen Weg rückwärts gehen: Von der Gesetzestreue zu Ethik und Gewissen, von der Ethik zu einem selbstverständlichen, unverkrampften Fließen mit dem „Tao“ – einer Ordnung, die zugleich natürlich, vernünftig und gütig ist. Religiöse Menschen würden vielleicht von einer „göttlichen Ordnung“ sprechen. Doch eine religiöse Deutung sollte niemandem aufgedrängt werden, so wie es über „Natürlichkeit“ immer geteilte Ansichten geben wird. Es wird niemals „die Anarchie“ geben, sondern immer „Anarchien“, sonst wäre es ja nicht Anarchismus, sondern Uniformität im Namen der Freiheit. Die Freiheit aber ist für gesund empfindende Menschen so selbstverständlich wie Atmen und Essen. Nur den „Nutzen“ von Bevormundung und Ausbeutung mussten uns Machthaber mühsam erklären und gewaltsam einbläuen. Wie lange wollen wir ihnen Glauben schenken? (Erstveröffentlichung einer kürzeren Version dieses Artikels im Titelthema "Konstruktive Anarchie" des Schweizer Magazins "Zeitpunkt", www.zeitpunkt.ch) Quelle - www.hinter-den-schlagzeilen.info
Drei Gründe, warum wir um die konstruktive Anarchie nicht herumkommen. (Von Geni Hackmann. Ein Beitrag des Webmagazins auf "Hinter den Schlagzeilen". Anarchie-Serie, Teil 3) 1. Die Staatsgewalt wankt Das Tempo, mit der Regierungen zur Zeit ihre Meinungen und Massnahmen ändern, kann nur Eines bedeuten: Sie sind (schon bald) am Ende ihres Lateins. Ihre Entscheidungen klingen nur noch in den Ohren derjenigen gut, die sie nicht verstehen oder die sich verzweifelt an jeden Strohhalm klammern. Für die Erosion der staatlichen Macht gibt es aber auch undiskutable Gründe: Staaten ohne Geld sind nicht mehr handlungsfähig und verlieren damit ihr wichtigstes Herrschaftsinstrument. Die Anarchie kommt also, ohne dass ein Anarchist den Finger zu rühren braucht. Besser, wir lernen jetzt schon, mit ihr umzugehen, sonst bricht Chaos aus, was – nebenbei gesagt – nicht mit Anarchie zu verwechseln ist. Chaos braucht den Zustand der Herrschaftslosigkeit (oder der pervertierten Herrschaft), um sich auszubreiten. Anarchie dagegen verhindertdas Chaos – vorausgesetzt, wir haben gelernt, ohne Herrschaft zu leben. Je mehr also die Staatsgewalt schwindet, desto mehr sind wir herausgefordert, uns in herrschaftslosen Zuständen zu orientieren und eine neue Ordnung zu finden. Ich gebe zu, dass mich diese Aussicht keineswegs begeistert. Aber je mehr man über den Zustand der Welt nachdenkt, desto klarer wird die Richtung, in die wir steuern und desto unmissverständlicher wird die Aufforderung, Anarchie zu lernen, nicht als zerstörerischen, sondern als konstruktiver Akt. 2. Die systemische Gewalt nimmt zu Parallel zum Schwinden der Staatsgewalt, die wir noch weitgehend unter demokratischer Kontrolle wähnen, ist die systemische Gewalt gewachsen, die sich vollends unserer Kontrolle entzieht: Das beginnt ganz simpel mit der Technik, die uns mit einer Unzahl von Automatismen steuert, die wir bestenfalls noch über Piepstöne wahrnehmen. Das geht über zu den Sachzwängen von Technologien, die unsere Optionen für die Zukunft gewaltig einschränken, wie etwa die Atom- oder Gentechnologie. Und es endet mit der Macht des Geldes, der wohl grössten systemischen Gewalt, die der Erde und ihren Bewohnern bis in ihre vorletzten Winkel den Stempel aufdrückt. Es ist ja nett, wenn sich die Mächtigen dieser Welt an Konferenzen treffen und die Kontrolle des Finanzmarktes fordern. Die schönen Worte können die Wahrheit des Gegenteils nicht vertuschen, nämlich dass der Finanzmarkt sie (und uns) unter Kontrolle hat und mit unwiderstehlicher Gewalt zu einer Entwicklung zwingt, die niemand will, mit Massenarbeitslosigkeit, Staatsbankrotten und Elend. Die Herrschaft dieser systemischen Gewalt, liebe Leserinnen und Leser, muss gebrochen werden. Entweder wir werden Anarchisten oder wir hören auf, als Menschen zu existieren. 3. Die Freiheit steht auf dem Spiel Die staatliche Regulierung hat - nicht zuletzt aufgrund der systemischen Herrschaft – eine Dichte erreicht, in der es nur noch möglich ist, gesetzeskonform zu leben, wenn die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse nach Freiheit und Selbstverantwortung systematisch unterdrückt werden. Vom Diener seiner Bürgerinnen und Bürger hat sich der Staat zum Regenten gewandelt, der nur noch überleben kann, wenn sich sein Souverän – freiwillig aber unwissend – zu seinem Sklaven macht. Diese wachsende Widernatürlichkeit führt dazu, dass viele staatliche Vorschriften nur noch denen nützen, die gegen sie verstossen. Paradebeispiel ist die Steuergesetzgebung, die von den Reichen und Superreichen über Trusts und verschachtelte Firmenkonstruktionen mühelos umgangen werden kann. Diese Perversion der Gesetze führt zu einer Schwächung des Willens, sie zu befolgen. Wenn die Mehrheit der Bürger die von ihnen beschlossenen Gesetze nicht mehr befolgen will, kann unser Rechtsstaat nicht mehr funktionieren. Diese Prognosen sind düster, aber nur so lange wir sie ablehnen. Sobald wir das in unserer gesellschaftlichen Lebensweise angelegte Chaos erkennen und beginnen, unsere eigenen, herrschaftsfreien Ordnungen zu schaffen, öffnen sich Räume, in denen der grosse Menschheitstraum der Freiheit wahr werden kann. Ich finde, diese Chance sollten wir nutzen. (Erstveröffentlichung dieses Artikels im Titelthema "Konstruktive Anarchie" der Schweizer Zeitschrift "Zeitpunkt", www.zeitpunkt.ch) (Quelle: www.hinter-den-schlagzeilen.info)
 Erich Mühsam: APPELL AN DEN GEIST Wir Menschen sind geschaffen, in Gesellschaft miteinander zu leben; wir sind aufeinander angewiesen, leben voneinander, beackern miteinander die Erde und verbrauchen miteinander ihren Ertrag. Man mag diese Einrichtung der Natur als Vorzug oder als Benachteiligung gegenüber fast allen anderen Tieren bewerten: die Abhängigkeit des Menschen von den Menschen besteht, und sie zwingt unsern Instinkt in soziale Empfindungen. Sozial empfinden heißt somit, sich der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Menschen bewußt sein; sozial handeln heißt im Geiste der Gemeinschaft wirken. Dies ist der Konflikt, in den die Natur uns Menschen gestellt hat: daß die Erde von unseren Händen Arbeit fordert, um uns ihre Früchte herzugeben, und daß unser Wesen bestimmt ist von Faulheit, Genußsucht und Machthunger. Wir wollen Nahrung, Behausung und Kleidung haben, ohne uns dafür anstrengen zu müssen; wir wollen, fern von der Pein quälender Notwendigkeiten, beschaulich genießen; wir wollen Macht ausüben über unsere Mitmenschen, um sie zu zwingen, uns unsre heitere Notentrücktheit zu sichern. Den Ausweg zu finden aus dieser Diskrepanz: das ist das soziale Problem aller Zeiten. Nie hat sich eine Zeit kläglicher mit dem Problem abgefunden als unsere. Der kapitalistische Staat, das traurigste Surrogat einer sozialen Gesellschaft, hat im Namen einer geringen, durch keinerlei geistige oder menschliche Eigenschaften ausgezeichneten Minderheit die Macht über die gewaltige Mehrzahl der Mitmenschen okkupiert, indem er sie von der freien Benutzung der Arbeitsmittel ausschließt. Sein einziges Machtmittel ist Zwang; gezwungene Menschen beschützen in gedankenloser Knechtschaffenheit Faulheit und Genuß der privilegierten Machthaber. Wild, sinnlos, roh, von keinem Brudergefühl gebändigt toben die Menschen gegeneinander. Was sie als Macht erstreben, ist nüchterner Besitz an materiellen Gütern. Der Kampf aller gegen alle ist kein Ringen um den Preis der Schönheit, der inneren Freiheit, der Kultur, – sondern eine groteske Balgerei um die größte Kartoffel. Auf der einen Seite Hunger, Elend, Verkommenheit; auf der anderen Seite geschmackloser Luxus, plumpe Kraftprotzerei, schamlose Ausbeutung. Und all das chaotische Getümmel verstrickt in einem stählernen Netz von Gesetzen, Verordnungen, Drohungen, die die bevorzugte Minderheit schuf, um ihrer Gewaltherrschaft das Ansehen des Rechts zu geben. Eine verlogene Ethik hat das Wissen um Wahrhaftigkeit und Rechtlichkeit vergiftet. Rabulistische Advokatenlogik hat den guten, reinen und wahren Begriff der Freiheit zum Popanz autoritärer Marktschreier verdreht. Die Verständigung der Menschen beschieht im Kauderwelsch der Politik; der Wille der Menschen beugt sich unter abstrakte Paragraphen, das Rückgrat der Menschen paßt sich verkrümmten Uniformen an. Geknebelt ist der Gedanke, das Wort und die Tat, – geknebelt selbst die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Die Seele des Menschen ist dem Staate beamtet, und der Geist der Menschen schläft im Schutze der Obrigkeit. Kein Knirschen der Wut stört die Hast der Geschäfte. Der Lärm geht um den Profit; kein Stöhnen der Verzweiflung übertönt ihn. Wer aber warnend seine Stimme hebt, wer Menschen sucht, um mit ihnen zu bauen, aufzurichten das Werk der Freiheit, der Freude und des Friedens, dem gellt das Lachen ins Ohr derer, die sich nicht stören lassen wollen, derer, die Tritte empfangen und um sich treten, das Hohnlachen der Philister. Welche Ansicht der Mensch von den Dingen der Menschen haben darf, ist vom Staate abgestempelt. Einzelne Einrichtungen des Staates, besondere Maßnahmen darf er kritisieren, benörgeln, beschimpfen. Aber wehe dem, der der Fäulnis der Gesellschaft in die Tiefe leuchtet. Er ist verfemt, geächtet ausgestoßen. An Mitteln fehlt es den Philistern nicht, ihn unschädlich zu machen: sie haben ihre "öffentliche Meinung", sie haben die Presse. Wohl eifern auch die Organe der verschiedenen Parteien gegeneinander; wohl tuten auf der Jagd nach dem Profit in den Gefilden der öffentlichen Meinung die Hörner am lautesten und am schrillsten. Aber darin sind sie einig: der freie Gedanke, das freie Wort, die freie Sehnsucht darf keine Stätte haben in ihrem Revier. Ein breiter Graben zieht sich durch ihrer aller Lager; und in dem fließt der Strom, mit dem wir schwimmen müssen. Hoch über den Ebenen, in denen die Philister einander in die Seiten puffen, ragt die Burg, darin der Geist wohnt. Der Literat und der Künstler wenden den Blick degoutiert ab vom Gewimmel der Menge. Was schert es sie, wie Hinz den Kunz übers Ohr haut ! Dem Bettler, der am Weg die Drehorgel leiert, gibt man mildtätig einen Groschen und geht seines Weges. Zu ihnen hinauf, in die Domänen der Kultur darf der Dunst des Alltags nicht steigen. Die Nase zu vor den Ausdünstungen des Volks! Den Blick empor zu den reinen Höhen der Geistigkeit. Lächelnd spottet man bei den ästhetischen Gelagen über den Snob, der auf die Tribüne steigt und die Massen aufruft zum Kampf gegen Gewalt und Ausbeutung, für Recht und Freiheit. Ein Sensationshascher und Reklameheld – im besten Falle ein verrannter Narr, dem es schon recht geschieht, wenn man ihn ignoriert und boykottiert. Was geht ihn die soziale Not des Volkes an?! ... Der Künstler, der sich allem, was die Umwelt angeht, so hoch überlegen dünkt, ist ein Philister. Seine bequeme Zufriedenheit hat nichts Erhabenes, sondern nur etwas Verächtliches. Er verschließt die Augen vor dem Elend, in dem er selbst bis an die Knöchel watet, und macht sich damit für die Behörden zum Erwünschtesten aller Staatsbürger. Aber gerade der Künstler hätte tausendmal Grund, wütend aufzubegehren gegen die Schändlichkeiten unseres Gesellschaftsbetriebes. Sein Werk steht – und das muß so sein – jenseits der Marktbewertung. Unter den Zuständen, die uns umgeben, ist es daher überflüssig, wertlos, unnütz und mithin lächerlich oder gefährlich. Der Kunstler selbst gilt –sofern er nicht als Kapitalist andere Menschen für sich arbeiten läßt – als Schmarotzer, als Schädling, als Verkehrsstörung. Soll ihn seine Kunst ernähren, so muß er sie dem verrotteten Geschmack des Banausentums unterordnen, und er verkommt menschlich und künstlerisch. – Hat er aber die Mittel zum Leben, produziert er, wozu es ihn treibt, so bleibt sein Werk den Mitmenschen fremd, und die höchste Freude des Schaffenden, mit seiner Arbeit Menschenseelen zu erfrischen und zu erhellen, bleibt ihm versagt. Aber er ist ja Esoteriker. Ihm genügt ja die Anerkennung der wenigen, derer, die "reif" sind für seine Kunst, die gleich ihm dem Spektakel des Lebens fernestehen. Ach, Schwätzerei! –Das ist eine matte, blutleere, dürftige Kunst, die nicht getränkt ist vom warmen roten Zustrom der lebendigen Wirklichkeit. Nur das sind noch immer die Zeiten der Kultur gewesen, in denen Geist und Volk eins waren, in denen aus den Werken der Kunst und des Schrifttums die Seele des Volkes leuchtete. Ihr törichte Einsame, die ihr wähnt, oben in euern Ateliers andre, freiere Luft zu atmen als die Masse auf den Plätzen der Städte! Auch ihr eßt auf euerm Kothurn das Brot, das Menschenhände gesäet, Menschenhände gebacken, Menschenhände euch gereicht haben. Tut nicht, als wäret ihr Besondere! Seid Menschen! Habt Herz! Und besinnt euch auf die Unwürdigkeit eurer Existenz! – Ihr, die ihr Werke schafft, aus denen der Geist unsrer Zeit in die Zukunft flammen soll, sorgt, daß eure Werke nicht lügen! – Helft Zustände schaffen, die wert sind, in herrlichen Taten der Kunst und der Dichtung gepriesen zu werden! Täuscht der Nachwelt nicht Bilder vor, die das jämmerliche Grau unsrer Tage in Gold malen! Seid keine Philister, da Ihr allen Anlaß habt, Rebellen zu sein! Paria ist der Künstler, wie der letzte der Lumpen! Wehe dem Künstler, der kein Verzweifelter ist! Wir, die wir geistige Menschen sind, wollen zusammenstehen – in einer Reihe mit Vagabunden und Bettlern, mit Ausgestoßenen und Verbrechern wollen wir kämpfen gegen die Herrschaft der Unkultur! Jeder, der Opfer ist, gehört zu uns! Ob unser Leib Mangel leidet oder unsre Seele, wir müssen zum Kampfe blasen! – Gerechtigkeit und Kultur – das sind die Elemente der Freiheit! – Die Philister der Börse und der Ateliers, zitternd werden sie der Freiheit das Feld räumen, wenn einmal der Geist sich dem Herzen verbündet! Erich Mühsam (1878-1934, ermordet im KZ Oranienburg). - Appell an den Geist - Lumpenlied - Im Kerker - Voller Sterne - Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck - Erich Mühsam - Leben und Werk Durch und durch anarchistisch. - Gegen jede Macht!
Durch und durch anarchistisch. - Gegen jede Macht!    AUF MEINEN KOPF HAT DIE REGIERUNG EINEN PREIS VON 10 000 MARK AUSGESETZT, AN DEN LITFAßSÄULEN KLEBT EIN PLAKAT:  nach $ 81 Ziff. 2 des R StGB ist Haftbefehl erlassen gegen den hier abgebildeten Studenten der Rechte und der Philosophie Ernst Toller. Er ist geboren am 1.Dezember 1893 in Samotschin in Posen; Reg. Bez. Bromberg, Kreis Kolmar, Amtsgericht Margonin, als Sohn der Kaufmannseheleute Max und Ida Toller geb. Kohn. Toller ist von schmächtiger Statur, er ist etwa 1,65-1,68m. groß, hat mageres, blasses Gesicht, trägt keinen Bart, hat große braune Augen, scharfen Blick, schließt beim Nachdenken die Augen, hat dunkle, beinahe schwarze wellige Haare, spricht schriftdeutsch. Für seine Ergreifung und für Mitteilungen, die zu seiner Ergreifung führen, ist eine Belohnung von zehntausend Mark ausgesetzt. Sachdienliche Mitteilungen können an die Staatsanwaltschaft, die Polizeidirektion München oder an die Stadtskommandantur München - Fahndungsabteilung gerichtet werden. Um eifrigste Fahndung Drahtnachricht bei Festnahme und weitmöglichste Verbreitung dieses Ausschreibens wird ersucht. Bei Aufgreifung im Auslande wird Auslieferungsantrag gestellt. München, den 13.Mai 1919. Der Staatsanwalt bei dem standsrechtlichen Gericht für München. Zum Tod von Horst Stowasser, bekanntester Vertreter des Anarchismus in Deutschland, Autor des Klassikers «Anarchie!» und noch vor kurzem Autor im «Zeitpunkt». [mehr] 30. Aug. 2009 ... Horst Stowasser, Jahrgang 1951, lebt und arbeitet in einem libertären Projekt in Südwestdeutschland. Abitur in Argentinien und Deutschland, ... de.indymedia.org/2009/08/259412.shtml - Horst Stowasser Der sicher bekannteste "moderne" deutsche Anarchist Stowasser hing keiner Strömung gängiger Theorien an, er entwickelte vielmehr das ... www.hintergrund.de/.../horst-stowasser-ist-gestorben.html - Horst Stowasser ist am 29. August 2009 im Alter von 58 Jahren in Neustadt an der Weinstraße gestorben. Aber seine Ideen leben in seinen vielen Publikationen ... linksunten.indymedia.org/de/node/10235 - Und nach der guten noch eine betrübliche Meldung – Horst Stowasser, Autor des großartigen Buches „Anarchie!“, das ich neulich rezensiert habe, ... konsumpf.de/?p=5605 - vor 6 Stunden gefunden -
Warum ist unsere Fahne schwarz?
Schwarz ist ein Hauch von Verneinung. Die schwarze Fahne ist die Negation aller Fahnen. Sie ist die Negation der Nationalitäten, die die Menschen dazu treiben, einander zu zerfleischen und die Einheit der Menschen zu leugnen. Schwarz ist ein Gefühl von Zorn und Wut angesichts aller im Namen der Treue zu irgendeinem Staat gegen die Menschlichkeit begangenen abscheuchlichen Verbrechen. Sie ist Zorn und Wut angesichts der Verhöhnung der menschlichen Intelligenz, die durch die Forderungen, Heucheleien und lächerlichen Schikanen der Regierungen verspottet wird. Schwarz ist auch eine Farbe des Leids und der Traurigkeit; die schwarze Fahne, die die Nation leugnet, beweint auch deren Opfer, die zahllosen, durch äußere und innere Kriege zum Ruhm und für den Fortbestand eines blutigen Staates vernichteten Millionen Menschen. Sie beweint jene, denen die Arbeit weggenommen wird und die als Kostenfaktor bewertet werden, damit die Ermordung und Unterdrückung anderer Menschen bezahlt werden kann. Sie beweint nicht nur den physischen Tod, sondern auch die Verkümmerung des dem hierarchischen und autoritären System unterworfenen Geistes; sie beweint die Millionen von Neurosen, die ausgeschaltet werden, ohne je wieder die Möglichkeit zu haben, der Welt ihr Licht zu schenken. Schwarz ist eine Farbe der Entschlossenheit, der Entschiedenheit, der Stärke, eine Farbe, bei der alle anderen Farben ins Licht gerückt werden. Schwarz ist das Geheimnis, welches das Keimen, die Fruchbarkeit, den ertragreichen Boden des entstehenden Lebens umgibt, das sich stets im Dunkel entwickelt, erneuert, verjüngt und fortpflanzt. Das in der Erde verborgene Samenkorn, die wundersame Reise der Samenflüssigkeit, das verborgene Wachsen des Embryos, in der Gebärmutter werden alle von Schwärze unhüllt und beschützt. Howard Ehrlich - Reinventing Anarchy (197
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